Advertisement

Das nationale Interesse — “turmhoch” über allem anderen

Chapter
  • 34 Downloads

Zusammenfassung

Weber zeigt bereits 1894 unmißverständlich Flagge: fur ihn steht das Nationale, “das Staatsinteresse turmhoch über dem Interesse jedes noch so zahlreichen Standes.”1 Das heißt hier vor allem: es rangiert vor der Zielsetzung, die Lage der Unterprivilegierten verbessern zu wollen. Doch sollte man diese Parteinahme als Korrektiv verstehen, nämlich als Korrektiv zu jenen sozialpolitischen Wertvorstellungen, denen der in Webers Umfeld geführte Diskurs, an dem er äußerst aktiv partizipierte, Priorität eingeräumt hatte. Weber verstand sich tatsächlich als “Sozialpolitiker” und setzte sich für eine entsprechende Politik zugunsten der unteren Gesellschaftsgruppen ein. Allerdings sollte dadurch der übergeordnete Wert, die Nation, nicht beeinträchtigt werden.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Preßstreit, S. 476. Später sollte Weber das Beiwort “Staats-” meiden; es kommt hier als Synonym für “national” in Betracht.Google Scholar
  2. 2.
    In der schon angesprochenen Bedeutung “einer großen Idee, die den Egoismus hinwegfegt und menschhche Vollkommenheit in menschlicher Genossenschaft als neues Ziel an die Stelle der rastlosen Arbeit setzt, die allein den persönlichen Vorteil ins Auge faßt.” (Geschichte, S. 1003)Google Scholar
  3. 3.
    W.J. Mommsen (1959/74), op.cit., S. 12ff.; S. 15ff.Google Scholar
  4. 4.
    Zu Webers Respekt für die Leistungen der frühen Liberalen, vgl. die schon beinahe nostalgischen Bemerkungen an Michels (Brief v. 16.8.1908, MWG II/5, S. 641), oder das Bekenntnis im Russland-Aufsatz von 1906: “Niemals ist ... ein Freiheitskampf unter so schwierigen Verhältnissen geführt worden wie der russische, niemals mit einem solchen Maß von rücksichtsloser Bereitschaft zum Martyrium, für die, scheint mir, der Deutsche, der einen Rest des Idealismus seiner Väter in sich fühlt, tiefe Sympathie besitzen müßte” (MWG I/10, S. 678).Google Scholar
  5. 5.
    G. Roth: “Max Weber in Erfurt, Vater und Sohn”, in Berliner Journal für Soziologie 3 (1995), S. 287299.Google Scholar
  6. 6.
    Mommsen, op.cit., S. 17f.Google Scholar
  7. 7.
    Jungendbriefe, S. 299 (an Onkel Hermann).Google Scholar
  8. 8.
    Sein Auftreten in den Reihen der “nur-nationalen”, d.h. der Alldeutschen (1893–99), sollte sich als Mißverständnis herausstellen.Google Scholar
  9. 9.
    Sie erschien zum Zeitpunkt von Webers intensivster Lange-Lektüre. Er könnte also diese Rede durchaus gelesen haben!Google Scholar
  10. 10.
    ADB, Bd. XVII, S. 625.Google Scholar
  11. 11.
    ibid., S. 630. Es sei daran erinnert, daß Lange u.a. die Schweiz verließ, weil ihm die dort verbreitete Haltung zum Krieg von 1870 zu frankophil erschien.Google Scholar
  12. 12.
    So Sombart in “Ideale der Sozialpolitik”, in Archiv 10 (1897), S. 1–43, S. 10.Google Scholar
  13. 13.
    Interpretationsversuche wie die folgenden: eine Knies-Paraphrase, “bei einigen guten Zigarren an zwei Vormittagen hinzuhauen” (Hennis, op.cit., S. 134) bzw. “abverlangtes Bekenntnis” der soeben eingeleiteten Ära Stumm [Köhnke (1988), op.cit., S. 309] können nicht unbedingt überzeugen.Google Scholar
  14. 14.
    Zum socialen Frieden. Eine Darstellung der socialpolitischen Erziehung des englischen Volkes im neunzehnten Jahrhundert (Leipzig 1890), S. vii.Google Scholar
  15. 15.
    In der Antrittsrede, S. 573. 1892 von F.W.Foerster und G.v.Gizycki gegründet, war die Gesellschaft ein Prototyp des Versuchs, Politik aus nichts als lauteren Intentionen zu machen. Dazu gehörten u.a. Tönnies, Sombart, Schulze-Gävernitz, später auch Robert Michels. Die sehr aktive Frau des Gründers Gizicky, Lily, heiratete bald nach dessen frühem Tod keinen Geringeren als Heinrich Braun.Google Scholar
  16. 16.
    Die “Mühseligen und Beladenen” (1896, in einem Diskussionsbeitrag zur Gründung einer nationalsozialen Partei (MWG I/4, S. 619), oder die “Schlechtweggekomrnenen” sind charakteristische Bezeichnungen.Google Scholar
  17. 17.
    Antrittsrede, S. 562f.Google Scholar
  18. 18.
    ibid., S. 559.Google Scholar
  19. 19.
    Was seine Interventionen auf den evangelisch-sozialen Kongressen und seine Artikel in der Christlichen Welt deutlich belegen. Als gutes Beispiel vgl. die Naumann-Rezension, op.cit.Google Scholar
