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Soziologie

  • Armin Nassehi
  • Markus Schroer
  • Georg Weber
Chapter
Part of the Forschungsberichte des Landes Nordrhein-Westfalen book series (FOLANW, volume 3252)

Zusammenfassung

Das Thema Tod und Sterben nimmt in der Soziologie keinen breiten Raum ein. Auf der Suche nach einschlägigen Begriffen in soziologischen Lexika, Hand- und Lehrbüchern bleibt man nahezu erfolglos, die Anzahl der Funde geht gegen Null. Die Vernachlässigung des Themas innerhalb der Soziologie hat Tradition: Angefangen von den Klassikern des Faches (Karl Marx, Emile Durkheim, Max Weber u.a.) bis zu seinen heutigen herausragenden Vertretern (Jürgen Habermas, Niklas Luhmann, Anthony Giddens, Pierre Bourdieu u.a.) hat sich an der marginalen Position des Themas innerhalb der Disziplin wenig geändert. Georg Simmel, Norbert Elias und Talcott Parsons sind die großen Ausnahmen, die dem Thema Tod und Sterben eigenständige soziologische Beiträge gewidmet haben. Man könnte lange darüber spekulieren, womit diese auffällige Abstinenz zu tun hat.

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Literatur

1. Sozial- und Kulturgeschichte

  1. 1.
    Ariès, Philippe: Studien zur Geschichte des Todes im Abendland. München 1976.Google Scholar
  2. 2.
    Aries, Philippe: Geschichte des Todes. München, Wien 1980 (frz. Orig. 11978) . Der „Sonntagshistoriker“ Ariès verfolgt in diesen beiden Werken den Wandel der Einstellungen des Menschen zum Tod vom 9. Jahrhundert bis zur Gegenwart anhand von literarischen, liturgischen, testamentarischen, epigraphischen und ikonographischen Quellen. Schon in den Studien unterscheidet Ariès zwischen vier verschiedenen Todesauffassungen: Der gezähmte Tod bezeichnet den ganz selbstverständlichen Umgang mit dem Tod im frühen Mittelalter, bei dem sich das Sterben öffentlich, im Kreise der Familie, Freunde und Nachbarn vollzieht. Der eigene Tod kennzeichnet ein persönlicheres Verhältnis zum Tod, zu dem es im Hochmittelalter kommt: Der Tod des Anderen setzt sich in den nachfolgenden Jahrhunderten durch und meint eine übersteigerte Trauer seitens der Hinterbliebenen dem Toten gegenüber. Der verbotene Tod schließlich kennzeichnet die Todesauffassung in den heutigen Leistungsgesellschaften, in der der Tod tabuisiert und verdrängt wird: Er ist zum bloßen Störfaktor geworden. In seiner Geschichte nennt Ariès diese Todesauffassung den ins Gegenteil verkehrten Tod. Außerdem hat er zwischen dem eigenen Tod und dem Tod des Anderen noch den langen und nahen Tod eingeführt. Enthalten die Studien bereits das Substrat seines Ansatzes, so verdichtet er seine Ergebnisse in der Geschichte zu einem ausgreifenden und materialreichen Monumentalwerk, an dem wohl niemand, der sich mit dem Thema beschäftigt, vorbeikommt, auch wenn seine Ergebnisse höchst kontrovers diskutiert werden. So kann man sehr wohl über die Perspektive streiten, die Ariès in seinem Werk einnimmt. Deutlich konstruiert er ein Bild der guten Vergangenheit auf dem Hintergrund einer für schlecht befundenen Gegenwart. Außerdem behandelt Ariès seine Quellen durchgängig als authentische Quellen einer vergangenen Zeit und vernachlässigt das mögliche Maß an Wunschvorstellungen und Idealbildern, die sich in den herangezogenen Quellen niedergeschlagen haben können. Die in der Vergangenheit vorgefundenen Sterberituale werden romantisiert und der heute vorherrschenden Verdrängungskultur gegenüber dem Tod als Spiegel vorgehalten. Aries Perspektive betont den Verfall und das Verschwinden eines ehemals vorhandenen gemeinschaftlichen Umgangs mit dem Tod. Dies verstellt ihm den Blick sowohl auf die strukturellen cdg1 Notwendigkeiten des Wandels im Umgang mit Sterben und Tod als auch auf die funktionalen Äquivalente, die möglicherweise für die traditionellen Rituale gefunden worden sind. Von dieser soziologisch motivierten Kritik bleibt jedoch der materiale Gehalt dieser mentalitätsgeschichtlichen Studien über den Wandel der Einstellungen zum Tode, des Sterbeverhaltens und der Bestattungsbräuche unangetastet. (In den Studien finden sich einzelne Vorarbeiten aus den Jahren 1966–1975 und drei Rezensionen über Arbieten, die sich mit Tod und Sterben beschäftigen.)Google Scholar
  3. 3.
    Borkenau, Franz: The concept of death. In: Twentieth Century 157 (1955), 319–329; wiederabgedruckt in: Fulton, Robert (Hg.): Death and identity. New York/London/Sydney 1965, 42–56.Google Scholar
  4. 4.
    Borkenau, Franz: Todeskontradiktion und Geschichte. In: Der Monat 11 (1959) (posthum veröffentlicht).Google Scholar
  5. 5.
    Borkenau, Franz: Todesantinomie und Kulturgenerationen. In: Der Monat: Ende und Anfang. Von der Generation der Hochkulturen und von der Entstehung des Abendlandes. Stuttgart 1984, 83–119. (Kondensierung der beiden oben genannten Essays) Die These dieses Beitrags (1984) ist, daß sich die innere Widersprüchlichkeit der Erfahrung des Todes nicht nur in der Haltung des Individuums zum Tode beobachten, sondern auch in allen menschlichen Kulturen und in den Beziehungen zwischen geschichtlichen Zivilisationen nachweisen läßt. Die kollektiven Veränderungen der Einstellung zum Tod kennzeichnen die großen Epochen der geschichtlichen Entwicklung. Um seine These zu belegen, thematisiert Borkenau in einem ersten Schritt die grundlegende Antinomie im Individuum: Unvereinbar stehen sich hier die innere Gewißheit des Todes und die innere Gewiißheit der Unsterblichkeit gegenüber. Dieser innere Kampf im Leben eines jeden Individuums erzeugt seine Ruhelosigkeit und führt ihn dazu, eine der beiden Seiten zu verleugnen. Immer wieder gibt es Versuche einer Synthese, die sich aber nur wieder in die vorangehende Antinomie auflöst. Dieses beim Individuum ausgemachte Ringen um eine Synthese der unversöhnlichen Gegensätze von Todes- und Unsterblichkeitsgewißheit, die Borkenau von Freud übernimmt, überträgt er im Fortlauf seiner Überlegungen auf die Geschichte der Menschheit insgesamt. Dabei geht es Borkenau um den Nachweis eines zyklischen Verlaufs der Geschichte, in dem sich Todesverleugnung, Todesüberwindung und Todeshinnahme immer wieder einander ablösen. In primitiven Kulturen findet Borkenau Todesverleugnung vor: Die intuitive Todesgewißheit wird verdrängt. Da sich keinerlei Spuren von Bestattungen aus dieser Zeit nachweisen lassen, geht Borkenau von einer Gleichgültigkeit gegenüber den Leichen aus, die auf eine Todesverleugnung schließen läßt. Zur Todesüberwindung kommt es in den großen Stromtalkulturen: Hier wird die Todesgewißheit akzeptiert. Diese Akzeptanz des Sterbenmüssens, die Borkenau als das größte historische Opfer im Laufe der Menschheitsgeschichte bezeichnet, läßt Energie frei werden, die in primitiven Kulturen auf die Bekämpfung der Einsicht in die Todesgewißheit konzentriert war und jetzt, derart entfesselt, auf die Verbesserung des Diesseits gerichtet werden kann. In den hellenischen und hebräischen Kulturen kann Borkenau zufolge von einer kollektiven Todeshinnahme gesprochen werden. Im Christentum kommt es zu einer neuen Form der Todesüberwindung, indem ein Leben ohne Fortleben als nichtig erklärt wird. So wie das Aufkommen des Christentums die entscheidende Bedingung für die Todesüberwindung war, kommt es mit dem Bedeutungsrückgang der Religion zu neuen Formen der Todeshinnahme und -verleugnung. Nachdem die Bedeutung des Individuums so eng an seine Unsterblichkeit geknüpft wurde, wird damit zugleich auch die Existenz der Persönlichkeit in Frage gestellt. Unter dem Eindruck von Faschismus und Stalinismus geht Borkenau von einer Kultur der Todesverherrlichung in nachchristlicher Zukunft aus.Google Scholar
  6. 6.
    Foucault, Michel: Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks. Frankfurt/M. 1988 (frz. Orig. 1963).Google Scholar
  7. 7.
    Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt/M. 1991. (frz. Orig. 1966).Google Scholar
  8. 8.
    Foucault, Michel: Andere Räume (1967) . In: Barck, Karlheinz u.a. (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Leipzig 1990, 34–46.Google Scholar
  9. 9.
    Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/M. 1976 (frz. Orig. 1975).Google Scholar
  10. 10.
    Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1. Frankfurt/M. 1977. (frz. Orig. 1976) .Google Scholar
  11. 11.
    Foucault, Michel: Leben machen und Sterben lassen. Zur Genealogie des Rassismus. Ein Vortrag. In: Lettre International (1993), H. 20, 62–67.Google Scholar
  12. 12.
    Foucault, Michel: Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit, Bd. 2. Frankfurt/M. 1989 (frz. Orig. 1984)Google Scholar
  13. 13.
    Foucault, Michel: Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit, Bd. 3. Frankfurt/M. 1989 (frz. Orig. 1984)Google Scholar
  14. 14.
    Foucault, Michel: Von der Freundschaft. Michel Foucault im Gespräch. Berlin o . J .Google Scholar
  15. 15.
    Foucault, Michel u.a.: Technologien des Selbst. Frankfurt/M. 1993.Wenngleich sich der französische Philosoph, Historiker, Psychologe und Soziologe Michel Foucault dem Thema Tod nicht in gleicher Weise angenommen hat wie dem Thema des Wahnsinns, der Krankheit oder der Delinquenz, so kommt der Thematisierung des Todes in seinen Schriften dennoch ein zentraler Stellenwert zu. Vorausgeschickt werden sollte dabei, daß es Foucault bei seinen durchweg historisch angelegten soziologisch-philosophischen Arbeiten niemals um die Beschreibung eines sozusagen immer schon bestehenden Themenfeldes handelt. Vielmehr geht es ihm darum, die spezifischen Bedingungen und Voraussetzungen in den Blick zu nehmen, die zur Konstituierung eines Gegenstandsbereichs geführt haben. Niemals also geht es ihm um den Gegenstand „an sich“ , etwa um „die“ Sexualität, „den“ Wahnsinn usw. Titel bzw. Untertitel wie Die Geburt der Klinik und Die Geburt des Gefängnisses sind somit mißverständlich, weil sie eine Institutionengeschichte zu behandeln scheinen. Foucault dagegen strebt eine Beschreibung und Analyse von Ein- und Ausschlußpraktiken an, mit denen sich Gesellschaften am Leben erhalten — die Etablierung einer Institution ist nichts anderes als eine Folge solcher Praktiken. In Die Geburt der Klinik zeichnet Foucault die revolutionären Entwicklungen in der Medizin an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert nach. Die Neuordnung des Spitalwesens, die systematische Untersuchung der Leichname, die die pathologische Anatomie als medizinischen Teilbereich etabliert, und schließlich die Sprache, die sich rund um den „ärztlichen Blick“ entwickelt, gelten Foucault als Symptome eines grundlegenden Wandels im Umgang mit Krankheit und Tod: Die Krankheit und der Tod sind nicht mehr das unbekannte Unheil geheimnisvollen Ursprungs, von dem der Körper wie von einer fremden Macht in Besitz genommen wird, sondern ein dem Körper selbst innewohnender Zustand, der vom analytischen Blick der Pathologen ans Tageslicht gezerrt wird. Erst mit der Eingliederung des Todes in den medizinischen Gegenstandsbereich entfaltet sich ein wissenschaftlicher Diskurs über das Individuum: Geburt und Zerstörung des Individuums liegen somit auf einer Erfahrungsachse: „Es ist von entscheidender Bedeutung für unsere Kultur, daß ihr erster wissenschaftlicher Diskurs über das Individuum seinen Weg über den Tod nehmen mußte. „ (1988: 207) In der darauffolgenden Schrift führt Foucault diesen Gedankengang weiter: Die Entdeckung der menschlichen Endlichkeit im medizinischen Diskurs der Moderne bezeichnet zugleich den Anfang der modernen Subjektphilosophie, mit der er sich in Die Ordnung der Dinge auseinandersetzt. Der Übergang vom klassischen ins moderne Zeitalter — ein Zeitraum, dem sich Foucault auch in Die Geburt der Klinik gewidmet hat — wird in Die Ordnung der Dinge durch die epistemologische Konstituierung des Menschen charakterisiert. Die moderne Biologie, die Politische Ökonomie und die Philologie bestimmen den Menschen als endliches Lebewesen, das sich als körperliche, arbeitende und sprechende Kreatur erlebt. Doch dieselben Humanwissenschaften, -- das will Foucault in diesem voluminösen Werk zeigen -, die den Menschen ‘erfunden’ haben, lassen ihn auch wieder von der Bühne abtreten. Die Erkenntnis über die Endlichkeit des menschlichen Lebens führt zur Einsicht in die Begrenztheit und Endlichkeit der Erkenntnisse über den Menschen. Schließlich gehen die Humanwissenschaften ihres Erkenntnisgegenstandes verlustig: „Der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. „ (1991: 462) In diesen beiden Büchern haben wir es hauptsächlich mit dem „epistemologischen Tod“ des Menschen zu tun. In dem kleinen Text Andere Räume thematisiert Foucault die Individualisierung des Todes, die einsetzt, als man den Glauben an die Unsterblichkeit verlor. Schenkte man dem Leib zuvor wenig Beachtung, so rückt er nun in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: „Jedenfalls hat seit dem 19. Jahrhundert jedermann ein Recht auf seinen kleinen Kasten für seine kleine persönliche Verwesung. „ Doch zugleich entsteht die Angst vor dem Tod als „Krankheit“ : Die Verlegung der Friedhöfe aus dem Zentrum der Städte in die Peripherie spricht eine deutliche Sprache. In Überwachen und Strafen begegnet uns der Tod ausschließlich in Form des gewaltsamen Todes: Mit Akribie schildert Foucault das langsame Verschwinden der zum Schauspiel erhobenen, ausgeklügelten Strafrituale und die Geburt der milderen Strafen, die sich im Laufe der Zeit vom Körper abgewendet und auf die „Seele“ verlagert haben. Und wieder ist es der Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert, der die entscheidenden Veränderungen mit sich bringt. Im letzten Kapitel von Der Wille zum Wissen schließt Foucault unmittelbar an die einschneidenden Veränderungen in den Machtmechanismen, die er schon in Überwachen und Strafen herausgearbeitet hatte, an. Die Macht ist nicht mehr darauf aus, zu versklaven, auszubeuten und zu vernichten; vielmehr wird sie produktiv, sie läßt nicht verschwinden, sondern bringt hervor. Analog zu diesem Umbruch verändert sich die Zielscheibe der Macht: Nicht mehr dem Tod, sondern dem Leben gilt ihre ganze Aufmerksamkeit: „Man könnte sagen, das alte Recht, sterben zu machen oder leben zu lassen wurde abgelöst von einer Macht, leben zu machen oder in den Tod zu stoßen. „ (1977: 165) Es geht ihr nicht mehr um das Töten, sondern um die vollständige Durchsetzung des Lebens, das permanent kontrolliert und überwacht wird. Dabei hält sie sich nicht nur das Recht vor, die Menschen in Kriegen in den Tod zu schicken, vielmehr gründet sich das Versprechen das Überleben der eigenen Bevölkerung zu sichern darauf, gegebenenfalls andere Völker restlos auszulöschen und dabei die eigene Bevölkerung ebenfalls zu opfern. Die Thanatopolitik, wie Foucault sie an anderer Stelle (1993: 185) nennt, ist nur die Kehrseite der Bio-Politik, die das Leben gänzlich in Regie nimmt. Die Biomacht bedient sich dabei einerseits der Disziplinierung des Körpers des einzelnen und andererseits der Regulierung der Bevölkerung. Die in unserer Gegenwart zu beobachtende Disqualiifiizierung des Todes, von der Foucault spricht, entsteht nicht durch eine neue Angst vor dem Tod, sondern dadurch, daß sich die Machtprozeduren vom Tod abgewendet und auf das Leben konzentriert haben. Der Tod wird damit zum geheimsten und privatesten Punkt der menschlichen Existenz. Ein im selben Jahr gehaltener Vortrag Foucaults mit dem Titel Leben machen und sterben lassen widmet sich eingehend den Prozeduren der Bio-Politik: Bei der Kontrolle und statistischen Erfassung der Geburtenund Sterblichkeitsrate handelt es sich nicht mehr um eine disziplinäre Machttechnologie, die sich auf das Individuum bzw. den „Körper-Menschen“ richtet, sondern um eine bevölkerungspolitische Machttechnologie, die den „lebenden Menschen“, den „Spezies-Menschen“ ins Visier nimmt: die Regulierungsmacht. Die Souveränität über den Tod wird um die lückenlose Regulierung des Lebens erweitert. Im Augenblick des Auftretens der Bio-Macht wird auch der Rassismus zum wesentlichen Mechanismus dieser Macht. In seinem Spätwerk, in Der Gebrauch der Lüste und Die Sorge um sich, entwickelt Foucault eine auf dem Konzept der Selbstsorge beruhende Ästhetik der Existenz, die er in den Schriften der griechischen Antike vorbereitet fiindet. Die Sorge um sich ist auch immer schon eine Sorge um den Tod. Wenn der Tod schon zum geheimsten und privatesten Punkt unserer Existenz geworden ist, so scheint uns Foucault sagen zu wollen, dann sollten wir ihn uns nicht wieder aus den Händen nehmen lassen, sondern lieber dafür sorgen, ihn wie ein Kunstwerk zu gestalten. Foucaults Bemühungen um ein Lebenskunstkonzept gelten somit zugleich dem Entwurf einer Kunst des Todes. Er will dem Tod aber nicht, wie Ariès, das große Brimborium zurückgeben, der ihn in früheren Zeiten begleitete. Vielmehr bevorzugt er „die leise Traurigkeit des Verschwindens.“ Eine Möglichkeit dazu bietet der Suizid, für den er in dem kleinen Text Ein ganz harmloses Vergnügen (o . J) ein — freilich auch ironisches — Plädoyer hält. In dieser letzten Periode seines Schaffens geht es Foucault — nach dem epistemologischen und dem gewaltsamen Tod — um den schönen Tod. Im bisherigen Überblick sind noch nicht einmal alle Stationen der Beschäftigung Foucaults mit dem Tod versammelt: In seinen Schriften zur Literatur und in seinem Buch über Raymond Roussel setzt er sich ebenfalls mit diesem Thema auseinander.Google Scholar
  16. 16.
    Macho, Thomas: Todesmetaphern. Zur Logik der Grenzerfahrung. Frankfurt/M . 1987. Ausgehend von der Beobachtung, daß vom Sterben und vom Tod viel gesprochen wird, stellt Thomas Macho an zahlreiche mythische, literarische, philosophische und soziologische Texte die leitmotivisch wiederkehrende Frage: „Worüber sprechen wir, wenn wir vom Tod sprechen?“ Dabei behandelt Macho die Rede über den Tod als Paradoxie. Obwohl wir permanent über den Tod reden, wissen wir letztlich gar nichts über ihn. Vielmehr ist es gerade Bedingung der Möglichkeit des Sprechens über den Tod, daß wir ihn noch nicht erfahren haben. Deshalb kleiden wir die Rede über den Tod in Metaphern, die sich der einzigen Erfahrung verdanken, die wir als Lebende mit dem Tod machen können: der Tod als Kommunikationsabbruch, als sozialer Tod. So entlehnen wir aus anderen, unserer (Grenz-)Erfahrung offenstehenden Bereichen (Geburt, Schlaf, Traum usw.) die Begriffe, um das Unsagbare sagbar zu machen. Machos Arbeit ist ein gelungener Versuch, die Todesmetaphern vor ihrem jeweiligen historischen und kulturellen Hintergrund zu interpretieren und für eine Theorie des Todes als sozialen Tod fruchtbar zu machen.Google Scholar

2. Interdisziplinäre Sammelbände

  1. 17.
    Aichelin, Helmut u.a.: Tod und Sterben. Deutungsversuche. Gütersloh 21979. Dieser u.a. durch zahlreiche Totentanzabbildungen didaktisch aufbereitete Sammelband versammelt Beiträge zu Sterben und Tod aus biologischmedizinischer, psychologisch-soziologischer, parapsychologischer und philosophischer Sicht. Darüberhinaus widmen sich zwei Beiträge der Darstellung des Todes in der modernen Literatur und dem Stellenwert des Todes in verschiedenen Religionen. Das Thema ist von den Autoren für die Erwachsenenbildung aufbereitet worden und bietet Deutungsversuche aus christlicher Sicht. Insgesamt gehen die Autoren davon aus, daß es, insbesondere durch die zahlreiche Bearbeitung des Themas in den Medien, zu einer Enttabuisierung des Themas Sterben und Tod gekommen ist. Da dies jedoch nicht zu einer größeren Sterbensbereitschaft der Menschen geführt hat, verstehen sich die Beiträge auch als Einübung einer neuen „ars morien i“ .Google Scholar
  2. 18.
    Becker, Hansjakob/Einig, Bernhard/Ullrich, Peter-Otto (Hg.): Im Angesicht des Todes. Ein interdisziplinäres Kompendium, 2 Bde., St. Ottilien 1987. Interdisziplinärer Sammelband mit mehr als 50 Aufsätzen aus den Bereichen Ethnologie, Soziologie, Philosophie, Religionswissenschaft, Psychologie, Medizin, Kunst und Geschichte. Den Schwerpunkt bilden Beiträge der verschiedenen theologischen Teildisziplinen. Die für die soziologische Teilbibliographie relevanten Beiträge sind einzeln aufgenommen.Google Scholar
  3. 19.
    Winau, Rolf/Rosemeier, Hans Peter (Hg.): Tod und Sterben. Berlin, New York 1984. Dieser Band versammelt eine Reihe von Beiträgen zum Thema Tod und Sterben aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen. Es kommen Philosophen, Theologen, Mediziner, Biologen und Psychologen zu Wort. Folgende Themen werden behandelt: In „Der vergangene und gegenwärtige Tod“ geht es um historische Fakten und Ereignisse, die die Einstellung zum Tode bleibend beeinflußt haben. In „Der bedachte Tod“ geben Kunstgeschichtler, Philosophen, Theologen und Literaturwissenschaftler Auskunft über verschiedene Todesbilder in vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaften. In „Der erforschte Tod“ stehen naturwissenschaftliche und psychologische Fragestellungen im Vordergrund. In „Der alltägliche Tod“ wird über den Zusammenhang von Alter und Tod reflektiert. Das letzte Kapitel („Das begleitende Sterben“) ist Fragen zur Sterbehilfe und Sterbebegleitung vorbehalten. Der Band enthält zahlreiche Abbildungen zum Thema.Google Scholar

