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Chaos im Rahmen — Das alte Bild der neuen Welt

  • Ulrich Schmitz
Chapter

Zusammenfassung

„Wer es vernachlässigt, wiederholt zu lesen, ergibt sich dem Zwang, überall die gleiche Geschichte zu lesen“ (Barthes 1976:20). Über viele Jahre hinweg haben wir unseren „Tagesschau“-Text immer wieder auf verschiedenartige Weise zu lesen versucht und gerade so stets nur die gleichen Geschichten und die gleiche Geschichte entdeckt. Das könnte auf die Einfall des Lesers und seiner Verfahren schließen lassen, weist aber wohl eher auf die Eindimensionalität des Textes hin. Bei unserer Lektüre waren wir nicht so ‚entschlossen‘ wie Barthes (1984) bei seiner Michelet-Lektüre, sondern zaghaft, vorsichtig und umständlich, sind vielleicht aber doch im ‚Inneren des Ganzen‘ angelangte, nachdem „die Totalität der Strecken“ (Derrida 1974:278) in ihrem Bedeutungsraum ausgeschöpft ist. Die „Tagesschau“ hat keinen pluralen und keinen polysemischen Text (vgl. Barthes 1976:9f). Folglich unterbindet sie eine spielerisch-konstruktive Interpretation, deren Maß „das Unendliche der Sprache“ (ebd.10) wäre, und macht ihren Adressaten zum „Konsumenten“ (ebd.8). Es gibt nur einen Eingang, und nicht ein „Netz mit tausend Eingängen“ (ebd.16).

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Literatur

  1. 1.
    „Es ist also nicht übertrieben von einer regelrechten Hermeneutik des Micheletschen Textes zu sprechen. Man kann Michelet nicht linear lesen, man muß den Text von seinen Grundlagen und seinem Netz von Themen her rekonstruieren: Michelets Diskurs ist ein regelrechtes Kryptogramm, es bedarf zu seiner Entzifferung eines Leserasters, und dieses Raster ist eben die Struktur des Werkes. Daraus folgt, daß eine Lektüre Michelets nicht möglich ist, solange sie unvollständig bleibt: man muß sich entschlossen ins Innere des Ganzen versetzen.“ (Barthes 1984:226)Google Scholar
  2. 2.
    Während technische Reproduzierbarkeit den Kunstwerken ihre Aura nimmt („einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“, Benjamin 1974b:440), verschafft technisch erzeugte Einmaligkeit den Nachrichten eine umgekehrte Aura profaner Art, nämlich die einmalige Erscheinung einer Nähe, so ferne sie sein mag. Zwar ist auch die “Tagesschau” per Videorecorder unendlich oft reproduzierbar, doch wer außer Interessengruppen, die über ihre eigene in ihrem Sinne angemessene Repräsentanz und Darstellung wachen, macht sich schon diese Mühe?Google Scholar
  3. 3.
    Beispielsweise hat der gleichbleibend dramatische wirtschaftliche Niedergang eines Entwicklungslandes keine Chance, in Fernsehnachrichten aufgenommen zu werden - im Gegensatz etwa zum länger erwarteten und sonst folgenlosen Tod eines vordem hochrangigen Politikers. Vgl. Rock (1973:76): “once formulated, the scheme tends to serve as its own authority. What has been news in the past is likely to be news again.” Für ein Beispiel van Dijk (1985b:90). “news is more persuasive if it represents events that fit our models without being completely predictable” (van Dijk 1988:86). Ausgrenzung durch vorab anerkannte Regeln gehört zum Prozeß der Institutionalisierung, unter erklärtem Primat der Methode etwa in der Wissenschaft (vgl. Schmidt 1985). Luhmann (1978:41) über soziale Systeme: “Zur systemeigenen Ordnung gehört auch ein selektiver Umweltentwurf, eine »subjektive« Weltsicht des Systems, die aus den Möglichkeiten der Welt nur wenige relevante Fakten, Ereignisse, Erwartungen herausgreift und für bedeutsam hält. Durch solche Reduktion ermöglichen Systeme eine sinnvolle Orientierung des Handelns.”Google Scholar
  4. 4.
    “And I am sure that I never read any memorable news in a newspaper. If we read of one man robbed, or murdered, or killed by accident, or one house burned, or one vessel wrecked, or one steamboat blown up, or one cow run over on the Western Railroad, or one mad dog killed, or one lot of grasshoppers in the winter,- we never need read of another. One is enough. If you are acquainted with the principle, what do you care for a myriad of instances and applications?” (Thoreau 1906:104).Google Scholar
  5. 5.
    Baudrillard (1982:134): “Die Mode setzt immer eine tote, abgestorbene Zeit von Formen voraus, also eine Art von Abstraktion, durch die die Formen - außerhalb des Zeitablaufes - zu effektiven Zeichen werden, die - gewissermaßen durch eine Verkehrung der Zeit - zurückkehren können und die Gegenwart mit ihrer Inaktualität besetzen, das heißt mit dem ganzen Charme der Wiederholung von Vergangenem, die der Entwicklung von Strukturen entgegengesetzt ist.” Simmel (1983:61): “Es kommt der Mode freilich nur auf den Wechsel an”; sie schlägt “immer wieder auf frühere Formen zurück, so daß man ihren Weg direkt mit einem Kreislauf verglichen hat.”Google Scholar
  6. 6.
    Simmel (ebd.) erklärt die Bewegungsform der Mode aus dem “Reiz des Unterschiedes”, dem beschränkten menschlichen Erinnerungsvermögen und der “Tendenz auf Kraftersparnis” des Systems (’Gebildes’). In diesem Sinne erlaubt die enorme Menge an Unterschieden pro Zeiteinheit der “Tagesschau”, mit einem sparsam beschränkten Repertoire auszukommen. “Stirbt die Mode vielleicht […] daran, daß sie das Tempo nicht mehr mitmachen kann […] ?” (Benjamin 1982:120)Google Scholar
  7. 7.
    Van Dijk (1988:148–159) referiert die Literatur zum Verstehen und Behalten von Nachrichten u.a. mit dem Ergebnis: “Recall of radio and TV news is generally low. Unaided recall for news in natural situations may be less than 5% of items in a broadcast” (ebd.158). Dafür ist unter anderem die geringe strukturelle Organisation des Textes verantwortlich (vgl. im einzelnen Thorndyke 1979), denn “orderly arrangement is essential for good memory” (Yates 1966:2). Eigene, nicht-repräsentative (doch von jedermann in ähnlicher Weise leicht wiederholbare) Versuche an ca. 30 Personen mit Abitur oder Hochschulabschluß ergaben (für die Beteiligten selbst überraschend) minimale Behaltensleistungen sofort nach der “Tagesschau”-Sendung selbst dann, wenn die Versuchspersonen vom Ziel des Tests unterrichtet waren, wenn nur zwei Meldungen hintereinander vorgespielt wurden und/oder wenn statt des Bildes der gesprochene Text zugleich per Tageslichtprojektor in schriftlicher Form dargeboten wurde.Google Scholar
  8. 8.
    “Jede neue Mode schlägt eine Erbschaft aus und untergräbt den Zwang der vorherigen. Die Mode erlebt sich selbst als ein Recht, als das Naturrecht der Gegenwart über die Vergangenheit. Obgleich aber Untreue ihr eigenstes Wesen ist, lebt sie dennoch in einer Welt, die sie allzu gern für unveränderlich halten möchte und mit der sie sich ganz und gar einig fühlt.” (Barthes 1985:279) Zu modischem Wechsel, Tod und “Zeit der Hölle” vgl. noch Benjamin (1982:55,115,169,675–680).Google Scholar
  9. 9.
