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Nation als idée-force

  • Bernd Estel
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Zusammenfassung

Im letzten Abschnitt ist eine Grundbedingung der Existenz und Wirksamkeit nationaler Identität behandelt worden, die jetzt unter dem Gesichtspunkt der Bildung der modernen Nation systematisch aufzugreifen ist. Gemeint ist die Bedingung, dass das identitätsstiftende Wissen auch sozial geteilt und/oder sozial verbindlich ist, also die Zustimmung der (potentiellen) Nationsangehörigen gefunden hat und mithin deren eigenes Wissen darstellt oder sich ihnen als verbindliche, institutionell abgestützte normative Erwartungen aufdrängt, deren durchschnittliche Erfüllung durch Sanktionen abgesichert ist. Denn nur so kann sich dieses Wissen in ein dauerhafteres nationsorientiertes Handeln der Person übersetzen, das seine Inhalte zur sozialen Wirklichkeit macht bzw. sie als solche erhält. Während jedoch die normativinstitutionelle Verbindlichkeit die Existenz der Nation als Nationalgesellschaft und Nationalstaat bereits weitgehend voraussetzt, entspricht die soziale Geteiltheit nationalen Wissens, isoliert genommen, vor allem der Situation oder dem Prozess des nationalen Erwachens, bei dem es zunehmend, und massenhaft Anhänger findet. Da jedoch soziale Geteiltheit in diesem Sinne eine Grundbedingung der späteren sozialen Verbindlichkeit und damit entfalteter moderner Nationen überhaupt ist, stellt sich zunächst die Frage, wie und aus welchen Gründen solches Wissen propagiert und, vor allem eben, breite Zustimmung findet.

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Referenzen

  1. 115.
    Auch darin pflegt zwischen einer Nationalbewegung bzw. ihrem führenden Kern und anderen geschichtsmächtigen Bewegungen kein Unterschied zu bestehen — und zwar gerade solchen Bewegungen, welche die Gleichheit aller auf ihre Fahnen geschrieben haben. Erinnert sei etwa daran, dass der europäische Liberalismus des 19. Jahrhunderts (mit Ausnahme des zahlenmäßig gewöhnlich schwachen Linksliberalismus) sich einerseits gerade nicht als Partei, sondern als Repräsentant des Allgemeinwohls, der Nation überhaupt begriff, auf der anderen Seite aber regelmäßig — und zwar lange vor dem Aufkommen starker sozialistischer Bewegungen gegen Ende des Jahrhunderts! — dazu neigte, unter der eigentlichen Nation nur Männer von Besitz und Bildung zu verstehen, und insbesondere die Angehörigen der Unterschichten als jakobinisch oder konservativ-klerikal gesinnten “Pöbel” aus ihr auszuschließen (vgl. etwa Sheehan 1988: 38 und Ullrich 1988: 385ff.). Für die Gegenspieler der Liberalen aber, die mehrheitlich kleinbürgerlichen Demokraten oder Republikaner bemerkt Nipperdey (im Blick auf Deutschland): “Das Prinzip war die Herrschaft der Mehrheit, aber sie sollte gegebenenfalls auch ungeachtet der Meinung der Mehrheit durchgesetzt werden. Die Mittel entsprachen nicht notwendig dem Ziel. In der radikaldemokratischen Debatte der Schweiz 1847 ist das Recht der aufgeklärten demokratischen Minderheit gegenüber der unaufgeklärten Mehrheit auch deutlich ausgesprochen worden. ... Die rituelle Berufung auf das Volk hat bei der radikalen Linken (...) die Tendenz, das reale Volk nur zu meinen, wenn es mit den Demokraten übereinstimmt, sonst aber — wenn die Mehrheit gegen die Demokraten ist — ein imaginäres aufgeklärtes Volk zu antizipieren und eine Art Erziehungsdiktatur der Minderheit anzuvisieren (so z.B. bei G. Herwegh)” (1983: 177). Und hinsichtlich sozialistischer Bewegungen sei der notorische Verweis auf den Leninismus durch die Bemerkung ergänzt, dass Roberto Michels sein ehernes Gesetz der Oligarchie nicht zuletzt anhand des Studium der sozialistischen Parteien vor dem 1. Weltkrieg entwickelt hat.Google Scholar
  2. 116.
    Hroch selbst spricht hier von kleinen Nationen, die freilich, streng genommen, von ihm begrifflich enger gefasst sind. Definitionsgemäß weisen sie nämlich noch zwei weitere Defizite auf: “Die meisten Nationen Europas formierten sich in einer Situation fehlender Eigenstaatlichkeit, viele ohne eine eigene nationale, herrschende Klasse, manche ohne eine eigensprachliche, in der feudalen Epoche konstituierte Kulturtradition. Dort, wo diese drei Defizite den Formierungsprozess moderner Nationen kennzeichneten, spreche ich im folgenden von einer Situation der kleinen Nation” (1988: 337f.). Faktisch dehnt Hroch den Umfang der von ihm verglichenen Ethnien jedoch kurz darauf selbst so aus, dass als Abgrenzungskriterium nur die fehlende Eigen(gesamt)staatlichkeit übrigbleibt.Google Scholar
  3. 117.
    Unter systematischen Gesichtspunkten empfiehlt es sich freilich dringend, die Phase C nicht so umfassend zu defmieren, sondern die Phase der politischen Massenbewegung C von einer weiteren Phase D, der Durchsetzung der Nation mit staatlichen Mitteln (nach der nationalen Rekonstitution des Staats bzw. der Gründung eines eigenen Nationalstaats) zu unterscheiden. Denn die moderne Nation ist ein grundsätzlich unfertiges Projekt, bei dem nie “alle Defizite einer vollen nationalen Existenz ausgeräumt” sind (sodass die Hroch’sche Phase C streng genommen nie endet). Unmittelbar wichtiger aber: Durch den Besitz der Staatsmacht nehmen die Probleme der weiteren Durchsetzung der Nation nach innen und außen und damit die sozio-politischen Bemühungen der Nationalbewegung bzw. der nationalen Elite einen anderen Charakter an, wie u.a. auch dem unten näher geschilderten Beispiel der Tschechei/Tschechoslowakei zu entnehmen ist.Google Scholar
  4. 118.
    Siehe dazu Loit (1993), der als Anfänge der baltischen Nationalbewegungen freilich auch — und wohl mit sachlichem Unrecht — verschiedene Protestaktionen der bäuerlichen Bevölkerung ins Spiel bringt. Allerdings bestimmt er die dazu gehörigen Bauernbewegungen dann doch nur als Vorstadium zu den eigentlichen Nationalbewegungen (a.a.O., S. 215f).Google Scholar
  5. 119.
