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Die Nationalisierung des Daseins

  • Bernd Estel
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Zusammenfassung

Während oben die Nationalisierung der Gesellschaft unter dem Gesichtspunkt der damit verfolgten Zielsetzungen, d.h. der Durchsetzung der Nation überhaupt angesprochen wurde, sind jetzt ihre Ausprägungen in den wichtigsten Daseinsbereichen zu thematisieren. Zunächst aber zu ihren beiden Grunddimensionen, nämlich der ideellen Nationalisierung, d.h. der nationalen (Um)Interpretation167 natürlicher, gesellschaftlicher, personaler Gegebenheiten sowie der realen Nationalisierung, die als praktischer Zugriff auf diese Gegebenheiten die ideelle in zumindest rudimentärer Form voraussetzt. Es scheint jedoch angebracht, innerhalb dieser Dimensionen eine weitere, wenn auch nur einfache analytische Unterscheidung vorzunehmen, sodass sich begrifflich vier Varianten oder Typen der Nationalisierung ergeben. Der erste besteht in einer bloß epistemischen Nationalisierung, d.h. einer gleichsam bei sich selbst bleibenden nationalen Interpretation, als deren geeignetstes Feld die kollektive Vergangenheit anzusehen ist, die so zur Nationalgeschichte wird. Indem sie den von ihr ergriffenen Phänomenen eine nationale Bedeutung verleiht, schließt sie zwar deren faktische ideelle Indienstnahme für die Würde usw. der Nation immer schon ein, stellt jedoch gleichwohl ein Wissen dar, das seinen Gegenstand selbst nicht verändert, genauer: seiner eigenen Intention nach unverändert belässt. Anders beim zweiten, viel häufigeren Typus, zu dem die empirischen Übergänge ganz flüssig sind. Nämlich dem praxisbezogenen Wissen, das von vornherein als Theorie, als Anleitung zur realen Nationalisierung gedacht ist.

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Referenzen

  1. 167.
    Damit ist wiederum nicht eine Interpretation überhaupt, sondern die — tendenziell — sozial geteilte bzw. verbindliche Interpretation gemeint. Wissen, das gleichsam der Privatbesitz eines einzelnen oder nur sehr weniger Menschen bleibt, ist in der hier vorliegenden Arbeit eben durchgängig irrelevant.Google Scholar
  2. 168.
    Vgl. dazu etwa Mosse 1985, S. 84–110. Mosse ist freilich ein vorwiegend impressionistischer, also nicht gerade systematischer Denker, der überdies generell dazu neigt, die von ihm behandelten deutschen Nationalisierungsphänomene vor allem ideeller Provenienz allzu umstandslos auf die späteren Intentionen und Praktiken des Nationalsozialismus zu beziehen und entsprechend abzuwerten. Mit diesem oft unangemessenen Vorgehen einer reductio ad Hitlerum (Leo Strauss nach Breuer 1994: 145) steht er freilich nicht allein.Google Scholar
  3. 169.
    Vgl. dazu z.B. für Frankreich die berühmte Arbeit von de Tocqueville (1856), in der überzeugend dargelegt wird, in welchem Ausmaß die moderne französische Nation das indirekte Werk des Ancien Regime und seiner zentralisierenden Bestrebungen gewesen ist. Doch lässt sich auch die politische Tätigkeit Bismarcks, fir den die Nation und ihre Größe gerade nicht das eigentliche Ziel seines politischen Wollens war, nach ihren längerfristigen Ergebnissen unter diesem Gesichtspunkt begreifen. Von den Angehörigen der alten politischen Elite hat Bismarck seit Beginn der fünfziger Jahre am entschiedensten die Konsequenz daraus gezogen, dass in Deutschland (trotz der gescheiterten Revolution von 1848) nicht mehr dauerhaft gegen die nationalgesinnte öffentliche Meinung zu regieren war; und zumindest bis 1878 gelang es ihm mit großem Erfolg, die nationale Bewegung fir seine Zwecke, die Stärkung Preußens und insbesondere dessen Monarchie, in den Dienst zu nehmen und damit wesentlich zur “Monarchisierung” der Nation im Zweiten Kaiserreich beigetragen. So erfolgreich er jedoch damit unmittelbar auch gewesen ist: Der von ihm geschaffene, unvollkommene Nationalstaat bedurfte 1918 nur einer recht begrenzten, politischen Revolution, um in einen typischen Nationalstaat zu münden, der aufgrund der außenpolitischen Belastungen freilich von Anfang an unter einem ungünstigen Stern stand.— Das Beispiel Bismarcks verweist übrigens auch auf eine allgemeine Schwierigkeit fair eine angemessene Beurteilung der je konkreten historischen Auswirkungen des Prinzips Nation: Die Übergänge zwischen einem wirklich national motivierten politischen Handeln und einer bloßen taktischen Benutzung von Nationalismus und Nation sind empirisch überaus flüssig.Google Scholar
  4. 170.
    Das Gros der wissenschaftlichen Arbeit ist hier sicher noch zu leisten, doch haben die entsprechenden Forschungen in jüngster Zeit stark zugenommen. Vgl. dazu die bei Langewiesche (1995) unter “VI. Prozesse kultureller Nationsbildung” besprochene Literatur und, inzwischen, Wenning 1996 oder YuvalDavis 1996.Google Scholar
  5. 171.
    Selbst Max Weber steht bei seiner Erörterung der “realen Gründe” des Nationalbewusstseins und der A aus ihm resultierenden “gefühlsmäßigen Gemeinschaft” Nation noch im Bann dieses Kulturverständnisses. oder nimmt zumindest darauf Rücksicht. Obwohl nämlich auch ihm die Kultur die empirisch wichtigste Grundlage fir Nationalbewusstsein, d.h. den massenhaften “Glauben an den Bestand einer ‘nationalen’ Gemeinsamkeit” ist, will er die Nation gerade nicht als “Kulturgemeinschaft” verstanden wissen. Und zwar deshalb, weil sich dieser Glaube nicht auf hochkulturelle Güter, d.h. die hohe Literatur oder gar die Kunst beziehe, sondern — neben der Religion — auf alltagskulturelle Elemente wie die Gemeinsamkeit der (Schrift)Sprache, der Sitten, von Zeitungen u.ä., deren “objektiver Wert” doch gering oder zweifelhaft sei (1976: 242 sowie 1988b: 485; vgl. wiederum unten IV.3.3.3).Google Scholar
  6. 172.
    Vgl. z. B. Spann 1914 oder Scheler 1922.Google Scholar
  7. 173.
    Kurt Weigand, der Übersetzer und Herausgeber einer deutschen Ausgabe des Contrat, nach der hier — bei einzelnen, stilistisch bedingten Abweichungen — zitiert wird, schildert die von Rousseau mit diesem Buch erzielte Wirkung im wesentlichen so: “Jakob Burckhardt hielt den Contrat Social für wichtiger als den ganzen Siebenjährigen Krieg. ... Jedenfalls gehört der Contrat Social zu den wenigen Werken, die einmal eine Zeitlang die Autorität einer Bibel erlangt haben. Während der Revolution ließ Marat Kapitel daraus in den Straßen von Paris verlesen. Das Werk wurde eine Heilslehre, als man eine brauchte. Schon 1767, fiinf Jahre nach dem Erscheinen bzw. Verbot, berichtete Rousseaus ehemaliger Freund Diderot: ‘Der Contrat wird immer neu gedruckt und sogar im Vorhof des Souveräns für einen Heller verteilt’.... Die größte Wirkung aber strahlte das Werk erst nach dem Tode Rousseaus (1778 — B.E.) aus. Die neuen Gedanken wurden nun zu dialektischen Waffen im Kampf der Emanzipationsbestrebungen der europäischen Völker” (a.a.O., 7). Die Meinung Krieles: “Rousseau war den französischen Revolutionären nur wenig bekannt” (1994: 144) ist also irrig.— Ähnlich, wenn auch mehr auf die aktuelle zeitgeschichtliche Situation bezogen, die Wirkung der Schrift von Sieyes über den Dritten Stand, der “erfolgreichsten politischen Flugschrift aller Zeiten” (Talmon 1961: 63): “‘L’écrit de l’Abbé Sieyes avait perverti l’esprit public’ erinnerte sich der Baron de Malouet, und viele andere Zeugnisse wären dem an die Seite zu stellen” (Dann 1988: 13). Sieyes wurde so zum Wortführer des Dritten Standes am Anfang der Revolution, der vor allem auf die Verfassung von 1791 einen maßgeblichen Einfluss ausübte.Google Scholar
  8. 174.
    Bekanntlich trifft diese Entwicklung für England bzw. Großbritannien so nicht zu. Zwar kam es auch hier seit Heinricht VIII. zu einer allmählichen Zurückdrängung der mittelalterlichen Auffassung, dass die politische Macht (die Souveränität, wie man später sagen wird) immer schon zwischen dem König, den Lords dem House of Commons und den Gerichtshöfen geteilt gewesen und diese Machtteilung unantastbar sei. Ja: „Unabhängig von kontinentalen Denkern wie Bodin entwickelten die Engländer ... im frühen 17. Jahrhundert eine ausgeprägtere Doktrin des Absolutismus und der ungeteilten Souveränität” (Clark 1992: 72), und dieses Souveränitätsverständnis überlebte auch die Diktatur Cromwells. Anders als auf dem Kontinent kam jedoch diese absolute Souveränität weder ideell noch faktisch dem gleichsam isolierten Herrscher, sondern dem King in Parliament, also einer spezifischen Institution zu. Ferner verschob sich mit der Glorreichen Revolution bzw. der Bill of Rights von 1689 das Machtschwergewicht eindeutig auf das Parlament; und seit dem 19. Jh. „gilt mit dem Prinzip der ‘supremacy of parliament in law’ (...) zugleich das der — theoretisch uneingeschränkten — Parlamentssouveränität” (Abromeit 1995: 51). Der Unterschied zu der sonst ausschlaggebenden französischen Entwicklung liegt also wesentlich darin, dass im englischen Fall die königliche Souveränität nicht durch die Volks-, sondern die Parlamentssouveränität abgelöst wurde; und dass diese Souveränität nie im nationaldemokratischen Sinn einer von den Abgeordneten auszuübenden Herrschaft des Volkswillens verstanden wurde, der von der Gesamtheit gleichsam abstrakter Staatsbürger gebildet wird (vgl. unten, Kap. IV.2.3.2). Vielmehr galten die Abgeordneten stets als „Treuhänder zur Wahrnehmung bestimmter Aufgaben” der „civil society”, d.h. eines Gemeinwesens, das eine „Vielzahl lokaler, sozialer, politischer und religiöser Gruppen” umfasste (Ritter 1964: 30 und 27). Mit dieser Grundkonstellation hängen nun eine Reihe weiterer Eigentümlichkeiten der soziopolitischen Entwicklung Englands bzw. Großbritanniens zusammen, die es zusätzlich nahe legen, von einem englischen Sonderweg zu sprechen: (a) Die kontinentale, faktische wie begriffliche Aufspaltung der societas civilis nach einer „staatlichen” Seite als relativ isoliertem Herrschaftssubjekt und einer „gesellschaftlichen” Seite als deren Herrschaftsobjekt fand hier nicht statt: „Der Begriff der Gesellschaft wurde so nicht entpolitisiert und erhielt auch nicht den abwertenden Beigeschmack, den er im kontinentalen Staatsdenken so häufig als Inbegriff partikularer und meist ökonomischer Privatinteressen erfahren hat” (Ritter a.a.O., 30). (b) Dadurch dass eine Verselbständigung des Staates bzw. des Staatsapparats gegenüber der „Gesellschaft” hier nicht erfolgte, konnten sich, im Gegenzug zu der damit verfolgten Staatsräson, auch die Bemühungen um eine „Konstitution” nicht durchsetzen; bekanntlich kennt Großbritannien zwar einige Staatsgrundgesetze, aber gerade nicht eine moderne Verfassung, eine den Staat eigens begründendes „law of state”. (c) Dementsprechend blieb hier auch eine von oben betriebene, systematisch angelegte Uniformierung der Menschen zu Staatsbürgern, zu in dieser Qualität einheitlichen Untertanen weitgehend aus; ein „das ganze Land überziehender und zentral gesteuerter Verwaltungsapparat” entwickelte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Obwohl England — noch vor Frankreich — schon am Beginn der Neuzeit zum „relativ geschlossenen Nationalstaat”, d.h. einem Zentralstaat geworden war, blieb so die „civil“ oder „political society“ als eine nach „Rang und Stand abgestufte” Sozialordnung bis ins 19. Jh. hinein bestehen, die erst im Gefolge der Industrialisierung, der Verstädterung und Demokratisierung wirklich aufgelöst wurde (a.a.O., 29ff.). (d) Damit im Einklang war es zumindest bis nach dem 2. Weltkrieg herrschende Auffassung, dass die Nation weniger „aus den all ihrer sonstigen Bindungen ledigen Individuen” bestehe, sondern sich in eine Vielzahl von Gruppen gliedere, „die in ihrer eigenen Sphäre autonom sind” (a.a.O., 27; vgl. auch Ziegler 1931: 91f.); und dieser Auffassung entsprach ein weitentwickeltes System freiwilliger und unterschiedlich ausfallender Selbstverwaltung auf gerade lokaler und regionaler Ebene. Allerdings stand die Selbstverwaltung immer schon unter Parlamentsaufsicht, das die dazu erteilte Vollmacht „nicht nur jederzeit zurücknehmen, sondern das die Räte der verschiedenen Verwaltungsebenen — die Hauptorgane der ‘local authorities’ — schlicht abschaffen kann” (Ziegesar 1991: 39). Dies ist, nach schon früher erfolgten Anläufen, durch die Regierungen Thatcher und Major inzwischen weitgehend geschehen: „Beruhte das Verhältnis zwischen Zentralregierung und den Grafschaften, Bezirken und Gemeinden einst auf einem partnerschaftlichen, lockeren Konsens, so ist diese Partnerschaft fir viele, auch konservative Gemeinderäte, zu einer Diktatur geworden” (a.a.O., 39ff. (42)).Google Scholar
  9. 175.
    Dass das Papsttum in seinem Ringen um die Weltherrschaft zwar faktisch das Ende der Dominanz des römisch-deutschen Reichs und seine politische Zersplitterung begünstigte, eine grundsätzliche Schwächung des Kaisertums gegenüber den großen Territorialherren außerhalb und innerhalb des Reichs jedoch nicht eigentlich anstrebte, ist u.a. der Haltung von Bonifaz VIII. (1294–1303) zu entnehmen, von dem ja die schroffste Formulierung dieses Weltherrschaftsanspruchs stammt. Gegen Philipp IV. von Frankreich gewandt bekräftigte er nämlich die traditionelle Auffassung, dass der Kaiser „der Herrscher über alle Könige und Fürsten” sei, in der bereits zitierten Weise.Google Scholar
  10. 176.
    Für die Zeit Ludwigs XVI., in der der Absolutismus seinen Höhepunkt bereits überschritten hatte und sich wieder eine neue Adelsfronde ausbildete, die mit ihrer Forderung nach der Einberufung der Generalstände die Revolution von 1789 direkt vorbereitete, bemerkt Tulard: “Im Jahre 1789 wurde Frankreich durch einen Herrscher von Gottes Gnaden regiert. Seine Autorität war grenzenlos und jenseits jeglicher Kontrolle; fir die Ausübung der höchsten Gewalt war er nur Gott Rechenschaft schuldig; er verkörperte das Gesetz; der Staat lebte aus ihm. ... Alles ging vom König aus, alles endete beim König. Diese absolute Monarchie war also absolut zentralisiert” (1989: 18).Google Scholar
  11. 177.
    Spaltung und Gegensatz mündeten freilich nicht in eine säuberliche Aufteilung der Abgeordneten im Parlament. Auch während der Konventszeit, einschließlich der Schreckensherrschaft, gehörte ihre Mehrheit weder dem einen noch dem anderen Lager an, sondern bildete eine politische Brücke zwischen ihnen.Google Scholar
  12. 178.
    Die Unterscheidung von Aktiv- und citoyens francais genannten Passivbürgern stammt von Sieyes und gehört zur liberaldemokratischen oder girondistischen Seite seines Denkens, nämlich seiner positiven Bewertung des Privateigentums. Sie findet sich jedoch noch nicht in “Was ist der Dritte Stand?”, sondern wurde von ihm erst in der langwierigen Debatte um die Verfassung von 1791 entwickelt. Hier differenziert er also zwischen natürlichen und zusätzlichen bürgerlichen oder politischen Rechten der Menschen, denen eben die Unterscheidung von Passivbürgern ohne und Aktivbürgern mit politischen Rechten entspricht (vgl. Talmon 1961: 70). Mit seiner zunächst dominierenden jakobinischen Auffassung über die Gleichheit der Staatsbürger und den Charakter der Volkssouveränität ist dies freilich nicht wirklich vereinbar. Freilich erwies sich Sieyes auch sonst als politisch sehr beweglich: Bald schon befürwortete er, entgegen seinen eigenen theoretischen Prämissen, die militärische Expansion Frankreichs nach Osten und war wenige Jahre später entscheidend an der Beseitigung der Direktoriumsverfassung zugunsten der “Wohlfahrtsdiktatur” Napoleons beteiligt (vgl. Tulard a.a.O., 159ff.).Google Scholar
  13. 179.
    Zum Charakter dieser Verwaltungsreform bemerkt Tulard: “Diese schloss ... mit ihrem System gewählter Administratoren jeden Vertreter der Zentralgewalt aus den Departments aus. Jedes Department wirkte wie ein Königreich im kleinen, und Frankreich war in 83 Teile zerstückelt, deren Bewegungen niemand koordinieren konnte. Daraus entstand ein Zustand ‘legaler Anarchie’ (a.a.O., 85). Während die überwiegend girondistische Verfassung von 1791 diese Verwaltungsreform noch bestätigte, wurden mit dem Verfassungsgesetz vom Dezember 1793 die Departements — und mit ihnen die Distrikte und Gemeinden — ihrer Selbstständigkeit völlig beraubt. Diese zentralistische Praxis entsprach ganz der Generallinie der Jakobiner, wurde freilich dadurch begünstigt, dass sich die Mehrheit der Departementsverwaltungen vorher “föderalistischer Erhebungen” schuldig gemacht hatte (vgl. a.a.O., 117). In der Folgezeit wurde übrigens die Zentralisierung noch verstärkt: Unter Napoleon wurden nicht nur (die von ihm geschaffenen) Präfekten, Unterpräfekten sowie die Bürgermeister, sondern selbst die Mitglieder des in seinen Befugnissen stark beschnittenen Gemeinderats von der Zentralregierung ernannt.Google Scholar
  14. 180.
    Vgl. den bei Tulard geschilderten Treueid auf die Nation, den eigens angereiste Vertreter aus allen Teilen Frankreichs am 14. Juli 1790 auf dem Pariser Marsfeld schworen (a.a.O., 67).Google Scholar
  15. 181.
    Dass es hier um die politischen Aussagen des Contrat social geht, bleibt auch gegenüber der für die bundesdeutsche Nachkriegszeit repräsentativen Interpretation von Fetscher (1960) zu betonen, in der Rousseau zum Moralisten geraten ist, dem die national-demokratischen Eckzähne gezogen sind. Dabei soll nicht geleugnet werden, dass Rousseau auch Moralist im Stil seines Jahrhunderts gewesen ist, für den der Fortschritt der Menschen in der Tugend insgesamt auch in dieser Schrift ein hohes Ziel gewesen ist (vgl. z.B. Buch I, Kap. 8, aber auch dessen Schluss). Gleichwohl dominieren in ihr spezifisch politische Inhalte, die gegenüber den damit gewiss verbundenen ethischen Zielsetzungen autonom sind, ja sie sich im Konfliktfall unterordnen (vgl. unten). Und diesen Inhalten gehörte, wie die Wirkungsgeschichte beweist, die Zukunft. Bereits in der Revolution von 1789 hat der Contrat, trotz bestimmter, auch mit Blut unterstrichener Gesten Robespierres, seine außergewöhnliche Wirkung doch weniger als Lehre von der politischen Tugend, sondern vielmehr als nach seinem zentralen Gedankengang faszinierendes politisches Prinzip entfaltet — eben dem einer neuartigen Vergemeinschaftung der Menschen und der daraus resultierenden Identität von Regierenden und Regierten.Google Scholar
  16. 182.
    Bereits an dieser Wortwahl ist zu sehen, dass Rousseau begrifflich noch nicht zwischen System- und Sozialintegration, d.h. zwischen (bürgerlicher) Gesellschaft als bloß systemischem Zusammenhang von an ihrem Eigeninteresse orientierten Individuen und Gemeinschaft mit jedenfalls einem Minimum an Solidarität ihrer Angehörigen füreinander unterscheidet. Doch ist die Richtung der Argumentation klar: Es geht um die Herstellung eines Sozialgebildes, das mit der bestmöglichen Befriedigung der durch-schnittlichen materiellen Bedürfnisse des einzelnen (vgl. III, 9 und die dazugehörige Anm. z) zugleich eine sehr weitgehende, nach außen unabhängige Gemeinschaft der Beteiligten verwirklicht. Dass übrigens die Übereignung total sein muss, wird auch unter dem Blickwinkel des einzelnen bekräftigt, der, streng genommen, in das bereits bestehende Gemeinwesen aufgenommen wird: “Jeder von uns unterstellt der Gemeinschaft seine Person und alles, was sein ist, unter die höchste Leitung des Gemeinwillens; und wir als Körperschaft empfangen jedes Mitglied als vom Ganzen unabtrennbaren Teil” (I, 6).Google Scholar
  17. 183.
    “Wer sein Leben auf Kosten der anderen erhalten will, muss es auch fir sie hingeben, falls es sein muss. Indessen ist der Staatsbürger nicht mehr der Richter über die Bedrohung, der er sich nach dem Gesetz aussetzen soll. Wenn derjenige, der befiehl, ihm gesagt hat: es ist dringlich für den Staat, dass du stirbst, so muss er sterben, weil er nur unter dieser Bedingung bis dahin in Sicherheit lebte und sein Leben nicht mehr eine Wohltat der Natur allein ist, sondern ein bedingtes Geschenk des Staates” (II, 5).Google Scholar
  18. 184.
    “Was die Beteiligten betrifft, so nehmen sie gemeinschaftlich den Namen Volk an und nennen sich als einzelne Staatsbürger, insofern sie an der souveränen Autorität teilhaben, Untertanen, insofern sie den Gesetzen des Staates unterworfen sind” (I, 6). Wie Rousseau gleich selbst einräumt, ist er bei diesen und anderen terminologischen Festlegungen nicht ganz konsequent. Insbesondere verwendet er, im Einklang mit dem modernen Sprachgebrauch, den Begriff des Staatsbürgers auch im Sinne des Untertans (vgl. III, 13).Google Scholar
  19. 185.