    Das wird hier nur von der Welt im Blick der “Tagesschau” behauptet, nicht, wie bei Baudrillard (1982:133f et passim) von der Realität selbst. Es ist nicht ganz leicht, in Baudrillards intellektuellem Geräusch - selbst “eine Inflation verrechenbarer Zeichen” (ebd.24), von der “Semiokratie” (ebd.123) infiziert, die sie beschreiben - die zahlreichen treffenden, nämlich referentiellen Gedanken von den ‘selbständigen Simulakren’ (ebd.42) zu unterscheiden, die sich, einmal in Gang gesetzt, gegenseitig reproduzieren (vgl. ebd.102). Deshalb sei hier auf eine Diskussion verzichtet.Google Scholar
  10. 10.
    Einige Aspekte zum Verhältnis von Tracht, Mode, Mythos und Beschleunigung auch bei Bausinger u.a. 1978:223–229,236–238.Google Scholar
  11. 11.
    Durchaus im Sinne Quines (1972:193): “Die Peripherie des Systems muß mit der Erfahrung in Übereinstimmung gehalten werden. Der Rest mit all seinen erdachten Mythen und Fiktionen besitzt seine Objektivität in der Einfachheit seiner Gesetze.”Google Scholar
  12. 12.
    Im 19Jahrhundert spielte man selbst ein einziges fortwährendes Stück, an dessen unbekanntes Ziel man glaubte: “Das alte Stück, man spielt’s so fort/ Und kriegt es nie zu Ende.” (Eichendorff 1970:59) - Vgl. auch Shakespeare (1951:266=II,7,139ff): “All the world’s a stage […]”.Google Scholar
  13. 13.
    Das in Kap. 8.3 erläuterte PROLOG-Programm (Anhang 14) ist im wesentlichen eine Mischmaschine. Anders als bei heiligen Texten hängt das Ganze der Welt nicht von Teilen des Textes ab; vgl. Talmud (1965:35): “Mein Sohn, sei vorsichtig bei deiner Arbeit, denn sie ist eine Gottesarbeit; wenn du nur einen Buchstaben auslassest oder einen Buchstaben zuviel [schreibst], zerstörst du die ganze Welt.”Google Scholar
  14. 14.
    “Tagesschau” ist umgekehrter Proust, sie zeigt gefundene Zeitstückchen. Bei Proust (1953–1957, Bd.2:524) wird “die Treue der Bilder” durch den “Zufall” bloß vor Augen geführt, während die untreuen Bilder der “Tagesschau” vom Zufall abhängen. In seiner “Liebeskomödie, die ich seit meiner Kindheit fertig im Kopf hatte”, bleibt “sogar der Text des Stückes” für jeden neuen “Star” “auf mein Geheiß immer gleich” (ebd.609f), während die Nachricht ihren Wortlaut immer neu kombiniert.Google Scholar
  15. 15.
    Dencker (1975:153) deutet an: “Folgen die Redaktionen nicht […] einem vorgegebenen Anspruch, dem sie auch unter günstigsten Bedingungen einfach nicht gerecht werden können?” - Zur Kritik an der Rechtfertigung von Stereotypen mit Produktionsbedingungen siehe Adorno (1977b:515). Negt/Kluge (1972:201) zufolge sind “Stoffülle und organisierter Zeitmangel” die Grundlagen dessen, “was nachträglich als Manipulation des Fernsehens erscheint”.Google Scholar
  16. 16.
    Das ist ein Entscheidungsprogramm, in dem “bestimmte Informationen als auslösende Signale für die Wahl von bestimmten Kommunikationen” festgelegt sind (Luhmann 197lb:118). Der Begriff des ‘Entscheidungsprogramms’ ist Luhmann zufolge gut “geeignet, die Theorie des rationalen Handelns mit der Theorie des faktischen Verhaltens zu verbinden. Er setzt das Ausmaß der Wiederholung als variabel […] an” und “eignet sich sowohl für Verwaltungen als auch für Produktionsorganisationen.” (ebd.116) “Die Programmierung von Entscheidungen dient dazu, gleichmäßige Zustände oder Wirkungen des Systems zu sichern, die nicht von jeder Schwankung in der Umwelt durcheinandergeworfen werden”; dazu müssen “Grenzen der Variation definiert werden”, durch die das System “ein individuelles Gesicht bekommen” kann (ebd.117). Das der “Tagesschau” ist gerade in seinem Wechsel konstant, weil - angesichts vielfältiger Umweltschwankungen - die Variation fast grenzenlos, das Repertoire aber so gut wie unveränderlich ist.Google Scholar
  17. 17.
    “Routinehandeln ist taktlos und ausdrucksschwach.” (Luhmann 1971b:135)Google Scholar
  18. 18.
    Sie kann durch die Ähnlichkeit anderer Nachrichtenprogramme noch verstärkt werden; vgl. die Fallstudie von Faulstich 1978.Google Scholar
  19. 19.
    Zum Rollenselbstverständnis von “Tagesschau”-Redakteuren vgl. Bunjes 1977.Google Scholar
  20. 20.
    lnnerhalb der “Tagesschau” gibt es keinen Unterschied zwischen Text und “Kommentar” (im Sinne von Foucault 1974:16–18).Google Scholar
  21. 22.
    Wie in Virilios (1980:63) Deutung der Weltlage: “die Geschwindigkeit ist die Hoffnung des Abendlandes”. Google Scholar
  22. 23.
    “Diese Zusammenhangslosigkeit ist ein ganz wesentliches Problem, denn der moderne Mensch ist zu einem steten Weltverkehr genötigt, in dem er die Orientierung verliert. Wir werden täglich mit Informationen aus allen Ecken der Welt bombardiert, wir sind gezwungen zu dauernden Prozessen der Meinungsbildung über riesige Probleme, die unsere und jedermanns intellektuelle Fähigkeiten weit übersteigen und die wir affektiv nicht erfüllen können.” (Gehlen 1963d:337) Mit ideologiekritischem Akzent Adorno (1977b:508): “Der Druck, unter dem die Menschen leben, ist derart angewachsen, daß sie ihn nicht ertrügen, wenn ihnen nicht die prekären Leistungen der Anpassung, die sie einmal vollbracht haben, immer aufs neue vorgemacht und in ihnen selber wiederholt würden.” Schulz (1980:44) zufolge “erfüllen die Strukturen der Nachrichten eine Anpassungsleistung” und müssen “Handlungssicherheit und ein subjektives Gefühl der Gewißheit bieten”. Prokop (1973:21) findet die Ursache der Beliebtheit u.a. auch von aktueller Nachrichtenberichterstattung in ihrer zugleich “disziplinierenden und anregenden Funktion”.Google Scholar
  23. 24.
    Barthes (1985:310) über die Mode: “indem sie unvorhersehbar und systematisch, regelmäßig und unbekannt, zufällig und strukturiert zugleich ist, verbindet sie auf phantastische Weise das Intelligible, ohne das die Menschen nicht leben könnten, mit der Unvorhersehbarkeit, die man dem Mythos des Lebens beilegt.”Google Scholar
  24. 25.
