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Neuorientierungen: Wissenschaft als Ideologie

  • Werner Durth
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Zusammenfassung

In ihrer plakativ popularisierten Form hat die ökonomische Definition der Stadt als Markt weitreichende Folgen für das Verständnis sowohl der sozialen als auch der räumlichen Organisation der Stadt. Unter Rückgriff auf verschiedene Konzepte von‚Klassikern‘ der Soziologie 1 wird das Bild einer marktorientierten Öffentlichkeit entworfen, die den bestimmenden Pol des attraktiven‚urbanen‘ Lebensstils bilden soll, dessen anderer die private Sphäre von Wohnung oder Eigenheim ist. Entsprechend den Strategien kommunaler Imagepflege wird schon im Vorfeld theoretischer Konzepte der Blick auf den gesellschaftlichen Lebenszusammenhang und seine überlokale Organisation verstellt, indem bereits in‚wissenschaftlich‘ vorgegebenen Mustern zur Deutung von Stadt und Gesellschaft „die Arbeitswelt weitgehend verdrängt“ 2 werden kann und weite Lebensbereiche zu weißen Flecken auf der Landkarte, zu „neutralen Gebieten” erklärt werden, die ein Schattenreich irgendwo außerhalb der offenen Gesellschaft bilden: „Die kleinen und großen Betriebe, die Bürokratie, die Privatwirtschaft, aber auch die städtische Verwaltung sind, soziologisch gesehen, weder privat noch öffentlich. Sie bilden ein neutrales Gebiet, das mit der Zeit immer größer wird. Dabei werden der offenen Gesellschaft tagsüber so viele Menschen entzogen, daß die Wohnviertel während der Arbeitszeit beinahe ausgestorben wirken.“ 3

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Literatur

  1. 1.
    Die dabei zugrunde liegende Definition findet sich bei M. Weber, ist aber aus dessen historisch-systematischer Untersuchung in der neueren Literatur völlig herausgelöst. Vgl. M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft (Vollständiger Nachdruck der Erstausgabe von 1922), Frankfurt/Main 1972, S. 513 f.; unter sozialpsychologischem Aspekt vgl. auch G. Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, a.a.O.; ders., Soziologie, Berlin 1968; L. Wirth, Urbanism as a Way of Life, in: P. Hatt u. a. (Hg.), Cities and Society, Glancoe 1964, S. 46 f.Google Scholar
  2. 2.
    K. Ganser, a.a.O., S. 106.Google Scholar
  3. 3.
    P. Hammel, a.a.O., S. 42.Google Scholar
  4. 4.
    H. P. Bahrdt, Humaner Städtebau, a.a.O., S. 112.Google Scholar
  5. 5.
    G. C. Homans, Soziales Verhalten als Austausch, in: H. Hartmann, Moderne amerikanische Soziologie, Stuttgart 1967, S. 173.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. H. Berndt, Ist der Funktionalismus eine funktionale Architektur?, a.a.O., S.19f.Google Scholar
  7. 7.
    P. Hammel, a.a.O., S. 24.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. dazu auf der Ebene soziologischer Theoriebildung: A. M. Gouldner, Die westliche Soziologie in der Krise, Reinbek 1974, bes. Bd. 2, S. 446 f.Google Scholar
  9. 9.
    H. P. Bahrdt, Umwelterfahrung, a.a.O., S. 33.Google Scholar
  10. 10.
    A.a.O., S. 20, S. 43. Die Grundmuster solcher Argumentation sind bei den,Klassikern` schon deutlich vorgezeichnet — worauf anschließend noch genauer eingegangen wird. So bezieht sich schon G. H. Mead auf einen theoretischen Ausgangspunkt, von dem aus bereits die gesamte Wahrnehmungswelt eines Menschen durch seine Handlungen determiniert erscheint und unter der jeweiligen Wahrnehmungsund Handlungsperspektive seine je spezifische Umwelt bildet: „Eine Umwelt entsteht also für einen Organismus durch die Selektionsleistung einer Aufmerksamkeitszuwendung, die durch die Triebimpulse des Organismus bestimmt ist. Diese besondere Umwelt existiert nicht in dem Bewußtsein des Lebewesens als ein separates Milieu, sondern das Bewußtsein des Organismus besteht darin, daß ein zukünftiges Verhalten seine Objekte umreißt und definiert.“ G. H. Mead, Philosophie der Sozialität, Frankfurt/Main 1969, S. 75.Google Scholar
  11. 11.
