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Theorien des Diskurses

  • Rainer Diaz-Bone
Part of the Forschung Soziologie book series (FS, volume 164)

Zusammenfassung

Es ist notwendig, die verschiedenen Ansätze, die heute das theoretische Feld der Diskurstheorie und Diskursanalyse französischer Provenienz kennzeichnen, vorzustellen, ihre Beiträge zu versammeln und auf das Untersuchungsinteresse hin zu systematisieren.57 Insbesondere mit den Arbeiten Michel Foucaults ist die Diskurstheorie als soziologische Theorie aufgegriffen worden und wird heute zum Kanon des etablierten soziologischen Theorienbestands hinzugerechnet. Spätestens mit Foucaults Bestimmung des Konzepts von Diskurs löst sich dieses aus seiner ursprünglichen disziplinären Verortung innerhalb der Sprachwissenschaft, insbesondere der Linguistik. Diskurse sind damit nicht mehr einfach Sprachstrukturen, die die grammatikalische Ordnung oberhalb der Satzebene darstellen und Diskursanalyse bezeichnet damit nicht mehr die formale Analyse der Textstruktur. Diskurse sind vielmehr als Formen von strukturierter und strukturierender Praxis bestimmt, so dass der Begriff der diskursiven Praxis an die Stelle des Begriffs Diskurs tritt. Diskursanalyse schließt dann auf die den Texten unterliegende Praxis der Wissenskonstruktion und sucht die Ordnung des Wissens und dessen Entstehung zu rekonstruieren. Mit dieser Öffnung des Diskurskonzeptes geht die Entstehung einer Zwischendisziplin „Diskurstheorie“ einher, die sich verorten lässt zwischen Soziolinguistik und Bereichen der Soziologie (etwa der Wissenssoziologie, den sogenannten Cultural Studies, der Geschlechtersoziologie, der Mediensoziologie), aber auch der Geschichtswissenschaft, Wissenschaftsgeschichte u. a.

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Literatur

  1. 57.
    Solche Systematisierungsversuche sind erst in letzter Zeit unternommen worden, siehe Jäger (1995), Williams (1999) sowie die Beiträge in Keller u. a. (Hg.) (2001).Google Scholar
  2. 58.
    Theorien, die einen schwachen Diskursbegriff verwenden, wie die Theorie von John Fiske (1994), werden damit nicht aufgegriffen.Google Scholar
  3. 60.
    Später wird Lévi-Strauss die erste Grundopposition als einen Gegensatz mit “vor allem methodologischem Wert” bezeichnen (1973a:284, Anm.).Google Scholar
  4. 61.
    Vgl. die vierbändige Mythologica (Lévi-Strauss 1971, Lévi-Strauss 1972, Lévi-Strauss 1973, Lévi-Strauss 1975). Dazu auch Lévi-Strauss (1973b).Google Scholar
  5. 62.
    Für die Unterscheidung von Sequenzen und Schemata siehe (Levi-Strauss 1975a). Es können verschiedene Schemata für verschiedene Wissensbereiche im Mythos enthalten sein. Die Schemata werden durch Schemata höherer Ordnung integriert. Ein Beispiel für die Analyse solch eines Systems von Schemata unterschiedlicher Ordnung ist die Mythenanalyse der nordamerikanischen “Geschichte vom Asdiwal” der Tsimshian-Indianer, in der Lévi-Strauss das schematisch strukturierte Wissen über den geographischen Raum, die Sozialstruktur, das technisch-ökonomische und das kosmologische Wissen integriert findet (Lévi-Strauss 1975a).Google Scholar
  6. 63.
    Die Anwendungen außerhalb des Bereichs der Ethnologie sind aber fragmentarisch geblieben. Eine (skizzenhafte) Anwendung auf das “moderne” Oppositionssystem zwischen der englischen und der französischen Küche findet sich in Lévi-Strauss (1967c).Google Scholar
  7. 64.