    Daneben gibt es noch zwei andere Mittel. Das eine, das wiederum nach innen gerichtet ist, stellt die Anwendung von Zwang gegen diejenigen Beteiligten dar, die ihren dem Gemeinwillen entsprechenden Verpflichtungen nicht nachkommen. Möglich werden solche Abweichungen dadurch, dass die Vergesellschaftung der Menschen nie so weit reichen kann, dass damit individuelle Einzelinteressen und der damit zusammenhängende individuelle Sonderwille völlig beseitigt würden; dieser vor- bzw. asoziale Sonderwille kann aber unter bestimmten Umständen den der Person ebenfalls stets eigenen Gemeinwillen überwiegen. Daher: “Damit also der Gesellschaftspakt keine leere Formalität sei, schließt er stillschweigend folgende Verpflichtung ein: wer immer dem Gemeinwillen den Gehorsam verweigert, wird von der Gemeinschaft dazu gezwungen. Das bedeutet nichts anderes, als dass man ihn zwingen wird, frei zu sein. Denn dass jeder Staatsbürger sich dem Vaterland anheimgibt, ist die Bedingung dafür, dass er vor jeder persönlichen Abhängigkeit bewahrt bleibt” (I, 7; vgl. auch II, 12). Auf die beiden letzten, so kaum verständlichen Bemerkungen wird noch zurückzukommen sein.— Das andere, mit dem Gesellschaftspakt selbst gegebene Mittel besteht in dem Abschluss nach außen. Obwohl sich Rousseau zu den Außenbeziehungen des von ihm propagierten Gemeinwesens kaum äußert, trennt er u.a. scharf zwischen Staatsbürgern und Fremden (IV, 2) — und muss dies nach den tragenden Elementen (Gemeinwille, Volkssouveränität) seiner Konstruktion. Zum Abschluss nach außen gehört übrigens auch, dass das Gemeinwesen die wirtschaftliche Autarkie erreichen bzw. behalten soll (vgl. II, 10 und 11).Google Scholar
  20. 186.
    I, 9 sowie die Anm. d; vgl. wiederum I, 6.Google Scholar
  21. 187.
    So nach zahlreichen Bemerkungen, die allerdings nirgendwo eindeutig sind. Vgl. besonders I, 7 und 9 (sowie die zugehörige Anm. d), II, 12 und III, 9.Google Scholar
  22. 188.
    Die radikale Variante ist in der Begründung der totalen Übereignung enthalten: “Denn wenn jeder sich vollkommen hingibt, ist erstens die Lage fir alle die gleiche, und wenn die Lage für alle die gleiche ist, hat keiner ein Interesse daran, sie den andern beschwerlich zu machen. Da überdies die Übereignung ohne Vorbehalte geschieht, ist die Vereinigung so vollkommen, wie sie sein kann” (I, 6.). An anderer Stelle, an der Rousseau selbst die (völlige) sozio-ökonomische Gleichheit als Schimäre des reinen Denkens bezeichnet, die Forderung danach also relativiert, hat er eher nur eine — auch nachträgliche — Nivellierung im Auge. Hier betont er die Gefahr zu großer Ungleichheit für die persönliche Unabhängigkeit der Nichtbesitzenden (und damit indirekt eine Verfälschung des allgemeinen Willens): “Was die Gleichheit angeht, so darf man unter diesem Wort nicht verstehen, dass die Ausmaße der Macht und des Reichtums absolut die gleichen seien, sondern dass, was die Macht betrifft, diese keine Gewaltanwendung ermögliche ..., und dass, was den Reichtum betrifft, kein Staatsbürger wohlhabend genug sei, um einen anderen bestechen zu können, und keiner so arm, um gezwungen zu sein, sich zu verkaufen” (II, 11).Google Scholar
  23. 189.
    “Die Verpflichtungen .. sind ihrer Natur nach so beschaffen, dass man bei ihrer Erfüllung nicht für den anderen arbeiten kann, ohne auch fir sich selbst zu arbeiten. Warum hat der Gemeinwille immer recht, und warum wollen alle beständig das Glück eines jeden von ihnen, wenn nicht darum, weil es niemand gibt, der sich nicht das Wort jeder zu eigen macht und nicht an sich selbst denkt, indem er für alle stimmt?” (II, 4).Google Scholar
  24. 190.
    “Je besser der Staat gebaut ist, desto eher haben im Geist der Staatsbürger die öffentlichen Angelegenheiten den Vorrang vor den privaten. Es gibt sogar viel weniger Privatangelegenheiten, weil die Summe des gemeinschaftlichen Glücks zum Glück jedes Individuums einen beträchtlicheren Teil beisteuert; daher braucht es das nicht so sehr in seinen privaten Tätigkeiten zu suchen” (III, 15).Google Scholar
  25. 191.
    “Ich verstehe unter diesem Wort (Republik — B.E.) nicht allein eine Aristokratie oder eine Demokratie, sondern jede Regierung schlechthin, die vom Gemeinwillen gelenkt wird, der das Gesetz ist. Die Regierung braucht, um gesetzlich zu sein, nicht mit dem Souverän zu verschmelzen, sondern nur dessen Diener zu sein. Dann ist sogar die Monarchie eine Republik” (II, 6, Anm. i)). Das Gesagte wird klar, wenn man sich vor Augen hält, dass in der so verstandenen Republik der Gemeinwille (als der eigentliche Souverän) die Legislative bildet, während die Regierung als die Exekutive lediglich in ihrem Auftrag zu handeln befugt ist.Google Scholar
  26. 192.
    Unter dem Gemeinwohl, dem unabweisbar wichtigsten Ziel des Zusammenschlusses, versteht Rousseau gewöhnlich die gemeinsame Erhaltung und das allgemeine Wohlergehen sowie die dazu nötige Selbsterhaltung des Gemeinwesens als Staat (vgl. II, 1 und 3; IV, 1 und II, 4). An einer Stelle heißt es, in freilich nur scheinbar liberaler Perspektive: “Was ist der Zweck der staatlichen Vereinigung? Die Erhaltung und der Wohlstand ihrer Mitglieder. Und was ist das sicherste Zeichen dafür, dass sie sich erhalten und wohl befmden? Ihre Anzahl und ihr Zuwachs” (III, 9).Google Scholar
  27. 193.
    In theoretischer Hinsicht und defensiv anmutender Formulierung: “Gerade das, was es in den verschiedenen Interessen Gemeinsames gibt, knüpft das gesellschaftliche Band. Wenn es nicht irgendeinen Punkt gäbe, in dem alle Interessen übereinstimmen, könnte keine Gesellschaft existieren. Nun, einzig und allein aus diesem gemeinsamen Interesse muss die Gesellschaft regiert werden” (II, 1). Es dürfte jedoch schon klar geworden sein, dass im Zweifelsfall der souveräne Gemeinwille über solche Allgemeininteressen und die zu ihrer Realisierung nötigen persönlichen Opfer entscheidet: “Man gibt zu, dass alles das, was jeder durch den Gesellschaftspakt von seiner Macht, seinen Gütern, seiner Freiheit übereignet, ganz allein jener Teil ist, dessen Gebrauch für die Gemeinschaft wichtig ist, aber man muss auch zugeben, dass allein der Souverän Richter über diese Wichtigkeit ist” (II, 4).Google Scholar
  28. 194.
    II. 12. Jedoch: Wenn schon das Leben des einzelnen selbst zum nur bedingten Geschenk des Gemeinwesens geworden ist, dürfte auch diese private Freiheit weniger Selbstzweck als Mittel zu höheren kollektiven Zwecken sein. Und tatsächlich weist zumindest eine Bemerkung, dass nämlich “jede Abhängigkeit von einzelnen eine Kraftminderung des Staatskörpers bedeutet” (II, 11) klar in diese Richtung. Die Menschen sollen, so kann man in Verbindung mit Rousseaus Betonung des staatlichen Vorrangs daraus schließen, primär deshalb im vollen, nicht durch eine Verwendung für andere geschmälerten Besitz ihrer individuellen Kräfte und Fähigkeiten bleiben, damit diese, wenn es nötig ist, dem Gemeinwesen ganz zur Verfügung stehen. Um es zu verallgemeinern: In der nationaldemokratischen Auffassung ist die Herauslösung der Menschen aus alten Abhängigkeiten und überkommenen Gemeinschaften, ist ihre Individuierung eben nicht bloßer Selbstzweck, sondern Voraussetzung und Mittel ihrer neuen Kollektivierung im Zeichen der Nation und deren Ziele.Google Scholar
  29. 195.
    In Abhebung zu individuellen oder Sonderfällen, deren Behandlung die Sache der Exekutive ist, bestimmt Rousseau Gesetz und Gesetzgebung als Beschluss des ganzen Volks über das ganze Volk. So ist “die Sache, über die man befmdet, genauso gemeinsam, wie der Wille, der befindet. Eben diesen Akt nenne ich ein Gesetz” (II, 6; vgl. II, 4). Dass nur der Souverän als ganzer, konkret: als das versammelte Volk zur Gesetzgebung als dem Akt der Ausübung seiner Souveränität befugt ist, betont er auch anderswo (vgl. III, 12 und 13). Mit der Staatsgröße rasch anwachsende technische Schwierigkeiten der Versammlung bilden einen der Gründe, warum Rousseau sich die Republik nur als recht kleines Gemeinwesen, insbesondere als Stadtstaat vorstellen kann (vgl. III, 13).Google Scholar
  30. 196.
    Denn es ist ja grundsätzlich die Mehrheit, die bei fehlendem Konsens den Gemeinwillen repräsentiert und über die von ihr beschlossenen Gesetze die Gesamtheit verpflichtet (vgl. IV, 2 und schon I, 6). Allerdings fällt unter bestimmten Umständen der Mehrheitswille und selbst der Wille aller nicht mehr mit dem Gemeinwillen zusammen (vgl. unten).Google Scholar
  31. 197.
    Allerdings übersetzt sich dieses Interesse, dem beim Menschen im Naturzustand der Instinkt entsprach (vgl. I, 8), beim vergesellschafteten Menschen nicht notwendig bzw. nur unvollständig in ein entsprechendes Streben der Person. Denn erstens kann die vernünftige Selbstliebe durch ihre stets mögliche negative Kehrseite, die den bloßen Begierden und Leidenschaften ergebene Eigenliebe (amourpropre) verdeckt oder überlagert werden. Zweitens liegt das Gute nicht immer klar zutage, sondern erfordert zu seiner Erkenntnis oft genug eine ausgedehnte Information bzw. eine eigene geistige Schulung (vgl. II, 3, 6 und 7). In diesem Punkt ist Rousseaus Auffassung jedoch widersprüchlich (vgl. unten).Google Scholar
  32. 198.
    Deshalb kann Rousseau auch sagen: “Es gilt also zu verstehen, dass weniger die Zahl der Stimmen den Willen gemeinsam macht als das Gemeinschaftsinteresse, das sie vereint. Denn in dieser Staatseinrichtung unterwirft sich jeder notwendig den Bedingungen, die er den anderen auferlegt” (II, 4). Und außerdem behaupten, dass der Gemeinwille jederzeit recht hat und nach dem Gemeinwohl strebt (II, 3).Google Scholar
  33. 199.
    Daher (und im Gegensatz zu anderen Äußerungen): “Sowie sich eine Reihe von vereinigten Menschen als ein einziger Körper betrachtet, haben sie nur einen einzigen Willen, der sich auf die gemeinsame Erhaltung und das allgemeine Wohlergehen richtet. Dann sind alle Triebkräfte des Staates stark und einfach, seine Grundsätze klar und lichtvoll; es gibt keine undurchdringlichen, entgegengesetzten Interessen; das Gemeinwohl zeigt sich überall ganz selbstverständlich, und man braucht nur gesunden Menschenverstand, um es wahrzunehmen” (IV, 1).Google Scholar
  34. 200.
    Die hier eben die moralische Freiheit ist, “die allein den Menschen wahrhaft zum Herrn seiner selbst macht”. In dieser Gedankenrichtung, die denn auch den Übergang vom Naturzustand zum Gesellschaftszustand als entscheidende Etappe der Höherentwicklung und insbesondere Versittlichung des Menschen betont, gilt folglich: “Der Antrieb der Begierde allein ist Sklaverei, und Gehorsam gegen das Gesetz, das man sich vorgeschrieben hat, ist Freiheit” (I, 8).Google Scholar
  35. 201.
    Auf diese Weise löst sich auch das oben wiedergegebene Paradox, dass die Tatsache, von jemand die Erfüllung seiner Pflichten gegenüber dem Gemeinwillen zu erzwingen, gleichbedeutend damit ist, ihn zur Freiheit zu zwingen. Gleichwohl bleibt die Argumentation schon deshalb problematisch, weil sie voraussetzt, dass die kollektive Urteilsfähigkeit der individuellen stets überlegen sei — eine Annahme, die Rousseau an anderer Stelle (II, 6) selbst zurückweist.Google Scholar
  36. 202.
    So z.B. in der folgenden schroffen Form: “Die Sachwalter der exekutiven Gewalt sind nicht die Herren des Volkes, sondern seine Beauftragten. Es kann sie einsetzen und absetzen, wann es ihm beliebt. Es steht für sie nicht in Frage, ob sie einen Vertrag aushandeln, sondern ob sie gehorchen” (III, 18; vgl. III, 2, 5). Doch auch und gerade in einer Republik, wie Rousseau sie versteht, ist eine Regierung als eine eigene Instanz oder Körperschaft mit einer gewissen Selbständigkeit nötig. Denn nur in ihr bzw. durch sie können die individuellen Kräfte in einer optimalen Weise kollektiv gebündelt und eingesetzt werden: “Die öffentliche Gewalt muss ... einen eigenen Bevollmächtigten haben, in dem sie vereinigt ist und der sie nach den Anweisungen des Gemeinwillens in die Tat umsetzt”. Verkörpert die Legislative den sich in Gesetzen niederschlagenden Willen des Gemeinwesens, so die Regierung dessen “Kraft” (III, 1; vgl. III, 15). Bei seiner anschließenden Erörterung der Hauptregierungsformen, also der Monarchie, der Aristokratie und der Demokratie (als Regierungsgewalt aller!) verwirft er dann aus einsichtigen Gründen die Demokratie (III, 4) — obwohl doch grundsätzlich nur mit ihr die gleich zu erwähnende, zwangsläufige Vernichtung der Republik durch die Regierung zu vermeiden wäre.Google Scholar
  37. 203.
    Und auch dies trifft nicht mehr zu, “wenn zu guter Letzt einer dieser Verbände so groß ist, dass er alle anderen überflügelt”; dann nämlich ergibt das Abstimmungsergebnis nur noch “eine einzige Abweichung” (II, 3). Doch ist schon der vorhergehende Zustand einer einfachen Pluralität solcher Teilgesellschaften auch deshalb so schädlich, weil die damit gegebene, vorgängige Gebundenheit der Menschen an entsprechende Sonderinteressen die Wirksamkeit einer der Abstimmung vorausgehenden Beratung stark vermindert — einer Beratung, die auch nach Rousseau dem einzelnen das Recht verbürgt, “seine Meinung zu begründen, Vorschläge zu machen, abzuweichen und zu streiten” (a.a.O. und IV, 1).Google Scholar
  38. 204.
    “Wenn der Staat, seinem Ruin nahe, nur noch in einer illusorischen und nichtigen Form besteht, die gesellschaftlichen Bande in allen Herzen zerrissen sind, das schmählichste Interesse sich schamlos mit dem geheiligten Namen des Gemeinwohls schminkt, dann bleibt zuletzt der Gemeinwille stumm. ... Unter dem Namen Gesetze verabschiedet man fälschlich schnöde Dekrete, die nur das Sonderinteresse im Auge haben” (IV, 1). Bezeichnend ist, dass der Gemeinwille hier nicht einfach verschwunden ist, sondern nur stumm wird.Google Scholar
  39. 205.
    IV, 8. Bezeichnenderweise sind die einzelnen Artikel dieses Bekenntnisses auf die Erweckung damit eigentlich gemeinter Gemeinschaftsgefühle gerichtet, “ohne die es weder möglich ist, ein guter Staatsbürger noch ein treuer Untertan zu sein”, und ohne die der einzelne offensichtlich gesellschaftsfeindlich, d.h. “unfähig (ist), die Gesetze und die Gerechtigkeit aufrichtig zu lieben und im Notfall sein Leben seiner Pflicht zu opfern” (a.a.O).Google Scholar
  40. 206.
    Vgl. dazu u.a. III, 14 und II, 2.Google Scholar
  41. 207.
    Wenige Sätze später heißt es dann nur konsequent: “Das englische Volk glaubt frei zu sein; es täuscht sich gar sehr. Es ist nur während der Wahlen der Parlamentsmitglieder frei; sobald sie gewählt sind, ist es Sklave, ist es nichts” (III, 15; vgl. II, 1). Der durch Abgeordnete u.ä. ausgeübte Gemeinwille ist eben deshalb ein anderer, weil die Einrichtung einer solchen Nationalversammlung darauf hinausläuft, “das Sonderinteresse zweier Rangordnungen auf den ersten und zweiten Platz” zu setzen; “das öffentliche Interesse erhält bloß den dritten”. Allenfalls als Notbehelf wie z.B. infolge einer riesigen Staatsgröße möchte Rousseau ein Parlament zulassen, dessen Beschlüsse freilich erst dann Gesetzeskraft erlangen sollen, wenn das Volk selbst sie ratifiziert hat. Kurz darauf spitzt er seine Ablehnung jedoch wieder zu: “Von dem Augenblick an, in dem sich ein Volk Abgeordnete gibt, ist es nicht mehr frei; es ist überhaupt nicht mehr” (a.a.O.).Google Scholar
  42. 208.
    Und: “Es ist absurd und widersprüchlich, dass sich der Souverän ein Oberhaupt gibt; sich verpflichten, einem Herrn zu gehorchen, heißt: sich in volle Freiheit zurückzuversetzen” (III, 16).Google Scholar
  43. 209.
    III, 18; vgl. I, 7 sowie IV, 2.Google Scholar
  44. 210.
    “Übrigens ist ein Volk bei jedem Stand der Sache stets Herr darüber, seine Gesetze zu ändern, selbst die besten; denn wenn es ihm gefällt, sich selbst Schaden zuzufiigen — wer hat das Recht, es daran zu hindern?” (II, 12). Dieses Charakteristikum der Volkssouveränität ist auch gegenüber Talmon zu betonen, der im Hinblick auf eine mögliche Konkretion (besser gesagt: ein Zerrbild) der Republik Rousseaus — nämlich “Länder, in denen die Politik alles umfasst und die Menschen ständig versammelt sind” — folgendermaßen argumentiert: “In letzterem Fall besteht der wahre Zustand darin, dass obwohl alle damit beschäftigt scheinen, den Volkswillen zu formen und das mit einem Gefühl der Erhebung und Erfüllung tun, sie in Wirklichkeit etwas bestätigen und akzeptieren, was ihnen als alleinige Wahrheit vorgesetzt wird, und dass sie dabei im Glauben sind, es sei ihre freie Wahl. Das ist die tatsächliche Bedeutung von Rousseaus Vorstellung des Volkes, das den Allgemeinen Willen will” (1961: 43). In der genuinen Republik Rousseaus setzt dem Volk niemand irgendetwas einfach vor — noch nicht einmal der anfängliche Gesetzgeber (vgl. II, 7). Und selbst das sonst allgemein anerkannte Gute hat im Konfliktfall eben der Souveränität des aktuell verstockten oder bösen Volkswillens zu weichen. Doch ist einzuräumen, dass die bei Rousseau immer wieder spürbare Kopplung des Guten mit der wahren Freiheit — und die damit zusammenhängende Unterscheidung von volonté générale und volonté de tous — Handhaben dazu bietet, den von Talmon skizzierten Zustand zu legitimieren.Google Scholar
  45. 211.
    Dafür bildet u.a. die Kurzdiagnose, die Loewenstein am Anfang seiner noch immer lesenswerten “Studien zur Dogmengeschichte der unmittelbaren Volksgesetzgebung” gab, einen indirekten Beleg: “Das parlamentarische System, das die Führerschaft des Staates an die Gefolgschaft der Mehrheit der parlamentarischen Vertreter bindet und der Allgemeinheit der Staatsmitglieder während der Amtsdauer der Repräsentanten jeden rechtlich begründeten Einfluss auf die Regierung und die sie kontrollierende Vertretungskörperschaft versagt, befindet sich seit längerer Zeit in einer sich täglich verschärfenden Krise, die mit staatstechnischen und staatsorganisatorischen Mitteln kaum dauernd zu beheben sein wird.... Allenthalben drängt das nach Befreiung von den ständisch-feudalen und traditionell-monarchischen Bindungen zur staatsrechtlichen Mündigkeit erwachsene Volk neben und an Stelle der Vertreter zur unmittelbaren Teilnahme am Gemeinwesen” (1922: IX). Bezeichnenderweise sieht Loewenstein, der diese mächtige Tendenz zur Durchsetzung unbeschränkter Volksherrschaft ausdrücklich auch für Großbritannien und, mit gewisser Einschränkung, die gerade entstandene Sowjetunion — in der Form des Sowjetsystems — konstatiert (a.a.O.), hier nur den Gegensatz von Volkssouveränität und relativ eigenständiger Volksvertretung, wie sie eben von der liberaldemokratischen Auffassung favorisiert wird.Google Scholar
  46. 212.
    Vgl. dazu unten, Kap. IV.2.3.2 (Exkurs 4).Google Scholar
  47. 213.
    Denn: “Da ... der Souverän nur aus den einzelnen, aus denen er sich zusammensetzt, gebildet ist, hat er kein dem ihrigen Interesse entgegengesetztes Interesse, und kann es gar nicht haben. Infolgedessen hat die souveräne Macht keinen Schutz vor ihren Untertanen nötig, denn es ist unmöglich, dass der Körper all seinen Gliedern schaden wolle. Wir werden weiter unten sehen, dass er auch keinem als einzelnem schaden kann” (I, 7).Google Scholar
  48. 214.
    Freilich erwähnt Rousseau auch den wichtigsten Außenaspekt, die Beziehung der Republik zu anderen souveränen Gemeinwesen, nur sehr flüchtig. Zwei Bemerkungen immerhin geben einen gewissen Aufschluss: Das Gemeinwesen wird eben “im Verhältnis zum Ausland ein einfaches Wesen, ein Individuum”, das seine Beziehungen zu anderen solchen Individuen offensichtlich nach Belieben gestalten kann. Dabei gibt es allerdings zwei Einschränkungen, die eigentlich nur eine sind. Dem Souverän ist es nämlich nicht gestattet, Verträge abzuschließen, die den Gesellschaftspakt selbst beeinträchtigen. Ferner darf das Gemeinwesen keine wirklichen, d.h. gesetzlich sanktionierten Eroberungen machen, also fremde Völker u.ä. dem eigenen Staat gegen ihren Willen einverleiben: “Denn das Wesen des Staatskörpers besteht in dem Einklang von Gehorsam und Freiheit” (I, 7 und III, 13).Google Scholar
  49. 215.
    Wie jedoch der Bestimmung des Gemeinwohls sowie der Gleichheit der Staatsbürgerschaft zu entnehmen ist (a.a.O., 102 und 105), sollten diese Verpflichtungen grundsätzlich nicht den von Rousseau intendierten Umfang annehmen. Ein solcher Umfang würde sich auch schlecht mit seiner erwähnten Hochschätzung des persönlichen Eigentums vertragen.Google Scholar
  50. 216.
    Vgl. a.a.O., 80ff. sowie unten. Deshalb richtet sich seine Feststellung “Man muss die Nationen auf der Erde als Individuen ohne gesellschaftliche Bindung oder, wie man sagt, im Naturzustand betrachten. Die Ausübung ihres Willens ist frei und von allen bürgerlichen Formen unabhängig” (a.a.O., 82) auch nicht nur auf die Außenbeziehungen der Nation, sondern mehr noch gegen die Intention, die Volkssouveränität nationsintern durch eine ihr übergeordnete Verfassung einzuhegen.Google Scholar
  51. 217.
