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Die äußeren Folgen des Prinzips Nation: Der Fall des europäisch-westlichen Imperialismus

  • Bernd Estel
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Zusammenfassung

In allgemeinster Bedeutung, und in dynamischer Perspektive, kann als Imperialismus377 die Tendenz eines Staats oder staatsähnlichen Gebildes gelten, seinen formellen oder faktischen Herrschaftsbereich gleichviel mit welchen Mitteln auszudehnen378. Ein so weiter Begriff wird jedoch dem üblichen, spezifischeren Verständnis von Imperialismus nicht gerecht. Denn nach ihm wäre auch (was es inzwischen faktisch freilich nicht mehr gibt) die Ausdehnung eines Staatsgebiets durch die Bildung von Siedlungskolonien in menschenleeren Gebieten Imperialismus. Oder etwa der zwar mit Waffengewalt durchgesetzte, aber von der betreffenden Bevölkerung gewünschte Anschluss der Lombardei, der Toskana, des Königreichs beider Sizilien an Sardinien-Piemont und die daraus folgende Bildung des Königreichs Italien in den Jahren 1859–61 — sowie die 1990 erfolgte Vergrößerung der Bundesrepublik Deutschland infolge der Wiedervereinigung. Imperialismus als Begriff sollte deshalb auf den Sachverhalt beschränkt bleiben, dass die (quasi)staatliche Ausdehnung als Expansion, d.h. wider den (Mehrheits)Willen der fraglichen Bevölkerung erfolgt oder betrieben wird. Eine extreme, aber nicht seltene Form dieser Expansion besteht in (versuchten) Vertreibungen oder Ausrottungen der vorgefundenen Bevölkerung mit dem Ziel, die einverleibten Gebiete ausschließlich selbst, etwa als Siedlungskolonien zu nutzen.

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Referenzen

  1. 377.
    Im Vorbeigehen doch eine Bemerkung zur Begriffsgeschichte: Das Wort Imperialismus leitet sich aus dem lateinischen “imperium” ab. Imperium ist ursprünglich die unumschränkte Befehlsgewalt hoher römischer Beamter, d.h. der Beamten mit konsularischer Gewalt (wie Provinzstatthalter oder Feldherren). Seit etwa dem 1. Jahrhundert v.Chr. wird der Wortsinn auch auf das Gebiet dieser Befehlsgewalt ausgedehnt, wenig später auf das römische Herrschaftsgebiet insgesamt (“Imperium Romanum”). Durch Verallgemeinerung nimmt imperium dann die bleibende Bedeutung von Reich an und lebt u.a. in empire (engl., franz.) fort. Und der erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommende Ausdruck Imperialismus bedeutete, wie Sulzbach feststellt, zunächst “das Regierungssystem eines Kaisers mit besonderem Nachdruck auf seine despotischen und willkürlichen Züge” und war vor allem auf die Herrschaft von Napoleon III. gemünzt. Seit den neunziger Jahren meinte er dann, wiederum verallgemeinert, “eine Politik der Expansion und der Begründung eines Reiches” (1959: 139).Google Scholar
  2. 378.
    Wie hier sprachlich anklingt, ist eigentlich zwischen einem dynamischen und einem statischen Imperialismus zu unterscheiden. Dynamischer Imperialismus meint die Expansion, die Errichtung einer formellen oder informellen Herrschaft über eine fremde, widerstrebende Bevölkerung selbst, also z.B. den Einmarsch der Sowjetunion in die baltischen Länder (1940 bzw. 1944) und deren Umwandlung in Sozialistische Sowjetrepubliken. Geht es der imperialistischen Macht anschließend nicht mehr um eine Erweiterung des imperialistisch beherrschten Gebiets, sondern nur noch darum, die durch Eroberung u.ä. eingenommenen Gebiete auch gegen den Widerstand der Betroffenen zu behalten, wird der dynamische zum statischen Imperialismus (vgl. Sulzbach, von dem diese Unterscheidung stammt, 1959: 142ff). Zumindest in Europa änderte der sowjetische Imperialismus seinen Charakter seit den sechziger Jahren in diese Richtung. Ein Sonderfall im Verhältnis beider Imperialismen, nämlich statischer ohne vorangegangener dynamischer Imperialismus, der u.a. im Kosovo anzutreffen ist, verdient noch Erwähnung. Im Lauf mehrerer Jahrhunderte ist aus diesem früher serbischen ein ganz überwiegend von Albanern besiedeltes Gebiet geworden, dessen Bewohner — schon um ihre faktische Diskriminierung zu beenden — spätestens seit den achtziger Jahren die Loslösung von Serbien anstrebten. Darauf hat Serbien bis zum militärischen Eingreifen der NATO, dem Kosovokrieg von 1999, nur mit vermehrter und zum Teil gewaltsamer Unterdrückung reagiert.Google Scholar
  3. 379.
    Das berühmteste Beispiel des Imperialismus als versuchter Integration ist, im fraglichen Zeitraum, die bereits erwähnte, ideelle und politische Bewegung des Constructive Imperialism in Großbritannien. Politisch repräsentiert und forciert durch den damaligen Kolonialminister Joseph Chamberlain betrieb sie die Bildung eines imperialen Zollvereins (also die Preisgabe des Freihandels zugunsten eines Systems von Vorzugszöllen im Reichsinnern), aber auch einen engeren politischen Zusammenschluss des Mutterlands mit den “weißen” Dominions. Aus Raumgründen muss hier jedoch nicht nur diese Bewegung, sondern der integrative Imperialismus überhaupt außer Betracht bleiben.Google Scholar
  4. 380.
    Dementsprechend definiert Schumpeter Imperialismus als “die objektlose Disposition eines Staats zu gewaltsamer Expansion ohne angebbare Grenze”, und gibt als hervorstechende Beispiele dafür vor allem das Verhalten antiker Herrschaftsgebilde an, also u.a. des alten Ägypten zur Zeit des “Neuen Reichs”, des Persischen und des Assyrischen Reichs (“Imperialismus in brutalster Nacktheit”), des Römischen Reichs “zwischen den Punischen Kriegen und Augustus”, der durch die Lehre Mohammeds geeinten Araber seit dem 7. Jahrhundert (1918/19: 3ff.). Erklärt werden solche “rein triebhaften Neigungen zu Krieg und Eroberung” hauptsächlich mit den “Lebensnotwendigkeiten einer Lage, in der Völker und Klassen zu Kriegern geformt wurden oder untergehen mussten, und in dem Faktum, dass die in dieser Lage ferner Vergangenheiten erworbenen psychischen Dispositionen und sozialen Strukturen, einmal da und festgeworden, sich lange noch erhalten und fortwirken, nachdem sie ihren Sinn und ihre Funktion der Lebenserhaltung verloren haben”. Hinzu kommen noch “unterstützende Momente”, d.h. “die innerpolitische Interessenlage herrschender Schichten” sowie “die Einflüsse aller jener, die individuell ... bei kriegerischer Politik zu gewinnen haben” (a.a.O., 282f.).— Die grundlegende Fragwürdigkeit der Schumpeterschen Konzeption liegt übrigens, das ist leicht zu sehen, in der unzulässigen Übertragung individualpsychologischer Tatbestände auf ein staatlich verfasstes soziales Gebilde. Auf dem Boden dieser Argumentation besteht der zentrale Einwand folglich darin, dass zu den „rein triebhaften“ Neigungen Interessen (materieller und ideeller Art) nicht einfach hinzukommen, sondern mit ihnen, auf der sozialen Ebene, immer schon, und gewöhnlich ausschlaggebend, verbunden sind und so auch die Richtung und das nähere Objekt der Aggression bestimmen.Google Scholar
  5. 381.