    H. P. Bahrdt, Die moderne Großstadt, a.a.O., S. 129.Google Scholar
  12. entwickelnden städtischen Strukturen als chaotischer Ausdruck einer pluralistischen Gesellschaftsverfassung registriert; die Aufmerksamkeit wird auf das Organisations-und Orientierungsvermögen der Individuen gelenkt, um mittels visueller,Angebotsplanung`,typische Handlungs-und Erlebnisweisen beeinflussen zu können.Google Scholar
  13. 12.
    Le Corbusier, CIAM-Lehrsätze, a.a.O., S. 134.Google Scholar
  14. 13.
    H. P. Bahrdt, Umwelterfahrung, a.a.O., S. 45.Google Scholar
  15. 14.
    A.a.O., S. 20.Google Scholar
  16. 15.
    A.a.O., S. 17.Google Scholar
  17. 16.
    J. von Uexküll, Theoretische Biologie, Fraakfurt/Main 1973, S. 121 f.Google Scholar
  18. 17.
    Ausgehend von einer anthropologisch begründeten Theorie der Wahrnehmung wird dabei der Begriff der Typisierung zu einem Angelpunkt soziologischer Theoriebildung, da ihm auf verschiedenen analytischen Ebenen unterschiedliche Bedeutungen zukommen: Die alltäglichen Prozesse handlungsrelevanter Selektion und Abstraktion von Umweltreizen führen zur Ausbildung und Verfestigung entlastender Wahrnehmungsmuster,die rasche Typisierung von Umweltkonstellationen, spontane,Reduktion von Komplexität’, erlauben. Im Zusammenhang sozialer Interaktionen werden aber nicht nur physische Gegenstände und beobachtbares Verhalten anderer typisiert, sondern auch die hinter diesen Erscheinungen liegenden, ihren Urhebern unterstellten Intentionen. Verbindlichkeit für das Verhalten des Wahrnehmenden selbst haben diese Typisierungsschemata schließlich dadurch, daß sie rollenkonforme Verhaltensstilisierungen erlauben, die über gemeinsame Muster — Rolle wird hier als Perzeptionsschema verstanden — wieder von anderen adäquat wahrgenommen und auf ihre Intentionen hin gedeutet werden können. Vgl. dazu: H. Joas, Die gegenwärtige Lage der soziologischen Rollentheorie, Frankfurt/Main 1973, S. 52 f.Google Scholar
  19. 18.
    Dabei gibt die phänomenologische Analyse der Wirklichkeit als je,natürlich` vorgefundener Alltagswelt den Hintergrund ab, auf dem die Struktur der Typisierungen und Routinen des Alltagsdenkens und -handeins untersucht werden, die als,integrierende Elemente` der historisch konkreten,Lebenswelt` betrachtet werden. Die Phänomene der Alltagswelt werden nach Maßgabe der normalen,,natürlichen Einstellung’ als,Wirklichkeitsordnung`, als nach festen Mustern vor-arrangierte,Routinewelt` erfahren. Vgl. dazu P. Berger, T. Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt/Main 1970.Google Scholar
  20. 19.
    H. P. Bahrdt, a.a.O., S. 38.Google Scholar
  21. 20.
  22. 21.
    Vgl. T. Parsons, The Structure of Social Action, Vol. I und II, New York 1968; vgl. auch ders., The Social System, Glencoe 1951, worauf sich C. Norberg-Schulz bezieht.Google Scholar
  23. 22.
    C. Norberg-Schulz, Logik der Baukunst, Berlin 1965, S. 37.Google Scholar
  24. 23.
    A.a.O., S. 48.Google Scholar
  25. 24.
    J. von Uexküll, a.a.O., S. 108.Google Scholar
  26. 25.
    Vgl. H. M. Proshansky u. a. (Hg.), Environmental Psychology. Man and his Physical Setting, New York 1970, S. 172: „Eine Person lernt nicht bloß die Verhaltensmuster, die eine gegebene soziale Rolle charakterisieren, erkennen, sondern den sozialen Kontext einschließlich seiner physikalischen Ausstattung (physical setting), in dem sich das Rollenspiel ereignet. (…) Für jede gegebene Rolle lernt eine Person nicht nur, sich auf bestimmte Weise zu verhalten und ein bestimmtes Verhalten von anderen zu erwarten, sondern sie hat auch Erwartungen hinsichtlich der Art und Beschaffenheit des,physical setting’, in der sie ihre Rolle spielt“.Google Scholar
  27. 26.
