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Die „Tagesschau“ als immerwährende Chronik

  • Ulrich Schmitz
Chapter

Zusammenfassung

Falls Textmechanismus und Bedeutungswelt des einen ausgewählten Monats „Tagesschau“ in den vorangegangen Kapiteln richtig beschrieben wurden, müßten diese Ergebnisse auch für den Diskurs der „Tagesschau“ insgesamt, also für einen sehr viel größeren Zeitraum in ganz ähnlicher Weise zutreffen. Jeder einzelne „Tagesschau“-Monat hätte an der gleichen Diskurswelt teil und unterschiede sich von anderen Monatstexten lediglich durch andere Mischung der Stücke aus gleichem Symbolfeld, durch andere indexikalische Elemente (insbesondere andere Eigennamen) und durch stilistische Variationen in nebensächlichen Details. Ein einmal entsprechend programmierter Computer mit Zugriff auf eine von Zeit zu Zeit aktualisierte Datenbank für relevante Eigennamen könnte auch in zehn oder zwanzig Jahren noch sendefähige Texte erzeugen.1

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Literatur

  1. 1.
    Fritz To1m will “für einige Jahre Interviews” noch persönlich “auf Vorrat geben” (Böll 1982:203).Google Scholar
  2. 2.
    Es gilt fuer die KI im besonderen wie fuer die Informatik im allgemeinen: Sie bildet mechanisier-bare geistige Verfahren in Algorithmen und Datenstrukturen bzw. Programmen ab.“ (Schefe 1986:18); alternatives Projekt (unausgeführt) bei Winograd/Flores 1986.Google Scholar
  3. 3.
    Überhaupt ist es das Schicksal der Operationen, daß sie früher oder später zu Funktionen von Maschinen werden.“ (Leontjew 1982:107). Zum Verhältnis menschlicher Handlungen und maschineller Operationen vgl. Schmitz 1988.Google Scholar
  4. 4.
    Die möglichst perfekte maschinelle Simulation von Verhaltensweisen, die beim Menschen als intelligent bezeichnet werden würden, gilt in der Tradition von Turing (1950) als Kennzeichen Künstlicher Intelligenz: “ARTIFICIAL INTELLIGENCE (AI) is the part of computer science concerned with designing intelligent computer systems, that is, systems that exhibit the characteristics we associate with intelligence in human behavior” (Barr/Feigenbaum (eds.) 1981:3). Hoffmann (1967) hat die ganze Faszination, die solche Maschinen ausüben können, doppelbödig ausgemalt.Google Scholar
  5. 5.
    Etwa im Sinne von Bereiter 1980:77–80; vgl. Flower/Hayes 1980, Hayes/Flower 1980.Google Scholar
  6. 6.
    Wygotski 1969:91–96,227,311–359; vgl. Rissom 1985:330–354; Wahmhoff 1980.Google Scholar
  7. 7.
    Z.B. Collins/Gentner 1980:52f.Google Scholar
  8. 8.
    Einführend etwa Barr/Feigenbaum (ed.1981:223ff), Wahlster 1981b, 1982, Winograd 1983.Google Scholar
  9. 9.
    Aus der Fülle der Literatur seien stellvertretend nur fünf Arbeiten mit einführendem Überblicks-Charakter und umfangreichen Bibliographien insbesondere auch zur Sprachgenerierung angeführt: Bergmann u.a. 1986, Habel 1985, Hoeppner 1986, McKeown 1986, Rösner 1986b. Zur propositionalen Repräsentation von Wissen außerdem (teils einführend, teils spezieller) Habel 1986a.Google Scholar
  10. 10.
    Dazu Wahlster 198la.Google Scholar
  11. 11.
    Dazu Rollinger (Hg.1984).Google Scholar
  12. 12.
    Brachman 1979, Minsky 1975, 1981, Metzing (Hg.1980) bzw. Schank/Abelson 1977; vgl. Wettler 1980.Google Scholar
  13. 13.