    Weil Montaigne (1953:166) “allen Geschmack an Neuerungen verloren” hat, verteidigt er im Zweifel die Gewohnheit, obwohl sie “den Blick unseres Urteils” einschläfert (ebd.159). Diesen Effekt dehnt die “Tagesschau” auf die Neuerungen selbst aus, die ja nur als gewohnte zur Sprache kommen.Google Scholar
  25. 26.
    Vgl. in diesem Zusammenhang Freud (1940a:37; 1948:99).Google Scholar
  26. 27.
    “Die »ewige Wiederkehr« ist die Grundform des urgeschichtlichen, mythischen Bewußtseins.” (Benjamin 1982:177)Google Scholar
  27. 28.
    “Ein Tag ist wie alle Tag’ - was kann denn da geschehn?” Was Frieds (1987) Gedicht “Gute alte Zeit” als hinterhältige Pointe ausspricht, führt die “Tagesschau” als verborgene Haltung mit sich, obgleich sie zerstückelte neue Zeit vorführt.Google Scholar
  28. 29.
    “Wer glaubte, daß die Erde eine vom Strom des Okeanos umgebne Scheibe war, über die des Nachts die Lampen der Götter gezogen wurden, wer glaubte, daß Selene mit ihrem sich erhellenden und verdunkelnden Mondspiegel die Leichtigkeit und die Schwere kommender Ereignisse bestimmte und daß Poseidon die Wellen an die Gestade blies und den Seefahrern Blitze aus den Wolken entgegenschleuderte, der wagte sich allein nicht ins Weite, der hatte sich dem Schutz des Führenden und Bewaffneten anzuvertraun.” (Weiss 1975:38)Google Scholar
  29. 30.
    Das mag eine Folge des abendländischen Wunsches sein, “daß der Diskurs so wenig Raum wie nur möglich zwischen dem Denken und der Sprache einnehme” (Foucault 1974:32).Google Scholar
  30. 31.
    yet the ritualized and cyclical nature of much reporting is a critical feature of the way in which the world is made known. It conveys an impression of eternal recurrence, of society as a social order which is made up of movement but no innovation. Change occurs in a series of small occurrences of small duration. There is no grand design.“ (Rock 1973:78). Vgl. Kap. 10.7.Google Scholar
  31. 32.
    Lévi-Strauss (1985:286) behauptet generell, daß “das Repertoire, aus dem das mythische Denken seine Themen und seine Motive schöpft, über begrenzte Mittel verfügt.”Google Scholar
  32. 35.
    Wörtlich gemeint, während Baudrillard (1982:281–285 et passim) umgekehrt dem Symbolischen den Vorrang zuerkennt.Google Scholar
  33. 36.
    lndem der Mensch durch Arbeit “auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummemden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit.” (Marx 1972:192) Vgl. Cachon 1986. Wozu das im 20. Jahrhundert führte, beschreiben zuerst Horkheimer/Adorno (1947:42), Anders (1980a:19–95).Google Scholar
  34. 37.
    Darin sehen wir den genauen Ursprung der Beobachtung von Hartley/Montgomery (1985:248): “Television news is conventionalized, but its conventions are not fixed or essential, but relative, contingent and subject to change.” Sie wurde an anderem Material gewonnen. Auch die “Tagesschau” “is active in the politics of sense-making”, auch sie “strives for clarity” (ebd.260), doch in einer bestimmten, anderen Weise, nämlich ohne “populist discourses” (ebd.) und direkte Ansprache des Publikums (ebd.236f) in irgendeine Form von Erzählung aufzunehmen.Google Scholar
  35. 38.
    Anders (1980a:VII). Ihm zufolge (ebd.150 sind wir Heutige charakterisiert durch “unsere Unfähigkeit, seelisch ‘up to date’, auf dem Laufenden unserer Produktion zu bleiben,also in dem Verwandlungstempo, das wir unseren Produkten selbst mitteilen, auch selbst mitzulaufen und die in die (”Gegenwart“ genannte) Zukunft vorgeschossenen oder uns entlaufenen Geräte einzuholen.” Die Beschleunigung der Vorstellungs-Produktion bringt daher - zumindest im Falle der “Tagesschau” - ihre eigene “Antiquiertheit” (sozusagen zweiten Grades) mit sich: was als das Neueste erscheint, ist ja das Immergleiche, also Veraltete, und gerade das beruhigt.Google Scholar
  36. 39.
    i.e. die “Maske des Erwachsenen”: “Sie ist ausdruckslos, undurchdringlich, die immer gleiche”, “die Botschaft von der Gewöhnlichkeit des Lebens” (Benjamin 1977a:540.Google Scholar
  37. 40.
    Adomo (1977b:511) allgemein übers Fernsehen: “Die Grenze zwischen Realität und Gebilde wird fürs Bewußtsein herabgemindert. Das Gebilde wird für ein Stück Realität […] genommen.”Google Scholar
  38. 41.
    Geht die Realität dabei “im Hyperrealismus unter”, “verflüchtigt sich das Reale” also “von Medium zu Medium”, um “zum Realen schlechthin” zu werden (Baudrillard 1982:113f) ? Oder dient Simulation der Simulation der Aufklärung? Und in welchem Sinn des Doppelsinns?Google Scholar
  39. 42.
    “Die Sprache im engeren Sinn läßt sich als Zusammenspiel von zwei grundlegenden Prozessen definieren: Die Gliederung, oder Segmentierung, erzeugt Einheiten (was Benveniste als Form bezeichnete), die Integration fängt diese Einheiten in ranghöheren Einheiten auf (das ist der Sinn).” (Barthes 1988:131)Google Scholar
  40. 43.
    Baudrillards (1988:78) kulturpessimistische These, Massenmedien arbeiteten “zugleich an der Verbreitung von Informationen und an der Liquidation des Sinns”, bedenkt nicht, daß die leere Stelle sich mit neuem füllt; differenzierter Benjamin (1977c:439–444), anders Anders (1980a:164).Google Scholar
  41. 45.
    Etwa nach Art des Prediger Salomo (1,9–10): “Was ists das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ists das man gethan hat? Eben das man hernach wider thun wird/ Vnd geschicht nichts newes vnter der Sonnen.” (Luther 1972:1137). Vgl. Borges (1982:23):“Ich bemerke, daß ich alt werde; ein eindeutiges Symptom ist der Umstand, daß mich Neuigkeiten nicht mehr interessieren oder überraschen, vielleicht weil mir klar ist, daß sie eigentlich nichts Neues enthalten und nicht mehr sind als schüchterne Variationen.”Google Scholar
  42. 46.
    Fritz Pleitgen in der Hauptausgabe der “Tagesschau” am 6.1.1987, also außerhalb unseres Corpus.Google Scholar
  43. 47.
    So wird am 22. Januar 1988, anläßlich der Feiern zum 25. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages, ein Stück der alten Wochenschau eingeblendet.Google Scholar
  44. 48.
    Textsammlung und Literaturhinweise bei Braungart (Hg.1985).Google Scholar
  45. 49.