    “Die Gemeinschaft (Nation — B.E.) bedarf eines gemeinschaftlichen Willens; ohne die Einheit des Willens würde sie nie ein wollendes und handelndes Ganzes ausmachen können” (a.a.O., 78; Hervorhebung im Text). Von Rousseau unterscheidet sich Sieyes in diesem Punkt nur dadurch, dass ihm dieser Wille nicht zu einer überempirisch-wesenhaften volonté générale gerinnt, sondern grundsätzlich die volonté de tous bleibt. Damit sind und bleiben auch “die Willen der Einzelnen” das “wesentliche Element des Ganzen” und der damit gegebenen souveränen Gewalt (a.a.O).Google Scholar
  52. 218.
    Angesichts der Bedeutung des Repräsentationsprinzips und der damit zusammenhängenden Lehre von der Gewaltenteilung kann Sieyes deshalb auch nicht einfach als Schüler Rousseaus betrachtet werden. Zweig, der vor dem 1. Weltkrieg eine umfangreiche Untersuchung zur “Lehre vom Pouvoir constituant” vorgelegt hat, verweist auf seine starke ideelle Abhängigkeit auch von Locke sowie den Anschauungsunterricht der amerikanischen Revolution von 1776 und der aus ihr hervorgehenden Unionsverfassung. Und er kommt zu dem Gesamturteil: “Eine unbefangene Würdigung seiner geschichtlichen Rolle wird es ihm ... als nicht geringes Verdienst gelten lassen, dass er mit sicherem Blick die ideelle Aufgabe der Revolution erkannt und zu der seinen gemacht hat. Das war die Synthese des Satzes von der Volkssouveränität mit dem Dogma von der Gewaltenteilung” (1909: 117ff.).Google Scholar
  53. 219.
    “Der Dritte Stand umfasst alles, was zur Nation gehört. Und alles, was nicht der Dritte Stand ist, kann sich nicht als ein Bestandteil der Nation betrachten” (a.a.O., 34).Google Scholar
  54. 220.
    Deutlich milder fällt dieses Verdikt gegenüber dem ersten Stand, der Geistlichkeit aus. Und zwar deshalb, weil sie, auch wider Willen, mehr ein Beruf als ein Stand ist — und damit eben fir die Nation als bürgerliche Gesellschaft etwas leistet. Ja: “Gerade weil die Geistlichkeit ein Beruf ist, ist sie etwas unter uns” (a.a.O., 33).Google Scholar
  55. 221.
    a.a.O., 32f. und 107; vgl. 63 und 113.Google Scholar
  56. 222.
    Vgl. a.a.O., 34, 97, 107 und 112.Google Scholar
  57. 223.
    “Während die Aristokraten von ihrer Ehre reden und über ihr Interesse wachen, wird der Dritte Stand, d.h. die Nation, ihre Tugend entwickeln; denn wenn das Interesse eines Standes Selbstsucht ist, so ist das Nationalinteresse Tugend” (a.a.O., 94). Wie man sieht, fällt in einem wichtigen Punkt auch bei Sieyes das Nützliche mit dem ethisch Guten systematisch zusammen: Die Tugend, d.h. die sittliche Tüchtigkeit des einzelnen als Staatsbürgers besteht wiederum in der Verfolgung des Interesses des Ganzen, das hier eben die Nation bzw. das Vaterland (die patrie) ist. Und wenig später wird, angesichts der inneren Gegner und äußeren Feinde der Revolution, diese Tugend als spezifisch moderner Nationalismus eben über alles gestellt (vgl. Cobban 1975: 150ff.).— Bei Robespierre übrigens, dem in praktischpolitischer Hinsicht wichtigsten Schüler Rousseaus, dreht sich der übliche Zusammenhang des gesellschaftlich Nützlichen und Guten geradezu um: “Wenn eine Institution gut und gerecht war, konnte sie nicht anders als nützlich sein. ... An diesen optimistischen Glauben klammerte er sich bis zum Ende” (Cobban a.a.O., 141). Dieser Glaube ist vielleicht der wichtigste Grund für den besonderen Eifer Robespierres, die Herrschaft des Volkes als die Herrschaft der Tugend — wiederum also: des Patriotismus — zu etablieren, die angesichts der prekären politischen Lage freilich durch Terror ergänzt und wegen des “durch den Despotismus korrumpierten Pöbels” mehr und mehr zur Herrschaft einer tugendhaften Minderheit umgeformt werden musste (a.a.O., 147ff.).Google Scholar
  58. 224.
    Die Regierung — von Sieyes als die gewöhnlichen Stellvertreter eines Volkes bezeichnet —, die sich eben in eine Legislative und eine Exekutive aufteilt, hat so “den Auftrag, nach den Grundsätzen der Verfassung den ganzen Bereich des gemeinschaftlichen Willens zu vollziehen, welcher zur Erhaltung einer guten gesellschaftlichen Verwaltung nötig ist” (a.a.O., 79f. und 84).Google Scholar
  59. 225.
    a.a.O., 79f., 99ff. und 84.Google Scholar
  60. 226.
    Auch Sieyes unterscheidet drei Arten von Interessen — neben dem gemeinschaftlichen eben das Gruppen, das Standes-, Zunft- usw. -interesse sowie das persönliche Interesse (“wodurch sich jeder isoliert, indem er nur an sich denkt”). Und wie Rousseau sieht er in solchen Gruppeninteressen bzw. den daraus resultierenden schrecklichen Verbrüderungen das eigentliche politische Übel: “Dadurch entstehen die für die Gemeinschaft gefährlichen Pläne; dadurch bilden sich die fürchterlichsten öffentlichen Feinde” (a.a.O., 104f.).Google Scholar
  61. 227.
    Dann, der Herausgeber der hier benutzten Übersetzung von Sieyes, kommentiert diesen (um eine Sieyes’sche Äußerung zum dauerhaften Naturzustand der Nation ergänzten) Satz so: “Deutlicher konnte der Anspruch der bürgerlichen Gesellschaft auf volle politische Selbstbestimmung nicht zum Ausdruck gebracht werden!” (a.a.O., 9). Nach der hier vertretenen Gesamtargumentation — Nation als erstrebte Gemeinschaft! — wird damit der Sinn dieses Anspruchs eigentlich genau verfehlt: Nicht die bürgerliche Gesellschaft ist von Natur aus unbeschränkt souverän, sondern wir sind es, die willentliche Gemeinschaft der Franzosen, die gleichsam nur auch, d.h. hinsichtlich unserer unerlässlichen materiellen Reproduktion, eine arbeitsteilige bürgerliche Gesellschaft bilden (vgl. auch unten, Anm. 235). Da jedoch diese Reproduktion die nationale Gemeinschaft materiell erst ermöglicht, sollte jeder dazu fähige Nationsangehörige über eigene Berufstätigkeit auch seinen Beitrag zu ihr leisten.Google Scholar
  62. 228.
    Dieses Resultat ist bereits bei einigen wichtigen Ereignissen der Revolution von 1848, also in der Zeit des Völkerfrühlings, nicht zu übersehen. Besonders aufschlussreich ist dabei der Reichstag von Kremsier, bei dem es ja eigentlich um eine konstitutionell-demokratische Umgestaltung der Donaumonarchie gehen sollte: “Wenn wir sehen, dass die tschechischen Demokraten etwa lange Zeit mit der konservativen Regierung gegen die Linke des verfassungsgebenden Reichstags zu Kremsier stimmen, da sie von ihr eine Unterstützung gegen die Deutschen erhoffen, wenn wir sehen, wie sich das innenpolitische Verfassungsprogramm der verschiedenen Nationalitäten jeweils ändert und nur ihr nationales Programm konstant bleibt, dann können wir mit besonderer Klarheit erkennen, wie in der Nation diese ganze Bewegung ihren eigentlich schöpferischen Lebenskern besitzt, wie hier auch das entscheidende, politisch und sozial verbindliche Symbol zu finden ist, das nun über dem Aufbau der politischen Welt stehen soll. Die Nation als Zusammenfassung zur politischen Geschehenseinheit ist bereits die überragende Realität, als Nation fühlt man sich einheitlich für die Aktion mobilisiert über alle Gegensätze von konservativ, liberal und demokratisch hinweg, die doch die Veranlassung der Revolutionsbewegung bedeutet hatten.... Es geht nicht so sehr um innenpolitische Gerechtigkeit oder um individuelle Freiheit und Liberalität, sondern um nationale Geltung und Macht. Es fordert also auch hier nicht so sehr das Individuum seine Menschenrechte, sondern eine Kollektivität, die Nation, verlangt nach aller politischen Macht und allem legitimem Recht. Die nationale Ideologie ist zur eigentlich sozial verpflichtenden geworden” (a.a.O., 130f.; vgl. auch Redlich 1920 und 1926 sowie Geist-Lanyi 1920).Google Scholar
  63. 229.
    Bei der theoretischen Deutung dieser Entwicklung in der Literatur vergangener Jahrzehnte werden die konservativen Spielarten des Nationalismus gern als integraler Nationalismus den früheren, stärker liberaldemokratischen Varianten entgegengesetzt (vgl. z.B. Winkler 1978). Eine solche Bezeichnung ist fir sich genommen nicht falsch, aber ganz irreführend. Denn jeder Nationalismus ist integral, versucht er doch, die fragliche Bevölkerung zur Gemeinschaft Nation zu integrieren. Hinzu kommt, dass die integrativen Bemühungen der frühen Nationalismen durchschnittlich nicht schwächer, sondern stärker bzw. weitgehender als die der späteren ausfielen. Dies konnte schon deshalb der Fall sein, weil zumindest außerhalb Großbritanniens die modernen Klassengegensätze in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht den scharfen, ja antagonistischen Charakter vom Jahrhundertende angenommen hatten, es also viel leichter möglich war, naiv an die Gemeinschaft Nation, an Gleichheit und Brüderlichkeit zu glauben und ihre unmittelbare sozio-politische Herstellung in Angriff zu nehmen.Google Scholar
  64. 230.
    In dieser, dem republikanischen politischen Akteur dieser Zeit eigenen Sicht bildet also die Einheitlichkeit des Volkswillens den spezifischen und zugleich vollkommensten Ausdruck der allgemeinen Durchsetzung der neuen nationalen Identität, die eben die wahre kollektive Identität ist.Google Scholar
  65. 231.
    Rousseau selbst geht übrigens auf die doch naheliegende empirische Möglichkeit, dass nur ein Teil der Bevölkerung eines bestimmten Gebiets sich am Gesellschaftspakt beteiligen will, zunächst gar nicht ein. Erst im vierten Buch heißt es dann: “Wenn sich also während des gesellschaftlichen Vertragsabschlusses Opponenten finden, so beeinträchtigt ihre Opposition nicht den Vertrag, sondern verhindert nur, dass sie darin eingeschlossen sind. Sie sind Fremde unter den Staatsbürgern. Sobald der Staat gegründet ist, ist die Zustimmung durch den Wohnort gegeben. Das Staatsgebiet bewohnen bedeutet: sich der Souveränität zu unterwerfen” (a.a.O., IV, 2). Letzteres gilt allerdings nur für einen freien Staat, der u.a. daran zu erkennen ist, dass er seinen Bürgern die ungehinderte Auswanderung gestattet.Google Scholar
  66. 232.
    Genauer: “Im Ausland geborene Kinder französischer Eltern und Nachkommen expatriierter Protestanten mussten sich in Frankreich niederlassen und einen Bürgereid schwören, wollten sie als Franzosen anerkannt werden. Auch Ausländer, denen nach fiinfjähriger Ansässigkeit in Frankreich die Staatsbürgerschaft verliehen wurde, mussten den Bürgereid leisten” (Brubaker 1994: 123). In diesem letzteren Punkt liegt die Liberalisierung gegenüber der Staatsbürgerschaftspraxis des Ancien Regime (vgl. a.a.O., 62ff.).— Dass übrigens eine objektivistische Nationsauffassung, wie sie beispielhaft in Deutschland dominierte, auch zu einem erheblich anderen Verständnis von Staatsangehörigkeit fiihrt und führen muss, ist ebenfalls dieser Arbeit von Brubaker zu entnehmen.Google Scholar
  67. 233.
    Wiederum suggeriert das Wort Strategie etwas, was es im Zusammenhang nicht sollte — dass es nämlich ein Feldherr-Subjekt (einen politischen Führer, eine Elite o.ä.) gegeben habe, das diese Vorgehensweisen nüchtern kalkuliert und mit genau berechneter Wirkung einzusetzen vermochte. Die faktische Bildung der älteren, wohletablierten Nationen ist nirgendwo derart (zweck)rational verlaufen. Angemessener ist die Vorstellung von untereinander zusammenhängenden Vorgehensweisen, die sich teilweise in der Tat direkt den Imperativen des national- oder auch liberaldemokratischen Prinzips, teilweise der eigenwilligen Dynamik der durch den sozio-politischen Umbruch begünstigten Massenbewegungen verdankten, vor allem aber sich erst anhand der konkreten Schwierigkeiten, dem allgemeinen Ziel einheitlicher Volkswille und entsprechende nationale Gemeinschaft näher zu kommen, herausschälten, d.h. nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum und insofern naturwüchsig herausbildeten. Von Strategien im obigen Sinne lässt sich dagegen mit einigem Recht bei jüngeren Nations- bzw. Nationalstaatsbildungen sprechen, die sich auf eine Reihe von Vorbildern stützen konnten und können.Google Scholar
  68. 234.
    Objektiv ist die damit erfolgte sozio-politische Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft zweifellos in erster Linie dem diesem Gesellschaftstypus wahlverwandten liberaldemokratischen Prinzip zuzurechnen. Doch im Bewusstsein der Beteiligten erfolgte sie mindestens ebenso sehr aus nationaldemokratischen Motiven. Zu der für den unmittelbaren Vorgang dieser Durchsetzung vor allem verantwortlichen Nachtsitzung vom 4. auf den 5. August 1789 bemerkt Tulard: “Ein Abgeordneter beschrieb die allgemeine Stimmung: ‘Man fühlte sich hingerissen und wie im Delirium’, und ein anderer beobachtete: ‘Man weinte, man umarmte sich. Welche Nation! Welcher Ruhm! Was für ein Glück, Franzose zu sein!”’ (a.a.O., 62f.).Google Scholar
  69. 235.
    In dieser Hinsicht ist die Revolution von 1789 bekanntlich besonders kreativ geworden. Sie hat nicht nur neue Feiertage, sondern auch einen neuen Kalender (1792 = Jahr 1), eine neue Monatsrechnung sowie eine neue Einteilung der Woche (nach zehn statt sieben Tagen) hervorgebracht. Aus begreiflichen Gründen hat sich allerdings gerade die neue Woche nie richtig durchgesetzt.Google Scholar
  70. 236.
    Gegen die in den Sozialwissenschaften (jedenfalls in Deutschland) vorherrschende Verdrängung der traditionellen sozio-politischen Rolle des Militärs ist wohl zu betonen, dass die derart umgeformte Armee in so ziemlich allen größeren Nationalstaaten der Welt zu einer Schule der Nation und erstrangigen Verkörperung ihrer Einheit geworden ist und vielfach auch heute noch diese Bedeutung besitzt. So stellt z.B. Vogel am Ende seines Vergleichs der nationalstaatlichen Militärfeiern in Deutschland und Frankreich vor 1914 fest: “Denn ebenso wie im deutschen Kaiserreich war die Armee auch in anderen europäischen Staaten am Ende des 19. Jahrhunderts ein zentrales Symbol der Einheit und nahm entsprechend einen prominenten Platz in dem nationalen Kult ein. Die weit verbreitete, der Legitimation der allgemeinen Wehrpflicht dienende Konzeption des ‘Volks in Waffen’ bzw. der ‘Nation in Waffen’ unterstrich dabei das enge Band zwischen der Armee und der nationalen Gesellschaft, das in den nationalen Militärfeiern regelmäßig bekräftigt wurde” (1995: 210).Google Scholar
  71. 237.
    Gerade bei den Formen der wirtschaftlichen Nationalisierung (einschließlich der Sozialpolitik) wird die subjektive Erfahrung der übergreifenden Einheit der Nation überwiegend zur Wahrnehmung einer gesteigerten und nationsweiten Abhängigkeit der eigenen Person von anderen Menschen. Wie wichtig solche Abhängigkeitserfahrungen sind, die von nationalistischen Regierungen deshalb ja auch forciert bzw. künstlich erzeugt werden, beweist wohl ihr völliges Fehlen: Mit Menschen, die einem selbst gegenüber vollkommen autark sind und damit nie in die Lage geraten (können), auf entsprechende Hilfe angewiesen zu sein, ist mangels einer grundsätzlichen Wechselseitigkeit des Gebens und Nehmens Gemeinschaft nicht möglich. Gemeinschaftsstiftende Wirkungen besitzen diese Erfahrungen freilich nur dann, wenn sie positiv ausfallen, d.h. als wechselseitiges Geben und Nehmen erlebt werden, durch das die eigenen Ziele insgesamt weit besser als in relativ isolierter Unabhängigkeit erreicht werden können, und auf diese Weise die an sich ja nach wie vor ungeliebten Abhängigkeiten durch die damit verbundenen Vorteile mehr als kompensiert werden. Negative Erfahrungen führen demgegenüber zu Effekten der personalen Distanzierung, bringen also gemeinschaftsauflösende Wirkungen mit sich — jedenfalls dann, wenn sie nicht durch (nachträgliche) Heroisierungen in positive verkehrt werden können.Google Scholar
  72. 238.
    Dazu bemerkt Lefebvre in seiner Verteidigung der Jakobiner: “Doch gab es auch andere (Bourgeois im Konvent — B.E.), solche die der Meinung waren, die politische Demokratie habe die Pflicht, den sozialen Aufstieg, zumindest durch einen zweckentsprechenden Unterricht, zu begünstigen, und, da dem Staat eine beträchtliche Menge von Grundbesitz zugefallen war, auch den Erwerb von Eigentum zu erleichtern — sowie andererseits den weniger glücklichen Mitbürgern das tägliche Brot zu gewährleisten: die Erklärung der Rechte von 1793 bestimmte auf Antrag Robespierres, dass die ‘staatliche Unterstützung’ eine ‘heilige Schuld’ sei. Das ist der erste Keim der Sozialversicherung, und das Gesetz vom 22. Floréal hat durch die Krankenversicherung, die Alters- und Invalidenrenten, eine Hilfe fir Mütter kinderreicher Familien den ersten Ansatz dazu verwirklicht. Manche gingen noch weiter. Sie wünschten, die Republik solle einerseits die Zahl der kleinen Eigentümer vermehren, andererseits eine übermäßige Akkumulation von Reichtum in den Händen einiger Weniger gesetzlich verhindern, da diesen dadurch eine mit der Macht der alten Feudalen vergleichbare Macht über die Arbeitnehmer gegeben werden könnte. ... Die Montagnards haben sich in das Buch der Geschichte eingeschrieben als die Ahnen dessen, was man seither soziale Demokratie genannt hat, und im Werk der Revolutionsregierung gibt es etwas, das seinen Intentionen nach über ihre Zeit hinausging” (1975: 202f.).Google Scholar
  73. 239.
    Gelegentlich wird diese Strategie freilich durch die Gegenstrategie des internen Kolonialismus durchkreuzt, die sich den Bemühungen der Zentrumseliten verdankt, ihre politisch usw. privilegierte Stellung gegenüber potentiellen Konkurrenten aus und in der Provinz zu erhalten. Um das Ergebnis Hechters (1975), der diesen Vorgang für Großbritannien herausgearbeitet hat, in der verallgemeinerten Kurzfassung von Blaschke wiederzugeben: “Da die Herstellung ethnisch-kultureller Differenzen für das Funktionieren des vom Zentrum gesteuerten Gesamtsystems notwendig sein kann, fördert das Zentrum eine kulturelle Angleichung in den peripheen Gebieten nur dann, wenn sie nicht gegen seine Interessen verstößt. Um also im System des ‘internen Kolonialismus’ die Strukturen ethnischer Arbeitsteilung aufrechtzuerhalten, bedarf es einer doppelgleisigen Intervention des Zentrums gegenüber der Peripheie; einerseits muss das zentrale kulturelle Normsystem durchgesetzt werden, das ethnisch-regionale Ungleichheit begründet; andererseits behält das Zentrum eine Veto-Funktion gegen eine zu weitgehende Anpassung ‘intern kolonisierter’ Regionen, die zu einer Auflösung ethnischer Arbeitsteilung führen könnte. Genau diese doppelte Intervention von seiten des Zentrums ist es, die bei der Nationalstaatsbildung nicht zu einem Ausgleich kultureller und ethnischer Differenzen gefiihrt hat” (1980, S. 9). Auch wenn dabei dem Zentrum wohl zuviel an strategischer Planung an bewussten Steuerungs- und Teilungsabsichten unterstellt wird, dürfte Hechter mit dieser Auffassung in einer ganzen Reihe von Fällen empirisch recht haben, so etwa wiederum auch für Frankreich, d. h. Paris mit seiner distinguierten Betonung feiner Unterschiede (Bourdieu) gegenüber der “Provinz” und ihren Bewohnern. Theoretisch ist der Sachverhalt vor allem deshalb interessant, weil er in einer wichtigen Hinsicht zeigt, wie mit der einmal etablierten Nation auch materielle und ideelle Interessen mit nationsabträglicher Wirkung verknüpft sind. Dass also, um es zugespitzt zu formulieren, innerhalb der modernen Nation die Logik des nationaldemokratischen Prinzips auch aufgrund von ihm selbst erzeugter Interessen nicht voll zum Zuge kommt und kommen kann.Google Scholar
  74. 240.
    Was als nationales Kerngebiet gilt, entscheidet wiederum grundsätzlich die nationale Identität. Schon weil diese Identität aber auf vorgängige Gegebenheiten Rücksicht nimmt und Rücksicht nehmen muss, fällt dieses Kerngebiet meistens mit dem wirtschaftlichen, politisch-administrativem und/oder kulturellen Zentrum des nationalstaatlichen bzw. beanspruchten Gebiets zusammen. Dieser Sachverhalt schließt übrigens keineswegs ein, dass auch das Kerngebiet des virulenten Nationalismus bzw. der Nationsbildung mit diesem Zentrum notwendig identisch wäre. So war, im Falle Polens, im letzten Jahrhundert lange Zeit Krakau (und nicht Warschau) die Hochburg des polnischen Nationalismus. Und die erfolgreiche Einigung Italiens ist von dem randständigen Sardinien-Piemont aus betrieben worden, während bei dem als Hauptstadt fraglos anerkannten Rom erst der päpstlichen bzw. französischen Herrschaft ein Ende bereitet werden musste.Google Scholar
  75. 241.
    Auch dafür bietet die Revolution von 1789 eine Reihe von Beispielen, von denen die nationale Behandlung des Elsass zu den eindrücklichsten gehört. Die schon bald erfolgte, rechtlich-institutionelle Einverleibung bzw. Gleichschaltung des Elsass wird wie erwähnt von der Nationalversammlung mit der Behauptung einer entsprechenden Willenserklärung des elsässischen Volkes legitimiert. Fast gleichzeitig beginnen aber auch die kulturellen Assimilierungsmaßnahmen, die bei den nach Straßburg befohlenen Wächtern der Revolution u.ä. schnell in Vorschlägen gipfeln, die “‘deutsche Kalmückensprache’ auszurotten”, ja “alle ‘Hunnen’ aus dem Elsass (zu) vertreiben und durch Franzosen (zu) ersetzen” (Aubin 1938: 74). Mit dem Sieg der Jakobiner im Juli 1793 nahm dann der Druck der Pariser Zentrale auf eine mit Gewalt zu erzwingende sprachlich-kulturelle Assimilation des Elsass weiter zu (vgl. etwa die Schilderung bei Grab 1984: 153ff.). Staatliche Zwangsmaßnahmen zu dessen Assimilierung setzten freilich schon mit seinem Erwerb bzw. seiner Eroberung durch Mazarin und Ludwig XIV. ein, und sie dauerten, in teils milderer, teils verschärfter Form bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts an.— Aufschlussreich ist auch die nähere, quasi-offizielle Begründung, die dem allgemeinen Sprachenerlass des Wohlfahrtsausschusses vom Januar 1794 im Konvent (durch Barère) zuteil wurde: “Die fremden Sprachen müssen ausgerottet werden bis zur Wurzel, damit die betreffenden Gebiete nicht von der großen Familie desfranzösischen Volkes isoliert bleiben. Die Bürger in Unkenntnis der Nationalsprache zu lassen, bedeute Verrat am Vaterlande. Denn die fremden Sprachen hätten von jeher Aberglauben, Adels- und Priesterherrschaft gefördert und der Revolution den Eingang verwehrt” (Aubin a.a.O; Hervorhebung im Text).Google Scholar
  76. 242.