    Auch der rein innereuropäische Imperialismus dieser Zeit konnte eben Gebieten gelten, die aufgrund ihrer traditionellen Zugehörigkeiten eine andere Behandlung durch die sie jeweils dominierende Nation hätten erwarten lassen. Dass Ludwig XIV. gegen Ende des 17. Jahrhunderts dem Römisch-Deutschen Reich das Elsass unter Ausnutzung der Türkengefahr entriss, ohne sich um den politischen Willen der Elsässer zu kümmern, entsprach ganz den damaligen absolutistisch-imperialistischen Gepflogenheiten. Doch Deutschland unter Bismarck tat, unter gründlich veränderten Bedingungen, insofern dasselbe, als es nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 den Elsass-Lothringern die politische Selbstbestimmung (d. h. eine Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit) verweigerte. Und so wiederum, in noch verstärkter Weise, Frankreich nach dem 1. Weltkrieg, indem es nicht nur ebenfalls keine Volksabstimmung zuließ, sondern auch noch die zwischen 1871 und 1918 zugewanderten “Reichsdeutschen” und deren Nachkommen des Landes verwies.Google Scholar
  6. 382.
    Siehe dazu besonders Low 1970.Google Scholar
  7. 383.
    So ist schlicht unerfindlich, warum ausgerechnet 1776 (dem Jahr der Unabhängigkeitserklärung von 13 britischen Kolonien in Nordamerika zu einem eigenen Staatsgebilde) die Ära des “Informal Empire” beginnen soll. Vielmehr: 1763 gewann Großbritannien im Frieden von Paris u.a. Kanada, Louisiana und Florida als neue Kolonialgebiete; 1773 wandelte der Regulating Act die vormalige Ostindische Kompanie in eine britische Verwaltungsbehörde um, wodurch Indien, soweit es schon unter dominierendem britischem Einfluss gestanden hatte, unter direkte, durch einen Gouverneur ausgeübte britische Herrschaft geriet. Der Friede von Versailles 1783 brachte dann zwar einen schweren Rückschlag in der kolonialen Expansion (vor allem eben die auch offizielle Unabhängigkeit der USA), aber keine informelle Herrschaft fir die behaltenen Kolonien.Google Scholar
  8. 384.
    Dass in den Beziehungen zwischen den Imperialherren und den Unterworfenen Gewalt oder die Drohung damit selten fehlte, sollte jedoch nicht über die z.T. unglaubliche Anfälligkeit auch der hochkulturellen außereuropäischen Gesellschaften dafür hinwegtäuschen, Opfer kolonialer Aggression zu werden. Pointiert, aber mit wesentlichem Recht bemerkt dazu Lüthy: “Es waren lächerlich geringe materielle Mittel, mit denen Europa die Welt veränderte. Das Großreich der Inkas zerfiel zu Staub beim ersten Zusammenstoß mit einer Handvoll spanischer Abenteurer... Das riesige indische Reich fiel auf die unwahrscheinlichste Weise in die Gewalt einer Handelsgesellschaft, die immer nur ihre französischen Rivalen daraus zu verdrängen versucht hatte, und wurde bis ans Ende von tausend englischen Polizisten und sechzigtausend Soldaten zusammengehalten. Vom Beginn bis zum Ende der Kolonisationsgeschichte finden wir dieses groteske Missverhältnis zwischen den materiellen Machtmitteln und den ausgelösten Wirkungen. Diese passive Kolonisierbarkeit großer Teile der nichteuropäischen Welt war ein ebenso entscheidender Faktor für die Ausbreitung europäischer Weltmächte wie der europäische Expansionsdrang selbst. Fast nirgendwo trafen die Kolonisatoren auf politische Einheiten und soziale Strukturen, die ihnen innere Widerstandskraft entgegensetzten, auf Völker, die ihnen im Bewusstsein einer verteidigenswerten Freiheit und Unabhängigkeit gegenübertraten oder die sich viel darum kümmerten, wenn ihre Herrscher wechselten; und weder die Eroberung Mexikos noch die Indiens ... wäre möglich gewesen, wenn die Eroberer nicht überall zahlreiche und wirksame Verbündete gefunden hätten” (1970: 49). Wie man sieht, ist dieser Grundsachverhalt mit der verbreiteten Auffassung, die außereuropäischen, und hier vor allem wieder: die primitiven Gesellschaften hätten gewöhnlich — bis zum verheerenden Einbruch der Europäer — im ungestörten Einklang mit der Natur sowie im inneren und äußeren Frieden mit ihresgleichen gelebt, seien gar Orte wahrer, harmonischer Menschlichkeit gewesen, nicht zu vereinen. Doch schon weil eben weniger die Bemühung um Tatsachen, als vielmehr die personalen Belastungen und Frustrationen, die moderne Industriegesellschaften durchschnittlich und zum Teil notwendig über ihre Mitglieder verhängen, zu dieser Wunschvorstellung führen, wird sie auch fortdauern.Google Scholar
  9. 385.
    Die vergleichsweise große Kontinuität englischer Kolonialpolitik ist gerade auch an der Indien zugedachten Bedeutung abzulesen, das schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts in die Rolle eines Ecksteins des Empire und der britischen Seemacht einrückte und diese Rolle bis zum zweiten Weltkrieg behielt. Für das 19. Jahrhundert bemerken Robinson, Gallagher und Denny: “Indien und die britischen Inseln waren für alle viktorianischen Staatsmänner die Zwillingszentren ihres Reichtums und ihrer Stärke in der gesamten Welt” (1970: 211). Indien war denn auch eine der ganz wenigen nichtweißen Kolonien der Imperialmächte insgesamt, aus der — freilich um welchen Preis! — ein breiter und dauerhafter wirtschaftlicher Nutzen gezogen werden konnte.Google Scholar
  10. 386.
    In der führenden, von Erdmann stammenden deutschen Übersichtsdarstellung zu den Ursachen des 1. Weltkriegs heißt es dazu: “Frankreich hatte den Verlust Elsass-Lothringens nie verwunden. Der Wille zur Revanche war jedoch in der französischen Öffentlichkeit seit den neunziger Jahren abgeklungen. In intellektuellen und nationalistischen Kreisen blieb er allerdings lebendig. Er erhielt neuen Auftrieb, als die von Bismarck geförderte imperialistische Ablenkung des französischen Nationalismus auf die Expansion in Nordafrika auch hier in den beiden Marokkokrisen auf die deutsche Rivalität stieß. Bei führenden Politikern ... ist die Hoffnung nie aufgegeben worden, eines Tages günstige Konstellationen für die Rückgewinnung der ‘blauen Linie der Vogesen’ ausnützen zu können. So war die Revancheidee zwar ein permanentes Motiv, aber nicht der bestimmende Faktor der französischen Außenpolitik. Sie konnte erst wieder in den Vordergrund treten, als eine aus komplizierten Ursachen zu erklärende Krisensituation (eben die 2. Marokkokrise 1911— B.E.) ihr dazu verhalf” (1973: 21; vgl. auch Ziebura 1971: 126). Erdmann fährt übrigens so fort: “Zusammenfassend kann man über das deutsch-englische und das deutschfranzösische Verhältnis sagen, dass beide keine akute, aber eine latente Kriegsgefahr in sich schlossen. Der deutsch-französische Gegensatz betraf das Machtverhältnis innerhalb des europäischen Staatensystems, der deutsch-englische Gegensatz das Machtverhältnis innerhalb eines Weltstaaten-Systems”.Google Scholar
  11. 387.
    Kosaken sind ursprünglich entflohene, nicht nur aus Russland stammende Leibeigene unter selbstgewählten militärischen Führern. Seit der Regierungszeit Peters des Großen gerieten die verschiedenen Kosakengruppen bzw. -heere in dauerhafte Abhängigkeit von der russischen Regierung und wurden von ihr teils zur militärischen Expansion nach (Süd)Osten genutzt, teils zur Sicherung des Eroberten an den neuen Grenzen angesiedelt.Google Scholar
  12. 388.
