Advertisement

Für eine Grammatik mit Augen und Ohren, Händen und Füßen — am Beispiel der Präpositionen

  • Harald Weinrich
Chapter
  • 50 Downloads
Part of the Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften book series (VG, volume 217)

Zusammenfassung

Die Geschichte der Grammatik kann — etwas vereinfacht, aber sicher nicht ganz unzutreffend — als eine nun schon über zwei Jahrtausende währende Auseinandersetzung zwischen Analogisten und Anomalisten dargestellt werden. Zu manchen Zeiten — in der Neuzeit gilt das etwa für die Aufklärung — finden die Analogisten mehr Gehör mit ihrer Auffassung, das Sprechen sei vor allem Ausdruck des Denkens und somit den analogiestiftenden Gesetzen der Vernunft unterworfen („ratio sive oratio“). Zu anderen Zeiten, beispielsweise in der Romantik, dringen eher die Anomalisten mit ihrer Meinung durch, in den verschiedenen Sprachen und Sprachepochen gehe es ziemlich willkürlich und gesetzlos zu, wie es dem Sprachgebrauch gerade gefällt („usus tyrannus“). Der historische Kompromiß zwischen beiden Positionen heißt: Regel. Denn die grammatische Regel, zu der immer die Ausnahmen gehören, enthält im Prinzip soviel Analogie wie rational möglich und soviel Anomalie wie empirisch nötig1.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Vgl. L. Lersch: Die Sprachphilosophie der Alten, dargestellt an dem Streite über Analogie und Anomalie der Sprache. Bonn 1838. Nachdruck in Ders.: Die Sprachphilosophie der Alten. Drei Teile in einem Band,Hildesheim 1971 (Documenta Semiotica, Series Ia). — F. H. Colson: The analogist and anomalist controversy. The Classical Quarterly 13 (1919), S. 24–36. — V. De Marco: La contesa analogia — anomalia. 1. Sesto Empirico. Rendiconti della Accademia di Archeologia, Lettere e Belle Arti di Napoli 32 (1957), S. 129–148. — H. Arens: Sprachwissenschaft. Der Gang ihrer Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart,Freiburg 1955, Taschenbuchausgabe in 2 Bdn., Frankfurt 1974 (Fischer Athenäum Taschenbücher 2077/2078, besonders Bd. I, S. 18ff.).Google Scholar
  2. 2.
    In der neueren Wissenschaftstheorie wird dieses Problem in besonders interessanter Weise von Thomas S. Kuhn aufgegriffen und als allgemeines Problem der Wissensdiaftsgeschichte behandelt. Der Begriff Analogie wird bei ihm vertreten durch die Begriffe Paradigma und normale Wissenschaft. Anomalien sind Störungen eines Paradigmas und der auf ihm beruhenden Normalforschung und können, wenn sie gehäuft auftreten bzw. wahrgenommen werden, zum Sturz des „herrschenden“ Paradigmas führen (The structure of scientific revolutions [1962], deutsch: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen,Frankfurt 1967, Suhrkamp Taschenbuch 1973).Google Scholar
  3. 3.
    Minimal: Zählung der bekannten Merkverse in zahlreichen Schulgrammatiken, z. B. Holm/Steinert: Mein Sprachbuch, Hannover 1953, S. 96, 107, 122. Maximal: K.-G. Schweisthal: Präpositionen in der maschinellen Sprachbearbeitung. Methoden der maschinellen Inhaltsanalyse und der Generierung von Präpositionalphrasen, insbesondere für reversible Maschinenübersetzung. Bonn 1971 (Schriftenreihe zur kommunikativen Grammatik, 1 ), S. 7.Google Scholar
  4. 5.
    Ein typisches Lernbuch für Präpositionen ist etwa: W. Schmitz: Der Gebrauch der deutschen Präpositionen. München 1964, 81974 (Deutsche Reihe für Ausländer). Vgl. für das Englische I. B. Heaton: Prepositions and adverbial particles. London 1965, 91975. — L. A. Hill: Prepositions and adverbial particles. An interim classification: semantic, structural, and graded. London 1968. — Für das Französische W. Gottschalk: Die französischen Präpositionen. München 1959, 71975. — A. Raasch: La préposition dans la phrase. Un guide pratique. Frankfurt 1968. Man beachte die hohen Auflagen!Google Scholar
  5. 9.