    So z.B. in Polen, wo der Adel durch den politischen Untergang des Landes am Ende des 18. Jahrhunderts am stärksten getroffen war und deshalb ein vitales Interesse an dessen staatlicher Wiederherstellung besaß: “Für die Szlachta bildete das nationale Ziel die Wiederherstellung des polnischen Staates, in dem sie sich der gleichen Privilegien (vor allem eben: des liberum veto — B.E.) erfreuen könnte wie vor 1795” (Brozek, a.a.O., 74). Angesichts der Fundamentaldemokratisierung, die die moderne Nation grundsätzlich bedeutet, wird diese frühe polnische Nationalbewegung freilich zum unsicheren Grenzfall. Müsste man sie nämlich nur als adlige Restaurationsbewegung begreifen (was Brozek freilich nicht tut), würde sie einem anderen Typus sozialer Bewegungen angehören. Dagegen spricht allerdings, dass auch hier Angehörige des Bildungsbürgertums (und des Militärs) bei der Nationalbewegung von Anfang an mitmachten.Google Scholar
  6. 120.
    Ein Erklärungsversuch des Nationalismus in wohletablierten, also tatsächlich eigenständigen Nationen müsste demgegenüber etwas anders ausfallen. Zu bedenken ist freilich, dass auch solche Nationen (wieder) in lähmende Abhängigkeit von außen geraten konnten bzw. können.Google Scholar
  7. 121.
    Vgl. dazu Bücher 1922 sowie unten, Kap. IV.3.1.Google Scholar
  8. 122.
    Dementsprechend finden sich immer wieder an nationalen Intentionen orientierte Angriffe auf die (Hoch)Religionen, dass sie durch ihre Jenseitsorientierung die Menschen ihren realen, irdischen Interessen entfremden und sie so zu einer fatalen gesellschaftlichen und politischen Passivität erziehen würden. In seinen Reden an die deutsche Nation bemerkt z.B. Fichte: “Auch ist es ein sehr verkehrter Gebrauch der Religion, der unter anderem auch sehr häufig vom Christenthume gemacht worden ist, wenn dieselbe gleich von vornherein, und ohne Rücksicht auf die vorhandenen Umstände, darauf ausgeht, diese Zurückziehung von den Angelegenheiten des Staates und der Nation als wahre religiöse Gesinnung zu empfehlen. ... In der regelmäßigen Ordnung der Dinge hingegen soll das irdische Leben selber wahrhaftig Leben sein, dessen man sich erfreuen, und das man, freilich in Erwartung eines höhere, dankbar genießen könne; und obwohl es wahr ist, dass die Religion auch der Trost ist des widerrechtlich zerdrückten Sklaven, so ist dennoch vor allem dies religiöser Sinn, dass man sich gegen die Sklaverei stemme, und, so man es verhindern kann, die Religion nicht bis zum bloßen Troste der Gefangenen herabsinken lasse” (1845f.: 378f.; vgl. auch 395). Doch findet sich bekanntlich ein ganz ähnlich gehaltener Angriff auf das Christentum schon bei Machiavell, dem frühneuzeitlichen Begründer einer radikal dieseitig ausgerichteten Theorie der Politik.Google Scholar
  9. 123.
    Damit sind, um es halb zirkulär zu definieren, Menschen und Menschengruppen gemeint, in deren Augen man selbst Fremder, d.h. Nichtdazugehöriger ist und bleibt — es sei denn und allenfalls, man gibt die eigene soziale Identität zugunsten der fremden auf.Google Scholar
  10. 124.
    Ein neuerer Artikel von Michailow über “Die Russische Idee als ein Versuch der nationalen Selbstidentifikation” beginnt mit dem lapidaren Satz: “Als der historische Anlass zur Keimbildung der slawophilen Doktrin ist zweifellos der Kampf Russlands gegen Napoleon und der Sieg über ihn anzusehen” (1993: 119). Damit freilich aus der wiederum an Herder und der deutschen Romantik orientierten Slawophilie der moderne russische Nationalismus (und als sein Instrument: der Panslawismus) werden konnte, mussten auch in Rußland, ähnlich wie in Polen, doch erst Fundamentaldemokratisierung, Machbarkeitsglaube und in Ansätzen selbst die bürgerliche Gesellschaft Einzug halten.— Die Bedeutung der bzw. des Fremden ist übrigens — und entgegen verbreiteten, oberflächlichen Auffassungen von einem im wesentlichen nur endogenen Ursachen geschuldeten Prozess — auch für die Entstehung der ersten modernen Nationen zu betonen: Cromwells England bzw. Großbritannien ist ohne die Furcht vor und dem Hass auf das „papistische“ Spanien als dem eigentlichen Feind nicht zu verstehen (vgl. zu früheren wie späteren Epochen auch den kurzen Überblick bei Langewiesche 1995: 192f. und die dort angegebene neuere Literatur). Und die Revolution von 1789 erfuhr ihre geschichtsträchtige Radikalisierung erst unter dem kollektiven Eindruck einer äußeren Bedrohung, die vermeintlich nach ihrer Vernichtung strebte.Google Scholar
  11. 125.
    In seinem Vergleich der Rolle des Bürgertums in den nationalen europäischen Bewegungen der Vergangenheit kommt Hroch zu folgendem Ergebnis: “So lässt sich feststellen, dass die asynchrone Entwicklung nationaler Bewegungen, d.h. die Tatsache, dass einige schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu Massenbewegungen wurden und andere erst nach dieser Zeit in die Phase B eintraten, nur beschränkt mit ihrer stärker oder schwächer ausgeprägten Verbürgerlichung zusammenhing. Direkte Abhängigkeiten zwischen den Prozessen bürgerlicher Umwälzung und der früher oder später einsetzenden Nationalbewegung scheint es nicht gegeben zu haben. In manchen rückständigen Gebieten begann die nationale Bewegung sehr früh, wogegen in anderen, höher entwickelten Regionen die Phase C sehr spät oder gar nicht erreicht wurde” (1988: 356).Google Scholar
  12. 126.