    Wieviel technischer Aufwand schon für einfachste Diskursbereiche nötig ist, läßt sich an einem der leistungsfähigsten maschinellen Textgenerierungssysteme studieren: McKeown 1985.Google Scholar
  14. 14.
    Mit viel kleineren Textstücken als in Briefstellern (wie etwa Rammler 1857, Der Sekretär 1987).Google Scholar
  15. 15.
    Die “facilita” der Renaissance-Künstler, vgl. Baxandall (1977:151f).Google Scholar
  16. 16.
    Für Zeitungstexte vgl. auch De Jong 1979, Rosenberg 1977.Google Scholar
  17. 17.
    Script-based story understanding, accordingly, is a process of constructing a “trace” or “scenario” through a given Script which contains both the events explicitly mentioned in the story, and those which can be inferred to have happened.“ (Cullingford 1977:4f; vg1.5f,49).Google Scholar
  18. 18.
    Im operationalen Sinne der KI, vgl. etwa Siekmann 1981: V, Hoeppner/Morik 1983: 5.Google Scholar
  19. 19.
    Zum story telling vgl. Cullingford (1977:78,160–167). Die meisten seiner Beispiele kommen Alltagserzählungen näher als dem durchschnittlichen (insbesondere deutschen) Typ von newspaper stories und stehen den “Tagesschau”-Texten sehr fern.Google Scholar
  20. 20.
    Nämlich im Zusammenhang mit automatischen Übersetzungen, für die einzelsprachunabhängige semantische Repräsentationen besonders nützlich sind; vgl. Rösner 1986a:38.Google Scholar
  21. 21.
    Nicht zufällig verwendet Rösner (z.B. 1986a:15,113–158; 1987a; 1987b) immer wieder dasselbe kurze Textbeispiel (sechs Sätze zur Veränderung der Arbeitslosenzahl).Google Scholar
  22. 22.
    Für ganz andere, nämliche lernende Zwecke vgl. die Phrasenbehandlung bei Zemik/Dyer 1987.Google Scholar
  23. 23.
    Das Programm wurde in PROLOG II verfaßt (vgl. Giannesini u.a. 1986, ProloglA o.J.). In der vorgelegten Form ist es auf allen Geräten vom Typ Macintosh (mindestens 512K) lauffähig. Es kann für andere PCs (z.B. mit dem Betriebssystem MS-DOS) leicht angepaßt und ohne großen Aufwand ggf. auch in andere PROLOG-Dialekte übertragen werden.Google Scholar
  24. 24.
    Der Benutzerzugang erlaubt, zwischen “richtigen” und “falschen” Texten zu unterscheiden.Google Scholar
  25. 25.
    Leicht kann man zahlreiche ähnliche, sicher auch geschicktem, Konstrukte herstellen.Google Scholar
  26. 26.
    Als Quellenangabe genüge die laufende Nummer des Satzes in der ersten Serien-Reihenfolge (Kap. 6.2): 1. Meldung: 2087, 2363, 1905, 0162, 3204, 1115, 1010, 0447, 0564, 0621, 2613, 3158, 1628, 0062; 2. Meldung: 1686, 2841, 2375, 3315; 3. Meldung: 0215, 0876, 1907, 0026, 1050. Die Sätze stammen aus 19 (von 34) Themen (Nonpolitics unterrepräsentiert); ihre Textsortenherkunft entspricht gut der Zusammensetzung des Gesamtcorpus (allerdings ist Sorte 7 nicht vertreten). Die durchschnittlichen Meldungs-und Satzlängen sind kürzer als im Gesamtcorpus (92 statt 157 Wörter/ Meldung, 7,7 statt 9,7 Sätze/Meldung bzw. 12,0 statt 16,1 Wörter/Satz).Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. die Reaktion auf die menschengleiche Roboterin Olimpia in E.T.A.Hoffmanns (1967:30) Erzählung vom Sandmann: “In Schritt und Stellung hatte sie etwas Abgemessenes und Steifes, das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange zu, den ihr die Gesellschaft auflegte.” Nathaniel verteidigt ihre Sprache, die bloß ein Wort (“Ach”) immer wiederholt: “Euch mag es nicht recht sein, daß sie nicht in platter Konversation faselt wie die andern flachen Gemüter.” (ebd.33)Google Scholar