    So verfuhren z.B., was heute erstaunen mag, die (nördlichen) Niederlande mit dem ihnen durch den Wiener Kongress zugefallenen Belgien zwischen 1815 und 1830. Und obwohl sie auch nach der politischen Tradition keinen ernstzunehmenden Anspruch auf den Besitz der “südlichen Niederlande” hatten, brachte sie nach dem Brüsseler Aufstand von 1830 erst die Interventionsdrohung der europäischen Großmächte zum Einlenken, d.h. zur Anerkennung der Selbständigkeit Belgiens. Bei Nationalstaaten mit faktisch mehreren ethnischen bzw. nationalen Minderheiten ist übrigens schon die Furcht, andere Minderheiten könnten ebenfalls den Willen zur Sezession entwickeln oder sich darin bestärkt fühlen, ein Grund fir die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts.Google Scholar
  77. 243.
    Die Situation, dass — mit Rousseau gesprochen — ein Teil der Bevölkerung den Gesellschaftspakt nicht will, kehrt hier also wieder. Und damit auch ihre nationaldemokratische Konsequenz: Die opponierende Minderheit wird zu Fremden unter den Staatsbürgern.Google Scholar
  78. 244.
    “Die absolute Regierungsgewalt, die einer Majorität im demokratischen Staat zusteht, hat zur Voraussetzung, dass die jeweilige Mehrheit eine soziale und nationale Gemeinschaftlichkeit repräsentiert. In jeder Situation, wo es gleichsam eine konstante Minderheit gibt, deren soziale oder nationale Besonderheit sie aus dieser Gemeinsamkeit ausschließt, wird die demokratische Mehrheitsherrschaft zu einer Diktatur, bedeutet sie faktisch einen Privilegienstaat. ... Den eigenen Voraussetzungen nach kann der national-demokratische Herrschaftstyp gar nicht dazu kommen, derartige Differenzen in eine staatliche Einheit dadurch einzubauen, dass sie in ihrer Relevanz anerkannt werden und es daher etwa zur Aufgabe des Staates würde, gerade die soziale Minorität gegen die soziale Majorität zu schützen oder der nationalen Minorität in einer Autonomie Eigenrechte zu garantieren, die unabhängig von dem souveränen Willen der Mehrheit wären. Denn dieser Staat der parlamentarischen Demokratie ist identisch mit Mehrheitsherrschaft, er steht und fällt mit dieser” (Ziegler 1931: 289f).Google Scholar
  79. 245.
    Als solche “cleavages” der europäisch-westlichen Gesellschaften führen Lipset und Rokkan in einer schon älteren Arbeit die Gegensätze zwischen Zentrum und Peripherie (Hauptstadt vs. Provinz), ethnokultureller Mehrheit und Minderheit(en), Stadt und Land sowie Unternehmern und Arbeitern an (1967); hinzuzufügen ist für eine Reihe von Ländern noch die Spaltung nach Konfessionen bzw. nach Klerikalen und Laizisten. So ausgeprägt diese Gegensätze im 19. Jahrhundert und selbst noch nach dem 2. Weltkrieg waren: In den letzten Jahrzehnten haben sie, mit gewisser Ausnahme des zuerst genannten, ihre frühere Schärfe und mithin die alte politische Brisanz durchgängig verloren; an ihre Stelle sind vielfältigere, nach den jeweiligen Kriterien wie den individuellen Zugehörigkeiten wesentlich flüssigere und schon deshalb weniger gravierende Fragmentierungen getreten. Auch darin unterscheidet sich die Gegenwart vom klassischen Zeitalter der Nation bzw. Nationsbildung, um das es hier primär geht.Google Scholar
  80. 246.
    Eine wichtige, ja entscheidende Voraussetzung zu einem solchen Konsens ist darin zu sehen, ob eine dafür günstige, sozial weithin geteilte (inoffizielle) Version der nationalen bzw. gesamtkollektiven Identität — oder jedenfalls Elemente davon — existiert und politisch aktiviert werden kann. Und zwar dahingehend, dass sie faktisch die quasi-nationalen und sozialen Gräben zu überbrücken hilft, die eben nicht nur durch gegensätzliche materielle Interessen, sondern auch die offizielle Identität und ihre Spannungen erzeugenden Bestimmtheiten aufgerissen werden.— Grundlegender Dissens ist seinerseits dann gegeben, wenn die konfligierenden Parteien einander nur als kollektive Gebilde ansehen, die lediglich auf die eine oder andere Weise zu verschwinden hätten oder bloße Objekte der eigenen Herrschaftsansprüche darstellten.Google Scholar
  81. 247.
    Da und soweit die empirischen Abweichungen von diesem Willen erst einmal als Verführung der Menschen durch der Republik feindlich oder zumindest indifferent gegenüberstehende politische Strömungen, durch auf ihre bloß partikularen Interessen fixierte Faktionen u.a. zu interpretieren waren, bestand folglich die sittlich gebotene Pflicht, diese vielfältige Opposition mit allen Mitteln zu bekämpfen. Insbesondere durfte den Anhängern der Monarchie, den direkten Feinden des Volkes unmöglich die Gelegenheit geboten werden, selbst oder durch von ihnen bezahlte käufliche Schreiber, d.h. Journalisten, “den Volkswillen zu verdrehen und zu sabotieren”; sie mussten vielmehr zumindest als verfestigte Partei niedergehalten, ja ausgemerzt werden (Talmon a.a.O., 102 und 104). Und soweit sich die Abweichung als Folge individueller Korruptheit darstellte, die an einer hartnäckigen Ablehnung oder auch nur Indifferenz gegenüber der Republik und der in ihr geforderten Tugend zu erkennen war, musste gegen sie ein eigenes Strafsystem angewendet werden, das notfalls wiederum zum Terror zu steigern war.Google Scholar
  82. 248.
    Zur begriffs- und ideengeschichtlichen Entwicklung des Souveränitätsbegriffs siehe u.a. Quaritsch 1970, 1986 und Reibstein 1972.Google Scholar
  83. 249.
    n dieser Hinsicht liegt eine Selbstbindung des Volkswillens bei modernen Verfassungen gewöhnlich nur insoweit vor, als die jeweilige Verfassung bestimmte Verfahren angibt, die der eigentliche Souverän bei seinem Willen, sie abzuschaffen, einhalten muss.Google Scholar
  84. 250.
    Dass dieses Verständnis nicht nur durch die erwähnte Spannung, sondern zugleich durch ein Verhältnis grundlegender sachlicher Ergänzung charakterisiert ist, macht Ziegler mit den folgenden Worten deutlich: “Man kann innerhalb seiner Postulate zwei Gruppen deutlich unterscheiden. Die Bestrebungen gehen einerseits auf ideelle Begründung und praktische Durchsetzung von Individualrechten. Das Recht des Einzelnen vor und gegen jede Herrschaftsorganisation ist hier letzter Ausgangspunkt. Der Sicherung solcher Rechte hat eine Konstitution vor allem zu dienen, in den bekannten ‘Menschenrechten’ finden diese Bestrebungen ihre programmatische Proklamierung.... Das Grundaxion dieser Einstellung kann aber von sich aus eigentlich nicht zur Grundlage einer selbständigen Herrschaftskonstituierung werden. ... Diese Aufgabe leistet innerhalb des Demokratismus ein zweites Prinzip, das der Volkssouveränität. In dieser Theorie der Volkssouveränität behauptet und begründete der Demokratismus einen neuen Kollektivismus, der zur sozialverbindlichen Grundlage einer neuen Herrschaftskonstitution werden konnte” (a.aO., 96f.). Die konkrete, Realität gewordene Form dieses Kollektivismus stellt natürlich die Nation dar. Allerdings begreift Ziegler sie eben nicht als eigene, auch gegenüber dem sie zunächst stiftenden Wissen in gewisser Weise verselbständigte soziale Wirklichkeit. In systematischer Hinsicht wird er der Nation als einer dinghaften, nicht auf Staat und Herrschaft beschränkten Wirklichkeit damit zwar nicht gerecht, arbeitet aber sehr scharfsichtig eine Reihe sozialer Prozesse, Konsequenzen und untergründiger Tendenzen heraus, die mit der politischen Durchsetzung bzw. Institutionalisierung gerade des Prinzips der Volkssouveränität verbunden sind.Google Scholar
  85. 251.
    Nach seinem Kern ist dieses Konzept freilich noch älter. An seinem Anfang steht wohl ein tiefes Misstrauen gegenüber der in der Revolution von 1789 zur politischen Realität gewordenen Volksherrschaft, ja der Schrecken vor ihr, wie u.a. in der von Fichte 1793 gestellten Frage: “Hat ein Volk überhaupt ein Recht, seine Staatsverfassung willkürlich abzuändern?” zum Ausdruck kommt (vgl. Abromeit a.a.O.).Google Scholar
  86. 252.
    Die kollektive Verpflichtung auf normative Gehalte kommt, bereits durch den Wortlaut, in den Art. 1, 6, 14, 20, 24 und 26 GG sowie der Präambel deutlich zum Ausdruck.Google Scholar
  87. 253.
    Auch bei ihm heißt es deshalb: „Im Verfassungsstaat gibt es keinen Souverän” (a.a.O., 121 u.ö.).Google Scholar
  88. 254.
    Anders als etwa für Großbritannien oder die Schweiz (vgl. unten) ist für den Verfassungsstaat Bundesrepublik so auch die — wiederum letztlich vom Verfassungsgericht zu entscheidende — Übertragung von Souveränitätsrechten nach außen, vor allem also: auf Institutionen der europäischen Gemeinschaft bzw. Union relativ unproblematisch, denn es fehlt ja der aktive Souverän, dessen Handlungsautonomie unzulässig eingeschränkt werden könnte: “Integration in eine supranationale Gemeinschaft heißt ... im Verfassungsstaat der BRD zunächst nicht mehr als die Ergänzung, ggf. teilweise Ersetzung gegebener Normen. Das BVerG hatte in seinem Urteil zum Maastricht-Vertrag denn auch keine große Mühe, den Vertrag als mit dem Grundgesetz vereinbar zu befinden. Mögliche Probleme sieht es weniger im legitimatorischen Bereich voraus als in dem der Kompetenzabgrenzung zwischen den verschiedenen ‘pouvoirs constitués’, zu denen mit den europäischen Institutionen weitere hinzugetreten sind. Sie alle stehen definitionsgemäß unter der Verfassung, die künftig der Intention nach eine europäische sein wird” (a.a.O., 64).Google Scholar
  89. 255.
    Ein anderes, ursprünglich US-amerikanischem Druck geschuldetes Verfassungsmerkmal, nämlich die Zustimmungspflichtigkeit der Länderkammer zu einem großen, faktisch noch anwachsenden Teil der Bundesgesetze, führt manchmal freilich erst richtig dazu, diese Unbeweglichkeit und Schwerfälligkeit zu einem Ausmaß zu steigern, dessen Folgeschäden schwer zu übersehen sind. Denn wie zuletzt die Legislaturperiode 1994–98 sehr deutlich gezeigt hat, tritt ein weitgehender politischer Stillstand („Reformstau“) auf Bundesebene ein, wenn die Opposition über die Bundesratsmehrheit vertilgt und sie oder die Regierung einen solchen Stillstand auch nur in kauf zu nehmen bereit ist.Google Scholar
  90. 256.
    Der Herrschaft Napoleons in dieser formellen Hinsicht sehr ähnlich war auch diejenige seines Neffen Louis Bonaparte, dessen offizieller Titel seit 1852 “Kaiser der Franzosen durch die Gnade Gottes und den Willen der Nation” war. Der Sache nach gehörte seine Herrschaft freilich eher zum Typus der plebiszitären Führerdemokratie (vgl. unten).Google Scholar
  91. 257.
    Max Weber bemerkt dazu: “Diese Art der Verwaltung fmdet ihre normale Stätte in Verbänden, welche 1. lokal oder 2. der Zahl der Teilhaber nach eng begrenzt, ferner 3. der sozialen Lage der Teilhaber nach wenig differenziert sind, und sie setzt ferner 4. relativ einfache und stabile Aufgaben und 5. trotzdem ein nicht ganz geringes Maß an Entwicklung von Schulung in der sachlichen Abwägung von Mitteln und Zwecken voraus” (1976: 546).Google Scholar
  92. 258.
    Vgl. Breuer 1994: 183. Breuer merkt freilich kritisch an: “Wahlen werden unter diesen Auspizien Personalplebiszite, die Diskussion von Sachfragen tritt zurück hinter dem Wettkampf um die Gunst des Publikums, Politik wird in vieler Hinsicht zu einer Funktion der Rhetorik, mit der Gefahr, dass die Erwartungen der Massen schneller steigen als die Fähigkeiten der Führer, sie zu erfüllen” (a.a.O.).Google Scholar
  93. 259.
    Ziegesar kann deshalb feststellen: “Formal ist die Krone auch heute noch Inhaberin aller drei Gewalten. Über materielle Entscheidungsgewalt verfügt sie jedoch kaum mehr. Alle drei Gewalten, die legislative, die exekutive und die richterliche, fließen formal in einer Person, der Königin zusammen” (1991: 164).Google Scholar
  94. 260.
    Die immer noch gültige Standardformel für dieses Souveränitätsprinzip, das auch einen gewichtigen Grund für den aktuellen Mangel an Bereitschaft Großbritanniens (und nicht nur weniger Politiker) bildet, wirkliche Souveränitätsrechte an die Europäische Union abzugeben, stammt von Dicey (1885): “(Es) bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass das Parlament ... das Recht hat, jedes beliebige Gesetz zu erlassen oder aufzuheben; und weiterhin, dass keine Person oder Institution eine vom englischen Recht anerkannte Befugnis hat, die parlamentarische Gesetzgebung außer Kraft zu setzen” (1959: 39).Google Scholar
  95. 261.
    “In der britischen Verfassung ist das Volk nicht einmal anerkannt, es sei denn als Wählerschaft, die in periodischen Abständen eine Regierung wählt” (Ziegesar a.a.O., 260).Google Scholar
  96. 262.
    Als Beispiel dafür sei der Ausschnitt eines Interviews angeführt, das Enoch Powell 1982 dem Guardian gegeben hat: “Es stehen mir leicht die Haare zu Berge, wenn das Wort ‘Demokratie’ auf das Vereinigte Königreich angewandt wird. Anstatt dessen sage ich, ‘wir sind eine parlamentarische Nation’. Wenn Sie uns in die Schublade ‘Demokratie’ stecken wollen, will ich mich nicht beklagen: Ich kann Ihnen dann aber nur sagen, Sie haben sehr wenig von dem Vereinigten Königreich verstanden”. Und Ziegesar selbst, der diesen Ausschnitt wiedergibt, bemerkt zurückhaltend, aber doch eindeutig: “Großbritannien war zwar schon ... sehr früh ein parlamentarisch regiertes Land, das von Liberalen im Ausland wegen seiner politischen Institutionen und seiner Bürgerfreiheiten bewundert wurde, es war aber kein demokratisch regiertes Land. Parlamentarisierungs- und Demokratisierungsprozesse müssen nicht Hand in Hand gehen” (a.a.O., 268).Google Scholar
  97. 263.
    Die Darstellung stützt sich noch einmal in erster Linie auf Ziegler, der trotz einzelner, vor allem zeitbedingter Verzerrungen die einschlägigen Sachverhalte auch hier prägnant herausgearbeitet hat.Google Scholar
  98. 264.
    Um es zu wiederholen: Gerade dieser Grundauffassung entspricht eine gesamtstaatliche Zentralisierung, wie sie für und in Frankreich noch immer vorherrscht. Denn die Anerkennung einer gewissen Eigenständigkeit von Regionen oder Provinzen durch Regionalparlamente u.ä. würde ja bedeuten, die Entstehung von politischen Sondergesellschaften zu begünstigen oder sie in ihrer Existenz zu bestärken. Das mag sich zwar aus bestimmten sozio-politischen Gründen — darunter nicht zuletzt: die faktische Wahrung der staatlichen Einheit der Nation — empfehlen, ist aber unmittelbar mit diesem klassischen Verständnis nationaler politischer Einheit unverträglich.Google Scholar
  99. 265.
    Ziegler a.a.O., 266f. Dazu steht nur scheinbar im Widerspruch, dass der Staat als Verkörperung der Nation und als Ausdruck ihrer Selbständigkeit nach außen — faktisch und gleichsam nachträglich — eine starke, vorher nicht gekannte Rangerhöhung erfährt (vgl. a.a.O., 260f. und 258 sowie unten).Google Scholar
  100. 266.
    Ziegler sagt deshalb mit Recht: “Typische Formen auch der demokratischen institutionellen Organisation: etwa Wahl, Repräsentanz, politische Willensbildung und Führerauslese durch Konkurrenz, Entscheidung durch Mehrheitsbeschluss, Regierung als Volksherrschaft usw., erhalten ihre soziale Verbindlichkeit erst auf Grundlage dieser nationalen Einheits- und Souveränitätsidee” (a.a.O., 275).Google Scholar
  101. 267.
    Bezeichnenderweise rechnet Tulard denn auch, neben der Armee, die staatliche Verwaltung zum endgültigen und wahren Sieger der Revolution von 1789: “Die Revolution erscheint im nachhinein als große Aufbauperiode einer neuen Verwaltung”, die sich schon während der Direktoriumszeit zu einer relativ autonomen Gewalt entwickelte und deren Angehörige sich “bis über die Restaurationszeit hinaus halten (sollten)” (1989: 178 und 176f.).Google Scholar
  102. 268.
    An diesem Punkt setzt bekanntlich alle “realistische” Betrachtungsweise der Demokratie, insbesondere die Konkurrenztheorie von Schumpeter (1950) an. Nach ihr ist eben die Auffassung einer wie immer vermittelten Identität von Regierenden und Regierten ganz illusorisch. Demokratie ist vielmehr — und kann unter den modernen Bedingungen des Massenstaats nur sein — eine Methode der Führerbestellung durch das Volk. Und die wirkliche Aufgabe der gewöhnlichen Staatsbürger besteht daher nur darin, mit ihrer Stimmabgabe über die “Annahme oder Ablehnung der sich ihnen zur Wahl präsentierenden Führungsgruppen oder politischen Eliten” zu entscheiden (Lenk 1974: 37).Google Scholar
  103. 269.
    Das klassische Beispiel dafür ist natürlich die zumindest anfängliche Herrschaft Napoleons als unmittelbarem Erben der großen Revolution: “Die Nation, die durch die Revolution zu einem sozial wirksamen Bewusstsein von ihrer Identität mit der staatlichen Herrschaftsorganisation gekommen war, rechnet sich nun alle Siege des Kaisers selbst zu, kann die Erfolge seiner Politik als eigenen Prestige- und Machtzuwachs empfinden und wird daher zu den größten Opfern bereit. Diese Selbstidentifikation sowie die neue Funktion des Herrschers, der nun zum Repräsentanten der nationalen Gesamtheit wird, ist etwas durchaus Neues und ermöglicht die nationale Mobilisierung durch Napoleon” (a.a.O., 120).Google Scholar
  104. 270.
    In den zugespitzten Worten von Ziegler: “Alle faktischen Grenzen, die noch die Macht des dynastischen Absolutismus gebunden hatten... sie fallen nun weg, und die im Namen des nationalen Willens handelnde Regierung kann im wahrsten Sinne des Wortes ‘absolut’ über Gut und Blut jedes Einzelnen legitimerweise verfügen. Der nationalen Anonymisierung und Kollektivierung der Herrschaft geht parallel ihre Verabsolutierung. Diese Realitäten stehen am Ende des Demokratisierungsprozesses, sind seine notwendigen Konsequenzen” (a.a.O., 104).Google Scholar
  105. 271.
    Nur konsequent muten daher die (schließlich in den 1. Weltkrieg) mündenden Balkankriege von 1912/13 an. Die immer offenkundiger werdende Schwäche des Osmanischen Reichs musste die jungen Nationalstaaten dieses Raums dazu ermuntern, ihre betreffenden Irredentagebiete mit militärischen Mitteln von der Türkenherrschaft zu befreien und sich staatlich einzuverleiben. Und die praktische Uneindeutigkeit bzw. Widersprüchlichkeit der zur nationalen Grenzziehung zwischen diesen Staaten dienenden Kriterien dann dazu, den Streit über die Verteilung der eben erst gewonnenen Beute wiederum gewaltsam auszutragen.Google Scholar
  106. 272.
    “Nicht das pacta sunt servanda, sondern die clausula rebus sic stantibus entspricht der Logik der national-demokratischen Souveränität, entspricht der durch diese Politik geschaffenen Rechtmäßigkeit. Diese Souveränität kennt gleichsam vor allem sich selbst, nicht aber den anderen. ... Dadurch schwächt sie notwendig die Verbindlichkeit von universalistischen Ordnungsprinzipien. Die nationale Souveränität wirkt also, wenigstens ihrer eigenen Gesetzlichkeit nach, nicht in der Richtung einer Verstärkung der internationalen Bindungen, sondern in der Richtung einer Intensivierung der Unabhängigkeit” (a.a.O., 251). Zu erinnern ist hier auch an die Auffassung der nationaldemokratischen Klassiker, nach der zwischen den Nationen u.ä. der Naturzustand fortbesteht. Also ein Zustand, der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil zwar nicht ausschließt, vor allem aber durch Rivalität und Kampf bis hin zur Vernichtung bestimmt ist.Google Scholar
  107. 273.
    In systematischer Absicht fügt Hayes wenig später hinzu: “Die den nationalen (wirtschaftlichen — B.E.) Interessen entspringenden Schwierigkeiten sind hauptsächlich folgende. Erstens: Jeder Nationalstaat geht diesen Interessen so intensiv nach, dass die weiterreichenden internationalen und Weltinteressen verdunkelt werden. Zweitens: Diese Interessen werden weniger von dem vernünftigen, zuständigen Einzelurteil verfolgt, als von dem nationalistisch erregten Volke. Drittens: Sie haben keinen Rückhalt an einem internationalen Gewissen oder einem internationalen Gericht, das sie regulieren oder in Einklang bringen könnte, sondern nur an den einzelnen Nationalstaaten, die unendlich stolz und eifersüchtig sind auf ihre unbedingte und absolute Souveränität” (a.a.O., 151). An diesen Äußerungen wird freilich auch die große Distanz deutlich, die gerade hinsichtlich der internationalen wirtschaftlichen Beziehungen die Gegenwart von der Zeit vor dem 2. Weltkrieg trennt.Google Scholar
  108. 274.
    Vgl. dazu für das Zeitalter des Imperialismus unten, Kap. V.Google Scholar
  109. 275.
