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Schlußbemerkung

  • Otto Zwierlein
Part of the Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften book series (MMT, volume 368)

Zusammenfassung

Der Philologe, der seine antiken Autoren schätzt, möchte es nicht wahrhaben, daß seine verehrten ‚Klassiker‘ nachlässig verfahren, und sucht ihnen deshalb — wenn die Überlieferung Spuren von Überarbeitung erkennen läßt — notfalls auch mit Hilfe der Athetese Ehrenrettung widerfahren zu lassen. Daß der von den Handschriften tradierte Vergil- und Ovidtext schon in der Antike Eingriffen ausgesetzt war, ist in den ersten beiden Kapiteln durch einige ausgewählte Beispiele dokumentiert worden. Aus ihnen gewinnt man den Eindruck, daß der wohl in tiberischer Zeit tätige Veranstalter einer Gesamtausgabe Vergils möglicherweise nicht nur das programmatische, an herausgehobenen Versen Vergils, Tibulls und Ovids angelehnte Vorproöm zur Aeneis verfaßt hat, sondern auch die verwandten programmatischen Zusätze zu den Eingangs- und Binnenproömien der Georgica. Auch sonst gibt es unter den behandelten (und weiteren) unechten Versen auffällige Gemeinsamkeiten160, die die Hypothese einer überwiegend von einer Hand vorgenommenen Überarbeitung rechtfertigen. Andererseits haben eine Reihe der im letzten Kapitel behandelten Grenzfälle, die z.T. mit den besonderen Entstehungsbedingungen unseres Vergil- und Ovidtextes zusammenhängen mögen, den Blick dafür geschärft, daß wir nie die Spontaneität des Dichters, aber auch nicht eine gewisse Sorglosigkeit bei der Formulierung eines ersten Entwurfs unterschätzen dürfen161. Deshalb wird es in Fragen der Echtheitskritik geraten sein, sich in den nicht wenigen Zweifelsfällen damit zu begnügen,

Literatur

  1. 160.
    Erinnert sei an die protreptisch getönten Zusatzvcrse [georg.] 2,425 und 433, dcren Echtheit auch durch die uneinheitliche Überlieferung in Frage gestellt wird.Google Scholar
  2. 161.
    Die optimistische Einschätzung Fr. Leos in Plautinische Forschungen. Zur Kritik und Geschichte der Komödie, 2Berlin 1912, 41 Anm. 2 („Vergil hat die Äneis so geschrieben, daß Vers und Sprache vollkommen durchgearbeitet sindchrw(133); eine Kritik, die stilistische oder metrische Unvollkommenheiten durch die mangelnde Feile entschuldigen oder erklären möchte, hat keinen Boden“) läßt sich wohl kaum aufrecht erhalten. Dies berührt auch den hinter dieser Abhandlung stehenden,Prolegomena`-Band, dem eine ähnlich optimistische Vorstellung von der Qualität der,echten` Aeneis zugrunde liegt. Die anhand einer Reihe zentraler Stellen gewonnene Konzeption, im Vergil- und Ovidcorpus jeweils den gleichen Bearbeiter am Werk zu sehen, hat dann im Laufe der Jahre dazu geführt, die Grenzlinie zwischen dem unzweifelhaft echten Gut und den der Überarbeitung verdächtigen Partien immer enger zu ziehen. Die Detailarbeit an den einzelnen Aencisbüchern hat jedoch gezeigt, daß eine so scharfe Sonde nicht angesetzt werden kann. Folglich sollten die fcttgedruckten Stellen im Register der Prolegomena nicht als erwiesenermaßen unecht eingestuft werden, sondern als ein Katalog von anstößigen oder auffälligen Textstellen, bei deren Beurteilung nach abgestuften Wahrscheinlichkeitsgraden auch die Athetese in Betracht zu ziehen ist (nach den hier zugrundegelegten Maßstäben akzeptabel scheinen z. B. im ersten Buch die Verse Aen. 1,42–45. 55–64. 144–156. 174–179. 245–249. 479–482. 498–504. 530–543 [haben die Wiederholungsverse 530ff. den ursprünglichen Text verdrängt?]. 650–656; ferner aus Ovid etwa ars 2,1–8; 2,119–142; rem. 1–40; fast. 4,1–84 [folglich auch fast. 1,1–26]; 2, 289–380 ).Google Scholar
  3. 162.
    Zu Recht trauert W. H. Friedrich (1982, 101) den „differenzierteren antiken Zeichen“ in der Editionstechnik nach, die ein behutsameres Umgehen mit verdächtigen Stellen ermöglichten, im Falle von Wiederholungen etwa, daß man, „was das mindeste wäre, erst einmal auf die Wiederkehr von Versen oder Versteilen an anderer Stelle hinweisen und des weiteren andeuten könnte, was man davon zu halten habe“. Einen ersten Versuch zu größerer Differenzierung in einem echtheitskritisch ausgerichteten Zeichensystem hat Diggle in seiner Edition der aulisehen Iphigenie unternommen, vgl. die Praefatio zum 3. Euripides-Band der OCT von 1994, p. V I.Google Scholar

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Authors and Affiliations

  • Otto Zwierlein

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