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Produktion und Destruktion: Günther Anders’ Theorie der industriellen Arbeit

  • Bodo von Greiff
Part of the LEVIATHAN Zeitschrift für Sozialwissenschaft book series (LSOND, volume 11)

Zusammenfassung

In Meyers Lexikon aus dem Jahr 1924 findet man unter dem Stichwort „Arbeit“ eine aufschlußreiche Schilderung zur Sozialgeschichte der industriellen Arbeit, bestehend aus vier Teilen: Erstens, die Geschichte der menschlichen Arbeit ist die Geschichte ihrer Unterdrückung. Zweitens, die Utopie der freien Arbeit hat sich in die Kunst, die Wissenschaft und in die Landwirtschaft geflüchtet. Drittens, die Arbeitsteilung im modernen Großbetrieb ruft starke Unlustgefühle hervor. Und viertens, die Mechanismen der Lohnsteigerung, der Arbeitszeitverkürzung und gewisse Momente von Selbständigkeit sind nur eine Kompensation für die weiter zunehmende Arbeitsbelastung. In dem Lexikon heißt es:

„Erst langsam hat sich die Menschheit an regelmäßige und gleichmäßige Arbeit gewöhnt; diese ist auch heute noch bei den primitiven Völkern schwer zu erreichen.

Ein Mittel, die Menschen an sie zu gewöhnen, war jahrtausendelang die Sklaverei. Da der Sklave aber nur aus Furcht vor Strafe arbeitet und erhöhte Anstrengung ihm keinen Lohn einbringt, ist solche Arbeit wenig ertragreich. Andere Mittel sind Erhöhung der Arbeitsfreude und Weckung der Anteilnahme ... durch Selbständigkeit und Beteiligung am Ertrag der eigenen Arbeit, wie bei der freien Erwerbsarbeit.

In der modernen Volkswirtschaft ist die Steigerung Fier Arbeitsfreude in enge Grenzen gebunden, da wenigstens der Großbetrieb nur Teilprozesse kennt. Außerdem ruft die Art mancher Arbeit starke Unlustgefühle hervor... Höherer materieller Erfolg in Form von Gewinn, Gehalt und Lohn muß hier ausgleichend wirken. Dagegen gewährt die Arbeit dem Landmann in der freien Natur sowie dem freischaffenden Künstler und Gelehrten an sich Lust.“

Zusammenfassend: „In der modernen Kultur nimmt offensichtlich die Menge der Unlust erregenden Umstände zu, die man durch besondere Löhnungsmethoden, Arbeitszeitverkürzung, Stellenwechsel und andere Mittel zu beheben sucht.“1

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Literatur

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  • Bodo von Greiff

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