    Wenigstens am Rande sei jedoch auf die großen Unterschiede, ja Gegensätze hingewiesen, die in diesem Punkt zwischen West- und Osteuropa im 19. Jahrhunderts bestanden und wohl am besten bei der Industrialisierung der einzelnen Länder zu beobachten sind. Während etwa die Regierungen des sich allmählich nationalisierenden Russlands die Industrialisierung des Landes vor allem als staatliche Angelegenheit begriffen und dazu über eine verstärkte Besteuerung der Bauern, über die Ausgabe von Staatsanleihen u.ä. gewaltige Massen an industriellem Kapital in seinen verschiedenen Formen in ihrer Hand zu konzentrieren suchten, hat sich die Industrialisierung Großbritanniens im wesentlichen ohne direkte staatliche Eingriffe vollzogen. Erst seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts setzte sich hier (gegen die Grundannahmen der von Adam Smith begründeten Tradition) die Auffassung zunehmend durch, dass der Staat eine eigene Wirtschafts-, und nicht nur Handelspolitik treiben sollte und dazu über vermehrte wirtschaftliche Ressourcen verfügen müsse — und sei es nur deshalb, um die menschlichen Opfer des durch keinerlei staatliche Steuerung eingeschränkten, rein marktförmigen Tauschs von Gütern und Dienstleistungen am Leben zu erhalten.— Erwähnenswert ist noch ein anderer Sachverhalt: Vorformen der nationalstaatlichen Maßnahmen zur Steigerung der kollektiven Ressourcen gibt es bereits in der Phase B und C der Nationsbildung. Die wichtigsten davon bestehen in der Institutionalisierung nationaler wirtschaftlicher Selbsthilfeeinrichtungen, vor allem von Ein- und Verkaufsgenossenschaften und genossenschaftlich organisierten Banken.Google Scholar
  110. 276.
    Und hier wieder nur die typischen Maßnahmen nationalstaatlicher Zentralregierungen. Eine nähere Darstellung müsste freilich der Tatsache Rechnung tragen, dass der moderne Nationalstaat nach mehreren politischen bzw. Verwaltungsebenen mit einer gewissen Eigenständigkeit hinsichtlich ihrer wirtschaftsrelevanten Tätigkeiten aufgegliedert ist: “Neben der Zentralregierung gibt es lokale Verwaltungen, die sich bei aller Abhängigkeit von nationaler Gesetzgebung, Weisung und Geldzuweisung von Zentral- und Provinzialregierungen einen gewissen Grad von Unabhängigkeit in ihren Handlungen bewahrt haben oder im Laufe der Zeit erhalten. In den meisten Ländern gibt es zwischen beiden noch Provinz- oder Distriktregierungen (Präfekturen). Und manche europäischen Länder sind Föderationen oder Konföderationen, in denen die Bundesstaaten ein hohes Maß an Autonomie besitzen. ... Alle haben als ‘öffentliche Hände’ Einnahmen und Ausgaben und greifen, wenn auch mit sehr unterschiedlicher Kompetenz, in den Wirtschaftskreislauf ein” (Fischer 1985: 179). Allerdings tritt auf den unteren Ebenen staatlichen Handelns die gesamtnationale Orientierung zurück oder fehlt völlig.Google Scholar
  111. 277.
    Eine systematische Differenz zwischen diesen beiden Zielen besteht natürlich darin, dass Wirtschaftswachstum normalerweise zwar eine notwendige, aber nicht zureichende Bedingung kollektiven Wohlstands ist. Um mit dem einen auch das andere zu erreichen, bedarf es außerdem — in erster Linie — einer entsprechenden Finanz- und Sozialpolitik, die gleichsam nachträglich für eine größere Angleichung der individuellen Einkommens u.ä. sorgt. Dass die durchschnittliche Bereitschaft der einzelnen Nationalstaaten zu einer solchen Nivellierung zumindest vor dem 1. Weltkrieg nur schwach ausfiel, ist schon erwähnt worden (vgl. IV.2.3.1). Sofern sie sich jedoch hier oder später in entsprechende Maßnahmen übersetzte, bestand die spezifisch politische Legitimation dieses Vorgehens in der Berufung auf die allgemeine Verpflichtung zu einem Minimum an praktischer Solidarität der Nationsangehörigen untereinander.Google Scholar
  112. 278.
    Vgl. fir Deutschland etwa die Verhandlungen des Achten Evangelisch-sozialen Kongresses von 1897 (mit Beiträgen von u.a. Karl Oldenberg, Adolph Wagner und Max Weber) sowie Dietzel (1901), fir Großbritannien die ideelle und politische Bewegung des Constructive Imperialism mit dem damaligen Kolonialminister Joseph Chamberlain an ihrer Spitze (siehe dazu die breit angelegte Darstellung von Mock 1982).Google Scholar
  113. 279.
    Dieser von Friedrich List stammende Ausdruck meint — im groben — die Produktivkräfte im Sinne von Marx, aber auch die Produktionsverhältnisse und selbst den Überbau, soweit er einen (positiven) Einfluss auf die Arbeitsproduktivität der isoliert oder gemeinschaftlich tätigen Individuen besitzt. Vgl. unten, Abschnitt I1.3.3.1.Google Scholar
  114. 280.
    So verfährt etwa, sehr prononciert, Max Weber (1895; vgl. unten, IV.3.3.3).Google Scholar
  115. 281.
    Siehe zu Punkt (a) etwa Mises (1919) und Sulzbach (1929), zu Punkt (b) und (c) Knies (1853 bzw. 1883; vgl. unten, I1.3.3.2). Allerdings stellen hier — wie fast stets — die rein theoretischen Intentionen nur eine Seite der mit diesen Arbeiten verfolgten Gesamtintention dar.Google Scholar
  116. 282.
    Historisch geht der territorial gebundenen Staatswirtschaft also die Stadtwirtschaft als dominanter Typus voraus. Weil jedoch die alte Auffassung vom Vorrang des Wohls des Ganzen und der Solidaritätspflicht aller für dieses Wohl fortbesteht, ist beiden Wirtschaftstypen auch die wirtschaftliche Bedeutung der Obrigkeit gemeinsam, d.h. deren allgemeine Wirtschaftspolitik und die Grundsätze dieser Politik. Nämlich erstens ihre weitgehende Fürsorge fir den Konsum derer, die der Stadt bzw. dem fraglichen Territorium angehören: “die ‘Versorgungspolitik’ der mittelalterlichen Städte wird von ihm (d.h. dem auch absolutistischen Territorialstaat — B.E.) in allen ihren Teilen auf das gewissenhafteste fortgeführt”. Zweitens ihre legitime Macht, die wirtschaftliche Tätigkeit des einzelnen mit Privilegien auszustatten oder empfindlichen Einschränkungen zu unterwerfen, wie sie es “im eigenen Interesse fir richtig hält: alle wirtschaftliche Tätigkeit ist eine ‘privilegierte”. Und drittens ihr Recht, diese Tätigkeit selbst zu überwachen und mit einem Netz von Weisungen zu überziehen: “alle wirtschaftliche Tätigkeit ist eine’ reglementierte” (Sombart a.a.O., 363ff.).Google Scholar
  117. 283.
    Und zwar unter dem Gesichtspunkt des grundlegenden “Verhältnis(ses), in welchem die Produktion der Güter zur Konsumtion derselben steht, erkennbar an der Länge des Weges, welchen die Güter vom Produzenten bis zum Konsumenten zurücklegen”. Er gelangt so, “wenigstens für die zentral- und westeuropäischen Völker”, zur Unterscheidung von drei Wirtschaftsstufen, die er als “1. die Stufe der “geschlossenen Hauswirtschaft (reine Eigenproduktion, tauschlose Wirtschaft)”, “2. die Stufe der Stadtwirtschaft” (Kundenproduktion oder Stufe des direkten Austausches)” sowie eben “3. die Stufe der Volkswirtschaft (Warenproduktion, Stufe des Güterumlaufes)” bezeichnet (1922: 91). Diese Einteilung ist gerade von wirtschaftshistorischer Seite kritisiert worden, und zwar einmal wegen ihres “konstruktiven Charakters”, dann aber auch wegen ihrer vermeintlichen Unilinearität (vgl. König 1958: 317f.). Lässt sich der erstere Vorwurf insoweit aufrechterhalten, als Bücher die von ihm herausgearbeiteten Stufen nicht nur als Ideal-, sondern als Realtypen verstand (was nicht eindeutig ist!), so entfällt der zweite Vorwurf in wenigstens einem gewichtigen Sinne. Denn: “Hauswirtschaft — Stadtwirtschaft — Volkswirtschaft bezeichnen nicht einen Stufengang, dessen Glieder einander völlig ausschließen. Es hat immer eine Art des Wirtschaftens vorgeherrscht; sie war in den Augen der Zeitgenossen das Normale. Auch in die Gegenwart ragen noch manche Elemente der Stadtwirtschaft und selbst der geschlossenen Hauswirtschaft herein” (Bücher a.a.O., 158). Was man Bücher unter dem hier interessierenden Gesichtspunkt dagegen vorwerfen muss, ist sein laxes begriffliches Umgehen mit den Begriffen Nation, Volk, Volkswirtschaft u.ä.. In gleichsam souveräner Missachtung der entsprechenden Begriffsbestimmungen und theoretischen Intentionen der historischen Schule der Nationalökonomie spricht er bereits dort von Volk usw., wo lediglich die Bevölkerung eines Territorialstaats gemeint (vgl. vor allem a.a.O., 135ff. und 151). Er tendiert so zwangsläufig dazu, bestimmte Unterschiede zwischen den drei von ihm konstatierten Perioden der Volkswirtschaft begrifflich zu verwischen.Google Scholar
  118. 284.
    Vgl. Weber a.a.O., 46, 39ff. und 115ff.Google Scholar
  119. 285.
    Dies muss gegenüber Hahn (1984) betont werden, dem die folgende Darstellung in erster Linie verpflichtet ist. Hinsichtlich der Frage des entscheidenden Faktors schreibt er nämlich am Beginn seiner Arbeit: “Betrachtet man die Entstehungsgeschichte des Deutschen Zollvereins, so treten neben den wachsenden wirtschaftlichen und fiskalischen Sachzwängen drei zentrale Triebkräfte hervor, die diesem Prozess nachhaltige Anstöße gaben: das preußische Zollgesetz vom 26. Mai 1818, die Bemühungen der süd- und mitteldeutschen Staaten um eine regionale Zollunion sowie schließlich die Artikulation handelspolitischer Forderungen innerhalb der allmählich an Bedeutung gewinnenden öffentlichen Meinung” (a.a.O., S. 20). Diese Auffassung ist leicht zurückzuweisen. Denn — um es vorwegzunehmen — die süddeutschen Staaten, von denen es immerhin Bayern und Württemberg 1828 zu einer ersten Zollunion brachten, wurden zu solchen Bemühungen erst durch das erwähnte preußische Zollgesetz und die Verweigerungshaltung Österreichs auf den Wiener Ministerialkonferenzen angestoßen; und die mitteldeutschen Staaten, deren Obstruktionspolitik gegenüber jeder wirklichen wirtschaftlichen Einigung in der Gründung des rein der Abwehr dienenden Mitteldeutschen Handelsvereins von 1828 gipfelte, wurden wesentlich nur durch ihre Finanznot, eine Reihe von angebotenen wirtschaftlichen Vorteilen sowie die Furcht vor revolutionären Unruhen (im Gefolge der verbreiteten wirtschaftlichen Not sowie der französischen Julirevolution von 1830) zu einem wirtschaftlichen Zusammenschluss mit Preußen motiviert. Die öffentliche deutsche Meinung aber war zu diesem Zeitpunkt noch schlicht zu schwach, um einen zentralen Faktor in diesem Geschehen zu bilden. Erst seit dem Beginn der vierziger Jahre wurde sie so stark, dass die Einzelregierungen nationale Belange nicht mehr im ausdrücklichen Gegensatz zu ihr betreiben und entscheiden konnten. Außerdem war sie keineswegs einhellig. So bemerkt Haussherr, hierin seinerseits übertreibend: “Der Zollverein war das Werk der staatlichen Bürokratie, vor allem des Finanzministers Motz (gest. 1830) und seines Nachfolgers Maassen, die sich gegen die öffentliche Meinung durchsetzen mussten” (1960: 389). Und schließlich: Die angeführten wirtschaftlichen und fiskalischen Sachzwänge besaßen genau nicht den Rang von Zwängen, also von (Quasi)Determinanten, sondern grundsätzlich nur den Rang fördernder Faktoren, die oft genug gegenüber spezifisch politischen Zielsetzungen der Beteiligten — erst einmal — nicht zum Zuge kamen.— Dass übrigens Hahn Preußen nicht als ausschlaggebende Triebkraft anerkennen will, ist nicht etwa mangelnden Kenntnissen, sondern offensichtlich einer vorgängigen ideologischen Blockade geschuldet: Weil Preußen im 19. Jahrhundert eben nicht zu einem demokratischen Land geworden war, sondern — wie das Deutsche Reich von 1871 insgesamt — eine „Diskrepanz zwischen ökonomischer Modernität und politischer Rückständigkeit” aufwies (Hahn, a.a.O., 7), darf es nicht der Motor einer Entwicklung gewesen sein, die dem durchschnittlichen Bewusstsein der Gebildeten auch heute noch als richtig und fortschrittlich gilt.Google Scholar
  120. 286.
    “Allein in den alten preußischen Provinzen östlich der Elbe zählte man 1817 noch 57 verschiedene Zoll- und Akzisetarife” (a.a.O., 20).Google Scholar
  121. 287.
    Mit diesem Vorgehen — und unter dem frischen Eindruck des militärischen Siegs, den Preußen gerade über Österreich und die mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten errungen hatte — gelang es schließlich (1867) auch, das Veto-Recht der anderen beteiligten Einzelstaaten hinsichtlich der Zollgesetzgebung, des Abschlusses von Handelsverträgen mit anderen Ländern u.ä. zugunsten eines reformierten, nach dem Mehrheitsprinzip entscheidenden Zollvereins zu brechen, den Preußen nun eindeutig dominierte.Google Scholar
  122. 288.
    Dazu bemerkt Hahn: “Kleine, stark zergliederte Staaten wie Hessen-Darmstadt, Sachsen-Weimar oder auch ... Kurhessen waren nicht in der Lage, eine eigene wirksame Handelspolitik zu treiben. Sie blieben folglich auf die Kooperation mit den Nachbarn angewiesen”. Und, im Hinblick auf die in der Napoleonischen Zeit geschaffenen Grenzzollsysteme nach außen: “Das Zollaufkommen der kleineren und mittleren Staaten konnte folglich (d.h. wegen der häufigen territorialen Zerklüftung — B.E.) nur dann entscheidend gesteigert werden, wenn es gelang, die hohen Verwaltungskosten durch zwischenstaatliche Zusammenschlüsse drastisch zu reduzieren” (a..a.O., 34f.). Doch auch bei den größeren Ländern wie Bayern, Baden oder Hannover fiel die Lage kaum besser aus.Google Scholar
  123. 289.
    Hart ging der preußische Reformer Friedrich vom Stein mit diesem Zusammenschluss ins Gericht: “Es ist den erbärmlichen, neidischen, antinationalen Absichten unserer kleinen Cabinette angemessen, sich an das Ausland zu schließen, sich lieber von Fremden peitschen zu lassen, als dem allgemeinen Nationalinteresse die Befriedigung kleinlichen Neides aufzuopfern” (zitiert nach v. Treitschke 1889: 657).Google Scholar
  124. 290.
    Vgl., vor allem für die Haltung Englands, v. Treitschke 1889: 649 und 653f., der freilich durch seinen allzu ausgeprägten, pro-preußischen Standpunkt parteiisch ist.Google Scholar
  125. 291.
    Die praktische Absicht sieht, eines großen Nationalisten würdig, dann so aus: “Bei dieser Arbeit ist es mir weder darum zu thun gewesen, mich in eine gelehrte Cameraderie einzuschmeicheln, noch mich für einen Lehrstuhl der politischen Ökonomie zu habilitieren, noch künftig als Verfasser eines von allen Kathedern adoptirten Compendiums zu glänzen, noch auch darum, meine Brauchbarkeit zu einem hohen Staatsamt darzuthun; ich hatte einzig dabei die Förderung der deutschen Nationalinteressen im Auge, und dieser Zweck forderte gebieterisch, dass ich meine Überzeugung frei ... aussprach, und vor allem — dass ich populär schrieb” (1883: XXXIV).Google Scholar
  126. 292.
    Weil sich die vorliegende Behandlung der Konzeption Lists immer nur auf dieses Hauptwerk (in seiner siebten Auflage von 1883) stützt, wird bei den im folgenden wiedergegebenen Zitaten nicht, wie sonst, auch auf die Jahreszahl der herangezogenen Arbeit, sondern lediglich auf die betreffenden Seiten verwiesen. In gleicher Weise wird bei der sich anschließenden Darstellung von Knies verfahren, weil sie sich ebenfalls auf dessen Hauptwerk beschränkt.Google Scholar
  127. 293.
    Die Begriffe Nation und Nationalität benutzt List meistens, jedoch nicht immer alternativ. Wenn er zwischen beidem unterscheidet, meint Nationalität (eher) das Volk oder die vorpolitisch verstandene Kulturnation in seinen/ihren Eigentümlichkeiten, die Nation aber das staatlich geeinte (Gesamt)Volk.Google Scholar
  128. 294.
    Deshalb hat die Nationalökonomie u. a. auch die Aufgabe, “die ökonomische Erziehung der Nation zu bewerkstelligen und sie zum Eintritt in die künftige Universalgesellschaft vorzubereiten” (154).Google Scholar
  129. 295.
    Diese vier, den Zustand einer Nation wesentlich bestimmenden Faktoren sieht List in unmittelbarer Abhängigkeit voneinander: “Die Civilisation, die politische Ausbildung und die Macht der Nationen werden hauptsächlich durch ihre ökonomischen Zustände bedingt, und umgekehrt. Je mehr ihre Ökonomie entwickelt und vervollkommnet ist, desto civilisierter und mächtiger ist die Nation; je mehr ihre Civilisation und Macht steigt, desto höher wird ihre ökonomische Ausbildung steigen können” (10f; vgl. 162). Doch lassen der sich anschließende Text, aber auch andere Passagen deutlich erkennen, dass der wirtschaftlichen Entwicklung dabei der Primat zukommt.— Im Lichte des heutigen Wissens ist freilich diese umstandslose Verschränkung von wirtschaftlicher (und politischer) Prosperität mit kultureller und geistiger Höherentwicklung (“Fortschritt”) besonders fragwürdig.Google Scholar
  130. 296.
    “Erhaltung, Ausbildung und Vervollkommnung der Nationalität ist daher zur Zeit ein Hauptgegenstand des Strebens der Nation, und muss es sein. Es ist dieß kein falsches und egoistisches, sondern ein vernünftiges, mit dem wahren Interesse der gesammten Menschheit vollkommen im Einklang stehendes Bestreben; denn es führt naturgemäß zur endlichen Einigung der Nationen unter dem Rechtsgesetz, zur Universalunion...” (10).Google Scholar
  131. 297.
    Wie schon angeklungen ist List in seiner Terminologie oft unscharf. So auch hier: Kaum jemals stimmt sein Begriff der Manufaktur(en) mit dem heute üblichen Wortsinn — größere Produktionsstätten mit fortgetriebener Arbeitsteilung ohne die Verwendung moderner anorganischer Energien — genau überein; vielmehr ist damit gewöhnlich auch oder ausschließlich die moderne Fabrik bzw. die moderne Industrieproduktion insgesamt gemeint. Auf der anderen Seite ist zu beachten, dass der bei List ebenfalls häufig auftauchende Begriff der Industrie gewöhnlich noch den Sinn von gewerblicher, aber auch landwirtschaftlicher Produktion (und deren institutionell-organisatorische Einheiten) überhaupt hat — und manchmal sogar, dem ursprünglichen lateinischen Wortsinn gemäß, nichts anderes als Fleiß bedeutet! Gerade hier muss der Textzusammenhang darüber entscheiden, was jeweils gemeint ist.Google Scholar
  132. 298.
    Wie Hildebrand schon 1848 festgestellt hat, ist dieses “aus der Geschichte Großbritanniens abstrahierte” und vermeintlich fir alle Nationen der gemäßigten Zone geltende Stufenleiterkonzept sachlich freilich unhaltbar. Es trifft selbst für den Fall nicht zu, an dem es gewonnen wurde: “Die Ausbildung der englischen Handelmacht und Seeherrschaft in der Zeit der Königin Elisabeth bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts ist durchaus unabhängig von der englischen Fabrikation erfolgt, und erst durch den Handel und durch den Kolonialbesitz sind die Briten in den letzten siebenzig Jahren eine Fabriknation geworden” (1922: 59). Nicht die gewerbliche bzw. industrielle Produktion war hier also die Basis des Außenhandels oder auch der politischen Macht (Kolonien!), sondern umgekehrt. Und: “Alle jene mächtigen Einflüsse auf die Zivilisation des Menschengeschlechts, welche List der Fabrikation anrühmt, sind weit mehr dem Handel zuzuschreiben” (a.a.O.).Google Scholar
  133. 299.
    Den direkten und möglichst ausgedehnten Zugang zu den Weltmeeren hält List wegen der dadurch gegebenen Unabhängigkeit des Außenhandels von Drittländern für so wichtig, dass er etwa für Deutschland nicht nur die Aufnahme der deutschen Küstenstaaten (Hannover, die großen Hansestädte usw.) in den Deutschen Zollverein fordert, sondern auch die Aufnahme von Holland und Dänemark — “folglich in die deutsche Nationalität, womit letztere zugleich erlangen wird, was ihr zur Zeit noch fehlt, nämlich Fischereien und Seemacht, Seehandel und Colonien” (154).Google Scholar
  134. 300.
    Wie negativ List — im Einklang mit der jedenfalls bis zum 1. Weltkrieg dominierenden europäischen Meinung — demgegenüber kleine Nationen bzw. (National)Staaten hinsichtlich ihrer allgemeinen Entwicklungschancen beurteilt, lässt sich auch an folgendem Zitat ablesen: “Eine an Volkszahl und Territorium beschränkte Nation, zumal wenn sie eine besondere Sprache hat, kann nur eine verkrüppelte Literatur, nur krüppelhafte Anstalten für Beförderung der Künste und Wissenschaften besitzen. Ein kleiner Staat kann innerhalb seines Territoriums nie die verschiedenen Produktionszweige zur vollständigen Ausbildung bringen. ... Nur durch Allianzen mit mächtigeren Nationen, durch theilweise Aufopferung der Vorteile der Nationalität und durch übermäßige Kraftanstrengung vermag er seine Selbständigkeit nothdürftig zu behaupten” (a.a.O.).Google Scholar
  135. 301.
    “Unter den gesellschaftlichen Hülfsmitteln verstehen wir Institutionen und Gesetze, welche dem Bürger Sicherheit der Person und des Eigentums, den freien Gebrauch seiner geistigen und körperlichen Kräfte sichern. Anstalten, welche den Verkehr regeln und erleichtern, sowie die Abwesenheit von Industrie-, Freiheit-, Intelligenz- und Moralität-störenden Institutionen, z.B. des Feudalwesens u.s.w.” (15).Google Scholar
  136. 302.
    Hinsichtlich seiner Abgrenzung zu den “Quellen”, den “Hülfsmitteln”, aber auch den “Producenten” ist der Begriff der produktiven Kräfte wiederum recht fließend und im einzelnen auch widersprüchlich. Zu den von List ausdrücklich so bezeichneten Quellen gehören etwa “die christliche Religion, die Monogamie, die Abschaffung der Sklaverei und der Leibeigenschaft”, aber auch die “Erblichkeit des Throns” oder die “Einführung des freien Grundeigentums und die Transportmittel”; zu den Produzenten gehören insbesondere die “Lehrer der Jugend und der Erwachsenen”, aber etwa auch der Arzt, der Richter oder Verwaltungsbeamte, ja selbst der Dudelsackspieler, “indem er durch seine Kunst und den Genuß, den er dadurch gewährt, zur Produktion von Tauschwerthen reizt” (125 und 129).Google Scholar
  137. 303.