    J. Jacobs, a.a.O., S. 37 f. Daß die Steuerung des Prozesses der Interpretation und Definition von Handlungssituationen im Zuge wachsender Desintegration (steigender Kriminalität etc.) gerade in den USA für Sozialarbeit und -forschung an praktischer Bedeutung gewann, läßt sich nicht nur an den Arbeiten von J. Jacobs zeigen, für die die stete Suggestion sozialer Kontrolle die einzige Garantie der,inneren Sicherheit’ der Städte zu sein scheint. War im Europa des vorigen Jahrhunderts noch die „Methode Haussmann“ (Engels) — die Möglichkeit militärischer Beherrschung der Arbeiterquartiere durch den Durchbruch breiter Straßenschneisen — probates Mittel zur Disziplinierung der Bewohner, so wird dies inzwischen durch internalisierte Gewaltverhältnisse und wechselseitige soziale Kontrolle der Bewohner weitgehend durch diese selbst gewährleistet.Google Scholar
  28. 27.
    J. Ruesch, W. Kees, Function and Meaning in the Physical Environment, in: H. M. Proshansky u.a. (Hg.), a.a.O. S. 144 f.Google Scholar
  29. 28.
    Vgl. R. G. Barker, The Stream of Behavior, New York 1963.Google Scholar
  30. 29.
    W. I. Thomas, Person und Sozialverhalten, Neuwied und Berlin 1965, S. 114.Google Scholar
  31. 30.
    rend-wahrgenommener Ausschnitte eines objektiven Zusammenhangs von 30 W. I. Thomas, a.a.O., S. 84, vgl. dazu auch K. H. Tjaden, Soziales System und sozialer Wandel, Stuttgart 1972, S. 27 f.Google Scholar
  32. 31.
    Als Abfolge wechselnder Situationen ist die individuelle Lebensorganisation geprägt durch einen lebensgeschichtlich erworbenen Bestand an Bedeutungen und entsprechenden Handlungsregeln, die sprachlich angeeignet werden, da „die Gesamtheit der Bedeutungen“ nur im Medium der Sprache aufbewahrt und aktualisiert werden kann. Diesen Zusammenhang von Sprachspiel und Lebensform, der von W. I. Thomas im Begriff der „Apperzeptionsmasse” angesprochen ist, wird systematischer ausgeführt von A. Strauss, dem die sprachlich vermittelte Typisierung, Klassifikation und Bewertung von sozialen und physischen Gegenständen die Voraussetzung subjektiver Weltkonstitution ist. Vgl. A. Strauss, Spiegel und Masken. Auf der Suche nach Identität, Frankfurt/Main 1968; A. Strauss, R. Wohl, Symbolic Representation and the Urban Milieu, in: American Journal of Sociology, Nr. 5 /1958, S. 523 f.; auf diesen Aufsatz bezieht sich auch K. Lynch, a.a.O., S. 147.Google Scholar
  33. 32.
    E. Goffman, Verhalten in sozialen Situationen, a.a.O.; vgl. auch: ders., Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München 1973; ders., Interaktionsrituale, Frankfurt/Main 1971; ders., Interaktion: Spaß am Spiel. Rollendistanz, München 1973.Google Scholar
  34. 33.
    Um Rollen-und Situationsanalyse sinnvoll verknüpfen und verschiedene (Materialitäts-)Ebenen unterscheiden zu können, bezeichnet Goffman als Situation zunächst „diejenige räumliche Umgebung, und zwar in ihrem ganzen Umfang, welche jede in sie eintretende Person zum Mitglied der Versammlung macht, die gerade anwesend ist (oder dadurch konstituiert wird). Situationen entstehen, wenn gegenseitig beobachtet wird, sie vergehen, wenn die zweitletzte Person den Schauplatz verläßt“. E. Goffman, Verhalten in sozialen Situationen, a.a.O., S. 29.Google Scholar
  35. 34.
    A.a.O., S. 29.Google Scholar
  36. 35.
    A.a.O., S. 31.Google Scholar
  37. 36.
    A.a.O., S. 29.Google Scholar
  38. 37.
    E. Goffman, Wir alle spielen Theater, a.a.O., S. 228.Google Scholar
  39. 38.
  40. 39.
    A.a.O., S. 229.Google Scholar
  41. 40.
    Vgl. a.a.O., S. 230: „Als Darsteller verkaufen wir nur die Moral. Unsere Tage verbringen wir in engem Kontakt mit den Waren, die wir ausstellen, und unser Geist ist voll von genauestem Wissen über sie; aber es mag wohl sein, daß wir uns diesen Waren gegenüber umso fremder und denen, die leichtgläubig genug sind, sie zu kaufen, umso ferner fühlen, je mehr Aufmerksamkeit wir auf die Waren richten.“ Zur Kritik an Goffmans Interaktionstheorie vgl. A. W. Gouldner, a.a.O., S. 453 f.; auch F. Haug, Kritik der Rollentheorie, Frankfurt/Main 1972.Google Scholar
  42. 41.