3. Anthropologie/Soziologische Theorie/Gesellschaftstheorie 3.1 Klassiker der Soziologie

  1. 20.
    Groethuysen, Bernhard: Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung in Frankreich, Bd.1, Frankfurt/M. 1978 (1927). Groethuysen behandelt das Todesthema im Kontext seiner Studien zur Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung im katholischen Frankreich. Dieser Prozeß stellt sich als ein umfassender Säkularisierungsprozeß dar, in dessen Verlauf es zur strukturellen Ablösung religiöser durch säkulare Weltbilder kommt. Groethuysen weist nach, daß sich allein der Tod der auf das Diesseitige ausgerichteten, den schöpferischen Menschen in den Mittelpunkt stellenden bürgerlichen Weltauffassung entzieht. Der Tod blieb dem Einflußbereich der Kirche weiterhin unterworfen. Sie setzte den Gedanken der Vergänglichkeit des Lebens ein, um den Menschen die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit des Lebens vorzuführen, was ihn zu einer gottgefälligen Lebensführung veranlassen sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, schilderten die Prediger der Kirche immer wieder die Grausamkeit der Höllenqualen, die jeden Ungläubigen am Ende seiner Tage erwarten. Die Furcht vor der Hölle löste das eigentliche Problem des Todes ab. Diese Höllenfurcht, gepaart mit der Auferstehungshoffnung, sollte die Gläubigen an die Kirche binden. So sicherte sich die Religion, ihrer Monopolstellung verlustig gehend, zumindest das Monopol der Sinngebung des Todes. Alle Mündigkeits- und Autonomiebestrebungen des Bürgertums versagten angesichts der Frage der Sinngebung des Todes. Doch in the long run reichten allein die Schilderung der Höllenqualen als Sicherung der Machtstellung der Kirche nicht aus. Gerade ihre Konzentration auf diese Frage machte die Kirche zunehmend unglaubwürdig. Doch konnte das Bürgertum die religiöse Todesvorstellung nicht einfach durch ein aufgeklärtes, profanes Todesverständnis ablösen. Es bleibt eine Leerstelle in dem auf Sicherheit und Rationalität ausgerichteten bürgerlichen Tod. „Das Problem des Todes hat keine Lösung gefunden. In dem sonst so klaren Bild, das das bürgerliche Bewußtsein geschaffen hat, bleibt etwas Dunkles, Unbekanntes . „ (13 8) Und man darf anfügen, daß die Versuche bis heute andauern, dieses Dunkle und Rätselhafte zu überwinden. So ist das religiöse Todesbild nicht durch ein gesamtgesellschaftlich wirksames, profanes Todesbild abgelöst worden; vielmehr halten sich bis heute beide die Waage. Statt die Lücke zu füllen, die durch die Monopolstellung entstanden ist, ist der Tod aus dem Bewußtsein des modernen Menschen verdrängt worden.Google Scholar
  2. 21.
    Simmel, Georg: Metaphysik des Todes (1910/11) In: Ders .: Brücke und Tor. Hg. von Michael Landmann. Stuttgart 1957, 29–36.Google Scholar
  3. 22.
    Simmel, Georg: Tod und Unsterblichkeit. In: Ders.: Lebensanschauung. Vier metaphysische Kapitel. München und Leipzig 1918, 99–153, wiederabgedruckt in: ders.: Das Individuum und die Freiheit, Essays. Berlin 1984.Google Scholar
  4. 23.
    Simmel, Georg: Rembrandt. Ein kunstphilosophischer Versuch. München 1985, 89–100. Im Mittelpunkt dieser Betrachtungen Simmels steht die These, daß der Tod nicht als eine dem Leben feindlich gegenüberstehende Macht anzusehen ist, der dem Leben plötzlich ein Ende bereitet. Vielmehr sei der Tod von Anfang an mit dem Prinzip des Lebens untrennbar verknüpft. Zwar ist der Tod gleichsam der Gegensatz des Lebens, doch entsteht er aus dem Leben selbst. In diesem unauflöslichen Zusammenhang von Leben und Tod sieht Simmel die Einsicht Hegels bestätigt, „daß jedes Etwas seinen Gegensatz fordert [...], ohne das dieses Etwas überhaupt seinen spezifischen Sinn und Form (sic!) nicht hätte.“ Auch das Sterben ist nicht ein das Leben besiegelnde, sondern eine das Leben permanent begleitende Tatsache, der dem Leben von Anbeginn seine Form verleiht. Die Frage nach der Sterblichkeit des Einzelnen wird bei Simmel unmittelbar mit dem Grad an Individualisierung verglichen, der in einer Gesellschaft erreicht worden ist: „Der Typus [...] stirbt nicht, aber das Individuum stirbt. Und je individueller also der Mensch ist, desto ‘sterblicher’ ist er, denn das Einzige ist eben unvertretbar und sein Verschwinden ist deshalb um so definitiver, je mehr es einzig ist. „ (1985/97) „Wer aber einzig ist, wessen Form mit ihm vergeht, der allein stirbt sozusagen definitiv: in der Tiefe der Individualität als solcher ist das Verhängnis des Todes verankert. „ (1985/98) „Das individuelle Wesen stirbt am gründlichsten, weil es am gründlichsten lebt. „ (1985/99) Eine individualisierte Kultur scheint also die „Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod“ (1985/98), die Simmel bei manchen Völkern ausmacht, nicht zuzulassen. Spezifisch für das Leben des Menschen ist die Mischung aus dem Wissen über die Tatsache des Todes und das Nichtwissen des Todeszeitpunkts. Dabei gelten Arbeit und Ruhe, Erwerben und Genuß als Flucht vor der Tatsache des Todes. Erst da, wo die Individuen unterschieden sind, entsteht nach Simmel die Frage der Sterblichkeit, die vormodernen Gesellschaften in der Frage nach der Unsterblichkeit der Gattung noch nicht aufkam. Mit dem Grad der Individualisierung, die Simmel als Gradmesser für die Höhe der Entwicklung einer Gesellschaft bestimmt, entsteht das Bewußtsein der Endlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens: „Nur das Individuum stirbt vollständig“, womit „der Tod der Preis ist, den wir für die Höhe differenzieller Entwicklung zahlen müssen“ (1918/134). Diese „Immanenz des Todes im Leben“ (1985/92), die Simmel so herausarbeitet und in seinem Rembrandt-Buch noch einmal komprimiert darstellt, scheinen Simmel die „Rembrandt-Porträts“ zu verkünden. Wie sehr für Simmel Individualität, Leben und Tod eine untrennbare Einheit darstellen, wird besonders an seinem Abschlußsatz über den Tod bei Rembrandt deutlich: Im Rembrandtaufsatz artikuliert Simmel noch deutlicher, daß der Tod durch die Vorstellung des Todes als eine das Leben von Außen bedrohende Macht den Charakter des Grausigen und Beklagensmäßigen erhält, „gegen das man entweder heroisch rebelliert, oder dem man sich lyrisch unterwirft, oder mit dem man innerlich nichts zu tun hat“ (91). Wenn der Tod dagegen als ein Element des Lebens selbst angesehen wird, verliert er offenbar auch seinen bedrohlichen Charakter, und eine gelassenere Haltung gegenüber dem Tod scheint möglich zu werden, die impliziert, daß man dem Tod weder mit Auflehnung noch mit Unterwerfung, aber auch nicht mit Gleichgültigkeit begegnet. Vielmehr ist der Tod als eine das Leben formende Kraft anzusehen, ohne die das Leben nicht so wäre, wie wir es kennen. Während für Simmel die erste Auffassung des Todes in den „Totentänzen“ seine künstlerische Umsetzung erfährt, stehen die Rembrandtporträts für die Vorstellung des Todes als die das Leben von Anbeginn begleitende Kraft. „Faßt man also den Tod nicht als ein draußen wartendes, gewalttätiges Wesen, ein erst in einem bestimmten Moment über uns kommendes Schicksal, begreift man vielmehr seine unlösbar tiefe Immanz im Leben selbst, so ist der aus so vielen Rembrandtporträts heimlich hervordunkelnde Tod doch nur ein Symptom davon, wie unbedingt sich in seiner Kunst gerade das Prinzip des Lebens mit dem der Individualität verbindet.“ (99f.)Google Scholar
  5. 24.
    Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 71988, 582–613.Google Scholar
  6. 25.
    Weber, Max: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen 91988, 536–573 (11920). Weber hat sich nicht wie sein Zeitgenosse Georg Simmel in einem eigenständigen Aufsatz dem Thema Tod und Sterben gwidmet. Nur mit ein paar verstreuten Bemerkungen geht er auf das Thema ein. In seiner berühmten Zwischenbetrachtung bestimmt Weber Sterben und Tod als ein allgemeines Menschenschicksal, „welches jeden ereilt, ohne daß je gesagt werden könnte, warum gerade ihn und gerade jetzt“ (1920/548) . Immerhin aber konnte der Bauer, der feudale Grundherr und auch der Kriegsherr noch „lebenssatt“ sterben wie Abraham, während der gebildete, nach Selbstvervollkommnung strebende Kulturmensch vielleicht „lebensmüde“ stirbt, nicht aber mehr lebensgesättigt im Sinne der vollendeten Ausschöpfung aller seinem Leben zugrundeliegenden Möglichkeiten. Dies begründet Weber mit einer Gedankenfigur, die an Simmels These der zunehmenden Entkoppelung von subjektiver und objektiver Kultur erinnert. Weil der einzelne nur noch einen Bruchteil der permanent steigen den Anzahl an Kulturgütern, an Gedanken, Wissen und Problemen erfassen kann, ist er mit seinem Leben nie „fertig“ . Immer gäbe es noch eine Vielzahl von Kulturinhalten zu schaffen oder anzueignen. Die Kulturgüter sprengen gleichsam in einem stetig wachsenden Maße die Aufnahmekapazitäten eines jeden endlichen Lebens. Zwar ist eine vollständige Deckung von Gesamtkultur und angeeigneter individueller Kultur gar nicht denkbar, doch das sich stetig vergrößernde Ungleichgewicht verstärkt die Sinnlosigkeit des gesamten Unterfangens. Hinter dieser Argumentation steht die recht kühne These: Durch die Sinnlosigkeit des Todes wird letztlich auch das Leben selbst sinnlos. Eine Ausnahme stellt für Weber der Tod im Krieg oder im Beruf dar, bei dem der Einzelne zumindest glauben kann, nicht ganz sinnlos, weil für etwas, gestorben zu sein. Dieser Glaube kann bei einzelnen so stark sein, daß sich die Frage nach dem allgemeinen Sinn des Todes gar nicht mehr stellt. Von großer Aktualität sind die Bemerkungen Webers am Ende des Aufsatzes „Wissenschaft als Beruf“ zum Thema Lebensverlängerung. Er problematisiert dort den unbedingten Auftrag der Mediziner Leben zu retten und Leiden zu mildem, ohne danach zu fragen, ob und wann das Leben lebenswert ist. Die Mediziner antworten auf die Frage nach den technischen Möglichkeiten der Lebensverlängerung, kümmern sich aber nicht um die Frage nach dem Sinn dieser Möglichkeiten.Google Scholar

3. Anthropologie/Soziologische Theorie/Gesellschaftstheorie 3.2 Anthropologie

  1. 26.
    Huntington, Richard/Metcalf, Peter: Celebrations of death. The anthropology of mortuary ritual. Cambridge 1979. Die Autoren konstatieren ein neues Interesse am Thema Tod: Es gibt Seminare, Kurse und Talkshows zum Thema Sterben und Tod; eine neue Disziplin, die Thanatologie etabliert sich. Sie kritisieren jedoch die ethnozentrische Blickverengung der breit gefächerten Diskussion. Sträflich vernachlässigt würden die Rituale, Sitten und Gebräuche rund um den Tod in nicht-westlichen Kulturen. Auch die Literatur zur Anthropologie des Todes erscheint ihnen recht mager. Grund genug für die Autoren, dieses Desiderat zu füllen. Sie analysieren Todessymboliken und -rituale aus verschiedenen Kulturen wie etwa Borneo, Madagaskar und dem alten Ägypten, wobei immer wieder zu den klassischen ethnographischen Untersuchungen von A. Van Gennep und R. Hertz Bezug genommen wird. Abschließend thematisieren sie die verschiedenen Bestattungsriten im heutigen Amerika. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, daß die verschiedenen Bestattungsarten weniger irrational sind als sie auf den ersten Blick erscheinen mögen und von manchen Kritikern der amerikanischen Gesellschaft beobachtet worden sind; hier versteht sich der Beitrag von Huntington und Metcalf als direkte Antwort auf das populäre Buch von Jessica Mitford: „Der Tod als Geschäft“ . Die Autoren halten dagegen, daß die Bestattungspraktiken der Amerikaner in direktem Bezug zu den Vorstellungen über das Leben und den Wert des Individuums stehen, somit ebenso kulturell verankert sind wie die primitiven Rituale auch.Google Scholar
  2. 27.
    Scheler, Max: Tod und Fortleben. In: ders.: Schriften aus dem Nachlaß, Bd. 1, hg. von Maria Scheler. Bern 21957, 9–64; wiederabgedruckt in: ders.: Die Zukunft des Kapitalismus und andere Aufsätze. München 1979, 7–71. Max Scheler vertritt in diesem um 1914 entstandenen Aufsatz die Auffassung, daß jedem Menschen, ja sogar jedem Lebewesen, eine intuitive Todesgewißheit mitgegeben ist. Damit tritt er einer Auffassung entgegen, nach der wir das Wissen um den Tod erst erlernen müssen, etwa durch die Beobachtung des Sterbens unserer Mitmenschen. Doch dieses Bewußtsein vom eigenen Tod wird durch das geschäftige moderne Leben zunehmend verdrängt. Durch die Anforderungen des Erwerbs- und Arbeitslebens kommt es zu einer sozialen Verdrängung des Todes. Von dieser unterscheidet Scheler eine natürliche Verdrängung des Todes, die notwendig ist, weil nur sie es dem Menschen erlaubt, eine gewisse Ruhe und Heiterkeit in sein Leben zu bringen. Die aus der Beschäftigungsart und Lebensweise des modernen Menschen resultierende Verdrängung des Todes jedoch ist es, die den Glauben an ein Fortleben, eine Fortdauer des Lebens über den Tod hinaus und damit an die Unsterblichkeit verhindert. Die Idee der Fortdauer des Lebens gewinnt Scheler dabei aus der Trennung von Geist und Leib. Danach weist der Geist über die leibgebundene Existenz hinaus. Doch der geistige Überschuß der Person ist nur in einem Leben „angesichts des Todes“ zu erfahren; ein Leben, das in der Moderne mehr und mehr unmöglich gemacht wird, weil die Lebensimmanenz des Todes nur mehr kognitiv gewußt, nicht aber mehr erfahren wird.Google Scholar
  3. 28.
    Wulf, C.: Körper und Tod. In: Kamper, Dietmar/Wulf, Christoph (Hg.): Die Wiederkehr des Körpers. Frankfurt 1982, 259–273. Dieser Beitrag bietet einen kurzen Abriß der Todesvorstellungen, wie sie sich im Laufe der Menschheitsgeschichte historisch herausgebildet haben. Von den Neandertalern über das Mittelalter bis in unsere Gegenwart verfolgt Wulf aus anthropologischer Sicht den Wandel in den Einstellungen der Menschheit zu ihrem Tod, die, so die grundlegende These, das jeweilige Verständnis des Körpers bestimmen. Um diese These zu illustrieren, wird insbesondere auf die Arbeiten von Ariés, Baudrillard und Foucault Bezug genommen.Google Scholar
  4. 29.
    Ziegler, Jean: Die Lebenden und der Tod. Frankfurt/M., Berlin, Wien 1982 (11977). Die vorliegende Untersuchung besteht aus zwei großen Teilen; im ersten Teil wird die Todespraxis der westlichen Industriegesellschaften dargestellt, der zweite Teil schildert die auf das Sterben und Tod bezogenen Mythen und Riten der in Brasilien lebenden Nago-Yoruba-Stämme. Aus diesem Vergleich ergibt sich: Die Stammesgesellschaften vermitteln ihren Mitgliedern eine Sinngebung des Todes und des Sterbens, da sie den Tod nicht als absolutes Ende, sondern als Übergang in eine andere Existenzform verstehen. In den modernen, kapitalistischen Gesellschaften des Westens dagegen wird der Tod verdrängt, geleugnet und gefürchtet; er erscheint als sinnlos. Doch steht diese Tabuisierung bzw. Leugnung des Todes im Dienste einer weitreichenderen Verschleierungsstrategie, deren sich die herrschenden Klassen bedienen, um das System der Ungleichheit zu erhalten. Da die Sinnlosigkeit des Todes unmittelbar auf die Herrschaft der kapitalistischen Warengesellschaft zurückgeführt wird, hält der Autor einen sinnvollen Umgang mit Sterbenden in diesen Gesellschaften für undenkbar. Erst eine Revolution, so die Überzeugung des Autors, könnte die Bedingungen für ein menschenwürdiges Sterben schaffen.Google Scholar