    Dies gilt nach List, eben im Einklang mit seinem Verständnis der produktiven Kräfte, also auch ausdrücklich für das Verhältnis von materieller und geistiger Produktion: “Beide bedingen sich wechselseitig. Je mehr die geistigen Producenten zu Beförderung der Moralität, Religiosität, Aufklärung, Kenntnißvermehrung und Verbreitung der Freiheit und politischen Vervollkommnung, der Sicherheit der Personen und des Eigenthums im Innern, der Selbständigkeit und Macht der Nation nach außen beitragen, desto größer wird die materielle Produktion sein; je mehr die materiellen Producenten an Gütern produciren, umso mehr wird die geistige Produktion befördert werden können”. Insofern diese stimulierende Wechselwirkung jedoch ein oft nicht vorhandenes Gleichgewicht der beteiligten produktiven Kräfte voraussetzt, gilt u.a. auch: “Eine Nation kann zu viele Philosophen, Philologen und Literaten, und zu wenige Techniker, Kaufleute und Seeleute besitzen. Dieß ist die Folge einer weit vorgerückten, gelehrten Bildung, die aber nicht durch eine weit vorgerückte Manufakturkraft und durch ausgebreiteten innern und auswärtigen Handel unterstützt ist...” (141f).Google Scholar
  138. 304.
    Dass die “Manufakturen” schon deshalb der eigentliche Motor der modernen Wirtschaft sind, weil die Herstellung und der Vertrieb ihrer Produkte unter modernen kapitalistischen Bedingungen erfolgt, beschreibt List so: “Wenn der Agrikulturist seine Abnehmer nicht kennt oder doch um seinen Absatz sich wenig zu bekümmern braucht, beruht die Existenz des Manufakturisten auf seiner Kundschaft. Unaufhörlich schwanken die Preise der Rohstoffe, der Lebensbedürfnisse und der Taglöhne, der Waaren und des Geldes; nie weiß der Manufakturist gewiß, wie sich seine Profite stellen werden. ... Der Wunsch, bei seinen Mitbürgern sich in Ansehen zu setzen oder darin zu erhalten, und die ewige Mitbewerbung seiner Concurrenten, die seine Existenz und Prosperität fortwährend bedroht, sind ihm ein scharfer Sporn zu unaufhörlicher Thätigkeit, zu rastlosem Fortschreiten. ... Diese Verhältnisse produciren bei dem Manufakturisten eine Energie, die beim rohen Ackerbau nirgend wahrzunehmen ist” (171f.).Google Scholar
  139. 305.
    Wie zentral dieser Sachverhalt für List ist, lässt sich u.a. der folgenden Bemerkung entnehmen: “Der ganze gesellschaftliche Zustand einer Nation überhaupt ist nach dem Princip der Theilung der Geschäfte und der Conföderation der produktiven Kräfte zu beurtheilen. Was in der Nadelfabrik die Nadel, das ist in der großen Gesellschaft, die man Nation nennt, der Nationalwohlstand” (141).Google Scholar
  140. 306.
    Zu dieser, für Deutschland immer wieder erhobenen Forderung Lists nur das folgende Zitat, das zugleich die sachlichen Voraussetzungen und Grenzen des vorgeschlagenen Schutzzollsystems deutlich macht: “Einzig bei Nationen der letzteren Art, nämlich bei denjenigen, welche alle erforderlichen geistigen und materiellen Eigenschaften und Mittel besitzen, um eine eigene Manufakturkraft zu pflanzen und dadurch den höchsten Grad von Civilisation und Bildung, von materiellem Wohlstand und politischer Macht zu erstreben, welche aber durch die Concurrenz einer bereits weiter vorgerückten auswärtigen Manufakturkraft in ihren Fortschritten aufgehalten werden — nur bei solchen ist die Handelsbeschränkung zum Zweck der Pflanzung und Beschützung einer eigenen Manufakturkraft zu rechtfertigen, und auch bei ihnen nur so lange, bis die Manufakturkraft zureichend erstarkt ist, um die fremde Concurrenz nicht mehr fürchten zu dürfen, und von da an nur in so weit, um die inländische Manufakturkraft in ihren Wurzeln zu beschützen” (S. 156). Auf der anderen Seite verspricht sich List von dem so angewandten “Douanensystem” gewaltige positive Auswirkungen, die eben weit über die wirtschaftliche und politische Sphäre hinausreichen: “Ja, wir wagen die Behauptung, dass auf der Ausbildung des deutschen Schutzsystems die Existenz, die Independenz und die Zukunft der deutschen Nationalität beruhe. Nur in dem Boden des allgemeinen Wohlstandes wurzelt der Nationalgeist, treibt er schöne Blüthen und reiche Früchte; nur aus der Einheit der materiellen Interessen erwächst die geistige und nur aus beiden die Nationalkraft” (342f.).Google Scholar
  141. 307.
    Vgl. u.a. 15, 139, 143, 161f. und 166.Google Scholar
  142. 308.
    Damit ist weniger die Statistik im modernen Sinne gemeint als vielmehr “die Schilderung des zuständlichen, besonders gegenwärtigen Volkslebens”, wie Roscher die Statistik bezeichnet (1918: 47).Google Scholar
  143. 309.
    Diese Formulierung ist kein Versehen, sondern Folge der Bedeutungsentwicklung des Worts “Gesellschaft”. Derjenige Wortsinn, der am klarsten in Webers Begriff der “Vergesellschaftung” — eben einer auf “rational (...) motiviertem Interessenausgleich oder auf ebenso motivierter Interessenverbindung” beruhenden “sozialen Beziehung” — zum Ausdruck kommt, gewann die Oberhand erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; vorher aber wurde Gesellschaft auch in dem Sinne verwendet, der heute gewöhnlich mit Gemeinschaft verbunden wird. So offensichtlich auch bei List, wenn auch wiederum nicht einheitlich.Google Scholar
  144. 310.
    Für das eigene Land gilt deshalb: “Von Tag zu Tag müssen die Regierungen und Völker Deutschlands mehr zur Einsicht gelangen, dass Nationaleinheit der Fels ist, auf welchen das Gebäude ihres Wohlstandes, ihrer Ehre, ihrer Macht, ihrer gegenwärtigen Sicherheit und Existenz und ihrer künftigen Größe zu gründen sei” (327).Google Scholar
  145. 311.
    Das tatsächliche allgemeine Ziel der theoretischen und praktischen Bemühungen (Schutzzollagitation!) Lists lässt sich deshalb kurz so wiedergeben: “Jede große Nation muss ... dahin streben, ein Ganzes zu bilden, das mit andern Ganzen nur insoweit in Verkehr tritt, als es seinen besondern Gesellschaftsinteressen zuträglich ist” 152).Google Scholar
  146. 312.
    Wenn List hier wie anderswo von “der Schule” ohne nähere Qualifizierung redet, gegen sie polemisiert und seine eigene Theorie entwickelt, so baut er damit allerdings, streng genommen, einen nichtexistenten Popanz auf. Für Roscher ist die derart hergerichtete Schule nicht mehr als “ein mystisches Wesen, das für alle, von einzelnen Volkswirten seit Ad. Smith begangenen Irrthümer solidarisch verantwortlich gemacht wird, ohne ihm selbst die weitest verbreiteten Berichtigungen irgendwie zu Gute zu rechnen” (1870: 38).Google Scholar
  147. 313.
    Roscher teilte freilich, wie ja schon das Wort Schule impliziert, die zentralen theoretischen und methodologischen Ansichten von Knies. Also etwa schon die Auffassung, dass die Nationalökonomik (wie er die Nationalökonomie vorzugsweise bezeichnete) die Wissenschaft “des wirtschaftlichen Volkslebens”, und so eine unter einer Reihe von Wissenschaften vom Volksleben sei: “Wie jedes Leben, so ist auch das Volksleben ein Ganzes, dessen verschiedenartige Äußerungen im Innersten zusammenhängen. Wer daher eine Seite desselben wissenschaftlich verstehen will, der muss alle Seiten kennen” (1918: 42). Ganz ähnlich auch das dritte Haupt dieser Schule, Bruno Hildebrand (1812–1878), der das Ziel der Nationalökonomie in der Erkenntnis der wirtschaftlichen Seite des Volkslebens sieht und sie dazu, mithilfe “einer gründlichen historischen Richtung und Methode”, zu einer “Lehre von den ökonomischen Entwickelungsgesetzen der Völker” umgestalten möchte (1922: XXV).— Im Grundverständnis der Volkswirtschaft und der Lehre von ihr gibt es übrigens auch keinen Bruch zu der jüngeren historischen Schule, die seit den achtziger Jahren die älteren Vertreter in der wirtschaftswissenschaftlichen Dominanz ablöste (und bis zum 1. Weltkrieg herrschend blieb). So ist etwa nach Gustav Schmoller (19838–1917), dem fiihrenden Kopf dieser jüngeren Schule, die Volkswirtschaft “das als ein Ganzes gedachte und wirkende, von dem einheitlichen Volksgeist und von einheitlichen materiellen Ursachen beherrschte System von wirtschaftlich-gesellschaftlichen Vorgängen und Veranstaltungen des Volkes”; in ihr (wie auch dem Staat) ist “eine Einheit psychischer Kräfte vorhanden”, die auch unabhängig von äußerer Organisation wirksam ist (1902: 6).Google Scholar
  148. 314.
    Noch ein weiterer Aspekt wäre hier eigentlich aufzugreifen, nämlich die nationale Zurechnung auch der wissenschaftlichen Bemühungen und Resultate, hier also: die versuchte nähere Bestimmung der “Einwirkung der Nationalität auf die Ausführungen über die politische Ökonomie”. Die Behandlung der ideellen Nationalisierung soll jedoch nicht gar zu sehr ausgedehnt werden. Deshalb nur soviel: Zwar spielt die Nationalität der Wissenschaftler bei den Fragen der Güterproduktion nur eine geringe Rolle; “die nationalen Unterschiede treten dagegen stärker hervor, wenn die sittlich politischen Fragen nach der besten Verteilung der Güter, nach der richtigen Verhältnisstellung der wirtschaftlichen Thätigkeiten im Gesamtkreise der Aufgaben des Volkslebens, nach der Zweckbestimmung des ökonomischen Schaffens Bedeutung gewinnen”. Und auch in der eigentlichen Theoriebildung sind solche Unterschiede nicht zu übersehen: “Trägt der vorzugweise nur vom einzelnen praktischen Bedürfnis zur theoretischen Arbeit angeregte Engländer gewöhnlich nur einzelne Bausteine zum Aufbau der Nationalökonomie zusammen, fast unbekümmert darum, wie sie sich zu einem größeren Ganzen zusammenschließen, da er aus nationalem Naturell doch gleichmäßig arbeitet, so zimmert der organisationseifrige Franzose am liebsten zunächst das Gerüste des Ganzen, das `System’ auf, das die allgemeinen Gedanken des Bauherrn augenfällig macht, welcher den Plan für das Ganze entworfen hat, auch bevor das Material zum Ausbau erkundet und gesichtet ist” (1883: 317 und 325; vgl. u.a. auch Bauer 1924: XII–XX).Google Scholar
  149. 315.
    Ähnlich wie bei List, jedoch in systematischerer und konsequenterer Fassung ist hier die Nation bzw. das “Volk” das ausschlaggebende “Mittelglied” zwischen dem einzelnen und der Menschheit. Um davon nur die beiden wichtigsten begrifflichen Aspekte hervorzuheben: Das Volk ist nicht einfach “ein summarisches und äußerlich abgegrenztes Aggregat hier wie dort gleicher Individuen”, sondern eben ein “insbesondere auch durch Nationalität und geschichtliche Erlebnisse überall eigentümlich bestimmtes” sowie “staatlich geeinigtes Ganze(s)”. Und: “Die Volkswirtschaft darf es eben nicht vergessen, dass die Theile des Gesamten, die Völker in der Menschheit, fir sich eigentümliche Ganze darstellen, dass jedes einzelne Volk den allgemeinen Begriff des Volkes in einer für sich besonderten Gestalt zur lebendigen Anschauung bringt” (157f.).— Wie hier schon anklingt und später bei dem den einzelnen Nationen zugeschriebenen “menschheitlichen Beruf’ deutlich wird, ist ein Volk, seiner direkt göttlichen Bestimmung nach, keine selbstgenügsame Monade, sondern auf den “Verkehr” mit anderen Völkern angewiesen.Google Scholar
  150. 316.
    Und damit gerade nicht der Wirtschaft: “Es ist ein Beleg fir den engen Zusammenhang, in welchem das volkswirtschaftliche Element in dem Leben der Nationen mit der ganzen geschichtlichen Existenz der Völker und der historischen Entwicklung der Menschheit steht, dass sich die hervortretendsten Umbildungen in den Formen des Wirtschaftslebens an die ‘erschütterndsten Krisen’ der politischen und kirchlichen Geschichtsentwicklung anschließen” (142f).Google Scholar
  151. 317.
    Unzulässig ist dieser Schluss nicht nur deshalb, weil er im direkten Widerspruch zu den von Knies selbst vorgebrachten Tatsachenbehauptungen steht, sondern auch weil, wie ja später Max Weber so scharf betont hat, Schlüsse vom (empirischen) Sein auf das (moralische) Sollen überhaupt unzulässig sind. Aus dem regelmäßigen Vorhandensein von Diebstählen und Dieben ist eben nicht zu schließen, dass Diebstahl sittlich erlaubt sei.Google Scholar
  152. 318.
    Hervorhebung durch B.E.Google Scholar
  153. 319.
    Zwar bleibt es noch Aufgabe der Nationalökonomie, „die Naturgesetze, welche in den Erscheinungen der materiellen Welt herrschen”, festzustellen und zu beachten. Dominant aber sind die ethischen und (zugleich!) nationalen Aufgaben: “Vielmehr wird es darauf hinauskommen, dass die Nationalökonomie, weil es sich für sie doch zuletzt immer um menschliche und staatliche Verhältnisse handelt, keine Grundlagen acceptiere, keine Beweisführung anerkenne, keine Zielpuncte aufstelle, durch welche die sittlichen und politischen Aufgaben des Menschen- und Völkerlebens geschädigt werden; dass sie das ökonomische Gebiet im Zusammenhange mit dem Ganzen erfasse; dass sie es als einen Teil des Ganzen erfasse, welcher nicht einen auf sich selbst gestellten Zweck hat, sondern dazu dienen soll, die höchsten Aufgaben des Menschen und der Völker, soviel an ihm liegt, zu fördern” (438).Google Scholar
  154. 320.
    Dazu vorerst nur eine Bemerkung von Weber (von 1916): “Politik habe ich immer nur unter dem nationalen Gesichtspunkt angesehen, nicht nur die auswärtige, sondern alle Politik überhaupt. Danach allein orientierte ich auch meine Parteizugehörigkeit” (1988a: 157) Wie sich gleich zeigen wird, ist diese Äußerung keine der aktuellen Situation (Weltkrieg!) geschuldete “Übertreibung”!Google Scholar
  155. 321.
    Dazu nur ein Beispiel: Von den 20 Artikeln, welche in dem von Johannes Weiß 1989 herausgegebenen Band (“Max Weber heute”) die “Erträge und Probleme der Forschung” zu Webers Werk repräsentieren, beschäftigt sich keiner mit seiner Nationskonzeption bzw. ihm als Nationalisten!Google Scholar
  156. 322.
    Neben Lemberg (1964) und Mayer (1986) stellt hier auch eine Arbeit von Francis (1965) eine — gewisse — Ausnahme dar, die jedoch, um mit dem derzeitigen Fachjargon zu reden, ohne Anschluss geblieben ist. Keine Ausnahme (trotz kursierender Lobpreisungen), sondern vielmehr ein typisches Symptom des soziologischen Zeitgeists vor 1989/91 bilden dagegen die beiden schon erwähnten Aufsätze von Lepsius (1981, 1982), deren Konzeption der Staats(biirger)nation unübersehbar dazu dienen sollte, die oben skizzierte, durch die bundesdeutsche Verfassung bzw. Verfassungswirklichkeit festgeschriebene politische Kleinhaltung des Staatsvolks ideell zu stützen (zu ihrer Kritik s. Estel 1988: 197ff.). Allerdings: In einem neueren, der Europäischen Union als Nationalitätenstaat gewidmeten Artikel von Lepsius (1991) ist von der Staats(bürger)nation nicht mehr die Rede, sondern wieder von Nationen und Nationalstaaten im üblichen Sinne (vgl. a.a.O., 26ff.).Google Scholar
  157. 323.
    Vgl. u.a. Fröhlich 1970, Schmiederer und Schmiederer 1970, Winkler (1978, 1982) oder Klönne 1984.Google Scholar
  158. 324.
    Auch neuere Versuche einer solchen Behandlung wie diejenigen von Richter (1994) und Miter (1995) haben an dieser Situation nichts geändert. Die kurze Darstellung von Richter (a.a.O., 305) ist sehr oberflächlich und in wesentlichen Punkten falsch. So ist u.a. Nation bei Weber genau nicht „allein ein Symbol, das die Solidarität einer in Konkurrenz mit anderen befindlichen politischen Gemeinschaft mobilisieren soll”. Ähnliches gilt für die viel ausfiihrlichere Arbeit Anters, der sich wohl um Webers Staatsauffassung, aber ebenfalls nicht wirklich um seine Nationsauffassung bemüht hat, worauf übrigens schon seine enge Anlehnung an Mommsen in diesem Punkt — und das heißt auch: eine offensichtlich unüberprüfle Übernahme von dessen Ansichten — deutet (vgl. etwa a.a.O., 125 (Anm. 59) sowie unten, Anm. 335, deren zuletzt erwähnter Sachverhalt auch fir ihn zutrifft). Als sachlich unrichtig oder schief sind hier vor allem die folgenden seiner Interpretationen bzw. Annahmen hervorzuheben: (1) Die Behauptung eines zu der damaligen Zeit bestehenden, “weitreichenden Konsenses ... über die Unbestimmbarkeit der ‘Nation’, aus der dann folge: “Max Webers Achselzucken spiegelt also exakt den Diskussionsstand seiner Zeit” (a.a.O., 129). Bereits dieser Konsens war nicht gegeben (und ist auch nicht den von Anter dazu angefihrten Zitaten zu entnehmen), sondern — mehrheitlich — eben ein Streit um das richtige Nationsverständnis, um die sachlichen Vorzüge und Nachteile der verschiedenen, damals kursierenden Nationsauffassungen. Weber selbst aber begnügte sich keineswegs mit einem Achselzucken in dieser fir ihn doch eminent wichtigen Frage. (2) Das Weiterschleppen der so beliebten wie sachlich unzulänglichen Alternative von subjektivistischer und objektivistischer Nationsauffassung, die Aiter, Mommsen im wesentlichen folgend, auf den Gegensatz von (vermeintlicher) Rassenzugehörigkeit und subjektiv bejahter Staatsbürgerschaft reduziert (a.a.O., 130f.). Wie sich unten zeigen wird, entzieht sich Weber nicht nur diesem, nachgerade törichten Gegensatz, sondern einer so einfachen Alternative insgesamt. (3) Die Annahme, Nation und Staat seien, in begrifflicher Hinsicht, fir Weber vor dem 1. Weltkrieg “Siamesische Zwillinge”, ja begrifflich identisch gewesen, während der Weltkrieg insofern eine Zäsur bedeute, als Weber dann das Kulturnationsverständnis (“Sprach- und Kulturgemeinschaft”) übernommen habe (a.a.O., 132f.). Jedoch wäre diese Nationsdefinition gleichsam ein Ausrutscher, “ein singulärer Versuch” geblieben: “Wie bereits zuvor, bindet er auch nach dem Krieg wieder die Nation an den Begriff des Staates. Staat oder Nation, das ist fir ihn nach dem Krieg keine Frage mehr” (a.a.O., 134). Auch diese Konstruktion von Phasen im Nationsdenken Webers ist, wie aus dem folgenden hervorgeht, im wesentlichen irrig — genauso wie die damit verknüpften Behauptungen über die begriffliche Nähe bzw. Ferne von Nation und Staat. Und schließlich (4) die angenommene “Identität von demokratischer und nationaler Werthaltung” (a.a.O., 135), die fir Weber gerade nicht gilt: So sehr er von Anfang an für die Demokratisierung Deutschlands eintrat, so selbstverständlich war ihm die Möglichkeit des Auftretens von Situationen, in denen die Nation, d.h. ihre Interessen andere politische Verhältnisse als die Demokratie verlangten (vgl wiederum unten).— Auch auf die Gefahr, beckmesserisch zu wirken, sei im übrigen noch auf die durch Aiter (a.a.O.) vorgenommene, direkte Verkehrung der Grundintention Zieglers (1931) hingewiesen: Wie Ziegler ja mit großer und anhaltender Intensität zu zeigen sucht, ist es genau nicht die “freiheitlich-demokratische”, sondern die national-demokratische Staatsorganisation, die praktisch von Anfang an und bis zu seinen Tagen die eigentliche Affinität zum Prinzip Nation, verstanden als “nationale Selbstbestimmung”, besaß.Google Scholar
  159. 325.
    In der Hauptsache soll und kann diese Kritik erst im folgenden, und zwar durch die Darstellung von Webers Position selbst eingelöst werden. Zum Beleg dieser Würdigungsneigung Mommsens jedoch vorweg einige Äußerungen von ihm: “In der Überschätzung der Rolle faktischer politischer Macht auf dem Felde der Politik, wie sie fir das Bewusstsein der Wilhelminischen Epoche typisch ist, war Weber letzten Endes ganz ein Kind seiner Zeit, auch wenn er sie nur im Dienste echter Wertüberzeugungen verwendet sehen wollte”. Oder: “Es sei (nach Weber — B.E.) nicht nur nicht Aufgabe der soziologischen oder irgendeiner anderen Wissenschaft, die Berechtigung der Geltung von Werten zu erörtern, sondern ihnen vollständig unmöglich. Das geschah freilich um den Preis, dass die Werte, als die eigentlich Mächtigen, ihr bauendes und zerstörendes Wesen nur um so freier im Irrationalen treiben konnten... Die Entzauberung der Welt, der universale Rationalisierungsprozess, den Weber beschrieb und schicksalhaft bejahte, schlug dergestalt bei ihm um in einen neuen Irrationalismus. Wir stehen hier an der Grenze wie seiner Soziologie überhaupt, so insbesondere seiner politischen Soziologie. Eben weil sie, von dem Prinzip intellektueller Rechtschaffenheit getragen, welches den einzigen Fixpunkt seines wissenschaftlichen Wertesystems darstellt, alle Werturteile vermeiden wollte, verfehlte sie Wesentliches und vermochte auf wichtige Grundfragen des politischen und kulturellen Seins nur mehr funktionale Antworten zu geben”. Und: “Weber sah den tragischen Zusammenhang zwischen Kultur und Macht, und wenn er nicht zögerte, der letzteren verpflichtenden Vorrang zu geben, weil sonst beides verloren gehen müsse, so werden wir mit kritischem Urteil zurückhalten und das tiefe Verantwortungsbewusstsein anerkennen müssen, aus dem heraus er sich zu solcher Haltung getrieben fühlte” (1974: 51, 66 und 70). Übrigens ist die Bemerkung: “weil sonst beides verloren gehen müsse” zumindest in der behaupteten Allgemeinheit unrichtig: “Jeder siegreiche Krieg fördert das Kultur-Prestige (Deutschland, Japan usw.). Ob er der ‘Kulturentwicklung’ zu gute kommt, ist eine andere, nicht mehr ‘wertfrei’ zu lösende Frage. Sicher nicht eindeutig (Deutschland nach 1870!). Auch nach empirisch greifbaren Merkmalen nicht: reine Kunst und Literatur von deutscher Eigenart sind nicht im politischen Zentrum Deutschlands entstanden” (Weber 1976: 530, Nachsatz zum Manuskript; vgl. auch 1988a: 286).Google Scholar
  160. 326.
