Advertisement

Zur Situation der zeitgenössischen englischen Lyrik

  • Arno Esch
Chapter
Part of the Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften book series (VG, volume 241)

Zusammenfassung

Schon 1825 schrieb Macaulay in seinem Milton-Essay: “We think that, as civilisation advances, poetry almost necessarily declines.” Und ähnliche Aufßerungen über „Schlechte Zeit für Lyrik“ ließen sich vor und nach ihm unschwer zusammentragen. Aber trotz aller Prognosen vom Tod der Lyrik hat Großbritannien gegenwärtig nach Auskunft der National Book League Association an die 200 ernstzunehmende Lyriker. In seinem British Council Pamphlet Poetry Today 1960–1973 1 bespricht Anthony Thwaite nicht weniger als 114 Lyriker. Sicher werden die meisten dieser Namen unsere Zeit nicht überdauern, aber sie sind kennzeichnend für das heutige Klima. Zahlreiche Beobachter der englischen Szene registrieren seit etwa zwei Jahrzehnten eine außergewöhnliche Popularität von Lyriklesungen. Es gab nicht nur Großveranstaltungen mit Lyrikern aus aller Welt vor Tausenden von Zuhörern — 1965 fanden sich zu einem solchen Symposion in der Royal Albert Hall in London 7000 Zuhörer ein —, täglich versammeln sich auch in Londoner Pubs während der Mittagszeit kleinere Gruppen von zwanzig oder fünfundzwanzig, um Gedichtlesungen heutiger Poeten zuzuhören. Es erscheint symptomatisch, daß die Greater London Arts Association sogar einen telefonischen Rezitationsdienst eingerichtet hat (“Dial a Poem”)2. Die Lyrik findet in Großbritannien offenbar günstigere Voraussetzungen als in Deutschland3.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Referenzen

