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Homer-Probleme pp 144-173 | Cite as

Schlußfolgerungen und Ergänzungen

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Part of the Wissenschaftliche Abhandlungen der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen book series (WISSABHAGFO, volume 41)

Zusammenfassung

Das Bild von der Entstehung und Überlieferung der uns vorliegenden homerischen Epen läßt sich auf Grund der vorgelegten Betrachtungen etwa folgendermaßen beschreiben:
  • Im Laufe des 8. Jh. v. C. werden im Rahmen der damals noch blühenden mündlichen Epik zwei große Gedichte verfaßt, die sich durch ihre Komposition und ihren Umfang, durch die in ihnen vollzogene Akzentuierung, Anordnung und Interpretation des vom Mythos vorgegebenen Geschehens als unverwechselbare, individuelle Kunstwerke aus dem Strom der mündlich-epischen Tradition herausheben. Diese Gedichte sind in ihren wesentlichen Zügen, insbesondere auch in vielen Details der sprachlichen Formulierung, durch unsere Ilias und unsere Odyssee erhalten. Freilich dürfen wir angesichts der Modalitäten der frühesten Überlieferung dieser Gedichte nicht hoffen, überall den vollen, unveränderten Wortlaut der ersten mündlichen Komposition zu besitzen, sondern müssen in vielen Partien mit Umformulierungen, Zusätzen und Auslassungen, gelegentlich sogar mit der späteren Einfügung längerer Passagen rechnen1. Es sind aber Gedichte mündlicher Erfindung, von denen die uns vorliegenden beiden Epen ihre poetischen Qualitäten und auf weite Strecken auch ihre Diktion bezogen haben.