    E. Goffman, Wir alle spielen Theater, a.a.O., S. 23.Google Scholar
  43. 42.
    Wesentliches Element solcher systematischen Selbstdarstellung, die Goffman,Fassade` nennt, ist das Bühnenbild, „das Möbelstücke, Dekorationselemente, Versatzstücke, die ganze räumliche Anordnung umfaßt — die Requisiten und Kulissen für menschliches Handeln, das sich vor, zwischen und auf ihnen abspielt“. (S. 23) Das Bühnenbild ist meist unbeweglich im geographischen Sinne. Werden unter „Bühnenbild” die szenischen Komponenten des Ausdrucksrepertoirs verstanden, „so können wir mit dem Begriff,persönliche Fassade jene anderen Ausdrucksmittel bezeichnen, die wir am stärksten mit dem Darsteller selbst identifizieren und von denen wir erwarten, daß er sie mit sich herumträgt“: Größe, Alter, Kleidung, Mimik etc. (S. 25).Google Scholar
  44. 43.
    H. P. Bahrdt, Umwelterfahrung, a.a.O., S. 10.Google Scholar
  45. 44.
    Systematische Anhaltspunkte dazu finden sich einmal im Werk Georg Simmels —vgl. insbesondere: Der Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft, in: G. Simmel, Soziologie, a.a.O., und zum anderen bei Alfred Schütz, der in Anschluß an die phänomenologischen Untersuchungen Husserls einerseits und die Soziologie Max Webers andererseits die je vorgefundene Alltagswelt der Menschen als immer schon intersubjektive Kulturwelt beschreibt. Bei Untersuchungen der räumlichen Struktur der „Lebenswelt“ wird dort ähnlich wie in der philosophischen Anthropologie die Leiblichkeit des Menschen zum zentralen Thema, da „für jeden von uns sein eigener Leib und dessen habituelles Funktionieren der erste fraglos gegebene Erfahrungskomplex ist”. A. Schütz, Das Problem der Relevanz, Frankfurt/Main 1971. Vgl. auch ders., Strukturen der Lebenswelt, in: Gesammelte Aufsätze, Den Haag 1971, S. 155 f.; bes. aber: ders., Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt, Wien 1932.Google Scholar
  46. 45.
    Vgl. E. Konau, Raum und soziales Handeln, München 1973.Google Scholar
  47. 46.
    H. P. Bahrdt, a.a.O., S. 10.Google Scholar
  48. 47.
    A.a.O., S. 38.Google Scholar
  49. 48.
    A.a.O., S. 20 f.Google Scholar
  50. 49.
    A.a.O., S. 55.Google Scholar
  51. 50.
    Vgl. T. P. Wilson, Theorien der Interaktion und Modelle soziologischer Erklärung, in: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hg.), Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit, Bd. I, S. 54 f., Reinbek 1973; vgl. hierin auch: Zur Einführung, S. II f.Google Scholar
  52. 51.
    T. P. Wilson, a.a.O., S. 55.Google Scholar
  53. 52.
    Die zur Ausprägung des entsprechenden interpretativen Paradigmas in der Hand-lungstheorie einflußreichsten Denkanstöße gab die Konzeption G. H. Meads — des,Stammvaters` des Symbolischen Interaktionismus —, der die Untersuchung der Symbolfunktionen eng mit dem Konzept der Identitätsbildung verknüpfte: Erst durch das Erlernen der gesellschaftlichen Bedeutung von Gesten, Worten und Gegenständen beginnt sich die individuelle Identität — d. h. auch: Fähigkeit zu sozialem Handeln überhaupt — auszubilden, denn die eigenen Handlungen können auf die der anderen sinnvoll nur dann bezogen werden, wenn die in Formen, Gesten und Worten vergegenständlichten Bedeutungen im Prozeß des,role-taking` erfaßt und als Mitteilung verstanden werden. Vgl. G. H. Mead, Geist, Identität, Gesellschaft, Frankfurt/Main 1973; ders., Sozialpsychologie, Neuwied und Berlin 1969; ders., Philosophie der Sozialität, Frankfurt/Main 1969. Zur Kritik der phänomenologischen und pragmatistischen Ansätze vgl. Th. Leithäuser, Formen des Alltagsbewußtseins, Frankfurt am Main/New York 1976.Google Scholar
  54. 53.