3. Anthropologie/Soziologische Theorie/Gesellschaftstheorie 3.3 Soziologische Theorie/Gesellschaftstheorie

  1. 30.
    Backer, Barbara A./Hannon, Natalie/Russel, Noreen A.: Death and dying. Individuals and institutions. New York u.a. 1982. Der vorliegende Band versucht die versprengten Ergebnisse der Thanatologie aus den Bereichen der Soziologie, der Psychologie und der Medizin mit einem interdisziplinären Zugriff zu integrieren. Dabei wird ein umfassender Überblick über alle zentralen Aspekte der Thanatologie gegeben. Die Autorinnen behandeln verschiedene Wahrnehmungsweisen und Einstellungen gegenüber Sterben und Tod, geben einen Überblick über den Sterbeprozess, untersuchen das Sterben im Krankenhaus und die Probleme bei der Pflege der sterbenden Patienten, gehen der Rolle der Krankenschwestern und Pflegern nach, wobei auch die Interaktion zwischen Patienten und Pflegepersonal analysiert wird; sie thematisieren die Einstellung von Kindern zu Sterben und Tod und prüfen deren Reaktionen bei Todesfällen, erkunden die Reaktionen von Familien beim Tod eines Kindes, reflektieren die ethische Dimension von Sterben und Tod angesichts von Suizid und Euthanasie, erforschen die Funktion von Beerdingungen und Beerdingungsriten und schildern Schmerz- und Trauerprozesse bei den Hinterbliebenen. Jedes Kapitel schließt mit einer kurzen Zusammenfassung der Ergebnisse und einigen wiederholenden und weiterführenden Fragen zum Vorangegangenen, was der Studie den Charakter eines Arbeitsbuches verleiht. Darüberhinaus enthält jedes Kapitel nicht nur Literaturhinweise, sondern auch Verweise auf visuelle Medien zum jeweiligen Thema. Mit dieser didaktischen Aufbereitung der zahlreichen behandelten Themen wollen die Autorinnen Studenten der Pflegewissenschaft, der Soziologie, der Psychologie und der Medizin ein praktisches Handbuch an die Hand geben, das einen schnellen Überblick über das jeweilige Thema verschafft.Google Scholar
  2. 31.
    Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod. München 1982. Baudrillard greift in seiner Auseinandersetzung mit dem Thema Tod eine grundlegende These von Michel Foucault auf: Gesellschaften konstituieren sich über Auschließungsmechanismen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen stigmatisieren und an die Peripherie der Gesellschaft drängen: die Wahnsinnigen, die Alten, die Kinder, die „niederen“ Rassen usw. Doch eine Ausschließung, so Baudrillards These, geht allen anderen voran: die Ausschließung des Todes und der Toten. Die Toten sind in den modernen Gesellschaften — anders als in den vormodernen — nicht mehr anwesend, es findet kein symbolischer Austausch zwischen ihnen und den Lebendigen mehr statt. Die Einheit von Lebenden und Toten ist irreversibel durchbrochen und über die Aufrechterhaltung dieser Grenze wacht die Macht. Sie begründet sich primär durch die Manipulation und Verwaltung des Todes. Dies ist für Baudrillard in erster Linie ein Sieg des Ökonomischen über das Symbolische: Die Operation des Ökonomischen besteht darin, den Tod vom Leben zu trennen, während die Operation des Symbolischen darin besteht, dem Leben den Tod zurückzugeben. Aus seinen Überlegungen zum Stellenwert des Todes in „primitiven“ Gesellschaftsformen, zum Zusammenhang von politischer Ökonomie und Tod, zur Todesstrafe, zum Todestrieb in der Psychoanalyse Freuds, zur Todestheorie Batailles und zum Konzept des biologischen und des natürlichen Todes zieht Baudrillard am Ende den Schluß, daß dem mächtigen System des aufgeschobenen Todes, auf den alle Anstrengungen unserer Kultur hinauslaufen, nur mit dem unmittelbaren und plötzlichen Tod begegnet werden kann. Baudrillard spricht dem Suizid, dem Terror und dem Opfertod eine subversive Kraft zu, wenn es darum geht, die gigantische Kultur des Todes, die uns umgibt, quasi mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: der Verwaltung des Todes mit der Subversion des Todes zu beantworten. (Stefan Breuer hat in seiner Rezension dieses Buches vorgeschlagen, diesen Aufruf zur Todesrevolte nicht als nihilistisches Bekenntnis, sodern als Aufschrei eines „verzweifelten Humanismus“ zu lesen, „der die Herabsetzung des Menschen zur Umwelt des Systems nicht hinnehmen will und deshalb das letzte Humanum mobilisiert, das vom System noch nicht völlig integriert ist — den Tod. „ (480) [Breuer, Stefan: Strukturales Wertgesetz und Todesrevolte. Skeptische Anmerkungen zu Jean Baudrillard. In: Merkur (1984), 477–482.]Google Scholar
  3. 32.
    Bauman, Zygmunt: Tod, Unsterblichkeit und andere Lebensstrategien. Frankfurt/M. 1994. Bauman möchte mit diesem Beitrag keine Soziologie des Sterbens, des Todes und des Trauerns vorlegen, die — seit der Tod „den Fängen der langanhaltenden Verschwörung des Schweigens entkommmen konnte“ (7) — in den letzten Jahren zu einem festen Bestandteil der Sozialwissenschaften herangereift sei. Vielmehr will Bauman, statt den zahlreichen Beiträgen zu einer Spezialdisziplin einen weiteren hinzuzufügen, „die Anwesenheit des Todes“ (8) auf allen Ebenen des menschlichen Lebens entdecken. Für Bauman kann das Faktum der menschlichen Sterblichkeit und die jeweilige Bearbeitung des Wissens um die Sterblichkeit zur Klärung zentraler Aspekte der sozialen und kulturellen Organisation aller Gesellschaften beitragen. Alle uns bekannten Kulturen lassen sich Bauman zufolge als konkurrierende Möglichkeiten verstehen, mit der Tatsache der Sterblichkeit und dem Wissen darum umzugehen. In der einen oder anderen Weise sind sie alle darauf ausgerichtet, diese dem Leben scheinbar den Sinn nehmende Tatsache zur primären Quelle für den Sinn des Lebens umzuarbeiten. Sterblichkeit ebenso wie Unsterblichkeit werden so zu möglichen Lebensstrategien, die historisch einmal eher in die eine, ein anderes mal mehr in die andere Richtung ausschlagen. Die Tatsache der Sterblichkeit zu verarbeiten wandelt sich im Laufe der Zeit und ist kulturspezifiisch. Gegenwärtig sieht Bauman zwei Strategietypen, die gleichzeitig angewendet werden: Der moderne und der postmoderne Typus. Der moderne Typus ist auf den Kampf gegen den Tod, gegen Krankheiten und andere Bedrohungen des modernen Lebens ausgerichtet, womit der Tod zu einer stets präsenten und nicht erst am Ende des Lebens auftretenden Erscheinung wird. Das nennt Bauman Dekonstruktion der Sterblichkeit. Der zweite, postmoderne Typ dagegen will den Tod zu einem Verschwinden machen und das Leben in eine permanente tägliche Einübung in die allgemeine Sterblichkeit umwandeln — der täglich geprobte Tod. Die postmoderne Strategie trägt dazu bei, den Tod aus dem Verborgenen zu holen und in das alltägliche Leben zu integrieren, womit sie ihm seinen Schrecken nimmt. Das nennt Bauman Dekonstruktion der Unsterblichkeit. Da sich das ganze Leben aus flüchtigen Begegnungen zusammensetzt, nichts mehr von Dauer ist, gewinnt der postmoderne Mensch eine gewisse Routine im Umgang mit Trennungsprozessen, was dem Tod seinen letzten und endgültigen Status nimmt. Dadurch verliert er seinen modernen Status des ganz Anderen des Lebens. Mit dieser These will Bauman nebenbei das unsinnige Unterfangen einer zeitlichen Abgrenzung von Moderne und Postmoderne untermauern, indem er zeigt, daß es gleichzeitig bestehende Lebensstrategien gibt. Diese Studie lebt von der Auseinandersetzung mit einer ganzen Reihe von nahezu klassischen Publikationen aus der Soziologie des Todes und des Sterbens.Google Scholar
  4. 33.
    Elias, Norbert. Über die Einsamkeit der Sterbenden. Frankfurt/M. 71991 (11982). Elias behandelt in seiner Studie das Problem der Sterbenden im Rahmen seiner allgemeinen Zivilisationstheorie. Ebenso wie die Sexualität ist das Sterben zunehmend hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens verbannt worden und aus der Öffentlichkeit verschwunden. Die mit dem Zivilisationsprozeß einhergehende Individualisierung des Sterbens führt zur Isolierung und Vereinsamung der Sterbenden, doch Elias warnt — mit dem Verweis auf Philippe Ariès — vor dem romantisierenden Rückblick auf den Umgang mit Sterbenden in traditionalen Gesellschaften, indem er an die Gewaltsamkeit des Todes und die weit höhere Zahl des schmerzvollen Sterbens mangels medizinischer Möglichkeiten in jenen Zeiten erinnert. Statt also in vergangenen Epochen den „richtigen“ Umgang mit dem Tod zu suchen, geht es Elias um eine nüchterne Rekonstruktion des Umgangs mit dem Tod in unterschiedlichen Gesellschaften. Dabei kann es in der Perspektive von Elias nicht darum gehen, die zunehmende Individualisierung des Todes rückgängig machen zu wollen. Vielmehr sollen die Folgeprobleme der Isolierung und Einsamkeit durch freundschaftliche Begleitung der Sterbenden gelindert werden. Zusätzlich empfiehlt Elias eine verstärkte Kommunikation über den Tod, die dem Tod das Geheimnisvolle und damit Angsterzeugende nehmen könnte.Google Scholar
  5. 34.
    Feldmann, Klaus: Sterben heute — Selbstverständlichkeit oder Kunst? In: Ziegler, Meinrad/Mörth, Ingo/Hummer, Hubert (Hg.): Sterben, Tod, Trauer. Linz 1989, 29–61. In diesem Beitrag wird davon ausgegangen, daß unserer Sprache eine ausgeprägte Begrifflichkeit fehlt, mit der die Vielfalt der Geschehnisse rund um das Thema Sterben und Tod ausgedrückt werden kann. Um diese Begriffsarmut zumindest zum Teil zu beheben, untergliedert Feldmann das Sterben in ein physisches, ein psychisches und ein soziales Sterben. Während sich das erste Sterben allein auf den Körper bezieht, berührt das zweite die personale, der dritte die soziale Identität. Der Tod muß sich nicht auf allen Ebenen gleichzeitig einstellen. Vielmehr geht Feldmann davon aus, daß sich Leben und Sterben in diesen Dimensionen relativ unabhängig voneinander vollzieht. Feldmann geht es besonders darum, die Dimension des sozialen und psychischen Sterbens in modernen Gesellschaften hervorzuheben, vor dem die Angst vieler Menschen ausgeprägter sei als vor dem physischen Tod: Sie fürchten Statusverlust und Ich-Schwächung. Ausführlich setzt sich der Verfasser mit der These von der Verdrängung des Todes (vgl. Nassehi/Weber 1989) und dem Konzept des natürlichen Todes (vgl. Fuchs 1969) auseinander, die ihm beide nicht als taugliche Konzepte für eine Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit unserer Tage erscheinen. Dagegen hält er ein Konzept, das die Wechselseitigkeit von Individualisierungs- und Bürokratisierungsprozessen betont, mit dem die Gegebenheiten von Sterben und Tod beschrieben werden sollen, ohne den nostalgischen Blick in ferne Zeiten. Anschließend wagt der Autor Prognosen über die Zukunft von Sterben und Tod. Eine Kunstlehre des Sterbens, eine ars moriendi, wie es sie in früheren Zeiten gegeben hat, ist nicht in Sicht. Auch hier versucht der Autor Abhilfe zu schaffen: Spätestens an diesem Punkt des Beitrags sollte der soziologisch interessierte Leser eigentlich mit einer kleinen Hinweistafel, die die Aufschrift trägt: „Achtung, Achtung! Sie verlassen den soziologischen Sektor!“ gewarnt werden. Feldmann nämlich fühlt sich berufen, „Ratschläge der frommen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts für säkularisierte moderne Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts“ zu übertragen. Und das liest sich dann etwa so: [Original] Beende jede Stunde mit einem Ave Maria. [Feldmann:] Überlege regelmäßig, ob Du gemäß Deinen Zielen gehandelt hast. [O] Wenn Du in Dein Bett steigst, so denke daran, daß vielleicht auch Deine Leiche in dieses Laken eingewickelt wird. [F :] Wenn Du in Dein Auto steigst, so denke daran, daß vielleicht noch heute Deine Leiche aus dem Wrack gezogen werden kann usw.“Mit diesem kleinen Katechismus über die Kunst des Sterbens für den modernen Menschen, wie man Feldmanns Ratschläge vielleicht nennen könnte, endet dieser eigenwillige Beitrag.Google Scholar
  6. 35.
    Feldmann, Klaus: Tod und Gesellschaft. Eine soziologische Betrachtung von Sterben und Tod. Frankfurt/M. u.a. 1990. Die vorliegende Arbeit bietet eine systematische Darstellung aller soziologisch relevanten Probleme zum Thema Tod und Sterben, die aufgrund ihres leicht verständlichen Schreibstils und der breiten Palette von Themen — Totenkult, Todesverdrängung, Todesideologien, Trauerrituale, Sterben im Krankenhaus, Lebensverlängerung, Mord, Euthanasie, Genozid, Suizid, Krieg — auch als Einführung in die Thanato(sozio)logie gelesen werden kann. Dabei versucht der Autor, den Wandel im Umgang mit dem Tod vor dem Hintergrund des Modernisierungsprozesses verständlich zu machen: Anders als in traditionalen Gesellschaften wird in modernen Gesellschaften jedem einzelnen die Last der Einsicht in die eigene Sterblichkeit zugemutet (Individualisierung), für deren Bewältigung sich ein ganzer Markt von professionellen Sinnstiftern anbietet (Bürokratisierung). Doch Feldmann geht es keineswegs um eine kulturpessimistisch motivierte Verdammung des in modernen Gesellschaften zunehmend „privatisierten“ und ins „Abseits“ von Institutionen verlegten Sterbens, für das sich etwa die Hospizbewegung als Alternative anbietet, sondern um den Nachweis, daß sich das Sterben nicht allein auf die Endphase des Lebens bezieht, sondern als ebenso variationsreich und multiperspektivisch wie das Leben anzusehen ist. Mit dieser Ansicht verfolgt der Autor anscheinend das Ziel, der zunehmenden Verdrängung des Todes entgegenzusteuern: Wenn der Tod erst wieder im Alltag verankert wäre, könnte er nicht mehr erfolgreich verdrängt werden.Google Scholar
  7. 36.
    Feldmann, Klaus/Fuchs-Heinritz, Werner (Hg.): Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Beiteräge zur Soziologie des Todes. Frankfurt/M. 1995. Enthält die folgenden Beiträge: Klaus Feldmann und Werner Fuchs Heinritz, Der Tod als Gegenstand der Soziologie. Einleitung; Werner Fuchs-Heinritz, Auguste Comte: Die Toten regieren die Lebenden; Dénes Némedi, Das Problem des Todes in der Durkheimschen Soziologie; Alois Hahn, Tod und Zivilisation bei Georg Simmel; Constans Seyfarth und Gert Schmidt, DerTod als Thema bei Max Weber; Gerhard Wagner und Volker Krech, „Keine Zeit mehr haben“ . Einige Überlegungen im Anschluß an Max Schelers Theorie des Todes; Klaus Feldmann, Leben und Tod im Werk von Talcott Parsons; Friedhelm Guttandin, Der Schrecken des Todes. Zur Institutionenlehre Arnold Gehlens; Armin Nassehi, Ethos und Thanatos. Der menschliche Tod im Denken Michel Foucaults.Google Scholar
  8. 37.
    Ferber, Christian von: Soziologische Aspekte des Todes. Ein Versuch über einige Beziehungen der Soziologie zur Philosophischen Anthroplogie. In: Zeitschrift für evangelische Ethik 7 (1963), 338–360; wiederabgedruckt in: Christian und Liselotte von Ferber: Der kranke Mensch in der Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg 1978, 45–70. Ferber versucht den Tod zum „Kardinalthema“ der Soziologie zu erheben, weil er eine Nahtstelle darstellt, „an der sich Individuum und Gesellschaft unausweichlich begegenen“ . Orientiert an der Philosophischen Anthropologie (Plessner u. a.) und mit deutlich gesellschaftskritischem Impetus spricht von Ferber dem Tod eine befreiende Macht zu. Die Erinnerung an den Tod soll die im Laufe der bürgerlichen Entwicklung sich vollziehende Verdrängung und Privatisierung des Todes, die er nachzuzeichnen versucht, rückgängig machen. Eine Bewußtmachung des Todes könnte als Generator der Emanzipation der Individuen fungieren. Dazu klagt von Ferber eine Kommunikabilität des Todes ein.Google Scholar
  9. 38.
    Finch, Janet/Wallis, Lorraine: Death, inheritance and the life course. In: Clark, David (ed.): The sociology of death and dying. Oxford 1993, 50–68. Die beiden Autorinnen wählen einen ungewöhnlichen Zugang zum Thema Tod und Sterben. Ihnen geht es um den Zusammenhang von Tod, Erbschaft und Lebenslauf. Mit der Einführung der Erbschaft in den Problembereich von Tod und Sterben wollen sie auf die in der Soziologie des Todes oft vernachlässigte materielle Dimension des Todes hinweisen. Die Erbschaft gilt ihnen als eine der sozial konstituierten Möglichkeiten der Antizipation des Todes. Die letzte Etappe innerhalb eines Lebenslaufs wird in verschiedener Fom antizipiert; Erbschaft ist eine der möglichen Formen. Soziologisch interessant, so die Autorinnen, ist es zu fragen, wann wie und warum Individuen den Tod antizipieren und welche Konsequenzen dies für ihren weiteren Lebensverlauf hat. Die Soziologie des Lebenslaufs zeigt, daß es für ganz bestimmte Lebensübergänge die „richtige Zeit“ gibt, in der diese absolviert werden sollen. Solche Vorstellungen sind kulturell geprägt und normativ aufgeladen. Auch bezogen auf den Tod gibt es Vorstellungen von der richtigen Wahl des Todeszeitpunktes. Eine keineswegs selbstverständliche, in unserem Kulturkreis aber allgemein anerkannte normative Regel besagt beispielsweise, daß die Eltern vor ihren Kindern zu sterben haben.Google Scholar
  10. 39.
    Fuchs, Werner: Todesbilder in der modernen Gesellschaft. Frankfurt/M. 1969. Fuchs legt mit seiner Untersuchung den ersten systematischen, theoretisch orientierten Beitrag der Soziologie zum Thema Tod und Sterben im deutschsprachigen Raum vor. Ausgehend von der Beobachtung, daß es in modernen Gesellschaften kein allgemeinverbindliches Todesbild gibt, zeigt der Autor einerseits, wie archaische Todesbilder ‘primitiver’ Kulturen (Tod als Gewaltakt; die Angst vor den Toten; Tod nicht als Ende, sondern als Übergang des Lebens) am Leben erhalten werden und andererseits, welche gesellschaftlichen Faktoren die Durchsetzung der modernen Idee des natürlichen Todes (biologisches Verlöschen der Lebenskräfte, Verwesung statt Weiterexistenz) verhindern. Der normativen Idee des natürlichen Todes wird ein gesellschaftskritisches Potential zugesprochen: Die Tatsache, daß auch heute die meisten Menschen nicht am Ende ihrer biologischen Lebenskräfte sterben, dient der Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen, die einen gewaltfreien Tod nicht erlauben.Google Scholar
  11. 40.
    Fuchs, Werner: Todesbilder und Biographie. In: Eisenberg, G./Gronemeyer, H. (Hg.): Der Tod im Leben. Gießen 1985, 43–58. In diesem Beitrag wird auf eine bisher kaum sozialwissenschaftlich untersuchte Beziehung zwischen dem Wandel der Todesbilder und dem Auftreten der Biographie aufmerksam gemacht, obwohl die Zusammenhänge, so Fuchs, auf der Hand liegen: Die Auffassung vom Tod als Station im Lebenslauf oder als Ende des Lebenslaufs hat gravierende Auswirkungen auf die Auffassungen vom Leben, das Individualitätsverständnis, mithin für die Biographie, verstanden als sinnhafte Konstruktion eines Lebenslaufs. Außerdem entstammen zahlreiche Biographiegeneratoren der religiösen Vorstellungswelt: von der Grabinschrift über das Testament und die Todesanzeige bis zur Beichte als Grundform biographischer Bekenntnisse. Die Durchsetzung der bürgerlichen, weltlich-individualistischen Lebensauffassung ist der entscheidende Anstoß für die Verbreitung autobiographischen Schreibens ebenso wie für die Verbreitung säkularisierter Todesbilder. Anhand der Studien von Ariès zeichnet Fuchs die Individualisierung des Todes nach: Der Tod wird zunehmend als das Ende des Lebens, nicht als Übergang in ein anderes verstanden. Damit entsteht die Notwendigkeit für die Individuen, ihr Leben als eine einzelne Episode ohne heilsgeschichtliches Netz und kollektiven Boden erzählen und mit Sinn versehen zu müssen. Gleichzeitig ist es im Zuge dieser Individualisierung des Todes zur Erwartbarkeit einer längeren Lebensdauer und eines natürlichen Todes im hohen Alter gekommen, wodurch der Tod am Ende des Lebens seinen Schrecken und seine Fremdheit verloren hat. Doch Fuchs räumt ein, daß es eine weit verbreitete Sehnsucht nach einem friedlichen, gleichsam in Abwesenheit sich vollziehendes Verlöschen gibt, die für einen Rest an Fremdheit des Todes spricht. Dies läßt es fraglich erscheinen, den Tod als ein ebenso erwartbares Ereignis wie das Verlassen der Schule, die Heirat usw. zu behandeln, wie es die Lebenslauftheorie nahelegt. Trotzdem aber kann von einer weitgehenden Akzeptanz des natürlichen Todes und der Beseitigung des frühzeitigen Todes, auf die sich die Ängste hauptsächlich richten, ausgegangen werden. Darin sieht Fuchs die Endprodukte der Säkularisierung des Todes, die ein kulturkritisches Lamento im Stile Aries’ über den Verlust der Moderne, Tod und Sterben symbolisch und sozial verarbeiten zu können, zum Loblied auf die Fremdheit des Todes geraten läßt. Die Institutionalisierung der hohen Lebenserwartung ist für Fuchs der Garant für die Bedeutungsabnahme des Todes als Sinnstifter des individuellen Lebens. Er fragt, ob dieser nicht eher aus den das ganze Leben umspannenenden Aufgaben, Übergängen und Krisen des Lebens gewonnen werden müßte. Die Einrichtung des Lebens ist jedenfalls nicht mehr auf dieses Ende hin ausgerichtet, wie Ari s es für eine bestimmte Zeit nachweist und der Gegenwart anempfehlen will.Google Scholar
  12. 41.
    Gorer, Geoffrey: Die Pornographie des Todes. In: Der Monat 8 (1956), 58–62. Dieser kurze, aber wirkungsvolle Aufsatz unternimmt den Versuch, den Begriff der Pornographie aus seiner traditionellen Bezogenheit auf das Gebiet des Sexuellen zu lösen und auf das Gebiet des Todes zu übertragen. Pornographie thematisiert die mit einem Tabu belegten Handlungen in einer Gesellschaft; sie ist eine Begleiterscheinung der Prüderie. Doch innerhalb dieser Tabubereiche hat sich eine tiefgreifende Wandlung vollzogen. Während Tod und Sterben noch im 19. Jahrhundert im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens standen, die Begegnung mit der „schönen Leiche“ vom Kind bis zum Greis an der Tagesordnung war, der Friedhof sich noch im Zentrum der Städte befand und Begräbnisse Gelegenheit zu größter Prachtentfaltung gaben, verschwindet der Tod im 20. Jahrhundert zunehmend aus der Öffentlichkeit, wird zum „Unaussprechlichen“ par exellence. Gleichzeitig sind die einstmals schambesetzten Aktivitäten im Bereich des Sexuellen zum Alltagsthema geworden. Die passende Semantik zu diesem gesellschaftlichen Umbruchsprozeß liefert die Pornographie. Konzentrierte sie sich zur Zeit des öffentlichen Todes und der sexuellen Prüderie auf die Darstellung des sexuellen Aktes, hat sie sich in unseren Zeiten des privatisierten Todes und des der Prüderie zum Opfer fallenden natürlichen Todes auf die Darstellung des gewaltsamen Todes, den man in Detektiv- und Schauerromanen, Kriegs- und Spionagegeschichten, Western und Comics dem Massenpublikum anbietet, angenommen. Aufgrund des Mangels der meisten Sprachen an geeigneten Worten und Wortverbindungen, die intensive Lust oder intensiven Schmerz ausdrücken können, bedient sie sich in beiden Fällen der Onomatopoesie, mit der Seufzen, Keuchen, Stöhnen, Schreien und Röcheln ausgedrückt werden sollen, die, in auffälliger Gemeinsamkeit, das Sterben und den Sexualakt zumeist begleiten. In beiden Fällen ist es die gesellschaftliche Prüderie, die einen offenen und würdigen Umgang sowohl mit der Sexualität als auch mit dem Tod verhindert und damit das Aufkommen zahlreicher Produkte der Ersatzbefriedingung selbst bedingt.Google Scholar
  13. 42.
    Hahn, Alois: Einstellungen zum Tod und ihre soziale Bedingtheit. Eine soziologische Untersuchung. Stuttgart 1968. Die empirische Untersuchung von Hahn steht am Anfang der neueren deutschen Soziologie des Todes. Sie bemüht sich darum zu zeigen, daß die Deutung und Bedeutung des Todes in verschiedenen Gruppen und Gesellschaften äußerst unterschiedlich ausfällt, und fragt nach den Konsequenzen der verschiedenen Einstellungen zum Tod für das alltägliche Handeln. Dabei zeigen die geführten Interviews bzw. Umfragen, daß es ein proportionales Verhältnis von Todeskontakt und Todesbewußtsein gibt: Das Bewußtsein vom Tod ist dort am ausgeprägtesten, wo es eine intensive Konfrontation mit dem eigenen Tod, etwa durch Krankheit, oder dem Tod des anderen gibt und umgekehrt. Ein Vergleich mit einfachen Gesellschaften zeigt: Der Kontakt mit Sterbenden in der Moderne ist vornehmlich aufgrund der sich wandelnden Familienstruktur deutlich zurückgegangen, deshalb spielt der Tod im Alltagsbewußtsein moderner Individuen keine bedeutende Rolle. Aus diesem empirisch wie historisch abgeleiteten Ergebnis zieht der Autor den Schluß, daß die Todesgewißheit auf sozialer Erfahrung beruht und keineswegs als angeboren angesehen werden kann.Google Scholar
  14. 43.
    Kearl, Michael C.: Endings: a sociolgy of death and dying. Oxford 1989. Diese breit angelegte Soziologie des Todes und des Sterbens bietet eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Sterben in all seinen Erscheinungsformen. Da Kearl davon ausgeht, daß die individuellen Einstellungen zum Tod immer Produkt der sozialen Umwelt sind, untersucht er zunächst die kulturelle und soziale Bedeutung von Tod und Sterben, bevor er sich den individuellen Einstellungen zu Tod und Sterben zuwendet. Dabei zeigt der Vergleich mit anderen Kulturen im ersten Kapitel, auf welch unterschiedliche Weise Tod und Sterben in die Gesellschaft integriert werden. Nach dieser eher anthropolgischen Dimension des Themas geht Kearl im zweiten und dritten Kapitel zu einer genuin soziologischen Betrachtungsweise über, die nach der Funktion des Todes in unterschiedlichen Gesellschaftsformen fragt. Ausgehend von der Beobachtung, daß es in jeder Gesellschaft eine Unterscheidung zwischen gutem und bösem Tod gibt, wird anschließend näher untersucht, wo, wann, wie und warum es zu Todesfällen kommt. Die darauffolgenden Kapitel widmen sich den verschiedenen Instanzen, die für die Erklärung und Bedeutung des Todes zuständig sind. Dabei wird gezeigt, wie die Religion ihren Monopol-Status als Sinnstifterinstitution im Laufe der gesellschaftlichen Modernisierung verliert und an die Philosophie, die Psychologie und die Naturwissenschaften abtritt. Danach untersucht Kearl, in welchen gesellschaftlichen Bereichen Sterben und Tod vorkommen: Er fragt nach dem Zusammenhang bzw. dem Zusammenspiel von Arbeit, Politik, Krieg, Medizin und Tod. Ein eigenes Kapitel widmet er der Darstellung von Sterben und Tod in der populären Kultur, d.h. im Fernsehen, im Kino, in der Musik usw.. Das letzte Kapitel behandelt die Einstellungen der Individuen zum Thema Sterben und Tod in verschiedenen Lebensphasen. Insgesamt bietet der Band mit seinen zahlreichen Abbildungen, Tabellen und der verarbeiteten Literatur eine materialreiche, sorgfältige und aktuelle Bestandsaufnahme zum Thema Sterben und Tod, die zugleich einen originären Beitrag zu einer Soziologie des Todes (Thanatosoziologie) darstellt.Google Scholar
  15. 44.
    Littlewood, Jane: The denial of death and rites of passage in contemporary societies. In: Clark, David (ed.): The sociology of death and dying. Oxford 1993, 69–84. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit zwei in der Soziologie des Todes, des Sterbens und des Trauerns weitverbreiteten und vieldiskutierten Themen: Mit der These von der Leugnung des Todes und mit den Trauerformen in modernen Gesellschaften. Die Autorin will erstens zeigen, daß die Leugnung des Todes, von der Ari s, Gorer (1955) und andere sprechen, ein sehr junges Phänomen ist und seine Ursache in der Verlagerung des Todes aus der Gemeinschaft in die Krankenhäuser hat. Zweitens will sie zeigen, daß es zwar bestimmte Sterberituale und Trauerformen in zeitgenössischen Gesellschaften gibt, diese aber in die Privatwelt der Individuen „abge-wandert“ sind und dort nur im Kreise der Hinterbliebenen vollzogen werden.Google Scholar
  16. 45.
    Marcuse, Herbert: Die Ideologie des Todes. In: Ebeling, Hans (Hg.): Der Tod in der Moderne. Frankfurt/M. 1984, 106–115. Marcuse, einer der Gründerväter der frühen kritischen Theorie, wendet sich in diesem Beitrag gegen zwei in der Geschichte der Philosophie vorherrschende Todesauffassungen: der Tod als natürliches Faktum einerseits und der Tod als Telos des Lebens andererseits. Während die erste Auffassung zur Schicksalsergebenheit führt, gipfelt die andere in der idealistischen Verherrlichung des Todes. Marcuses Beitrag behandelt weniger die sinnhafte Aneignung der Endlichkeit des Lebens durch den einzelnen als vielmehr die gesellschaftliche Todesproduktion durch Kriege, Unfälle usw., die gleichsam zur „zweiten“ Natur geworden ist, der sich die Individuen zu unterwerfen haben. Die Ideologie des Todes besteht darin, diese gesellschaftlich hergestellten Bedingungen als natürliche auszugeben, gegen die jedes Aufbegehren und jeder Wille zur Veränderung als zum Scheitern verurteilt erscheinen müssen.Google Scholar
  17. 46.
    Mellor, Philipp A.: Death in high modernity: the contemporary presence and absence of death. In: Clark, David (ed.): The sociology of death and dying. Oxford 1993, 11–30. Die These dieses Beitrags besagt: Der Tod ist in den westlichen Gegenwartsgesellschaften kein Tabu-Thema mehr. Obwohl dies in den populären Publikationen von Gorer (1965) und Aries (1981) behauptet wird, sei in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse an dem Thema zu beobachten. Auch der Behauptung seines Kollegen Tony Walter (1991), die Soziologie habe sich des Themas Tod und Sterben nicht angenommen, widerspricht Mellor vehement. Freilich spiegelt sich in der Soziologie eine Entwicklung, die für den Umgang mit Tod und Sterben im allgemeinen gilt. In der Spätmoderne, wie Mellor in Anlehnung an Anthony Giddens unsere Gegenwart nennt, ist das Thema zwar kein verbotenes oder tabuisiertes Thema mehr, aber der Tod ist den Blicken der Öffentlichkeit entzogen, wie dies auch Elias beschrieben habe: Der Umgang mit Tod und Sterben wird professionellen Institutionen überlassen. Parallel dazu ist der Tod in der Soziologie ganz allgemein ein vernachlässigtes Thema, während es mehr und mehr zur Ausprägung einer speziellen Randdisziplin kommt, die sich des Themas annimmt. Mellor aber will zeigen, daß das Thema Tod und Sterben zu fundamental ist, als daß sie kleinen Expertengruppen überlassen werden könnten. Gerade weil es eine öffentlich hergestellte, allgemeingültige Sinngebung des Todes nicht mehr gibt, was die scheinbare Abwesenheit des Themas ausmacht, muß der einzelne je für sich seinem Leben und seinem Tod einen Sinn abringen, was die starke Präsenz des Themas auf einer individuellen bzw. privaten Ebene unterstreicht. Diese Spannung von An- und Abwesenheit des Themas in spätmodernen Gesellschaften hat die Soziologie zu reflektieren.Google Scholar
  18. 47.
    Mukay, Michael/Ernst, John: The Changing Profile of Social Death’ In: The European Journal of Sociology XXII (1991), 172–196.Google Scholar
  19. 48.
    Mulkay, Michael: Social death in Britain. In: Clark David (ed.): The Sociology of death and dying. Oxford 1993, 31–49. Die Ursachen für den Tod der Menschen und die soziale Organisation des Sterbens haben sich in den letzten Jahrhunderten dramatisch verändert. Während der biologische Tod zu einer berechenbaren Größe geworden ist, die Lebensspanne der Individuen sich deutlich verlängert hat und die Kindersterblichkeit in erheblichem Maße zurückgegangen ist, kommt es in modernen Gesellschaften zu einer Verbreitung des sozialen Todes. Immer mehr Menschen sterben den sozialen Tod, worunter der Autor den Rückgang der sozialen Kontakte und den Verlust bestimmter gesellschaftlicher Funktionen versteht. Noch bevor der Mensch stirbt, weil seine biologischen Funktionen erlöschen, stirbt er durch den Verlust an sozialen Beziehungen. Diese These wird mit Rückgriff auf Untersuchungen von Glaser/Strauss (1965) und Sudnow (1967) illustriert. Bei Mukay/Ernst (1991) handelt es sich um eine ausführlichere Fassung des oben besprochenen Aufsatzes.Google Scholar
  20. 49.
    Nassehi, Armin/Weber, Georg: Tod, Modernität und Gesellschaft. Zu einer Theorie der Todesverdrängung. Opladen 1989. Ziel dieser Arbeit ist es, eine gesellschaftstheoretisch fundierte, von jeder einseitigen Kulturkritik befreite Theorie der Todesverdrängung zu entwickeln. Ausgehend von einer Erkenntnistheorie des Todesbewußtseins (I.) und einer Geistesgeschichte des Todes (II.) führt dieses Anliegen die Autoren über eine Untersuchung der Thanatopraxis der Moderne (III.) zur Rekonstruktion der Genese moderner Todesverdrängung (IV.), um schließlich zu Vorschlägen zur Überwindung der Todesverdrängung (V.) zu gelangen. Aus der Vielzahl der dabei herangezogenen Theorien, die auf ihren Aussagegehalt für das Problem der Todesverdrängung hin untersucht werden, ergibt sich: Die moderne Todesverdrängung spielt in den avanciertesten Gesellschafstheorien entweder nur eine marginale Rolle oder wird nur von einem extramundanen, nicht aus der Theorie selbst gewonnenen kulturkritischen Standpunkt aus beleuchtet. Die Autoren dagegen zeigen, daß die Todesverdrängung zwar einerseits als konstitutives und funktionales Strukturmerkmal moderner Gesellschaften zu gelten hat, daß sich aber andererseits die Kriterien der Kritik an der modernen Verdrängung des Todes aus der Sprache der Modernität selbst gewinnen lassen müssen. Erst auf dieser Grundlage kann dann sinnvoll über eine mögliche Überwindung der modernen Todesverdrängung nachgedacht werden.CrossRefGoogle Scholar
  21. 50.
    Parsons, Talcott/Lidz, Victor: Death in american society. In: Shneidman, Edwin S. (Hg.): Essays in Self-Destruction. New York 1967, 133–170. Zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen wählen die beiden Autoren die weit verbreitete These von der Verdrängung bzw. Verleugnung des Todes in modernen Gesellschaften. Konträr zu dieser Auffassung vertreten sie die Ansicht, daß der Tod in den westlichen Industriegesellschaften, insbesondere den U.S.A, keineswegs verdrängt wird. Vielmehr hat die amerikanische Gesellschaft eine ihrer gesellschaftlichen Entwicklungsstufe gemäße Umgehensweise mit dem Tod institutionalisiert: Die Todesorientierung ist nicht von Verdrängung, sondern von Akzeptanz geprägt. Ganz im Sinne des funktionalistischen Ansatzes, für den der Name Talcott Parsons in der Soziologie wie kein zweiter steht, wählt der Beitrag nicht die Perspektive der individuellen Einstellungen zum Tod, sondern fragt von der Systemperspektive aus nach den funktionalen Erfordernissen für die Bestandserhaltung einer bestehenden Gesellschaft. Unter diesem Blickwinkel ist der Tod der Individuen notwendig für das Fortbestehen und die evolutionäre Fortentwicklung der Gesellschaft. Alle für das Funktionieren einer Gesellschaft erforderlichen Positionen und Rollen gehen nicht mit dem Tod bestimmter Individuen unter, sondern werden durch die nachwachsende Generation ersetzt. Durch diesen Austausch kommt es auch zu den innovativen Schüben, die für die Anpassung an eine neue evolutionäre Stufe notwendig sind. Im Vergleich zu traditionellen Gesellschaften pflegen moderne Gesellschaften keinen ganzheitlichen Umgang mit dem Tod, sondern einen streng arbeitsteiligen. Da das Individuum nicht mehr nur in einem gesellschaftlichen Teilbereich verortet ist, sondern Mitglied unterschiedlicher Teilsysteme ist, wird sein Tod entsprechend unter verschiedenen Gesichtspunkten behandelt. Deshalb bedarf es auch keiner übergreifenden religiös motivierten Ritualisierung des Todesbereichs mehr. Diese ganz profane Entwicklung aber ist es, die von einigen Beobachtern der modernen Gesellschaften als Verdrängung des Todes charakterisiert wird.Google Scholar
  22. 51.
    Prior, Lindsey: The social organisation of death. London 1989. Diese Studie über die medizinische Versorgung in Belfast weiß ein eindringliches Bild über die Todesauffassungen in westeuropäischen Ländern zu vermitteln. Der vorherrschende Umgang mit Tod und Sterben zeigt, daß der Tod nicht als etwas Natürliches, sondern als Krankheit aufgefaßt wird, als Abweichung von der Norm. An den Totenscheinen ist die Vielfalt der Gründe ablesbar, durch die Menschen zu Tode kommen; durch Unfälle, Krankheiten oder Straftaten, nie aber durch Altersschwäche. Der Tod gilt als Versagen der Ärzte, weil er eigentlich eine behandelbare Krankheit darstellt.Google Scholar