    Beim Bänkelsang immer, bei der Fernsehnachricht oft solche, “die die Gemeinschaft stören (z.B. Nöte und Verbrechen), durch ihre Berichte aber die Gemeinschaft festigen” (Riedel 1963:15). Laut Erikson (1978:22) bieten Massenmedien “in vieler Hinsicht die gleiche Art von Unterhaltung” “wie öffentliche Hinrichtungen oder ein sonntäglicher Besuch im Ortsgefängnis. Ein beträchtlicher Teil dessen, was wir die ‘Nachrichten’ nennen, sind Berichte über abweichendes Verhalten und seine Folgen”, vielleicht weil nämlich “sich Moral und Unmoral auf dem öffentlichen Richtplatz begegnen, und bei dieser Begegnung wird zwischen ihnen die Grenze gezogen”. Derlei ist bänkelsangtypisch, kommt in der “Tagesschau” aber nur neben anderem vor.Google Scholar
  46. 50.
    “Von der Fülle der sprachlichen Gestaltungsmöglichkeiten verwendet der Bänkelsang nur einen kleinen Teil, diesen aber intensiv und in ständiger Wiederholung. Mit Vorliebe werden Formeln gebraucht. Versform und Reimzwang begünstigen ihre Verwendung. Immer wieder stößt man auf die gleichen Begriffe, Wendungen und Wortverbindungen. Bezeichnend dafür sind die stereotypen Adjektive (z.B. ‘große Not’, ’furchtbares Ende’ […]. Es kommt zu einer vorgeformten Sprachgebärde und zu einer Vereinfachung der Aussage. Formelhaftigkeit und Vereinfachung sind die wesentlichen Wurzeln der Häufung und der Kontrastierung, die gewöhnlich als Schwarzweißmalerei in Erscheinung tritt.” (Riedel 1963:32)Google Scholar
  47. 51.
    “Die Rührung löst innere Spannungen./Die gleiche wohlige Wirkung entsteht aus der Stimmung der Sicherheit beim Anhören der Schrecken und Leiden anderer. Das Erlebnis von Gram und Schrecken ruft das angenehme Gefühl hervor, daß das eigene Leben besser ist. Das Gefühl entspricht genau den Bedürfnissen des Kleinbürgers, der das Ungewöhnliche hören, seine eigene Existenz jedoch sicher wissen will und deshalb auch jede echte Tragik rundweg ablehnt.” (Riedel 1963:70)Google Scholar
  48. 52.
    Benjamin 1977c:442, vgl. den ganzen Zusammenhang ebd.439–444.Google Scholar
  49. 53.
    Vgl. Benjamin (ebd.) und noch einmal Riedel (1963:73): “Geht man davon aus, daß in allen Medien vor allem das Ungewöhnliche vermittelt wird, dann ist in der Gegenwart das Exzeptionelle in den Alltag eingefügt, während beim Bänkelsang der Inhalt und die Vermittlung in ihrem Ausnahmecharakter übereinstimmen.”Google Scholar
  50. 58.
    Vgl. etwa Lyotard (1988:191) u.a. mit dem Hinweis in kritischer Absicht: “Im Diskurs der Emanzipation ist keiner mehr des Ortes würdig, den er innehat, jeder ist zu singulär, zu sehr durch seinen Namen bezeichnet.”, auch seinen (1982:142) Aufruf: “retten wir die Ehre des Namens”.Google Scholar
  51. 59.
    Vg1. Faye 1977:21,59–62,144–152 et passim. Der abwehrende Spruch “Das kannst du deiner Großmutter erzählen” bindet das unglaubwürdige Moment im Begriff der Erzählung mit paradoxem Hintersinn an die Repräsentantin einer für ohnmächtig gehaltenen Geschichte, die zwischen wahr und falsch nicht unterscheiden kann.Google Scholar
  52. 60.
    v.Paczensky (1966) erklärte sie anhand einer Reihe von Beispielen für “schwatzhaft, unobjektiv und unzuverlässig” (ebd.28); vgl. auch Hickethier u.a. 1973, “Heute” 1973. Zu Publizistik, Objektivität und Herrschaft allgemeiner: Pross 1971.Google Scholar
  53. 61.
    Vgl. z.B. Eckert (1941:63) über “die Zeit des bewußten Einsatzes der Rundfunknachricht im Dienste der einheitlichen politischen Führung”: “Von einer unterrichtenden und nicht aggressiven Nachrichtenvermittlung mußte der Weg zu einem zielbewußten kämpferischen Nachrichteneinsatz gefunden werden” (ebd.54; vgl. das ganze Kapitel ebd.49–76). Wer Nachrichten ausländischer Sender verbreitete, mußte seit dem 30.8.1939 mit Zuchthaus oder der Todesstrafe rechnen (ebd.72).Google Scholar
  54. Trennung von (“objektiver”) Nachricht und (“subjektiver”) Meinung herausgebildet hat, die wiederum (vgl. z.B. Noelle-Neumann/Reumann 1971:207–210 bzw. Heizler u.a. 1971:258ff,269) nach 1945 in anti-nationalsozialistischer Absicht durchgesetzt wurde. Die “klare Trennung von Nachricht und Kommentar” galt freilich auch schon als Grundsatz nationalsozialistischer Rundfunknachrichten (Eckert 1941:57; vg1.59f).Google Scholar
  55. 70.
    Lyotard (1985c:51) sieht hier ein Merkmal des Übergangs von Moderne zu Postmoderne, wie er sich im Zuge der allgemeinen “Beschleunigung der Rhythmen” ergebe: “eine Moderne, die sich um die Beherrschung des Raumes drehte, geht damit allmählich über in eine Postmodeme, die von der Beherrschung der Zeit besessen ist.”Google Scholar
  56. 71.
    Picard (1946:13ff) hält Zusammenhangslosigkeit (deren maschinellen Betrieb das Radio übernommen habe) für einen Zustand, der das 20. Jahrhundert charakterisiere und in dessen Beliebigkeit sich auch Hitler sozusagen zufällig habe einschleichen können (ebd.14–16), um ihn dann auf die Spitze zu treiben (ebd.36,49 et passim). Er beklagt das Fehlen “einer hierarchisch geordneten Welt” (ebd.18) und übersieht, daß gerade die durch Hitler repräsentierten Kräfte eine solche herstellten. Die “Tagesschau” reproduziert die von Picard beschriebene Diskontinuität und Gedächtnislosigkeit. Doch während der herrschsüchtige Nationalsozialismus sie mit großen Erzählungen kaschiert (vgl. z.B. Projekt Ideologie-Theorie 1980), legt die objektivitätssüchtige Fernsehnachricht sie in gewisser Weise bloß; subjektiver Sinn ganz anderer Art fällt ihr dabei zwar notwendig, doch ungewollt bei.Google Scholar
  57. 72.
    Vgl. Virilio 1980:145 et passim. Busch (o.J.:155) konnte sich dem noch mit komischer Distanz unterwerfen: “Einszweidrei, im Sauseschritt/Läuft die Zeit; wir laufen mit.” Zur Frühgeschichte ‘fressiger Zeit’ s. von Logau 1984:29.Google Scholar
  58. 73.
    Vgl. Foucault (1974:8): “der Diskurs […] ist die Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht”.Google Scholar
  59. 74.
    “Ménage, entretien du chauffage, distribution du courrier, renseignements aux visiteurs, paiement du terme, perception des allocations familiales, acquittement des quittances de gaz, d’électricité, etc.” können zu ihren Aufgaben zählen (Chombart de Lauwe et al. 1952, Bd.2:93t).Google Scholar
  60. 75.