    A. Gouldner, Die westliche Soziologie in der Krise, a.a.O., S. 456.Google Scholar
  55. 54.
    A.a.O., S. 458.Google Scholar
  56. 55.
    Nicht zufällig werden hier die Ansätze in der Tradition des Symbolischen Interaktionismus wirksam, da sie an Fragestellungen entwickelt wurden, die den heute aktuellen entsprechen: Durch den beschleunigten Industrialisierungs-und Urbanisierungsprozeß stellten sich in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts gerade in Chikago — am Entstehungsort dieser Theorie — Probleme der Kriminalität und abweichenden Verhaltens sowie der Assimilation und Integration von Einwanderern höchst unterschiedlicher Herkunft und Tradition. Die Auflösung der überschaubaren traditional-agrarischen Farmkultur war verbunden mit der wachsenden „Schwierigkeit, eine stabile Sozialorganisation angesichts der zunehmenden Bedeutung der individuellen Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten des kulturellen Lebens aufrecht zu erhalten“. W. I. Thomas, a.a.O., S. 243.Google Scholar
  57. 56.
    Anders als in den Ansätzen Durkheimscher Tradition, in der die Raumbezogenheit sozialen Handelns vor allem als über stabile Gruppen und Organisationsformen vermittelt vorgestellt ist, wird hier aus mikro-soziologischer Sicht die Entwicklung des,gelebten` Raums entlang begrenzter Handlungsabläufe untersucht. Grundzüge entsprechender Überlegungen finden sich auch in der philosophisch orientierten Phänomenologie. Vgl. M. Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966, bes. S. 237 f; E. Minkowski, Le temps vecu, Paris 1933; F. Bollnow, Mensch und Raum, Stuttgart 1963; ders., Probleme des erlebten Raumes, Schriftenreihe der Nordwestdeutschen Universitätgesellschaft, Heft 34/1962.Google Scholar
  58. 57.
    W. J. Goode, Eine Theorie des Rollen-Stress, in: H. Hartmann, Moderne amerikanische Soziologie, Stuttgart 1967, S. 270.Google Scholar
  59. 58.
    J. Ruesch, W. Kees, Function and Meaning in the Physical Environment, a.a.O., S. 143.Google Scholar
  60. 59.
    Vgl. G. H. Mead, Philosophie der Sozialität, a.a.O., S. 75 f.Google Scholar
  61. 60.
    Vgl. P. Berger, T. Luckmann, a.a.O.; A. Strauss, Spiegel und Masken, a.a.O.; sowie die angeführten Arbeiten von E. Goffman.Google Scholar
  62. 61.
    Der Bezug zur Stadt wird besonders deutlich bei A. Strauss, Spiegel und Masken, a.a.O., wo es um die Beziehung zwischen persönlicher Identität, Gruppenidentität und Stadtgeschichte geht. Vgl. S. 161 f., S. 173 f., S. 183 f.; vgl. dazu auch: ders., Images of the American Life, New York 1961, auszugsweise (Life Styles and Urban Space) in: H. M. Proshansky u. a. (Hg.), a.a.O., S. 303 f.; vgl. unter diesem Aspekt auch H. Treinen, Symbolische Ortsbezogenheit. Eine soziologische Untersuchung zum Heimatproblem, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 17. Jahrgang, 1965.Google Scholar
  63. 62.
    Untertitel von A. Strauss, Spiegel und Masken, a.a.O.Google Scholar
  64. 63.
    Unter Hinweis auf E. Goffman schreibt P. Thurn: „Die Tatsache, daß unterschiedliche Räume von verschiedenen Individuen als handlungsverpflichtend erfahren werden können, führt zu der Einsicht in die Notwendigkeit einer soziologischen Semiotik des Raumes, innerhalb derer die Analyse öffentlicher und teilöffentlicher Räume den ihr entsprechenden Stellenwert erhält.“ P. Thurn, Architektursoziologie, Zur Situation einer interdisziplinären Forschungsrichtung in der BRD, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 24. Jg., 1972, S. 313.Google Scholar
  65. 64.
