Advertisement

Fehlerfreie Sicherheit — weniger als ein günstiger Störfall

  • Theo Wehner
Chapter
Part of the Sozialverträgliche Technikgestaltung book series (STH)

Zusammenfassung

Selbst Goethe, der 1820 die erste phänomenologische Studie über „Hör-, Schreib- und Druckfehler“ vorlegte und dabei ein Niveau erreichte, hinter das viele Fehlerforscher späterer Jahre zurückfielen, denkt in der Konsequenz doch nur daran: „wie man einem solchen Übel, durch gemeinsame Bemühung der Schreib- und Drucklustigen, entgegenarbeiten“ kann (Goethe, 1820, S. 303). Er schlägt vor, danach zu sehen: „aus welchen Offizinen die meisten inkorrekten Bücher hervorgegangen (sind)“; denn: „eine solche Rüge würde gewiß das Ehrgefühl der Druckherrn beleben; diese würden gegen ihre Korrektoren strenger sein; die Korrektoren hielten sich wieder an die Verfasser, wegen undeutlicher Manuskripte, und so käme eine Verantwortlichkeit nach der anderen zur Sprache“ (Goethe, 1820, S. 303). Diese Form der fehlerkundlichen Praxis ist bis heute lebendig geblieben, ohne das vermeintliche Übel tot zu kriegen. Die psychologische, pädagogische oder ingenieurwissenschaftliche Fehlerforschung (über alle Zeiten und Schulen hinweg) will eliminieren, und zwar grundsätzlich, indem sie das Übel an der Wurzel zu packen vorgibt und mit der Letztursache all dessen, woran wir angeblich laborieren, aufräumen möchte: dem menschlichen Versagen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Aschenbrenner, M., Biehl, B. & Wurm, G. (1989). Einfluß der Risikokompensation auf die Wirkungen von Verkehrssicherheitsmaßnahmen am Beispiel ABS. In B. Ludborzs (Hrsg.), Psychologie der Arbeitssicherheit (S. 150–160 ). Heidelberg: Asanger.Google Scholar
  2. Baars, B.J. (1980). On eliciting predictable speech errors in the laboratory. In V. Fionikin (Ed.), Errors of linguistic performance. Slips of the tongue, ear, pen, and hand (S. 307–318 ). New York: Academic Press.Google Scholar
  3. Baars, B.J. & MacKay, D.G. (1979). Experimentally eliciting phonetic and sentential speech errors: methods, implications and work in progress. Language in Society: Experimental Linguistics, 7, 105–109.Google Scholar
  4. Bardmann, T.M. & Franzpötter, R. (1990). Untemehmenskultur. Ein postmodemes Organisationskonzept? Soziale Welt, 17, 424–440.Google Scholar
  5. Bierwisch, M. (1970). Fehler-Linguistik. Linguistic Inquiry, 1, 397–414.Google Scholar
  6. Bloch, A. (1981). Murphy’s Law and other reasons why things go wrong. Los Angeles: Harper.Google Scholar
  7. Bloch, E. (1979). Spuren. Frankfurt/M.: Suhrkamp.Google Scholar
  8. Cherubim, D. (1980). Vorwort. In D. Cherubim (Hrsg.), Fehlerlinguistik. Beiträge zum Problem der sprachlichen Abweichung (S. VII-X). Tübingen: Niemeyer.Google Scholar
  9. Diderot, M. (1744). Encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers. Geneve: Pellet.Google Scholar
  10. Dömer, D. (1989). Die Logik des Mißlingens. Reinbek: Rowohlt.Google Scholar
  11. Egenberger, R. (1913). Psychische Fehlleistungen. Langensalza: Beyer & Söhne.Google Scholar
  12. Gabelentz, G.v.d. ( 1891, 1969). Die Sprachwissenschaft, ihre Aufgaben, Methoden und bisherigen Ergebnisse. Tübingen: Vogt.Google Scholar
  13. Goethe, J.W.v. (1820, 1914). Hör, Schreib- und Druckfehler. In Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche, Bd. 14, Schriften zur Literatur, (S. 299–303 ). Zürich: Artemis.Google Scholar