    “Wenn, wie wir meinen, die unbewußte Tätigkeit des Geistes darin besteht, einem Inhalt Formen aufzuzwingen, und wenn diese Formen im Grunde für alle Geister, die alten und die modernen, die primitiven und die zivilisierten dieselben sind […], ist es notwendig und ausreichend, die unbewußte Struktur, die jeder Institution und jedem Brauch zugrunde liegt, zu finden, um ein Interpretationsprinzip zu bekommen, das für andere Institutionen und andere Bräuche gültig ist, vorausgesetzt, daß man die Analyse weit genug treibt.” (Lévi-Strauss 1967d:35). Vgl. auch Lévi-Strauss/Eribon (1989:288). Lévi-Strauss hat seine theretische Position als einen Kantianismus ohne transzendentales Subjekt bezeichnet (Lévi-Strauss 1973c:117).Google Scholar
  8. 65.
    So eröffnet Lévi-Strauss in ‘Das wilde Denken“ nicht nur die Möglichkeit der Übertragbarkeit der strukturalistischen Analyse auf die Moderne, sondern auch einen Zeichenbegriff, der prinzipiell jedwedes Material als semiotisierbar annimmt (Lévi-Strauss 1973a:35). Für die zwar kritische Adaption der lévi-straussschen Analyse siehe Bourdieu (1976) und dessen Anerkennung Lévi-Strauss/Eribon (1989).Google Scholar
  9. 66.
    Eribon weist daraufhin, dass Foucault sich lange als Schüler Dumézils verstanden hat und dass dessen Einfluss auf Foucaults Denken wohl nicht hinter dem von Canguilhem oder Lévi-Strauss zurücksteht (Eribon 1998:146). Für — auch neuere — Einschätzungen der Bedeutung der Arbeiten Dumézils für den französischen Strukturalismus siehe Dosse (1996:62ff/227f), Seitter (1993), Seitter (1997:125) und für die Bedeutung der foucaultschen Theorie im französischen Kontext insgesamt Eribon (1991) und Eribon (1998).Google Scholar
  10. 67.
    Foucault beruft sich in seinem frühen Konzept von Struktur auf Georges Dumézil, nicht dagegen auf Lévi-Strauss. Auf die Frage, wie der Religionshistoriker Dumézil seine Arbeit beeinflussen konnte, antwortet Foucault in Le Monde vom 22.7.61: “Durch seine Idee der Struktur. Ähnlich wie Dumézil für die Mythen habe ich versucht, strukturierende Erfahrungsformen zu entdecken, deren Schema sich modifiziert auf verschiedenen Ebenen wiederfmdet.” (Foucault zitiert nach Eribon 1998:151; vgl. auch Dosse (1996:228). Über den Einfluss Dumézils auf Lévi-Strauss gibt das Gespräch zwischen mit Eribon Auskunft (Lévi-Strauss/Eribon 1989:1900.Google Scholar
  11. 68.
    “Aber zwischen diesen beiden so weit auseinanderliegenden Gebieten herrscht ein Gebiet, das, obwohl es eher eine Zwischenrolle hat, nichtsdestoweniger fundamental ist. Es ist konfuser, dunkler und wahrscheinlich schwieriger zu analysieren. Dort läßt eine Zivilisation, indem sie sich unmerklich von den empirischen Ordnungen abhebt, die ihr von ihren primären Codes vorgeschrieben sind, und indem sie eine erste Distanz in Beziehung zu ihnen herstellt, sie ihre ursprüngliche Transparenz verlieren, hört auf, sich von ihnen passiv durchqueren zu lassen, ergreift ihre unmittelbaren und unsichtbaren Kräfte, befreit sich genug, um festzustellen, daß diese Ordnungen vielleicht nicht die einzig möglichen oder die besten sind. Infolgedessen findet sie sich vor der rohen Tatsache, daß es unterhalb ihrer spontanen Ordnungen Dinge gibt, die in sich selbst geordnet werden können, die zu einer gewissen stummen Ordnung gehören, kurz: daß es Ordnung gibt.” (Foucault 1971:23, Herv. i. Orig.)Google Scholar
  12. 69.
