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Katastrophenschutz

  • Wolf R. Dombrowsky

Zusammenfassung

Im Alltag erscheint der Katastrophenschutz zumeist in dramatischen Zusammenhängen: Bei der Sturmflut 1962, den Waldbränden 1975, den Dammbrüchen im Elbe-Seiten-, und Rhein-Main-Donau-Kanal 1976 und 1979, den Schneekatastrophen 1978/79 in Norddeutschland, der vom Tanker „Afran Zenith“ hervorgerufenen Ölpest in der Unterelbe 1981, den Rhein-Hochwassern 1983, dem Tanklastwagenunglück in Herborn und der mehrfachen Rheinvergiftung durch Chemikalieneinleitungen 1987. Was auch passieren mag, — und es gäbe weit mehr zu nennen -,1 der Katastrophenschutz jedenfalls ist zur Stelle: Mit Sandsäcken und Pumpen, mit Löschfahr- und -flugzeugen, mit Bulldozern und Kränen, mit Schneepflügen und Hubschraubern, mit Chemikalien und Sauggerät, mit Dosimetern und Entseuchungsmitteln, mit Versorgungs- und Betreuungsdiensten, vor allem aber mit einem Heer engagierter und freiwillig helfender Menschen.

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Literatur

  1. 1).
    Hier vor allem die von den Rückversicherern jihrlich erfaßten Großschlden und Katastrophen wie auch die Katastrophenfglle, die Deutschland seit der Jahrhundertwende erschütterten (Bütow o.J.; Heck/Schick 1980; Neumann/Voss 1979).Google Scholar
  2. 2).
    Die Mechanismen und Bedingungen öffentlicher Kataetropheninezenierung beschreiben Elliot Schrage und Peter Engel (1982), “The Decision Maker’s Dilemma”. Besondere beliebt ist dabei der Ausdruck “unbürokratische Hilfe”, was zumeist schnelle Hilfe bedeuten soll und im Umkehrechluß die Langsamkeit der Bürokratie offiziell bestätigt.Google Scholar
  3. 3).
    Vier Tage, nachdem ich das erste Mal von dem Film “China-Syndrom” gehört hatte“, schreibt Peter Weingart (1979,9), ”wurde im Autoradio vom Reaktorunglück in Harrisburg berichtet, vom drohenden “melt-down”, eben jenem “China-Syndrom”, wonach ein zerschmelzender Reaktor theoretisch am (eicl) Antipoden der USA in China wieder herauskommen müßte. Zwei Tage später sah ich mir den Film an, dessen Aktien inzwischen gestiegen waren. Was in einem anderen Kontext ale Trivialdrama des Rernenergiezeitaltere hätte gelten können, entpuppte eich ale prognostisches Dokumentaretück“.Google Scholar
  4. 4).
    Kein Wunder, daß sich Katastrophenschützer bestfindig entweder über eine zu mWßige oder über eine entstellende, sensationsgierige Berichterstattung beschweren. Ein drastisches Beispiel liefert Ulrich Stock: “Ein Hauch von Beirut. Die Katastrophe von Herborn schien wie geschaffen für die Medien”, DIE ZEIT Nr.30, 17. Juli 1987: 40.Google Scholar
  5. 5).
    Ärger bis Wut kocht bei Katastrophenschützern auf, wenn die Schlagzeilen zum Katastrophenschutz lauten: “Eine einzige Katastrophe” (DIE ZEIT, Nr. 35 vom 22.8.1975:42); existiert nur “auf dem Papier” (DIE ZEIT, Nr. 39 vom 19.9.75:16) oder “Der Alarm kam zu ep*t” (DIE ZEIT, Nr. 2 vom 9.1.1976:2). Im Mark getroffen aber ist, wer lesen mup: “Spenden ans DRK nicht empfohlen” (DIE ZEIT, Nr. 8 vom 14.2.1986:38) oder gar: “Die Blutsauger” (DER STERN, Nr. 14 vom 28.3.1985:78–80).Google Scholar
  6. 6).
    In seiner “Philosophie des Geldes” (1958:505) meint Simmel, “daß die Maschine so viel geistvoller geworden ist als der Arbeiter” und in “Sociale Differenzierung” (1966:114) führt er aus, daß “der Geist sozusagen an die Maschine Übergegangen ist, sich in ihr objektiviert hat”. Simmel greift damit, wie Hannes Böhringer (1976:112) zeigt, auf die Völkerpsychologie von Moritz Lazarus (1865) zurück. Beispiele eines daran angelehnten Denkens finden sich bei Volker von Borries (1980, bes. 72–75) und Arno Bammé u.a. (1983).Google Scholar
  7. 8).
    Theoretisch stimmt man wohl zu, praktisch jedoch erweist sich das Gegenteil als richtige Wahrend der Schneekatastrophen in Norddeutschland 1978/79 ließen sich gewitzte Bauern Viehfutter per Hubschrauber und Bergepanzer anliefern, obgleich ihre Vorritte nicht erschöpft waren. Die Gunst der Katastrophe ersparte ihnen die Transportkosten. Erst die Einbeziehung von Experten der Bauernverbände und Genossenschaften erlaubte eine kompetente Beurteilung der eingehenden Anforderungen (vgl. Dombrowsky 1980 ).Google Scholar
  8. 9).
    Am unverstelltesten tritt diese Tatsache bei Aids in den Blick. Jörg Bopp (1984) und Ulrike Heider (1984) haben die inneren Zusammenhänge von Liebe, Lust, Sünde und Strafe hervorgehoben und die Affekte aufgezeigt, die die “Lustseuche” Aids beim Publikum auslösen.Google Scholar
  9. 10).
    William McNeill (1976) gebührt das Verdienst, erstmals diese Zusammenhgnge seuchensoziologisch dargelegt zu gaben. Lars Clausen (1987) spürte diesen Problemen am Beispiel Aide nach.Google Scholar
  10. 11).
    Dem Prgfekt unterstanden 14 Magistratsbeamte; diesen wiederum die vigiles, die Straßenpatrouillen, die stationarii, Bewohner von Hguserblocks, und die lictores, die Vollstreckungsbeamten.Google Scholar
  11. 12).
    Die causa formalis, der “Form-Grund” wie es Aristoteles nannte, entspricht dem, “was wir heute Randbedingung, Selektion, Zuchtwahl, Wahl, Entscheidung und Urteil nennen (je nach der Schicht, von der die Rede ist); sie selegiert diejenigen Materialien, welche zur Synthese stabiler Systeme geeignet sind, sowie die Zahl und Lage, die sie darin zueinander und zum Obersystem einzunehmen haben” (Riedl 1984: 49 ).Google Scholar
  12. 13).
    Politiae set cura avertendi mala futura; promovendae salutis cura non set politiae“ (Aufgabe der Polizei ist die Sorge fUr die Abwendung bevorstehender Gefahren; die Sorge fUr die Förderung dee Wohles gehört nicht zur Polizei). So der Staatsrechtler PUtter in ”Institutionee iuris publici Germanici“, 1770, f 331. Die fortschreitende Entwicklung bis heute beschreiben Heiner Busch u.a. (1985).Google Scholar
  13. 14).
    Reste der römischen Rechtskultur hatten sich in Frankreich im Sinne der Aufrechterhaltung der stadtischen Ordnung erhalten (policié), doch konkurrierten königliche, gebietsfurstliche und stadtische Beamte um die Kontrolle der Straßen und MArkte. Analoge Prozesse spielten sich ebenfalls in Deutschland ab. Eine Polizei im römischen Sinne war dies jedoch nicht, auch wean der Name Gendarmerie (gene d’armes) leicht vergessen laßt, daß es sich um militarische Verbände handelte.Google Scholar
  14. 15).
    Die vom römischen Kaisertum usurpierte Volkssouveranitat fand sich in symbolischer Form zumindest noch in der lex regia, der Trennung von Kaiser als öffentliche Autoritat und private Person. Auch die Teilung von potestas in die rechtliche Autoritat, Anweisungen, Edikte und Anordnungen erlassen zu dürfen und in den legalen Besitz physischer Zwangsmittel zeigte, daß institutionelle Trennungen auch Machtkontrolle ermöglichten.Google Scholar
  15. 16).
