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Eine Verallgemeinerung der Griceschen Theorie der Implikaturen

  • Eckard Rolf

Zusammenfassung

Mit Bezug auf den Zweck eines Gesprächs stellt Grice fest: „Ich habe meine Maximen hier so formuliert, als bestünde dieser Zweck in maximal effektivem Informationsaustausch; diese Kennzeichnung ist natürlich zu eng, und das System gehört verallgemeinert, um so allgemeinen Zwecken wie der Beeinflussung oder Steuerung des Handelns anderer Rechnung zu tragen.“ (Grice 1979d, 250) Grice geht also davon aus, daß das von ihm aufgestellte System der Konversationsmaximen verallgemeinerungsbedürftig ist. Für Überlegungen, wie das geschehen könnte, dürften die vorangegangenen Erörterungen des bei Habermas diskutierten Zusammenhangs der Geltungsansprüche vergleichsweise hilfreich sein — zum einen wegen der sich darin manifestierenden sprechakttheoretischen Ausrichtung, zum anderen wegen der Orientierungshilfen, die sich hinsichtlich der Ermittlung dessen ergeben, was bei Grice eigentlich thematisiert ist.

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Literatur

  1. 1.
    Das Wort nicht kommt natürlich nicht nur in einem Satz-oder Propositions-bezogenen Sinn vor. Es gibt nicht nur schwache (kontradiktorische bzw. sententiale) Negationen, es gibt auch starke (konträre bzw. Konstituenten-bezogene) Negationen: Es gibt, kurz gesagt, nicht nur Prädikats-Verneinungen, sondern auch Term-Negationen (vgl. Horn 1989, 16f.).Google Scholar
  2. 2.
    Zur Diskussion der Möglichkeiten und Probleme einer konversationellen Analyse dieses (zweigliedrigen) Ausdrucks siehe Grice (1989, 58ff.), Appiah (1985, 176ff.), Strawson (1986) und Adams (1992).Google Scholar
  3. 4.
    Die in der Aussagenlogik definierte Wahrheitsfunktion hat sich als einziges Bedeutungsmerkmal des natursprachlichen Satzverknüpfers ‘und’ herausgestellt“ (Posner 1979, 375).Google Scholar
  4. 5.
    Daß der explizite Gehalt eines (geäußerten) Satzes, dessen Komplexität sich aus dem Vorkommen des Satz-verknüpfenden und ergibt, angereichert werden muß, wird auch auf seiten der Relevanztheoretikerinnen angenommen (vgl. Wilson/Sperber 198611991b, 592); es ist lediglich die Kategorisierung der dabei in Frage stehenden pragmatisch determinierten Bedeutungsaspekte, die anders ausfällt als bei den Griceanem. Hinsichtlich dieser pragmatisch determinierten Bedeutungsaspekte wird von seiten der Relevanztheoretikerinnem angenommen, daß sie zum Gehalt der ausgedrückten Proposition gehören und keine Implikaturen sind (s. ebd.).Google Scholar
  5. 6.
    Das bemerkt z. B. auch Green, went sie feststellt, “that speakers value the maxim of quality much more highly than the other maxims - violating it amounts to a moral offense, whereas violating the others is at worst inconsiderate or rude.” (Green 1989, 89)Google Scholar
  6. 7.
    Explizit ausgedrückt findet sich die entsprechende Auffassung in einem von Levinson angef ihrten Beispiel, in welchem von den beiden Propositionen q und p die Rede ist, wobei von der Proposition q gesagt wird, sie sei “informativer als p” (Levinson 1983/1990, 137).Google Scholar
  7. 8.
    The symmetrical inference between the southwest and southeast corners of the Square is […] valid, not as a logical or semantic principle, but as a context-dependent, generalized conversational implicature.“ (Horn 1989, 212)Google Scholar
  8. 9.
    Weitere Beispiele ’’irr die Ausbeutung von Maximen finden sich vor allem bei Levinson (1983, 109ff./ 1990, 111ff.) und Green (1989, 97ff).Google Scholar
  9. 10.
    In bezug auf Sätze wie ‘Krieg ist Krieg’ sprechen Ward/Hirschberg (1991, 510) von “Equatives”, Sitze wie (i) bezeichnen sie als “Disjunctions”, Sitze wie (ii) nennen sie “Conditionals”.Google Scholar
  10. 11.
    Diese Annahme wird offenbar nicht überall geteilt. Sie wird von Wierzbicka in Frage gestellt, die (mit Bezug auf Boys are boys) sagt: “I dispute the validity of this statement, which reflects a mistaken belief that the sentence under discussion is factual. It is clearly not: it expresses a certain attitude, and attitudes can hardly be called ‘true’ or ’false’. Roughly speaking, it is a call for tolerance, an injunction; and it is no more ‘true’ than the Ten Commandments, or than maxims like Time is money or The early bird gets the worm.’ (Wierzbicka 1987, 99) Dazu wire - unter anderem - zu bemerken, daß aus dem Umstand, das die fraglichen Äußerungen, funktional betrachtet, so etwas wie Toleranzforderungen sind, nicht geschlossen werden kann, daß die zugrundeliegenden Sätze nicht wahr wären.- Ein ganz anderes Problem sehen Hugly/Sayward (1979, 22) mit tautologischen Außerungen verknüpft: Sie behaupten, solche Außerungen seien - in dem von Grice anvisierten Sinn - nicht ’kalkulierbar’.Google Scholar