    Die Methodologie wird aber nicht soweit ausgearbeitet, dass die Entwicklung eines Regelwerks konkreter Techniken erreicht wird. Vgl. Maingueneau (1994:190). “[…] ich möchte an präzisen Beispielen zeigen, daß man bei der Analyse der Diskurse selbst die offensichtlich sehr starke Umklammerung der Wörter und der Dinge sich lockern und eine Gesamtheit von der diskursiven Praxis eigenen Regeln sich ablösen sieht. Diese Regeln definieren keineswegs die stumme Existenz einer Realität, keinesfalls den kanonischen Gebrauch eines Wortschatzes, sondern die Beherrschung der Gegenstände. […] Eine Aufgabe, die darin besteht, nicht — nicht mehr — die Diskurse als Gesamtheiten von Zeichen (von bedeutungstragenden Elementen, die auf Inhalte oder Repräsentationen verweisen), sondern als Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen. Zwar bestehen diese Diskurse aus Zeichen; aber sie benutzen diese Zeichen für mehr als nur zur Bezeichnung der Sachen. Dieses mehr macht sie irreduzibel auf das Sprechen und die Sprache. Dieses mehr muß man ans Licht bringen und beschreiben.” (Foucault 1973:74, Herv. i. Orig.)Google Scholar
  13. 70.
    Foucault hat auch andere, potentiell sinntragende Materialien im Sinn gehabt. Graphiken, statistische Tabellen, Zahlen oder visuelle Zeichen (Icons) können durchaus den Status einer Aussage erhalten (Foucault 1973:120).Google Scholar
  14. 71.
    Foucault gibt den genaueren “Ort” dieser Regeln mit der “Grenze des Diskurses” an (Foucault 1973:70). Damit soll erreicht werden, dass den Formationsregeln kein “metaphysischer” Status zugesprochen wird.Google Scholar
  15. 72.
    “Schließlich kann jetzt präzisiert werden, was man ‘diskursive Praxis’ nennt. Man kann sie nicht mit dem expressiven Tun verwechseln, durch das ein Individuum eine Idee, ein Verlangen, ein Bild formuliert, noch mit der rationalen Aktivität, die in einem System von Schlußfolgerungen verwandt wird; noch mit der ’Kompetenz’ eines sprechenden Subjekts, wenn es grammatische Sätze bildet. Sie ist eine Gesamtheit von anonymen, historischen, stets im Raum und in der Zeit determinierten Regeln, die in einer gegebenen Epoche und für eine gegebene soziale, ökonomische, geographische oder sprachliche Umgebung die Wirkungsbedingungen der Aussagefunktion defmiert haben.” (Foucault 1973:171)Google Scholar
  16. 73.
    Mit den hier anschließenden foucaultschen Überlegungen eröffnet sich das Themenfeld der foucaultschen Machtanalyse und entsteht das Begriffsdoppel Macht-Wissen (PlumpelKammler 1980).Google Scholar
  17. 74.
    Foucaults Beispiel für einen nicht-paradigmatischen Fall ist der Mönch Mendel, der die Grundzüge der Vererbungslehre entdeckt hatte, sich aber in der Botanik seiner Zeit keine Geltung verschaffen konnte und ausgeschlossen wurde. Er benutzte Methoden und Theorien, die nicht mit dem geltenden Paradigma in Einklang zu bringen waren (Foucault 1991:25).Google Scholar
  18. 75.
    Das Modell ist in Anlehnung an Kammler (1986) entwickelt worden; vgl. auch Diaz-Bone (1999).Google Scholar
  19. 76.
    Foucault unterscheidet vier Arten von Technologien: 1. Technologien der Produktion und Manipulation von Dingen, 2. Technologien von Zeichensystemen zur Produktion und der Handhabung von Sinn, 3. Technologien der Macht zur Subjektivierung im Sinne einer Unterwerfung anderer, 4. Technologien des Selbst zur Selbstbemächtigung und Selbstkonstituierung. Letztere sind Technologien, “die es dem Einzelnen ermöglichen, aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, daß er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt.” (Foucault 1993a:26)Google Scholar
  20. 77.