  20. 20.
    Antrittsrede, S. 570f; ferner im bereits erwähnten “Diskussionsbeitrag” (1896), S. 621.Google Scholar
  21. 21.
    Disk.rede, S.398.Google Scholar
  22. 22.
    Nur Ferdinand Tönnies scheint sich selbst in dem Maße treu geblieben zu sein, wie dies nur noch von Weber behauptet werden kann!Google Scholar
  23. 23.
    Zugänglich gemacht von B. Schäfers: “Ein Rundschreiben Max Webers zur Sozialpolitik”, in Soziale Welt 18 (1967), S. 265–271.Google Scholar
  24. 24.
    Preßstreit, S. 476 (meine Hervh.).Google Scholar
  25. 25.
    Wortwahl und Sprachstil erinnern an den zwei Jahre zuvor publizierten Artikel “Der Beamte”, den Max Webers Bruder Alfred verfaßt und der übrigens nachweisbar auf Kafka große Wirkung ausgeübt hatte (Die neue Rundschau 21 (1910), S. 1321–1331). Wie noch zu zeigen sein wird, scheint Max Webers Interesse an dieser Thematik durch sein Interesse an Russland hervorgerufen worden zu sein, mit dem er sich seit 1905 intensiv beschäftigte.Google Scholar
  26. 26.
    Die Arbeiterfrage, 4.Aufl. (Winterthur 1879) (= 3.Aufl.), S. 353f.Google Scholar
  27. 27.
    ibid., S. 403.Google Scholar
  28. 28.
    ibid., S. 372; S. 382.Google Scholar
  29. 29.
    ibid., S. 373; S. 382.Google Scholar
  30. 30.
    ibid., S. 375.Google Scholar
  31. 31.
    ibid., S. 341f.; S. 347.Google Scholar
  32. 32.
    Um etwa 1891 scheint seine Marx-Lektüre begonnen zu haben. Zehn Jahre nach seiner Lange-Lektüre.Google Scholar
  33. 33.
    “Daß ein Kerl von dem Wissen Sch.’s noch im Stande ist, solche blutrünstige Phrasepauke zu halten, ... ist geradezu eine beschämende Tatsache!” (Sombart an Braun, 1898; zit. in Braun-Vogelstein, (op.cit.), S. 329.)Google Scholar
  34. 34.
    Ellissen, op.cit., S. 146.Google Scholar
  35. 35.
    ibid. Zur Betonung der Verantwortung fur die Zukunft, vgl. das obige Zitat aus der Antrittsrede Webers (S. 558f.).Google Scholar
  36. 36.
    Stellvertretend fir viele die große Rezension Ed. Bernsteins: “Zur Würdigung Fr. A. Langes”, in Die Neue Zeit 10 (1892), S. 68–78, S. 101–109, S. 132–134. — Eine Auseinandersetzung mit Ellissens Buch im Archiv gibt es leider nicht.Google Scholar
  37. 37.
    Ellissen, op.cit., S. 179.Google Scholar
  38. 38.
    Bei der Frage nach der Genese von Webers Interesse an der Bürokratie sollten die von Russland ausgehenden Anregungen nicht länger übersehen werden. Dort gab es mit dem System des “Zarismus” nicht nur eine die Autokratie (samoderzavie) explizit verklärende Ideologie, sondern auch einen adäquat formuherten Widerstand dagegen. So hat sich (der Lange-Verehrer!) Struve in seinem seit 1894 geführten “Feldzug” gegen das bürokratische Regime Russlands auf ein reiches schöngeistiges Erbe stützen können, und zwar nicht so sehr auf den bekannten Gogol mit seinen Toten Seelen als vielmehr auf M.E. Saltykov-Scedrin, dessen Analyse und Perhorreszierung der Bürokratie in der Weltliteratur ohne Beispiel sein dürften. Struve verehrte ihn als geistigen Vater. Webers schon zitierte Bezeichnung der Bürokraten als “eine im innerlichsten Sinn kulturlose, zu einer Mischung von Gedrücktheit mit unerfüllten Prätentionen herangezüchteten Schicht seelisch unselbständiger Menschen” kann ohne weiteres als eine präzise Zusammenfassung von Saltykovs Charakterisierung des cinovnik angesehen werden. In Russland fand Weber dem fortgeschrittenen Bürokratisierungsgrad entsprechende präzise Begriffe vor, die ihm auch auf die Analyse der preußischen Bürokratie anwendbar erscheinen konnten. Treibers Hinweis (“Die Geburt der Weberschen Rationalismus-These”, in Leviathan 19 (1991), S. 435–451, S. 443) ist, so gesehen, durchaus zuzustimmen: “Bei der Betrachtung des ‘Westens’ hat Weber offenbar zunächst nach ‘Osten’ geschaut — eine Blickrichtung, die die Weberforschung inzwischen aus den Augen verloren hat.” Es läßt sich allerdings fragen, ob dieses Interesse nicht erheblich früher geweckt wurde als zu dem von Treiber untersuchten Zeitraum. In den beiden letzten Kapiteln wird hierauf näher eingegangen werden.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1999

Authors and Affiliations

There are no affiliations available

Personalised recommendations