    Robert Mandrou (1976) wies darauf hin, daß Europas Höfe seit dem Westfalischen Frieden versuchten, der Kritik der Vernunft am Verschwendungsstil des Adels die Spitze zu nehmen, indem ihr “aufgeklarter” Absolutismus “Vernunft” ausschließlich für staatliches Handeln reklamierte. “Raison” und “raison d’état” sollten als identisch erscheinen und auch dafür gehalten werden.Google Scholar
  16. 17).
    Zur Gesamtentwicklung siehe auch Niklas Lohmann: “Vom Polizeistaat zum Rechtsstaat” (1973:88–106).Google Scholar
  17. 19).
    Zu nennen ware hier das Privat-, Straf-und Ordnungswidrigkeiten-recht: BGB §5 203: Hemmung der Verjahrungsfristen bei Stillstand der Rechtspflege oder höherer Gewalt; 227–231 und 904: Notstand und Selbsthilfe; 2249–2252: Nottestament; StGB $g 53, 54: Notwehr, Notstand und obergesetzlicher Notstand; Wehrstrafgesetz § 5: Befehlsnotstand und das Ordnungswidrigkeitengesetz $g 11, 12. Dennoch: Gesetzlich verankert und expressis verbis fand ich den Begriff “Katastrophenschutz” erst im “Gesetz über die Erweiterung des Katastrophenschutzes” von 1968. Zwar gab es, wie Anton Schlögel (1982:18) für das DRK darstellte, ab 1950 einen “Katastrophendienst”, der vorher, im Dritten Reich, schon “Katastrophenschutz” gehießen hatte (30), doch handelte es sich dabei um keinen gesetzlich normierten Begriff. Die “Technische Nothilfe” wiederum nannte als ihre Hauptaufgabe die “Kataetrophenbekamp£ung”, nicht den “- schutz” (vgl. Taschenbrockhaus 1940: 248 ).Google Scholar
  18. 21).
    Robert Spaemann (1979) und Martin Janicke (1979) haben, je auf ihre Weise, den Strategien der Risikoabwalzung und der Sozialisierung von Verlusten, auch der durch Katastrophen bewirkten, nachgespurt. Die ideologischen Begleitprogramme dieser Strategien sind dagegen weit weniger untersucht, wenngleich es im Bereich der Sozialpolitik, besonders bei der Einbindung der bürgerlichen Frau in die Fürsorgearbeit (z.B. “Armenküchen”) Analogien zur Umlegung von Unfall-und Katastrophenfolgen auf alle Gesellschaftsmitglieder gibt (vgl. Dreßen 1982; Krovoza 1976; Köhler 1977). Lutz Schinke (1980:2) behauptet, daß sich angesichts der zahlreichen Unfalle die Liga der Rotkreuzgesellschaften bereits 1925 mit Problemen eines Katastrophenschutzes beschaftigt hatte. Zieht man die politischen Kampfe des DRK gegen den ASB mit ins Kalkül, erscheint eine ideologische Positionsbestimmung von Katastrophenschutz durchaus sinnvoll. Dennoch ist nicht auszuschließen, daß auch Schinke der Versuchung erlag und den Begriff in die Vergangenheit projizierte.Google Scholar
  19. 22).
    Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang die Entstehungsgeschichte des Arbeiter-Samariter-Bundes, der 1888 seinen ersten “Lehrkurs der Berliner Arbeiter und Arbeiterrinnen zur Ersten Hilfe bei Unglücksfallen” abhielt und harte klassenkämpferische Positionen vertrat. Der ASB forderte dazu auf, Arbeiterparteien beizutreten und fur Unfall-und Arbeitsschutzmaßnahmen zu kgmpfen und auch zu streiken. Um der staatlichen Anerkennung und Finanzierung willen wurde aber ab 1919 jeder politischen Aktivitat abgeschworen (vgl. Labisch 1983:6).Google Scholar
  20. 23).
    Es sei nochmals betont: Die hier verfolgte Argumentation stellt eine theoretische Ableitung dar, die der empirischen Überprüfung bedarf. Dennoch handelt es sich nicht um Spekulation. Verschiedene historische Materialien (z.B. Erikson 1976; Pabst 1982; Stern 1937) stutzen meine Schlußfolgerungen. Insgesamt ist jedoch die verfügbare Materiallage sehr dünn.Google Scholar
  21. 24).
    Die vom Gesetz Uber die Erweiterung des Katastrophenschutzes bewirkte Überschneidung von friedenszeitlichen und militarischen Potentialen ermöglichte Sprachregelungen, die Katastrophe und Krieg ineinseetzen und damit den Krieg zur Katastrophe und die Katastrophe zum Kriege modeln. So soll nach A. Dedekind (1969:4) der erweiterte Katastrophenschutz “möglichst jeder Katastrophenlage, auch der ernstesten in einem Verteidigungsfall gewachsen sein” und J. Möllemann (FDP) schreibt, daß auch im “Krieg als der größten der denkbaren Katastrophen” alle “staatliche Gewalt” dem Schutz der Person verpflichtet sei (1978:11). Umgekehrt schildert J. Schwepfinger (1982:7) eine Explosionskatastrophe in einer Kosmetikfabrik auf beliebte Weise: “Es war wie im Krieg!”. Die Friedensbewegung hat sich dieser ideologisch problematischen Ineinseetzung angenommen und mit gleicher Grobschlechtigkeit beantwortet. Übersehen wird jedoch, daß Krieg eine bewußte, zielstrebig herbeigeführte Destruktion ist, wghrend Katastrophe eine bestenfalls billigend in Kauf genommene Nebenwirkung, nicht aber das Ziel von Produktion darstellt.Google Scholar
  22. 25).
    Die allierten Kriegsziele finden sich in den Beschlüssen von Jalta und Potsdam, wenngleich auch schon in früheren Konferenzen Teilziele formuliert worden waren (vgl. Drechsler, 1975; Erdmann, 1976:595–605; Hillgruber, 1974). Für die unmittelbare gemeinsame Nachkriegspolitik galt die Direktive 1067 mit ihren vielzitierten “vier D’s” - Demilitarisierung, Denazifizierung, Deindustrialisierung und Demokratisierung - als Minimalkonsens, der allerdings schon damals sehr unterschiedlich interpretiert wurde (vgl. Byrnes, 1949; Frus, 1955:702ff.; Sandford, 1983). Über die Kriegszielplanungen vor Jalta und Potsdam siehe Moltmann (1958).Google Scholar
  23. 26).
    Zu Organisation, Aufbau und Praxis des zivilen Luftschutzes im Dritten Reich siehe Hampe (1963), Meyer (1935) und Teetzmann (1935).Google Scholar
  24. 27).
    Die politischen Hintergrunde, die zur Gründung der Technischen Nothilfe (Teno) führten, und die sie zu einem umstrittenen innenpolitischen Instrument zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und und von Arnim (1987). Die historischen Zusammenhange zwischen politischen Streiks und dem Einsatz der Teno beschreibt Schneider (1971, bes. S. 78 ).Google Scholar
  25. 28).
    So war z.B. die Feuerwehr der Polizei unterstellt, spater dann, wie auch andere Hilfsorganisationen, dem Militar. Die Teno wurde ab 1939 Körperschaft des öffentlichen Rechte; sie hatte aber, wie die Feuerwehr auch, einen hilfspolizeilichen Statue.Google Scholar
  26. 29).
    Nach mehrfachen Änderungen auf Antrag der Abgeordneten Dr. v. Mangold (CDU), Dr. Dehler (FDP) und Georg Zinn (SPD) am 10. Februar 1949 (vgl. Aretin 1967:37; Seifert 1965: 30 ).Google Scholar
  27. 30).
    Im Zuge der Notstandsgesetzgebung wurden Erweiterungen, ErgInzungen und Änderungen vorgenommen. Gesondert zu erwghnen sind die Artikel 80a (Anwendung von Rechtsvorschriften im Spannungsfall) sowie die Artikel 115a bis 1151 (Verteidigungsfall). Artikel 87a (Aufstellung und Befugnisse der Streitkrafte) vom 19. Mgrz 1956 (Gesetz zur Erganzung dee Grundgesetzes) wurde ebenfalls 1968 geandert.Google Scholar
  28. 31).