    Diese Stellung bringt den Concierges, “strenge Richter bei den Streitigkeiten im Hause” (Zola 1975:200), die kleinbürgerliche Ambivalenz - “halb gönnerhaft, halb unterwürfig” (Balzac 1977a:198) - im Verhältnis zur Herrschaft: “Katzbuckelnd waren sie diensteifrig um den Hausbesitzer bemüht, lauerten auf seine Worte, stimmten ihnen kopfnickend zu.” (Zola 1975:193). Einer “rechnete die rückständigen Mieten mit der Wichtigkeit eines Verwalters aus, dessen Amt auf dem Spiel stehen könnte” (ebd.), zeigte sich bei einer Verhandlung zwischen Hausbesitzer und Mieter “undurchdringlich und würdevoll”, “er tat so, als wolle er seinen großen Einfluß auf den Hausbesitzer nicht mißbrauchen” (ebd.194). “Dann gestand er im Vertrauen, daß er der eigentliche Herr des Hauses sei” (ebd.195).Google Scholar
  61. 76.
    lrrtum inbegriffen: “Comme an peut se tromper, quand an ne sait pas.”, heißt es in “La Recette”, dem Einakter für zwei Concierges (Worms 1983:21).Google Scholar
  62. 77.
    “Und als sie […] über den Hof schritt mit langsamen Blicken auf alle Fenster, wie um sich zu vergewissern, ob im Hause alles gut in Ordnung sei, kniff sie die Lippen zusammen, was besagte, mit welcher Machtbefugnis sie nun ausgestattet war, da sie dreihundert Mieter unter sich hatte.” (Zola 1975:193)Google Scholar
  63. 78.
    “Toujours est-il que sa Marthe, ma concierge la laissait pas traîner dans les rues en ma tendre compagnie.” (Boudard 1977:50). “An der Haustür angelangt, hatte er das Glück, von den Portiersleuten nicht bemerkt zu werden; E…] so entging Theodosius jeder Beobachtung und konnte sich bis zur Tür des Heiligtums, in das er eindringen wollte, durchstehlen.” (Balzac 1977b:413)Google Scholar
  64. 79.
    “Gewiß”, schreibt Zola (1976:389; vg1.31) anläßlich nächtlicher Kontrollgänge des Concierge im ‘feinen Hause’, “Gewiß bereitete ihm die Sittlichkeit des Hauses Sorgen; er spürte in ihm gleichsam einen Hauch von unanständigen Sachen, der die kalte Nacktheit des Hofes, den andächtigen Frieden des Hausflurs, die schönen häuslichen Tugenden der Stockwerke störte.”Google Scholar
  65. 80.
    “denn was ihn nichts anging, ging ihn nichts an, wie er zu sagen pflegte. […] Was ihn aber anging, das ging ihn an” (Zola 1976:426; vg1.399,463). Auch Worms 1983, z.B.: “Pitié ou pas. Quand vous donnez tranquillement dans votre lit.” (ebd.14)Google Scholar
  66. 81.
    Anläßlich eines beobachteten Suizidversuchs läßt Westphal (1983:420 seine beiden Concierges eben dieses Problem diskutieren (“De quoi vous mêlez-vous?”, 42).Google Scholar
  67. 82.
    “I1 revint auprès du mort, le regarda et réfléchit.” (Romains 1970:18)Google Scholar
  68. 91.
    Gleich dem Kettenkomplex in der Begriffsbildung (vgl. Wygotski 1969:127–129,140).Google Scholar
  69. 92.
    All das führen Westphal (1983) und Worms (1983) in ihren Concierge-Dialogen vor.Google Scholar
  70. 93.
    “So gehen heute die Erweiterungen der Macht und ihre Selbstlegitimierung über die Produktion, Speicherung, Zugänglichkeit und Operationalität der Informationen.” (Lyotard 1986:138)Google Scholar
  71. 94.
    Lyotards Begriffe sind nicht selten “unreif’: ”in ständiger Auflösung und Neuerbauung“, wie er (1985d:84) sich Postmodeme wünscht. In einem dritten Anlauf heißt es etwa: ”Die Wirklichkeit besteht aus Elementen, die von Strukturgesetzen (Matrizes) in nicht mehr menschlichen Raum-und Zeitmaßstäben organisiert werden.“ (Lyotard 1985a:11) Berkeleys (1949:227–231,255–263) ”immaterialism“ des frühen 18. Jahrhunderts wird unter Bedingungen fortgeschrittener Produktivkräfte (”Die Gestalt des einstigen Holzfällers gehört inzwischen zur Legende.“ Lyotard 1985a:10) und desubjektiviert wiederbelebt. Während Berkeley gegen die cartesianische Annahme kämpfte, es gebe vom Bewußtsein unabhängige, materielle Entitäten und also eine räumliche Außenwelt, so Lyotard gegen die voluntaristische Ausbeutung von Natur (und zugleich gegen den Marxschen Arbeitsbegriff; z.B. 1985c:41,49–51). Ging es jenem um Theologie und Metaphysik, so diesem um Ethik. Dank einer historischen Veränderung der Wirklichkeit sieht sich Lyotard (1985b:25) darauf aufmerksam gemacht, daß Materie ”nichts weiter ist als ein Energiezustand, d.h. ein Zusammenhang von Elementen, die ihrerseits nicht greifbar sind und von Strukturen bestimmt werden, die jeweils nur eine lokal begrenzte Gültigkeit haben.“ Berkeley (1949:260) leugnet, daß wahrgenommene Dinge ”have an existence distinct from being perceived“; Lyotard fordert, die Sinne zu schärfen.Google Scholar
  72. 95.
    Lyotard (1985c:52) verlangt: “von einer Menschheit, die Materialien und Materielles zu kontrollieren verstand, gilt es überzugehen zu einer Menschheit, die es verstehen müßte, Sprachen und Zeichen zu kontrollieren.” Vielleicht ist seine Formulierung zu knapp, kann man sie doch als bloße Einladung zur Ausdehnung des Herrschaftsbereichs des modernen Subjekts verstehen. Sie käme dann auch zu spät an. Unsere Femsehnachrichten sind ja ein Beispiel wohl kontrollierter Sprache.Google Scholar
  73. 96.
    Einen historischen Vorläufer des arbeitsteilig-dialektischen Verhältnisses von Innen und Außen beschreibt Le Roy Ladurie (1980:31–163) unter der Überschrift “Das Haus und der Hirte”. 97“Distanzlosigkeit, die Parodie auf Brüderlichkeit und Solidarität, hat dem neuen Medium [Fernsehen, U.S.] sicherlich zu seiner unbeschreiblichen Popularität mitverholfen.” (Adorno 1977b:510)Google Scholar
  74. 98.
    Negt/Kluge (1972:18) zufolge schwankt “Öffentlichkeit” überhaupt “zwischen der Bedeutung einer vielfältig benutzbaren Legitimationsfassade und der einer Steuerungsmechanik für die Wahrnehmung der gesellschaftlich relevanten Tatbestände”. Offenbar geht es nicht nur um das Was, sondern auch um das Wie der Wahrnehmung.Google Scholar
  75. 99.
    Wie Balzacs (1977a:202) Concierge in seiner Loge, der “es nie hell hat und alles bemerkt, was draußen geschieht”.Google Scholar
  76. 100.
    Diese vieldeutige Parole postmoderner Bewegungen steht freilich bei Feyerabend (1976:45), der sie zuerst in die Debatte warf, in einem genauen Kontext (vgl. auch ebd.262–265 und Feyerabend 1984: 169 et passim), der mit vielen der im folgenden skizzierten Kennzeichen der Postmoderne nur wenig zu tun hat und dem “Tagesschau”-Konzept geradezu widerspricht.Google Scholar
  77. 101.