    Hinsichtlich der näheren Kausalzusammenhänge stellt sich der Gesamtsachverhalt also so dar: Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft, Fundamentaldemokratisierung, Machbarkeitsglaube und negative Erfahrungen mit Fremden sind, einzeln genommen, nur begünstigende Faktoren von Nationalismus, während sie in ihrer jeweiligen, nichtadditiven Kombination den entscheidenden Ursachenkomplex ergeben. Allerdings nicht für das nationsorientierte Handeln der Menschen selbst, sondern eben für die große Attraktivität des sich so durchsetzenden Identitätsentwurfs, der dann seinerseits zur wichtigsten unabhängigen Variablen dieses Handeln wird. Zur einzigen freilich schon deshalb nicht, weil — von den konkreten Handlungssituationen mit ihren Zwängen und Opportunitäten ganz abgesehen — in das individuelle nationsorientierte Handeln regelmäßig, und gleichsam von vornherein, auch nichtnationale Motive eingehen. Hinzu kommt, dass schon mit den aller ersten äußeren Erfolgen einer Nationalbewegung sich gleichsam sekundäre Interessen an deren Fortbestand und Weiterentwicklung anlagern und entsprechende Wirkungen zeitigen. Diese und andere Tatbestände, wie nicht zuletzt die immer wieder vorkommende politische Benutzung (“Instrumentalisierung”) des Nationalismus zu anderen Zwecken, rechtfertigen es gleichwohl nicht, wie z.B. Winkler (1978) es tut, den Nationalismus durch seine Funktionen zu erklären. Denn selbst wenn die dabei festgestellten Funktionen (als wirklich ihm geschuldete Wirkungen!) mehr als lediglich Plausibilität beanspruchen könnten, ist damit der Grundsachverhalt nicht hinfällig, dass nicht objektive Wirkungen, sondern vorgestellte Zwecke Menschen zu einem bestimmten Handeln motivieren. Und ein selbstloses Handeln, das in dem Sinne freiwillig ist, dass sich die Person zu ihm nicht institutionell, d.h. durch die bestehende Ordnung verpflichtet fühlt, und mit dem zugleich große oder doch unabsehbare Opfer für sie verbunden sind, erfordert hinsichtlich seiner Motivation durchschnittlich eben Verheißungen, die auf ein umfassenderes Heil abzielen.Google Scholar
  13. 127.
    Verschiedene Motive dieses Wissens kehren auch in dem folgenden Bekenntnis Goethes wieder, der ja nicht gerade als Nationalist (im vulgären Wortsinn) gilt: “Glauben Sie ja nicht, dass ich gleichgültig wäre gegen die großen Ideen Freiheit, Volk, Vaterland. Nein; diese Ideen sind in uns, sie sind ein Teil unsers Wesens, und niemand vermag sie von sich zu werfen. Ich habe oft einen bittern Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen ist. Eine Vergleichung des deutschen Volkes mit anderen Völkern erregt uns peinliche (d.h. schmerzliche — B.E.) Gefühle, über welche ich auf jegliche Weise hinwegzukommen suche; und in der Wissenschaft und in der Kunst habe ich die Schwingen gefunden, durch welche man sich darüber hinwegzuheben vermag: denn Wissenschaft und Kunst gehören der Welt an, und vor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität; aber der Trost, den sie gewähren, ist doch nur ein leidiger Trost und ersetzt das stolze Bewusstsein nicht, einem großen, starken, geachteten und gefürchteten Volke anzugehören. In derselben Weise tröstet auch nur der Glaube an Deutschlands Zukunft. Ich halte ihn so fest wie Sie, diesen Glauben. Ja, das deutsche Volk verspricht eine Zukunft und hat eine Zukunft” (Gespräch vom Dezember 1813, zitiert nach Biedermann 1957: 304).Google Scholar
  14. 128.
    1903: 79; vgl. 1950: 46. Die folgende Kurzdarstellung von Sorels Konzeption orientiert sich wesentlich an ihrer zusammenfassenden Interpretation durch Barth 1959.Google Scholar
  15. 129.
    Aus Gründen der stilistischen Vereinfachung wird in der folgenden Darstellung gewöhnlich nur der erste Fall sprachlich berücksichtigt. Der zweite ist jedoch mitzudenken.Google Scholar
  16. 130.
    Auch dabei geht es also um wissensinterne Erfordernisse bzw. Merkmale und nicht etwa um Verfahren und Begleitumstände der Wissensvermittlung, die für den praktischen Erfolg der öffentlichen Verbreitung von Wissen natürlich höchst bedeutsam sind. So kann es bereits verblüffen, wie stark der Erfolg gerade von politischen Rednern immer wieder davon abhängt, dass die Rede mit Wärme und einer gewissen Begeisterung vorgetragen wird, die bei der Menge den Eindruck einer “uninteressierten” Aufrichtigkeit, d.h. der Wahrhaftigkeit des Sprechers erweckt. Im hiesigen Zusammenhang ist davon jedoch genauso wenig die Rede wie von der eigentlichen Propaganda.— Andererseits gilt auch, dass die fraglichen Wissensmerkmale bzw. nationales Selbstwissen überhaupt bei der Person nur dann Wirkung erzielen können, wenn sie dafür in kognitiver und emotionaler Hinsicht empfänglich ist. Die wichtigsten Gründe für die Empfänglichkeit bilden aber wiederum Erfahrungen des Mangels (angesichts fremden Überflusses), der ungerechtfertigten kollektiven Abhängigkeit, der faktischen Diskriminierung und Erniedrigung, die nicht dem eigenen Verhalten, sondern der bloßen kollektiven Zugehörigkeit geschuldet sind.Google Scholar
  17. 131.
    Hinzugefügt sei, dass dieses Erfordernis die Entwürfe einer bestimmten nationalen Identität zwar nicht nach ihrer inneren Konstruktion, wohl aber hinsichtlich ihrer angestrebten sozialen Attraktivität überfordern kann. Denn wie sollte z.B. die isolierte Betonung gemeinsamer Abstammung und Sprache Menschen wirklich gemeinschaftlich zusammenführen und von anderen trennen, die bisher als wichtigste Kriterien kollektiver (Nicht)Zugehörigkeit die Religion oder den Stand mit seinem gesamten Lebenszuschnitt gekannt haben? Erst bei entsprechend gründlichen Veränderungen in sozio-ökonomischer, politischer und kultureller Hinsicht gewinnen hier Entwürfe einer nationalen Identität eine Chance auf allgemeinere Akzeptanz — und damit die Nation selbst eine Chance auf Verwirklichung.Google Scholar
  18. 132.
    In den klassischen, die nationaldemokratische Hauptlinie der modernen Nation begründenden Entwürfen von Rousseau und Sieyes, die in diesem Punkt mit dem Denken ihres und noch des folgenden Jahrhunderts ganz übereinstimmen, ist diese konstitutive Leistung der nationalen — wie jeder kollektiven — Identität noch verdeckt. Nach ihnen gibt es für die Nation bzw. ihre Angehörigen immer schon ein Gemeinwohl, das als das eben gemeinsam Nützliche und damit zugleich sittlich Gute nur seiner Realisierung harrt (vgl. dazu unten, Kap. IV.2.2). Verkannt wird diese Leistung jedoch auch in verschiedenen modernen Auffassungen, es gäbe gar kein Gemeinwohl. Sozialwissenschaftlich fruchtbarer ist demgegenüber eine Forschungsperspektive, die, um es für die Vergangenheit zu formulieren, die näheren Bedingungen usw. untersucht, die für die politische Durchsetzung einer bestimmten Version des Gemeinwohls in den verschiedenen (National)Gesellschaften verantwortlich waren, und hinsichtlich der Wirkungen dieser Durchsetzung dann auch zu ermitteln sucht, welche dieser Versionen für welche Bevölkerungsgruppen welche faktischen, materiellen und immateriellen Gewinne oder Kosten mit sich gebracht haben.Google Scholar
  19. 133.