    Die Anwendung der Zeichentheorie auf architektonische Elemente, die Betrachtung der Architektur als Zeichensystem erscheint auf den ersten Blick verwirrend und abwegig, weil Entwicklung und Popularität der modernen Semiotik sich insbesondere wissenschaftstheoretischen Fragestellungen verdanken, die sich auf die deskriptiv-informativen Funktionen von Sprachzeichen richteten. Dabei gerieten nicht nur die emotionalen und valuativen Bedeutungsdimensionen der Sprachzeichen, sondern erst recht die Erforschung anderer, nicht-begrifflicher Zeichensysteme weitgehend aus dem Interessenfeld der Semiotiker. Erst in den letzten Jahren wurde verstärkt versucht, auch andere kulturelle Bereiche systematisch unter zeichentheoretischen Aspekten zu untersuchen. Vgl. U. Eco, Einführung in die Semiotik, München 1972; A. Schaff, Einführung in die Semantik, Reinbek bei Hamburg 1973; K. O. Apel, Transformation der Philosophie, Bd. I und II, Frankfurt/Main 1973. Zur architekturbezogenen Diskussion vgl. die Aufsätze in: Werk 6/1971; B. Schneider, Was hat der linguistische Strukturalismus mit dem Entwerfen zu tun? in: A. Carlini, B. Schneider, a.a.O., S. 9; M. Gandelsonas, Semiotics as a tool for theoretical development, in: EDRA 4, Vol. II, Stroudsburg 1973, S. 324 f.; P. Atteslander, B. Hamm (Hg.), Materialien zur Siedlungssoziologie, Köln 1974, S. 29 f.Google Scholar
  66. 65.
    M. Kiemle, Ästhetische Probleme der Architektur, a.a.O.Google Scholar
  67. 66.
    C. Norberg-Schulz, Logik der Baukunst, a.a.O.Google Scholar
  68. 67.
    Vgl. auch den Vorabdruck in: B. Schneider, A. Carlini, a.a.O., S. 19 f.Google Scholar
  69. 68.
    U. Eco, Einführung in die Semiotik, a.a.O., S. 296.Google Scholar
  70. 69.
    A.a.O., S. 309.Google Scholar
  71. 70.
    Vgl. dazu K. O. Apel: C. W. Morris und das Programm einer pragmatisch integrierten Semiotik, Einführung in: C. W. Morris, Zeichen, Sprache und Verhalten, Düsseldorf 1973. Zur Auseinandersetzung mit Morris vgl. U. Eco, a.a.O., S. 301 f.Google Scholar
  72. 71.
    U. Eco, a.a.0., S. 311.Google Scholar
  73. 72.
    Vgl. M. Kiemle, a.a.O., S. 55 f.Google Scholar
  74. 73.
    H. Berndt u. a., a.a.O.Google Scholar
  75. 74.
    H. Korte, a.a.O., S. 32; siehe auch die Anmerkungen E. Bauers, a.a.O., S. 73.Google Scholar
  76. 75.
    Vgl. A. Lorenzer, Perspektiven einer kritischen Theorie des Subjekts, Frankfurt/Main 1972; ders., Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs, Frankfurt/Main 1970.Google Scholar
  77. 76.
    In einer weiterführenden Kritik könnte darüber hinaus aufgezeigt werden, an welche Grenzen selbst jene symbol-und interaktionstheoretischen Konzepte stoßen, die zwar mitunter die Terminologie historisch-materialistischer Theoriebildung applizieren, nicht aber konsequent eine Vermittlung zur Kritik der politischen Ökonomie, zu den historisch konkreten Verhältnissen der gesellschaftlichen Produktion herstellen. Vgl. dazu die neuere Diskussion über das Verhältnis von Psychoanalyse und historischem Materialismus; speziell zu Lorenzer: K. Ottomeyer, Soziales Verhalten und Ökonomie im Kapitalismus, a.a.O.; H. v. Plato, Die Einigung. Zur Sozialisationstheorie von A. Lorenzer, in: Ästhetik und Kommunikation, Heft 15, 16/1974; sowie im selben Heft: M. Wolf, Individuum/Subjekt/Vergesellschaftung der Produktion; K. Holzkamp, Einleitungsreferat zum Internationalen Kongreß Kritische Psychologie, gekürzt in: Das Argument, Heft 103/1977.Google Scholar
  78. 77.
    A. Lorenzer, Städtebau: Funktionalismus oder Sozialmontage?, a.a.O., S. 66.Google Scholar
  79. 78.
    A.a.O., S. 79 f.Google Scholar
  80. 79.
    Vgl. A. Lorenzer Zur Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs, a.a.O., ders., Sprachzerstörung und Rekonstruktion, Frankfurt/Main 1971; ders., Zur Begründung einer materialistischen Sozialisationstheorie, Frankfurt/Main 1973; ders., Symbol, Interaktion und Praxis, in: H. Dahmer, A. Lorenzer u. a., Psychoanalyse als Sozialwissenschaft, Frankfurt/Main 1971.Google Scholar
  81. 80.