    Nicolas Beauzée: Grammaire générale ou exposition raisonnée des éléments nécessaires du langage, pour servir de fondement à l’étude de toutes les langues (1767), hg. von Barrie E. Bartlett, 2 Bde., Stuttgart-Bad Cannstatt, 1974 (Grammatica Universalis 8). Zur Präposition vgl. besonders Bd. I, S. 515ff.Google Scholar
  6. 11.
    L. Hjelmslev: La Catégorie des cas, Etude de grammaire générale,2 Bde., Aarhus 1935/ 1937, 2. Auflage in einem Band, München 1972 (Internationale Bibliothek für allgemeine Linguistik, 25). Dort schreibt Hjelmslev: „Il parait en effet que les prépositions constituent un système dont les dimensions sont les mêmes que le système casuel“ (S. 107). Die gleiche Problemlage für Kasus und Präpositionen ergibt sich auch aus seiner Kasus-Definition: „Est cas une catégorie qui exprime une relation entre deux objets” (S. 96).Google Scholar
  7. 12.
    R. Jakobson: Beitrag zur allgemeinen Kasuslehre. Gesamtbedeutungen der russischen Kasus (1936), in Ders.: Form und Sinn. Sprachwissenschaftliche Betrachtungen. München 1974 (Internationale Bibliothek für allgemeine Linguistik 13), S. 77–124. Jakobson ersetzt Hjelmslevs Begriff der Grundbedeutung durch den der „Gesamtbedeutung“ (S. 81).Google Scholar
  8. 13.
    V. Brendal: Théorie des prépositions. Introduction à une sémantique rationnelle (dänisch 1940), Kopenhagen 1950. — Vgl. Ders.: L’originalité des prépositions du français moderne, in Ders.: Essais de linguistiques générale, Kopenhagen 1943, S. 81–89.Google Scholar
  9. 18.
    B. Pottier: Systématique des éléments de relation. Etude de morphosyntaxe structurale romane. Paris 1962 (Bibliothèque française et romane, A2). — Vgl. Ders.: Espacio ytiempo en el sistema de las preposiciones. Boletin de Filologia de la Universidad de Chile 8 (1954/55), S. 347–354.Google Scholar
  10. 20.
    Zum Beispiel: Schulreform Nordrhein-Westfalen. Arbeitsmaterialien und Berichte. Heft 2 II: Curriculum Gymnasiale Oberstufe Deutsch,2. Ausgabe, Düsseldorf 1973, S. 35. Ich selber habe diese Darstellung nicht verschmäht, etwa in meinem Buch Sprache in Texten,Stuttgart 1976, S. 44. Eine hochkomplizierte Form des Kommunikationsmodells findet man bei E. Gülich/W. Raible: Überlegungen zu einer makrostrukturellen Textanalyse — J. Thurber, The Lover and his Lass,in: E. Gülich/K. Heger/W. Raible (Hg.): Linguistische Textanalyse,Hamburg 1974 (Papiere zur Textlinguistik, 8), S. 77.Google Scholar
  11. 21.
    Zum Übergang von einem monologischen zu einem dialogischen Kommunikationsmodell vgl. A. W. Siegmann/B. Pope (Hg.): Studies in dyadic communication. New York 1972.Google Scholar
  12. 22.
    Zum Problem der Leiblichkeit vgl. L. Landgrebe: „Die Funktionen der Leiblichkeit gehören zu den elementarsten transzendentalen Bedingungen, unter denen das,Subjekt` eine Welt hat, das heißt, in denen sich seine Welt konstituiert. Es ist die Konstitution der Welt, auf die bezogen es,lebt`: die Lebenswelt.“ (Der Streit um die philosophischen Grundlagen der Gesellschaftstheorie,Akademie-Veröffentlichung G 204, Opladen 1975, S. 36.) Von einem anderen Standpunkt, nämlich von einer sozialgeschichtlichen Institutionenlehre her, kommt Th. Luckmann zu einem ähnlichen Ergebnis, wenn er den menschlichen Leib als eine Grundstruktur der conditio humana auffaßt (On the rationality of institutions in modern life,Archives européennes de Sociologie 16, 1975, S. 3–15, hier S. 8).Google Scholar
  13. 24.
    Die neuere kommunikations-soziologische (leider noch kaum die linguistische) Forschung beginnt gerade, die klassischen Theoretiker der „Körpersprache“ und Physiognomik wiederzuentdecken. Kleine Bibliographie: Giovambattista Della Porta: De humana physiognomia libri IV. Ursellis 1601. — J. J. Engel: Ideen zu einer Mimik. Berlin 1802. — J. C. Lavater: Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe, in Ders.: Ausgewählte Schriften, 2 Bde., Zürich 1859. — H. Strehle: Analyse des Gebarens. Erforschung des Ausdrucks der Körperbewegung. Berlin 1935. — L. Klages: Ausdrucksbewegung und Gestaltungskraf t (1913). München 1968. — R. Scherer: Nichtverbale Kommunikation. Hamburg 1970. — Zur Physiognomik vgl. auch mein Buch Das Ingenium Don Quijotes. Ein Beitrag zur literarischen Charakterkunde, Münster 1956 (Forschungen zur romanischen Philologie, 1), besonders §§ 105–112. — Zur Körpersprache in der Kunst vgl. die Ausstellung und den Katalog Körpersprache, von G. Bussmann/Th. Kempas, Frankfurter Kunstverein und Haus am WaldseelBerlin, 1975.Google Scholar