4. Einstellungen und Verhalten

  1. 52.
    Baum, Stella: Plötzlich und unerwartet. Todesanzeigen. Düsseldorf 1980. Dieser Band beinhaltet eine reiche Auswahl an Todesanzeigen, die, nicht immer ganz nachvollziehbar, kommentiert und interpretiert werden. Gegliedert werden die Todesanzeigen z.T. bezüglich verschiedener Todesarten wie Selbstmord, Mord, Verkehrsunfall, Terror und nach unterschiedlichen Berufsgruppen wie Manager, Journalist, Werbefachmann, denen die Betrauerten angehörten. Der Band schließt mit der Wiedergabe eines Gesprächs der Autorin mit Joseph Beuys zum Thema Sterben und Tod ab.Google Scholar
  2. 53.
    Woll-Schumacher, Irene: Sozialisation heutiger Todesvorstellungen. In: Sociologia Internationalis 23 (1985), 207–218. In diesem Aufsatz wird davon ausgegangen, daß Einstellungen des Menschen zum Tod nicht angeboren sind, sondern erworben werden müssen. Allerdings habe die Soziologie bisher wenig Interesse gezeigt, das Todeswissen als Lern- und Tradierungsprozeß, insbesondere die Deutungsmuster, durch die Kinder eine Vorstellung von Tod und Sterben erlangen, eingehend zu untersuchen. Deshalb muß weitgehend auf psychologische Forschungsergebnisse zurückgegriffen werden, wenn die Genese des kindlichen Todeswissens nachgezeichnet werden soll: Ein 3–4 jähriges Kind begreift den Tod noch nicht als absolut und endgültig, sondern als relativ und korrigierbar; ein 5–6 jähriges Kind anerkennt den Tod als endgültiges Ereignis, ohne bereits die eigene Betroffenheit zu erkennen; ein 6–7 jähriges Kind nimmt die Möglichkeit des Todes schon weit bewußter wahr und behandelt den Tod oft als handelndes Subjekt; ein 8–9 jähriges Kind gelangt zu der Erkenntnis, daß ausnahmslos alle Menschen sterben müssen; ein etwa 10jähriges Kind weiß um das Leben als physiologischen Vorgang, an dessen Ende unausweichlich der Tod steht. Danach werden die Vorstellungen vom Tod nicht mehr wesentlich erweitert. Allerdings haben gesellschaftliche Wandlungsprozesse in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, so die These der Autorin, tiefgreifende Veränderungen in unseren Todesvorstellungen bewirkt, die zu erheblichen Zweifeln an den psychologischen Entwicklungsschemata veranlassen. Durch den medizinischen und hygienischen Fortschritt sowie die Verlagerung des Todesortes vom eigenen Haus ins Krankenhaus oder Altersheim begegnet das Kind weit weniger als früher dem Lebensende einer ihm vertrauten Person. Eine direkte Konfrontation mit Sterben und Tod ist heute weitgehend einer indirekten Begegnung mit dem Tod vermittels der Medien, insbesondere des Fernsehens, gewichen. Gerade deshalb jedoch bedarf es der Deutungsvorgaben und Interpretationsmuster der Sozialisationsagenten. Angesichts des Bedeutungsverlusts religiöser Sinnstifter und der Pluralität philosophischer und religiöser Deutungsmuster sind diese jedoch selbst im Wissen um den Tod in einer Weise verunsichert, die eine Anleitung zur Bewältigung des Todes durch das Kind stark gefährden.Google Scholar

4. Einstellungen und Verhalten 4.1 Gesellschaftliche Wandlungsprozesse

  1. 54.
    Adams, Sheila: A gendered history of the social management of death and dying in Foleshill, Coventry, during the inter-war years. In: Clark, David (ed.): The sociology of death and dying. Oxford 1993, 149–168. In dieser empirischen Untersuchung wird die nachbarschaftliche Hilfe der Arbeiterklasse bei einem Todesfall zwischen den beiden Weltkriegen untersucht. Was in dieser Zeit noch in den Verantwortungsbereich der Frauen fiel — etwa der Umgang mit der Leiche — ist nach dem zweiten Weltkrieg durch den Einfluß der modernen Medizin an professionelle Einrichtungen abgegeben worden. Tod und Sterben finden nicht mehr in der privaten Welt des Hinterbliebenen statt, sondern in der öffentlichen Sphäre der Krankenhäuser.Google Scholar
  2. 55.
    Altner, Günter: Tod, Ewigkeit und Überleben. Todeserfahrung und Todesbewältigung im nachmetaphysischen Zeitalter. Heidelberg 1981. Der Autor ist Biologe und Theologe. Doch seine Untersuchung ist weit über diese Fachgrenzen hinaus von Interesse: Sie stellt die Frage, wie frühere Epochen über den Tod gedacht und mit ihm gelebt haben. Dabei reichen die einzelnen Stationen von den Griechen und Ägyptern über das Christentum, das Mittelalter und die Renaissance bis zum Barock, der Aufklärung und Neuzeit. Für die Gegenwart wird eine tiefe Überlebenskrise konstatiert, die bereits im Mittelalter einsetzte. Der Siegeszug des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der die Totalisierung menschlicher Verfügungsmachtgungsmacht auf der Erde zum Ziel hat, droht durch seine Schonungslosigkeit gegenüber allem Lebenden seine eigenen Grundlagen zu zerstören. Die einseitige Betonung der technischen Vernunft hat den Todeswahn heutiger Gesellschaften hervorgebracht, der sich in einer gewissen Lust am eigenen Untergang und der Faszination gegenüber toten Dingen, insbesondere aber in der Möglichkeit zur Selbstvernichtung der Menschheit durch die Atombombe zeigt. Trotz bzw. gerade wegen dieser Allgegenwart des Todes wird die Angst vor dem Tod nicht zugelassen, da auch seine Abschaffung als technisch machbares Problem erscheint. Die Überwindung der Überlebenskrise ist für Altner davon abhängig, daß der neuzeitliche Mensch wieder lernt, was durch den Glauben an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt nicht zugelassen wurde: das Schicksal seiner Endlichkeit zu akzeptieren und auszuhalten, indem er die derzeitige Krise als mögliches Ende der Menschheit antizipiert.Google Scholar
  3. 56.
    Schmied, Gerhard: Einstellungen zu Tod und Unsterblichkeit in den westlichen Industriegesellschaften. In: Rabanus-Maurus-Akademie (Hg.): Stichwort Tod. Frankfurt/M. 1979, 37–56. Ausgangspunkt dieses Beitrags ist die These, daß der Tod kein spezifisch modernes Problem darstellt, sondern eines jener ewigen Menschheitsrätsel ist, mit denen sich die Menschen zu allen Zeiten auseinandergesetzt haben. Schon die Neandertaler, die wahrscheinlich die ersten Menschen waren, die ihre Toten begruben, scheinen die Angst vor dem Sterben und dem Tod gekannt zu haben. Die Gegenstände, die den Toten mit ins Grab gegeben wurden, sind deutliche Anzeichen dafür, daß schon damals eine Form von Unsterblichkeitsvorstellung vorhanden war. In dieser Vorstellung sieht Schmied eine Praxis, die das Bewußtsein der eigenen Endlichkeit erträglich machen soll. Die Todesfurcht wäre sprichwörtlich überwältigend, gäbe es nicht die zahlreichen Vorstellungen des Weiterleben nach dem Tode. Für das gegenwärtig vorherrschende Bewußtsein vom Tod läßt Schmied die Vorstellungen einer Verdrängung oder gar Tabuisierung des Todes nicht gelten. Er nennt zahlreiche kulturelle Praktiken, die einer solchen These entgegenstehen. Stattdessen spricht Schmied von einer gewissen Indifferenz gegenüber dem Tod, die mit der mangelnden Konfrontation mit dem Tod in modernen Gesellschaften zu tun habe. Es ist damit gleichsam die Angst vor dem Unbekannten. Bei verstärkter Begegnung mit dem Tod durch das Miterleben des Sterbens eines nahestehenden Menschen verringert sich dagegen die Todesfurcht. Trotzdem ist die Todesfurcht auch in modernen Gesellschaften noch vorhanden und schafft sich nach wie vor in Unsterblichkeitsvorstellungen Ausdruck. Die Pointe des Aufsatzes: Weit weniger als in vergangenen Zeiten ist der moderne Mensch mit dem Tod konfrontiert; doch in den Situationen, wo er es ist, ist er über die kulturelle Stufe des Neandertalers eigentlich nicht hinausgelangt, weshalb er zu den gleichen Mitteln greifen muß wie einstmals der Frühmensch.Google Scholar
  4. 57.
    Toynbee, Arnold: Traditionelle Einstellungen zum Tod. In: ders. (Hg.): Vor der Linie. Der moderne Mensch und der Tod. Frankfurt/M. 1970, 75–124 (engl. Orig. 11968).Google Scholar
  5. 58.
    Toynbee, Arnold: Wandlungen des Verhältnisses zum Tod in der heutigen westlichen Welt. In: ders. (Hg.): Vor der Linie. Der moderne Mensch und der Tod. Frankfurt/M. 1970, 167–182 (engl. Orig. 11968). Der erste Beitrag beginnt mit der Frage, ob dem Menschen Einstellungen zum Tod angeboren sind. Toynbee verneint diese Frage, indem er im Verlaufe seines Aufsatzes die verschiedenen Bestattungsbräuche und Beerdigungszeremonien, die bei verschiedenen Völkern in der Geschichte vorherrschten, vorstellt und als Indiz dafür nimmt, daß die Einstellung gegenüber dem Tod sehr verschieden ist. Gemeinsam ist allen Völkern dabei nicht das Problem der Sterblichkeit, die der Mensch mit allen anderen sich geschlechtlich fortpflanzenden Lebewesen teilt, sondern — wie die Griechen schon erkannten — die Aufgabe, diese Tatsache mit dem Wissen, in Einklang zu bringen, daß dem Menschen als einzigem Wesen Ich-Bewußtsein, Unterscheidungsvermögen usw. mitgegeben ist. Toynbee erläutert im einzelnen die verschiedenen Versuche, sich mit der Tatsache der Sterblichkeit abzufinden: Der Hedonismus, der Pessimismus, die Versuche, den Tod materiell oder durch Ruhm zu überlisten; die Befreiung von Egoismus durch die Hoffnung auf kommende Generationen oder durch das Aufgehen im höchsten Sein, der Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der Seele, der Glaube an körperliche Auferstehung, die Hoffnung auf den Himmel und der Furcht vor der Hölle als Strategien, mit denen der Mensch der Unerträglichkeit begegnet, sterblich zu sein. Im zweiten Beitrag konstatiert Toynbee gravierende Wandlungen im Verhalten zum Tod, den er auf den Rückgang des Glaubens in der westlichen Welt zurückführt. Der Niedergang des religiösen Weltbildes geht einher mit mit dem Siegeszug der Wissenschaften. Damit schwindet zugleich die Offenheit und Gelassenheit dem Tod gegenüber. Die Furcht vor dem Tod beginnt erst im 17.Jahrhundert zu einem Massenphänomen zu werden. Nicht ohne Pathos formuliert Toynbee: “Glaubenslos dem Tod gegenüber, hat der moderne Mensch bewußt seine geistigen Schwingen beschnitten.” Am Ende beklagt Toynbee noch die bekannten Phänomene: die euphemistische Rede vom Tod, die Unfähigkeit zu öffentlicher Trauer, die Zurückhaltung des Arztes am Krankenbett, dem Sterbenden die Wahrheit mitzuteilen usw.. Für das Weiterbestehen der westlichen Zivilisationen, das ist die Quintessenz seiner Überlegungen, ist das Wissen des glaubensgefestigten Menschen in der Prämoderne wiederzuerlangen, daß das Leben trotz der Sterblichkeit nicht sinnlos ist.Google Scholar

4. Einstellungen und Verhalten 4.2 Todesverdrängung/Todestabu/Todesangst

  1. 59.
    Fuchs, Werner: Die These von der Verdrängung des Todes. In: Frankfurter Hefte 3 (1971), 177–184. Fuchs widmet sich in diesem Beitrag noch einmal eingehend der viel diskutierten Verdrängungsthese, die er schon in seinem 1969 erschienen Buch kritisiert hatte. Systematisch stellt der Verfasser die dieser These zugrundeliegenden Behauptungen zusammen, um sie in einem zweiten Schritt Punkt für Punkt zu kritisieren. Dabei unterscheidet der Verfasser zwischen einer theologischen, einer kulturkritischen und einer gesellschaftskritischen Variante der Verdrängungsthese, in denen sich trotz aller Unterschiede u. a. die folgenden Argumente wiederholen. Die Anhänger der Verdrängungsthese konstatieren angesichts des Themas Tod eine gesellschaftlich produzierte Kommunikationshemmung: dem einzelnen sei es nicht möglich, über die Sterblichkeit des Menschen zu kommunizieren. Außerdem beklagen sie die Privatisierung der Trauer: Der Tod verschwände aus dem Sichtfeld der Lebenden, er werde in anonyme Organisationen abgeschoben. Schließlich wird über die unpersönliche Behandlung der Patienten seitens der Ärzte und Schwestern in Krankenhäusern Klage geführt. Diesen Argumenten hält Fuchs entgegen: Eine Kommunikationshemmung gegenüber dem Tod läßt sich in der behaupteten Allgemeinheit nicht belegen; es bedarf ausgereifterer empirischer Methoden, um dieses Thema in der gebotenen Sorgfalt untersuchen zu können; die Vorgänge um das Sterben vollziehen sich gerade nicht in der Privatsphäre im Kreise der Familie, sondern werden zunehmend an Dienstleistungsunternehmen abgegeben; die Unsicherheit im Verhalten des Krankenhauspersonals gegenüber dem Tod läßt sich nicht auf eine allgemeine Verdrängung des Todes zurückführen, sondern schuldet sich der Funktion der Organisation Krankenhaus: Oberstes Gebot ist dort die Lebenserhaltung; der Sterbende fällt gleichsam durch die Maschen dieser Zielorientierung, er ist kein geeignetes Objekt mehr für die speziell vom Krankenhaus zu erbringenden Leistungen. Insgesamt kritisiert Fuchs die abstrakte Rede über den Tod von den Vertretern der Verdrängungsthese: Wenn Fuchs darauf hinweist, daß zu wenig untersucht würde, “wie die Menschen sterben, wann und unter welchen Bedingungen, welche Erfahrungen sie dabei haben, welche Orientierungen sie über ein Leben nach dem Tode hegen, welche gesellschaftlichen Vorschriften in diesem Zusammenhang gelten” (180), dann formuliert er damit ein im Grunde auch heute noch bestehendes Forschungsdesiderat.Google Scholar

5. Trauer

  1. 60.
    Diessenbacher, Hartmut: Tod und Trauer. Wenn Ehefrauen ihren Mann verlieren. In: Psychologie und Gesellschaftskritik 1/2 (1988), 87–98. Dieser Beitrag besteht aus bunt zusammengewürfelten Betrachtungen über Frauen, die ihren Mann verlieren; über die Umgehensweise der gesellschaftlichen Umgebung mit dieser Tatsache, über die Erwartungen, die die Umwelt an eine Frau in dieser Situation stellt, über den Wandel des gesellschaftlichen Status verwitweter Frauen, über die soziale Ausgrenzung dieser Frauen aus bestimmten gesellschaftlichen Zusamenhängen usw. Dabei wird auf historische Berichte Bezug genommen, die den historischen Wandel bzw. den ausgebliebenen Wandel im Umgang mit diesem Thema deutlich machen sollen. Außerdem werden literarische Verarbeitungen von Camus, Canetti, Brecht und Heine herangezogen. Doch bleiben die Betrachtungen recht allgemein und unergiebig. Eine durchgehende Fragestellung, eine These gar, ist nicht zu entdecken.Google Scholar
  2. 61.
    Hockey, Jenny: The acceptable face of human grieving? The clergy’s role in managing emotional expression during funerals. In: Clark, David (ed.): The sociology of death and dying. Oxford 1993, 129–148. In diesem Beitrag wird davon ausgegangen, daß es in der westlichen Welt eine dominierende Auffassung über Emotionen gibt: Die Emotionen werden als etwas beherrschbares angesehen, die sich nur in einer kontrollierten und regulierten Weise Ausdruck verschaffen dürfen. Untersucht wird die Rolle der Geistlichen, die die Hinterbliebenen zu einem bestimmten Verhalten während des Prozesses der Trauer verpflichten. Das Festhalten an diesem Modell verhindert das Verständnis für andere, weniger kontrollierte Möglichkeiten der Hinterbliebenen, ihre Trauer zum Ausdruck zu bringen.Google Scholar
  3. 62.
    Schmied, Gerhard: Sterben und Trauern in der modernen Gesellschaft. Opladen 1985. Dem vorliegenden Band geht es in erster Linie um die Vermittlung von Forschungsergebnissen über Sterben, Tod und Trauer. Dabei kommen Positionen aus der amerikanischen Forschung zu Wort, die bisher in deutscher Sprache nicht zugänglich waren. Im ersten Teil wird über Charakteristika des modernen Sterbens berichtet, wobei insbesondere die Probleme des Sterbens im Krankenhaus erörtert und mögliche Alternativen diskutiert werden. Nach einer knappen Darstellung verschiedener Todesvorstellungen und -konzepte im zweiten Teil behandelt Schmied im dritten Teil unterschiedliche Formen der Trauer und stellt verschiedene Bräuche und Riten in der Trauerzeit vor. Abschließend werden differente Bestattungs- bzw. Beisetzungsformen hinsichtlich ihrer sozialen Funktion untersucht und über Alternativen zum herkömmlichen Friedhof nachgedacht. Bemüht sich der Autor auch insgesamt um einen nüchternen, Vor- und Nachteile der jeweiligen Positionen und Konzepte abwägenden Stil, enthält er sich dennoch nicht eines eigenen Standpunkts: So tritt der Autor entschieden der These von der Verdrängung des Todes entgegen, enthält sich der vorschnellen Verurteilung moderner Formen des Sterbens und Trauerns und setzt sich für eine minimalistische Verwendung des Terminus “sozialer Tod” ein.CrossRefGoogle Scholar
  4. 63.
    Ziegler, Meinrad: “Leben verwirrt mich mehr als Sterben.” Gedanken zur Trauer, in: Ziegler, Meinrad/Mörth, Ingo/Hummer, Hubert (Hg.): Sterben — Tod — Trauer. Linz 1989, 115–128. Mit Jean Baudrillard geht Ziegler von der gesellschaftlich errichteten Trennung der einst vereinten Sphären von Tod und Leben aus. Durch die Verbannung des Toten aus dem Reich des Lebendigen ist das Leben nicht mehr als ein Überleben, ein Nicht-tot-Sein. Nur im Zustand der Trauer, so die These des Beitrags, kommt es zum “Austausch” zwischen Lebenden und Toten. Doch hat der Verfall der öffentlichen Kultur (Richard Sennett) zu einer Vereinsamung des Trauernden geführt: Immer mehr wird das Individuum mit seinen Emotionen in die Privatheit verstoßen; dort kapselt es sich ein und nimmt die Außenwelt nur noch als bedrohlich und feindlich wahr. Die Verbannung des Todes aus der öffentlichen Sphäre verhindert einen Prozeß des Trauerns, der nicht nur Angst und Schmerz mit sich bringt, sondern auch Heilung und Freiheit verspricht.Google Scholar