    Die folgende Darstellung möchte vor allem denjenigen Bedingungen bzw. Merkmalen Rechnung tragen, die für die soziale Attraktivität von Entwürfen der nationalen Identität teils besonders bedeutsam, teils spezifisch scheinen; sie erstrebt also keine Vollständigkeit in der Aufzählung wissensinterner Attraktivitätsbedingungen überhaupt.Google Scholar
  20. 134.
    Vgl. dazu vor allem die auf Deutschland bezogenen Arbeiten von Giesen und Junge 1991, Giesen 1993 oder Schulze 1994. Unter Berufung auf den Artikel von 1991 spricht Münch denn auch vom deutschen Begriff der Kulturnation als einem reinen Literatenprodukt (1993: 63). Indem er dann noch diesem deutschen Nationsverständnis die — allzu vereinfachten — Nationsverständnisse Englands und Frankreichs kontrastiert (“Der britische Begriff der Nation als staatsbürgerliche Gemeinschaft ist dagegen von der Aristokratie, dem gewerblichen und dem gebildeten Bürgertum zusammen geschaffen worden, der französische Begriff vom gewerblichen Bürgertum und den Aufklärern im Kampf gegen Aristokratie und König” (a.a.O.)), wird er weder dem deutschen Bürgertum (in einem breiten Sinne) noch den einschlägigen englischen und französischen Literaten gerecht.— Eine kurze, aber überzeugende Kritik an Giesen (und Junge) findet sich übrigens bei Langewiesche (1995: 211f).Google Scholar
  21. 135.
    Da im klassischen Nationalstaat der Grundsatz der nationalen Einheit regelmäßig auch im Sinn ethnischer Homogenität verstanden wird, sind diesem Staat schon Minderheiten, die auf eine eigene Abstammung und/oder ihre kulturelle Selbständigkeit Wert legen, ein gewisses Ärgernis (vgl. Gellner 1991: 164). Ganz unmöglich wird hier aber eine Fortdauer der Herrschaft Fremder.Google Scholar
  22. 136.
    Norwegen kam 1815 zu Schweden, nachdem es vorher mehr als vierhundert Jahre von Dänemark regiert worden war. Jedoch wurde es, als eigenes Reich mit eigener Verfassung und eigenem Parlament, Schweden nur durch Personalunion, d.h. den schwedischen König als gemeinsamem Oberhaupt verbunden. Bezeichnenderweise gehörten zu den Hauptstreitpunkten, die der staatlichen Loslösung unmittelbar vorangingen, nicht nur die Forderung Norwegens auf einen größeren Einfluss auf die gemeinsame Außenpolitik bzw. ein eigenes Konsulatswesen zu besseren Wahrung der eigenen Schifffahrtsinteressen, sondern auch seine Forderung nach einer gesamtstaatlichen Anerkennung der „reinen“, d.h. der das Unionszeichen nicht tragenden norwegischen Flagge.Google Scholar
  23. 137.
    Welche der skizzierten Alternativen jeweils gewählt wird, hängt natürlich nicht allein von der Haltung bzw. den Interessen dieser Elite, sondern nicht zuletzt vom aktuellen Entwicklungsstand der Nationalbewegung ab: Ist die Bewegung gerade erst in in die Phase C eingetreten und erscheint so als noch relativ schwach, liegt es für die alte Herrschaftselite nahe, mit (verschärften) Unterdrückungsmaßnahmen zu reagieren; ist sie weiter fortgeschritten oder verfügt gar über die Mehrheit unter der Bevölkerung, gewinnen notgedrungen die anderen Alternativen an Attraktivität. Man denke an das deutsche Beispiel, das zuerst die Unterdrückung der Nationalbewegung (Demagogenverfolgung!) nach 1815, dann die fehlgeschlagene Revolution von 1848 mit der sich anschließenden, erneuten Unterdrückung in der Reaktionszeit, und ab 1862 das Zusammenwirken beider Seiten in der Realpolitik Bismarcks kannte.Google Scholar
  24. 138.
    Unter dem Eindruck seiner eigenen Zeit, in der ja der moderne, national motivierte Imperialismus seinen Höhepunkt erreichte, bemerkt dazu Max Weber: “Die drei rationalen Komponenten einer politischen Grenzabsteckung: militärische Sicherheit, ökonomische Interessengemeinschaft, nationale Kulturgemeinschaft, harmonieren nun einmal auf der Landkarte nicht, und solange es Staaten mit Armeen und Wirtschaftspolitik gibt, sind Kompromisse zwischen jenen Prinzipien unvermeidbar” (1984: 189).Google Scholar
  25. 139.
    Die entsprechende, maximalistische Haltung war etwa, nach einer Bemerkung Bauers (1907), bei der großen Mehrheit der tschechischen Nationalisten schon vor dem 1. Weltkrieg zu finden. Einerseits forderten sie von der Wiener Zentralregierung die volle nationale Autonomie, waren unter Berufung auf die Landeseinheit andererseits aber nicht bereit, die deutschen Gebiete von ihrem Siedlungsgebiet abtrennen zu lassen, damit auch deren Bewohner in den Genuss einer solchen Autonomie hätten kommen können. Ganz im Einklang mit dieser Haltung verfuhr dann die soeben gegründete “Tschecho-Slowakei” noch 1918: Gestützt vor allem auf Frankreich wurde der von den Deutschen beschlossene Anschluss an “Deutsch-Österreich” mit Waffengewalt verhindert.Google Scholar
  26. 140.
    Eine lesenswerte Darstellung des näheren Charakters dieser Identifikation, die auf deren mythische Aspekte abhebt, findet sich bei Hübner 1991, Kap. XI und XII.Google Scholar
  27. 141.
    Davon gab es jedoch bis 1914 — und z.T. noch lange danach — zwei wichtige Ausnahmen. Neben den Männern ohne Besitz und Bildung bzw. eigenen Hausstand entbehrten auch die Frauen, und zwar insgesamt, des aktiven und passiven Wahlrechts, waren also von der politischen Partizipation weitgehend ausgeschlossen.Google Scholar
  28. 142.