  14. Guggenberger, B. (1987). Das Menschenrecht auf Irrtum. Anleitung zur Unvollkommenheit. München: Hanser.Google Scholar
  15. Juhasz, J. (1970). Probleme der Interferenz. München: Huber.Google Scholar
  16. Kaufmann, F.-X. (1973). Sicherheit als soziologisches und sozialpolitisches Problem. Stuttgart: Enke.Google Scholar
  17. Keller, R. (1980). Zum Begriff des Fehlers im muttersprachlichen Unterricht. In D. Cherubim (Hrsg.), Fehler-Linguistik. Beiträge zum Problem der sprachlichen Abweichung (S. 24–42 ). Tübingen: Niemeyer.Google Scholar
  18. Kluwe, R.H. (1990). Problemlosen, Entscheiden und Denkfehler. In C. Graf Hoyos & B. Zimolong (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie: Ingenieurpsychologie (S. 121–147 ). Göttingen: Hogrefe. Kluwe, R.H. (in Druck). Kognitionspsychologische Analysen der Unzulänglichkeiten von MenschenGoogle Scholar
  19. beim Umgang mit risikoreichen Systemen. In D. Frey (Hrsg.), Bericht über den 37. Kongreß der DGfPs in Kiel 1990. Göttingen: Hogrefe.Google Scholar
  20. Marbe, K. (1916). Die Gleichförmigkeit in der Welt. München: Beck.Google Scholar
  21. MacKay, D.G. (1973). Complexity in output systems: Evidence from behavioral hybrids. American Journal of Psychology, 86, 785–806.CrossRefGoogle Scholar
  22. Meringer, R. & Meyer, K. (1895). Versprechen und Verlesen. Eine psycho-linguistische Studie. Stuttgart: Göschen.Google Scholar
  23. Meringer, R. (1908). Aus dem Leben der Sprache. Versprechen, Kindersprache, Nachahmungstrieb. Berlin: Behr.Google Scholar
  24. Mittelstrass, J. (1987). Die Wahrheit des Irrtums. In D. Czeschlik (Hrsg.), Irrtümer in der Wissenschaft (S. 43–90 ). Berlin: Springer.Google Scholar
  25. Neumann J. v. (1967). Allgemeine und logische Theorie der Automaten. In Kursbuch, 8. Neue Mathematik (S. 139–175 ). Berlin: Kursbuch-Verlag.Google Scholar
  26. Offner, M. (1896). Die Entstehung der Schreibfehler. In III. Internationaler Kongreß für Psychologie (S. 443–445 ). München: Schreiber.Google Scholar
  27. Ohrmann, R. & Weimer, T. (1989). Sinnprägnante Aussagen zur Fehlerforschung (Bremer Beiträge zur Psychologie Nr. 83 ). Bremen: Universität, Studiengang Psychologie.Google Scholar
  28. Paul, H. (1880). Prinzipien der Sprachgeschichte. Halle: Niemeyer.Google Scholar
  29. Poincaré, H. (1914). Wissenschaft und Hypothese. Leipzig: Teubner.Google Scholar
  30. Puschel, B. (1977). Historische Eisenbahn-Katastrophen. Eine Unfallchronik von 1840 bis 1926. Freiburg: Eisenbahn-Kurier.Google Scholar
  31. Rombach, H. (1971). Strukturontologie. Freiburg, München: Alber.Google Scholar
  32. Rombach, H. (1987). Strukturanthropologie. ‘Der menschliche Mensch“. Freiburg, München: Alber.Google Scholar
  33. Schivelbusch, W. (1979). Geschichte der Eisenbahnreise. Frankfurt, Berlin, Wien: Ullstein.Google Scholar
  34. Seemann, J. (1929). Untersuchungen über die Psychologie des Rechnens und der Rechenfehler. Archiv für die gesamte Psychologie, 69, 1–180.Google Scholar
  35. Sperber, H. (1914). Über den Affekt als Ursache der Sprachveränderung. Halle/S.: Niemeyer.Google Scholar
  36. Steinig, W. (1980). Zur sozialen Bewertung sprachlicher Variation. In D. Cherubim (Hrsg.), Feh lerlinguistik. Beiträge zum Problem der sprachlichen Abweichung (S. 106–123 ). Tübingen: Niemeyer.Google Scholar
  37. Stoll, J. (1913). Psychologie der Schreibfehler. In K. Marbe (Hrsg.), Fortschritte der Psychologie und ihre Anwendungen (S. 1–133 ). Leipzig: Teubner.Google Scholar