6. Lebenszeit und Zeit

  1. 64.
    Caruso, Igor A./Rubner, Angelika: Notizen zu einer Diskussion über den Tod. In: Psychologie und Gesellschaftskritik 12 (1988), 46–57. Diese Notizen widmen sich den Themen: (1) Zeitlichkeit und Tod, (2) Entwicklung und Tod, (3) Der verwaltete Tod, (4) Der individuelle Tod, (5) Tod und Revolution. Carusos grundlegende These läßt sich dabei wie folgt zusammenfassen: Wer den Tod verdängt und sich gegen das Sterben auflehnt, unterdrückt auch das Leben. Wer den Tod dagegen akzeptiert, läßt das Leben erst zu; denn Leben heißt Veränderung. Jede Veränderung ist jedoch zugleich eine Erfahrung des Sterbens. Doch wer diesen Erfahrungen ausweicht, Veränderungen aus dem Wege geht, lebt nicht, sondern ist bereits tot; denn Tod bedeutet Stillstand. Oder, in den Worten Carusos: “Den Tod akzeptieren heißt sterbend zu leben. “ (45) “Den Tod verdrängen und leugnen heißt lebend sterben. “(46)Google Scholar
  2. 65.
    Gronemeyer, Marianne: Das Leben als letzte Gelegenheit. Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit. Darmstadt 1993. Die Autorin unternimmt in diesem Buch eine andere Rekonstruktion des Projekts der Moderne, als sie gemeinhin vorgenommen wird. Die zahlreichen Erfindungen und Entdeckungen seit dem 15. Jahrhundert und der rasante Aufstieg der Wissenschaften werden nicht als Resultat der Befreiung des Menschen aus dem mittelalterlichen Ordodenken und seiner alsbaldigen Karriere als Demiurg interpretiert, der sich die Welt nach seinen Bedürfnissen einrichtet, sondern als Reaktionen auf eine traumatische Erfahrung: Der Mensch des ausgehenden Mittelalters hat — u.a. durch die Erfahrung des Pestinfernos, das zahlreiche Landstriche um mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung brachte — die Ewigkeitshoffnung verloren. Damit gerät das diesseitige Leben in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, aber auch seine Begrenztheit und Endlichkeit. Alle Anstrengungen gelten nunmehr der Absicherung der durchschnittlichen Lebensspanne. Die Beschleunigung des Lebens, die mit der Entfaltung der Moderne unaufhaltsam auf dem Vormarsch ist, interpretiert die Autorin als Versuch, den Abstand zwischen der unendlichen Welt-Zeit und der individuellen Zeitspanne zu verringern. Dem Wandel der Todesauffassungen, den Gronemeyer unter Rückgriff auf kulturhistorische Darstellungen von Ariès, Friedell, Huizinga und philosophischen Positionen wie Descartes und Montaigne illustriert, geht die Autorin nicht mit der bewährten Fragestellung nach, welche Lebensbedingungen das Todesbewußtsein formen, vielmehrmehr kehrt sie die Frage kurzerhand um: Welche kulturellen Äußerungen lassen sich als direkte Antworten auf die vorherrschenden Todesbilder einer Epoche lesen? Damit folgt sie einer insbesondere in der französischen Geschichtsschreibung weit verbreiteten Ansicht (vgl. etwa Michel Vovelle).Google Scholar
  3. 66.
    Plessner, Helmut: Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. In: ders.: Gesammelte Schriften IV, Frankfurt/M. 1985, 203ff.Google Scholar
  4. 67.
    Plessner, Helmut: Über die Beziehung der Zeit zum Tode. In: ERANOS Jahrbuch, BD. XX (1951) : Mensch und Zeit, Zürich 1952, 349–386 und in: ders .: Gesammelte Schriften IX, Frankfurt/M. 1985, 224–262. Der Philosoph und Soziologe Helmut Plessner reflektiert in diesem komplexen Vortrag den genuinen Zusammenhang von Zeiterfahrung und Todesbewußtsein. Seine These ist, daß die Steigerung des Ichbewußtseins, die Problematisierung des Todes und die Aktualisierung der in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunfit sich entfaltenden linearen Zeit ein Junktim bilden. In drei Schritten entfaltet Plessner diese These: Der erste Teil des Vortrags widmet sich dem Übergang vom zyklisch orientierten mythologischen Zeitbewußtsein zum eschatologisch ausgerichteten christlichen Zeitbewußtsein, der eine strikte Trennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach sich zieht. Im zweiten Teil geht es um die rationale Beziehung zwischen Zeit und Tod. Dabei wird der Mensch als physisches Lebewesen behandelt, das wie alle anderen Organismen dem Gesetz des Sterbens unterliegt. Erst im dritten Teil geht es um die Frage der Todeserfahrung und Todesgewißheit, die nur dem Menschen zugänglich ist. Im Verlauf seiner Argumentation wendet sich Plessner gegen zwei Auffassungen über das Altern und den Tod: Weder sind Alter und Tod dem Leben äußerlich und fremd noch sind sie ihm innewohnend und wesentlich. Während er die erste Vorstellung niemandem namentlich zurechnet (man wird sie in den mittelalterlichen “Totentänzen” vorfinden können), identifiziert Plessner die zweite Vorstellung mit der Position Georg Simmels. Er selbst hält dagegen: Altern und Tod werden durch die Endlichkeit des Lebens nur ermöglicht, müssen vom Menschen aber vollzogen werden. Das Ziel, auf das hin das Leben ausgerichtet ist, ist nicht Verfall und Auslöschung, wie die Rede von der Endlichkeit des Lebens suggeriert, sondern Entfaltung und Vollendung. Es ist die Fortpflanzung, die ein Weiterleben des eigenen Typs in einem anderen Organismus über den eigenen Tod hinaus ermöglicht. Durch diesen Gedanken vereint Plessner am Ende die zyklische Zeitvorstellung des Mythos — symbolisiert durch den Kreis — mit der linearen Zeitvorstellung der säkularisierten Moderne symbolisiert durch die Sanduhr. Das endliche Leben des Individuums ist somit eingebettet in den unendlichen Kreislauf von Geburt, Reife und Tod, der jedes Individuum übersteigt. Der erste, wesentlich früher entstandene Text enthält Plessners Auffassung über den Tod und insbesondere seine Ablehnung der These von der Notwendigkeit des Todes in komprimierter Fassung ohne die Bezugnahme zum Zeitproblem.Google Scholar
  5. 68.
    Schwarz, Dieter: Leben, Lebenslauf, Alter und Tod. Überlegungen zur Professionalisierung des Lebens. In: Psychologie und Gesellschaftskritik 12 (1988), 7–25. In diesem Beitrag geht es darum, den sowohl lebenspraktisch als auch theoretisch-analytisch unauflösbaren Zusammenhang von Lebenslauf und Tod zu verdeutlichen. Ausgehend von einigen allgemeinen Überlegungen zur Lebensdeutung und zum Sinn des Lebens wird der Übergang von archaischen zu modernen Gesellschaften als zunehmende Professionalisierung des Lebenslaufs interpretiert, in dessen Verlauf die Medizin, die Psychologie, die Seelsorge und andere Institutionen das Sterben organisieren und verwalten und den Tod zu verhindern suchen. Am Ende wird vor der Gefahr gewarnt, daß der soziale Dienst von professionellen Experten nur noch als Job und nicht mehr als zwischenmenschlicher Interaktionsprozeß verstanden wird, der den Klienten in seiner psychosozialen Gesamtheit in den Mittelpunkt stellt.Google Scholar

6. Lebenszeit und Zeit 6.1 Sterblichkeit/Unsterblichkeit

  1. 69.
    Blauner, Robert: Death and social structure. In: Psychiatry 29 (1966), 378–394 und in: Coser, Rose Laub (ed.): Life Cycle and Achievement in America. New York 1969, 223–260. Im Mittelpunkt dieser Abhandlung stehen die Veränderungen der Mortalitätsrate in den modernen Industriestaaten gegenüber nichtindustrialisierten Ländern und vormodernen Kulturen. Auffällig ist dabei die Konzentration der Mortalität in modernen Gesellschaften auf die Gruppe der alten Menschen. Die Sterblichkeitsrate der jungen Menschen ist in Ländern wie den USA und Kanada gegenüber der im Kongo und in Mexiko extrem niedrig. Doch trotz des verbreiteten vorzeitigen Todes und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Beziehungsauflösungen wird der Bestand und Zusammenhalt dieser Gesellschaften nicht gefährdet, da auch die Toten in die soziale Welt inkludiert bleiben, was den noch Lebenden das Gefühl verschafft, auch nach dem Tod Gesellschaftsmitglieder bleiben zu können. Die modernen Gesellschaften bedürfen dieser Ahnenkulte und Jenseitshoffnungen als Bollwerk gegen Zustände der Anomie und des Zerfalls nicht mehr, da sie ihre funktionierenden Mitglieder weitgehend am Leben erhalten und durch den Wegfall der funktionslos gewordenen Alten nicht bedroht werden. Deshalb wird in diesen Gesellschaften der Tod zu einem rein privaten und persönlichen Problem, da er den reibungslosen Ablauf der gesellschaftlichen Beziehungen kaum mehr tangiert.Google Scholar
  2. 70.
    Gärtner, Karla: Sterblichkeit nach dem Familienstand. In: Zeitschrift für Bevölkerungsswissenschaft 16 (1990), H. 1, 53–66. Obwohl die Unterschiede in der Sterblichkeit bei ledigen, verheirateten, verwitweten und geschiedenen Personen zu den gängigen Themen in der Bevölkerungswissenschaft gehören, stammt die letzte umfassende Analyse für die BRD aus dem Jahre 1967. Seither jedoch hat sich die Familienstruktur und die Sterblichkeit stark verändert. Zwar können die generellen Aussagen, daß die Verheirateten die niedrigste und die Verwitweten und Geschiedenen die höchste Sterblichkeitsrate aufweisen, nach wie vor Gültigkeit für sich beanspruchen. Doch die Verschiebungen im Beziehungsmuster zwischen Alter, Geschlecht, Familienstand und Todesursache, wie sie im vorliegenden Beitrag näher skizziert werden, müssen stärkere Berücksichtigung finden.Google Scholar
  3. 71.
    Hauser, Jürg A.: Ansatz zu einer ganzheitlichen Theorie der Sterblichkeit. In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 9 (1983), H. 2, 159–186. Im vorliegenden Beitrag wird der Versuch skizziert, wie eine ganzheitliche Theorie der Sterblichkeit aufgebaut werden könnte. Dabei geht es insbesondere um die Verbindung der “forces of morbidity and mortality” , die durch genetische, umweltspezifische, sozio-kulturelle, sozio-ökonomische und individuelle Faktoren beeinflußt werden, mit dem sozialen Wandel.Google Scholar
  4. 72.
    Höhn, Charlotte/Pollard, John H.: Analyse der Sterblichkeit in beiden Teilen Deutschlands in den Jahren 1976 bis 1986. In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 16 (1990), H. 3/4, 355–381. Ein Vergleich der Sterblichkeitsdaten nach Alter, Geschlecht und Todesursache zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik zeigt, daß die Lebenserwartung von 1976 bis 1986 in der BRD gestiegen ist, in der DDR es jedoch nur eine minimale Zunahme gegeben hat. Diese unterschiedliche Entwicklung in den beiden deutschen Staaten beruht auf einer in der DDR höheren Sterblichkeit an Krankheiten des Kreislaufsystems und der Atmungsorgane, äußeren Einwirkungen und “anderen” Todesursachen. Unter den letzten beiden Todesursachengruppen werden auch Selbstmorde, Unfälle, Tod durch Leberzirrose und Krankheiten der Verdauungsorgane subsumiert. Die Autoren nehmen an, daß diese Todesursachen — wie auch in anderen osteuropäischen Ländern — stark zugenommen haben und deshalb nicht mehr — wie noch 1976 in der DDR praktiziert und allgemein üblich — getrennt ausgewiesen wurden.Google Scholar
  5. 73.
    Lifton, Robert Jay: Der Verlust des Todes. Über die Sterblichkeit des Menschen und die Fortdauer des Lebens. München 1986. (Amer. Orig. 11979) . Die vorliegende Studie des amerikanischen Psychologen Robert Jay Lifton will den Ort des Todes in der menschlichen Vorstellungswelt erkunden und zu seinen Empfindungen von Endlichkeit, Veränderung und Anfang in Beziehung setzen. Dabei wird davon ausgegangen, daß die im Atomzeitalter möglich gewordene totale Auslöschung des Menschen die Vorstellungen vom Tod und der Fortdauer des Lebens nachhaltig erschüttert hat. Nach der nuklearen Katastrophe ist an keine Fortdauer des Lebens zu denken. So führt die Vorstellung von der totalen Vernichtung zum “Verlust des Todes”, der immer eine Fortdauer des Lebens impliziert. Um diese These zu verdeutlichen geht es Lifton zunächst darum, die gewöhnlichen, also vornuklearen Beziehungen zum Tod und zur Fortdauer des Lebens zu rekonstruieren, um sie anschließend mit dem neuen Paradigma, dem neuen Hintergrund einer absolut letzten Bedrohung, zu konfrontieren.Google Scholar
  6. 74.
    Linke, Wilfried: Differentielle Sterblichkeit nach Berufen. In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 16 (1990), 29–51. Nach demographischen und sozioökonomischen Merkmalen differenziert werden in diesem Beitrag Ergebnisse der Beschäftigungsstatistik 1985 über Arbeitnehmer, die durch Tod aus dem Arbeitsprozeß ausgeschieden sind, mit den entsprechenden Ergebnissen des Berichtsjahres 1984 verglichen.Google Scholar
  7. 75.
    Myers, George C.: Sterblichkeitsrückgang, Lebensverlängerung und Altern der Bevölkerung. In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 10 (1984), 463–475. Entgegen der vorherrschenden Meinung wird das demographische Altern einer Bevölkerung nicht grundsätzlich und ausschließlich durch einen Geburtenrückgang verursacht. Vielmehr gilt dieses “Altern von der Basis der Bevölkerungspyramide” nur so lange als Hauptursache, bis ein Lebenserwartungsniveau von 70 Jahren erreicht wird. Bei einem Lebenserwartungsniveau von über 70 Jahren, das durch einen insbesondere die ältere Bevölkerung betreffenden Sterblichkeitsrückgang erreicht wird, komme es zu einem zusätzlichen und stärkeren “Altern von der Spitze der Bevölkerungspyramide” .Google Scholar

7. Partnerschaft, Ehe und Familie

  1. 76.
    Christian-Widmaier, Petra: Sterben zu Hause in der Familie. Wunschdenken und Wirklichkeit aus soziologischer Sicht. In: Godzik, Peter/Muschaweck, Petra R.: Laßt mich doch zu Hause sterben. Gütersoh 1989, 31–52. Diese Abhandlung tritt den vielfach idealisierenden Vorstellungen eines Sterbens zu Hause im Kreise der Familie entgegen. Unüberprüft und unkritisch werde in kulturkritischer Absicht oft einfach unterstellt, daß es sich dabei um die natürlichste, christlichste oder würdigste Art zu sterben handelt. Gegenübergestellt werde diesem Ideal dann zumeist eine eindringliche Beschreibung der kalten Wirklichkeit der Apparatemedizin, in der es sich nicht behütet und liebevoll umsorgt sterben läßt. Mit einem Blick in aktuelle familiensoziologische Untersuchungen wird ein Bild der gegenwärtigen Familienform gezeichnet und die Frage gestellt, ob sie die Erwartungen, die an sie geknüpft werden, wenn ein Familienangehöriger zu Hause stirbt, überhaupt erfüllen kann. Dem stehen zahlreiche Probleme entgegen, wie etwa der Platzmangel in den zunehmend kleinen Wohnungen, der Zeitmangel der Kleinfamilienangehörigen durch Berufstätigkeit und Kindererziehung, die mangelnden Kenntnisse im Pflegebereich usw. Dem berechtigten Wunsch zu Hause zu sterben, ist die moderne Kleinfamilie nicht mehr gewachsen. Am Ende schildert die Autorin einen authentischen Fall eines alten Mannes, der zu Hause erkrankt, zum Pflegefall wird und schließlich stirbt. Was das im einzelnen heißt, wird sehr eindringlich geschildert. Ohne für das Sterben zu Hause oder in Institutionen zu werben, untersucht diese Abhandlung wohltuend nüchtern die Bedingungen, die erforderlich sind, damit ein Mensch zu Hause sterben kann und konfrontiert sie mit der Wirklichkeit der Familienstrukturen. Freilich kann dieses Thema in diesem begrenzten Rahmen nur angerissen werden; es verdiente aber genauere Untersuchungen.Google Scholar
  2. 77.
    Uhlenberg, Peter: Death and the family. In: Journal of Family History 5 (1980), 313–320. Obgleich wichtige Entwicklungen in der Familienforschung wie etwa der Wandel der Kindheitsphase und der Aufstieg der Kernfamilie zum dominanten Familienmodell ohne die Berücksichtigung des Wandels der Mortalitätsraten nicht angemessen verstanden werden können, sind sie gleichwohl in der Familienforschung vernachlässigt worden. Uhlenberg zeigt, daß die Sterblichkeitsrate in unterschiedlichen Altersabschnitten (Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Alte) unmittelbare Auswirkungen auf die Familie hat; etwa darauf, wie lange ein Ehepaar zusammenlebt, ob die Kinder noch ihre Großeltern kennenlernen etc. Anhand der Jahre 1900, 1940 und 1976 zeigt Uhlenberg die Veränderung der Sterblichkeitraten und die Folgen für den Wandel in der Familienstruktur in Amerika von 1900 bis 1976.CrossRefGoogle Scholar

8. Medizinische Soziologie 8.1 Kulturbedeutung medizinischer Todesdefiinitionen

  1. 78.
    Mant, A. Keith: Die medizinische Definition des Todes. In: Arnold Toynbee (Hg.): Vor der Linie. Der moderne Mensch und der Tod. Frankfurt/M. 1970, 11–27. Die genaue Bestimmung des Todeszeitpunktes hat die Menschen von frühester Zeit an beschäftigt. Die modernen Mittel und Methoden haben die Schwierigkeit einer präzisen Bestimmung des Todes dabei eher erhöht als verringert. Um diese These zu belegen, zeichnet der Autor in groben Zügen die Entwicklung der sich wandelnden Todesbestimmung in der Geschichte der Medizin nach. Dabei sind die Todeskriterien früherer Gerichtsmediziner wenig anders als heute: Das Aussetzen von Atmung und Herzschlag, Blässe und Todesstarre gelten auch heute noch als Zeichen für das Eintreten des Todes. Zwar kommt es im frühen neunzehnten Jahrhundert zur Unterscheidung von somatischem — Auslöschung der Persönlichkeit — und molekularem Tod — Absterben der Zellen, die den Körper bilden; im zwanzigsten Jahrhundert zur Erweiterung des “Herztodes” durch den “Gehirntod”, doch über ein übereinstimmendes und präzises Todeskriterium, das Fehldeutungen ausschließt, verfügt die Medizin immer noch nicht. Trotz des Nachweises der Unzuverlässigkeit der verschiedenen Todeskriterien, die etwa zu der Angst vor zu frühen Begräbnissen geführt haben, wovon der Autor berichtet, erklärt er abschließend überraschend, daß Falschbeurkundungen nach wie vor aus Fahrlässigkeit und Ignoranz entstünden.Google Scholar

8. Medizinische Soziologie 8.2 Krankheit

  1. 79.
    Cromm, Jürgen: Krankheit und Sterblichkeit in ihrer Entwicklung als gesellschaftliches Phänomen. In: Horst Reimann/Hans-Peter Müller (Hg.): Probleme moderner Gesellschaften. Opladen 1994, 78–97. In diesem Beitrag geht es um das Auftreten von Krankheit und Sterblichkeit, deren Verteilung in verschiedenen sozialen Verhältnissen und um verschiedene Erklärungs- und Deutungsmuster, die für diese Tatbestände geliefert werden. Außerdem informiert er über Anfänge und Entwicklungen der Erhebung von Mortalitätsraten. Dabei werden weitgehend historische Quellen zitiert, die illustrieren, daß erst sehr spät, etwa in der zweiten Hälfte des 19. Jh. , die sozialen Einflüsse chronischer Erkrankungen mitbedacht wurden. Je nach wirtschaftlicher Lage, Ernährungsweise und Wohnsituation variiert die Sterblichkeitsrate. Das daraus abgeleitete “Recht auf Gesundheit” wird heute, nach der weitgehend erfolgreichen Bekämpfung typischer Armutskrankheiten (wie Tbc. usw.) zu einer “Pflicht zu Gesundheit”, da wir es heute vielfach mit Zivilisationskrankheiten (etwa Krebs durch Rauchen) zu tun haben. Die heute populäre Präventivmedizin entsteht nicht zuletzt aus Kosten-Nutzen-Analysen. Mehr und mehr etabliert sich ein Zwang zur gesunden Lebensführung. Das Gesundheitwesen wird zum Herrschaftsinstrument.CrossRefGoogle Scholar

8. Medizinische Soziologie 8.2 Krankheit 8.2.1 AIDS

  1. 80.
    Rühmann, Frank: Aids. Eine Krankheit und ihre Folgen. Frankfurt/M. u.a. 1985. Im Mittelpunkt dieser Studie steht die Krankheit Aids, die das Immunsystem des Menschen zerstört und gegen die die Medizin bis heute keine Heilungsmöglichkeit entwickelt hat. Nach einer eingehenden Darstellung des medizinischen Forschungsstandes über Aids thematisiert der Beitrag den gesellschaftlichen Umgang mit Aids in den USA und in der Bundesrepublik. Dabei zeigt der Autor, wie es im Laufe der Debatte um Aids zu einer erneuten Pathologisierung der Homosexualität gekommen ist. Der starke Einfluß neokonservativer Strömungen in den achtziger Jahren hat die Homosexuellen zu einer stigmatisierten Randgruppe werden lassen. Der Beitrag dokumentiert und analysiert die Reaktionen von Medizin, Sozialwissenschaften, Presse und staatlichen Einrichtungen sowie die Diskussionen unter den Homosexuellen.Google Scholar
  2. 81.
    Small, Neil: Dying in a public space. In: Clark, David (ed.): The sociology of death and dying. Oxford 1993, 87–111. Der Autor zeichnet zunächst die Art und Weise nach, wie Aids in der Öffentlichkeit thematisiert worden ist. Danach untersucht er anhand einiger Biographien und Autobiographien, wie die Diagnose Aids zu haben, individuell verarbeitet wird und den Blick des Betroffenen auf die Umwelt prägt. Dabei wird insbesondere bei populären Betroffenen die Gleichzeitigkeit von Aids als einer privaten Erfahrung und einer öffentlichen Angelegenheit deutlich.Google Scholar

8. Medizinische Soziologie 8.4 Sterben in Organisationen

  1. 82.
    Aigner, Erich: Sterben im Krankenhaus, in: Ziegler, Meinrad/Mörth, Ingo/Hummer, Hubert (Hg.): Sterben, Tod, Trauer. Linz 1989. Dieser kurze Beitrag stellt die Situation des Sterbeprozesses im Krankenhaus den Erfahrungen in Hospizen gegenüber, wobei insbesondere auf die nötige (und oft fehlende) Ausbildung und Kompetenzen des Personals abgehoben wird. Die Frage ist, in welcher Institution und mit welcher Hilfe auf die Bedürfnisse der Sterbenden am besten eingegangen werden kann. Ohne eine Entscheidung für die eine und gegen die andere Institution zu treffen, klärt der Beitrag über die Bedingungen auf, die geschaffen werden müssen, um den Sterbenden eine optimale Betreuung zu gewähren, aber auch um die psychosoziale Belastung der Helfer aufzufangen.Google Scholar
  2. 83.
    Glaser, Barney/Strauss, Anselm: Interaktion mit Sterbenden. Beobachtungen für Ärzte, Schwestern, Seelsorger und Angehörige. Göttingen 1974. Ausgehend von der Beobachtung, daß heute die meisten Menschen nicht mehr zu Hause, sondern im Krankenhaus sterben, untersuchen die beiden Sozialpsychologen den Sterbeprozeß anhand der Interaktion zwischen dem Kranken und dem Krankenhauspersonal in sechs Krankenhäusern im Bereich San Franciscos. Als ausschlaggebenden Faktor für die Art und Weise der Interaktion zwischen Patient und Personal bestimmen die Autoren die Bewußtheit der Situation. In ihren Feldstudien konnten sie beobachten, daß die unterschiedlichen Verhaltensweisen der an der Sterbesituation Beteiligten, einschließlich der Patienten, sich danach richten, inwieweit sie über den Zustand des Patienten Bescheid wissen. Dabei werden unterschiedliche Situationen bestimmten Kontexten des Wahrnehmens zugewiesen: Der Patient ist ahnungslos — geschlossene Bewußtheit; der Patient verfolgt einen Verdacht — argwöhnische Bewußtheit; alle Beteiligten wissen Bescheid, gestehen es aber nicht ein — Bewußtheit der wechselseitigen Täuschung; der Patient kennt seinen Zustand und gibt es zu — offene Bewußtheit. Anschließend werden die typischen Verhaltenmuster beschrieben, die sich nach der Aufklärung des Patienten über seine todbringende Krankheit durch den Arzt einstellen. Eine anfängliche Depression weicht nach einer gewissen Zeit der Akzeptanz oder Verdrängung der Todesgewißheit. Die Annahme der Diagnose kann zu einer aktiven Todesvorbereitung ebenso führen wie zu einem Kampf gegen die Krankheit. Nach Meinung der Autoren richten sich diese Umgehensweisen danach, auf welche Weise dem Patienten das Wissen um seinen Zustand beigebracht wird, welche Einstellung er selber dazu hat und welche Hilfe ihm angeboten wird. Die nachfolgenden Kapitel behandeln die um den Zustand ihres Angehörigen wissende bzw. unwissende Familie und die Verhaltensweise von Ärzten und Schwestern angesichts aussichtsloser Fälle. Abschließend gehen die Autoren, gemäß ihres Anspruchs sowohl für Soziologen als auch für Ärzte, Schwestern, Seelsorger und Angehörige zu schreiben, auf die Folgerungen ein, die sich aus ihrer Untersuchung für pflegerische und ärztliche Betreuung auf der einen Seite und für die Theorie der Bewußtheit und Interaktion auf der anderen Seite ergeben.Google Scholar
  3. 84.
    Lau, Ephrem Else: Tod im Krankenhaus. Soziologische Aspekte des Sterbens in Institutionen. Köln 1975. Anknüpfend an die Arbeiten von v. Ferber, Glaser/Strauss und Sudnow zu diesem Thema, will die vorliegende Untersuchung, deren Material aus teilnehmender Beobachtung der Verfasserin in verschiedenen Krankenhäusern stammt, eine Analyse des sozialen Handelns der an der Sterbesituation Beteiligten sein. Der Autorin geht es darum, die sozialen Faktoren ausfindig zu machen, denen sterbende Patienten wie beruflich Handelnde unterliegen. Ihr Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Analyse der Zuschreibung von Rollenmustern der verschiedenen Beteiligten in der Sterbesituation. Das Ergebnis ihrer Untersuchung ist, daß Krankenhäuser in ihrer jetzigen Form für den “erwarteten Tod” , den sie von dem “unerwarteten Tod” unterscheidet, nicht die adäquate Institution für die Bewältigung der Sterbesituation sind. Ebensowenig ist der Arzt aufgrund seiner auf die Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit des Organismus ausgerichteten Ausbildung für diese Aufgabe richtig vorbereitet. Doch nicht in der Errichtung spezieller Sterbekliniken sieht die Autorin eine mögliche Alternative, vielmehr favorisiert sie eine Unterstützung zur Ermöglichung des Sterbens im Kreis der Familie, etwa durch ambulante Dienste, Schulung von Familienmitgliedern.Google Scholar
  4. 85.
    Ridder, Paul: Tod und Technik. Sozialer Wandel in der Medizin. In: Soziale Welt 34 (1983), 110–119. Die rasante Entwicklung der Medizin im technischen Bereich, die der oft befürchteten Tabuisierung des Todes entgegensteht, bestimmt in entscheidender Weise die Todesbilder in der modernen Gesellschaft. Aufgezeigt wird, daß die Technologisierung der Medizin eine Typisierung des Leibes zur biochemischen Maschine zur Folge hat. Die Technik schiebt sich gleichsam zwischen die Beziehung von Arzt und Patient und unterwirft dabei den Patienten zum willenlosen Objekt, das sich der Organisationsstruktur des Krankenhauses vollends zu unterwerfen hat.Google Scholar
  5. 86.
    Sudnow, David: Organisiertes Sterben. Eine soziologische Untersuchung. Frankfurt/M. 1973. (amerik. Orig. 11967) Theoretisch orientiert an der Interaktionstheorie Erving Goffmans und der ethnomethodologischen Soziologie Harold Garfinkels hat der Autor die erste umfassende Untersuchung über die Organisation des professionellen Umgangs mit dem Tod im Klinikbereich vorgelegt. Der Tod wird nicht einfach nur als eine rein biologische Tatsache, sondern als soziales Phänomen vorgestellt, das von den Menschen gedeutet, benannt und gestaltet werden muß. Diese Interaktions- und Kommunikationsprozesse innerhalb des Krankenhauspersonals, aber auch zwischen Krankenhauspersonal, Patient und Angehörigen zu dokumentieren und zu interpretieren steht im Mittelpunkt dieser Studie. Problematisiert wird dabei auch die Herstellung des “sozialen Todes”, der auf die Definitionsmacht des Arztes zurückgeht, den Patient als “im Sterben liegend” zu bezeichnen. Die sich daraus ergebenden Folgeaktivitäten und Umgehensweisen von Personal und Angehörigen mit dem Patienten wird einer eingehenden Analyse unterzogen. Außerdem werden die Differenzen der Trauerhaltung hinsichtlich des Todes von Alten, Kindern, Selbstmördern, Alkoholikern oder Embryonen. Ein eigenes Kapitel widmet Sudnow der Übermittlung der Todesnachricht, wobei die besonderen Sprachregelungen analysiert werden. Im Anhang prüft Thure von Uexküll, inwieweit sich die von Sudnow gelieferten Ergebnisse auf bundesrepublikanische Verhältnisse übertragen lassen.Google Scholar