    Überblick bei Bertens 1987; vgl. auch Huyssen 1986, Vester 1985, Welsch 1987a:9–43, knappe Literaturübersicht bei Welsch 1987b. Köhler 1977 dokumentiert die Geschichte des Begriffs (seit etwa 1930); als “Passepartoutbegriff’ (Eco 1984:77) ist er inzwischen sein eigenes Beispiel geworden (vgl. Hofstadter 1985:530ff). - Oberflächlich, das heißt soweit die Postmoderne eine Masche ist, konkurriert der Begriff mit der ”Tagesschau“, ”ist doch durch diesen ’Postismus’ ein Zustand angezeigt, der das Moderne überholt scheinen läßt, dem Neuesten als dem immer schon Dagewesenen seine Originalität und Sensationalität entwendet und Geschichte als die ewige Wiederkehr des Gleichen offenbart“ (Vester 1985:4).Google Scholar
  78. 102.
    Dieser Punkt steht nur bei Lyotard nicht im Zentrum. Ihm zufolge (1982:140 bzw. 142) “bedeutet der Postmodernismus nicht das Ende des Modernismus, sondern den Zustand von dessen Geburt, und dieser Zustand ist konstant.” “Postmodern wäre als das Paradox der Vorzukunft zu denken.” - Zum ‘genuin anarchischen Impuls’ bei Lyotard vgl. Bürger (1987:123 et passim); einführend Reese-Schäfer 1988.Google Scholar
  79. 103.
    “Was ist des Menschen Leben/Der immer umb muß schweben; Als eine Phantasie der Zeit?” (Gryphius 1968:92). Postmoderne wiederholt Barock unter den Bedingungen komplexer gewordener Gesellschaft und höher entwickelter Produktivkräfte. Van Reijen (1988:3750 und Rutschky (1988: 350) weisen beiläufig auf Parallelen hin, und schon Stegmüllers (1973:304) Klassifizierung von Feyerabends Erkenntnistheorie als “Gegenreformation” ist nicht ohne Witz. Doch hielte der Vergleich bis in kleinste Verästelungen der Begriffe, Denkweisen und Erscheinungsformen (vgl. auch Deleuze 1988). Vielleicht läßt sich nirgends intensiver erfahren, was Postmoderne heißt, als während eines mittäglichen Orgelkonzerts im Dom zu Passau. (Vgl. dann auch Adorno 1977a.)Google Scholar
  80. 104.
    Und an anderer Stelle: “Die Erde wird demnach in der gleichen Epoche, in der sie optisch und informatorisch übersehbar ist, in der kein unbeachtetes Ereignis von größerer Wichtigkeit mehr vorkommen kann, auch in der genannten [i.e. ideengeschichtlichen; U.S.] Hinsicht überraschungslos.” (Gehlen 1963c:323)Google Scholar
  81. 105.
    “Rechne mit deinen Beständen” legt Gehlen (1963c:323) unter Bezug auf Gottfried Benn dem Posthistoire als Motto ans Herz, wohl denkend an Benn (1978:232): “Rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen.” Dem folgt die “Tagesschau” wohl.Google Scholar
  82. 106.
    Technische Simulation im Symbolischen stellt Heraklits (1986:9 = B12) Fluß still: “Steigen wir hinein in die gleichen Ströme, fließt andres und andres Wasser herzu.”Google Scholar
  83. 107.
    Ein Großteil postmodernistischen Denkens scheint ästhetische Möglichkeiten auf eher naive Weise auf Möglichkeiten gesellschaftlicher Praxis zu projizieren. Zur Diskussion vgl. Wellmer 1985: 101–109.Google Scholar
  84. 108.
    Demgegenüber regt Wellmer (1985:104) an, den “entgrenzten Formen der modernen Kunst” “einen möglichen neuen Umgang der Subjekte mit ihrer eigenen Dezentriertheit” abzulesen.Google Scholar
  85. 109.
    Ohne Aussicht auf volles Sprechen, dessen Wirkung in der Psychoanalyse darin besteht, “die Kontingenz des Vergangenen neu zu ordnen, indem es ihr den Sinn einer zukünftigen Notwendigkeit gibt” (Lacan 1973b:95).Google Scholar
  86. 110.
    “Die Angst vor dem Chaos weicht dem freien und spielerischen Umgang mit Unordnung.” (Timm 1988:10)Google Scholar
  87. 111.
    Die Postmoderne-Debatte spielt viele Variationen zum alten Thema der Dialektik von Einheit und Vielfalt durch. Zum Zwecke der Selbstetablierung bedient man sich da auch schon mal an sich bekämpfter nicht-pluralistischer Regeln: diskreditiert unliebsame Variationen durch assoziative Verknüpfung mit verdammenswerten Vorstellungen und grenzt derart ‘böse’ dann gegenüber ’guten’ Variationen recht manichäisch aus. So setzt etwa Welsch (1987a:183 et passim) “die alten Utopien” allzu vereinheitlichend mit “Ein-Heils-Imaginationen” gleich, erfindet “das monothetische Denken der rigiden Moderne” (ebd.80) und kämpft gegen “die Einheitsobsession” (ebd.114, vg1.41) aller nicht wahrhaft Postmodernen. “Der Postmodernist” (ebd.184 et passim) richtet dabei über viele schlechte Postmodernismen einerseits (Baudrillard gar wird dieses Markenzeichen aberkannt; ebd.32,149–154) und ’veritablen Postmodernismus’ (ebd.3 et passim) andererseits, in den sich dann, postmodern genug, sämtliche Positionen aller Jahrhunderte eingemeinden lassen, die einem gefallen (vgl. ebd.80f,277ff et passim): “Viele Diderots, wenige d’Alemberts - das ist eine Wunschvorstellung des Postmodernisten” (ebd.85), die ihrerseits die Guillotine schon enthält. “Wenn man so will, ist das jetzt unsere Meta-Erzählung.” (ebd.173) Wer hat das Sagen? Die “Tagesschau” ist da doch offener.Google Scholar
  88. 112.
    Die ambivalente Lage postmoderner Strömungen zwischen Affirmation und Kritik wird von Well-mer (1985:1270 treffend charakterisiert: “Es ist die Zweideutigkeit von Bewegungen, von politischen und theoretischen Impulsen, die auf der einen Seite gegenüber einer technokratisch pervertierten Moderne auf die Verteidigung kommunikativer Strukturen, semantischer Potentiale, ökologischer Gleichgewichte oder von Möglichkeiten einer unreglementierten Selbstäußerung der Subjekte ausgerichtet sind, also auf die Verteidigung von Bedingungen, ohne deren Erhaltung die Moderne das ihr eigentümliche Potential an Humanität unter sich begraben müßte; und die auf der anderen Seite häufig genug mit der Abkehr von der technokratischen Moderne den Rückzug aus der Moderne überhaupt proklamieren.” Die “Tagesschau” stellt Geschichte auf technokratische Weise still.Google Scholar
  89. 113.
    Zum Verhältnis von Selbstbewußtsein, Identität und Sinn vgl. Frank 1988b.Google Scholar
  90. 114.