    Diese pointierte Formulierung stammt von Loewenstein, der damit, in einer ersten Erwiderung auf die Arbeit von Mommsen, dessen kritische Hauptintention bündig zusammengefasst hat (1961: 275).Google Scholar
  161. 327.
    Die Kritik an der von Weber vermeintlich befiirworteten “Führerdemokratie” (mit ihrer, Mommsen zufolge, dem Reichspräsidenten zugedachten Rolle “des großen, charismatisch begabten Politikers”) gipfelte in den Sätzen: “Das Jahr 1933 brachte dann die charismatisch-plebiszitäre Führerherrschaft ‘mit Maschine’, wenn auch in ungleich anderer Form als Weber dies im Sinne hatte. Gleichwohl wird man ehrlicherweise feststellen müssen, dass Webers Lehre von der charismatischen Führerschaft, verbunden mit ihrer radikalen Formalisierung des Sinnes der demokratischen Institutionen, ihren Teil dazu beigetragen hat, das deutsche Volk zur Akklamation der Führerstellung Adolf Hitlers innerlich willig zu machen” (1974: 439). Bezeichnenderweise hat sich vor allem an dieser nomisch aufgeladenen Behauptung, die eine erstaunliche Einschätzung der Möglichkeiten öffentlicher Einflussnahme für einen einzelnen, überdies früh verstorbenen Professor in solchen aufgewühlten Zeiten enthält, die fachliche Diskussion entzündet, während Webers Nationsauffassung keine nennenswerte Beachtung fand (vgl. dazu das Nachwort Mommsens zur zweiten Auflage (a.a.O. 1974, 442–477) sowie die dort angegebene Literatur). Bezeichnend ist auch der Verlauf des 15. Deutschen Soziologentags in Heidelberg (1964), der ja eigens Max Weber gewidmet war. Einem französischen Gast, nämlich Raymond Aron blieb es vorbehalten, in seinem Vortrag die Nationsauffassung Webers wenigstens aufzugreifen. Auf welchem Niveau aber die Diskussion zu diesem Punkt seines Vortrags sich stellenweise bewegte, mag durch eine Äußerung von H.P. Bahrdt verdeutlicht sein: “So scheint mir, dass für Max Weber zumindest im vorgerückten Alter die Nation als solche nicht ein letzter, nicht weiter zurückzuführender (sic! — B.E.) Wert gewesen ist. ... Es ist eigentlich kaum glaubhaft, dass ein blinder Anbeter nationaler Macht als notwendige Basis einer Nation weder die tatsächliche Gemeinsamkeit der Abstammung (schon gar nicht rassische Homogenität) noch auch das Mysterium der Sprachgemeinschaft gelten lässt, sondern die Nationen ganz und gar als Ergebnisse historischer und sozialer Prozesse erklärt, in denen gerade eine irrtümliche, erst nachträglich konzipierte Annahme gemeinsamer Abstammung eine Rolle spielt, und auch die gemeinsame Sprache nur ein Faktor neben anderen sozialen und kulturellen Faktoren ist, der manchmal auch fehlt” (1965: 124). Merke: Wem die Nation “ein letzter, nicht weiter zurückzufiihrender Wert” ist, ist auch ein blinder Anbeter nationaler Macht. Doch merke vor allem: Was existiert, also geworden ist, kann kein solcher Wert sein (sondern offensichtlich nur Gott oder eine Art Urmaterie). Würden allerdings Gemeinsamkeit der Abstammung, gar rassische Homogenität existieren, wären sie nicht geworden (— und deshalb letzte Werte?).Google Scholar
  162. 328.
    Mit einem Abstand von bald vierzig Jahren lässt sich die faktische Wirkung von Mommsens Schrift unter diesem letzten Gesichtspunkt wohl dahingehend bestimmen, dass sie einen gewissen Beitrag zu einer allgemeinpolitischen Situation geleistet hat, die der erwähnten Intention von Lepsius weitgehend entsprach. Nämlich einen Beitrag zur Durchsetzung oder Dominanz eines intellektuellen öffentlichen Klimas in Westdeutschland, welches das vorhandene System der ganz indirekten, kollektive Selbstbestimmung eben weitgehend ausschließenden Demokratie als eine Verfassungsform ansah, die jedenfalls für Deutsche annähernd ideal sei. Dass Mommsen mit dieser Entwicklung bzw. Intention innerlich durchaus konform ging, lehrt u.a. eine Textstelle, in der er sein mehrfach geäußertes, politisches Grundziel, nämlich “ein Optimum an Freiheit für den einzelnen mit einem Maximum an Selbstbestimmung aller (zu) verbinden”, etwas konkretisiert: “Mehr als die großen Führerpersönlichkeiten, die die breiten Massen in ihren Bann ziehen und ihnen die Ziele vorgeben, bedürfen wir Staatsmänner, die zur Integration und Vermittlung zwischen verschiedenen politischen Positionen fähig und von dem Willen getragen sind, die Interessen und Ziele der Sozialgruppen, für die sie stehen, zu formulieren und in politische Aktion umzusetzen” (a.a.O., 454). Wie man sieht, sollten die zu Sozialgruppen umfirmierten Massen doch besser nur betreutes Objekt von Staatsmännern sein, die fir sie stehen, nicht etwa: ihnen wirksam verantwortlich sind.Google Scholar
  163. 329.
    1988b: 484; vgLa.a.O. 487 sowie 1976: 242 und 528.Google Scholar
  164. 330.
    “Das sind vor allem diejenigen, welche sich als spezifische ‘Teilhaber’ einer spezifischen ‘Kultur’ fühlen, welche im Kreise der an einem politischen Gebilde Beteiligten verbreitet ist” (1976: 528), also die Angehörigen der Kulturelite.Google Scholar
  165. 331.
    Schon hinsichtlich dieser Nationsauffassung hat Mommsen also bestenfalls halb recht, wenn er Weber “eine grundsätzliche Abkehr von einem an objektiven ethnischen oder sprachlichen Qualitäten orientierten Nationsbegriff’ unterstellt. Ganz irrig bzw. irrefiihrend ist jedoch die gleichzeitig geäußerte Annahme von dessen “weitgehender Annäherung an den westeuropäischen Gedanken der Staatsnation, der jeden Bürger, der sich subjektiv zum Staat bekennt, ohne Rücksicht auf seine Abstammung zur Nation rechnet” (1974: 54). Auch das Nationsverständnis Webers entzieht sich eben der nur als Annäherung an die sachliche Problematik brauchbaren Alternative von (unbewussten) objektiven Gemeinsamkeiten und bloßem, womöglich noch auf den Staat als eigentlichem Endzweck fixiertem, individuellem Willen zur Nation. Vgl. auch unten.Google Scholar
  166. 332.
    “Naturgegebene Träger dieser Prestigeprätention sind die quantitativ großen politischen Gemeinschaften. Jedes politische Gebilde zieht naturgemäß schon an sich die Nachbarschaft schwacher politischer Gebilde derjenigen starker vor. Und da überdies jede große politische Gemeinschaft, als potentieller Prätendent von Prestige, eine potentielle Bedrohung für alle Nachbargebilde bedeutet, so ist sie zugleich selbst ständig latent bedroht, rein deshalb, weil sie ein großes und starkes Machtgebilde ist” (a.a.O.). Man sieht, dass Weber Konkurrenz, tiefgehende Spannungen, versuchte Expansion und mithin auch Krieg quasi-gesetzmäßige Gegebenheiten im Verhältnis von politischen Gebilden bzw. (Groß)Staaten sind, die durch politisches Handeln bzw. zwischenstaatliche Konstellationen zwar zeitweise verdeckt und zurückgedrängt, in einer absehbaren Zukunft aber nicht beseitigt werden können (vgl. 1988a: 145). Unter Expansion bzw. Expansionstendenz eines politischen Gebildes versteht er übrigens, dass “es Macht nach außen, d.h. Bereithalten von Gewalt zwecks Erwerbs der politischen Gewalt über andere Gebiete und Gemeinschaften, sei es in Form von Einverleibung oder Abhängigkeit, anstrebt” (1976: 520).Google Scholar
  167. 333.
    Zu diesen beiden Fragen finden sich immerhin die Umrisse einer Antwort: Die Aufwertung der Kultur insgesamt, die mit diesem Kulturnationsverständnis bzw. seiner sozio-politischen Durchsetzung verbunden ist, bedeutet auch einen Prestigegewinn der Kulturelite, der Intellektuellen (und damit natürlich auch eine bessere Durchsetzung ihrer materiellen Interessen). Und dieser Prestigegewinn kann dazu benutzt werden, die von dieser Elite schon innerhalb der fraglichen “‘Kulturgemeinschaft”’ usurpierte Führung auf die so verstandene Nation auszudehnen (a.a.O., 528).Google Scholar
  168. 334.
    Obwohl bereits wiederum diese Formulierung der inhaltlichen Heterogenität der verbreiteteren Nationsvorstellungen gewisse Grenzen zieht, betont Weber hier mehr als sonst die empirische Vielfalt hinsichtlich der Rezeption dieser Idee: “Zwischen der emphatischen Bejahung, emphatischen Ablehnung und endlich völliger Indifferenz gegenüber der Idee der ‘Nation’ (wie sie etwa der Luxemburger haben dürfte und wie sie den national ‘unerweckten’ Völkern eignet) steht eine lückenlose Stufenfolge sehr verschiedenen und höchst wandelbaren Verhaltens zu ihr bei den sozialen Schichten auch innerhalb der einzelnen Gruppen, denen der Sprachgebrauch die Qualität von ‘Nationen’ zuschreibt. Feudale Schichten, Beamtenschichten, erwerbstätiges ‘Bürgertum’ der untereinander verschiedenen Kategorien, ‘Intellektuellen’-Schichten verhalten sich weder gleichmäßig noch historisch konstant dazu”. Und: “Nicht nur (sind) die Gründe, auf welche der Glaube, eine eigene ‘Nation’ darzustellen, gestützt wird, sondern ist auch dasjenige empirische Verhalten, welches aus der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zur ‘Nation’ in der Realität folgt, qualitativ höchst verschieden. Das ‘Nationalgefiihl’ des Deutschen, Engländers, Amerikaners, Spaniers, Franzosen, Russen funktioniert nicht gleichartig” (a.a.O., 529). Aus diesen Annahmen lässt sich jedoch, auch wenn sie empirisch im wesentlichen zutreffen, nicht ableiten, dass die nationsbezogenen Vorstellungen der Menschen sachlich beliebig seien. Ein solches Verständnis verstieße ja, grundsätzlich, gegen das Eigengewicht der zur institutionellen Realität gewordenen Idee Nation (vgl. oben, Kap. III.2). Um dies nur für die von Weber angeführten Solidaritätszumutungen zu wiederholen: Im Normalfall der einmal etablierten Nation wird die Anzahl der wirklich, d.h. miteinander sozial konkurrierenden Zumutungen schon dadurch begrenzt, dass nur sehr wenige dieser Zumutungsversionen in einem herausgehobenen und zugleich umfassenderen Sinn sozial verbindlich sind — dass sie eben, faktisch, das Gewicht entsprechender nationalstaatlicher Sanktionen auf ihrer Seite haben. Die Stichhaltigkeit dieses Einwands setzt freilich voraus, was Weber mit seiner Formulierung “Das Nationalgefühl des Deutschen ...” usw. wenigstens implizit zugesteht. Nämlich die Möglichkeit, ja Wirklichkeit, dass hier und dort und sonstwo die Idee der Nation sich bei der Mehrheit der Menschen (oder zumindest einer sozio-politisch ausschlaggebenden Minderheit) durchgesetzt hat. Und dies eben in der Weise, dass ein bestimmtes Nationsverständnis sich hinsichtlich seiner sozialen Attraktivität gegenüber seinen Konkurrenten überlegen gezeigt und eine politisch-staatliche Bekräftigung als offizielle nationale Identität erfahren hat. Und außerdem die Umformung der realen (national)gesellschaftlichen Verhältnisse nach den nomischen Vorgaben dieser Identität inzwischen teils erfolgt ist, teils als dauerhafte nationale Aufgabe begriffen wird.Google Scholar
  169. 335.
    In der 1. Auflage ist dieser letzte Gedanke noch viel schroffer formuliert, indem es heißt: “Seine Distanz zum Gedanken der ‘Kulturnation’ kann nicht groß genug gedacht werden. Weber stand geradezu auf dem Gegenpol, vermochte er doch den Nationsgedanken nur in Verbindung mit einem große Machtpolitik treibenden Staatswesen zu sehen” (1959: 60). Die Abschwächung fmdet sich übrigens der Sache nach schon in seinem Diskussionsbeitrag (1964) zum erwähnten Vortrag von Aron: “Ich darf in diesem Zusammenhang vielleicht darauf hinweisen, dass Max Weber in späteren Jahren, unter dem Eindruck der Entwicklung in Österreich-Ungarn, eine Rückkehr zum Nationsgedanken auf der Basis der Sprachgemeinschaft empfahl. Er meinte, man müsse den Akzent nicht auf den Staat, sondern auf die Nation legen” (1965: 133). Merkwürdigerweise berief er sich bei dieser Meinungskorrektur nicht auf vorhandene Texte von Weber selbst, deren Sprache dazu doch deutlich genug ist, sondern lediglich auf einen Zeitungsbericht (Abendausgabe des Fränkischen Kuriers vom 2. 8. 1916) über eine von Weber am Tag zuvor in Nürnberg gehaltene Rede, deren Manuskript verschollen ist (vgl. Max Weber Gesamtausgabe, 1/15 1984, 648–689 (654)).Google Scholar
  170. 336.
    A.a.O., 10ff. (21). Wohl um diese Art der Zusammengehörigkeit anzudeuten, sprach Weber in der Quasi-Definition des 2. Deutschen Soziologentags von “gefiihlsmäßiger Gemeinschaft”. Das Wort Vergemeinschaftung, das er in WuG zur Abgrenzung von Toennies bzw. der Vermeidung einer „substanziellen” Auffassung von Gemeinschaft begrifflich vorzog (a.a.O., 22 und 13), konnte er hier schon deshalb schlecht benutzen, weil es den Fachkollegen u.ä. noch unbekannt sein musste; WuG lag ja 1912 — soweit überhaupt schon geschrieben — noch nicht im Druck vor.Google Scholar
  171. 337.
    Vgl. 1976: 244 sowie 1988b: 484 und 486.Google Scholar
  172. 338.
    a.a.O., 242; 1988b: 484.Google Scholar
  173. 339.
    Siehe dazu 1976: 242ff. und 528f.; 1988b: 484ff.Google Scholar
  174. 340.
    Unter Sitten versteht Weber im wesentlichen Gemeinsamkeiten in der „Lebensführung des Alltags”. Dazu gehören neben der jeweils typischen ökonomischen Lebensführung solche kollektiven Gegebenheiten, die als direkte oder indirekte “äußerliche Widerspiegelungen” dieser Lebensfiihrung gelten können. Nämlich die typische Kleidung, die typische Wohn- und Ernährungsweise (“Güter der ‘Sinnenkultur”’), aber auch Bart- und Haartracht. Ferner die “übliche Art der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und zwischen Freien und Unfreien” (!976: 239 und 243).Google Scholar
  175. 341.
    Die Einschätzung der gemeinschaftsbildenden Wirkung (vermeintlich) gemeinsamer Rassenzugehörigkeit fallt bei Weber unterschiedlich aus: Der dazu am Anfang von WuG enthaltenen, für die Wirkung bzw. Wirkungsbedingungen von vergleichbaren gemeinschaftsstiftenden Faktoren überhaupt exemplarischen Darstellung, steht an anderer Stelle eine empfindliche Einschränkung dieser Rolle gegenüber (1976: 22 vs. 234f.). Demgegenüber ist die Hochkultur natürlich ein vorzügliches Medium der Vergemeinschaftung, und zwar in einer Reihe von Formen. Ihr Beitrag zur Bildung der spezifisch nationalen Gemeinschaft fällt allerdings gering aus. Denn die Existenz der Nation setzt ein massenhaftes Zusammengehörigkeitsgefiihl voraus; zur hohen Literatur und insbesondere zur Kunst haben die Massen aber kaum Zugang. Daher die Frage: “In welchem Sinne — wenn überhaupt — besteht eine solche (Kulturgemeinschaft — B.E.) zwischen der Aristokratie und dem Proletariat eines Landes?” (1988b: 485 und 487; vgl. jedoch 1976: 243). Andererseits bringt der allgemeine Demokratisierungsprozess der Gegenwart eine Verbreiterung auch dieses Zugangs mit sich: “Der zunehmende Nationalismus gerade der Massen ist nur natürlich in einem Zeitalter, welches die Teilnahme an den Gütern der nationalen Kultur, deren Träger nun einmal die nationale Sprache ist, zunehmend demokratisiert” (1988a: 246).Google Scholar
  176. 342.
    So kann “der wirklich auf Abstammungsgemeinsamkeit beruhende Besitz gleichartiger ererbter und vererblicher Anlagen” zu einer “‘Gemeinschaft’ natürlich überhaupt nur dann (führen)”, wenn er “subjektiv als gemeinsames Merkmal empfunden wird”. Dementsprechend fällt dann Webers Definition der ethnischen Gruppe aus: “Wir wollen solche Menschengruppen, welche ... einen subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinschaft hegen, derart, dass dieser für die Propagierung von Vergemeinschaftungen wichtig wird, dann, wenn sie nicht ‘Sippen’ darstellen, ‘ethnische Gruppen’ nennen, ganz einerlei, ob eine Blutsgemeinsamkeit objektiv vorliegt oder nicht” (1976: 234 und 237). Zur Rolle der Gemeinsamkeit des politischen Schicksals vgl. unten (Anm. 346 und 349). Als markantes Beispiel für die hier nicht eigens zu verfolgenden (Inter)Dependenzbe:iehungen, der einzelnen Faktoren untereinander sei jedoch noch angefigt: “Die ethnische Gemeinsamkeit ... ist demgegenüber nicht selbst Gemeinschaft, sondern nur ein die Vergemeinschaftung erleichterndes Moment. Sie kommt der allerverschiedensten, vor allem freilich erfahrungsgemäß: der politischen Vergemeinschaftung, fördernd entgegen. Andererseits pflegt überall in erster Linie die politische Gemeinschaft, auch in ihren noch so künstlichen Gliederungen, ethnischen Gemeinsamkeitsglauben zu wecken und auch nach ihrem Zerfall zu hinterlassen...” (a.a.O., 243 und 237).Google Scholar
  177. 343.
    So eben Bahrdt, dem jedenfalls die vornationale bzw. vornationalstaatliche Sprachgemeinschaft ein bloßes “Mysterium” ist (a.a.O. 1965: 124; vgL dagegen — und zwar eindeutig — Weber 1976: 244 und 528, sowie 1988b: 485). Aber neuerdings auch Ladwig, der solchen objektiven Gegebenheiten nur die Qualität “gallertartiger Weichheit” zubilligen will (1991: 7f.). Gerade bei den gröberen Versionen solcher gern „ideologiekritisch” gemeinten Zurückweisungen von objektiven Gegebenheiten als nicht (wirklich) existent, ist dann die offensichtlich wohlbehagende Auffassung zu bemerken, damit sei auch die Nation selbst als nichtexistent zurückgewiesen.Google Scholar
  178. 344.
    Wie schon der exemplarischen Darstellung der darauf bezogenen Rolle (vermeintlich) gleicher Rassenzugehörigkeit zu entnehmen ist (a.a.O.), gerät ihm dieser Kontrast typischerweise zum bewussten Gegensatz. Zur Rolle der Sprachgemeinsamkeit etwa bemerkt er: “Aber an sich bedeutet sie noch keine Vergemeinschaftung, sondern nur die Erleichterung des Verkehrs innerhalb der betreffenden Gruppen, also: der Entstehung von Vergesellschaftungen.... Erst die Entstehung bewusster Gegensätze gegen Dritte kann fir die an der Sprachgemeinsamkeit Beteiligten eine gleichartige Situation, Gemeinschaftsgefühl und Vergesellschaftungen (muss wohl heißen: Vergemeinschaftungen — B.E.), deren bewusster Existenzgrund die Sprache ist, stiften” (a.a.O., 23). Und auch dort, wo er den potentiell vergemeinschaftenden Charakter gemeinsamer Sitten an Beispiel der Schweiz konkretisiert, betont er den Gegensatz nach außen (a.a.O., 244, vgl. jedoch 528). Faktische Gegensätze gegen Dritte pflegen sich freilich aus mehr zu speisen als mit den aufeinanderprallenden wechselseitigen Besonderheiten sinnhaft gemeint ist. Insofern verweisen sie immer auch auf sozio-ökonomische u.ä. Konstellationen (grundlegend: divergierende bzw. konträre Interessen angesichts der Knappheit von Gütern), die übrigens den Besonderheiten erst ein kollektives wie interkollektives Gewicht verleihen, das sie vorher oft nicht besaßen.Google Scholar
  179. 345.
    1988b: 484; vgl. 1976: 528. So bemerkt Weber etwa im Hinblick auf die “bei den Deutsch-Elsässern weit verbreitete Gemeinsamkeitsempfindung mit den Franzosen”: “Gemeinsame politische, zugleich indirekt soziale, als Wahrzeichen der Vernichtung des Feudalismus, von den Massen hochgewertete Schicksale haben diese Gemeinschaft gestiftet und ihre Legende vertritt die Heldensage primitiver Völker” (1976: 243). Gemeinsame politische Schicksale in diesem Sinn haben übrigens keineswegs die Existenz eines gemeinsamen politischen Verbands, eines Staats u.ä. zur notwendigen Voraussetzung, doch sind sie hier noch am ehesten zu erwarten. Denn mit ihm ist zumindest für einen Teil der ihm Angehörigen der “Ernst des Todes” gesetzt, “den eventuell für die Gemeinschaftsinteressen zu bestehen, dem Einzelnen hier zugemutet wird”. Für wie wichtig aber Weber diesen letzten Ernst ansieht, ist der Äußerung zu entnehmen, die sich an seine Erwähnung unmittelbar anschließt: “Er trägt der politischen Gemeinschaft ihr spezifisches Pathos ein. Er stiftet auch ihre dauernden Gefihlsgrundlagen. Gemeinsame politische Schicksale, d.h. in erster Linie gemeinsame politische Kämpfe auf Leben und Tod, knüpfen Erinnerungsgemeinschaften, welche oft stärker wirken als Bande der Kultur-, Sprach- oder Abstammungsgemeinschaft. Sie sind es, welche ... dem ‘Nationalitätsbewusstsein’ erst die letzte entscheidende Note geben” (1976: 515).Google Scholar
  180. 346.