    Das Regierungswissen der Moderne entwickelt sich dann weiter zum Regulierungs-und Managementwissen komplexer Gesellschaften und ihrer Bevölkerungen. Die Bio-Macht ist das institutionell getragene moderne Regierungswissen, daß die Bevölkerung als lebende Ressource zu regulieren sucht.Google Scholar
  21. 78.
    Seiner Arbeit sind Themenschwerpunkte verschiedener linguistischer Zeitschriften wie Mots und Langages gewidmet, sie ist integraler Bestandteil und Bezugspunkt der französischen Diskursanalyse insgesamt (Macdonell 1986:43ff, Helsloot/Hak 1995:3, Williams 1999). Es existieren verschiedene Monographien über die Arbeit Pêcheuxs wie die von Hak/Helsloot (Hg.) (1995). Dort findet sich auch die einschlägige französische Literatur. Seine Diskurstheorie ist mit derjenigen Foucaults, und der Ideologietheorie Althussers in den Cultural Studies rezipiert worden (Morley 1980).Google Scholar
  22. 79.
    Zu den frühen Arbeiten Pêcheuxs zu den epistemologischen Grundlagen siehe die Hinweise zu den Artikeln unter dem Pseudonym Thomas Herbert in Henry (1995).Google Scholar
  23. 80.
    Pêcheux formuliert das Bedeutungsproblem als das Problem eines angemessenen Konzepts des Lesens von Texten. Die Methode muss das Bedeutungsproblem als das Problem des (methodischen) “Lesens” von Texten in einer reflektierten Weise aufnehmen: “We must assume the existence of an explicit or implicit consensus between the coders as to the modalities of their reading; in other words, the text can only be analyzed within a shared system of values which has a meaning for the coders and which constitutes their mode of reading This method imposes the relationship between expression and means of expression on the text, and it therefore also imposes its effect, namely an overlap between the theoretical function of the analyst and the practical function of the speaker […] The ultimate danger is therefore that the results of the analysis will reproduce the reading-grid that made it possible […].” (Pêcheux 1995a:67) Dennoch sieht Pêcheux bestimmte Formen der Inhaltsanalyse als verwendbar an. So sieht er die Co-Occurence-Analyse als einsetzbar an für Zwecke der vorgängigen statistischen Analyse zur Hypothesengenerierung (Pêcheux 1995b:146).Google Scholar
  24. 81.
    Pêcheux verwendet nun eine Definition des diskursiven Prozesses, die degenigen der diskursiven Formation bei Foucault sehr nahe kommt. “We can state that process of enunciation consist of a series of successive determinations which gradually constitute an utterance, and which are characterized by their ability to posit what is said and to reject what is not said. The enunciation therefore establishes boundaries between what is ‘selected’ and gradually specified (the elements which constitute ’the universe of discourse’) and what is rejected.” (Pêcheux 1995b:137)Google Scholar
  25. 82.
    Pêcheux thematisiert dieses individuelle Verstehen als “Enkodierung” und “Dekodierung” (Pêcheux 1995a:92ff).Google Scholar
  26. 83.
    Einen Abriss der verschiedenen Phasen der Entwicklung der pêcheuxschen Diskurstheorie findet sich in Pêcheux (1995c).Google Scholar
  27. 84.
    Pêcheux setzt die einzelnen ideologischen Felder (die ideologischen Staatsapparate) mit den foucaultschen diskursiven Formationen (mehr oder weniger) gleich: diskursive Formationen repräsentieren in sprachlicher Form die ideologischen Formationen mit denen sie which signifies that they find their meaning by reference to those positions. i. e., by reference to the ideological formation […] in which those positions are inscribed. Henceforth I shall call a discursive formation that which in a given ideological formation, i. e., from a given conjuncture determined by the state of the class struggle, determines ’what can and should be said (articulated in the form of a speech, a sermon, a pamphlet, a report, a program, etc.)’ […].“ (Pêcheux 1982:111; Herv. i. Orig.) korrespondierten (Pêcheux 1982:112). Ideologische Formationen können demnach aus einer oder mehreren diskursiven Formation bestehen.Google Scholar
  28. 85.