    Deshalb redet man auch kaum über die Berichte der “Tagesschau”: die Informationskette, der sich ihre Herstellung verdankt, findet, anders als bei Erzählungen (vgl. Lyotard 1986:700, im Zuschauer ihr Ende, weil heterogene Textelemente nicht integriert werden (vgl. Barthes 1988b:1340.Google Scholar
  91. 116.
    Obgleich und indem die “Tagesschau” die Fiktion sowohl intersubjektiven Diskurses als auch konfligierender heterogener Diskursformenabbildet, lebt ihre eigene Sprache nicht in solchen Elementen; Einspruch seitens der “Tagesschau’ oder gegen sie wäre auch weder möglich noch sinnvoll (solange sie sich an ihre eigenen Regeln hält). Die Habermas-Lyotard-Debatte (Frank 1988a) perlt an ihr ab.Google Scholar
  92. 117.
    Vg1. auch Lyotard (1986:175f) zu Habermas und Luhmann.Google Scholar
  93. 118.
    Die kürzeste - und in sich widersprüchliche - Charakterisierung der Postmoderne gibt van Reijen (1987:31): “Die totale Verunsicherung nimmt Gestalt an.” Die “Tagesschau” bietet eine sprachliche Gestalt, die das Zerstreuteste übersichtlich macht. Was ihren Zuschauer von den Postmodernisten unterscheidet, ist bloß, daß er nicht merkt, wie er “in einer gewissen Vertrautheit” mit dem Chaos lebt (vgl. Bertens 1987:69); Stellungnahme wird nicht erwartet.Google Scholar
  94. 119.
    Jencks (1978:128) denkt an eine produktive Aneignung von Potentialen der Vergangenheit.Google Scholar
  95. 120.
    Folgt man Schmidt (1986:69), so will der Postmodernismus “im Schein des Anfordems von Erinnerung vergessen machen mit einer pluralisierten Weise von ideologischer Strategie”. Die “Tagesschau” läßt Ereignisse gar nicht zum Gedächtnis vordringen, sondern daran abfließen.Google Scholar
  96. 121.
    Vgl. die Darstellung und Diskussion postmoderner “unitary sensibility” bei Peper (1987).Google Scholar
  97. 122.
    Luhmann (1978:252) mutmaßt, daß ein modernes, hochkomplexes politisches System seine Stabilität nicht mehr “einem Grundbestand fester, allgemein verbreiteter Rechtsüberzeugungen”, sondern “gerade der Heterogenität und dem Fluktuieren individueller Meinungen” verdanke. Es könne, “wenn es nur selbst hinreichend komplex organisiert ist, in seinen Verfahren also jeweils genug Alternativen erzeugen und reduzieren kann, dafür Vorsorge treffen, daß seine Entscheidungen durchgehend als verbindlich akzeptiert werden”. Texte können das offenbar auch.Google Scholar
  98. 123.
    Dabei hat die “Tagesschau” in ihrer äußerlich altmodischen Seriosität noch gar nicht an dem selbstinduzierten ästhetisierenden (und narrativierenden!) Innovationsstrudel teil, der laut Kloepfer (1986:374–377) im Gefolge von Werbespots auch europäische Fernsehnachrichten erfaßt.Google Scholar
  99. 124.
    Welsch (1987a:5; vg1.185) zufolge ist die gegenwärtig sich ausbildende Postmoderne “diejenige geschichtliche Phase, in der radikale Pluralität als Grundverfassung der Gesellschaften real und anerkannt wird und in der daher plurale Sinn-und Aktionsmuster vordringlich, ja dominant und obligat werden”. Wo denn hätte sich bürgerlich-liberale Utopie dergestalt vollendet? Die “Tagesschau” jedenfalls führt Pluralismus der Eigennamen, nicht aber des Sinnes oder der “Sichtweise” (ebd.) vor.Google Scholar
  100. 125.
    Bloß etwas banaler als in der “Utopie eines müden Mannes” (einer erzählenden Einführung in einander überkreuzende Fäden postmoderner Denkweisen): “Uns bleiben nur noch Zitate. Die Sprache ist ein System von Zitaten.” (Borges 1982b:74)Google Scholar
  101. 126.
    Oder, wie es ein Kameramann über die Produktion aktueller Fernsehfilme formuliert “Alles ist erlaubt um das Bild flüssiger zu machen. […] Friede und Bewegung überall.” (Schäfer 1975:354) 127“Er ist für sich nur für uns, insofern sein geistiger Inhalt durch ihn selbst erzeugt ist; insofern er aber auch für sich selbst für sich ist, so ist dieses Selbsterzeugen, der reine Begriff, ihm zugleich das gegenständliche Element, worin er sein Dasein hat, und er ist auf diese Weise in seinem Dasein für sich selbst in sich reflektierter Gegenstand.” (Hegel 1970:280 Technisch wird die Selbsterzeugung, wenn sie sich “nicht nach Einsicht, sondern lediglich nach der Disposition ihrer Organe” vollzieht (Descartes 1961:53; vgl. 1960:920. Eben die wurde in den vergangenen Kapiteln dargestellt: als “Autor” (Foucault 1974:19) ohne Subjekt.Google Scholar
  102. 128.
    “Indem der Geist sich auf die Mächte, die ihn äußerlich zu bestimmen scheinen, besinnt, schließt eben diese Besinnung schon eine eigentümliche Rückwendung und Innenwendung in sich.” (Cassirer 1985:40)Google Scholar
  103. 129.
    Vgl. Kittler (1988:413): “Die Verstaatlichung des höheren Schulwesens hat den Idealismus an eine Macht gebracht, deren Entstehungsgeschichte er selber mit sofortigem Schweigen umgab.” Zugleich wird Reflexion entmachtet, indem sie unter arbeitsteiliger Provinzialisierung ‘intellektuellen’ Berufen zugewiesen wird: als “Leistungswissen statt […] Bildung” (Mackenthun/Röttgers 1976: Sp.455).Google Scholar
  104. 130.
    Deshalb verschwindet die Allegorie in der Fernsehnachricht zugleich mit ihrem Auftauchen. Zahlreiche Requisiten ließen sich allegorisch deuten (so die Uhr vor Sendungsbeginn in der Tradition der Sanduhr, fotografische Sinnbilder zu Wortnachrichten, Textstücke wie “Der letzte Käfer” als “Schlußpunkt einer 40jährigen Epoche des Automobilbaus” (41907) u.ä.), sind aber mnemotechnischpiktogrammatisch gemeint. Eine Distanz zwischen abstrakt Gemeintem und bildlicher Einkleidung müßte nicht reduziert, sondern gesucht werden. Die “Tagesschau” sucht Deutung ja eigentlich zu vermeiden. “Es entspricht der Konvention der Allegorie, das poetische Geschehen auf Ausdeutung im Rahmen eines nicht-poetischen Wissens anzulegen. Die Einsicht jedoch, daß die moderne Lebenswelt erst durch Theorie hergestellt wird, leitet Goethes Erneuerung der allegorischen Anschauung. Faust II beschreibt eine Welt, die nicht mehr von der Natur gegeben, sondern vom Wissen produziert ist.” (Schlaffer 1981:126) Die Fernsehnachricht produziert ihre Welt so, als sei sie von Natur gegeben. Ihre Bilder müssen als zu entziffernde daher erst bloßgelegt werden, während die Allegorie es auf Entzifferung anlegt. Dem neobarock-postmodernen Revival der Allegorie (vgl. Kilb 1987) bleibt jedenfalls in der “Tagesschau” zu wenig Zeit, um “zu begreifen, daß alles Faktische schon Theorie ist” (Goethe 1949:327).Google Scholar
  105. 131.