8. Medizinische Soziologie 8.5 Sterbebegleitung

  1. 87.
    Kalish, Richard A.: Der gegenwärtige Status von Tod und Betreuung des Sterbenden. Das Ende eines Tabus. In: Albin Eser (Hg.): Suizid und Euthanasie als human- und sozialwissenschaftliches Problem. Stuttgart 1976, 159–169. Der Autor sagt der These von der Tabuisierung des Todes Lebewohl. Sterben und Tod sind, vor allem in den USA, zu einem Thema von allgemeinem Interesse geworden; beide haben sich zu einer regelrechten Bewegung, ja Mode, entwickelt. Dieser neue Trend zur öffentlichen Aufmerksamkeit gegenüber dem ehemalig verdrängten Thema geht Kalish zufolge auf vier verschiedene Motive zurück: 1. dem Zerstörungspotential in der Welt, 2. dem Fortschritt in der medizinischen Technik, 3. der Suche nach Unterprivilegierten und Unterversorgten, 4. der Zunahme der Beschäftigung mit nicht-westlichen Denkweisen und 5. der verstärkten Suche nach Sinn. Diese sich gegenseitig verstärkenden Trends bilden eine zusammenhängende Kraft, die, so die optimistische Diagnose von Kalish, die Menschen in den Stand versetzt, mit ihrem eigenen Tod fertigzuwerden und die Sterbenden zu betreuen, wofür die Hospizbewegung ein deutliches Indiz ist.Google Scholar
  2. 88.
    Nassehi, Armin/Pohlmann, Reinhard (Hg.): Sterben und Tod. Probleme und Perspektiven der Organisation von Sterbebegleiung. Münster/Hamburg 1992. Aus soziologischer, theologischer, pädagogischer und medizinischer Sicht wird das Problem der Organisation von Sterbebegleitung thematisiert, wobei sowohl theoretische Überlegungen als auch Erfahrungen aus der Praxis zu Wort kommen.Google Scholar
  3. 89.
    Rest, Franco: Den Sterbenden beistehen. Ein Wegweiser für die Lebenden. Heidelberg 1981. Diese Arbeit bietet eine praxis- und anwendungsnahe Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Sterben. Es erlaubt dem Leser keine Ausflüchte in wissenschaftliche Abstraktionshöhen, die das eigene Betroffensein vergessen machen könnten. Unter weitgehendem Verzicht auf sperrige Fremdwörter wird immer wieder der direkte Weg zum Leser gesucht, indem er mit Fragen konfrontiert wird, die über die eigenen Einstellungen zum Tod Aufschluß verschaffen sollen. Der Leser ist permanent zur Mitarbeit aufgerufen. Es geht darum, die Befähigung der Menschen einander beim Sterben zu helfen, auszubilden, die hier jeder Leser quasi schrittweise erlernen kann. Dazu gibt es direkte Anleitungen, wie mit Sterbenden umgegangen werden soll. Die einzelnen Kapitel stellen so etwas wie Lektionen dar, die mit Merksätzen und Übungsaufgaben abgeschlossen werden, wodurch eine Vertiefung des Themas erreicht werden soll, die über die unmittelbare Lektüre hinausgeht.Google Scholar
  4. 90.
    Stoddard, Sandol: Die Hospiz-Bewegung. Ein anderer Umgang mit Sterbenden. Freiburg/Br. 1987 (engl. Orig. 11978). Anhand dieses Buches kann man sowohl die Geschichte der Idee der Hospizbewegung nachvollziehen als auch den alltäglichen Ablauf in einem Hospiz an Beispielen aus England und den USA studieren. Die grundlegende Idee des Hospizes ist es, das Sterben wieder als Teil des Lebens zu akzeptieren und eine umfassende Betreuung der Sterbenden und deren Angehörigen anzubieten. Statt den Tod mit Hilfe der Apparatemedizin zu bekämpfen und dabei die Bedürfnisse des Patienten zu vergessen, geht es darum, ein menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen, das den Betroffenen bis zum Schluß eigenständige Person sein läßt.Google Scholar

9. Euthanasie und Sterbehilfe

  1. 91.
    Auer, Alfons/Menzel, Hartmut/Eser, Albin: Zwischen Heilauftrag und Sterbehilfe. Zum Behandlungsabbruch aus ethischer, medizinischer und rechtlicher Sicht. Köln 1977.Die Autoren wollen mit diesem Band keine weitere Auseinandersetzung mit der Euthanasie im allgemeinen vorlegen. Vielmehr konzentrieren sie sich auf die Frage des Behandlungsabbruchs, d.h. auf die Frage, ob der Arzt nicht das Recht haben müßte, auf eine Behandlung überhaupt zu verzichten oder eine bereits eingeleitete Lebenserhaltungsmaßnahme, mit oder ohne Einwilligung des Patienten, abzubrechen. Der Band enthält schonungslose Fotos aus dem Alltag der Intensivstation, die in krasser Weise das Dilemma von Heilauftrag und Sterbehilfe verdeutlichen sollen.Google Scholar
  2. 92.
    Tolmein, Oliver: Geschätztes Leben. Die neue “Euthanasie”-Debatte. Hamburg 1990. Der Zeitungsredakteur und Buchautor Tomlein bietet mit diesem Beitrag einen aktuellen Zugang zur gegenwärtigen Debatte um die “Euthanasie”. Überaus kritisch wendet sich der Autor gegen die Befürworter jeglicher Formen der Euthanasie und zeigt die Kontinuität ihrer Argumente zu den schon von den Nationalsozialisten vertretenen Argumenten auf. Die Kritik konzentriert sich dabei besonders auf das von diesen vertretene Menschenbild, das den Menschen auf seinen biologischen Gebrauchswert reduziert. So gerät nicht nur die politische, sondern auch die philosophische Dimension des Themas in den Blick. Mit Adorno und Horkheimer als Gewährsmänner wird führenden zeitgenössischen Philosophen ein “falsches Be-wußtsein” allein deshalb attestiert, weil sie sich für eine diskursive Auseinandersetzung mit den umstrittenen Thesen Singers eingesetzt und diese damit letztlich “hoffähig” gemacht hätten. Trotzdem stellt das Buch einen wichtigen Beitrag dar, dessen zusammengetragene Ergebnisse über längst herrschende “Euthanasie-Praktiken” einem den Atem verschlagen.Google Scholar

10. Suizid 10.1 Theorien und Definitionen

  1. 93.
    Bachhuber, Uwe: Vom Täter zum Opfer — der ‘Selbst-Mord’ im Wandel sozialer Zuschreibungen, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 16 (1992), 32–45. Diese kleine Studie analysiert die Prozesse der Veränderung von Reaktionen gegenüber suizidalen Handlungen, die sich schon in der unterschiedlichen Begriffswahl wie Selbstmord, Freitod, Selbsttötung und Suizid samt ihrer moralischen Implikationen niederschlagen. Dabei bedient sich der Autor der diskursanalytischen Methode Michel Foucaults, die historische Möglichkeitsbedingungen von Aussagen untersuchen will. Anhand einiger Lexikonartikel aus verschiedenen Jahrhunderten zeigt Bachhuber, daß sich die neueren im Vergleich zu den früheren Artikeln jeder offenen moralischen Verurteilung enthalten und sich stattdessen ganz auf die Ursachen des Suizids konzentrieren. Dabei wird der ehemals als Täter behandelte Suizident, der sich gegenüber Gott, dem Staat und seinen Mitmenschen versündigte, zum Opfer pathologischer Kräfte. Suizidenten werden nicht mehr als aussätzige Verbrecher, sondern als schutzlose, kranke und unglückliche Menschen behandelt, mit denen man Mitleid hat. Ganz im Sinne Foucaults argumentiert Bachhuber, wenn er diese Pathologisierung des Suizids als eine differenziert zu handhabende Disziplinierungstechnik interpretiert. Das Individuum wird in Verwahrung genommen, einer Behandlung und Therapie zugeführt. Da dem Suizid durch Sanktionierung nicht mehr beizukommen war, ist die Pathologisierung und Hospitalisierung des Suizids an deren Stelle getreten. Die Letztere erlaubt es der Ge-Seilschaft zu behaupten, daß dem Suizident alle nötige Hilfe zuteil geworden ist, daß sie alles getan hat, um ihn vom Wert des Lebens zu überzeugen. Und doch handelt es sich in beiden Fällen um spezifische Machttechniken, mit deren Hilfe Individuen kontrolliert werden.Google Scholar
  2. 94.
    Baechler, Jean: Tod durch eigene Hand. Eine wissenschaftliche Untersuchung über den Selbstmord. Frankfurt/M./Berlin/Wien 1981. Dieses voluminöse — obwohl in der deutschen und englischen Ausgabe gekürzte — Werk darf als Standardwerk in der Suzidforschung angesehen werden. In vier große Teilen widmet es sich den Theorien des Selbstmords (I.), den typischen Bedeutungen des Selbstmords (IL), der Ätiologie der Selbstmorde (III.) und den Selbstmorden als Institutionen (IV.). Während Baechler im ersten Teil theoretische Konzepte diskutiert und sich um eine eigenständige Definition des Selbstmords bemüht, stellt er im zweiten Teil eine Typologie des Selbstmords auf, die sich im vierten Teil als institutionalisierte Formen des Selbstmords wiederholen: Er unterscheidet zwischen den eskapistischen Selbstmorden (Flucht, Trauer, Strafe), den aggressiven Selbstmorden (Verbrechen, Rache, Erpressung, Appell), den oblativen Selbstmorden (Opfer und Passage) und den spielerischen Selbstmorden (Ordal und Spiel). Im dritten Teil untersucht der Autor die persönlichen Faktoren (physiologische, psychiatrische, familiäre, soziale Kontexte nebst Alter und Geschlecht) und die indirekten (Mentalitäten, Religion, die Toxikomanien, die Mechanismen des Alkoholismus) bzw. direkten äußeren Faktoren (Krieg), die auf die Suizidhandlung Einfluß nehmen können. Die durchgehende These seiner an Alfred Schütz angelehnten und im deutlichen Gegensatz zur Durkheim-Schule vorgenommenen Studie ist, daß jeder Selbstmord eine Problemlösung darstellt. Baechler versteht den Selbstmord als eine freie Handlung, zu der niemand getrieben werden kann, weder durch eine geheimnisvolle Macht oder einen Trieb noch durch eine Krankheit. Trotz dieser These kommt der Verfasser zu dem Ergebnis, daß es zwar keine genetische Festschreibung des Selbstmords gibt, aber eine ihn begünstigende Labilität der Persönlichkeit, weshalb die Suizidenten eine spezifische Population darstellen. Folglich, so der Autor, kommt es auch in erster Linie darauf an, die Persönlichkeit der Menschen zu studieren, bevor man sich den äußeren Einflußfaktoren zuwendet.Google Scholar
  3. 95.
    Douglas, Jack D.: The social meanings of suicide. Princeton, New Jersey 1967. Dieser Beitrag setzt sich aus vier großen Teilen zusammen. Nach einer eingehenden Analyse der Durkheim-Studie zum Suizid (I.) widmet sich der Autor den Nach-Durkheimschen Arbeiten zum Suizid: der Status- und Integrationstheorie von Jack P. Gibbs und Walter T. Martin, der Status-und Anomietheorie von Edwin H. Powell, ökologischen Theorien, Statuswandeltheorien, der Subkulturtheorie von Maurice Halbwachs und den Theorien von Andrew F. Henry und James F. Short sowie der Theorie David Golds, die eine Kombination von soziologischen und psychologischen Ansätzen anstreben (II). Im dritten Teil liefert Douglas eine Problematisierung der offiziellen Selbstmordstatistiken und ihre soziologische Verwendung (III.). Der vierte Teil enthält, als Resultat der zuvor kritisierten Ansätze, die vom Verfasser entwickelten Auffassungen zum Thema Suizid. Insgesamt will der Verfasser den Nachweis erbringen, daß die genannten Autoren einem Selbstmißverständnis aufsitzen, wenn sie vorgeben, nicht deduktiv, sondern induktiv, sprich: von offiziellen Statistiken zu Theorien, zu verfahren. In Wahrheit liefern sie deduktivhypothetische Ansätze, die sich der unkritischen Verwendung der offiziellen Statistiken bedienen, ohne nach dem Zustandekommen oder den ihnen zugrundeliegendenden Grundannahmen dieser scheinbar objektiven Daten zu fragen, die sich möglicherweise mit ihren eigenen gar nicht vertragen. Douglas selbst stellt den Defiziten dieser Theorien eine empirisch-induktiv verfahrende Methode als Alternative gegenüber, die mit einer kritischen Erörterung der offiziellen Daten zu beginnen habe. 96. Durkheim, Emile: Der Selbstmord. Frankfurt/M. 1983 (4897). Die klassische Untersuchung von Durkheim ist die erste soziologischempirische Arbeit über den Selbstmord. Sie inspirierte bis heute zahlreiche, mehr oder weniger an sie anschließende Publikationen. Vielfach haben sich Nachfolger zur Aufgabe gemacht, die von Durkheim vorgenommene Typenbildung des Selbstmords zu erweitern oder zu variieren. Durkheim unterscheidet zwischen egoistischem, altruistischem, anomischem und fatalistischem Selbstmord. Doch bevor er zu dieser Einteilung kommt, werden im ersten Teil seiner Untersuchung die Erklärungmuster über den Zusammenhang von Krankheit und Selbstmord, Klima, Rasse usw. diskutiert und — verworfen. Er beginnt mit einer Definition des Selbstmords, um dann gängige Klärungen des Selbstmords zu widerlegen. Nach der Aufstellung der Typologie gelangt er zu einer allgemeinen Theorie des Selbstmords. Im Prinzip ist der Selbstmord für Durkheim ein Krisensymptom angesichts des Übergangs in die Moderne. Er resultiert aus der mangelnden Einbindung des Individuums in die Gesellschaft. Zwar sieht er auch die Nachteile einer Überintegration, aber die aktuelle Gefahr ist die einer mangelnden Kohäsion innerhalb der Gruppen. Deshalb denkt er am Ende seiner Studie darüber nach, wie eine stärkere Integration in Religion, Familie und anderen Gemeinschaftsformen wiederhergestellt werden könnte. Es ist oft beklagt worden, daß aufgrund seines sozialwissenschaftlichen Positivismus sich sein Erkenntnisinteresse ganz auf beschreibbare Gesetzmäßigkeiten konzentriere, die die Untersuchung der subjektiven Impulse, die zum Selbstmord führen, als sekundäre einstufe. Die Relationen zwischen dem Ausmaß sozialer Anomie, fehlender oder mangelnder Integration und der Höhe der Selbstmordrate in einer Gesellschaft wurden mehrfach, etwa von Halbwachs 1939 und Dublin/Bunzel 1955, bestätigt. Durch die Zurückweisung geographischer, psychologischer und ökonomischer Erklärungen zum Selbstmord und der Bevorzugung soziologischer Antworten versucht Durkheim zugleich das Fach Soziologie als eigenständige Disziplin zu etablieren.Google Scholar
  4. 97.
    Giddens, Anthony: Eine Typologie des Suizids. In: Welz, Reiner/Pohlmeier, Hermann (Hg.): Selbstmordhandlungen. Suizid und Suizidversuch aus interdisziplinärer Sicht. Weinheim/Basel 1981, 43–63. (Giddens, Anthony: A typology of suicide. In: Archives Européennes de Sociologie 7 (1966), 276–295) Giddens will eine schematische Typologie aufstellen, die soziologische und pychologische Theorien, die zu oft isoliert nebeneinanderstünden, miteinander verbinden. Als immerwiederkehrenden Ausgangspunkt soziologischer Selbstmordtheorie untersucht der Autor die Theorie Durk-heims, wobei er referiert, daß Durkheim zwischen zwei Formen von Suizid unterscheidet. Ausgeblendet wird damit, daß Durkheim nicht nur die Gefahr der mangelnden Integration und der schwach ausgeprägte Norm sieht, sondern auch die der zu starken Integration (altruistischer Suizid) und die der zu starken Normzwänge (fatalistischer Suizid). Mit der Verbindung von Psychologie und Soziologie versucht Giddens die an Durkheims Theorie oft beklagte Lücke individueller Motivationen zu schließen. Außerdem regt er an, den Suizid und den Suizidversuch kategoriat als zwei verschiedene Handlungen voneinander zu trennen.Google Scholar
  5. 98.
    Lindner-Braun, Christa: Soziologie des Selbstmords. Opladen 1990. Anknüpfend an ihre Untersuchung aus dem Jahre 1971 ist es der Autorin darum zu tun, auf der Grundlage einer motivationstheoretischen Handlungstheorie eine umfassende Theorie des Selbstmords zu entwerfen. Diese hat die Aufgabe, Selbstmordverhalten zunächst theoretisch zu definieren, nach tödlich endenden und nicht tödlich endenden Suiziden zu differenzieren, von Alkoholismus und Drogenabhängigkeit theoretisch zu scheiden und nach ersten und wiederholten Suizidhandlungen zu unterteilen. Außerdem müssen ihre Hypothesen nicht nur mit anderen empirisch festgestellten Regelmäßigkeiten in Einklang stehen, sondern auch Erklärungen für eine ganze Reihe von Abweichungen finden können; etwa für die unterschiedlichen nationalen Selbstmordraten, aber auch für die Konstanz nationaler Selbstmordraten, die Selbstmordhäufigkeit in wirtschaftlicher Hochkonjunktur und die Abnahme in Kriegszeiten, Überrepräsentanz der Männer bei Suizidversuchen mit letalem Ausgang, aber die Überrepräsentanz der Frauen bei nicht tödlich endenden Suizidversuchen. Anspruch der vorliegenden Arbeit ist es, diesen Anforderungen zu genügen. Dazu werden im ersten Teil in Auseinandersetzung mit konkurrierenden Forschungsansätzen verschiedene Determinanten des Suizids und des Suizidsversuchs, die streng voneinander geschieden werden, auf vier Ebenen analysiert: 1. Ergebnismodell: Wann endet eine suizidale Handlung tödlich und wann überlebt der Handelnde? (Determinanten für den Handlungsbeginn und das Handlungsergebnis) 2. Handlungsmodell: Wann wird eine suizidale Handlung ausgeführt? (Determinanten für den Handlungsbeginn und das Handlungsergebnis) 3.Instrumentalitätsmodell: Wie kommt es zu Suizid- bzw. Suizidversuchsbereitschaft? (Determinanten suizidaler Handlungstendenzen: suizidäre Wert-Erwartungs-Matrizen) 4. Motivationsmodell: Wie entstehen Perspektiven der Ausweglosigkeit? (Determinaten negativer Wert-Erwartungs-Matrizen) Im zweiten Teil der Untersuchung wird die soziale Motivationstheorie auf die Entstehung suizidaler Handlungen in sozialen Institutionen wie Wirtschaft und Beruf, Massenmedien, Familie angewendet. Durchgehend wird Selbstmord als Ausdruck eines für Industriegesellschaften typischen abweichenden Verhaltens verstanden. Der Blickwinkel dieser Arbeit, der sich dem methodologischen Individualismus im allgemeinen, der Motivationstheorie Opps und der Verhaltenstheorie Homans im besonderen verdankt, liefert eine Soziologie des Selbstmords anhand einer Handlungstheorie, in der Gesellschaft letztlich nur als Situationsvariable vorkommt.CrossRefGoogle Scholar
  6. 99.
    Wellhöfer, Peter R.: Selbstmord und Selbstmordversuch. Ergebnisse, Theorien und Möglichkeiten der Prophylaxe. Stuttgart 1981. Nach einem knappen Abriß zur geschichtlichen und philosophischen Behandlung des Themas geht Wellhöfer auf verschiedene Einflußvariablen des suizidalen Verhaltens wie Nationalität, Bevölkerungsdichte, Alter und Geschlecht, Rasse, Jahres- und Tageszeit ein, stellt verschiedene Erklärungsversuche, z.B. anatomisch-medizinische, soziologische, psychologische vor und behandelt Ansätze zur Diagnostik suizidaler Neigungen, um abschließend Möglichkeiten und Grenzen der Selbstmordverhütung aufzuzeigen. Dabei verweist er am Ende darauf, daß zwar Einrichtungen zur Selbstmordverhütung geschaffen worden sind, suizidfördernde Gesellschaftsstrukturen aber unangetastet bleiben.Google Scholar

10. Suizid 10.2 bei Kindern und Jugendlichen

  1. 100.
    Orbach, Israel: Kinder, die nicht leben wollen. Göttingen 1990. Diese Arbeit versucht die Frage zu beantworten, was Kinder dazu ver-anlaßt, sich das Leben zu nehmen. Um diese Frage zu klären, werden zunächst verschiedene theoretische Erklärungen des Suizids von Erwachsenen daraufhin befragt, was sie zur Erklärung von Kindersuiziden beitragen können. Da der Autor durchgehend davon ausgeht, daß die Gründe für Kindersuizid eher in ihren Lebensumständen zu suchen sind als in ihrer Persönlichkeitsstruktur, wird den genaueren Lebensumständen von suizidalen Kindern an einzelnen Beispielen nachgegangen. Schließlich wird das Todesverständnis von Kindern untersucht, um den Einfluß dieses Wissens auf den suizidalen Prozeß aufzuzeigen. Diese Überlegungen führen den Autor zur Aufstellung eines eigene Konzepts: das Konzept des unlösbaren Problems, das Suizid bei Kindern aus der Konfrontation mit einer ausweglosen Situation heraus erklärt. Dieses Konzept wird zu einem phänomenologischen Modell ausgebaut, das anhand einzelner Fallbeispiele und experimenteller Studien erläutert wird. Es zielt darauf ab zu zeigen, daß selbstzerstörerisches Verhalten ein von vielen Faktoren abhängiges Resulat verschiedener Konflikpotentiale ist, die im einzelnen analysiert werden müssen.Google Scholar