    Der hier anknüpfende Zusammenhang zwischen alliierten Vorbehalte-rechten, Notstandsrecht und (west)deutscher Souveranitat ist oftmals hergestellt worden, aber bis heute umstritten geblieben (vgl. Abendroth 1962; Seifert 1965). Nach Beglich ( 1970, I:64) “stand die Bundesrepublik aufgrund des Art.5 Abs.2 des Deutschlandvertrages aus dem Jahre 1955 in einer Krisenlage unter dem Ausnahmerecht der westlichen Alliierten. Dieser Souveranitatsdefekt mußte abgelöst werden, um Sondervollmachten der ehemaligen Siegermächte, die ja ihrerseits nicht an unsere Gesetzgebung gebunden waren, zum Erlöschen zu bringen”. Sterzel (1969:11) behauptet: “Wiederholt wurde offen damit gedroht, daß im Falle des Nichtzustandekommens einer deutschen Notstandsregelung die Bundesregierung sich von den Alliierten unbeschränkte Notstandsbefugnisse übertragen lassen könnte...”. Tatsächlich aber “existieren nur solche Rechte, die notwendig sind, um die Sicherhait der in der Bundesrepublik stationierten alliierten Truppen zu schützen.”Google Scholar
  29. 32).
    Nach Hiligruber (1974:20) gelangten durch Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten 7,8 Mio. Menschen in die Westzonen und 4,5 Mio. in die sowjetische Besatzungszone. Durch die Abtrennung der Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie verlor Deutschland etwa 252 seiner bisherigen landwirtschaftlichen Nutzflache (vgl. Stüber 1984:52ff.) und damit sein wichtigstes Überschußgebiet. Zudem strömten mit den Flüchtlingen auch die Evakuierten in die Stadte und Gemeiden zurück, so daß sich die Versorgungsprobleme potenzierten. Insbesondere die britische Zone war mit 222 Zerstörung und 35% Beschadigung das starkstbetroffene Gebiet (vgl. Dokumente deutscher Kriegsschaden, 2,2, 1960:13). Über die konkreten Versorgungs-und Infrastrukturprobleme siehe Stüber (1984:62–78); Thiede (1982); Tornow (1976); Trittel (1975) und Wittern (1959).Google Scholar
  30. 33).
    Gustav Stolper, Mitglied der Hoover-Kommission, sah daher das Problem, daß die von den Amerikanern eingesetzten Deutschen “abhangige Werkzeuge und ausführende Organe” seien, die bei der Bevölkerung keine Autoritat genössen (1949:75).Google Scholar
  31. 34).
    Diese Hoffnung war begründet. Die Kontinuitlt von Verwaltung und Justiz galt als “primary essential” (s. “Post-Surrender Directives”, “Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force (SHAEF)”, in: Public Record Office/War Office, London, 220/220: Governing Policy: Basic Handbook Mil. Gov., No.893). Zahlreiche weitere Hinweise auf den Zwiespalt zwischen Verwaltungserfordernis und Entnazifizierungsanspruch finden sich in SHAEF 200/215, Directive NO. 8, 34 und Appendix A. Die z.T. erbittert geführte Kontroverse über Entnazifizierung und “braune Kontinuitgt” verfolgen Dudek/Jaschke (1984), Borsdorf/Niethammer (1976) und Croner (1975).Google Scholar
  32. 35).
    Aus heutiger Sicht scheinen die spgteren Auseinandersetzung um Wiederbewaffnung und Notstandsgesetzgebung innerhalb dieser Institutionen durchaus mit diesen traumatisierenden Erfahrungen zusammenzuhgngen. Die “vergangenheitsbewgltigenden” Bemühungen merkt man den meisten Tezten zur Reorganisation von Polizei und Feuerwehr an (vgl. “Die Polizei in Schleswig-Holstein” 1958 ).Google Scholar
  33. 36).
    Wolfgang Beglich ( 1976, I:52–55) belegt die umfassende Eingliederung aller Organisationen in das System des Zivilen Luftschutz des Dritten Reichs, das in letzter Konsequenz dem Oberkommando der Wehrmacht unterstand.Google Scholar
  34. 37).
    Wilfried Röhrich (1983:139) kritisiert die “bürokratische Kontinuitat” dieser Entwicklungsperiode, übersieht m.E. aber die faktische Macht der Not und des Mangele. Es fehlte nicht nur Verwaltungserfahrung, sondern auch Personal.Google Scholar
  35. 38).
    Besondere, auf die Gegebenheiten der Region und der Natur abgestimmte Schutzregelungen finden sich in der gesamten Geschichte. Einrichtungen wie der Deichgraf und das zugehörige Spadeslandrecht, ein zu Deicharbeiten (mit dem Spaten) verpflichtendes Recht, finden sich seit Jahrhunderten. Für Schleswig-Holstein konnte nach 1945 auf die “Erste Verordnung Uber Wasser-und Bodenverbinde” vom 3.9.1937 (RGB1. I:930f£.), die Polizeiverordnung betr. Deich-und Wasserwesen im Marechenbaugebiet vom 1.9.1938, die Verordnung zum Schutz der Wilder, Moore und Heiden gegen Brands vom 25.6.1938 und spater auf das Gesetz über den Feuerschutz in Schleswig-Holstein vom 03. 02. 1948 zurückgegriffen werden.Google Scholar
  36. 39).
    Gemeint sind: Sicherheitsdienst, Technischer Abwehrdienst, Rettunge-und Bergungsdienst, Wirtschafte-unf Betreuungsdienst, Transportdienst, Geeundheits-und Veteringrdienst (vgl. “Fachdienste im Katastrophenschutz” 1973: 289–311 ).Google Scholar
  37. 40).
    Mit dem Terminus “abweichendes Verhalten” (vgl. Cohen 1970) werden hier all jene Verhaltensformen bezeichnet, von denen offizielle Stellen glauben, daß sie bei Notstgnden die Regel sein werden: Panik, Massenflucht, Plünderungen, Hamstern, Wucher, Unmoral sowie alle Formen von Straftaten - von Diebstahl Uber Vergewaltigung bis zur Leichenfledderei.Google Scholar
  38. 41).
    Hinweise auf die Besorgnis der Bevölkerung finden sich in einem Beitrag des Kieler Professors Dr. Ernst Knoop (1960:8; tatsachlich Seite 6, Druckfehler): “Alarmierende Meldungen, nach denen die Radioaktivitat der Nahrungsmittel immer mehr zunehme, lassen sich nicht best/tigen. Vielmehr ist durch die Einstellung der Atombombenversuche im Herbst 1958 seit 1959 ein Rückgang der Radioaktivitat festzustellen”.Google Scholar
  39. 42).
    Innenpolitisch hatten die Streiks von 1947 (vgl. Badstübner/Thomas 1975:219f.; Huster u.a. 1972:200ff.) deutlich werden lassen, daß die “Umtriebe gegen die Politik der Militarregierung, die in irgendeiner Weise die Forderungen oder Plane der Besatzungsmacht gefahrden könnten” (Oberst Newman in einer Rundfunkansprache am 16.5.1947, zit. nach Schmidt 1970:135), noch nicht ausreichend beherrscht wurden. Es kam daher darauf an, deutsche Stellen zu veranlassen, für politische Stabilitat, also für jene “öffentliche Sicherheit und Ordnung” zu sorgen, die notwendig war, um die Besatzungsmacht innenpolitisch abzuschirmen und davor zu bewahren, selbst gegen die deutsche Bevölkerung mit offener Repression bis hin zur Todesstrafe vorgehen zu müssen.Google Scholar
  40. 43).
    Tatsachlich wurden die ungekoppelten Entwicklungen erst 1968 mit dem Gesetz über die Erweiterung des Katastrophenschutzes verzahnt, wobei der Katastrophenschutz der Lander in die Zivilschutzkonzeption des Bundes eingebunden worden ist.Google Scholar
  41. 44).
    Nach Schoen/Frisch (197316) ist “Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung... eine Daueraufgabe, die ständiges Tätigwerden des Staates (wenn auch vielfach nur in Form von Bereitschaftsdiensten) erfordert, zivile Verteidigung dagegen stellt sich im Frieden (abgesehen von Ausnahmefällen, z.B. Katastrophenschutz), als Vorbereitung ohne Funktion dar...;”Google Scholar
  42. 45).