    Die Russifizierung betraf zunächst vor allem die polnische Bevölkerung im zu Russland gehörenden Kongresspolen, und zwar bereits nach dem gescheiterten Warschauer Aufstand von 1830; ihren Höhepunkt erreichte sie in den Jahren nach dem ebenfalls fehlgeschlagenen Aufstand von 1863 (u.a. Deportationen, Gütereinziehungen, Verbot des öffentlichen Gebrauchs der polnischen Sprache!). Später wurde sie, in etwas schwächerer Form, auch gegenüber Ukrainern und Balten bzw. Baltendeutschen praktiziert. Im Fall der Polen und Balten sollte die Russifizierung natürlich der unangefochtenen öffentlichen Dominanz der staatstragenden russischen Nation und einer Erstickung separatistischer, d.h. auf die Gründung eigener Nationalstaaten gerichteter Bemühungen bei diesen und anderen Nationalitäten dienen; im Fall der als Kleinrussen bezeichneten Ukrainer aber lag die Hauptabsicht darin, die Einheitlichkeit und Geschlossenheit der gesamten “russischen” Nation zu erhöhen.— Den entsprechenden, generalisierten Zielsetzungen — und der damit beabsichtigten Stärkung der (staatstragenden) Nation im Gesellschaftsinnern — waren auch die gewöhnlich milderen, zum Teil schon erwähnten Maßnahmen verpflichtet, die im übrigen Europa dieser Zeit zum Zweck einer beschleunigten Assimilation der jeweiligen Minderheiten angewandt wurden. Mehr oder minder zwanghafte Assimilation als “innere Kolonisation” ist so eben das häufig auftretende Gegenstück zum Imperialismus (als der äußeren Kolonisation).Google Scholar
  13. 389.
    Allerdings ist der deutsche Imperialismus durch Hitler dann noch einmal aufgenommen und brutal gesteigert worden. Dies kann jedoch angesichts einer Überfülle von Literatur usw. zu diesem Thema, einem darauf oft konzentrierten Geschichtsunterricht in den weiterführenden Schulen, der wiederkehrenden öffentlichen Erinnerung an diese Zeit u.ä. als hinreichend bekannt vorausgesetzt werden.Google Scholar
  14. 390.
    Mommsen charakterisiert den hier entscheidenden Zeitabschnitt 1897–1909 so: “Tatsächlich hatte die Regierung Bülow keine wirklich klaren Vorstellungen hinsichtlich der konkreten Objekte dieser neuen Weltpolitik... Dementsprechend engagierte sich die deutsche Weltpolitik in rascher Folge in den verschiedensten Regionen des Erdballs, u.a. in Samoa, Angola und Mocambique, China, Marokko, aber nirgends mit voller Kraft und Entschlossenheit. Vielmehr neigte sie dazu, sobald die Situation kritisch zu werden drohte, sogleich wieder klein beizugeben, unter vorrangiger Berücksichtigung der Erhaltung der Hegemonialposition des Deutschen Reiches auf dem europäischen Kontinent” (1990: 190f.). Dass Deutschland eine solche Hegemonialposition tatsächlich besaß und nicht nur anstrebte, kann man freilich unter verschiedenen Gesichtspunkten bezweifeln.Google Scholar
  15. 391.
    “Die Flotte, die so stark sein sollte, dass ein Angriff auf sie ein Risiko darstellte, sollte umgekehrt dazu dienen, England einem Bündnis mit Deutschland geneigt zu machen, zumindest aber, es für den Fall eines kontinentalen Zweifrontenkrieges in der Neutralität zu halten. Der Eintritt Englands in den Krieg und der Verlauf der Hungerblockade sollten später zeigen, dass dieser Gedankengang militärisch ebenso unzulänglich wie politisch verhängnisvoll war” (Erdmann 1973: 20).Google Scholar
  16. 392.
    So hieß es in einem Artikel des “Spectator” vom September 1897: “Wenn Deutschland morgen aus der Welt vertilgt würde, gäbe es übermorgen keinen Engländer in der Welt, der dadurch nicht umso reicher wäre. Völker haben jahrelang um eine Stadt oder um ein Erbfolgerecht gekämpft — müssen sie nicht um einen jährlichen Handel von fünf Milliarden Krieg führen? Es ist Tatsache, dass England die einzige Großmacht ist, die Deutschland ohne enormes Risiko und ohne Zweifel am Erfolg bekämpfen kann”. Und, nach diesem Erfolg, sei Frankreich und Russland zu sagen: “Sucht euch Kompensationen. Nehmt euch innerhalb Deutschlands, was ihr wollt; ihr könnt es haben”. Der Artikel endet, in weiterer Zuspitzung, mit dem Kraftwort “Germaniam esse delendam” — eine Formel, die seit 1909 immer wieder in englischen Zeitungen auftauchte! Auf der anderen Seite kam selbst der großspurige und gern mit dem Säbel rasselnde Wilhelm II. 1905 zu dem Urteil, bei der deutschen Presse handle es sich mehrheitlich um eine “Hundepresse”, die seit 1896 “in schamlosester Weise — bewusst und unbewusst — die Engländer bis aufs Blut gereizt und geärgert” habe (zitiert nach Kehr 1970: 304).Google Scholar
  17. 393.
    Diese Aussage ist freilich nur im Sinne einer sich abzeichnenden Stagnation bzw. Rückläufigkeit unverhüllter imperialer Herrschaft zu verstehen.Google Scholar
  18. 394.
    Dass während der imperialistischen Epoche wenigstens die Mehrheit der sozialistisch organisierten Arbeiter (und nicht nur ihre Führer) irgendwann Internationalisten gewesen seien, ist also unrichtig. In den stärker industrialisierten westlichen Gebieten des Vielvölkerstaat Österreich-Ungarns, der durch die einheitliche Staatlichkeit dafür noch die besten Chancen hätte bieten müssen, nahmen die nationalen Tendenzen vielmehr so stark zu, dass es 1897 zum de-facto-Zerfall der sozialdemokratischen Gesamtpartei Zisleithaniens in auseinanderstrebende “nationale Gliedparteien” kam, die, wie H. Mommsen in seiner Untersuchung dieses Prozesses feststellt, “in kritischen Situationen” sämtlich “stärker zu der Seite der bürgerlichen Parteien tendierten als zu der Seite der Bruderparteien” (1979, S. 100). Doch war eben die “Dominanz eines integralen Nationalismus” vor und im 1. Weltkrieg nicht auf Zisleithanien beschränkt: “Es ist nicht zu leugnen, dass gerade der hybride Nationalismus der imperialistischen Phase die Arbeiterschaft und die organisierte Arbeiterbewegung, abgesehen von einer kleinen Gruppe entschlossener linksstehender Sozialisten und einer noch kleineren Gruppe von Pazifisten, quer durch Europa in seinen Bann gezogen hat” (a.a.O., S. 10). — Im wesentlichen falsch wäre übrigens auch eine Auffassung, die diesen Nationalismus als eine Art Sündenfall der Arbeiter begriffe, dem bei ihnen ein Zeitalter internationalistischer Unschuld vorangegangen wäre. Dies trifft selbst fir die deutsche Arbeiterbewegung (im engeren, nicht konfessionell gebundenen Sinne) nicht zu, die dafür noch am ehesten herangezogen werden könnte. Wie Conze und Groh (1966) im einzelnen gezeigt haben, nationalisierte sie sich in ihren Anfängen in ähnlichem Maße wie die verschiedenen Gruppen der Handwerker, war also — wie diese — im wesentlichen großdeutsch und demokratisch gesinnt. Ihre offizielle (!) Abkehr von der Nation erfolgte erst in den siebziger Jahren, als sich nämlich weder die Hoffnungen auf die großdeutsche Lösung, die also Österreich bzw. die deutschen Teile davon einschloss, erfüllt hatten noch die Hoffnungen auf eine demokratische Ausgestaltung des neuen deutschen Reichs von 1871 in ihrem Sinne.Google Scholar
  19. 395.