    Entsprechend fasst Pêcheux (1983b) den Bereich der Ideologie als einen paradoxen Raum auf. Einen an Pêcheux orientierten Interdiskursbegriff verwendet Jürgen Link, der den Interdiskurs von den (wissenschaftlichen) Spezialdiskursen unterscheidet. Der Interdiskurs ist bei Link der massenmediale Wissensbereich, in dem die Kollektivsymbole als Sinn-Bilder das Wissen organisieren (Link 1986, Link 1988). Let me develop this: I propose to call this ‘complex whole in dominance’ of discursive formations ’interdiscourse’ […] Given this, I shall say that it is proper to every discursive formation to conceal, in the transparency of the meaning formed in it, the contradictory material objectivity of interdiscourse, determining that discursive formation as such, a material objectivity that resides in the fact that ’it speaks’ (’ça parley always ’before, elsewhere and independently’ […].“ (Pêcheux 1982:113; Herv. i. Orig.)Google Scholar
  29. 86.
    “Die wesentliche Bedingung der Produktion und Interpretation einer sprachlichen Sequenz liegt nicht in der individuellen Sphäre des psychologischen Subjekts begründet. Sie basiert vielmehr auf der Existenz eines soziohistorischen Körpers diskursiver Spuren, die den Gedächtnisraum der Sequenz bilden. Der Begriff des Inter-Diskurses kennzeichnet diesen Spurenköprer als eine diskursive Materialität, die der jeweiligen Sequenz vorangeht und ihr ”äußerlich ist. Während des Begriff des Intradiskurses die in der Linguistik wohlbekannte Ebene des Diskursfadens (einer Rede oder eines Textes) bezeichnet, d. h. die Verbindung der Zeichen innerhalb ihrer linearen Verkettung, zielt das Konzept des Interdiskurses auf die Tatsache, daß jede Sequenz, neben ihrer offensichtlichen Linearität, eine komplexe und geschichtete (stratifizierte) Materialität ist, die sich auf andere Diskurse bezieht, die vorher, außerhalb und unabhängig bereits existieren.“ (Pêcheux 1983a:53; Herv. i. Orig.)Google Scholar
  30. 87.
    Die pêcheuxsche Diskursanalyse ist insofern eine Integration von linguistischer Textanalyse und Interdiskursanalyse: “In unserer Perspektive wird ”Diskursanalyse“ für jene Praktiken reserviert, in denen beide Ansprüche verbunden sind: die Konstitution/Konstruktion bestimmter Korpora von soziohistorisch gebundenen Diskurssequenzen und die Forderung, diese Sequenzen linguistisch zu analysieren. […] wir wollen die Modalitäten untersuchen, wie interdiskursive Effekte (des Vorkonstruierten, des Quer-Diskurses und des zitiert-berichteten Diskurses […] in die Sequenzstrukturierung einwirken und intervenieren.” (Pêcheux 1983a:55) Für die neuere Diskussion um die von Pêcheux entwickelte “Automatische Diskursanalyse” siehe die Beiträge in Hak/Helsloot (Hg.) (1995).Google Scholar
  31. 88.
    “We will argue that a corpus consists of a series of either linguistic surfaces (concrete discourses) or discursive objects (which implies that linguistic analysis intervenes in the definition of the corpus in a different way then we will discuss here). Those surfaces are dominated by a stable and homogenous conditions of production. We are, that is, assuming that any ‘concrete’ discourse is in fact a complex of processes deriving from different conditions. Constructing a corpus with reference to this dominance therefore means eliminating all those individual elements which are dominated by the same conditions, on the ground that such elements are alien to the process we are studying. This does not, of course, preclude the possibility of taking differences as an object of study, but such differences between conditions of production and never as individuel differences.” (Pêcheux 1995b:144; Herv. i. Orig.)Google Scholar
  32. 89.