    Den Vereinigten Staaten“, schreibt der Historiker Paul Noah (1984:16) anläßlich des Scheiterns der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, ”ging es nicht erst seit 1950 darum, die europäische Frontlinie durch den Einbau deutscher Kräfte zu verstärken. Sie wollten sich damit auch entlasten. Die Form, in der dies geschah, war ihnen ziemlich gleichgültig. Doch selbst die Supermacht USA war nicht ganz frei in ihren Entscheidungen.Google Scholar
  43. 46).
    Oberst Bogislaw von Bonin (1976:118), der wegen seiner wehrpolitischen Alternativvorschlage schmahlich aus dem Amt Blank entlassen wurde, schrieb zum NATO-Beitritt der Bundesrepublik: “Die offizielle, für die Bundesrepublik verbindliche Doktrin der NATO steht leider noch in krassem Gegensatz” zu den tatsachlichen Bedingungen des Atomkriegs. “Sie basiert heute wie damals... auf der für denkbar gehaltenen Möglichkeit eines sowjetischen Angriffs großen Stils gegen Westeuropa. Diese Sorge war... im Jahre 1949 und auch noch einige Zeit spater verstandlich, rückblickend jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit von Anfang an unberechtigt”. Eine umfassende Würdigung der militartheoretischen Einsichten von Boning und der daraus folgenden politischen Alternativen zu Wiederbewaffnung, Westintegration und Wiedervereinigung findet sich bei Heinz Brill (1988).Google Scholar
  44. 47).
    Es ist nicht uninteressant, den propagandistischen Anstrengungen nachzuspüren, mit denen man der Öffentlichkeit die Notwendigkeit einer Wiederbewaffnung schmackhaft machte. So schrieb Ulrich Eichstadt ( 1965, I:403): “Die Erkenntnis von der wachsenden Bedrohung der freien Welt führte am 4. April 1949 zur Gründung der Nordatlantikpakt-Organisation (NATO). Der Ausbruch des Korea-Konfliktes spitzte die internationale Lage erneut gefährlich zu... Eine Folge dieser weltpolitischen Entwicklung war die Entscheidung der Westmächte, ihre Besatzungszonen im Frühjahr 1949 zur Bundesrepublik Deutschland zusammenzufassen”. Daß der Korea-Konflikt erst am 25.6.1950 entbrannte, erwähnt Eichstädt so wenig wie die (geplant) gescheiterte Londoner Konferenz vom Februar 1948, auf der die westdeutsche Sonderentwicklung bereits beschlossen worden war. Rudolf Augstein (1961:48) formulierte das andere Extreme “Die neue deutsche Armee wurde nicht gegründet, um den Bonner Staat zu schützen, sondern der neue Staat wurde gegründet, um eine Armee gegen die Sowjets ins Feld zu stellen”.Google Scholar
  45. 48).
    In einem geheimen “Sicherheitsmemorandum” Adenauers an den amerikanischen Hochkommissar vom 29. August 1950 wurde gefordert, die Besatzungstruppen entweder zu verstärken, oder die Bildung einer Schutzpolizei auf Bundesebene zuzulassen. Zugleich hieß est “Der Bundeskanzler hat ferner wiederholt seine Bereitschaft erklärt, im Falle der Bildung einer internationalen westeuropäischen Armee einen Beitrag in Form eines deutschen Kontingents zu leisten” (Deutscher Bundestag, Bd. 10, Bonn 1952:8160).Google Scholar
  46. 49).
    Die allzu oberflichliche Raffung der historischen Zusammenhänge ist mißlich, aber unvermeidbar. Grttndliche und quellenreiche Darstellungen finden sich bei Hans Karl Rupp (1980). Die Atmosphäre der damaligen Zeit beschreibt eindrucksvoll Wolfgang Koeppens Roman “Treibhaus”.Google Scholar
  47. 50).
    Beinahe ein Jahr froher, am 12. April 1957, hatten sich führende Atomwissenschaftler (Born, Hahn, Heisenberg, v. Laue, C.F.v. Weizsacker), die “GOttinger 18”, gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr ausgesprochen.Google Scholar
  48. 51).
    Die Verzahnung von Polizei und Militar ergab sich aus der frühen Konfrontation von Polizei/BGS und (kasernierter) Volkspolizei. Verschiedene kleinere Grenzscharmützel deuteten eine Verwischung von Bürgerkrieg und Angriff von Außen an. Durch diese Doppeldeutigkeit konnte den Alliierten eine Schutzgarantie gegenüber der ostdeutschen Volkspolizei abverlangt und eine Aufstellung eigener Militarkrafte schmackhaft gemacht werden (vgl. Jopp 1981 ).Google Scholar
  49. 52).
    Verwiesen sei auf die “Vorlaufige Richtlinien für die Anlage und Durchführung von Übungen des Luftechutzhilfedienetes” von 1964 und den Leitfaden “Der Luftechutzhilfedienet” von 1960.Google Scholar
  50. 53).
    Der Aufgabenbereich des “Zivilen Ordnungsdienstes” lautete: “Mitwirkung bei der Beseitigung von Notstinden, durch welche die Lebensbedürfnisse der Bevölkerung, der öffentliche Gesundheitsdienst, der lebensnotwendige Verkehr oder die öffentliche Sicherheit gefghrdet werden, sofern alle dafür vorgesehenen Maßnahmen nicht ausreichen” (zit. nach Sichsttidt 1965, I:407).Google Scholar
  51. 54).
    Zur historischen Entwicklung der Schutzkommission beim Bundesmi- mister des Innern siehe Gerhart R. Baum (1981) im Besonderen und “Zivilschutzforschung” Band 1 und 13 der vom BZS herausgegebenen Schriftenreihe der Schutzkommission im Allgemeinen.Google Scholar
  52. 55).
    Dap in praxi andere, eher obrigkeitsstaatliche Wege beschritten werden, zeigt das 4. Ergtnzungsgesetz zum Grundgesetz vom Mtrz 1955, die Wehrverfassung von 1956 und die anschließende Wehrgesetzgebung (vgl. Beglich 1977, I u. II; 1971, I u. II). Damit wurde nicht nur die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, sondern auch erste drastische Einschrtnkungen der Freizügigkeit und der Unverletzlichkeit der Wohnung vorbereitet und die Aufenthaltsregelung, das Bundeeleietungegesetz und das Gesetz über die Landbeschaffung beschlossen (vgl. Beßlich 1977, 1I:19 und 1979, I: 50–54 ).Google Scholar
  53. 56).
    Mit der Gründung dee Bundesverteidigungsrates (6. Okt. 1955) und der wachsenden Einbindung in die NATO-Befehlsstruktur entstanden laufend neue Planungsaufgaben, die sich auch auf die nationale Zivilverteidigung auswirkten (vgl. Beßlich 1977 II:12; Butz 1968; Dedekind 1963; Eichetgdt 1966, IV:299ff.; Stahlberg 1968 ).Google Scholar
  54. 57).
    Die Notstandsgesetzgebung des Fünften Deutschen Bundestages von 1965 (vgl. Beglich 1971, I1:27–32) sollte den Komplex der Zivilschutz-und Sicherstellungsgesetze insgesamt verabschieden, doch scheiterten von den ursprünglich eingebrachten Gesetzesvorlagen drei aufgrund ihres sachlichen Zusammenhanges mit der im Parlament ebenfalls gescheiterten Notstandsverfassung. Verabschiedet wurden dagegen die sieben sogenannten “einfachen” Notstandsgesetze, die vier Sicherstellungsgesetze (Wirtschafte-, Verkehrs-, Ernghrungs-und Wassersicherstellungsgesetz) und die drei Schutzgesetze (Selbstschutz-, Schutzbau-und Zivilschutzkorpsgesetz), wobei Teile der letzteren aufgrund der angespannten Finanzlage, wie es offiziell begründet wurde, bis heute (1988) suspendiert blieben.Google Scholar
  55. 58).