    Für die Regierungszeit Alexanders II. (1855–1881) bemerkt dazu Geyer: “Wie öffentliche Meinung und Kritik generell durch Repressionen nicht mehr zu beseitigen waren, so konnte auch der Nationalismus als Produkt der Öffentlichkeit und eines nur begrenzt steuerbaren, langanhaltenden Transformationsprozesses aus dem politischen System des Zarenreiches nicht wieder ausgeschieden werden. Außerdem kam die Existenz der nationalistischen Presse der Staatsführung nicht selten zugute, dann nämlich, wenn es im amtlichen Interesse lag, ausländischen Mächten Forderungen und Ansprüche zu signalisieren, die im diplomatischen Verkehr oder in den Beziehungen zu befreundeten Höfen nicht zur Sprache gebracht werden konnten. ... Wichtiger als dieser funktionale Aspekt aber blieb, dass das offizielle Russland gegen nationalistische Normen und Denkweisen durchaus nicht abgeschottet war. So nachdrücklich die autokratische Regierung jegliche politische Mitbestimmung verwarf, so unzweifelhaft ist, dass der ideologische Einfluss des Nationalismus in die Bürokratie, das Offizierskorps und in andere Bereiche der Staatsmaschine weit hineinreichte”. Und, für die Zeit nach 1905: “Stolypin (der russische Ministerpräsident — B.E.) war in der Konfrontation mit Duma und Reichsrat darauf bedacht, Interessengegensätze tunlichst zu überspielen und mit wechselnden Mehrheiten oder auch verfassungsrechtlich bedenklichen Kniffen durchzukommen. Ihm blieb bewusst, wie wichtig es war, die eigene Politik der nationalistischen Grundstimmung gefällig zu machen und der Öffentlichkeit zu suggerieren, dass das Vaterland im Schoß der Regierung wohlgeborgen sei” (1977: 54 und 224). Allerdings suggeriert das letzte Zitat in weit höherem Maße die Existenz einer nichtnationalistischen, die Öffentlichkeit nur manipulativ benutzenden Regierungsspitze als dies angesichts eines durchaus vorhandenen “nationalen Grundkonsens” (so Geyer selbst) tatsächlich der Fall war.Google Scholar
  20. 396.
    Für England bemerkt Schumpeter in diesem Zusammenhang: “Kein Londoner Bettler, der zur Zeit des Burenkriegs nicht von ‘unseren’ rebellischen Untertanen gesprochen hätte” (a.a.O., S. 8).Google Scholar
  21. 397.
    Hinsichtlich seiner ökonomischen und politischen Grundannahmen kann daher Max Weber national wie international als typisch gelten. Die nach 1880 erfolgte Veränderung des geistigen Klimas in Großbritannien etwa, das freilich mehr als andere Länder vom Sozialdarwinismus erfasst wurde, schildert Brie so: “Tatsächlich sind fast alle uns von früher her bekannten imperialistischen Gedankengänge auch bei den Vertretern der neuen Richtung anzutreffen. Bezeichnenderweise bedeuten die achtziger Jahre einen Wendepunkt in der imperialistischen Literatur nur insofern als diese angesichts wirklicher oder vermeintlicher Gefahren fir das Land einen positiveren Inhalt erhält, und die allgemeinen, mehr ethischen Züge, der Wunsch nach Regeneration des eigenen Landes und friedlicher Durchdringung der Welt, mehr zurücktreten.... Der Gedanke der Bedrohung des friedlichen Englands durch andere Nationen und des Zurückbleibens von England hinter jungen, rasch aufstrebenden Mächten tritt nicht selten in den Vordergrund. England wird als der Bedrohte und Angegriffene aufgefasst, der ... mit geschlossenen Augen schweren Gefahren entgegengeht” (1928: 171f.) — Gefahren, die vermeintlich von allen kontinentalen Imperialmächten, wenn auch in unterschiedlichem Maße ausgehen (a.a.O.; vgl. jedoch 207ff.).Google Scholar
  22. 398.
    Gegen diese zeitgenössische, angesichts des faktischen Verlaufs der imperialistischen Expansion ja durchaus plausible Sichtweise hat sich inzwischen Widerspruch in Gestalt der peripherieorientierten Imperialismustheorien erhoben, dessen grundlegendes, auch bei Lüthy implizit vorhandenes Argument Robinson so formulierte: “Any new theory must recognize that imperialism was as much a function of its victims collaboration or non-collaboration — of their indigeneous politics, as it was of European expansion” (1972: 118; vgl. auch Robinson, Gallagher und Denny 1961 sowie Fieldhouse 1973). Etwas genauer: Die anderen, älteren Theorien gingen bei ihren Erklärungsversuchen immer von der Annahme aus, “dass die aktiven Komponenten des imperialistischen Prozesses sämtlich europäischer Natur gewesen seien” und hätten folglich “die ebenso vitalen nichteuropäischen Elemente schon qua definitione aus der Betrachtung ausgeschlossen”. In Wahrheit sei jedoch, so die Formulierung von W.J. Mommsen, “das Handeln der europäischen Staatsmänner in aller Regel durch die Krisen und Erschütterungen an der Peripherie, insbesondere durch nationalistische Rebellionen gegen die indigenen Kollaborationsregime, ausgelöst worden” (1979: 266). Dieser Einwand setzt freilich überwiegend (“insbesondere...”) voraus, was er in seiner ausschlaggebenden Bedeutung gerade zu bestreiten sucht, nämlich die formelle und informelle Expansion der imperialen Mächte, durch die es ja erst zu den vielen der angesprochenen Krisen und Erschütterungen, zu den nationalistischen Rebellionen gegen die indigenen Kollaborationsregime kommen konnte.— Gleichwohl verweist der Einwand, allgemein genommen, auf zwei erwähnenswerte Sachverhalte. Dass nämlich, erstens, Art und Ausmaß, darunter nicht zuletzt: die jeweilige räumliche Ausdehnung der imperialen Expansion auch von der politischen, ökonomischen, sozio-kulturellen usw. Verfasstheit der indigenen afro-asiatischen Gesellschaften und den sie bildenden überregionalen Konstellationen beeinflusst worden ist — und vor allem der nähere Charakter der sich auf Dauer einrichtenden Kolonialherrschaft, die ja mit den Folgen zurechtkommen musste, die durch die Expansion bzw. ihre eigene Existenz bei den Betroffenen ausgelöst worden waren. Und zweitens, dass der Anstoß zu einer weiteren, die schon vorhandene Kolonie vergrößernden Expansion oft von sich dort aufhaltenden Angehörigen der Kolonialmacht und nicht von der Regierung des Mutterlands ausging. Also etwa von Offizieren der Kolonialarmee, die sich von der Absicht leiten ließen, militärischen Ruhm zu erwerben oder eine als unruhig geltende Grenze dauerhaft zu befrieden. Aber auch von Kaufleuten u.ä., die sich davon größere oder gesichertere Profitchancen versprachen.Google Scholar
  23. 399.