    A. Lorenzer, Perspektiven einer kritischen Theorie des Subjekts, a.a.O., S. 13.Google Scholar
  82. 81.
    A.a.O., S. 13.Google Scholar
  83. 82.
    A.a.O., S. 15.Google Scholar
  84. 83.
  85. 84.
    Vgl. A. Lorenzer, Zur Begründung einer materialistischen Sozialisationstheorie, a.a.O., S. 234 f.Google Scholar
  86. 85.
    Vgl. S. K. Langer, Philosophie auf neuem Wege, Frankfurt/Main 1965.Google Scholar
  87. 86.
    A. Lorenzer, Zur Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs, a.a.O. S. 71.Google Scholar
  88. 87.
    A.a.O., S. 78.Google Scholar
  89. 88.
  90. 89.
    A.a.O., S. 89.Google Scholar
  91. 90.
    A.a.O., S. 91.Google Scholar
  92. 91.
    A.a.O., S. 93; vgl. auch: Sprachzerstörung und Rekonstruktion, a.a.O., S. 72 f.Google Scholar
  93. 92.
    A.a.O., S. 92.Google Scholar
  94. 93.
    A.a.O., S. 91.Google Scholar
  95. 94.
    Am Beispiel der Objektrepräsentanz,Mutter` beschreibt Lorenzer, wie sie — selbst wenn nur die bewußten Anteile, die Symbole betrachtet werden — sich darstellt als ein „vielschichtiges Gebilde aus verbal faßbaren,diskursiven` wie auch averbal,präsentativen` Symbolen“. Weiter fächert sich die Mutterimago in eine Vielzahl von „Momentbildern mit jeweils differenziertem Beziehungsgehalt” (S. 94): die sorgende, strafende, zärtliche Mutter.Google Scholar
  96. 95.
    A.a.O., S. 94.Google Scholar
  97. 96.
    A.a.O., S. 96.Google Scholar
  98. 97.
    A.a.O., S. 96.Google Scholar
  99. 98.
    A.a.O., S. 109.Google Scholar
  100. 99.
    A.a.O., S. 96.Google Scholar
  101. 100.
    A.a.O., S. 97.Google Scholar
  102. 101.
    A.a.O., S. 115; vgl. auch: Sprachzerstörung und Rekonstruktion, a.a.O., S. 68 f.Google Scholar
  103. 102.
    A. Lorenzer, Städtebau: Funktionalismus oder Sozialmontage?, a.a.O., S. 56.Google Scholar
  104. 103.
    A.a.O., S. 57.Google Scholar
  105. 104.
    Vgl. dazu den „kulturgeschichtlichen Entwicklungsprozeß der Symbole“: Zur Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs, a.a.O., S. 80 f., und die entsprechenden Illustrationen an der „Verfallsform des bloßen Dekors” (S. 83), wo Lorenzer seine psychoanalytischen Begriffe zur Kritik an künstlerischen Produkten einsetzt.Google Scholar
  106. 105.
    Vgl. A. Lorenzer, Städtebau: Funktionalismus oder Sozialmontage?, a.a.O., S. 98: „Und noch ein weiterer Gesichtspunkt ergibt sich aus der Unterscheidung von diskursiven und präsentativen Symbolbildungen, der hier wichtig ist: Gerade in einer Zeit, die von der Fragmentation überkommener Gesellschaftsbilder und Ideologien gekennzeichnet ist, wird ein mögliches Gemeinsames, das für die einzelnen emotional verwurzelt und,ich-gerecht` ist, nur in Bereichen zu suchen sein, die sich dem Zugriff der begrifflichen Erfassung und damit dem Zwang zur Einordnung in dieses oder jenes System entzieht. Gemeinsames kann also zunächst nur in präsentativen Symbolbildungen — Kunst, Mythos, Ritual — darstellbar sein,ehe die Erfassung gesellschaftlicher Vorgänge in diskursiven Symbolen, d. h. Begriffen gelingt. Dieser Sachverhalt berührt einen Vorgang, den auch Bahrdt in den Mittelpunkt einer gelungenen urbanen Integration (einer zu erhoffenden Integration) stellt: die Darstellung des Gemeinsamen.“ — An Stelle der Ideologien tritt bloße Propaganda.Google Scholar
  107. 106.
    A. Lorenzer, Zur Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs, a.a.O. S. 121.Google Scholar
  108. 107.