  38. Strasser, J. (1986). Der Begriff Sicherheit. Psychologie heute, 8, (5), 28–36.Google Scholar
  39. Svartvik, J. (1973). Introduction. In J. Svartvik (Ed.), Errata. Papers in error analysis. Proceedings of the Lund Symposion of error analysis (S. 7–15 ). Lund: University Press.Google Scholar
  40. Toumeux, F. (1844). Encyclopédie des chemins de fer et des machines à vapeur. Paris: Renouard. Wehner, T. (1984). Im Schatten des Handlungsfehlers - ein Erkenntnisraum motorischen Geschehens (Bremer Beiträge zur Psychologie Nr. 34 ). Bremen: Universität, Studiengang Psychologie.Google Scholar
  41. Wehher, T. & Mehl, K. (1986). Über das Verhältnis von Handlungsteilen zum Handlungsganzen–Der Fehler als Indikator unterschiedlicher Bindungsstärken in “Automatismen”. Zeitschrift für Psychologie, 194, 231–245.Google Scholar
  42. Wehner, T. & Mehl, K. (1987). Handlungsfehlerforschung und die Analyse von kritischen Ereignissen und industriellen Arbeitsunfällen–Ein Integrationsversuch. In M. Amelang (Hrsg.), Bericht über den 35. Kongreß der DGfPs in Heidelberg 1986 (S. 581–594 ). Göttingen: Hogrefe.Google Scholar
  43. Wenner, T. & Reuter, H. (1990). Wie verhalten sich Unfallbegriff, Sicherheitsgedanke und Fehlerbewertung zueinander? In U. Prall & G. Peter (Hrsg.), Prävention als betriebliches Alltagshandeln. Sozialwissenschaftliche Aspekte eines gestaltungsorientierten Umgangs mit Sicherheit und Gesundheit im Betrieb (S. 33–50 ). Bremerhaven: Wirtschaftsverlag.Google Scholar
  44. Wehner, T. & Stadler, M. (1990). Gestaltpsychologische Beiträge zur Struktur und Dynamik fehlerhafter Handlungsabläufe (Bremer Beiträge zur Psychologie Nr. 85 ). Bremen: Universität, Studiengang Psychologie.Google Scholar
  45. Wehner, T., Stadler, M. & Mehl, K. (1983). Handlungsfehler–Wiederaufnahme eines alten Paradigmas aus gestaltpsychologischer Sicht. Gestalt Theory, 5, 267–292.Google Scholar
  46. Weizsäcker, C.F.v. (1955). Komplementarität und Logik. Die Naturwissenschaften, 42, 113–125.CrossRefGoogle Scholar
  47. Weizsäcker, E.U.v. (1990). Geringere Risiken durch fehlerfreundliche Systeme. In M. Schüz (Hrsg.), Risiko und Wagnis. Die Herausforderung der industriellen Welt, Bd. 1 (S. 107–118 ). Pfullingen: Neske.Google Scholar
  48. Weizsäcker, C.v. & Weizsäcker, E.U.v. (1985). Fehlerfreundlichkeit. In K. Komwachs (Hrsg.), Offenheit–Zeitlichkeit Komplexität. Zur Theorie der Offenen Systeme (S. 167–201 ). Frankfurt: Campus.Google Scholar
  49. Weizsäcker, C.v. & Weizsäcker, E.U.v. (1986). Fehlerfreundlichkeit als evolutionäres Prinzip. Einschränkungen durch die Gentechnologie? Wechselwirkung, 29, 12–15.Google Scholar
  50. Wieczerkowski, W. & Rauer, W. (1979). Psychologische Aspekte des Rechtschreibens. In H.-H. Plickat & W. Wieczerkowski (Hrsg.), Lernerfolg und Trainingsformen im Rechtschreibunterricht (S. 5368 ). Bad Heilbronn: Jäger.Google Scholar
  51. Wiese, R. (1987). Versprecher als Fenster zur Sprachstruktur. Studium Linguistik, 21, 45–55.Google Scholar
  52. Wilde, G.J.S. (1986). Beyond the concept of risk homeostasis: Suggestions for research and application towards the prevention of accidents and lifestyle related disease. Adccident Analysis & Prevention, 18, 377–404.CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1992

Authors and Affiliations

  • Theo Wehner

There are no affiliations available

Personalised recommendations