    Um es noch einmal zu betonen: Gerade in außenpolitischer Hinsicht besaß die Nation, besaßen ihre materiellen und ideellen Interessen gegenüber anderen machtvollen Tendenzen dieser Zeit eine eindeutige Dominanz fir das faktische politische Geschehen. Mehr noch als an der grundlegenden Ähnlichkeit ihrer kolonialen Expansion ist das an der Politik der Großmächte untereinander zu erkennen. So scheute sich z.B. Frankreich nicht, aufgrund seiner nationalen Rivalität zu Deutschland mit dem Zarenreich, das bei den Liberalen und Demokraten in ganz Europa als Hort der Reaktion galt, ein Bündnis abzuschließen, sobald es die Umstände zuließen — und an diesem Bündnis und der es stützenden Anleihepolitik auch in Situationen wie der Niederschlagung der Revolution von 1905 festzuhalten, die eine demokratische Republik (gerade im damaligen Verständnis!) eigentlich diskreditierten. Und die Entente Großbritanniens mit Russland und sein Eintritt in den 1. Weltkrieg auf der Seite des Zweibunds — von dem Italiens ganz zu schweigen — erfolgte doch aus prinzipiell gleichen, eben an der Machtstellung u.ä. der eigenen Nation orientierten Erwägungen. Es heißt also wirklich, Anlässe bzw. offizielle Legitimationen mit Ursachen zu verwechseln, wenn neuere deutsche Historiker den Kriegsentschluss der verantwortlichen englischen Politiker oder auch die Zustimmung ihrer Bevölkerung dazu mit der (vermeintlichen) moralischen Entrüstung über die durch den deutschen Truppenaufmarsch verletzten belgischen Neutralität begründen (vgl. etwa Geyer 1977: 214 oder Mommsen 1990: 408; dagegen aber u.a. Ritter 1960, Bd. 2: 78–97, Brie 1928: 271f. oder schon die kurze, aber einschlägige Äußerung von Thomas Mann noch während des Krieges (1968: 138)).— Demokratie als ein Prinzip, das sich nicht nur als Lippenbekenntnis gegen eine nationale, in ihrem sacro egoismo andere Nationen auch vergewaltigende Politik richtete, ist nach den Anfängen der Revolutionen von 1848 erst wieder von dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson im Weltkrieg betrieben worden, kam aber, wie den Friedensschlüssen von 1919/21 zu entnehmen ist, gegen diese Politik nicht richtig auf.Google Scholar
  24. 400.
    Robinson, Gallagher und Denny halten solche Sicherheitsbedürfnisse für schlechthin entscheidend: “Die britischen Berechnungen dürften von Vorstellungen, koloniale Besitzungen fir die Nachwelt abzustecken, bis zu den späten neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts kaum mitbestimmt worden sein, bis zu einem Zeitpunkt also, wo es fast schon zu spät war, auf das Endergebnis Einfluss zu nehmen. ... Ihre Gebietsansprüche beruhten nicht eigentlich auf handelspolitischen Erwägungen oder auf dem Wunsch, Afrika zu beherrschen. Sie waren kaum mehr als Nebenprodukte des verstärkten Strebens nach größerer Sicherheit im Mittelmeergebiet und in Asien. Nicht das Ansehen oder der Nutzen einer Herrschaft über Afrika bestimmte die politische Elite Englands, sondern die kalten Regeln nationaler Sicherheit, die von Pitt, Palmerston und Disraeli übernommen worden waren”. Und: “Die Expansion der Spätviktorianer im sogenannten ‘Zeitalter des Imperialismus’ war — sowohl was die Zielsetzung als auch den Erfolg betraf — vergleichsweise negativ. Sie war in der Hauptsache darauf gerichtet, das zur Entfaltung kommende Erbe des mittelviktorianischen Freihandelsimperialismus zu verteidigen, und nicht darauf, neue, für die Wirtschaft aussichtsreiche Handelsgebiete zu erschließen” (1970: 225 und 233). Das zum Schluss Gesagte ist sicher richtig; die Gesamtargumentation steht aber im klaren Widerspruch zu den Fakten der Expansion gerade in Afrika — es sei denn, man sähe “Sicherheit” in dieser Zeit nur durch die Annexion der halben Welt gewährleistet.Google Scholar
  25. 401.
    Weil diese Theorie nach ihrer Grundperspektive und den zentralen Annahmen typisch für ökonomische Erklärungen des Imperialismus überhaupt ist, sei sie doch in einer von Mommsen stammenden Kurzfassung wiedergegeben: “Hobsons Imperialismustheorie ist im Kern eine Theorie der ‘underconsumtion’; infolge einer gesellschaftlichen Struktur, die der Arbeiterschaft einen angemessenen Anteil am steigenden Sozialprodukt verweigere, komme es zu Stagnationserscheinungen in den Binnenmärkten der industriellen Gesellschaften. Demnach finde das Kapital in den Binnenmärkten keine profitablen Anlagemöglichkeiten mehr und sehe sich daher veranlasst, nach einträglichen Investitionsfeldern in Übersee Ausschau zu halten. Zu diesem Zwecke dränge die Gruppe der Kapitalisten die Staatsmacht zunehmend, zu Annexionen in Übersee überzugehen... Charakteristisch für den modernen Imperialismus ist nach Hobson demnach ein ständig steigender Strom von Kapitalinvestionen nach Übersee, vorbereitet und begleitet von imperialistischer Landnahme einerseits, von steigenden Rüstungen, steigenden Steuerlasten und zunehmend stagnierenden Binnenmärkten in den Industriestaaten andererseits, verbunden mit der Ausbildung von parasitären Lebensformen bei der einseitig von imperialistischen Gewinnen profitierenden Oberschicht” (1979: 253). Die marxistischen Erklärungen dieser und späterer Zeit unterscheiden sich von Hobson nicht zuletzt darin, dass die Unterkonsumtion als innerhalb des Kapitalismus selbst unaufhebbares Wesensmerkmal kapitalistischer Gesellschaften angesehen wird.Google Scholar
  26. 402.
    Zu einer kurzen Übersicht über diese Debatte (und den entsprechenden Literaturnachweisen) siehe wiederum Erdmann 1973: 31 ff. sowie zur gründlicheren Orientierung, die auch jüngere Erklärungsversuche in dieser Richtung einschließt, Mommsen 1979: 254ff.Google Scholar
  27. 403.
    Für Deutschland, dessen Außenhandelsvolumen mit den eigenen Kolonien bei etwa einem (!) Prozent lag, bemerkt Mommsen: “Es ist demgemäss festzuhalten, dass die deutsche Hochfinanz und die deutsche Industrie im großen und ganzen an formellen imperialistischen Erwerbungen nicht sonderlich großes Interesse zeigten. Dagegen waren sie vielfach durchaus bereit, sich an informellen imperialistischen Unternehmungen verschiedenster Art zu beteiligen, gleichviel, ob sie dabei auf aktive Unterstützung der Regierung rechnen konnten oder nicht. ... Die wirklichen Interessen der deutschen Industrie richteten sich auf andere Regionen, vor allem den Balkan, den Nahen Osten und in nicht unerheblichem Maße Südamerika” (1990: 201). Und für Frankreich (mit einem entsprechenden Außenhandelsvolumen von immerhin 10%) stellt Ziebura ausdrücklich fest: “Zur Erklärung der kolonialen Expansion Frankreichs taugt also die klassische ökonomische Imperialismustheorie nicht. Das zweite französische Kolonialreich (d.h. dasjenige nach 1882 — B.E.) wurde primär nicht aus ökonomischen Gründen geschaffen, und das, was es an ökonomischem Profit abwarf, ging auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung im Mutterland und mehr noch in den Kolonien. Das bedeutet nicht, dass führende Ideologen und politische Träger der kolonialen Expansion nicht subjektiv von der Notwendigkeit neuer Absatzmärkte und sicherer Rohstoffquellen überzeugt waren”. Als wichtigstes Expansionsmotiv erkennt Ziebura vielmehr die Furcht vor nationaler Dekadenz, gegen die die koloniale Expansion als “Heilmittel gegen inneren Verfall und Fäulnis” angesehen wurde: “Dieses letztlich sozialdarwinistische Verständnis vom Wesen der Politik und insbesondere der internationalen Politik hat die fiihrende Klasse im Frankreich der achtziger Jahre tief geprägt” (1971: 126f.).— Zur Kritik der ökonomischen Imperialismusinterpretationen überhaupt, d.h. der sie leitenden Grundannahmen siehe u.a. Landes 1970.Google Scholar
  28. 404.