    Zu dieser Aussage, die später noch genauer zu begründen sein wird, zwingen schon das Normalverständnis von Nation sowie die historischen Fakten. War England im ganzen letzten Jahrhundert, Frankreich in der Zeit nach 1815 oder während der Herrschaft Napoleons III. keine moderne Nation? Oder sind eine Reihe südosteuropäischer Nationen erst seit 1990/91? Klar ist andererseits auch, dass mit der modernen Nation jedenfalls die Existenz einer traditionellen, aus eigener Machtvollkommenheit bzw. durch Gottes Gnade herrschenden Monarchie nicht zu vereinbaren ist. Besteht sie formell fort, muss daher die faktische Macht in andere Hände, z.B. in die ihres „ersten Dieners“, des vom Staatsvolk gewählten Premierministers übergegangen sein. Verfügt dagegen der Monarch noch immer über beträchtliche Macht, ist dies nur über einen Wandel seines offiziellen (Selbst)Verständnisses — eben zu einem Organ des Volkswillens — zu legitimieren, der freilich auch seinen institutionellen Niederschlag gefunden haben sollte. Dafüür ist u.a. die Verfassung Belgiens vor dem 1. Weltkrieg ein Beispiel, in der es hieß: „Tous les pouvoirs émanent de la nation“ (vgl. auch unten, Kap. IV.2.3.2).Google Scholar
  29. 143.
    Wie sich hier andeutet wachsen den einmal etablierten nationalen Besonderheiten ihrerseits bestimmte Funktionen, nicht zuletzt sozio-politische Funktionen zu. Zwangsläufig werden sie daher auch zu Waffen in den Auseinandersetzungen um die richtige nationale Identität und die nationalstaatliche Politik. Besonders nahe liegt dabei ihre konservative Nutzung oder Indienstnahme, die darin besteht, dass entsprechende, neue Phänomene und Entwicklungen als mit dem (wahren) Charakter der Nation unvereinbar beurteilt und angeprangert werden. Ein Beispiel dafür bilden u.a. die vor 1945 regelmäßig wiederkehrenden öffentlichen Warnungen vor dem „Aufgeben deutscher ‘Eigenart”’, die denn auch die Bemühungen um eine Demokratisierung des deutschen politischen Systems während des 1. Weltkriegs begleiteten. Max Weber bemerkte dazu 1917: “Wir haben das satt. Noch jedes Mal vor unvermeidlichen Neuordnungen waren in den Augen der Interessenten des Bestehenden spezifisch ‘deutsche’ Kleinodien in Gefahr, vor allem bei den großen Reformen zwischen 1807 und 1813, welche bekanntlich als Nachäffungen der französischen Revolution mit ungefähr so viel Recht verketzert wurden wie heute die Arbeit an der Schaffung eines deutschen Volksstaates” (1988: 244). Ein anderes Beispiel ist der nach dem 2. Weltkrieg in den USA eingerichtete Ausschuss zur Bekämpfung “unamerikanischer Umtriebe”, der jahrzehntelang große Macht besaß.Google Scholar
  30. 144.
    Dementsprechend war die Aufnahme fremder, auch eigentlich anerkannter kultureller Werke auf der Ebene der (quasi)offiziellen kulturellen und kulturpolitischen Instanzen selten bedingungslos. Diesseits eines nach seinen Grenzen unklaren Kanons der Weltliteratur u.ä. wurde vielmehr meistens die Maxime verfolgt, solche Werke nur dann wirklich, d.h. durch Verbreitung im eigenen Land zu akzeptieren, wenn sie der sozialen Geltung dieses nationalen Primats nicht gefährlich werden konnten. Also besonders dann, wenn sie auf die eine oder andere Weise eine faktische Bestätigung der eigenen kulturellen Bestände versprachen.Google Scholar
  31. 145.
    Eine solche Version der nationalen Mission, die sich in der Folgezeit freilich genau nicht oder nur in sehr entstellter Form politisch durchgesetzt hat, sei hier doch erwähnt, weil sie noch in ihrer Konzentration auf das eigene Land den typischen Wunsch nach einer die ganze Menschheit ergreifenden Wirkung zeigt. Der Staatsrechtslehrer Hermann Heller bestimmte in Reaktion auf den verlorenen 1. Weltkrieg und den daraus resultierenden Versailler Vertrag, der Deutschland machtpolitisch auf eine “kaum mehr” als “zweitrangige” Rolle zurückwarf, dessen Sendung so: “Deutschlands weltgeschichtliche Aufgabe, auf die es sittlich wie politisch angewiesen ist, besteht heute darin, den Gedanken der wahren sozialistischen Volksgemeinschaft zwischen dem bolschewistischen Osten und dem kapitalistischen Westen zu verwirklichen. Die realste deutsche Machtpolitik ist gegenwärtig die Sozialpolitik. Bringen wir die Kraft auf, den sozialistischen Gedanken der Welt vorbildlich zu gestalten, und wir werden im Geiste Fichtes als Menschheitsvolk herrschen wie kein anderes” (1931, S. 105).Google Scholar
  32. 146.
    “Die asiatische Gesellschaft befindet sich derzeit in einer Umorientierungsphase: ‘Asia’s main occupation now ist making money’. Konsum und materieller Reichtum sind das Maß aller Dinge geworden” (Vranic 1995: 23). Zumindest für diejenigen, die bei dieser Hauptbeschäftigung erfolgreich sind bzw. von dem kollektiven Wirtschaftswachstum profitieren, gilt daher: “Asiaten sind auf die eigene Nation und die wirtschaftlichen Leistungen der letzten Jahre stolz”. Die vergleichsweise enge Verbindung zwischen wirtschaftlichem Erfolg und Dignität der Nation ist in den ostasiatischen Gesellschaften jedoch schon alt: “Erfolgreiches Wirtschaften des einzelnen” wird hier “traditionell als nationaler Beitrag verstanden (...), der dem Land eine ehrenvolle Position in der Welt sichern soll” (a.a.O., 24). Dieser Komplex von Orientierungen dürfte auch durch die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise nicht ernsthaft erschüttert worden sein.Google Scholar
  33. 147.
    Für Frankreich, “das in seinen Randregionen gut ein halbes Dutzend verschiedene Sprachen umfasst”, bemerkt dazu Martel: “Dennoch will Frankreich ein ‘eines und unteilbares’ Land mit Französisch als seiner einzigen Sprache sein. Dieses Ideal der Einheit, diese eigensinnige, fast pathetische Betonung der organischen Einheit der sozialen Gemeinschaft, steht deutlich im Gegensatz zur jüngsten, von Krisen und Auseinandersetzungen, ja sogar von Bürgerkriegen gezeichneten Geschichte”. Und, im Hinblick auf die lang andauernden, aber politisch nie wirklich zum Zuge gekommenen föderalistischen Bemühungen der ehemaligen Provinzen: “Die Grundsätze von 1789 bedingten zusammen mit dem noch älteren Erbe aus der Zeit der Monarchie, dass die Rufe der ‘Regionen’ — im kulturellen wie im politischen Bereich — entweder überhört oder aber als rein folkloristisch abgestempelt wurden” (in: Lottes 1992: 118). Trotz der durch ein Gesetz von 1982 neu entstandenen Regionen hat sich an dieser Grundsituation des zähen Festhaltens an der traditionellen nationalen Einheit nichts Wesentliches geändert, jedenfalls noch nicht.Google Scholar
  34. 148.