    Ist es ein Zufall, daß Goodman das Subjekt stets auf naive Weise als homogen unterstellt? (“wir” schaffen “uns” eine Welt; “uns” gelingt ein Test, “wir” erreichen Einklang: ebd.23,166 et passim).Google Scholar
  106. 132.
    “Kurz gesagt, die Wahrheit von Aussagen und die Richtigkeit von Beschreibungen […] ist also vor allem eine Sache des Passens” (Goodman 1984:167).Google Scholar
  107. 133.
    Scheidges (1988:11) findet die “treffendste Formulierung des Selbstverständnisses postmodernen Denkens” in einem Frankfurter Graffito:“Stell Dir vor, es gibt Krieg - und Dein Fernseher ist kaputt.” 134“Siempre insisto en que lo conceptuoso es el espfritu del estilo.” (Gracifin 1969,II:243; = Immer wieder betone ich, daß das In-Begriffe-Fassen das Wesen des Stils ist.) In anderem theoretischen Zusammenhang Schleiermacher (1977:168): “Gewohnt sind wir, unter Stil nur die Behandlung der Sprache zu verstehen. Allein Gedanke und Sprache gehen überall ineinander über, und die eigentümliche Art, den Gegenstand aufzufassen, geht in die Anordnung und somit auch in die Sprachbehandlung über.” Vollkommenes “Verstehen des Stils” ist ihm das ganze Ziel der “psychologischen” Seite der Auslegung; die vorliegende Arbeit strebte das für die “Tagesschau” an.Google Scholar
  108. 135.
    Die folgenden fünf Absätze stammen aus einem NDR-Interview des Verfassers vom 25.11.1987.Google Scholar
  109. 136.
    Vgl. auch von Hoffmann 1976, Krzeminski 1976, Straßner 1982:49–96,399f.Google Scholar
  110. 137.
    “l’abandon de la ‘signification’ au profit d’une abstraction auto-référentielle” (Steinberg 1988:320).Google Scholar
  111. 138.
    “La dissociation délibérée de chacune [figure; U.S.] par rapport aux autres est le moyen mis en oeuvre pour reporter la responsabilité de l’unité de l’action sur la réaction subjective de celui qui regarde.” (ebd.324t)Google Scholar
  112. 139.
    “Angesichts der verstreichenden Zeit sowie der nicht länger gesicherten Zukunft stellt sich einzig die Aufgabe, beharrlich erzählend vorauszusehen, wie es gewesen sein könnte, wenn es dereinst geschähe.” (Köpf 1985:9) Nach Lyotard (1982:142) arbeiten postmoderne Künstler und Schriftsteller, “um die Regel dessen zu erstellen, was gemacht worden sein wird.” Google Scholar
  113. 140.
    Zu Picassos Bild vgl. das komplette Material in: Musée Picasso (éd.1988).Google Scholar
  114. 141.
    Wir denken an die von Wittgenstein (1960b:301 et passim) bedachte “Mannigfaltigkeit der Sprachspiele”, in dessen Schuld Lyotard (1987) hauptsächlich steht (zur Kritik Frank 1988a:24ff).Google Scholar
  115. 142.
    “Das Subjekt muß am Nichtidentischen wiedergutmachen, was es daran verübt hat.” (Adorno 1973:149) “Der Totalität ist zu opponieren, indem sie der Nichtidentität mit sich selbst überführt wird, die sie dem eigenen Begriff nach verleugnet.” (ebd.150)Google Scholar
  116. 143.
    Ganz im kleinen würden der “Zufall, das Diskontinuierliche und die Materialität in die Wurzel des Denkens” eingelassen (vgl. Foucault 1974:41), noch während es denkt.Google Scholar
  117. 144.
    Die - in lernpsychologischer Redeweise - “Polarisierung der geistigen Handlung, ihre Zweiteilung in das Objekt des Denkens und in das Denken an dieses Objekt” (Galperin 1969:390) wäre also für das Programm der Aufklärung (Kant 1964) zu nutzen (auf daß der Mensch “mehr als Maschine” sei; ebd. 61), während mythisches Denken danach trachtet, jene Differenz zunichte zu machen. Vgl. noch oben Kap. 1, Anm. 71.Google Scholar
  118. 145.
    Sie gäbe also das auf, was Negt/Kluge (1972:181) für fernsehtypisch halten, nämlich “mit dem Schein der Unmittelbarkeit gleichzeitig den Schein der Vollständigkeit”, und verringerte zugleich den großen Abstand in der “unterschiedlichen gesellschaftlichen Geschwindigkeit zwischen gelebtem Leben, das gewissermaßen noch nicht industrialisiert ist, und der Sendeproduktion eines kochindustrialisierten Mediums” (ebd.205). - Zu einem Gegentyp von Rezeption Baxandall 1977:62.Google Scholar
  119. 146.
    Einer verbreiteten Auffassung folgend, kritisiert Hirsch (1980:127) die “Sprache der Medien”, weil sie “zugleich ungenau und schwierig” sei und “außerdem” “vielfach aus Fertigteilen” bestehe. In der “Tagesschau” macht gerade die rationelle Textproduktion ein rationales Textverständnis, das aus der “Eigenständigkeit” (ebd.) und Urteilskraft des Zuschauers hervorginge, unmöglich.Google Scholar
  120. 147.
    “Die Behandlung von Einzelfällen in diesem Sinne braucht keineswegs willkürlich zu sein; es ist durchaus möglich, daß jeder Schritt sehr streng begründet werden kann. Doch die Grundsätze dieser Strenge - und das ist der springende Punkt - können sich von einem Fall zum anderen ändern und müssen oft im Verlauf der Diskussion erst aufgestellt werden.” (Feyerabend 1976:460)Google Scholar
  121. 148.
    Anders als in der Novelle (Goethe 1948:225) wird die Begebenheit nur selten unerhört sein. Die Berichterstattung kann ihr aber zum Recht des einzelnen Falles verhelfen.Google Scholar
  122. 149.
    Insbesondere den Staatsvertrag über den NDR (Herrmann 1966:51–75).Google Scholar
  123. 150.
    “I1 arrive qú un portrait tâche de ressembler à son modèle. Mais, l’on peut souhaiter que ce modèle tâche de ressembler à son portrait.” (lt. Torczyner 1977:196; nicht bei Magritte 1981) Sollte Wilde (1982:29,33,44) recht behalten mit seinem Gesetz, “daß das Leben die Kunst weit mehr nachahmt als die Kunst das Leben”, so können wir nur darauf setzen, daß die “Tagesschau” keine Kunst sei. Wer die Macht der Subjekte für geringer hält als die ihrer Produkte, dem muß das als fahrlässig naiv erscheinen. Lange vor Baudrillard bemerkt etwa Anders (1980a:190), das “Wirkliche” sei bloß “das angebliche Vorbild”, man versuche jedoch, es “nach dem Bilde seiner Reproduktionen” umzuschaffen, und damit werde “die Wirklichkeit zum Abbild ihrer Abbilder” (Anders 1980b:252). Es kommt aber darauf an, wer welche Bilder macht und wozu. Vgl. auch Magrittes Bild “Le Faux Miroir” (wiedergegeben bei Hammacher 1985:641) und Bloch (1970:154–157).Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1990

Authors and Affiliations

  • Ulrich Schmitz

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