    Die volkswirtschaftlich gesehen fehlende Rentabilität schloss freilich weder aktuelle, manchmal phantastische Gewinne einzelner und kleiner Gruppen noch verschiedene Versuche einer erzwungenen Ausbeutung einheimischer Arbeitskraft (etwa über die Erhebung von sonst unbezahlbaren Hüttensteuern) sowie der zwangsweisen Eintreibung von im Land gut gedeihender Produkte aus. Siehe zum letzteren wiederum Landes 1970.Google Scholar
  29. 405.
    Siehe u.a. Wehler 1970a, 1970b, 1971 und 1994. Die folgende Behandlung stützt sich im wesentlichen auf die beiden Aufsätze von 1970, in denen die Stoßrichtung und die Fragwürdigkeit dieser Argumentation besonders gut sichtbar werden.Google Scholar
  30. 406.
    In einer Formulierung, die wohl gegen naheliegende Kritik immunisieren soll, heißt es dazu: “Es gehört zu den gefährlichen Legenden der gegenwärtigen Entwicklungspolitik, dass schnelles Wachstum soziale und politische Stabilität erzeuge und gegen radikale Einflüsse und Risikopolitik immunisiere. Im Gegenteil, der historischen Erfahrung nach wirft rapides Wachstum besonders verschärfte ökonomische, gesellschaftliche und politische Probleme auf. Das gilt auch für Deutschland, wo die Industrialisierung nach dem Durchbruch der ‘Industriellen Revolution’ (1834/50 bis 1873) mit einer Fülle enormer Schwierigkeiten in der inneren Entwicklung verknüpft war” (1970b: 259f.). Die Frage sei doch erlaubt: Welche systembedrohenden Probleme hätte Wehler erst entdeckt, wenn die tatsächliche Entwicklung in Deutschland Grund dazu geben würde, sie als (zu) langsam anzusehen?Google Scholar
  31. 407.
    Daten nach dem Brockhaus’ Konversations-Lexikon, 5. Band, Leipzig u.a. 1901: 43f und eigener Berechnung.— Gegen eine Erklärung des deutschen Imperialismus als einem Wachstumsstörungen geschuldeten Sozialimperialismus spricht übrigens noch folgendes. Wehler selbst sieht die wilhelminische „Weltpolitik“ als eine Steigerung des unter Bismarck angelegten Imperialismus (vgl. 1970a: 92 und 1970b: 281). Nun füllt diese Politik aber im wesentlichen in die 1896 beginnende und bis zum 1. Weltkrieg anhaltende Hochkonjunkturperiode mit noch deutlich geringeren Wachstumsstörungen. Wie hätte diese volkswirtschaftliche Situation, die ja auch eine Verbesserung der Beschäftigungslage, eine gesteigerte Zunahme der Massenkaufkraft u.ä. mit sich brachte, für sich genommen die Herrschaftselite dazu motivieren sollen, ihre (sozial)imperialistische Aktivität zu steigern?Google Scholar
  32. 408.
    So wuchs z.B. im Zeitraum von 1894–1899 der Export der USA um 45, derjenige Deutschlands um 42 und derjenige Großbritanniens um 20%, während die russische Ausfuhr eine Schrumpfung um 10% hinnehmen musste (Brockhaus, a.a.O.).Google Scholar
  33. 409.
    Deshalb kann Wehler auch sagen, dass das Ziel des Sozialimperialismus — “mehr noch als der ökonomische Vorteil und das Streben nach Gewinnmaximierung” — die “gesellschaftliche Ruhelage” gewesen sei (a.a.O., 85) — allerdings: nur deshalb.Google Scholar
  34. 410.
    Die Kernfigur dieser Ideologie sieht so aus: Wachstum überhaupt (also nicht nur ungleichmäßiges) der nationalen industriellen Produktion erheische neue, vor allem überseeische Absatzmärkte. Gelinge die auch gewaltsame Erschließung solcher Märkte nicht, wachse aufgrund von Arbeitslosigkeit u.ä. im Innern der Gesellschaft die Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung insbesondere auf der Seite der Arbeiter — eine Situation, die schließlich in einen Bürgerkrieg bzw. die soziale Revolution münden könne, ja werde (vgl. a.a.O., 86ff.).Google Scholar
  35. 411.
    Wehler widerspricht sich hier also direkt: Die vorher auch für Deutschland konstatierten „langanhaltenden Wachstumsstörungen“ sind beim besten Willen nicht mit diesem „Sprung nach vorn“ zu vereinbaren. Die Begründung fir diesen Sprung aber, die besonders den Angehörigen der unterentwickelten Länder, aber auch den Osteuropäern in ihrer aktuellen Lage einleuchten dürfte, sei nicht vorenthalten: Deutschland konnte “als Spätankömmling von seinen fortgeschritteneren Nachbarn das Industriesystem in seiner hochentwickelten Form übernehmen” (1970a: 91). Die Übernahme dieses Systems ist offensichtlich ein Kinderspiel fern jeder eigenen Leistung, bei dem selbst ein überholtes, ein ganz reaktionäres sozio-politisches System nicht stört.Google Scholar
  36. 412.
    Dieser wie jeder “manipulatorische, auf Ersatzbefriedigung zielende Sozialimperialismus strebte danach, die Dynamik der Wirtschaft und der sozialen und politischen Emanzipationskräfte in die äußere Expansion zu leiten, von den inneren Mängeln des sozio-ökonomischen und politischen Systems abzulenken und durch reale Erfolge seiner Expansion oder zumindest die Steigerung des nationalideologischen Prestiges zu kompensieren” (1970a: 86).Google Scholar
  37. 413.
    Vgl. 1970a: 91 sowie 1970b: 275f. und 282, wo vom “‘Ausbleiben einer normalen revolutionären Pubertätskrise der deutschen Entwicklung”’, von “Kolonialrausch”, “antikapitalistischen Ressentiments” und einem “anglophobem Vulgärnationalismus” die Rede ist. Diese halbpathologischen Gegebenheiten möchte Wehler offensichtlich nicht auf die “reichstreue” Bevölkerungsmehrheit beschränkt wissen.Google Scholar
  38. 414.
    So besaßen die Mittelmächte nur ungefähr 60% der Menge an Soldaten, über die die Alliierten verfüigten, und nur über etwa 50 % der Menge an Kriegsgerät u.ä. Dabei sind die Kriegaufwendungen der USA, die bekanntlich die Alliierten schon bald materiell unterstützten, noch nicht mit einberechnet!Google Scholar
  39. 415.
    Dass Wehler mit seiner Darstellung diese Fragen teils (implizit) bejaht, teils ihnen ausweicht, liegt wohl nicht zuletzt an der verbreiteten und auch von ihm geteilten Hintergrundsauffassung, Deutschland hätte, womöglich schon seit Jahrhunderten, einen verhängnisvollen Sonderweg beschritten. So sehr diese Annahme durch die Erfahrungen mit den Jahren 1933–1945 nahegelegt sein mag — sie wird dadurch nicht richtiger. Sie vermag also auch nicht den Charakter, die Durchsetzung und die Taten des Nationalsozialismus selbst zu erklären.Google Scholar
  40. 416.
    Deshalb ist auch die Grundposition (“Der deutsche Imperialismus wird in erster Linie als Ergebnis endogener sozialökonomisch-politischer Kräfte, nicht als eine Reaktion auf exogene Zwänge und als Verteidigung traditioneller außenpolitischer Interessen begriffen”), die Wehler zum deutschen Fall einnimmt (1970b: 262), ihrem gemeinten Sinn nach falsch. Richtig ist lediglich, dass es in der Tat typischerweise nicht um die Verteidigung traditioneller Positionen ging und gehen konnte.Google Scholar
  41. 417.