    Es sei erlaubt, dazu ein einfaches und eindrucksvolles Beispiel anzufüühren, das den Bemühungen um eine Reform des sowjetischen Systems unter Gorbatschow entstammt, streng genommen also nicht hierher gehört. Gemeint ist Gorbatschows Versuch, das schon längst vorher bestehende Verbot, am Arbeitsplatz Alkohol zu trinken, nun auch tatsächlich allgemein durchzusetzen. Dies dürfte einer der schwersten innenpolitischen Fehler in seiner frühen Amtszeit als Generalsekretär der KPdSU gewesen sein. Denn kaum etwas erschüttert die Autorität einer Regierung so nachhaltig wie ein massiver, aber fehlgeschlagener Angriff auf eingefleischte Gewohnheiten ihrer Bevölkerung.Google Scholar
  35. 149.
    Bei einer genaueren Betrachtung wäre freilich schon eine Einschränkung auf nur personale Auswirkungen nicht zulässig. Denn zumindest die größeren Gebilde unter ihnen kennen ja auch eine politisch relevante institutionelle Eigendynamik, die in den Anforderungen an das durchschnittliche Mitglied nicht mehr voll zum Ausdruck kommt. Diese Eigendynamik bedeutet im Zusammenhang, dass der Betrieb, der Berufsverband, die Kirche oder Partei als Institution dazu tendiert, Interessen, Ziele und darauf gerichtete Strategien zu entwickeln, die mit der nationalen Ordnung bzw. den hinter ihr stehenden Intentionen schwer zu vereinen oder direkt unverträglich sind. Auch die Familie hat, allerdings als Großfamilie, in früheren Zeiten eine solche Dynamik entfaltet: In der antiken Literatur tauchen bekanntlich Grundsatzkonflikte zwischen Familie und (sich etablierendem) Staat immer wieder auf.Google Scholar
  36. 150.
    Symptomatisch für diesen Vorgang schließt z.B. der Dichter und Literaturhistoriker Theodor Creizenach seine 1844 verfassten, auf das deutsche (Bildungs)Bürgertum berechneten “Rheinischen Literaturbriefe” mit “zwei ernsten Wünschen”, von denen der zweite der fortdauernden Achtung der Poesie seitens der deutschen Städte gilt, und der erste so lautet: “Mögen am Rhein, der der berühmteste Hort unserer Vergangenheit, zugleich aber der edelste Bürge unserer Zukunft ist, die leidigen Kämpfe der Nationalen und Liberalen völlig verschwinden; mögen Vaterlandsliebe und Freiheitslust vielmehr sich unauflöslich verbinden” (1845: 415). Der Wunsch selbst ging, jedenfalls für längere Zeit, rasch in Erfüllung.Google Scholar
  37. 151.
    Die von deutscher Seite vielleicht eindrucksvollste Betonung der Zusammengehörigkeit beider stammt dann, nach dem Krieg, wiederum von Hermann Heller. Fast beschwörend heißt es dazu in der schon erwähnten Schrift: “Die Parole des Klassenkampfes kann nur lauten: Klasse muss Nation werden! Nicht aus der Nation heraus, sondern in die Nation hinein wollen wir uns kämpfen! Der Sozialismus ist seinem Ziel um so näher, je näher die Arbeiterklasse der Nation gerückt ist. Sie kann und darf in die Nation nicht eintreten als kleinbürgerliches Anhängsel der kapitalistischen Lebensform. Ihre weltgeschichtliche Bestimmung ist es, in der Nation die sozialistische Idee zu verwirklichen”. Und: “Die Arbeiterklasse muss um ihrer Selbstentfaltung (willen — B.E.) die Selbsterhaltung der Nation wollen. Die Nation muss um ihrer Selbsterhaltung willen die Selbstentfaltung der Arbeiterklasse wollen. Sie kann und darf — auch der Arbeiterklasse wegen — sie nicht wollen um den Preis ihrer Selbstaufgabe” (1931: 46 und 54).Google Scholar
  38. 152.
    Wirkliche, d.h. folgenreiche Stärke erhält diese vor allem in den Nationalstaaten westlichen Typs feststellbare Tendenz allerdings erst durch zwei andere Entwicklungen, die, obgleich nur wenige Jahrzehnte alt, zu den stärksten Faktoren der gegenwärtigen Transformation der modernen Nationen gehören. Gemeint ist ein spezifischer, wenn man will: postmoderner ideologischer Pluralismus, der die traditionelle ideelle Gespaltenheit moderner Nationen nach — inzwischen verwitterten — großen Blockbildungen weitgehend abgelöst hat, sowie die Herausbildung der modernen Multikulturalität infolge eines migrationsbedingten Anwachsens ethnischer Minderheiten (vgl. dazu unten, Kap. VI.3.2). Doch gegenwärtig interessiert eben das klassische Verhältnis von nationaler Identität, nationalgesellschaftlicher Ordnung und Nationalisierung der Person, wie es in den europäisch-westlichen Gesellschaften noch bis vor wenigen Jahrzehnten zu beobachten war.Google Scholar
  39. 153.
    Wie ja schon oben zum Ausdruck gekommen ist, kann diese kulturelle Nationalisierung der Menschen schon lange vor der Existenz eines entsprechenden Nationalstaats betrieben werden (und muss es auch in einem gewissen Maße, soll die Nationalbewegung erfolgreich sein). Klar ist freilich, dass der Nationalstaat auch hier nach ihrer Qualität und Wirkung neue Möglichkeiten — wie z. B. einen entsprechenden Einsatz der von ihm monopolisierten und zugleich obligatorisch gemachten Bildungseinrichtungen — verfügt, die objektive Nationalisierung zu fördern.Google Scholar
  40. 154.
    Eine Konsequenz dieser Nationsbestimmung war denn auch, dass bei den Volkszählungen des neuen Staatsgebildes Tschechen und Slowaken nicht mehr gesondert, sondern nur noch als eine Gruppe (als “Tschechoslowaken”) aufgeführt wurden. Gegenüber den eben genannten Zahlen liefert übrigens die offizielle Volkszählung von 1921 ein etwas anderes Bild. Nach ihr bestand die Bevölkerung (mit einer Gesamtzahl von 13,4 Millionen) zu 65% aus Tschechoslowaken, während die Deutschen nur noch 23,3 % und die Ungarn 5,6 % ausmachten (vgl. Alexander 1992: 123f.). Diese Veränderungen verdanken sich weniger objektiven Veränderungen (wie dem personalen Wechsel der Nationalität) als einer “Schönung” der Statistiken über, vor allem, einer Veränderung der benutzten Kriterien der ethnischen Zugehörigkeit.Google Scholar
  41. 155.