    A. Lorenzer, Städtebau: Funktionalismus oder Sozialmontage?, a.a.O., S. 100. Davor heißt es: „In einer Gesellschaft, in der eine verwirrende Vielzahl von Werten nebeneinander besteht, kann es zu ständigem Gegeneinander, mindestens aber zu einem schwierigen Nebeneinander von unverbundenen Identifikationen kommen. Daraus ergibt sich eine erhebliche Schwierigkeit für die synthetischen Leistungen des Ich, die die Gegensätze zum Ausgleich zu bringen hat.“Google Scholar
  109. 108.
    A. Lorenzer, Zur Begründung einer materialistischen Sozialisationstheorie, a.a.O., S. 21.Google Scholar
  110. 109.
    Unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen ist die Masse der Bevölkerung gezwungen, durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft auf unterschiedlichem Niveau ihr Leben zu reproduzieren: Der stumme Zwang der verselbständigten gesellschaftlichen Verhältnisse, die mit der Eigenständigkeit von Naturgesetzen den Individuen bei Strafe des Untergangs Anpassung abverlangen, ist die wirkliche Basis des normregulierten Handelns, das materielle Substrat auch der wechselnden Rollenzuweisungen. Zur „Rolle nichtnormativer gesellschaftlicher Faktoren“ und zum „Verhältnis von normativer Ebene und faktischer Struktur” gesellschaftlichen Lebens vgl. J. Ritsert, Die Antinomien des Anomiekonzepts, in: J. Ritsert, Erkenntnistheorie, Soziologie und Empirie, Frankfurt/Main 1971, S. 212 f.; vgl. auch ders., E. Becker, Grundzüge sozialwissenschaftlich-statistischer Argumentation, Opladen 1971; K. Ottomeyer, Soziales Verhalten und Ökonomie im Kapitalismus, a.a.O.; unter methodologischen Aspekten vgl. auch A. V. Cicourel, Methode und Messung in der Soziologie, Frankfurt/Main 1974, S. 266 f.Google Scholar
  111. 110.
    K. Kosik, Dialektik des Konkreten, Frankfurt/Main 1973, S. 46.Google Scholar
  112. 111.
    Da über diese knappen Anmerkungen hinaus der Zusammenhang lebenspraktischer, kognitiver und affektiver Aneignungs-Prozesse hier nicht weiter dargestellt werden kann, vgl. hierzu P. H. Chombart de Lauwe, Aneignung, Eigentum, Enteignung, in: Arch +, Heft 34/1977. Zur weiteren Diskussion des Aneignungs-Begriffs zwischen Lerntheorie, kritischer Psychologie, Ästhetik und Versuchen zur Rekonstruktion des historischen Materialismus vgl. A. N. Leontjew, Probleme der Entwicklung des Psychischen, Frankfurt/Main 1973; K. Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis, Frankfurt/ Main 1973; P. Gorsen, Transformierte Alltäglichkeit oder Transzendenz der Kunst? in: P. Bruckner u. a., a.a.O.; H. Hartwig (Hg.), Sehen lernen, Köln 1976; A. Wildt, Produktivkräfte und soziale Umwälzung, in: U. Jaeggi, A. Honneth, Theorien des historischen Materialismus, Frankfurt/Main 1977.Google Scholar
  113. 112.
    Vgl. L. Sève, a. a. O., bes. S. 62 f. und 177 f.Google Scholar
  114. 113.
    A. Krovoza, Die Verinnerlichung der Normen abstrakter Arbeit und das Schicksal der Sinnlichkeit, in: P. Bruckner u. a.. Das Unvermögen der Realität, Berlin 1974, S. 29; weiter heißt es dort: „Die private Form der Aneignung arbeitet an der Reduktion der Sinnlichkeit auf den einen Sinn des Habens! Im Privateigentum verschränken sich Herrschaft, Sozialisation und Reduktion von Sinnlichkeit.“Google Scholar
  115. 114.
    Vgl. E. Hahn, Soziale Wirklichkeit und soziologische Erkenntnis, Hamburg 1972, S. 11 f.; vgl. auch K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1953, S. 75 f.Google Scholar
  116. 115.
    Vgl. M. Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1966, bes. S. 493 f.; unter anderem Aspekt vgl. K. Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis, Frankfurt/ Main 1973, bes. S. 233 f.Google Scholar
  117. 116.
    K. Kosik, a. a. O., S. 9.Google Scholar
  118. 117.
    Zur Dialektik des Alltagslebens vgl. H. Lefèbvre, Kritik des Alltagslebens, Kronberg 1977.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1977

Authors and Affiliations

  • Werner Durth

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