  1. 1.
    Frühere Überblicke gaben Alan Ross (1954), Geoffrey Moore (1958) und Elizabeth Jennings (1961).Google Scholar
  2. 2.
    Renate Schostack, „Noch ein Gedicht durchs Telefon“, FAZ, 19. 7. 1973.Google Scholar
  3. 3.
    In Jüngster Zeit sind auch hier Anzeichen einer „Renaissance des Gedichts“ zu beobachten, vgl. W. Hinck, FAZ, 30. 5. 1979.Google Scholar
  4. 4.
    Anthony Thwaite, Poetry Today 1960–1973 (London, 1973), S. 86.Google Scholar
  5. 5.
    W. W. Robson, Modern English Literature (London, 1970), S. 160.Google Scholar
  6. 6.
    John Dryden, Of Dramatic Poesy and Other Critical Essays, ed. G. Watson (London, 1962), Band I, S. 77.Google Scholar
  7. 6.
    6a D. Timms, PhilipLarkin (Edinburgh, 1973), S. 33.Google Scholar
  8. 7.
    TL, Dec. 235, 19//.Google Scholar
  9. 8.
    Calvin Bedient, Eight Contemporary Poets (London, 1974), S. 74.Google Scholar
  10. 9.
    Critical Quarterly 8 (1966), S. 177.Google Scholar
  11. 10.
    “when they (the important stages of human life) are dispersed into the registrary office and the crematorium chapel, life will become thinner in consequence” (I. Hamilton, “Four Conversations”, London Magazine IV (Nov. 1964), S. 73.Google Scholar
  12. 11.
    Poets of the 1950s, ed. D. J. Enright (Tokyo, 1955), S. 77. . .Google Scholar
  13. 12.
    So sagte Larkin in seiner Rede bei der Verleihung des Shakespeare-Preises der Stiftung F.V.S. in Hamburg: “A constant succession of new environments may be stimulating to a novelist — as to Somerset Maugham, for example, or your own prize-winner Graham Greene — because he is always seeking new characters and situations, but the poet is more likely to find them exhausting, for the essence of his gift is to re-create the familiar, and it is from the familiar that he draws his strength.” (TLS, Feb. 18, 1977).Google Scholar
  14. 13.
    TLS, March 11, 1977.Google Scholar
  15. 14.
    Der Titel spielt auf Antons Worte in Shakespeares Antony and Cleopatra an (III. 13.182–85): “Come, / Let’s have one other gaudy night: call to me / All my sad captains, fill our bowls once more; / Let’s mock the midnight bell.” Für Gunn waren diese ‘sad captains’ (‘sad hier auch in der alten Bedeutung „unerschütterlich“, „standfest“) die Männer, “who, I thought, lived only to / renew the wasteful force they / spent with each hot convulsion”. Formal ist das Gedicht ein Beispiel für das Experiment des silbenzählenden Metrums, zu dem Gunn durch amerikanische Vorbilder (wie Marianne Moore) angeregt wurde, für die es aber auch in der englischen Versgeschichte Beispiele gibt. Der gesamte zweite Teil des Bandes My Sad Captains ist in solchen ‘syllabics’ geschrieben. Die Verse haben eine feste Anzahl von 6 bis 9 Silben und im allgemeinen zwei Hauptakzente, die an jeder Stelle des Verses stehen können. Die ‘syllabics’ sind ein Versuch, in stärkerem Umfang Rhythmen der zeitgenössischen Umgangssprache zu nutzen, ohne jedoch vollständig auf die emotionale und musikalische Kraft der traditionellen Metren zu verzichten. Auffällig ist, daß Gunn am Ende der Verse mit Vorliebe unbetonte Wörter (wie ‘and’, ‘in’, ‘a’, ‘to’) verwendet, was eine eigenartige Musik ergibt. Würde man die Verse als Prosa lesen, ginge der charakteristische Rhythmus verloren. Zweifellos ist das Experiment in einigen Gedichten — neben “My Sad Captains” z. B. in “Considering the Snail” — nicht ohne Reiz, aber die meisten anderen der syllabischen Gedichte Gunns erscheinen eher als Fünffingerübungen und geben den Eindruck weniger einer neuen Musik als der Zerstückelung. Gunns eigenes Urteil weist in dieselbe Richtung: “Syllabics were really only a way of teaching myself to write free verse” (A. Bold, Thom Gunn and Ted Hughes, Edinburgh, 1976, S. 34). B k .• h d ABBId(CC 1•d 976) C Google Scholar
  16. 15.
    Cambridge Book of English Verse 1Y3Y––1Y/5, ea. A. Dola (Camoriuge, 1976), 2226. Google Scholar
  17. 16.
    Ebd., S. 225.Google Scholar
  18. 17.
    D. Timms, Philip Larkin (Edinburgh, 1973), S. 60–61.Google Scholar
  19. 18.
    Zur Bedeutung von Sartres Existentialismus für Gunn vgl. T. Eagleton, “Myth and History in Recent Poetry” in: British Poetry since 1960, ed. M. Schmidt and G. Lindop (Oxford, 1972), S. 236f.Google Scholar
  20. 19.
    Der Titel bezeichnet die Pubertätszeremonien, wie sie zuerst von A. van Gennep in Les Rites de Passage (Paris, 1909) beschrieben wurden. Vgl. K. K. Ruthven, Myth (London, 1976), S. 36.Google Scholar
  21. 20.
    Vgl. auch die Gedichtfolge “Tom-Dobbin” in Moly (S. 28–32), die im Untertitel ausdrücklich als “centaur poem” bezeichnet ist. d• f • A Google Scholar
  22. 21.