  11. 13.
    Um Phänomene dieser Art handelt es sich, obschon auf den assertiven Sprachgebrauch beschränkt, auch bei Grice. Das jedenfalls betonen Bach/Harnish (1979, 170), die sagen: “All of Grice’s examples, we might add, are clear cases of indirect constatives.”Google Scholar
  12. 15.
    Eine entsprechende Annahme findet sich übrigens schon bei Wright (1979, 391), der aufzeigt, “ daß ‘Bedeutung.’ auf Glückensbedingungen für Kommunikationsakte basiert”, und dann sagt: “Wenn die Bestimmung konversationaler Implikaturen voraussetzt, dal) wir wissen, wann eine AuBerung angemessen ist und wann nicht, so benötigen wir zu dieser Bestimmung diese Sorte von Bedingungen.”Google Scholar
  13. 16.
    Bei Vanderveken (1990, 193) wird die hier angesprochene Differenz übrigens nicht mehr als Differenz im sogenannten Stirkegrad des illokutionâren Witzes behandelt, sondern in der Dimension des ‘mode of achievement’ angesiedelt.Google Scholar
  14. 17.
    Unlike a request, which has a rather polite mode of achievement of the directive point (and can for that reason be granted or refused by the hearer), an act of telling someone to do something is more peremptory. It can only be obeyed or disobeyed.“ (Vanderveken 1990, 193)Google Scholar
  15. 18.
    Zur ‘Geschichte’ der Thematisierung der Höflichkeit unter Berücksichtigung der ’Konversationsmaximen-Perspektive’ siehe Fraser (1990, 222ff.).Google Scholar
  16. 19.
    In ähnlicher Weise sind vielleicht rhetorische Fragen aufzufassen. Diese Ansicht jedenfalls wird, unter Bezugnahme auf die Aufrichtigkeitsbedingung von Fragen, von Levinson (1983, 110/1990, 113) und Grewendorf/Hamm/Sternefeld vertreten, die sagen: “Erweitert man die Konversationsmaximen etwas, fordert man etwa von Fragen, daß sie ernsthaft gestellt werden (man fragt nichts, was man schon weiß), so bilden rhetorische Fragen weitere Verstöße gegen die Maximen der Qualität.” (Grewendorf/Hamm/Stemefeld 1987, 407) Daß, um rhetorische Fragen auf diese Weise erfassen zu können, auch der (Gricesche) Maximenkatalogs erweitert werden muß, scheint dabei noch nicht (konsequent) bedacht zu werden. Denn die erste Maxime der Qualität fur direktive Sprechakte müßte es schon sein, die hier ins Spiel zu bringen wäre: Die in einer rhetorischen Frage formal enthaltene Aufforderung zu antworten, braucht nicht befolgt zu werden; der Frageinhalt kann als bereits feststehend betrachtet werden.Google Scholar
  17. 20.
    Levinson (1987, 76) sagt mit Bezug auf dieses Prinzip (= SW R): “it is most doubtful that a single principle like SW R can hope to cover the range of both the I- an Q-inferences, their clash and their resolution.” Auch wenn es lediglich Zweifel sind, die Levinson hier ausspricht - es ist anzunehmen, daß sie berechtigt sind, wenn die folgende, sich auf die vermeintliche Mehrdeutigkeit des Ausdrucks ‘express the proposition’ bei Sperber/Wilson beziehende Annahme zutreffend sein sollte: “I expect their is a deep equivocation in the SW proposals here, and it is only this equivocation that makes it possible for their SW R to apparently cover both our I- and Q-principles” (ebd., 77).Google Scholar
  18. 21.
    Ein Ökonomie-Prinzip ist das Sperber/Wilsonsche Relevanzprinzip zwar auch; vergleichsweise große (oder größtmögliche) kontextuelle Effekte bei vergleichsweise geringem (oder geringstmöglichem) Aufwand fur relevant erklärend (vgl. Sperber/Wilson 1986, 123ff.), ist dieses Prinzip, wenn auch nur mit der Ökonomie der Verarbeitung dargebotener Inhalte auf seiten des Adressaten befaßt, offenbar selbst (so etwas wie) eine Quantitätsmaxime. Das jedenfalls meint Levinson, der sagt: “indeed in effect it is a maxim of Quantity, purportedly balancing maximum information (Grice’s Quantity1, our Q-principle) against processing effort (which will partially achieve the constraints in Grice’s Quantity2, our I-principle). ” (Levinson 1987, 76 )Google Scholar
  19. 23.
    Sie führen z. B. die folgende Gesprächssequenz an: (a) Peter: What does the election pamphlet say? (b) Mary: We’ll all be rich and happy if we vote for them. Daß, was Mary auf Peters Frage hin sagt, die Wiedergabe eines Inhalts aus der Wahlbroschüre ist und mit ihrer eigenen Meinung keineswegs übereinzustimmen braucht, dürfte klar sein. Eine Feststellung wie die folgende wird deshalb nur mit Befremden zur Kenntnis genommen werden können: “In a framework with a maxim of truthfulness, in saying ([…]b), Mary must be understood as expressing a belief that we will all be rich and happy if we vote for that particular party.” (Wilson/Sperber 1986/1991b, 592)Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Eckard Rolf

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