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Literatur

  1. 1.
    Kirks beachtenswerter Versuch, vier Entwicklungs- und Stilstufen der epischen Kunst klar zu scheiden und mit dem Übergang von der reativ-mündlichen zur rhapsodisch reproduzierten Dichtung in Beziehung zu setzen (Songs of Homer, 95ff.), ist wohl insofern etwas verfrüht, als die vordringlichste Aufgabe, die Gewinnung eindeutiger Kriterien zur Unterscheidung mündlicher und schriftlicher Erfindung in einem gegebenen Text, erst zum kleinsten Teil gelöst ist. - Zu den Besonderheiten der Odyssee s. u. S. 156.Google Scholar
  2. 2.
    Untersuchungen zur Odyssee, München 1951,138ff. Zum späten Datum des Arktinos vgl. Kirk, Songs of Homer, 69 und 286.Google Scholar
  3. 3.
    Siehe o. S. 117.Google Scholar
  4. 4.
    Die Kleine Ilias erzählte in ihrem letzten Teil, wie die Troer das Hölzerne Pferd in die Stadt holten, nachdem sie dafür eine Bresche in die Mauer gelegt hatten. Die im Bericht des Proklos an die Kleine Ilias anschließende Iliupersis begann mit der Beratung der Troer, ob sie das Pferd in die Stadt bringen oder verbrennen sollten.Google Scholar
  5. 5.
    Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums, München 21962, 26f.Google Scholar
  6. 6.
    Kakridis, Homeric Researches, 91 ff.Google Scholar
  7. 7.
    Von Homers Welt und Werk, Stuttgart 41966, 194ff.Google Scholar
  8. 8.
    Homerische Untersuchungen, Berlin 1884, 367.Google Scholar
  9. 9.
    Sprachliche Untersuchungen zu Homer, Göttingen 1916, 182ff.Google Scholar
  10. 10.
    D. L. Page, History and the Homeric Iliad, chap 4.Google Scholar
  11. 11.
    Zuerst Hes. Th. 223; Op. 200.Google Scholar
  12. 12.
    Ausführlich besprochen bei P. Mazon, Introduction ä Plliade, Paris 1948, 265, und G. S. Kirk, The Songs of Homer, 286Google Scholar
  13. 13.
    Guter Kommentar zu diesen bei Pausanias erhaltenen Inschriften bei P. Friedländer, Epigrammata no. 54. Die kyklische Version von der Entführung der Aithra nach Sparta (und dann nach Troja) ist auch in dieser Überlieferung behandelt (s. o. S. 29).Google Scholar
  14. 14.
    Ähnliche Beobachtungen kann man an den Resten der hesiodischen Katalogpoesie machen, deren spätes Datum K. Stiewe (Philol. 106, 1962, 291 ff. und 107, 1963, lff.). bestimmt hat. Fr. 37, 7 Merk./West ßouc; am Versanfang: Die sonst bekannten Zeugnisse des alten Epos kennen für den Akkusativ nur die Folge, und zwar meist am Versende. Ebd., 15 steht, das erst wieder in der hellenistischen Epik belegt ist, freilich ein altes Wort sein kann. Unter den zahlreichen mit gebildeten Formeln gibt es im gesamten Epos nur Fr. 70, 2 Merk./West. steht bei Homer nur zusammen mit (18).Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. die Sammlungen bei D. L. Page, The Odyssey, Oxford 1956, 104ff.Google Scholar
  16. 16.
    Page, Odyssey, 21 ff.Google Scholar
  17. 17.
    Es sei nur an U. Hölscher (Untersuchungen zur Form der Odyssee, Herrn. Einzelschr. 6, 1939), K. Reinhardt (Von Werken und Formen, Frankfurt 1948, 11 ff., 37ff., 52ff.) und A. Heubeck (Der Odyssee-Dichter und die Ilias, Erlangen 1954) erinnert.Google Scholar
  18. 18.
    P. Von der Mühll (R. E. Suppl. 7, 696ff.) und R. Merkelbach (Untersuchungen zur Odyssee, München 1951), denen entscheidende Fortschritte im Verständnis der Odyssee zu verdanken sind, haben sich vor dieser Gefahr nicht immer gehütet.Google Scholar
  19. 19.
    a.a.O., 201 f.Google Scholar
  20. 20.
    Odyssee und Argonautica, Berlin 1921.Google Scholar
  21. 21.
    a.a.O., 138ff.Google Scholar
  22. 22.
    a.a.O., 147 ff.Google Scholar
  23. 22a.
    Zu den chronologischen Indizien, die sich aus der Erwähnung Ägyptens im homerischen Epos ergeben, vgl. M. M. Austin, Greece and Egypt in the Archaic Age, Cambridge 1970, 11ff.Google Scholar
  24. 23.
    Anatolian Studies Presented to W. H. Buckler, Manchester 1939, 191 ff.Google Scholar
  25. 24.
    Zum Ganzen vgl. C. Roebuck, Ionian Trade and Colonization, New York 1959,119 ff.Google Scholar
  26. 24a.
    G. Huxley, The Early Ionians, London 1966, 64ff.Google Scholar