    Der Kleine Pauly III, S. 183–84. Gunn selbst hat tür die Hörner aut eine Anregung Ferlinghettis hingewiesen (Cambridge Book of English Verse 1939–1975, ed. A. Bold, Cambridge, 1976, S. 227), aber ihm mögen auch Metamorphosen wie der Actaeon-Mythos vor Augen gestanden haben. In ‘barklike’ klingen ohne Zweifel Ovidische Baumverwandlungen an. Ob wirklich eine Verwandlung erfolgt, hat Gunn offengelassen: “I’m very pleased with the way I’ve used myth here .. . the boy may be growing antlers really or he may be hallucinating them” (ebd.). Daß es sich um eine Drogenvision handelt, wird durch den Vers gestützt “My blood, it is like light”, wo das Blut zum Träger der durch die Droge herbeigeführten, durch ‘bright’ und ‘shine’ vorbereiteten Illumination wird.Google Scholar
  23. 22.
    „Der Mandelbaum gilt unter den Pflanzen . . . als erster Baum, der noch im Winter erwacht und bereits im Januar blüht, wobei Schneeflocken und Blüten dann kaum voneinander zu unterscheiden sind.” (Englische Literatur der Gegenwart 1971–1975, ed. R. Lengeler, Düsseldorf, 1977, S. 359–60).Google Scholar
  24. 23.
    Cambridge Book of English Verse 1939–1975, S. 227.Google Scholar
  25. 24.
    Der Begriff hat im Englischen einen weiteren Bedeutungsumfang und umfaßt audi die Völkerkunde.Google Scholar
  26. 25.
    Dem Vorwurf einer Verherrlichung der Gewalt ist Hughes mit der Erwiderung begegnet: “My poems are not about violence but vitality. Animals are not violent, they’re so much more completely controlled than men. So much more adapted to their environment.” (A. Bold, Thom Gunn and Ted Hughes, Edinburgh, 1976, S. 2).Google Scholar
  27. 26.
    Entsprechend fischt der Sprecher in “Pike” in der “legendary depth” des alten Klosterteichs und ihn packt bei einbrechender Dunkelheit ein Grauen, das sich bis zum Alpdrücken steigert, und in “To Paint a Water Lily” heißt es von dem Grund des Teiches “Prehistoric bedragonned times / Crawl that darkness with Latin names . ..”.Google Scholar
  28. 27.
    “Brutal as the stars of this month.” Als ‘brutal’ werden die Sterne „dieses Monats“, wohl des Februars, vermutlich deshalb bezeichnet, weil der Februar dem (mit Pluto identifizierten) Februus, dem etruskischen Gott der Unterwelt, geweiht gewesen zu sein scheint. (K. Sagar, The Art of Ted Hughes, Cambridge, 21978, S. 55).Google Scholar
  29. 28.
    ‘Wodwos’ sind halb tierische, halb menschliche Waldbewohner, mit denen in der mittelenglischen Romanze Sir Gawain and the Green Knight Gawain auf dem Weg zur Grünen Kapelle zu kämpfen hat. Nach Hughes’ eigener Beschreibung ist der Wodwo “some sort of satyr or half-man or half-animal, half all kinds of elemental little things, just a little larval being without shape or qualities who suddenly finds himself alive in this world at any time”. (K. Sagar, The Art of Ted Hughes, S. 98). Eben diese Zwischenstellung zwischen Mensch und Tier hat Hughes fasziniert, und er zeichnet in dem Wodwo ein Wesen, das sich seiner Umgebung und seiner selbst bewußt wird.Google Scholar
  30. 29.
    Aufschlußreich ist der Brief von Ted Hughes an Alan Bold (Thom Gunn and Ted Hughes, S. 117): “One of the starting points was that the Crow, as the bird of Bran, is the oldest and highest totem creature of Britain. Bran’s oracular head was buried in Tower Hill, saying that England could not fall while he stayed there, but Arthur — it is said — dug it up, because he wanted England to be defended by his strength alone. But the birds were kept. During the last war the ancient lineage of ravens at the Tower died out and new ones had to be brought in, and their wings clipped to keep them there. The crow was also Odin’s bird — therefore the totemic bird in chief of the Angles, Saxons, etc., and of the Norsemen. England pretends to the lion — but that is a late fake import. England’s autochthonous Totem is the Crow. Whatever colour of Englishman you scratch you come to soome cort nf Crnww.”Google Scholar
  31. 30.
    The Art of Ted Hughes, S. 114.Google Scholar
  32. 31.
    Cambridge Book of English Verse 1939–1975, S. 229.Google Scholar
  33. 32.
  34. 33.
    C. Bedient, Eight Contemporary Poets, S. 98.Google Scholar
  35. 34.
    Zuu vorstehendem Abschnitt vgl. Sagars The Art of Ted Hughes, besonders 18/ und 208f.Google Scholar
  36. 35.
    In Memoriam, Section 56.Google Scholar
  37. 36.
    Bedient, S. 95.Google Scholar
  38. 37.
    Literaturhinweise: Die moderne englische Lyrik: Interpretationen, ed. H. Oppel (Berlin, 1967); J. Press, A Map of Modern English Verse (London, 1969); Englische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen, ed. H. W. Drescher (Stuttgart, 1970); Moderne englische Lyrik Englisch und Deutsch, ausgewählt, kommentiert und herausgegeben von W. Erzgräber und U. Knoedgen (Stuttgart, 1976). — Zu Dank verpflichtet bin ich den Mitgliedern meines Oberseminars für Mitarbeit, Anregung und Kritik.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH Opladen 1980

Authors and Affiliations

  • Arno Esch
    • 1
  1. 1.BonnDeutschland

Personalised recommendations