    Nach v. Kempis ( 1976: 5) verdeutlicht die Neufassung des Gesetzes über den Zivilschutz den “humanitaren Charakter”, weil es betont, “daß Zivilschutz die Bevölkerung durch nichtmilitarische Maßnahmen vor Kriegswirkungen schützen sowie deren Folgen beseitigen oder mildern soll”. Ähnlich außert sich Hetzel (1967:103), dem der Zivilschutz “das humanitare Teilgebiet der Zivilverteidigung ist... Seine Aufgabe ist das Überleben hoher Prozente der Bevölkerung... auch in Gefahrenzeiten. Diese Gefahr aber ist in jeder Art von Katastrophe gegeben, wobei selbstverstandlich der Krieg wohl die größte Katastrophe einer Gemeinschaft ist”. Die Broschüre “Kirchliches Handeln bei Unglücksfallen und Katastrophen” (1978:1) vermerkt: Der Beitrag der Kirche “zur Bewaltigung von Katastrophen besteht in Seelsorge, Verkündigung und Dienst am Nachsten”.Google Scholar
  56. 59).
    In der Logik von Katastrophe I Krieg fuhrt Hetzel (1967:103) aus: “Wehrpolitik ohne Zivilschutz mindert nicht nur die reale, sondern auch die psychologische Abwehrbereitschaft unseres Volkes”. Jürg v. Kalckreuth (1979:18) formuliert: “Die Bundeswehr kann ohne zivile Verteidigung nicht effektiv kampfen; sie ist u.a. zu 50% von Mobilmachungserganzungen abhangig. Die alliierten Streitkrafte auf deutschem Boden und die Verbinde des Feldheeres verlassen sich auf die von der deutschen zivilen Verteidigung (und dem Territorialheer gemeinsam) sicherzustellende ”Operationsfreiheit“ und auf viele Einzelhilfsleistungen”. Den Katastrophenschutz stellt v. Kalckreuth ausdrücklich in diesen Zusammenhang. Rump (1984) fordert, an den Katastrophenschutzschulen im Frieden zu vermitteln, was im Krieg gekonnt werden sollte. Weiss (1971:9£.) vertritt die Ansicht, daß kapazitative, psychologische und sachliche Gründe dafür sprechen, “die Hilfskrafte schon in Friedenszeiten vor aktuelle Aufgaben zu stellen und ihnen Gelegenheit zu geben, sich möglichst praxisnah auszubilden und das notwendige Gerat zu erproben”. Wedler (1980:40) schreibt: “Der Einsatz von Einheiten und Einrichtungen des Zivilschutzes bei der Bekampfung von Katastrophen und Unglücksfallen im Frieden verstarkt nicht nur das Hilfeleistungspotential, sondern ist auch von großer Bedeutung für die Ausbildung der Einheiten und die Motivation der Helfer”.Google Scholar
  57. 60).
    Auch hier finden sich Wurzeln historischer Kontingenz. Zivilschutz leitet sich von Bürgerschutz (civis - Burger) her. Der BUrger(selbst)schutz läßt sich im Feuerwehrwesen noch verfolgen (vgl. Bürger 1978; Erpf 1975 ).Google Scholar
  58. 61).
    Der “friedenszeitliche” (auch “friedensmäßige”) Katastrophenschutz dient der Verhütung, Beseitigung und Milderung bestimmter Schadensereignisse im Frieden; die Regularien obliegen den Kompetenzen der Länder. Schäden, die im Verteidigungsfall drohen, werden vom “erweiterten” Katastrophenschutz unter bundeshoheitlicher Kompetenz bearbeitet. Eine Ubersicht über die rechtlichen und organisatorischen Zusammenhänge finden sich bei Kolb (1977), Schmitt (1973) und Thomsen/Merk (1975). Erläuternde und kommentierende Darstellungen finden sich bei Beglich (1975; 1979a,b).Google Scholar
  59. 62).
    Schaefer (1973:282f.) unterscheidet Einheiten und Einrichtungen “ale organisatorisch-taktischer Begriff” und als “Gliederung ihrer Trager” und “Zusammenfassung von Helfern”, wodurch die Aspekte des Funktionskonzepte sichtbar werden.Google Scholar
  60. 69).
    Schaefer (1979:282) betont die rechtliche Verfaßtheit der Trager. Öffentliche Trager sind Kreise und Gemeinden, aber auch die von Bund und ’,lade= betriebenen Organisationen. Nach den KatSGe werden keine privaten Organisationen in den Katastrophenschutz einbezogen, sondern nur ihre Einheiten und Einrichtungen. öffentliche Einheiten sind die Feuerwehren, das Technische Hilfswerk (THW) und das Bayerische Rote Kreuz. KatS-Einrichtungen privater Trager unterstehen dem Privatrecht und können nur freiwillig im Katastrophenschutz mitwirken (vgl. v. Arnim 1973). Die besondere Rolle der Bundeswehr erlautern Berchtold/Leppig (1980).Google Scholar
  61. 64).
    Von daher warnt Eichstadt (1981:7) davor, die verteidigungsbezogene Funktion des Katastrophenschutzes falsch zu bewerten. Der Katastrophenschutz stelle “nur ein Teilgebiet eines erheblich größeren Aufgabenbereichs dar”. Janssen (1971) führt aus, in welchem Maße der KatS in den Verteidigungsfall eingebunden ist.Google Scholar
  62. 65).
    Auf diese Wurzel verweisen die meisten KatS-Gesetze. Dammermann und Haag (1968:73) schreiben: “Der öffentliche Katastrophenschutz ist Gefahrenabwehr im Sinne des Polizei-und Ordnungsbehörden-rechts”.Google Scholar
  63. 66).
    Der Katastrophenschutz in seiner heutigen Ausgestaltung... ist nur aus seiner Entwicklung heraus recht verstandlich.... Die bundesrechtliche Regelung aber wölbte sich über dem Recht der Lander, wie es teile in mehr oder weniger unterschiedlichen Landesgesetzen, teils in kommunalen Satzungen und nicht zuletzt im gewachsenen Herkommen bis hin zum Gewohnheitsrecht zu finden war“ (Schaefer 1973:281).Google Scholar
  64. 67).
    Einer der wenigen, der Katastrophen und Katastrophenschutz in einen breiteren historischen und politischen Kontext stellen wollte, war Werner Dosch. Bereits 1973 interpretierte er Zivilschutz als “Verteidigung der Zivilisation” und damit als Friedenspolitik und Katastrophenschutz ale “Natur-und Umweltschutz”, also als politische Ökologie.Google Scholar
  65. 68).
    Hier ist an vielerlei Mimikry und sonstigen Wandel zu erinnern: DRK und ASB bekampften einander wahrend der Weimarer Republik erbittert; das THW war, ale Teno (vgl. Pieper 1976:27 und Könnemann 1971:173–186), Streikbrecherorganisation, und die verbotene KPD bediente sich im Dritten Reich der Selbstschutz-Terminologie, um politisch zu agitieren: Unter dem Titel “Luftschutz ist Selbstschutz. Ein ernstes Wort an alle Berliner”, hrsg. v. Hauptmann a.D. von Blomberg, Berlin 1933, wurde eine Enthüllungsschrift über den Einsatz der SA wahrend der Bog. “KÖpenicker Blutwoche” vertrieben (vgl. “Neues Deutschland” vom 21.6.1983:7). Die heutige Sichtweise, auch die Selbstsicht, findet sich in Periodika vie beispielsweise dem Zivilschutz-Magazin (hrsg. vom Bundesverband für den Selbstschutz) oder den organisationseigenen Veröffentlichungen. Aufschlußreich ist, wie gegenwertig das Verhaltnie zum Zivil-und Katastrophenschutz, also zum Staat, von den Hilfsorganisationen bestimmt wird (vgl. “Die Mitwirkung des Deutschen Roten Kreuzes im Zivil-und Katastrophenschutz”, THEMENJOURNAL 11/1987).Google Scholar
  66. 69).
    Erinnert sei an einen analogen Ablauf während der sog. Studentenbewegung, auf den Beck und Gerneheim ( 1971: 439) hinwiesen: Marxisten deuteten die Studentenunruhen als “embryonale Bewegung eines neuen revolutionären Subjekts”, während konservative Einschätzungen von “verschärften Generationskonflikten” sprachen. Beide Positionen waren aufgrund ihrer je eigenen “Selektivitätsproblematik” nicht in der Lage, ein übergeordnetes Bezugssystem zu entdecken, innerhalb dessen die grundlegenderen Momente des damaligen Wandlungsprozesses hätten erkannt und umgesetzt werden können.Google Scholar
  67. 70).