    Vgl. Wehler 1970b: 260, 265 und 269.Google Scholar
  42. 418.
    1971: 182, 176 und 189.Google Scholar
  43. 419.
    Mit seiner Auffassung von den — gerade bzw. spezifisch hier — zu erwartenden politischen Folgen der industriekapitalistischen Modernisierung sowie den angemessenen politischen Maßnahmen zu ihrer Bewältigung befmdet sich Wehler also in der misslichen Lage des nachgeborenen Schulmeisters, der früheren Epochen anzukreiden sucht, dass sie nicht taten, was sie nach seinem Wissen hätten tun sollen. Denn darauf läuft ja der schon der Manipulationsannahme implizite, ansonsten immer wieder suggerierte, doch nirgends klar ausgesprochene Grundvorwurf hinaus, die deutsche Herrschaftselite hätte sehen müssen (und deshalb eigentlich auch gesehen!), dass lediglich die Umwälzung der bestehenden Ordnung in die Richtung des Marx’schen Sozialismus einen wirklichen Ausweg aus den gegebenen Schwierigkeiten bedeutet hätte.Google Scholar
  44. 420.
    Nichtzufällig meint hier, dass diese Form des Sozialimperialismus von der gesamten oder doch beträchtlichen Teilen der jeweiligen Herrschaftselite getragen wurde und damit die äußere — also auch die innere — Politik wirklich bestimmt hat.Google Scholar
  45. 421.
    Entgegen der fir ältere Leser naheliegenden Vermutung, seine Entstehung verdanke sich dem “antiimperialistischen Kampf’ der Studentenbewegung von 1968 und den Folgejahren, gibt es diesen Ausdruck schon deutlich länger. So benutzt ihn z.B. Brie 1928 bereits wie selbstverständlich und gibt als begrifflichen Inhalt “das Streben nach Ausbreitung von Rasse, Religion, Sprache, Recht oder sonstiger nationaler Ideen überhaupt an” (a.a.O., 1; vgl. u.a. 33). Diese Definition erscheint durchaus sinnvoll, nur dass die Ausbreitung der eigenen “Rasse”, inzwischen jedenfalls, überwiegend unter Imperialismus überhaupt bzw. staatlichen Binnenimperialismus zu subsumieren ist, während es sich andererseits empfiehlt, die ergänzend angefihrten nationalen Ideen als politische Institutionen und Werthaltungen sowie als (einzig wahren) “way of life” überhaupt zu konkretisieren bzw. dahingehend zu erweitern. Hinzugefiigt sei noch folgendes: Das sonst wesentliche Element des Zwangs kann beim Kulturimperialismus fast völlig fehlen, jedoch bleibt — anders als bei der bloßen, nicht- oder kaum gewollten Kulturdiffusion — das Ausbreitungsstreben als Grundmerkmal auch hier bestehen. Und: Einer der ersten, seiner selbst schon ganz bewussten Kulturimperialisten der Neuzeit, den Brie auch eigens erwähnt (a.a.O., 45), dürfte der Dichter Milton (1608–1674) gewesen sein. Von ihm stammt ja der später immer wieder erneuerte Anspruch Englands “of teaching nations how to live”.Google Scholar
  46. 422.
    Arbeiten, die solche Sendungsvorstellungen synoptisch bzw. in einem eigentlichen Vergleich aller imperialer Mächte behandeln, scheint es nicht zu geben. Eine auf Deutschland, England und Frankreich beschränkte Annäherung bietet Hammer (1978), der dabei stark auf die Weltmission im ursprünglichen Sinn, nämlich als christliche Mission eingeht. Für Frankreich allein ist, neben Curtius (1930), Epting (1952) sehr zu empfehlen.Google Scholar
  47. 423.
    Sie folgt dabei der in ihrem Gesamtüberblick noch immer überzeugenden Arbeit von Brie (1928). Als neue Literatur zur historischen Ausprägung des englischen bzw. britischen Selbstverständnisses siehe u.a. Colley (1992), Greenfield (1992), Hill (1991), Scherneck (1994) und Uhlig (1992).Google Scholar
  48. 424.
    Nach puritanischer Auffassung war nicht nur der einzelne Rechtgläubige, sondern auch die rechtgläubige Nation, zu der er gehörte und der er zu dienen hatte, von Gott auserwählt. Dies “drängte zusammen mit der Idee der erfolgreichen Arbeit als einer Gott gefälligen Leistung ganz von selbst zu der Auffassung hin, dass auch die Ausbreitung dieser Religion und Rasse der Verherrlichung Gottes diene, womit unter Umständen Rechtfertigung und Antrieb für eine Eroberungspolitik geschaffen war” (a.a.O., 41).— Es ist eben nicht zufällig, dass die englischen Imperialisten des 19. Jahrhunderts, die Carlyle, Kingsley usw., das Zeitalter Elisabeths I. und Cromwells als die nachahmenswerte Heldenzeit Englands bewerteten.Google Scholar
  49. 425.
    Vgl. a.a.O., 42f.Google Scholar
  50. 426.
    Demgegenüber hat die für Carlyle zentrale Auffassung, dass das die Geschichte wirklich bewegende Prinzip die (möglichst in einer Person vereinten) Gedanken von Genies und die Tatkraft von Helden sei, zwar ebenfalls weitreichenden geistigen Einfluss ausgeübt, ist aber weniger populär geworden.Google Scholar
  51. 427.
    So schon in seinen frühen Schriften Chartism (London 1839) und Past and Present (London 1843). Das Zitat selbst ist wiederum Brie (a.a.O., 104) entnommen.Google Scholar
  52. 428.
    Anders als später, d.h. unter dem entscheidenden Einfluss des Sozialdarwinismus gegen Ende des Jahrhunderts ist zu dieser Zeit der genauere Sinn von Rasse noch recht offen. Er meint zwar schon quasigenetische Qualitäten (Merkmale, Tugenden) der menschlichen Großrassen oder vermeintlichen Unterteilungen davon, mehr aber noch charakteristische Qualitäten der Angehörigen von Großkollektiven (Völkern, Sprachgemeinschaften u.ä.), die sich sozio-ökonomischen und kulturellen Bedingungen oder eben göttlicher Gnade verdankten.Google Scholar
  53. 429.
    Dazu gehören u.a. Charles Kingsley mit seinem Abenteuerroman Westward Ho! (1855), in dem sich zum ersten Mal ein bestimmter “imperialistischer Heldentypus” entwickelt, “der junge, blonde unternehmungslustige Engländer von strotzender Gesundheit, derb, aber zugleich warmherzig und edel, der zu Schiffe ferne Länder und Abenteuer aufsucht”; außerdem Charles Dilke mit seinem programmatischen Werk Greater Britain (1868), James A. Froude (u.a. mit Oceana 1885) und Geoffrey Drage (mit dem großen, überaus populären Roman Cyril 1889). Aber auch der Eroberer Cecil Rhodes (1853–1902), der — ein “lebenslänglicher Verehrer Carlyles” und wie dieser “den puritanisch-prophetischen Typus des Imperialisten” verkörpernd — seinen Glauben an “die göttliche Sendung des englischen Volkes” mit dem Glauben an “die eigene Rolle als Werkzeug Gottes” verband (Brie a.a.O., 122f. und 174).Google Scholar
  54. 430.