    Und: “An der Erhaltung und Pflege der Volkssprache sind heute ganz erhebliche pekuniäre und kapitalistische Interessen verankert: solche der Verleger, Herausgeber, Autoren und Mitarbeiter von Büchern und Zeitschriften, vor allem aber von Zeitungen”. Hinzu kommt ein entsprechendes, ebenfalls materielles Interesse von Amtsanwärtern in den nach ihrer Bevölkerung inzwischen nationalisierten Vielvölkerstaaten, die durch ihre Mehrsprachigkeit einen Vorteil bei der Konkurrenz um staatliche Ämter haben (a.a.O., 486).Google Scholar
  181. 347.
    Dementsprechend erschöpft sich das spezifisch (außen)politische Verlangen der Schweizer in der Erhaltung ihrer eigenen, neutralisierten staatlichen Existenz. Mit dem Nationalgefühl der großen Mehrheit der anderen Nationen teilen sie daher nur die Betonung ihrer Dignität, d.h. “das stolze Selbstbewusstsein auf ihre Eigenart und die Bereitschaft, sich rückhaltlos für sie einzusetzen”, während ihnen eben das sonst so verbreitete “pathetische Sehnen nach der abstrakten politischen ‘Macht’ der Gemeinschaft als solcher” fremd ist (a.a.O., 243f.).Google Scholar
  182. 348.
    Denn: “Aber ethnisches Gemeinsamkeitsgefühl allein macht noch keine Nation”. Doch eben auch: Und diejenigen deutschredenden Elsässer, welche die Zugehörigkeit zur deutschen ‘Nation’ ablehnen und die Erinnerung an die politische Gemeinschaft mit Frankreich pflegen, rechnen sich deshalb doch nicht schlechtweg zur französischen ‘Nation’ (1976: 528f.).Google Scholar
  183. 349.
    Auch hier kommt es eben nicht auf die objektive Konstellation zwischen den Beteiligten an, sondern auf ihre Wahrnehmung durch die Einheimischen.Google Scholar
  184. 350.
    Zum Begriff des Kulturimperialismus vgl. unten, Kap. V.3.3.1.Google Scholar
  185. 351.
    Zwei Bemerkungen seien noch angefügt. Politisiert in diesem Sinne können, wie auf der Hand liegt, alle möglichen vorgängigen Gemeinschaften bzw. kollektiven Gemeinsamkeiten werden; Weber behauptet daher bezeichnenderweise nirgends, dass die Bildung der Nation nur anhand der von ihm erwähnten subjektiven Faktoren erfolgen könne. Ferner: Unmittelbar nationsbildende Kraft kommt diesen und anderen Faktoren umso mehr zu, je drückender die äußere, die Herausforderung durch Fremde erfahren wird (und die Herausgeforderten dadurch eben nicht demoralisiert werden). Mit der politischen geht dann aber die Bildung der an der fraglichen Gemeinsamkeit orientierten vorpolitischen Gemeinschaft Hand in Hand. Es ist daher zwar durchaus möglich, dass die politische Gemeinschaft zur Abwehr der äußeren Herausforderung nach ihrem kollektiven Umfang deutlich größer ausfällt als diejenigen (Einzel)Gemeinschaften, die sich anhand der unmittelbar politisch wirksam gewordenen kollektiven Merkmale ausgebildet haben (Fall der “Einheitsfront” von eigentlich mehreren Gemeinschaften). Spätestens nach der erfolgreichen Abwehr aber teilt sich diese Makro-Gemeinschaft wieder in die entsprechenden, politischen wie vorpolitischen Einzelgemeinschaften auf — es sei denn, dass die Beteiligten die damit verbundenen Kämpfe eben als ihr gemeinsames Heldenzeitalter verstehen und diese neue, sie übergreifende Gemeinsamkeit als Verpflichtung auf eine gemeinsame politische Zukunft interpretieren.Google Scholar
  186. 352.
    a.a.O., 244 und 520. Freilich ist gewöhnlich selbst dann, wenngleich nur in nicht- oder vorpolitischer Form, ein gewisses Macht- und Expansionsstreben festzustellen: “Die mit Militärkosten wenig belasteten Länder (...), namentlich auch die Kleinstaaten haben nicht selten eine, relativ gemessen, stärkere ökonomische Expansion ihrer Angehörigen — so die Schweizer — als Großmachtgebilde und werden außerdem zuweilen leichter zur ökonomischen Ausbeutung des Auslandes zugelassen, weil ihnen gegenüber nicht die Befürchtung besteht, dass die politische der ökonomischen Einmischung folgen werde” (a.a.O., 527).Google Scholar
  187. 353.
    Für das Verständnis und die Beurteilung dieser Darstellung mag die Feststellung nützlich sein, dass auch bei diesen Schriften jedes im hiesigen Argumentationszusammenhang relevante Wort Webers ernst genommen wird (und, will man seinen Intentionen gerecht werden, ernstgenommen werden sollte). Denn einerseits ist es genau nicht die Absicht der vorliegenden Schrift, Weber zu „schönen”, vor allem also: ihn in Richtung der gegenwärtig herrschenden sozio-politischen Auffassungen und Vorlieben zu modeln. Andererseits ist nirgendwo, auch nicht bei den während des Weltkriegs entstandenen politischen Reden und Schriften zu erkennen, dass Weber sich dabei an irgendeiner Stelle opportunistisch verhalten, d.h. entgegen seinen eigentlichen Überzeugungen gesprochen oder geschrieben hätte; dies schließt weder gelegentliche Rücksichtnahmen im Ton (auch gegenüber der Zensur) noch sachliche Verschiebungen infolge neuer politischer Ereignisse und Entwicklungen aus. Der Eindruck durchgängiger und immer wieder schroffer Redlichkeit drängt sich bei seinen politischen Schriften also eher noch stärker auf als bei den wissenschaftlichen Arbeiten.Google Scholar
  188. 354.
    Er selbst charakterisiert diese Vorlesung hinsichtlich ihres “Anspruchs auf das Prädikat der ‘Wissenschaftlichkeit”’ so: “Eine Antrittsrede bietet eben Gelegenheit zur offenen Darlegung und Rechtfertigung des persönlichen und insoweit ‘subjektiven’ Standpunktes bei der Beurteilung volkswirtschaftlicher Erscheinungen” (1988a: 1). Hinsichtlich ihrer Hauptinhalte haben sich, in späteren Jahren, wohl nur drei größere Veränderungen in den entsprechenden Auffassungen Webers vollzogen. Nämlich einmal eine gewisse Abmilderung seiner Haltung in der Polenfrage. Mommsen hat also recht, wenn er feststellt, dass Webers “Kampfstellung gegen die Polen allmählich etwas von ihrer Schärfe verlor”, unrecht freilich, wenn er dies auch damit begründet, dass “sein Nationalbewusstsein” in späteren Jahren “nüchterner geworden und stärker am Staatsgedanken orientiert” gewesen sei (1974: 60). Letzteres ist schlicht falsch, während sich über “Nüchternheit” natürlich trefflich streiten ließe. Zum zweiten eine eben wachsende Skepsis gegenüber der Annahme der Bestimmtheit menschlichen Verhaltens durch quasi-rassische Qualitäten, zumindest: die sozialwissenschaftliche Fruchtbarkeit einer solchen Annahme. Und drittens eine Neubestimmung des Verhältnisses von (Erfahrungs)Wissenschaft und politischer Praxis, die unten skizziert wird.Google Scholar
  189. 355.
    “Es sind vornehmlich deutsche Tagelöhner, die aus den Gegenden mit hoher Kultur abziehen, es sind vornehmlich polnische Bauern, die in den Gegenden mit tiefem Kulturstand sich vermehren” (551; im Original kursiv).Google Scholar
  190. 356.
    In seinen gesamten politischen Schriften fallt auf, mit welcher Selbstverständlichkeit Weber von Nationen spricht, d.h. von politischen und/oder ethnischen Einheiten, deren Angehörige jedenfalls nach außen eine Gemeinschaft bilden. Was ihm theoretisch uneindeutig, komplex, ja immer wieder nur eine “Idee” scheint, ist ihm in politisch-praktischer Hinsicht eine selbstverständliche Tatsache, die bei der Analyse aktueller ökonomischer usw. Entwicklungen innerhalb und zwischen den verschiedensten Ländern stets in Rechnung zu stellen ist.Google Scholar
  191. 357.
    “Die Menschengeschichte kennt den Sieg von niedriger entwickelten Typen der Menschlichkeit und das Absterben hoher Blüten des Geistes- und Gemütslebens, wenn die menschliche Gemeinschaft, welche deren Träger war, die Anpassungsfähigkeit an ihre Lebensbedingungen verlor, sei es wegen ihrer sozialen Organisation oder ihrer Rassenqualitäten wegen” (a.a.O., 9).Google Scholar
  192. 358.
    Und zwar durch eine Schließung der östlichen Grenze gegen die polnischen Wanderarbeiter sowie einen systematischen Bodenankauf seitens des Staates bzw. eine “systematische Kolonisation deutscher Bauern” auf diesem und sonstigem Boden (a.a.O., 10). Ferner durch eine Zurückdrängung (statt staatlicher Förderung) des Fideikomisswesens, da die Landgüter dieser Rechtsform bei der “Polonisierung ihrer Arbeiter an der Spitze” standen (1904: 565). Vgl. dazu auch die systematisch angelegte Arbeit von Heß (1990: 101–214).Google Scholar
  193. 359.
    Dementsprechend gilt für die wirtschaftliche Sphäre: “Nicht in erster Linie fir die Art der wirtschaftlichen Organisation, die wir ihnen überliefern, werden uns unsere Nachfahren verantwortlich machen, sondern für das Maß des Ellenbogenraums, den wir ihnen in der Welt erringen und hinterlassen” (a.a.O., 14).Google Scholar
  194. 360.
    Und unmittelbar nach dem Krieg: “Die Interessen und Aufgaben der Nation stehen uns turmhoch über allen Gefihlen. Ebenso über allen Fragen der politischen Form überhaupt” (1988a: 449). Allerdings: Genau diese Interessen und Aufgaben erfordern je länger, je dringender die Demokratisierung des Reichs. Denn — so Weber noch während der Herrschaft von Wilhelm II. — das alte Regime ist schuld an dem oft beklagten Mangel an nationalem Stolz gerade nach außen und damit zusammenhängenden Untugenden sowie an der verbreiteten politischen Unreife (als „Folge der Unkontrolliertheit der Beamtenherrschaft und der Gewöhnung der Beherrschten daran”). Nur ein Volk aber, “welches die Kontrolle der Verwaltung seiner Angelegenheiten in eigener Hand hält und durch seine gewählten Vertreter die Auslese seiner politischen Führer entscheidend mitbestimmt”, ist ein reifes Volk und damit ein “‘Herrenvolk”; und nur ein solches Volk “kann und darf überhaupt ‘Weltpolitik’ treiben”, hat “den Beruf in die Speichen der Weltentwicklung einzugreifen”. Die mögliche Vereitelung der Demokratisierung würde daher den Preis der ganzen Zukunft Deutschlands kosten (a.a.O., 441 ff. und 291; vgl. auch die unten wiedergegebene Äußerung a.a.O., 309).Google Scholar
  195. 361.
    “Anstatt des Ingrimms des Herrn Kollegen Oldenberg gegen den Kapitalismus wäre wohl vom wissenschaftlichen Standpunkt die Frage am Platze gewesen: kann denn diese kapitalistische Entwicklung für Deutschland gehindert werden, und so lange nicht der Herr Kollege Oldenberg das Gegenteil auch nur zu behaupten vermag, sage ich: nein, sie kann nicht gehindert werden, sie ist unabwendbar für uns, und nur die Bahn, in der sie sich bewegt, lässt sich wirtschaftlich beeinflussen” (1993: 631).Google Scholar
  196. 362.
    Daneben bringt die internationale wirtschaftliche Verflechtung einen weiteren Nachteil mit sich, der zwar weniger in die Augen fällt, längerfristig aber großes Gewicht besitzt. Natürlich bedroht schon die moderne ökonomische Entwicklung überhaupt die innere Einheit, hat sie doch über die Verschärfung der Klassengegensätze die “soziale Einigung der Nation ... gesprengt”. In der noch gravierenderen, der außenpolitischen Hinsicht führt diese Verflechtung dazu jedoch in besonderer Weise, weil sie, zumindest für eine Übergangszeit, “materielle Interessen im eigenen Schoße der Nation als Bundesgenossen gegen deren Zukunft in die Schranken ruft” (1988a: 23 und 14). Dagegen setzt Weber eine entsprechend ausgerichtete Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie eine forcierte politische Erziehung der Nation (vgl. unten).Google Scholar
  197. 363.
    1993: 630f. und 610; 1988a: 22f. An einer auf den Besitz von Kolonien u.ä. zielenden Weltmachtpolitik hat Weber denn auch bis zum Ende des 1. Weltkriegs festgehalten. In einem Artikel von 1916, in dem er sich sonst ausdrücklich gegen sämtliche, denkbare Gebietseroberungen im Westen oder Osten durch das Deutsche Reich ausspricht, heißt es gleichwohl: “Wir brauchen statt unseres (kolonialen B.E.) Streubesitzes gewiss keine Welteroberung, aber eine arrondierte Interessensphäre, wie andere Länder sie auch haben, ohne dass jemand dadurch gefährdet wird” (1988a: 166).Google Scholar
  198. 364.
    Vgl. a.a.O., 17f.Google Scholar
  199. 365.
    A.a.O., 12f.. Allerdings vermochten weder die Ideale des einen noch des anderen Typs die gleichsam übergeordnete Erkenntnis ganz zu verdrängen, “dass eine Wissenschaft vom Menschen, und das ist die Volkswirtschaftslehre, vor allem nach der Qualität der Menschen” fragt, die “durch jene ökonomischen und sozialen Daseinsbedingungen herangezüchtet werden” (a.a.O.).Google Scholar
  200. 366.
    “Es gibt keinen Frieden auch im wirtschaftlichen Kampf ums Dasein; nur wer jenen Schein des Friedens für die Wahrheit nimmt, kann glauben, dass aus dem Schoße der Zukunft für unsere Nachfahren Frieden und Lebensgenuss erstehen werde. ... Schon der dunkle Ernst des Bevölkerungsproblems hindert uns, Eudämonisten zu sein, Frieden und Menschenglück im Schoße der Zukunft verborgen zu wähnen und zu glauben, dass anders als im harten Kampf des Menschen mit dem Menschen der Ellbogenraum im irdischen Daseins werde gewonnen werden” (a.a.O., 12).Google Scholar
  201. 367.
    Angesichts des bald schon entschiedenen Verfechters der Werturteilsfreiheit in den Sozialwissenschaften, scheint dazu eine Bemerkung angebracht. Auch 1895 betont Weber bereits den Unterschied zwischen theoretischen und praktischen Zielen der Wissenschaft: “Die Volkswirtschaftslehre als erklärende und analysierende Wissenschaft ist international, allein sobald sie Werturteile fällt, ist sie gebunden an diejenige Ausprägung des Menschentums, die wir in unserem eigenen Wesen finden. Sie ist es oft gerade dann am meisten, wenn wir unserer eigenen Haut am meisten entronnen zu sein glauben” (1988a: 13). Die Differenz zu seiner späteren Auffassung liegt jedoch in folgendem: Während er es hier noch als Aufgabe der Wissenschaft selbst — und damit als Pflicht des einzelnen Wissenschaftlers — begreift, der politischen Praxis, soweit sie eben national und damit nicht nur an Partikularinteressen von Klassen und jeweils herrschenden Machthabern orientiert ist, zu dienen (“die Wissenschaft von der Volkswirtschaftspolitik ist ... eine Dienerin der Politik” (a.a.O., 14)), betont er später die Autonomie der Wissenschaft gegenüber allen praktischen Zwecken, die diejenigen, die Wissenschaft treiben, dazu nötigt, grundsätzlich zwei Rollen zu spielen. Innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses haben sie sich eben sämtlicher, auch der in dieser Weise national motivierten Werturteile zu enthalten (vgl. u.a. 1988b: 488), während sie als wollende Menschen, als Angehörige ihrer Nation, einer bestimmten Gesellschaft oder Klasse sehr wohl in politische Auseinandersetzungen eingreifen können und eigentlich auch sollten. Allerdings kann die Wissenschaft selbst zur Begründung dieses Sollens nichts beitragen.Google Scholar
  202. 368.
    In der folgenden Äußerung sind freilich beide Argumentationsebenen wieder miteinander verknüpft: “Nicht Frieden und Menschenglück haben wir unseren Nachfahren mit auf den Weg zu geben, sondern den ewigen Kampf um die Erhaltung und Emporzüchtung unserer nationalen Art” (a.a.O., 14).Google Scholar
  203. 369.
    a.a.O., 13. Der sich unmittelbar anschließende Satz lautet dann: “Die Volkswirtschaftspolitik eines deutschen Staatswesens, ebenso wie der Wertmaßstab des deutschen volkswirtschaftlichen Theoretikers können deshalb nur deutsche sein”.Google Scholar
  204. 370.
    Das (derzeit) entscheidende Mittel, um dieses Endziel zu erreichen, besteht dann in einer entsprechenden Erziehung der Nationsangehörigen. Angesichts der internationalen, ja der globalen wirtschaftlichen und politischen Situation ist sie notwendig eine politische Erziehung, vor allem der aktuell und der in absehbarer Zukunft führenden Klassen. thr haben in Wahrheit auch die staatliche Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie eben die Wissenschaft von der Volkswirtschaftspolitik zu dienen — und zwar teils direkt, teils über die mit ihnen unmittelbar anzustrebende innere Einheit: “Nicht eine Frage nach der ökonomischen Lage der Beherrschten, sondern die vielmehr nach der politischen Qualifikation der herrschenden und aufsteigenden Klassen ist auch der letzte Inhalt des sozialpolitischen Problems. Nicht Weltbeglückung ist der Zweck unserer sozialpolitischen Arbeit, sondern die soziale Einigung der Nation, welche die moderne ökonomische Entwicklung sprengte, für die schweren Kämpfe der Zukunft. ... Eine ungeheure politische Erziehungsarbeit ist zu leisten und keine ernstere Pflicht besteht für uns, als, ein Jeder in seinem kleinen Kreise, uns eben dieser Aufgabe bewusst zu sein: an der politischen Erziehung unserer Nation mitzuarbeiten, welche das letzte Ziel auch gerade unserer Wissenschaft bleiben muss” (a.a.O., 23f.).Google Scholar
  205. 371.
    Im Anschluss an den schon erwähnten Primat der Lebensinteressen der Nation gegenüber allen Formen politisch-staatlicher Verfassung heißt es nämlich: “Würde aber das Parlament versagen und käme infolgedessen das alte System wieder, so hätte das allerdings weittragende Folgen. Auch dann würde man das Schicksal dafür segnen dürfen, ein Deutscher zu sein. Aber auf große Hoffnungen für Deutschlands Zukunft würde man dann endgültig verzichten müssen, ganz einerlei, wie der Frieden aussieht” (1988a: 309).Google Scholar
  206. 372.
    Bis zur Februarrevolution von 1917 geht für Weber hier die Hauptgefahr von Russland aus, dessen Imperialismus vor allem durch die Machtinteressen der zaristischen Bürokratie sowie den Landhunger seiner Bauern, den russischen Volksimperialismus motiviert sei. Danach erblickt er die entscheidende Bedrohung in der englisch-französischen Kriegsführung: Deutschland fechte nämlich „nach wie vor ... gegen ein Heer, in welchem Neger, Ghurkas und allerhand andere Barbaren aus allen Schlupfwinkeln der Erde an der Grenze bereitstehen, unser Land zur Wüste zu machen” (a.a.O., 143f., 164, 168f. und 307; vgl. 214f.). Doch auch wenn diese extreme Möglichkeit zu vernachlässigen wäre: Eine Niederlage in diesem Krieg würde eine sehr beengte Existenz mit entsprechender Einschränkung und Not zum dauernden Schicksal der Masse der Deutschen machen und ihnen international eine Pariastellung einbringen (a.a.O., 176).Google Scholar
  207. 373.
    In dem Vortrag “Deutschlands weltpolitische Lage” vom 27. 10. 1916, die diesem Aufsatz auch nach seinem eigenen Bekunden zugrunde lag, hat sich Weber in der Charakterisierung der entscheidenden Gegner übrigens schärfer ausgedrückt: Die beiden Zeitungen, die damals über ihn berichteten, sprechen von der “Lang(e)weile der englischen Konvention” und der “Gemeinheit der russischen Gewaltherrschaft” bzw. “russischer Gewalt” (vgl. Weber 1984: 698 und 700). Wie negativ Weber gerade das Zarenregiment beurteilte, ist vor allem seiner entsprechenden Schrift von 1906 zu entnehmen, aber auch den von Weber wohl maßgebend mitverfassten “Bemerkungen ... über die Verantwortlichkeit der Urheber des Krieges” von 1919, in denen es heißt: “Der Zarismus, mit welchem eine wirkliche Verständigung vollkommen ausgeschlossen war, bildete das furchtbarste System der Verknechtung von Menschen und Völkern, welches ... jemals ersonnen worden war” (1988a: 586). Demgegenüber fehlen nähere Äußerungen darüber, was unter der angelsächsischer Konvention bzw. der ihr eigenen Langeweile genauer zu verstehen ist.Google Scholar
  208. 374.
    Angesichts gegenwärtiger Entwicklungen liegt es nahe, Formulierungen wie die „die Eigenart der Kultur der Zukunft”, „die Gestaltung der Kultur der Erde”, so zu lesen, als glaubte Weber an die künftige Entstehung einer weltweiten, mehr oder minder einheitlichen Kultur, die ohne die Errichtung einer anglorussischen (oder sonstigen) Weltherrschaft Wirklichkeit würde. Mitzusprechen bei der Entscheidung über die Zukunft der Erde hieße dann für die deutsche Nation, diese sich abzeichnende Zukunftskultur mitzugestalten, sie mit Zügen der eigenen Kultur zu bereichern. Auszuschließen ist eine solche Interpretation nicht. Gegen sie spricht jedoch neben der Gesamtargumentation vor allem der Umstand, dass die sonstige Betonung der generellen kulturellen Eigenständigkeit der Völker, ja einer Verschärfung der nationalen Gegensätze in dieser Hinsicht (a.a.O., 177) mit der Annahme einer solchen, sich friedlich herausbildenden Zukunftskultur kaum zu vereinen ist.Google Scholar
  209. 375.
    In der dafür wichtigsten, bereits zitierten Passage heißt es immerhin: „Die Ehre unseres Volkstums gebot es” (und nicht bloß: eines Volks von 70 Millionen o.ä.). Ob die Annahme, Weber habe an eine solche Affinität geglaubt, tatsächlich im Widerspruch zu seiner entsprechenden Äußerung im letzten Absatz dieses Artikels steht, mag hier offen bleiben.Google Scholar
  210. 376.
    Denn zumindest unter dem frischen Eindruck der Niederlage ist er zwar, in einer schroff, ja gewaltsam anmutenden Selbstkorrektur, zu einem „klaren Verzicht auf imperialistische Träume” bereit, strebt jedoch jetzt die Selbstbestimmung aller deutschen Gebiete (d.h. einschließlich Rest-Österreichs — B.E.) zur Einigung in einem unabhängigen Staat an, dessen Zweck die — “rückhaltlos friedliche” — Pflege unserer Eigenart im Kreise des Völkerbunds sein sollte. Für den naheliegenden Fall aber, dass die Siegermächte einen solchen nationalen Pazifismus nicht dulden werden, vielmehr die Einigung verhindern, die Abtretung fraglos deutscher Gebiete (oder auch Fron- und Schuldpflichten) erzwingen werden, hofft er auf einen bis zum Guerillakrieg reichenden Widerstand der deutschen Bevölkerung (a.a.O., 453ff.).Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Bernd Estel

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