    Einige der Definitionen, auf die sich Westgate/O’Keefe beziehen, seien vorgestellt: - “A disaster is an accident on a large scale” (Walker 1973:57) - “... any disaster involves a disruption of the social context in which the individual functions. Deaths, injuries, destruction of property and disruption of communications all aquire importance principally as departures from the pattern of normal expactations upon which the individual builds up his actions from minute to minute”. (Killian 1954:66f.)Google Scholar
  68. 71).
    Westgate/O’Keefe werfen den Behörden vor, kein Verstandnis von Katastrophe zu haben, sondern nur ihre eigenen Routinen zur Anwendung bringen zu wollen. Formen der situativen Interaktion und der Herausbildung von Kooperationsformen seien dadurch unmöglich gemacht. Parallel dazu lese man die Katastrophendefinition des DRK (“Die Mitwirkung des Deutschen Roten Kreuzes...” 1981:3): “Eine Katastrophe ist eine Ausnahmesituation, in der die taglichen Lebensgewohnheiten der Menschen plötzlich unterbrochen und die Betroffenen infolgedessen Schutz, Nahrung, Kleidung, Unterkunbft, medizinische und soziale Fürsorge sowie anderes Lebensnotwendige brauchen”.Google Scholar
  69. 72).
    The real quality of disaster is that it presents problems within a context which cannot be solved with the ressources found within that context“. (Krimgold 1974:58) - ”’Disaster’ means occurence of imminent threat of widespread or severe damage, injury or loss of life or property resulting from any natural or manmade cause, including but not limited to fire, flood, earthquake, wind storm, wave action, oil spill, or other water contamination requiring emergency action to avert danger or damage, volcanic activity, epidemic, air contamination, blight, drought, infestation, explosion, riot, or hostile military or paramilitary action“. (US Office of Emergency Preparedness 1972)Google Scholar
  70. 73).
    Weniger ironisch, der Sache nach aber gleichlautend, drücken sich Anders Wijkman und Lloyd Timerlake (1984;18) aus: “Even the apparently concise definitions based on dollars and lives can be misleading. For instance, a tornado which destroys only a few homes may do over $1 million in damages in a wealthy US suburb, and thus be a ”disaster“. But a widespread typhoon might destroy hundreds of Third World huts without causing $1 million in damage, and thus not be a ”disaster“.Google Scholar
  71. 74).
    Analog formuliert das Katastrophenschutzgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen: Katastrophe im Sinne des Gesetzes ist eine durch Naturereignis, Unglücksfall, Explosion oder ähnliches Ereignis verursachte so erhebliche Störung, dap sie nur durch Einsatz der für den Katastrophenschutz bereitgehaltenen Einheiten und Einrichtungen von der Katastrophenschutzbehörde beseitigt. werden kann; es müssen Leben oder Gesundheit zahlreicher Menschen, erhebliche Sachwerte oder die lebensnotwendige Unterkunft und ‘Verpflegung der Bevölkerung mittelbar gefährdet oder wesentlich beeinträchtigt sein.Google Scholar
  72. 75).
    Horizontale Homogenität wahren die Kataetrophenechutzgesetze der Länder durch übereinstimmende Kriterien bei: Schwere des Schadens (Erheblichkeit); Notwendigkeit zum Einsatz besonderer Kräfte (KatS); einheitliche und zentrale Lenkung der Maßnahmen (Führung).Google Scholar
  73. 76).
    Ungerechtfertigt wenig Beachtung fand in der Nachfolge D. Smith (1957), der Katastrophe bereits als Kapazitätsproblem beschrieben hatte. F. Krimgold(1974:14) griff Smith’s Ansatz wieder aufs “The real quality of disaster ist that it presents problems within a context which cannot be solved with the ressources found within that context”.Google Scholar
  74. 77).
    Zwar räumt das Gesetz die Vorbereitung auf abstrakte Gefahren ein (vgl. Seeck 1980:12), doch relativiert der Grundsatz der Dringlichkeit die Kapazität zur Gefahrenantizipation: nur wenn Dringlichkeit wahrgenommen wird, bereitet man Maßnahmen vor. Brandschutz, Rettungsdienste (Krankentransport, Notfallrettung, Notarztsystem, zentraler Bettennachweis) und soziale Dienste sind “das Rockgrat aller Maßnahmen” (Thomsen 1973:272); sie bilden den Kern des Hilfesysteme der Gemeinde; es ist mit betrieblichen Schutzdiensten weitgehend verzahnt.Google Scholar
  75. 78).
    Die Strategie, möglichst frühzeitig übergeordnete Hilfe anzufordern, bietet allerdings auch Vorteile: Die eigenen Krafte und Ressourcen werden geschont, man gelangt ale Erster in den Genuß frischer und überlegener Hilfe, so daß im eigenen Bereich weniger Mangel herrscht ale dort, wo zuletzt Übergeordnete Krafte angefordert werden. Wahrend der Schneekatastrophen haben verschiedene Landkreise diese Strategie gefahren, um in den Genuß von Hilfe durch die Bundeswehr zu gelangen.Google Scholar
  76. 79).
    So zeigten die Schneekatastrophen, daß externe Kompetenz aus der Landwirtschaft notwendig war, um entscheiden zu können, ob Futtermittelanforderungen gerechtfertigt waren oder ob man sich nur kostenlose Lieferungen erschleichen wollte. Indem aber Verbandsvertreter in den Staben beratend tatig wurden, gewannen diese Verbandsinteressen gegenüber jenen ohne personelle Vertretung zugleich höhere Durchsetzungsfahigkeit qua Prasenz. Dadurch veranderte sich unmerklich die Prioritatensetzung der Hilfsverteilung.Google Scholar
  77. 80).
    Wahrend der Schneekatastrophen zeigte sich, daß besondere Bedingungen eben auch besondere Daten erfordern: Die nach Prioritatenliste geraumten Straßen verwehten umgehend, weil man die Sogwirkung der Straßenführungen nicht bedacht hatte. Erst als man nur windgeschützte Nebenstrecken frei machte, kam der Verkehr wieder in Gang.Google Scholar
  78. 81).
    Tschernobyl hat diese Tendenz im Katastrophenschutz extrem befördert. Die Einrichtung eines “Krisenmanagements”, das die Erstellung, Interpretation und Weiterleitung von Daten über Strahlengefährdungen zwischen Bund und Landern koordinieren soll (vgl. Andrews 1987), laßt befürchten, daß ein solcher automatisierter Vollzug auch in diesem Bereich möglich wird.Google Scholar
  79. 82).
    An dieser Stelle ist auf das nachdenkliche und nachdenkenswerte, aber leider viel zu wenig rezipierte Buch von Philipp Sonntag, “Verhinderung und Linderung atomarer Katastrophen” (1981) hinzuweisen, das anhand der militärischen Nutzung der Atomkraft darlegt, was alles ins Kalkül gezogen, unter Kontrolle gebracht und rationaler Einsicht unterworfen werden müßte, wollte man Scheitern wirklich verhindern. Sonntags Buch inspirierte mich zu dem Gedanken, dap Kriege und Katastrophen im Verhältnis zu den enormen Anstrengungen und weltweiten politischen und ökonomischen Veränderungen zu ihrer Verhinderung wohl doch noch immer die einfacheren Problemlöser sind (Dombrowsky 1983a ).Google Scholar
  80. 83).
    Wenn die Menschen Situationen als real definieren, so sind auch ihre Folgen real“ (Thomas 1965:114). Eine Feststellung, die für den praktischen Katastrophenschutz ohne Einschränkung gilt. Hier und im folgenden wird W.I. Thomas nach seiner deutschen Werkausgabe ”Person und Sozialverhalten“, hrsg. v. Edmund H. Volkart, übersetzt v. Kimminich, Neuwied Berlin: Suhrkamp 1965 und den dort angegebenen Originalquellen zitiert.Google Scholar
  81. 84).