  28. 28.
    Enzensberger (1962:90) berichtet von einem Pariser Kinobesitzer, der die Wochenschau mit einer Verspätung von einundfünfzig Wochen zeigt und damit “auf das snobistische Vergnügen seiner Zuschauer spekuliert. Vergeblich: die wenigsten Besucher bemerkten die Verspätung”.Google Scholar
  29. 29.
    Wie 1978 gewonnen, doch auf Disketten geschrieben und mithilfe selbstgeschriebener Programme auf PC ausgewertet. Es handelt sich wieder um die 20-Uhr-Hauptausgaben vom 2.1. bis 31.1. sowie um die Spätausgabe (23.35 Uhr) vom 1.1.88, jeweils ohne Begrüßungsformel und ohne Wetterbericht. Die 20-Uhr-Hauptausgabe vom 1.1.88 enthält 14 Meldungen mit 1797 Wörtern in 131 Sätzen. Alle 31 Hauptausgaben (ohne die Spätausgabe vom 1.1.) umfassen also 398 Meldungen mit 56775 Wörtern in 3737 Sätzen und erbringen fast gleiche Durchschnittswerte. (Anhang 16 auf Diskette enthält den kompletten Text aller 32 Sendungen sowie eine Information zu dessen Gestalt.)Google Scholar
  30. 30.
    Geht man zu weit, wenn man diese kleinen Unterschiede als Ausdruck weiterer Beschleunigung innerhalb eines Jahrzehnts auffaßt? “Unsere innere Rhythmik fordert immer kürzere Perioden im Wechsel von Eindrücken” (Simmel 1983:47).Google Scholar
  31. 31.
    Der Einfachheit halber werden im 1988er-Corpus Textzeilen gezählt (statt Wörter wie 1978).Google Scholar
  32. 32.
    Der auf Textzeilen bezogen (statt auf Wörter wie 1978). Auch hier auf halbe Prozente gerundet.Google Scholar
  33. 33.
    Nämlich bei Thema 12, 13, 15, 17, 20, 23, 25 und 28. 34 (Schlagzeilen) gibt es 1988 nicht mehr. 34Ausgewählt wurden zwanzig Wortformen aus den einhundert und dreißig aus den nächsten 231 häufigsten im Januar 1978 (vgl. Tab. 10 und 12 in Kap. 3), und zwar so, daß sowohl Häufigkeitsklassen als auch Wortarten und ggf. chronologische Gleichverteilungswerte von 1978 möglichst angemessen vertreten sind. Auf die allerhäufigsten Wortformen wurde wegen des nötigen technischen Aufwandes verzichtet; Funktionswörter sind zusammen (gemessen an ihrem Wortschatzanteil 1978 lt. Abb. 18 in Kap.Google Scholar
  34. 34.
    dennoch deutlich über-, Verben und Adjektive unterrepräsentiert. (Groß-und Kleinschreibung wird weiterhin nicht unterschieden.) Die Spalte “erwartete Häufigkeit” berücksichtigt den etwas größeren Umfang des 88er-Corpus.Google Scholar
  35. 35.
    Neben “politische” handelt es sich um neun Substantive: “Ost-Berlin, Abend, Gespräch, Jahr, Verhandlungen, Opposition, Kohl, Rücktritt, Sicherheit”.Google Scholar
  36. 36.
    Zusammen etwa 4 bis 5 Prozent des gesamten Materials aus beiden Monaten. Quellenangaben mit der üblichen Sigle: 1. Stelle = Textsorte, 2. und 3. Stelle = Datum, 4. und 5. Stelle = Tagesmeldung.Google Scholar
  37. 37.
    In vier Fällen wird eine der beiden Seiten aus zwei verschiedenen Meldungen kombiniert.Google Scholar
  38. 38.
    Die immerwährenden K. waren für jedes Jahr brauchbar, wenn man die nötigen Hilfsmittel für die Bestimmung der beweglichen Feste besaß“ (Jungbauer 1931/1932:Sp.926).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1990

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  • Ulrich Schmitz

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