    Zu dieser Diskriminierung gehörten auch Enteignungen an Grund und Boden sowie die Beschlagnahme bzw. Tschechisierung vormals deutscher Einrichtungen wie z.B. des Ständetheaters. Trotz der demokratischen Staatsform mit allgemeinem Wahlrecht wurden die Deutschen also — wie auch die Ungarn — in vielem zu Bürgern zweiter Klasse, denen die modernen Minderheitenrechte fehlten (vgl. wiederum Alexander 1992: 125f., der freilich dazu neigt, die Situation zu verharmlosen). Dass die, bald so genannten Sudetendeutschen ihrerseits nach ihrer großen Mehrheit zunächst selbständig werden bzw. zu Deutsch-Österreich gehören wollten und später nicht nur die Autonomie, sondern auch eine Sezession zugunsten des Deutschen Reichs anstrebten, entspricht also ganz der mit dieser Staatsgründung freigesetzten nationalen Logik.Google Scholar
  42. 156.
    Einen institutionellen Niederschlag erfuhr diese Bestimmung u.a. in der Einrichtung eines Hus gewidmeten Nationalfeiertags sowie, wichtiger, der 1920 erfolgten Gründung einer von Rom gelösten “tschechoslowakischen” Kirche. Der damit provozierte Konflikt mit dem Vatikan wurde erst 1927 beigelegt.Google Scholar
  43. 157.
    “Das asymmetrische Modell von Staats-, Partei- und Wissenschaftsorganisation schien hierfür die Verkörperung zu sein. Es gab einerseits gesamtstaatliche, ‘tschechoslowakische’ Institutionen und Organisationen und andererseits slowakische” (Lemberg a.a.O., 594f.).Google Scholar
  44. 158.
    Vgl. dazu wiederum E. Lemberg 1933: 443 ff.Google Scholar
  45. 159.
    Die Wahl der USA als einschlägigem Beispiel erfolgt aus zwei Gründen. Erstens kennen sie seit ihrer Gründung keine massiven Brüche bzw. Korrekturen ihrer nationalen Identität, sodass sich bestimmte Wirkungen, die mit einer langen Dauer ihrer sozialen Geltung verknüpft sind, hier besser zeigen müssen als bei der Mehrzahl der europäischen Nationen, deren Identität solche Brüche u. ä. kennt. Zweitens besitzt die Identität bei dieser Nation von Einwanderern eine ganz andere integrative Bedeutung als bei den meisten anderen Nationen auf der Welt: Dass man nämlich, jedenfalls nach außen, irgendwie zusammengehöre, ist zumindest bei den geographisch mobileren Angehörigen ethnisch annähernd homogener Großgruppen auch ohne eine eigens darauf bezogene kollektive bzw. nationale Identität klar, auch wenn eben erst sie spezifische Konsequenzen für ein gemeinsames Handeln zu ziehen erlaubt. Für Lipset ist diese Besonderheit der USA so bedeutsam, dass er sie zu einer grundsätzlichen theoretischen Unterscheidung zwischen “historischen” und “ideologischen Ländern”, will sagen: Nationen nutzt: “Die Vereinigten Staaten verdanken ihre Entstehung nicht einer (schon vorher vorhandenen — B.E.) Nation. Das organisierende Prinzip dieses Landes ist eine Ideologie, das ‘Amerikanische Credo’. Alle anderen Länder nenne ich historische Länder, sie haben eine gemeinsame Kultur, eine gemeinsame Sprache und Geschichte, die Menschen fühlen sich als Teil dieser Gemeinschaft, während sie in ihren politischen Auffassungen differieren. Es hat in der Geschichte nur zwei ideologische Länder gegeben: die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion. ... Jeder kann ein Amerikaner werden, aber wer kann schon ein Japaner werden? Nur mit dem Amerikanischen Credo kann man den Begriff unamerikanisch, wie er unter McCarthy benutzt wurde, erklären. Sie können niemanden als unschwedisch bezeichnen” (Interview in der Zeitungsbeilage “Frankfurter Allgemeine — Magazin” vom 26. 4. 96, Heft 843: 122; vgl. auch Lipset 1996). Gegen eine solche Unterscheidung muss freilich eingewandt werden, dass sie den entscheidenden Anteil unterschlägt, den ideelle Konstruktionen auch für die Entstehung und konkrete Ausprägung der historischen Nationen besitzen. Nicht auf das Faktum der Konstruktion selbst kommt es hier an, sondern auf die Inhalte, die zu ihr jeweils herangezogen werden und sich sozio-politisch durchsetzen.Google Scholar
  46. 160.
    Symptomatisch dafür sind die zählebigen Volksmeinungen über vor allem personale Eigenschaften anderer Nationen, die freilich dann, wenn sie negativ ausfallen, von offiziellen und halboffiziellen kulturellen Instanzen und, in dringlich erscheinenden Fällen, politischen Instanzen gern als Vorurteile oder unzulässige Feindbilder verpönt werden; die Zuschreibung wirklich negativer Eigenschaften ist, jedenfalls in Deutschland, öffentlich nur gegenüber der eigenen Nation oder Teilen von ihr erlaubt. Hierher gehören auch die vielen Witze, die nicht zuletzt vom (vermeintlichen) Sexualleben der Angehörigen der verschiedenen Nationen leben.Google Scholar
  47. 161.
    Begünstigtwird eine Identifikation mit der Nation auch durch die Neigung der Person, ihre in ihrem lokalen Umfeld gewonnenen subjektiven Erfahrungen, Emotionen und Identifikationen auf “höherrangige Bezugsobjekte” zu übertragen: “Es findet also ein Transfer typischer Einstellungen, Attribuierungen und emotionaler Bindungen von der lokalen Ebene auf höherrangige Maßstabsbereiche statt (...). Dieser Transfer kann dazu füühren, dass das Individuum im Umgang mit einer abstrakten, symbolischen und der unmittelbaren Erfahrung völlig unzugänglichen Referenzgröße wie einer Region oder Nation die gleiche Sicherheit und Selbstverständlichkeit gewinnen kann wie im Umgang mit der unmittelbaren Nahumgebung” (Weichhart, a.a.O., 77f; vgl. Winter und Church 1984: 82).Google Scholar
  48. 162.