  27. 24b.
    J. Boardman, The Greeks Overseas, London 1964.Google Scholar
  28. 25.
    T. J. Dunbabin, The Western Greeks, Oxford 1948, 1ff.Google Scholar
  29. 26.
    Roebuck, a.a.O., 118.Google Scholar
  30. 27.
    Kinkel, p. 188.Google Scholar
  31. 28.
    Roebuck, a.a.O., 116ff.Google Scholar
  32. 29Archil.,fr. 79a Diehl.Google Scholar
  33. 30.
    Roebuck, 61 ff., 116ff., T. J. Dunbabin, The Greeks and their Eastern Neighbours, London 1957, 24ff.Google Scholar
  34. 31.
    Zu den chronologischen Indizien, die sich aus einer archäologischen Betrachtung der in Ilias und Odyssee erwähnten Realien ergeben, vgl. H. L. Lorimer, Homer and the Monuments, London 1950, 452ff.Google Scholar
  35. 32.
    So P. Von der Mühll, Mus. Helv. 16, 1959, 145.Google Scholar
  36. 33.
    Dazu U. Cozzoli, I Cimmeri, Roma 1968, 15ff. und 81 ff., mit weiterer Literatur.Google Scholar
  37. 34.
    Page, Odyssey, 138.Google Scholar
  38. 35.
    Page, 152fT. Den aus dem von M. Leumann (Homerische Wörter, Basel 1950) gesammelten Material entstehenden Eindruck, daß sich in der Odyssee häufiger Erscheinungen beobachten lassen, die nur als Folgen einer Entwicklung innerhalb des Wort- und Sprachgebrauchs der Epik zu erklären sind, läßt Page unberücksichtigt.Google Scholar
  39. 36.
    Pages These ist von Kirk im wesentlichen übernommen worden. Gegenargumente bei T. B. L. Webster, From Mycenae to Homer, 276ff., und M. van der Valk, L”ant. dass. 35, 1966, 46ff.Google Scholar
  40. 37.
    Page, Odyssey, 158.Google Scholar
  41. 38.
    Daß man aus Odysseus dem Bogenschützen am Ende der Odyssee und Odysseus dem Hopliten der Ilias keinen Gegensatz konstruieren sollte, bedarf keiner großen Erörterung. Keine Stelle der Odyssee, die von Odysseus’ Taten vor Troja redet, bezieht sich auf ihn als einen Bogenkämpfer. Bogenprobe und Freiermord mit dem Bogen bilden ein altes Motiv der Heimkehrerzählung, das mit der trojanischen Sage ursprünglich sicherlich nichts zu tun hat und das Auftreten eines „professionellen“ Bogenschützen voraussetzt. Aber der Dichter, der die Version vom Freiermord mit dem Bogen zuerst als Teil der troischen Sage episch gestaltete, braucht deshalb Odysseus, den Helden von Troja, nicht als Bogenkämpfer aufgefaßt oder zwischen dem Odysseus, wie er z. B. in der Ilias erscheint, und dem Meisterschützen des Freiermordes einen Widerspruch empfunden zu haben. Der Freiermord war ein einmaliges Ereignis, das durch die Bogenprobe motiviert wurde und den Helden, sofern man ihn mit dem Odysseus von Troja identifizierte, deshalb nicht schlechthin zum Bogenkämpfer machte. Nach dem Bericht der Dolonie nimmt Odysseus den Bogen mit auf den Spähergang, den er doch sonst in der Ilias nicht führt. Ob das eine Odyssee-Reminiszenz in diesem späten Stück der Ilias sein kann, bleibe dahingestellt. Es zeigt sich hier aber, daß im Rahmen iliadischer Epik ein Mann wie Odysseus einen derartigen, dem üblichen Bild des Achaierhelden fremden Zug bewahren oder erhalten kann, ohne daß er deshalb schon im Kreise seiner Standesgenossen zu einer unheroisch-exotischen oder altertümlichen Figur würde wie Paris unter den troischen Helden. Zum „vorhomerischen“ Bogenkämpfer Odysseus vgl. F. Dirlmeier, Sitz Ber. Heidelberg 1966, 2.Google Scholar
  42. 39.
    Patroklos, Basel 1943, 291 ff. und 391 f.Google Scholar
  43. 40.
    Quellen der Ilias, 193f.Google Scholar
  44. 41.
    Kullmann, a.a.O., 44f., mit weiterer Literatur.Google Scholar
  45. 42.
    Dazu die guten Beobachtungen von M. van der Valk, L’ant. dass. 35, 1966, 7.Google Scholar
  46. 44.
    e 98; I 676; K 248; Y 729, 778 bzw. A 466.Google Scholar
  47. 46.
    Daß die Geschichte von der Entdeckung Achills unter den Mädchen auf Skyros oder die Philoktet/Odysseus-Uberlieferung voriliadischer Entstehung sind, wird man kaum nachweisen können.Google Scholar
  48. 47.
    Dieser Vers der zweiten Nekyia bietet ein gutes sprachliches Indiz für die späte, schriftliche Entstehung der Partie.Google Scholar
  49. 48.
    History and the Homeric Iliad, 150 f.Google Scholar