10. Suizid 10.3 bei alten Menschen

  1. 101.
    Erlemeier, Norbert: Suizidalität im Alter. Bericht über den aktuellen Forschungsstand. Stuttgart 1992. Das Ziel dieses vom Bundesministerium für Familie und Senioren in Auftrag gegebenen Beitrags wird eingelöst: Der Band gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Suizidalität im Alter. Bei der Dokumentation einzelner Suizidmethoden, der Suizid- und Suizidversuchshäufigkeit, der verschiedenen Erklärungsansätze des Suizids usw. wird immer wieder deutlich, daß es sich um einen weitgehend vernachlässigten Bereich innerhalb der Suizidologie handelt. Die einschlägigen Standardwerke zur Suizidproblematik behandeln die Besonderheit des Suizids im Alter allenfalls rudimentär. Auf diesem Gebiet wäre noch viel Forschungsarbeit zu leisten. Einzelne Ansatzpunkte dafür werden in diesem Beitrag herausgearbeitet. 102. Teising, Martin: Alt und lebensmüde. Suizidneigung bei älteren Menschen. München, Basel 1992. Diese Studie widmet sich dem Zusammenhang von Alter und Suizid. Der mangelnden Beachtung dieses tabuisierten Themas steht die Tatsache entgegen, daß die Suizidrate mit dem Lebensalter kontinuierlich ansteigt. Insbesondere ältere Menschen sind von der auf Produktivität ausgerichteten westlichen Kultur betroffen: Wer nicht mehr die nötige Arbeitsgeschwindigkeit und körperliche Kraft aufbringt, die im Arbeitsprozeß notwendig ist, gerät schnell ins soziale Abseits. Suizide sind für den Autor insofern immer auch ein Signal, daß die Menschen, die sich das Leben nehmen, unter diesen Bedingungen nicht mehr weiterleben wollten. Dabei wird auch mitreflektiert, wie schwer suizidales Verhalten zu definieren ist: Einerseits gilt die willentliche Beendigung des Lebens als Suizid, andererseits gibt es den unauffälligen Suizid durch selbstzerstörerisches Verhalten, wie etwa das Nichteinnehmen lebenswichtiger Medikamente, der sorglose Umgang mit Zigaretten und heißem Wasser usw. Insgesamt bietet Teisings Studie eine aspektenreiche Darstellung des Themas Alterssuizid. Dabei werden sowohl die theoretischen als auch die praktischen Gesichtspunkte des Themas ausgelotet: Werden einzelne soziologische, psychologische und psychoanalytische Erklärungsansätze zunächst vorgestellt — wobei auch neueste Ansätze, wie etwa Ulrich Becks Risikogesellschaft, in die Überlegungen miteinbezogen werden — so werden sie in einem zweiten Schritt hinsichtlich konkreter Fallanalysen auf ihre Aussagekraft überprüft. Schließlich wird ein eigenes therapeutisches Konzept für alte Menschen in suizidalen Krisen vorgestellt, das sich in der Praxis -der Autor ist Psychiater und Psychoanalytiker — bereits bewährt hat.Google Scholar

11. Politik

  1. 103.
    Buchinger, Birgit: Todesspuren. Jenseitspolitik im Diesseits. Frankfurt/M. u.a. 1989. Angelehnt an die Arbeiten von Ariès, Vovelle, Foucault und Baudrillard geht es in dieser Studie um den politischen Aspekt des Todes als Mittel zur Machtausübung. Ein eigenes Kapitel widmet sich dem feministischen Diskurs des Todes, wobei untersucht wird, “ob und inwiefern es Unterschiede zu den herkömmlichen Todestheorieproduktionen gibt; ob sich unter feministischen Blickwinkeln andere, unter, hinter oder im Tod’ verborgene Inhalte, Bedeutungskonstallationen und Betroffenheiten entdecken lassen und zum Vorschein gebracht werden können, die bislang nicht, oder nicht in dieser Art mit Tod’ kombiniert, assoziiert worden sind.”Google Scholar
  2. 104.
    Hesse, Reinhard: In der Logik des modernen Todes, in: Frankfurter Hefte 39 (1984), 32–39. Die These dieses Beitrags lautet: Der Tod verbreitet sich zunehmend in den gegenwärtigen Zivilisationen. Damit ist nicht der physische Tod gemeint, sondern eine diesem vorausgehende Verbreitung einer Kultur des Absterbens, die eine Entvitalisierung des Lebens betreibt und den “Vor-Tod” hervorbringt. Während der “eigentliche” Tod aus dem Gesichtsfeld der Menschen verschwindet, umgibt uns eine gigantische Todesmaschinerie, die künstliche Surrogate für natürliche Bedürfnisse schafft: Das Essen wird durch das Kaugummi-Kauen, die Liebe durch den Sex mit der Gummipuppe, das Gespräch durch die Talk-Show ersetzt usw. Am Ende dieses Prozesses steht die Abschaffung des Menschen, die sich in den Rationalisierungsprozessen der Ökonomie bereits abzuzeichnen beginnt. Kein Klischee wird ausgelassen bei diesem Versuch einer naiven Kulturkritik, der ein essayistisches Szenario des Untergangs entwirft und dabei alle wissenschaftlichen Standards über Bord wirft.Google Scholar
  3. 105.
    Negt, Oskar: Chinesische Wundmale. Zur politischen Bedeutung von Trauer, Tod und Zeit. In: Vorgänge 38 (1990), 31–40. Die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegug in China am 4. Juni 1989 auf dem Tien-Anmen-Platz nimmt der Autor zum Anlaß, über den Zusammenhang von Tod, Trauer und Zeit nachzudenken. Ausgangspunkt seiner Betrachtungen, die auf seine im Juni gehaltene Rede auf dem ev. Kirchentag zurückgehen, ist die Überlegung, daß es nach der Auflösung der sozialistischen und kommunistischen Regime in Osteuropa zu einer ähnlichen sinnlichen Begegung mit dem Tod im Zusammenhang gewaltiger geschichtlicher Verbrechen kommt wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als durch die Befreiung der Alliierten die Greueltaten der Nazis in den KZ’s endgültig ans Licht der Öffentlichkeit kamen. Eingedenk dieser eigenen gewalttätigen Vergangenheit besteht deshalb für den Autor auch keinerlei Veranlassung, sich über die Ereignisse in China moralisch zu erheben. Die Moralisierung gesellschaftlicher und geschichtlicher Verhältnisse verhindert vielmehr die Analyse der zugrundeliegenden Strukturen, die solche Ereignisse, ob in China oder im Westen, möglich machen. Die Mechanismen der Verdrängung und Verleugnung, die in China nach den Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu beobachten sind, sind auch bei uns am Werke. Die Verdrängung des Todes und die Abwesenheit von Trauer trotz der täglich über die Medien vermittelten Gewalttaten in aller Welt ist für Negt Zeichen einer Gefühlsarmut, die aus einem ökonomisch diktierten Mangel an Zeit resultiert. Die aus Zeitmangel ausbleibende Aufarbeitung geschichtlicher Katastrophen befördert einen Verdrängungsmechanismus, der die Wiederholung solcher Ereignisse möglich macht.Google Scholar

11. Politik 11.1 Krieg

  1. 106.
    Davies, Jon: War memorials. In: Clark, David (ed.): The sociology of death anddying. Oxford 1993, 112–128. Basierend auf umfassenden Feldforschungen auf den britischen Inseln untersucht dieser Beitrag Kriegerdenkmäler nicht nur als Ausdruck von kollektiven Aggressionen, von Schuld und Verlust, sondern er enthüllt auch ihren besonderen Platz, den sie in der nationalen oder regionalen sozialen Identität einnehmen. Kriegerdenkmäler werden u.a als religiöse Symbole und als Totems ritueller Praxis verstanden, in denen Ideen von Heiligem und Gemeinsinn eingegangen sind, die in Opposition zum Weltlichen und Profanen stehen.Google Scholar
  2. 107.
    Koselleck, Reinhart: Kriegerdenkmale als Identifikationsstiftungen der Überlebenden. In: Marquard, Odo/Stierle, Karlheinz (Hg.): Identität. München 1979, 255–276. Denkmäler bieten Identifikationsmöglichkeiten verschiedenster Art: 1. Die Verstorbenen werden als Helden, Opfer, Sieger usw. oder als Wahrer von Ehre, Ruhm oder Pflicht, als Beschützer des Vaterlandes, der Menschheit oder der Freiheit identifiziert. 2. Das Denkmal verpflichtet die Überlebenden zu einer Identifikation mit der Sache, für die die Verstorbenen gestorben sind. 3. Die Toten werden als Tote erinnert. Die These Kosellecks, die er an historischen Beispielen erläutert, lautet: Die einzige Identitätsstiftung, die in der Zeit überdauert, ist die Identität der Toten mit sich selbst. Die politischen und sozialen Identifikationen, die ein Sterben för… auf Dauer symbolisieren sollten, geraten dagegen mit der Zeit in Vergessenheit. Die Botschaft, die ein Denkmal transportieren soll, bleibt nicht die, um dessentwillen es einst gestiftet wurde, sondern verändert sich im Laufe der Zeit. Der Funktions- und Bedeutungswandel von Denkmälern wird anhand einzelner Beispiele illustriert.Google Scholar
  3. 108.
    Toynbee, Arnold: Der Tod im Krieg. In: Toynbee, Arnold (Hg.): Der moderne Mensch und der Tod. Frankfurt/M. 1970, 201–211 (engl. Orig. 4968). Dieser Beitrag liest sich als eine einzige Anklage gegen die Greuel des Krieges, wobei der Krieg als “junge Institution” begriffen wird, deren Mittel zunehmend grausamer werden und im Atomzeitalter ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Die sonst geltende Tabuisierung des Todes wird im Krieg zur Pflicht zum Töten umgewandelt, und die Väter scheinen wie ihre biblischen Ahnen gewillt, ihre Söhne auf dem Altar zu opfern. Betont werden besonders die zunehmenden Greueltaten an der Zivilbevölkerung im modernen Krieg, während es sich früher eher um ein Tötungsspiel uniformierter Männer handelte. Die Darstellung der Greuel in den Medien tragen nicht zu einer kritischen Auseinandersetzung bei, sondern stumpfen den Menschen ab.Google Scholar

11. Politik 11.2 Genozid

  1. 109.
    Bauman, Zygmunt: Das Jahrhundert der Lager, in: Die Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte 41 (1994), 28–37. Bauman stellt in diesem Beitrag die Frage, ob das 20. Jahrhundert als Jahrhundert der Lager in die Geschichte eingehen wird. Er widerspricht der tröstlichen und verharmlosenden Interpretation, nach der wir uns im Prinzip auf dem richtigen Weg befänden, jedoch noch nicht weit genug vorangekommen sind. Nach dieser Lesart verdankt sich der Genozid einem noch nicht eingelösten Versprechen, der das Barbarische und Animalische des Menschen endgültig beseitigen sollte. Doch sind die Lager nicht der eruptive Ausbruch böser Instinkte, sondern eine moderne Erfindung, die nur aufgrund der Errungenschaften der Moderne — Rationalität, Technologie und Wissenschaft — möglich waren. Ohne die Errungenschaften der modernen Zivilisation wären keine Lager und kein Genozid möglich. Drei Eigenschaften sind dabei entscheidend: “mit Distanz zu handeln, die Neutralisierung des moralischen Gehalts einer Handlung und das gärtnermäßige’ Vorgehen bei der Verwirklichung einer künstlichen, rational geplanten Ordnung” (30). Die Visionen der Nazis und der Kommunisten stellen eine geordnete, zufalls- und abweichungsfreie Gesellschaft in Aussicht, eine Welt frei von Zufällen und Ungewißheiten. Und damit stehen sie nicht etwa im Gegensatz zum Gedankengut des aufklärerischen Projekts der Moderne; vielmehr taten sie genau das, wovon die modernen Mächte immer träumten, wenn auch “vielleicht etwas rücksichtsloser”(34). Bauman zeigt sich skeptisch, ob sich der andere Traum der Moderne: der Traum von der Freiheit des Menschen, verwirklichen läßt, wenn nicht der Traum nach der geordneten und kontrollierten Welt ohne Zufälligkeiten und Überraschungen, der in den Konzentrationslagern erprobt wurde, aufgegeben wird. Der Nachweis jedenfalls wäre erst noch zu erbringen, daß die Lager nicht unverzichtbarer Teil einer modernen und sich stets weiter modernisierenden Welt sind.Google Scholar
  2. 110.
    Fischer, Michael W.: Völkermord und Massenvernichtung im 20. Jahrhundert. Anmerkungen zu einer politischen Theorie des Todes, in: Norbert Leser (Hg.): Macht und Gewalt in der Politik des 20. Jahrhunderts. Wien/Köln/Graz 1985, 29–49. Obwohl sich die reale Geschichte als eine nicht abreißende Kette von Verbrechen gegen Menschen, von Verfolgungen, Vertreibungen, Massenmorden und Ausrottungen darstellt, gibt es immer wieder Versuche, die Geschichte als Weg zum Besseren und Humaneren aufzufassen. Der Autor stellt ausgehend von diesem Befund die Frage, ob nicht gerade diesem Versuch einer Erfolgsgeschichte eine mörderische Aggressivität innewohnt, die sich in Völkermord und Massenvernichtung Ausdruck verschafft. Für Fischer gibt es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den zahlreichen Massenvernichtungen in der Geschichte und einem Denken, das die eigene Meinung für die einzig richtige hält, während die anderen abgewertet werden. Namentlich der Humanismus hat nicht zu einer Neutralisierung der Gegensätze zwischen den Menschen, sondern zur Kreation eines Gegenbegriffs geführt: dem des Unmenschen, dem ein schreckliches Tötungspotential innewohnt. In der selbstherrlichen Art, sich selbst im Besitz der Wahrheit zu wähnen und Andersdenkende auszuschließen, zu bekämpfen und zu vernichten, unterscheiden sich die Jakobiner nicht von den Revolutionären der russischen Oktoberrevolution, die Jesuitenpater nicht von den Spartakisten, und sie alle nicht von den Nazis: Sie alle empfehlen die Abschlachtung ihrer Gegner, was Fischer an einzelnen historischen Textquellen nachweist. Gemeinsam ist diesen heilsabsoluten Denkrichtungen das Fehlen jeglicher Zweifel und Unsicherheiten. Was in diesem Beitrag deshalb als Denk- und Lebensweise favorisiert wird, ist die skeptische Haltung, die sich jeglichem Wissen und seinen politischen und praktischen Schlußfolgerungen gegenüber miß-trauisch zeigt. Diese auch als “sokratische Haltung” bezeichnete Denk-und Lebensart begründet Fischer mit dem Hinweis auf die Erkenntnistheorien von Thomas Kuhn und Paul Feyerabend und deren Einsicht in den notwendigen Pluralismus von Ideen und Methoden und deren Gleichwertigkeit, weil es kein Kriterium für die einzig richtige Theorie geben kann. Aus diesen wissenschaftstheoretischen Beiträgen versucht Fischer ein moralisches Gebot der Toleranz abzuleiten: Zwar solle jeder seinen eigenen Standpunkt haben und auch vertreten, diesen aber nicht anderen aufzwingen wollen, da Unmenschlichkeit genau da ausbricht, wo eine letzte Wahrheit vom Menschen zum Maßstab für alle anderen erhoben wird. Doch angesichts der “OverkiH”-Kapazitäten des Atomzeitalters, die die Gattung Mensch gänzlich zerstören könnte, agiert auch dieser Hinweis ohnmächtig, wie er selbst einräumt. Trotzdem appelliert Fischer an die Verantwortung der Menschheit für die Folgen und Nebenfolgen ihrer kollektiven Handlungen, da der Mensch sonst aus dem Kosmos selbstverschuldet verschwinden wird.Google Scholar
  3. 111.
    Jahn, Egbert: Zur Phänomenologie der Massenvernichtung. Kolyma, Auschwitz, Hiroshima und der potentielle nukleare Holocaust. In: Leviathan 18 (1990), 7–38. Dieser Beitrag thematisiert die Frage welchen Sinn es macht, verschiedene Massenvernichtungen miteinander zu vergleichen. Seit dem Historikerstreit um Jürgen Habermas, Hans-Ulrich Wehler, Ernst Nolte u.a. setzt sich ein solcher Versuch dem Verdacht aus, die als singuläres Ereignis eingestufte Massenvernichtung der Juden während des Nationalsozialismus durch den Vergleich mit dem Archipel GULag oder dem türkischen Massaker an den Armeniern relativieren und damit verharmlosen zu wollen, was für die Position Ernst Noltes sicherlich auch zutrifft. Im Verlaufe seines Aufsatzes weist Jahn jedoch auch Habermas und Wehler einen “blinden Fleck” nach: Ihre Argumente für die Singularität der nationalsozialistischen Massenvernichtung verdankten sich größtenteils einer Verkennung oder Verharmlosung des sowjetkommunistischen Völkermordes. Dieser Streit ist für den Autor einer der Gründe, warum er die Erstellung einer Typologie von Massenvernichtungen, die er in diesem Aufsatz entwickelt, für notwendig erachtet. Der Begriff Massenvernichtungen ist für die Vielzahl der unter ihn gefaßten Ereignisse zu undifferenziert. Einen weiteren Grund für eine solche Typologie sieht Jahn darin, daß falsche historische Gleichsetzungen zu falschen Präventiv- bzw. Widerstandsmaßnahmen führen können. Nur wenn die Form der drohenden Massenvernichtung richtig erkannt wird, können die notwendigen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Jahn unterscheidet in seiner Typologie, die an verschiedenen Beispielen erläutert wird, im wesentlichen zwischen dem Bio- oder Omnizid, der Vernichtung aller Menschen, dem Genozid, der Vernichtung eines ganzen Volkes (Völkermord), dem Sozio-zid, der Vernichtung von sozialen Gruppen oder Klassen allein aufgrund ihrer sozialen Zugehörigkeit und dem Politizid, der Massentötung von Menschen aufgrund ihres politischen Verhaltens.Google Scholar
  4. 112.
    Lifton, Robert J./Markusen, Eric: Die Psychologie des Völkermordes. Atomkrieg und Holocaust. Stuttgart 1992. Der amerikanische Psycholge und Psychiater Lifton und der amerikanische Soziologe Markusen stellen in dieser Studie einen Vergleich zwischen dem Holocaust der Nationalsozialisten und der nuklearen Bedrohung durch das Prinzip der Abschreckung an. Ohne die Einmaligkeit des Holocaust leugnen und die systematische Ausrottung der Juden, Zigeuner, Behinderten und Homosexuellen verharmlosen zu wollen, wie einige “revisionistische” deutsche Historiker im “Historikerstreit” es getan haben, unternehmen sie dennoch den Versuch, die Analogien, aber auch die Differenzen, zwischen der historischen Situation vor und während des Nazi-Terrors mit unserer Zeit der nuklearen Aufrüstung aufzuzeigen. Dies tun sie mit der Intention, aus den Erfahrungen der Überlebenden des Holocaust zu lernen und das drohende Unheil eines Nuklearkrieges abzuwenden. Dabei untersuchen sie u.a. die ideologische Gemeinsamkeit zwischen Nazi- und Aufrüstungssystem: Während der Genozid bei den Nazis aus dem Rassismus und der Wahnidee eines arischen Volkes erfolgte, beruht der Genozid des Rüstungssystems auf dem “Nuklearismus” -dem Glauben an die für Sicherheit und Frieden bürgenden Kernwaffen (Kap. 3); ferner die Vergötterung von Wissenschaft und Technik (Kap. 4); die Mitwirkung vieler Akademiker am System des Völkermordes (Kap. 5) und die psychischen Mechanismen der Abstumpfung, Verrohung und Spaltung des Selbst, die bei Opfern und Tätern zu beobachten sind (Kap. 7&8). Doch bescheiden sich die Autoren nicht mit der Analyse: Sie halten auch einen Ausweg bereit. Dieser besteht schlicht darin, die Einsicht durchzusetzen: Alle könnten überleben, wenn jeder einsieht, daß alle sterben könnten. Wenn jeder begreift, daß nicht nur die anderen, sondern auch man selber betroffen ist, könnte sich ein “Gattungsbewußtsein” durchsetzen, das die Differenz von Feind und Freund kurzerhand einzieht. Mit anderen Worten: Alle Menschen werden Brüder. Dieses Buch ist ein Beweis dafür, welch einfache Lösungen es für hochkomplexe Probleme gibt, wenn man sie nur schlicht genug darstellt.Google Scholar
  5. 113.
    Sofsky, Wolfgang: Absolute Macht. Zur Soziologie des Konzentrationslagers, in: Leviathan 18 (1990), 518–535.Google Scholar
  6. 114.
    Sofsky, Wolfgang: Die Perfektionierung der Vernichtung. Zur Gesellschaftsgeschichte des Konzentrationslagers, in: Neue Rundschau (1993), 152–158.Google Scholar
  7. 115.
    Sofsky, Wolfgang: Die Ordnung des Terrors: das Konzentrationslager. Frankfurt/M. 1993. Sofsky geht es mit dieser Studie nicht um eine “Sozialgeschichte des Völkermords und des deutschen KZ-Systems”, sondern um eine Strukturanalyse des Konzentrationslagers “als ein Machtsystem eigener Art” (22). Die Machtform, die sich mit und in den KZ’S herausgebildet hat, so die These, unterscheidet sich grundlegend von herkömmlichen Macht- und Herrschaftstypen. Sofsky verwendet den Terminus der “absoluten Macht” für diese Form der Macht, da sie nicht auf “Ausbeutung, Strafgewalt oder Legitimität, sondern auf Terror, Organisation und exzessive Tötungsgewalt” (23) beruht. Sofsky geht es darum, die “typischen Prozesse dieser Macht, die Formung von Raum, Zeit und Sozialität, die Steigerung exzessiver und organisierter Tötungsmacht”, zu analysieren. Dabei versucht Sofsky eine “Nahsicht auf die typische Situation der Lagerwelt” (24), die sich weder allein auf den Funktionswandel der Lager konzentriert noch ausschließlich die Erlebnisse der Opfer erfassen will. Bedeutsam für die Todesproblematik ist, daß die Lager Stätten der permanenten Todesproduktion waren: Das Töten durchherrschte den gesamten Alltag. Die Macht ist hier darauf ausgerichtet, den Menschen entweder durch direkte Vernichtung in den Gaskammern oder durch indirekte Vernichtung durch Hunger und Krankheit zu zerstören. Ohne ideologische Scheuklappen und Klischees belegt die Studie eindrucksvoll, wie sehr sich der Aufbau der Konzentrationslager und die Durchführung der Massenvernichtung den “Errungenschaften” der Moderne verdanken. Weiß Sofsky sich damit in der Nähe Adornos — auch wenn er natürlich mit seiner soziologischen Analyse des Konzentrationslagers das Gebot des Bilderverbots mißachtet -, so bedient er sich in den machttheoretischen Darlegungen den machtanalytischen Schriften Foucaults. Sofsky zeigt, in welchem Ausmaß sich der nationalsozialistische Terror auf die von Foucault ausgiebig untersuchten Strategien der traditionalen Disziplinarmacht, die in Schulen, Fabriken und Klöstern ausgeübt wurde, stützen konnte. Die Parzellierung des Raums in diesen Gebäuden, die in diesen Institutionen zur perfekten. Überwachung des Individuums angewendet wurden, waren für die Nazis zunächst übernehmbar. Aber Sofsky macht deutlich, daß dies zur Grundlage ihres Terrors dient, sich aber nicht darin erschöpft, sondern einen Schritt weiter geht: In den Konzentrationslagern herrschte absolute Macht und nicht Diziplinarmacht: Hier herrschte nicht die allseitige Kontrolle, sondern die planmäßige Vernichtung; nicht die Herstellung eines disziplinierten Individuums, sondern die Auslöschung des Individuum ist das Ziel. Insgesamt stellt diese Untersuchung den Versuch dar, das Unfaßbare wenn schon nicht faßbarer, so aber doch beschreibbar zu machen. Eine Soziologie der Macht darf vor den Formen der schlimmsten Pervertierung von Macht als totalem, organisiertem Terror nicht haltmachen: Sie muß zum Gegenstand soziologischer Analyse gemacht werden. Dies aus der Einsicht heraus, daß der vorherrschende Umgang mit dem Massenmord in Konzentrationslagern auf Verdrängung und Beschönigung beruht, wofür schon die zahlreichen verharmlosenden Sprachregelungen wie etwa ‘Holocaust’ sprechen. (109) ist eine Vorstudie zu 111), die die wichtigsten Merkmale absoluter Macht vorstellt, entspricht in etwa der Einleitung von 111), 110) findet sich als ‘Epilog’ in 111) wieder. Er enthält as Substrat der Untersuchungen Sofskys in knapper Form)]Google Scholar
  8. 116.
    Welzer, Harald: Härte und Rollendistanz. Zur Sozialpsychologie des Verwaltungsmassenmordes. In: Leviathan 21 (1993), 359–373. Welzer vertritt in diesem Beitrag die These, daß man zur Erklärung der sozialpsychologischen Frage, wie es möglich war, daß Menschen eine aktive Rolle in der Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten übernehmen konnten, nicht um die Frage herumkommt, wie dies in einer zivilisierten Industriegesellschaft geschehen konnte. Stehen für die Beantwortung der ersten Frage Adornos Studien zum autoritären Charakter, so ist für die zweite Frage die Zivilisationstheorie von Norbert Elias von Bedeutung. Beide jedoch, so kritisiert Welker, greifen in ihren Erklärungen zu kurz. Adorno verkürzt das Problem auf den Nachweis spezifischer Persönlichkeitsmerkmale der Täter, die in allen anderen den Glauben bestärken, daß sie auf jeden Fall anders sind als diese, was eine deutliche Distanzierung zu den Geschehen erlaubt. Neuere Untersuchungen dagegen ergeben ein ungleich beunruhigerendes Bild: So betont etwa Raul Hilberg, daß sich die KZ-Aufseher hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsmerkmale in kein Schema pressen lassen. Vielmehr waren die Täter der Naziherrschaft weit normaler als einem lieb sein kann. Diese Einsicht verkleinert erheblich die Distanz, die wir zu dieser Zeit und seinen Protagonisten haben können. In der Zivilisationstheorie Elias’ wird die Einbindung des Nationalsozialismus in langfristigere Zivilisierungsprozesse, die Welzer zum Verständnis für unerläßlich hält, geleistet, was es unmögich macht, etwa von einem plötzlichen “Rückfall in die Barbarei” zu sprechen. Doch letztlich laufen Elias Studien darauf hinaus, aus dem “Sonderweg” der Deutschen eine spezifische Obrigkeitsorientierung, ein Ideal der Kampfstärke, der gewaltsamen Auseinandersetzung und der Härte abzuleiten, der den wilhelminischen Nationalcharakter ausmachen soll. Dies ist nicht falsch, liefert aber allenfalls für die Beteiligung der Bürger und Kleinbürger eine Erklärung, nicht jedoch für die anderen Träger der nationalsozialistischen Bewegung, die Arbeiter, Handwerker und Angehörigen der technischen und bürokratischen Intelligenz. So entgeht beiden Erklärungsmustern eine zentrale Bedingung für die Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus: Es ist die Dimension der kalten Rationalität und Effizienz als Produkt des industriellen Modernisierungsprozesses, die Welzer unter Rekurs auf Zygmunt Baumann und Michel Foucault betont. Erst in der Kombination des von Elias herausgearbeiteten wilhelminischen Härtetypus und Adornos autoritärer Persönlichkeit mit der technoiden Funktionsprägung einer durchbürokratisierten Gesellschaft sieht Welzer eine plausible Erklärung für die Hervorbringung eines Menschentypus, der die Vernichtungsmaschinerie der Konzentrationslager nicht nur in Gang halten, sondern auch organisieren und effizienter gestalten konnte. In Rudolf Höß, dem Kommandant von Auschwitz, sieht der Autor alle notwendigen Charaktermerkmale idealtypisch personalisiert: Härte, bedingungsloser Gehorsam, Effizienzdenken, logistische Rationalität. Anhand einer Analyse seiner Autobiographie, in der Welzer besonders hervorhebt, daß sich Höß nicht als aktiver Handelnder, mithin als Täter, sondern in großer “Rollendistanz” (Gofftnan) zum Zuschauer des berichteten Geschehens macht, versucht Welzer nachzuweisen, daß Höß unter Bedingungen leidet, unter denen alle Funktionsträger in hoch arbeitsteiligen, technisierten und bürokratisierten Industriegesellschaften leiden: an Mediatisierung, Distanzierung von und Indifferenz dem eigenen Handeln gegenüber.(372) Aufgrund dieser Parallelen wird die Frage, ob Auschwitz noch einmal möglich wäre, die der Autor am Ende stellt, besonders bedrohlich. Ohne diese Frage in der einen oder anderen Weise beantworten zu wollen, wäre jedoch auch zu fragen, ob Welzer den autobiographischen Schilderungen von Höß nicht auf den Leim gegangen ist, insofern sie als authentischer Bericht gelesen werden?Google Scholar