    Exakt hier und, vorgelagert, bei “Gefahr” und “gefährlich”, knüpfen sämtliche Risiko-und Akzeptanzetudien an (vgl. Duclos 1987; Karwan/Wallace 1984; Renn 1981). Früh schon wurde versucht, individuelle Risikoeinschätzungen mittels Cluster-Analysen nach verschiedenen Gesichtspunkten zu verorten (vgl. Wapner/Cohen/Kaplan 1976; Rowe 1977, Whittow 1979). So gehen z.B. “Laien” freiwillig tausendmal größere Risiken ein als unfreiwillig, d.h. sie rauchen oder fahren auch dann Auto, wenn sich dadurch ihr Krebsrisiko oder ihre Unfallchance um einen bestimmten, durchaus erheblichen Faktor steigert (vgl. Science Bd. 236, 1987:267–285). Mehr und mehr wird jedoch dabei sichtbar, daß Risikoakzeptanz nicht allein von (quasi-)ökonomischen Nutzenkalkülen abhängt, sondern weit stärker von Formen der sozialen Akzeptanz, von wechselseitigem Anerkennen, d.h. vom Austausch positiver Sanktionen und der Zugehörigkeit zu einer “Wertegemein-schaft”. Die Akzeptanz von Risiken und die Sicht auf Gefahren ruht somit weniger rational als vielmehr affektiv bestimmten Übereinkünften über Werte auf (vgl. Brengelmann/v. Quast 1987; Neal 1987; Uth 1988). Otthein Ramnstedt (1982) war m.W. der erste, der darauf verwiesen hat.Google Scholar
  82. 85).
    Die physikalische Analogie habe ich Friedrich Engels’ Brief an J. Bloch vom 21./22. Sept. 1890 entnommen: “... macht sich die Geschichte so, daß das Endresultat stets aus den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder durch eine Menge besonderer Lebensbedingungen zu dem gemacht wird, was er ist; es sind also unzlhlige einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von Krlfteparallelogrammen, daraus eine Resultante - das geschichtliche Ergebnis - hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes, bewußloe und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem andern verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat. So verlauft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen. Aber daraus, daß die einzelnen Willen - von denen jeder das will, wozu ihn Körperkonstitution und außere, in letzter Instanz ökonomische IImstande (entweder seine eignen persönlichen oder allgemein gesellschaftliche) treiben - nicht das erreichen, was sie wollen, sondern zu einem Gesamtdurchschnitt, einer gemeinsamen Resultante verschmelzen, daraus darf doch nicht geschlossen werden, daß sie 0 zu setzen sind. Im Gegenteil, jeder tragt zur Resultante bei und ist insofern in ihr einbegriffen” (zit. nach Fetscher 1971:227, Hervorh. im Orig.). Es ist nicht ohne Ironie, daß Engels hier schon das gesamte theoretische Soziologie-Programm von Norbert Elias vorwegnimmt. Offiziell aber beziehen sich nur sehr wenige Theoretiker sog. “blinder”, sich gegenlaufig durchkreuzender Vergesellschaftung auf diesen frühen Stammvater (vgl. Wippler 1980). Weder bei Merton (1936) noch bei Forrester (1972) finden sich entsprechende Hinweise und auch in der neueren Diskussion über “beabsichtigte und unbeabsichtigte Folgen sozialen Handelns” (vgl. Verhandlungen des 20. Deutschen Soziologentages zu Bremen, Matthes 1980) wird dieser Herkunftsstrang kaum erwähnt.Google Scholar
  83. 86).
    Es ist vertrackt und darum aufschlußreich: Obgleich Katastrophe nichts anderes ist als dieser spezifische Wandel, der Eintritt von Ungewißheit und Instabilität, bediene ich mich dennoch einer verdinglichenden Sprechweise, die das sich Vollziehende sprachlich verdoppelt und einer eigenständigen “Wesenheit” Katastrophe zur Existenz verhilft. Dennoch habe ich bewußt davon Abstand genommen, nach neuen sprachlichen Formen zu suchen, um diesen Zusammenhang angemessen auszudrücken. Ein solcher Versuch liefe m.E. in die entgegengesetzte Falle, indem wiederum vom materiellen Substrat des Katastrophischen völlig abstrahiert würde und dadurch der Blick für die Tatsache verlorenginge, daß jede Katastrophe jenseits ihrer sozialen Genese immer auch ein Element dee Un- Menschlichen, Un-Sozialen enthält, also auch etwas Eigenständiges ist.Google Scholar
  84. 87).
    Die vonder Außenwelt Abgeschnittenen griffen, um sich zu informieren und um zu erfahren, wie es Verwandten und Freunden geht, verstarkt auf das Telefon zurück. Die dadurch bewirkten Leitungsüberlastungen nahmen die Katastrophenechutzbehörden zum Anlaß, sog. “Katastrophenschaltungen” einzurichten, durch die Anrufe empfangen, aber nicht geführt werden können. Dies entlastete die Postleitungen, belastete aber die Betroffenen unertraglich, weil ihnen damit ihr einziges autonomes Kommunikationsmittel genommen worden war. Da gerade in Katastrophen die Verfügung über technische Kommunikationsmittel besonders wichtig ist, ware eine Art “kommunikatives Selbstbestimmungsrecht” für den Katastrophenfall ein hilfreiches Grundrecht.Google Scholar
  85. 88).
    Der Diskussionszusammenhang ist nicht ohne Witz. Thomas entwikkelte sein Konzept aus der Kritik an Durkheim: Soziale Interaktion sollte nicht nur soziale Tatsache und Ergebnis gesellschaftlicher Bestimmungen sein, sondern zugleich auch Ausdruck der Ansichten der Akteure über ihr eigenes Handeln und Wahrnehmen. Friedrichs vermeinte darin die Gefahr eines Psychologiemus zu entdecken, reproduzierte dann aber aus forschungspraktischen Erwagungen den Thomas’schen Ansatz: “Für eine Reihe soziologischer Probleme”, so Friedrichs (1974:45), “mup die Erhebungs-und Untersuchungseinheit selbst ein soziologischer Sachverhalt sein. Hierzu eignen sich eher ale Individuen die Situationen, in denen Individuen handeln”.Google Scholar
  86. 89).
    Der in Ausfallen des “up to date-Instrumentariums” ad-hoc zubewerkstelligende Rückgriff auf das Reservoir kultureller Hintergrunderfüllungen lapt sich in “Zeitlupen-Katastrophen” natürlich besonders leicht verfolgen, da sie genügend Zeit für Rückbesinnung und Rückgriffe lassen. Die Not zur Tugend wenden müssen erscheint dabei als Katastrophenreaktion; sie lgpt sich theoretisch einleuchtend mit Alsberg und Classsens fundieren (vgl. Dombrowsky 1983a). Nicht zu unterschatzen sind jedoch die tagtaglich den “up to date-Instrumentarien” einhergehenden Tugenden des Bastlertums, das Nöte ohne Zeichen der Not, sozusagen ale pfiffiges Bewaltigen von Widrigkeiten, erscheinen lapt. Alfred Sohn-Rethels Essay über das “Ideal des Kaputten” (1926) laßt dies spürbar werden; Volker v. Borries baute in seiner Schrift “Reparieren im Alltag” (o.J.) darauf auf.Google Scholar
  87. 90).
    Ich vermute, daß an dieser Stelle die Idealisierungen des Kooperationsprinzips, wie sie aus TFT-Strategien (Tit for Tat) beim iterativen Gefangenen-Dilemma gern hergeleitet werden, zusammenbrechen: Die Möglichkeit zu kooperativen Strategien wichet mit abnehmender Gruppenzahl! Nur dort, wo möglichst alle Spieler durch eine Vielzahl iterativer “Spiele” (sozialer Interaktionen) miteinander verbunden sind, lohnt sich die Betrugsstrategie nicht (vgl. Axelrod 1988). Zudem sind TFTStrategien personal konstituiert, bedürfen also der Interaktionspartner (oder der Interaktions-Maschinen), die die Regeln beachten. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf die Untersuchung von Claudio Souto (1984), nach der soziale Interaktionen und damit auch Formen der Sanktionierungen “wechselseitig” und “nicht-wechselseitig” sein können (25). Eine nichtwechselseitige Interaktion ist danach auch zu Büchern, Filmen, Tieren oder anderen nicht-personalen Sinnsystemen möglich. “Transtemporale Interaktion” bedeutet nach Souto (29f.), daß es keine echte Isolation (Robinsonade) gibt, und daß selbst Verstorbene und deren “Vermächtnisse” noch handlungleitend - im Sinne von “regelbeachtend” - präsent sein können.Google Scholar
  88. 91).