  50. 49.
    Vgl. die guten Bemerkungen bei W. Schadewaldt, Von Homers Welt und Werk, Stuttgart 41966, 98 ff.Google Scholar
  51. 50a.
    Die beste Zusammenstellung der ,,Spätindizien“ immer noch bei R. Peppmüller, Commentar des 24. Buches der Ilias mit Einleitung, Berlin 1876, LXXXII. Andere Gesichtspunkte bei K. Matsumoto, Journ. Class. Stud. 7, 1959, 65, und G.Beck,Die Stellung des 24. Buches in der alten Epentradition, Diss. Tübingen 1964.Google Scholar
  52. 51.
    Der altertümliche Charakter des Ω zeigt sich auch darin, daß ihm die Vorstellung von selbstverschuldeten Leiden der Menschen ganz fremd ist. In Ω 527ff. heißt es ausdrücklich, daß Zeus den Menschen Gutes und Böses aus zwei großen Fässern zuteilt. Ob sie es sich durch ihr Handeln verdient haben, danach wird erst in der Odyssee gefragt. Die berühmten Verse 157 ff., in denen Agamemnon nach der Frevel tat des Pandaros die Vernichtung Trojas voraussagt, beziehen sich nicht auf ein Gesetz, nach dem die Götter jegliches Unrecht früher oder später bestrafen, sondern auf die Wirkung des Eides und der mit ihm verbundenen Selbst Verfluchung, der sich die Troer durch den Eidbruch ausgesetzt haben. Vgl. hierzu M. I. Finley, The World of Odysseus, New York 1959, 150 ff.Google Scholar
  53. 52.
    Vgl. H. Fränkel, Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums2, 82f.Google Scholar
  54. 53.
    Der vieldiskutierte Fragenkomplex, der das Verhältnis zwischen göttlichem und menschlichem Handeln im Epos betrifft, kann hier nicht umfassend erörtert werden, da es nur um einige in diesem Bereich sichtbar werdende Unterschiede zwischen Ilias und Odyssee geht. Eine Einführung in den Problemkreis gibt A. Lesky, Göttliche und menschliche Motivation im homerischen Epos, Heidelberg 1961.Google Scholar
  55. 53a.
    Zur neuen Konzeption einer Schuld oder Verantwortung Aigisths und der Freier in der Odyssee vgl. H. Hommel, Stud. Gen. 8, 1955, 237ff.Google Scholar
  56. 54.
    Zu diesem Fragenkomplex neuerdings J. Stallmach, Ate, Meisenheim 1968, mit reichen Literaturhinweisen, gehört etymologisch zwar nicht zu, entfaltet aber seine Bedeutung nach dem Zeugnis des homerischen Sprachgebrauchs in demselben Vorstellungsbereich. Daß eine Handlung auf die Einwirkung derzurückgeführt werden kann, befreit den Handelnden in keiner Weise von irgendwelchen Tatfolgen, wohl aber von einer moralischen Verantwortung, die mehr ist als bloße Haftung. Die in dieser Hinsicht zu beobachtenden Unterschiede zwischen Ilias und Odyssee spielen in Stallmachs Darstellung keine besondere Rolle.Google Scholar
  57. 55.
    Besonders wichtig ist die Interpretation der Phoinix-Rede bei H. Fränkel, Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums2, 69f. Vgl. ferner A. W. H. Adkins, Merit and Responsibility, Oxford 1960, 61 ff.Google Scholar
  58. 56.
    Wenn auch der ,,moderne“ Moralismus der Phoinix-Rede besser zum Welt- und Menschenbild der übrigen Ilias paßt als es zunächst den Anschein hat, sind doch die mit dem Auftreten des Phoinix gegebenen Anstöße innerhalb des Buches I kaum anders als analytisch zu erklären. Die Schwierigkeiten sind mit vorbildlicher Genauigkeit bezeichnet - freilich nicht definitiv gelöst - bei D. Page, History and the Homeric Iliad, Appendix.Google Scholar
  59. 57.
    Dieses ist auch ein Aspekt des Übergangs von der shame culture zur guilt culture, als den E. R. Dodds zutreffend die Geschichte der früharchaischen Zeit interpretiert hat (a.a.O., 28ff.). Der shame culture ist die von den Göttern inszenierte Kette der Begebenheiten zugeordnet, für deren Zustandekommen der Mensch keine Verantwortung trägt, in der er aber eine nach genau bestimmten Normen zu beurteilende Haltung zu bewahren hat.Google Scholar
  60. 58.
    Vgl. etwa H. Fränkel, Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums2, 94f.Google Scholar
  61. 59.
    Vgl. Marion Müller, Athena als göttliche Helferin in der Odyssee, Heidelberg 1966.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1970

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