    Mit einem deutlichen Schuss Ironie bemerkt dazu Hayes: “Jeder Nationalstaat hat seine ‘Theologie’, eine mehr oder weniger systematische Sammlung offizieller Lehren, auf Grund der Vorschriften der ‘Väter’ und der Mahnungen der nationalen Schriften, eine Widerspiegelung des ‘Volksgeistes’, einen Leitfaden für das nationale Leben. In Amerika umfasst der Kanon der nationalen heiligen Schrift sicherlich die Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung, Washingtons Abschiedsrede, die Monroe-Doktrin und Lincolns Ansprachen. Aber damit steht hier, wie auch sonst, der Kanon noch nicht endgültig fest. Auch jetzt gibt es noch eine starke Rivalität zwischen zwei theologischen Schulen: die eine hält das Evangelium nach Theodore Roosevelt für echt, die andere glaubt an die Inspiration in den Episteln von Woodrow Wilson. ... Für die Berufstheologen ist die Gelegenheit zur Interpretation und zu höherer Kritik eine wunderbar herrliche Gelegenheit” (1929: 100).Google Scholar
  49. 163.
    Brie gibt dieses Credo, in dem bezeichnenderweise sachliche Widersprüche wie die von Bellah betonte Spannung zwischen republikanischen und liberalen Intentionen nicht mehr kenntlich sind, folgendermaßen wieder: “Unter Amerikanismus versteht man heute im allgemeinen die optimistische Überzeugung des Amerikaners (d.h. des Bürgers der Vereinigten Staaten), dass Amerika Europa und auch England gegenüber etwas Eigenes und Höherwertiges darstellt durch seinen Enthusiasmus für Freiheit, durch seine freiheitlichen Einrichtungen auf dem Gebiet von Politik, Verwaltung, Religion und Kirche, durch das Prinzip der Gleichheit aller Menschen und durch eine Brüderlichkeit, die es von jeher zum Asyl aller Verfolgten und Unterdrückten gemacht hat. Dazu gesellt sich als ein weiteres Element ein optimistischer Utopianismus, der seinen Ursprung hernimmt aus der riesigen Ausdehnung des Landes mit seinem mannigfaltigen Klima und aus seinen unbegrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten, auch für eine ferne Zukunft. Darauf wiederum beruht der freudige Glaube an die Arbeit und deren sicheren und stets wachsenden Ertrag und der mehr oder weniger fiktive Glaube an die gleichen Aussichten zu Reichtum und Aufstieg für jedermann. Als Folge von alldem bedeutet Amerikanismus gleichzeitig den Glauben an Amerika als das glücklichste Land der Welt, das unter dem besonderen Schutze Gottes steht und einer noch glücklicheren und glorreicheren Zukunft entgegensieht, ebenso den Glauben an Amerika als den Führer der freiheitlichen Menschheit, das dazu berufen ist, seine geistigen Güter, vor allem seine Freiheit und seine höhere Ethik, aber auch materiellen Güter, auf friedlichem Wege den anderen Ländern der Welt mitzuteilen und so ein goldenes Zeitalter des allgemeinen Friedens und Wohlwollens, des gegenseitigen Güteraustausches und des materiellen und spirituellen Glücks herbeizuführen. Das ist ungefähr das, was der Begriff des Amerikanismus umfasst, je nach Zeiten und Bedingungen ein wenig variierend und sich wandelnd” (1939: 352).Google Scholar
  50. 164.
    Eine typische Form der Verleihung von Dignität an die Nation als ihre männlichen Angehörigen findet sich in einer von Hayes auszugsweise mitgeteilten, offensichtlich mit viel Beifall bedachten Rede, die am 15. 8. 1916 im Repräsentantenhaus von einem Kongressabgeordneten gehalten worden ist, der sie anschließend auch an sein Wahlvolk verschickte. Zwei Stellen daraus mögen in ihrer wie immer übertrieben anmutenden Form diesen Grundzug der nationalistischen “Volksmythologie”, wie Hayes die Populärversion nennt, verdeutlichen: “Die militärischen Annalen der Menschheit offenbaren nirgends eine bessere Zucht, ein glänzenderes Heldentum als auf jedem Schlachtfeld der Revolution und des Bürgerkrieges. Washingtons Soldaten waren keine Feiglinge, keine Söldner, die man von den blutigen Schlachthäusern Europas importiert hatte, um auf das Geheiß tyrannischer Könige für schmutzigen Gewinn Schlachten zu schlagen. Es waren freie Leute, Vorkämpfer für die menschliche Freiheit, so edle und tapfere Krieger, wie nur je sich dem Ansturm des Todes entgegenwarfen. Keine unwissenden gewöhnlichen Rebellen! Die Reihen der Revolutionäre waren reich an vollendeten Gelehrten, Männern, die die Tragödien des Aschylus auf griechisch so geläufig lasen, wie Shakespeares Tragödien auf englisch”. Und, mit der Betonung der gemeinsamen Dignität auch die Einheit der Nation bekräftigend: “Vor mehr als 50 Jahren brach der Bürgerkrieg im Lande aus. Der bedeutendste Kampf in der Geschichte rief die besten Armeen der Welt aufs Schlachtfeld. Männer aus dem Norden und Männer aus dem Süden eilten zum Entscheidungskampf in geschlossenen Reihen, mit martialischem Schritt, mit Herzen, die wie Kesselpauken schlugen. Ob sie blau oder grau gekleidet waren, bei Gettysburg und Antietam, bei Could Harbour und The Wilderness kündeten sie den noch ungeborenen Generationen die Botschaft vollendeter Zucht und unvergänglicher Tapferkeit...” (1929: 100f.).Google Scholar
  51. 165.
    Inzwischen ist freilich bei Teilen der Bevölkerung, vor allem den traditionellen Minderheiten sowie der Mehrheit der Neueinwanderer (Hispanics!) ein starkes Nachlassen der Faszination dieses Credos festzustellen. An die Stelle der zumindest abstrakten Bereitschaft, die eigene ethnische Herkunft bzw. Zugehörigkeit aufzugeben, tritt seit den siebziger Jahren ihre neue Betonung — mit der Folge, dass die US-amerikanische Bevölkerung inzwischen stark nach ethnischen Kriterien fragmentiert ist (vgl. unten, Kap. VI.3.2.2).— Frühere Krisen dieses Credos ergaben sich übrigens im Gefolge der Weltwirtschaftskrise sowie durch den gescheiterten Vietnamkrieg.Google Scholar
  52. 166.
    Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bemerkte dazu Durkheim im Blick auf Frankreich: “Bei denen, die die moralische Elite der Bevölkerung bilden, ist der Gedanke an das Vaterland zweifellos selten ganz abwesend; aber in normalen Zeiten bleibt er im Halbdunkel, eine schemenhafte Vorstellung, und es geschieht sogar, dass er ganz erlischt. Es bedarf außergewöhnlicher Umstände wie einer großen nationalen oder politischen Krise, dass er wieder an die erste Stelle tritt, unser Bewusstsein durchdringt und zur unmittelbaren Triebfeder unseres Handelns wird” (1973: 443).Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  • Bernd Estel

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