    Aus dem breiten Spektrum einschlagiger Analysen und Erklärungsversuche seien nur drei Ansatze willkürlich herausgegriffen: Peter Bruckner (1972) stellt die Einflüsse kapitalistischer Arbeite-und Konkurrenzverhältnisse in den Mittelpunkt; Günter Gödde (1983) das (psychotische) Element von Sado-Masochismus und Pier Paolo Pasolini (1979) die Beechadigungen des Lebendigen durch Konsum und mediale Zerstreuung.Google Scholar
  89. 92).
    An dieser Stelle laßt sich meine persönliche Wertorientierung nicht kaschieren. Ich verdanke sie nicht zuletzt der Soziologie Harry Hoefnagels’, die ich wahrend seiner Gastprofessur an der Universitat Kiel schätzen lernte. Hoefnagels’ beharrliches Insistieren, daß Soziologie mit “sozial” zu tun haben müsse, wie überhaupt, darin Tönnies ahnlich, ein Zusammenleben ohne ein “Zusammen-Sein”, ohne MIT-Menschlichkeit und Solidaritat allein deswegen un-menschlich sei, weil es ohne Menschen widersinnig ist, überzeugte mich auch ohne gelehrige theoretische Unterfütte-rung - gleichwohl ist sie von ihm geliefert worden (1979; 1966). Dieter Claessens’ Diskussion von “Befreundung mit der Welt” (1970:190ff.) gehört hier gleichfalls hinzu.Google Scholar
  90. 93).
    Einem Mißverstandnis sei vorbeugend begegnet: Ich maße mir nicht an, Elias’ Beitrage zur Wissenssoziologie oder zur Zivilisationstheorie grundsatzlich zu kritisieren. Vielmehr formuliere ich nur die Schwierigkeit des Versuchs, Elias’ Theorie der generalisierenden Abstraktion Jahrhunderte dauernder Prozesse zu entreißen und auf soziale Prozesse kurz-und mittelfristiger Dauer anzuwenden. Dabei, so scheint mir, ergeben sich insofern Schwierigkeiten, als die Figurationen bildenden Menschen “blind” Effekte produzieren, die, Machten aus dem Niemandsland gleich, als scheinbar un-menschliche Machte auf sie zurückschlagen, ohne daß dabei einsichtig wird, wie die solcherart Geschlagenen je Subjekt ihrer Geschichte werden können. Denn je verzweigter, interdependenter, die Handlungsketten werden, desto größer wird das Potential dee Kontraproduktiven. Wollte man dem der zunehmenden Vernetzung einherschreitenden Potential des Ungewollten und Ungeplanten angemessen begegnen, müßten die Akteure wohl doch zu Übereinkünften darüber kommen, nach welchen Zielen sie ihre Ressourcen verteilen und welche Probleme sie wie lösen wollen (vgl. v. Borries/Dombrowsky 1988 ). Dies aber erforderte die Überwindung dessen, was Elias als Struktureigentümlichkeit des Figurativen bezeichnet und bedeutete mithin die Überwindung der Figuration selbst.Google Scholar
  91. 94).
    Allerdings raumt auch Elias ( 1969, II:364) ein, daß sich verfestigte Figurationen, wie z.B. Institutionen, aber auch Fabriken und Stadte (dazu 1981:12) wieder verflüssigen können, d.h. dynamisiert werden, sobald sie “vielen einzelnen Menschen Chancen zur Befriedigung bestimmter, immer von neuem in ihnen gezüchteter Bedürfnisse oder Angewieeenheiten” nicht anger bieten. Bedeutsam aber scheint mir doch, daß Elias unter gegenseitiger Angewiesenheit (1968:LXVII) vor allem technisch bedingte Abhgngigkeiten versteht, wie sie z.B. die Arbeitsteilung mit sich bringt, und viel weniger jene Formen des Angewiesenseins, das man als Bedürfnis egos nach alter verstehen könnte.Google Scholar
  92. 95).
    Die aus dem iterativen Gefangenen-Dilemma entwickelten Strategien der Kooperation sind an dieser Stelle nochmals zu bedenken. Sehr wohl bedarf die Kooperation des Kooperationswillens, doch zeigen die einschlAgigen Simulationen (Axelrod 1988 ), daß “Verfriedlichung” nicht vorausgesetzt werden muß, sondern durch Tit for Tat-Strategien ( TFTs) entsteht. Dagegen nimmt die Chance zu TFTs sofort ab, sobald die Zahl wechselseitiger Spiele eine gewisse Spielhaufigkeit zwischen allen Beteiligten unterschreitet. Übertragen auf Elias bedeutete dies, daß das Anwachsen der Interdependenzketten eue sich heraus die Wahrscheinlichkeit zur Unfriedlichkeit vergrößert und daher Verfriedlichung nur auf andere Weise (z.B. durch Moralsysteme) und nur durch Zwang erzielt werden kann.Google Scholar
  93. 96).
    Dies nicht, weil Norbert Elias kein Katastrophen- Soziologe ist - man muß nicht tot sein, um über das Sterben zu reflektieren -, sondern weil gerade katastrophensoziologische Analysen in extremen Maßen zeigen, daß “Befriedungen” nach Katastrophen, z.B. durch Hilfegüter, Wiederaufbauhilfen und regionale Investitionsprogramme, keine Machtdifferentiale auszugleichen vermögen, sondern, im Gegenteil, auf neuem Niveau ausdifferenzieren (vgl. Bolin 1986; Dobler 1980). In die gleiche Richtung, aber aus einem ganz anderen Argumentationszusammenhang heraus, kritisiert auch Hans Peter Duerr (1988) den Elias’schen “Mythos vom Zivilisationsprozess”.Google Scholar
  94. 97).
    Selbst nach der Hamburger Flutkatastrophe 1962, die nachweislich grobe Mflngel in der Katastrophenabwehr gezeigt hatte, gaben in einer Befragung (INFAS 1964:4 u. 6) nur 18% (Ne3.819 Hamburger) dem Hamburger Senat die Schuld fUr dieses Versagen, wthrend 83% die Meinung vertraten, daß die Hilfemaßnahmen richtig und gut organisiert gewesen seien.Google Scholar
  95. 98).
    Das Konzept der “Real-Falsifikation”, das natürlich auf den Fallibilismus Poppers zurückgeht, ist von mir in einem ersten Ansatz in die soziologische Katastrophentheorie eingeführt worden (Dombrowsky 1987). Allerdings bedarf es noch grundlegender Weiterungen, bis eine komplette, darauf fußende soziologische Katastrophentheorie vorgelegt werden kann.Google Scholar
  96. 99).
    Niklas Luhmann hat das Problem der Temporalitat neuerdings in den Mittelpunkt seiner theoretischen Erwagungen gestellt (1984; 1987). Deutschmann (1983) faßt die Problematik als Inkoharenz von “Systemzeit” und “sozialer Zeit”.Google Scholar
  97. 100).
    Die Projektion von Bestimmheit in Unbestimmtes, von Ordnung in Unordnung (ins Chaos allen Anfangs), von Sicherem in Unsicheres erscheint als prima causa aller Theorie. Victor W. Turner (1969) spricht davon, daß Rituale auch die Anti-Strukturen des Sozialen (z.B. Chaos) strukturieren und dadurch erst integrationsf8hig machen.Google Scholar
  98. 101).
    Dap es sich dabei um eine historische und damit soziale Leistung handelt, hebt Simmel (1977:9) scharf hervor: Erst die Neuzeit habe den Ichbegriff in aller “Tiefe und Scharfe” gegen die “Selbstandigkeit und Starke des Objektbegriffs” abgegrenzt, wahrend im vorherigen “Indif£erenzzustande” die “Inhalte schlechthin, ohne zerlegende Projizierung auf Subjekt und Objekt vorgestellt” worden Beien.Google Scholar
  99. 102).
    Die “primitiven” Gesellschaften kennen allesamt Entregelungerituale, in denen die kontrollierenden Festlegungen des Geschlechts, der Herrschaft, der Zeit und der Bewußtseinezustgnde abgelegt werden dürfen (vgl. Dürr 1978; Völger/Welck 1982). Unser heutiger Fasching ist nur noch ein müder Verweis.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1989

Authors and Affiliations

  • Wolf R. Dombrowsky

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