    Hier ist vor allem der durch sein Gedicht “The White Man’s Burden” (1899) international bekannt gewordene Rudyard Kipling zu nennen, der in den neunziger Jahren den Imperialismus in alle Klassen der englischen Gesellschaft, also auch die Arbeiterschaft getragen hat. Brie charakterisiert ihn so: “Als die Kehrseite dieses starren Bewusstseins von der Überlegenheit der angelsächsischen Rasse tritt bei Kipling naturgemäß ein starker Chauvinismus gegenüber dem Feinde auf... Bei dem Dichter, für den der Fortschritt der Welt im Militarismus zu liegen scheint, fehlen naturgemäß die ethischen Erwägungen; es fehlt das Eintreten für die unterdrückten Völker, von dem fast alle imperialistischen Sänger des neunzehnten Jahrhunderts ausgegangen waren, ferner das Gefühl, fir die allgemeine Sache der Menschheit zu streiten und endlich auch die Begeisterung für die großen Epochen der englischen Geschichte, aber erhalten sind bezeichnenderweise die mehr primitiven Züge, der Glaube an England als das auserwählte Volk und die Abneigung gegen die Nationen des Kontinents und die römische Kirche” (a.a.O., 227 und 230).Google Scholar
  55. 431.
    Auch fir den Sozialdarwinismus wäre eigentlich eine Behandlung angebracht, die alle Imperialmächte umfassen und zugleich auf bestimmte Besonderheiten eingehen würde, die seine jeweils dominierende Ausprägung in den verschiedenen Ländern angenommen hat. Doch orientiert sich die Darstellung hier wiederum primär an Großbritannien als demjenigen Land, das von ihm am stärksten ergriffen worden ist.Google Scholar
  56. 432.
    “Da jeder konsequente Pazifismus in der selbstzerfleischenden Forderung enden muss, dass das Schöne, Starke und Gute sich gegebenenfalls von dem Hässlichen, Schwachen und Schlechten überwinden und vernichten lassen muss, bedeutete die Evolutionstheorie insofern eine Rettung, als sich mit ihrer Hilfe eine mechanische ethische Höherentwicklung der Menschheit konstruieren ließ und damit der Furcht vor einem etwaigen Überhandnehmen der schädlichen Kräfte der Boden entzogen wurde. Durch die Evolutionslehre kommt ein spekulativer Optimismus hoch, der von der Vervollkommnung der Gattung, von einer Ära des Friedens und von einer Gemeinschaft von Löwe und Lamm träumt” (Brie a.a.O., 145).Google Scholar
  57. 433.
    Vgl. dazu sein Hauptwerk On the Origin of species by means of natural selection (London 1859) sowie für die Übertragung der hier vorgelegten Resultate auf die menschliche Entwicklung The descent of man and selection in relation to sex (London 1868, 2 Bde).Google Scholar
  58. 434.
    So würde nach Darwins eigener Berechnung die Zahl der aktuell lebenden Nachkommen eines einzigen Elefantenpaars (“der Elefant vermehrt sich langsamer als alle andern Tiere”) nach 750 Jahren bereits bei etwa 19 Millionen liegen!Google Scholar
  59. 435.
    Vor allem die Kirchen stemmten sich anfangs massiv gegen die Darwinschen Schriften, schienen von der Abstammungslehre doch zentrale christliche Lehrinhalte wie die Gotteskindschaft der Menschen bedroht. Doch schlossen zumindest die protestantischen Kirchen bald Frieden mit ihr. Denn, so die Argumentation, auch der durch Darwin erwiesene Existenzkampf zwischen Individuen, Arten und Rassen sei schließlich Teil der göttlichen Lenkung der Welt, und die bei den Menschen daraus resultierenden Kriege seien “von Gott eingerichtete Prüfung(en) zur Beurteilung der Völker”, also Gottesgerichte. Dementsprechend gab es auch wirkungsvolle Versuche, die durch den Sozialdarwinismus biologisierten nationalen Sendungsideen von neuem mit religiösen Inhalten aufzuladen. Ein Beispiel ist etwa der USAmerikaner Josiah Strong mit seinem Kassenerfolg Our Country (New York 1885). Für ihn besteht, ganz typisch, der wesentliche Inhalt der Geschichte seit dem Ende der Antike in der Entwicklung und Ausdehnung der “angelsächsischen Rasse”, deren Überlegenheit eben nicht nur biologisch bedingt sei, sondern sich auch ihrem “reinen Christentum” verdanke, durch das sie zu Gottes auserwähltem Volk, zu seinem kollektiven Werkzeug auf Erden geworden sei. Vor dieser höherstehenden Rasse hätten alle anderen und gerade die minderwertigen Rassen zu weichen (vgl. Koch a.a.O., 104 und 122f.).Google Scholar
  60. 436.
    Die Bejahung einer solchen Konkurrenz war allerdings auch immer wieder ein (nur logischer) Grund dafür, Sozialreformen mit dem Ziel zu fordern, die Gleichheit der sozialen Chancen herzustellen (so schon einer der ersten Sozialdarwinisten, nämlich Benjamin Kidd in seinem Buch Social Evolution, London 1894). Denn wie hätten sich ohne Chancengleichheit die überlegeneren genetischen Qualitäten durchschnittlich durchsetzen sollen?Google Scholar
  61. 437.
    So etwa der Mathematiker und Eugeniker Charles Pearson in seiner Schrift National Life from the Standpoint of Science (London 1901).Google Scholar
  62. 438.
    Mit diesem letzten Wort wird, durchaus absichtlich, an die Sprache und Ideologie des Nationalsozialismus erinnert. Eine weitere Stufe in dieser Bedeutungsabfolge besteht eben darin, einer oder mehreren, als je eigene Rassen verstandenen Ethnien bzw. Bevölkerungsteilen nicht nur wertlose, sondern — wesentlich — negativ-destruktive Qualitäten zuzuschreiben, sowie sie, in einer letzten Steigerung, als fleischgewordene Verkörperung menschlicher Übel, ja des Bösen schlechthin, das allen anderen Verderben bringe, anzusehen. Diese Steigerung nahmen bekanntlich Hitler und andere vor.Google Scholar
  63. 439.
    Jedenfalls nach seiner Schrift Anticipations (London 1901 (19142)).Google Scholar
  64. 440.
    Eindrucksvoll ist dafür ein Aufsatz des Zoologen P. Charles Mitchell (A Biological View of our Foreign Policy 1896), den Koch erwähnt. Mitchell verstand Kriege als unvermeidliche Folge des natürlichen Ausdehnungsdrangs der Nationen, und meinte überdies, dass der Kampf zwischen den “sich am meisten ähnelnden Arten”, konkret: zwischen Großbritannien und Deutschland besonders furchtbare Formen annehmen werde: “Der eine oder der andere hat zu weichen; der eine oder der andere wird weichen ... Hier ist der erste große Rassenkampf der Zukunft; hier sind zwei wachsende Nationen, die gegeneinander drängen, Mann gegen Mann, auf der ganzen Welt” (zitiert nach Koch a.a.O., 103).Google Scholar
  65. 441.
    Dies galt freilich wesentlich mehr fir die Facharbeiterschaft, welche die traditionellen Gewerkschaften bildete bzw. beherrschte, als fir die Mehrheit der ungelernten Arbeiter (vgl. Engels, MEW, Bd. 22: 274ff.). Mit dieser Einschränkung ist die Annahme von Bendix, dass im Zeitalter des Imperialismus sich die englischen Arbeiter mit den herrschenden Schichten ihres Landes solidarisiert, genauer: angesichts äußerer Herausforderungen solidarisiert hätten, durchaus richtig. Und, im ganzen, auch seine verallgemeinerte Behauptung: “Die nationale Identität ist ein Hauptgrund dafir, dass es — jedenfalls in Westeuropa — keine proletarischen Revolutionen gegeben hat. Sie ist zugleich ein Hauptgrund dafir, dass es ... trotz vieler Klassenkämpfe in entscheidenden Augenblicken zu Solidarisierungen der Bevölkerungen mit den herrschenden Schichten kam” (Bendix 1991: 45f.). Nationale Identität ist hier freilich vor allem mit Nationalismus, der Identifikation der Menschen mit ihrer Nation als politischer und vorpolitischer Gemeinschaft zu übersetzen.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Bernd Estel

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