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Religiöser Pluralismus und Klassenstruktur in Brasilien und Chile

  • Emilio Willems
Chapter
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Part of the Internationales Jahrbuch für Religionssoziologie / International Yearbook for the Sociology of Religion book series (IJS, volume 1)

Zusammenfassung

Die Bezeichnung der religiösen Struktur lateinamerikanischer Länder als „pluralistisch“ mag starkes Befremden hervorrufen. Falls die Anwendung dieses Begriffes überhaupt zu rechtfertigen ist, so deutet er auf radikalen Wandel hin, denn die religiöse Struktur Lateinamerikas, die hier als Kulturbestandteil im Sinne der Anthropologie verstanden wird, war nicht pluralistisch, sondern monolithisch. Zumindest war die religiöse Einheit das kulturelle Wunschbild, das den iberischen Eroberern vorschwebte, an das sie und ihre kreolischen Erben mit bemerkenswerter Zähigkeit glaubten und das eine der umfangreichsten und schwierigsten Konversionsbewegungen der abendländischen Geschichte ins Leben rief. In der Tat wurde der iberische Katholizismus, der seinen Anklang und seine Lebenskraft zum großen Teil aus dem Festhalten an mittelalterlichen Formen der Religiosität schöpfte, zu einem der wirksamsten allgemeinen Nenner in einer Welt kultureller Verschiedenheit, und nirgendwo in Lateinamerika, mit Ausnahme von einigen isolierten, zahlenmäßig unwichtigen Stammesgesellschaften, vermochte die Integrierung von oft zahlreichen Elementen autochthoner Religionen das Gleichgewicht des übernatürlichen Weltbildes zugunsten von nichtkatholischen Aspekten zu verschieben. Selbst die afrikanischen Gottheiten, die in einigen Teilen Lateinamerikas bis heute fortleben, erwarben die Identität katholischer Heiliger, und diese Doppelrolle erweiterte ihren Funktionsbereich und sicherte die kulturelle Kontinuierlichkeit mit der katholischen Welt.

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag Köln und Opladen 1965

Authors and Affiliations

  • Emilio Willems

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