  14. 25.
    Die bisherigen „interdisziplinären” Begegnungen zwischen der Anthropologie und der Linguistik betreffen mehr die Phonologie und die Semantik, nicht die Syntax. Vgl. C. Lévi-Strauss: Anthropologie structurale, Paris 1958, deutsch: Strukturale Anthropologie, Frankfurt 1967. — B. N. Colby: Ethnographic Semantics. A preliminary survey. Current Anthropology 7 (1966), S. 3–13.Google Scholar
  15. 26.
    N. Luhmann nennt solche Gruppen „einfache Sozialsysteme“; vgl. seinen Aufsatz Einfache Sozialsysteme, Zeitschrift für Soziologie 1 (1972), S. 51–65.Google Scholar
  16. 30.
    Zum Begriff der Neutralisierung von Oppositionen vgl. N. Trubetzkoy: Grundzüge der Phonologie,Göttingen 21958. Ferner die von A. Martinet initiierte Umfrage zur Anwendung des Begriffs der Neutralisierung auf die Morphologie und Syntax in dem Band II der Travaux de l’Institut de Linguistique,Paris 1957. — Zur Anwendung dieses Begriffes in der Syntax vgl. auch mein Buch Sprache in Texten,Stuttgart 1976, besonders S. 180ff.Google Scholar
  17. 32.
    Das hat Hennig Brinkmann bereits deutlich gesehen: „Das Modell für die Verwendung von vor und hinter ist der menschliche Körper, der uns sein Antlitz (und damit zugleich die,Vorderseite) zuwendet, aber seinen Rücken (und damit zugleich die ganze,Rückseite`) abkehrt. So ist vor der Vorderseite, hinter der Rückseite des Menschen zugeordnet (Die deutsche Sprache. Gestalt und Leistung,Düsseldorf 1962, 21971, S. 158).Google Scholar
  18. 38.
    Typisch etwa W. Jung unter ausdrücklichem Bezug auf die Präposition auf: „Die ältesten Präpositionen sind aus Ortsadverbien entstanden. Die ursprünglichen Wörter für Raumverhältnisse wurden früh für Zeitverhältnisse verwendet und schließlich auch in übertragenem Sinne gebraucht.“ (Grammatik der deutschen Sprache, Leipzig 1966, § 860.)Google Scholar
  19. 39.
    Henri Bergson: Essai sur les données immédiates de la conscience (1972), Paris 1970, Kap. II. — Mit dem Problem Zeit und Tempus in der Sprache beschäftige ich mich ausführlicher in meinem Buch Tempus — Besprochene und erzählte Welt,Stuttgart 31976.Google Scholar
  20. 40.
    Ein interessantes Detail in diesem Zusammenhang: Wir wissen, daß Rainer Maria Rilke einmal quer durch Paris gelaufen ist, um bei André Gide, der Grimms Deutsches Wörterbuch besaß, nachzuschlagen, welches deutsche Wort genau dem französischen Wort paume,Handteller` entspricht. (Nach H. E. Holthusen, Merkur 29, 1975, S. 1051.)Google Scholar
  21. 49.
    Vgl. Gottfried Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache, Berlin 1772, Zweites Naturgesetz. — H. Pleßner: Die Stufen des Organischen und der Mensch, Berlin 1928. — A. Gehlen: Der Mensch, seine Natur und seine Stellung im Kosmos, Berlin 1940. —Ders.: Die Technik in der Sichtweise der Anthropologie (1953), in Ders.: Anthropologische Forschung, Reinbek bei Hamburg 1961 (rde 138), S. 93–103. — Ders.: Urmensch und Spätkultur, Bonn 1956, 21964.Google Scholar
  22. 54.
    Ich verwende hier einen Ausdruck des bedeutenden, wenn auch höchst eigenwilligen Soziologen Eugen Rosenstock-Huessy: Die Sprache des Menschengeschlechts. Eine leibhaf tige Grammatik in vier Teilen. 2 Bde., Heidelberg 1963/64.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH Opladen 1976

Authors and Affiliations

  • Harald Weinrich

There are no affiliations available

Personalised recommendations