12. Liebe/Sexualität

  1. 117.
    Caruso, Igor A.: Die Trennung der Liebenden. Eine Phänomenologie des Todes. Franfurt/M. 1983 01968). Caruso untersucht die “phänomenologischen, psychoanalytischen und anthropologischen Aspekte der Trennung zwischen sich liebenden Menschen” (13). Dabei gelten Caruso Liebestrennung und Tod als Bundesgenossen; ersterer erscheint als “Vorbote und Symbol des letzteren”: “Die Liebestrennung zu untersuchen heißt, die Gegenwart des Todes in unserem Leben zu untersuchen. Die Trennung ist das Problem des Todes zwischen Lebenden”. (14) Der Schmerz der Trennung resultiert aus dem Vergessen des Geliebten nach der Trennung und aus dem Vergessen-Werden, so daß Caruso vom “Erlebnis des Todes in meinem Bewußtsein” und dem komplementären “Erlebnis meines Todes im Bewußtsein des anderen” (27) spricht. Die Trennung wird in den von Caruso untersuchten Fällen als Tod bezeichnet und Caruso fragt: “Welchen Namen verdient sonst die Auslöschung bei lebendigem Leibe im Bewußtsein der Lebenden?” (27) Das erste Kapitel illustriert zahlreiche Fälle von Liebestrennung, deren einzelne Aspekte im einzelnen untersucht werden. Das zweite Kapitel dringt stärker in den Bereich der Psychoanalyse ein; es geht um den Wiederholungsaspekt der Liebestrennung. Dabei betont Caruso, daß er, anders als die “alte” Psychoanalyse, die psychischen Gegenstände nicht auf biologische Grundkonstanten zurückfuhren will, sondern, soziologisch motiviert, auf die Kulturerscheinungen, da die psychologischen Erscheinungen “nicht außerhalb der geschichtlichen Gesellschaft mit ihren Forderungen, Geboten und Tabus zu beurteilen “ (17) sind. Das dritte und letzte Kapitel schließlich untersucht im Anschluß an Herbert Marcuse den Zusammenhang von Eros und Tod, wobei die Leidenschaft als Rebellion gegen den biologischen Tod und das gesellschaftliche Realitätsprinzip verstanden wird. Am Ende bestimmt Caruso im Einklang mit Marcuse das Problem der Trennung als typisch für die “repressive Gesellschaft” (308). Erst in einer Gesellschaft, so Caruso am Ende in einem utopischen Ausblick, “die nicht auf Unterdrückung und Ausbeutung” aufgebaut wäre, könnte “das Problem der Trennung Liebender” (307) gelöst werden. Voraussetzung dafür wäre die “Aufhebung des Todes”(308), gleichbedeutend mit dem endgültigen Sieg über die “vom Menschen abgetrennte Natur” (308) kraft seiner Liebe und Schöpfungskraft, um alles Entfremdete zu vermenschlichen und damit endlich zu sich selbst zu kommen.Google Scholar
  2. 118.
    Hortleder, Gerd/Gebauer, Gunter (Hg.): Sport, Eros, Tod. Frankfurt/M. 1986. In diesem Sammelband wird dem Zusammenhang von Sport, Eros und Tod nachgegangen; analysiert werden einzelne Sportarten, die von Tod und Eros geprägt sind. So werden im ersten Kapitel (“Epos, Drama, Show”) mit Beiträgen von Roland Barthes, Michel Bernard und den beiden Herausgebern die Inszenierungsweisen sportlicher Schauspiele zwischen Eros und Tod am Beispiel des Catchens und der Tour de F-rance’ untersucht. Das zweite Kapitel (“Sport im Kontext sozialer Klassen”) beschäftigt sich mit den sozialen Wirkungen der Sport-Shows. Insbesondere der Beitrag von Pierre Bourdieu behandelt den Sport als eine von vielen Praktiken im Feld der Auseinandersetzungen zwischen den sozialen Klassen. Das dritte Kapitel (“Das Begehren und der imaginäre Tod”) wendet sich stärker den Akteuren des Sports zu. Untersucht wird der Anreiz der Athleten zu höchsten Leistungen im Spannungsfeld von Lust und Begehren. Im vierten und letzten Kapitel (“Der Sieg und der reale Tod”) schließlich geht es nicht mehr um den imaginären, sondern um den realen Tod beim Drachenfliegen, Fechten, Stierkampf und Fußball. Anders als in früheren Zeiten, das ist die durchgängige These der einzelnen Beiträge, dient der Sport nicht mehr der Unterdrückung von Erotik und Sexualität, sondern ihrer Entfaltung.Google Scholar

13. Bestattung/Begräbnis

  1. 119.
    Berger, Peter/Lieban, Richard: Kulturelle Wertstruktur und Bestattungspraktiken in den Vereinigten Staaten. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 12. Jg. (1960), 224 bis 236. Berger und Lieban zeigen in diesem Beitrag, daß die durch Verschleierung und Beschönigung des Todes gekennzeichneten Bestattungspraktiken in den Vereinigten Staaten in unmittelbarem Zusammenhang mit der allgemeinen Wertstruktur der amerikanischen Gesellschaft stehen. In einer auf Optimismus, Diesseitigkeit und soziale Anpassung ausgerichteten Gesellschaft hat der Tod keinen Platz. Deshalb zielt die gesamte Aktivität der Bestattungsunternehmen darauf ab, alle Anzeichen des Todes an der Leiche zu retuschieren und jede Symbolik des Todes zu vermeiden, um so eine Illusion des Lebens zu schaffen. Die verniedlichende Redeweise wie “verschieden” für tot, “Bestattungsfahrzeug” für Leichenwagen, die Vermeidung der Farbe schwarz und bedrückender Musik in der Totenhalle (“Präparierungsraum”) und schließlich die Einbalsamierung der “Leiche”, die so nicht genannt werden darf, sind nur einige der Strategien, diese Unterdrückung des Todes zu gewährleisten.Google Scholar
  2. 120.
    Boehlke, Hans-Kurt: Kirchhof, Gottesacker, Friedhof. Wandlungen der Gesellschaft — Wandlungen der Pietät, in: Becker, Hansjakob/Einig, Bernhard/Ullrich, Peter Otto (Hg.): Im Angesicht des Todes leben. Ein interdisziplinäres Kompendium, 2 Bde. St. Ottlien 1987, Bd. 1, 163–180. Dieser Beitrag geht davon aus, daß sich an der Art der Bestattung der gesellschaftliche Umgang mit dem Phänomen Tod ablesen läßt. Dabei werden die Veränderungen der Bestattungssitten als Pietätswandel gedeutet, der auf den Einfluß gesellschaftlichen Wandels zurückzuführen ist. So hat die Aufklärung einen entscheidenden Pietätswandel bewirkt, den die Reformation schon vorbereitet hatte: Die Bestattung im Kirchhof zur Zeit des Mittelalters, von der sich die Gläubigen, durch die Nähe zu den Heiligen, Seelenheil erhofften, wird von der auf Hygiene und Ästhetik ausgerichteten Bestattung auf dem Friedhof am Rande der Stadt abgelöst. Am Ende dieser Entwicklung steht der kommerzialisierte und genormte Zentralfriedhof und das in die Kliniken verdrängte Sterben in den industrialisierten Ländern. Doch diesen Prozeß hält der Autor nicht für irreversibel: Da die gesundheitlichen Gefahren, die einst den Anlaß zu der Verlagerung der Friedhöfe in die Peripherien der Städte gaben, heute als beseitigt angesehen werden können, plädiert Boehlke für die Reintegration der Zentralfriedhöfe in das Zentrum der Stadt. Dort sollen sie als Bezirksfriedhöfe den “Wohnquartieren” zugeordnet werden. Mit dieser städtebaulichen Maßnahme meint der Autor die Balance zwischen Leben und Tod wiederherstellen und Pietät wieder erfahrbar machen zu können, die in modernen Gesellschaften verlorengegangen sei.Google Scholar
  3. 121.
    Jupp, Peter: Cremation or burial? Contemporary choice in city and village. In: Clark, David (ed.): The sociology of death and dying. Oxford 1993. In diesem Aufsatz werden Ergebnisse einer unveröffentlichten Studie präsentiert, die zeigen, daß die Entscheidung für eine bestimmte Art von Bestattung keine rein private ist, sondern vom sozialen Kontext abhängig ist. Mit dem Rückgang der öffentlichen und religiösen Kontrolle und auch des nachbarschaftlichen Zusammenhalts ist die Entscheidung über die Bestattungsart mehr und mehr in die Hände der betroffenen Familien gelegt worden. Die Familien entscheiden danach, was für sie sinnvoll und am bequemsten erscheint.Google Scholar
  4. 122.
    Richter, Klemens: Toten-”Liturgie”. Der Umgang mit Tod und Trauer in den Bestattungsriten der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), in: Becker, Hansjakob/Einig, Bernhard/Ullrich, Peter Otto (Hg.): Im Angesicht des Todes leben. Ein interdisziplinäres Kompendium, 2 Bde. St. Ottilien 1987, Bd. 1, 229–259. Dieser informative Beitrag widmet sich der Frage, wie in Staaten mit einer marxistisch-atheistischen Ideologie mit Sterben und Tod umgegangen wird. Anders als in den nichtsozialistischen Industrieländern, in denen die Religion ihr Monopol als Werte- und Sinnstifter zwar verloren hat, die Menschen sich in entscheidenden Lebenswenden aber nach wie vor den Riten der Kirche zuwenden, wird in sozialistischen Gesellschaften der Kirchenaustritt prämiert und versucht, das kirchliche Ritenmonopol zu brechen. Dabei werden in deutlicher Konfrontation mit der religiösen Tradition Übergangsriten von der Namensweihe über die Arbeiterweihe bis zum sozialistischen Begräbnis geschaffen, die dem zugestandenen emotionalen Bedürfnis der Menschen Rechnung tragen sollen. Der Autor zeichnet die Entwicklung der sozialistischen Ritenbildung in der DDR im einzelnen nach, wobei insbesondere die Organisation und Funktion der Bestattung und der Trauerfeier deutlich gemacht wird. Als charakteristisch für atheistische Bestattungen wird dabei bestimmt, daß die Realität des Todes voll anerkannt wird, ohne die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode zu wecken. Grundsätzlich ist die sozialistische Gesellschaft darauf ausgerichtet, ein lebensweites Leben im Diesseits zu ermöglichen, was die Akzeptierung des Endes des Lebens erleichtern soll. Da kein Leben nach dem Tode im Jenseits in Aussicht gestellt wird, sind auch die Trauerfeiern ganz darauf abgestellt, die Leistung des Verstorbenen im Diesseits hervorzuheben. Um den Kummer der Hinterbliebenen abzufedern, verpflichtet sich die sozialistische Gesellschaft zur Solidarität mit ihnen. Abschließend fragt der Autor nach der Relevanz der sozialistischen Riten um Sterben und Tod für die christliche Liturgie. Von der Betonung der Gemeinschaft und dem Blick auf die Gegenwart, der den Ausblick auf eine zukünftige bessere Welt miteinschließt, worin Heilszusage und Heilserwartung zum Ausdruck kommen, verspricht sich der Autor einigen Nutzen für die Liturgiewissenschaft.Google Scholar
  5. 123.
    Schmied, Gerhard: Die Sterbe- und Totenliturgie nach dem II. Vaticanum. Anmerkungen eines Soziologen, in: Becker, Hansjakob/Einig, Bernhard/-Ullrich, Peter Otto (Hg.): Im Angesicht des Todes leben. Ein interdisziplinäres Kompendium, 2 Bde. St. Ottlien 1987, Bd. 1, 181–205. Angesichts des theologischen Gegenstands geht es Schmied zunächst um die Begründung eines genuin soziologischen Zugriffs auf ein nichtsoziologisches Thema. Den soziologischen Zugang sieht er darin, daß der Soziologe nicht selber Stellung beziehen soll im Widerstreit der Weltanschauungen, sondern religiöse Vorstellungen als Teil der sozialen Umwelt, als “faits sociales” (Durkheim) zu behandeln habe. Bezogen auf sein Thema bedeutet das konkret: Die Liturgie ist daraufhin zu untersuchen, welche Funktion sie für den Sterbenden und seine Angehörigen (Sterbeliturgie) sowie für die trauernden Hinterbliebenen (Begräbnisliturgie) erfüllen soll und tatsächlich erfüllt. So befragt Schmied den Text des II. Vaticanums nach dem Stellenwert des Begräbnisses, der Wegzehrung und der Sterbegebete und vergleicht sie mit vorkonziliaren Regelungen. Ohne ein Urteil über die neuen Bestimmungen fällen zu wollen, hält der Autor als Ergebnis seiner Analyse fest: Die Religion muß sich den Fragen nach dem ewigen Leben als eines der menschlichen Grundprobleme stellen, will sie nicht ihren Status als Sicherheit spendende Kraft verlieren. Eine zitierte Umfrage besagt, daß viele Menschen hier immer noch die Hauptkompetenz der Geistlichen sehen: diese Erwartungen dürfen nicht enttäuscht werden.Google Scholar

14. Religionen/Kirchen/Konfessionen

  1. 124.
    Daiber, Karl-Fritz: Reinkarnationsglaube als Ausdruck individueller Sinnsuche, in: Becker, Hansjakob/Einig, Bernhard/Ullrich, Peter Otto (Hg.): Im Angesicht des Todes. Ein interdisziplinäres Kompendium, 2 Bde. St. Ottlien 1987, Bd. 1,207–227. Am Beispiel des autobiographischen Berichts der amerikanischen Schauspielerin Shirley Mc Laine über ihre Wiedergeburts”erlebnisse” untersucht der Autor die Funktionen, die dieser um sich greifende Glaube in der gegenwärtigen Gesellschaft erfüllt. Er liest dieses Phänomen u.a. als Ergebnis des Bedeutungsverlusts der christlichen Symbolik der Deutung von Tod und Leben, die andere religiöse Orientierungen auf den Plan ruft. Dabei werden Umfrageergebnisse präsentiert hinsichtlich der Verbreitung des Reinkarnationsglaubens nach Geschlecht, Bildung, Alter usw., auf die Flut an Literatur zu diesem Thema auf dem Buchmarkt hingewiesen und schließlich das Buch der genannten Autorin einer eingehenden Analyse unterzogen. Insgesamt ist der Reinkarnationsglaube für Daiber ein Symptom für eine wachsende Autonomisierung des einzelnen hinsichtlich seiner religiösen Orientierung. Es kommt zu einem “Wettstreit der Religionen” (224), aus denen der einzelne sich seinen subjektiven Glauben zusammensetzen muß.Google Scholar
  2. 125.
    Mörth, Ingo: Religion und Philosophie als Antworten auf den Tod. In: Ziegler, Meinrad/Mörth, Ingo/Hummer, Hubert (Hg.): Sterben, Tod, Trauer. Vom Umgang mit dem Unvermeidlichen. Linz 1989, 129–148. Der wissenssoziologische Beitrag des österreichischen Soziologen Ingo Mörth untersucht verschiedene religiöse (Ahnenkult, Auferstehungsglaube usw.) und philosophische (Heideggers praktische Philosophie des “Seins zum Tode”, u.a.) Sinndeutungen des Todes, die als symbolische Antworten auf den Tod, so die These, funktional gleichbedeutend sind. Dabei geht der Verfasser davon aus, daß durch den Prozeß der Individualisierung die Grenzerfahrung des Todes um so intensiver geworden ist und die Suche nach Möglichkeiten der Überschreitung dieser Grenze zugenommen hat. Dabei hat sich allerdings die Form der Verarbeitung der Grenzerfahrung stark gewandelt: Die symbolische Verarbeitung durch Riten und Totenkulte hat mehr und mehr der empirisch-wissenschaftlichen Verarbeitung Platz gemacht, die die Lebensverlängerung zum absoluten Ziel erhoben hat. Die Philosophie, die die Religion in gewisser Weise als Sinnstifterinstanz abgelöst hat, vermag dem modernen Menschen keinen Trost mit dem Ausblick auf ein Leben im Jenseits mehr zu spenden. Sie verweist den einzelnen nur noch auf seine individuelle Existenz und die daraus entstehende Notwendigkeit, dem je eigenen Tod einsam, weil ohne jegliche soziale Einbettung, ins Antlitz zu blicken. Diese wenig alltagsrelevante Bewältigungshilfe von Religion und Philosophie hat okkulte und esoterische Antworten auf das Todesproblem auf den Plan gerufen. Sie bedienen das individuelle Bedürfnis nach Hilfen und Antworten auf das Problem des Todes, über das sich von philosophischer Seite nur sagen läßt: Es gibt sie nicht. Das Entstehen einer Wissenschaft wie der Parapsychologie ist Ausdruck für das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Beweiskraft für bisher nicht beweisbare Phänomene wie Reinkarnation, außersinnliche Wahrnehmung usw.Google Scholar
  3. 126.
    Türcke, Christoph: Der Todestrieb der gegenwärtigen Gesellschaft und seine theologische Verklärung, in: Frankfurter Hefte 37 (1982), 45–58. Die These dieses Beitrags ist, daß der individuelle Todestrieb, den die Psychoanalytiker zu begründen versuchen, nur Ausdruck des Todestriebs der Gesellschaft insgesamt ist, der sich historisch herleiten läßt. Der Feudalismus kann sich auf den christlichen Glauben berufen, der den einzelnen im Diesseits in eine göttliche Ordnung gestellt sieht und für das Jenseits eine Erlösung von den irdischen Leiden verspricht. Die Aussicht auf das Heil im Jenseits hält die Menschen dazu an, sich mit dem Unheil auf Erden abzufinden. Mit der Ablösung der feudalen Ordnung durch die bürgerliche Gesellschaft geht dieser Glaube verloren. Die Menschen sind nunmehr ganz auf sich allein gestellt. Erst jetzt wird in aller Schärfe deutlich, daß der Tod das Leben des einzelnen zunichte macht, doch damit wird zugleich die Besonderheit und Einmaligkeit des Individuums in den Vordergrund gerückt. Dieses Doppelgesicht des Todes erklärt Türcke aus der Doppelgesichtigkeit der Gesellschaft der Neuzeit: Einerseits versetzt der Untergang des Feudalismus die Menschen erstmals in die Lage, sich vom Mühsal der täglichen Arbeit zu befreien, um ihre ehemals erst im Jenseits angesiedelte Bestimmung möglichst schon auf Erden zu verwirklichen. Doch andererseits hat die bürgerliche Gesellschaft den einzelnen nicht nur aus seinen feudalen Fesseln befreit, sondern sie auch ihrer Produktionsmittel beraubt, mit denen sie einstmals ihre Feudalherren ernähren mußten. Deshalb sind sie gezwungen, ihre Arbeitskraft an die jetzigen Eigentümer der Produktionsmittel zu verkaufen. Daß die Produktionsmittel käuflich, also zu Waren werden, gilt Türcke als das Ereignis jener Epoche. Es wird eine Warenzirkulation in Gang gesetzt, die nicht für die vernünftige Bestimmung des Menschen, sondern zur Verwertung des Kapitals eingesetzt wird, das die Menschen zum reibungslosen Ablauf benutzt. Die industrielle Revolution, die vom Mühsal der Arbeit hätte befreien können, reduziert die Menschen stattdessen zum Rädchen im Getriebe, das auf keinen vernunftbestimmten Endzweck ausgerichtet ist, sondern eine letztlich ins Leere laufende Zirkulation zum Ziel hat. In diesem Leerlauf zeigt sich laut Türcke der Todestrieb der Gesellschaft. Deshalb ist es auch nicht der Tod, der verdrängt wird, sondern das Jenseits. Die bürgerliche Gesellschaft hat die Menschen ganz auf das Hier und Jetzt gelenkt; sie weist ihnen zwar unterschiedliche Rollen zu, verdammt sie aber alle zum unablässigen funktionieren. Kein hoher Lohn im Jenseits winkt mehr für die Plackerei im Diesseits; das wahre Ziel des irdischen Lebens ist der Tod, der vollständige Verschleiß des Individuums. Daß überhaupt noch Trauerfeiern stattfinden, gilt Türcke als Indiz dafür, daß sich die Menschen noch nicht damit abgefunden haben, als einzige Bestimmung ihres Lebens ihr “sang-und klangloses Verschwinden” (50) zu akzeptieren. Sollte man deshalb, so fragt Türcke, nicht den Glauben an einen höheren Zweck ganz verabschieden? Obwohl hier die Theologen protestieren müßten, will gerade die moderne Theologie von einer sich erst im Jenseits erfüllenden absoluten göttlichen Vernunft nichts mehr wissen. In scharfer Form kritisiert Türcke die Positionen von Eberhard Jüngel, Dorothee Sölle, Jürgen Möltmann und Elisabeth Kübler-Ross: Totz der unterschiedlichen Ausgangspunkte sind sie alle auf eine Versöhnung mit dem Tod angelegt, ein kritik- und widerspruchsloses Hinnehmen, eine “Vergottung des Todes”. Der Tod wird zur Erfüllung des Lebens hochstilisiert, zur wahren Bestimmung des Menschen verklärt. Türcke hebt gegen diese Positionen die Differenz von zur Kenntnisnahme und Bejahen des Todes hervor. Hinter die Einsicht der Aufklärung, daß der Tod die unerbittliche Grenze des Lebens darstellt, ist nicht zurückzufallen. Aber damit geht nicht die Bejahung des Todes als gleichsam willkommenes Schicksal einher. Die Bejahung “verzichtet nicht nur auf ein Jenseits, sondern resigniert auch vor dem Diesseits” (57). Statt den Tod zu verklären, geht es darum zu zeigen, daß er auf die Einmaligkeit des Individuums verweist; er erinnert daran, daß die “Bestimmung zur Vernunft zwar über die physische Welt hinausweist, aber nur in ihr praktisch werden kann” (57). Der Überschuß des Geistes, an dem Türcke festhält, gibt aller Humanität erst ihren Sinn. Zwar gibt es kein räumliches, aber ein geistiges Jenseits.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1996

Authors and Affiliations

  • Armin Nassehi
  • Markus Schroer
  • Georg Weber

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