    Pêcheux sieht die Ästhetik, wie die Alltagswelt dem Bereich der nicht logisch stabilisierten Diskursuniversen zugehörig (Pêcheux 1983).Google Scholar
  33. 90.
    Für Pêcheux ist ein Ereignis bei der Wahl in Frankreich 1981 beispielhaft für eine metaphorische Übertragung. 1981 findet — Pêcheux zufolge — erstmals eine beobachtbare Übertragung der Metaphoriken des Sports in den Bereich der massenmedial vermittelten Politik statt (Pêcheux 1988a:635). Pêcheux nimmt den Ausruf “On a gagné” zum Ausgangspunkt seiner Analyse, den er als diskursives Ereignis fokussiert. Pêcheux beschreibt, wie in den Medien das Wahlergebnis des Sieges der politischen Linken um François Mitterand auf verschiedene Weise vorbereitet und anhand von Statistiken, Tabellen, Graphiken, Kommentaren mit Bedeutung ausgestattet wurde. Das Feld der Politik ist zunächst kein logisch stabilisierter Bereich. Das Beispiel soll zeigen, wie die Übertragung der Sportmetaphorik in das politische Feld den kollektiven Ausruf “On a gagné” sinnvoll werden lässt: der Wahlausgang wird zu einem Ereignis, das durch die Übertragung seine sinnhafte Überkomplexität verliert. Eine Deutung des Spieleinsatzes und des Spielmodus, der Konsequenzen des Wahlausgangs, die Feststellung der Gewinner und Verlierer wird durch die Transformation eines nicht logisch stabilisierten Feldes in ein logisch stabilisiertes Feld erreicht. Der Ausruf wäre ansonsten keine politische Aussage, denn er enthält keine politische Forderung oder Feststellung, benennt keine politische Partei oder Position und beschreibt keinen politischen Einsatz.Google Scholar
  34. 93.
    Unter der Bezeichnung “Critical discourse analysis” (CDA) hat sich in den 90er Jahren ein loser Verbund von europäischen Linguisten verschiedener diskurstheoretischer Positionen herauskristallisiert, die eine Vermittlung von linguistischen und soziologischen Positionen versuchen und die die Analyse von Textstrukturen mit einer sozialkritischen Inferenz auf soziale Prozesse durchführen. Geteilte Positionen innerhalb dieses Verbunds sind die Ideologie-Konzeptionen von Althussser und Bachtin, sowie die Aufnahme des Hegemonie-Konzeptes von Gramsci und eine unterschiedlich deutliche Anknüpfung an die foucaultsche Theorie (vgl. Titscher u. a. 1998:1780. Positionsbestimmungen fmden sich in van Dijk (1993), Fairclough/Wodak (1997), Fairclough (1995b), Titscher u. a. (1998:178f0, sowie in verschiedenen Beiträgen der von van Dijk editierten Zeitscrift Discourse & Society Im Heft 4(2) 1993 stellen die Vertreter der CDA ihre Positionen vor. Die Kennzeichnung “kritisch” ist auch als Anknüpfung an die “Critical Linguistic” Hallidays und als Absetzung zu anderen linguistischen Positionen, wie der Sprechakttheorie und der quantitativen Linguistik Labovs, zu verstehen (Titscher u. a. 1998:179). Den Kern dieser Gruppe bilden Norman Fairclough, Ruth Wodak, Theo van Leeuwen und Teun A. van Dijk. Fairclough und Wodak rechnen zum Umkreis allerdings auch die deutschen Diskurstheoretiker hinzu, wie Utz Maas und die Duisburger Gruppe um Siegfried Jäger und Margareth Jäger (vgl. Faiclough/Wodak 1997).Google Scholar
  35. 94.
    Eine entsprechende Definition mit Bezug auf diskursive Ereignisse findet sich in Fairclough/Wodak (1997:258).Google Scholar
  36. 96.
    Fairclough kritisiert das Fehlen eines akteurbezogenen Praxisbegriffs bei Foucault (1992:57).Google Scholar
  37. 97.
    Vgl. für die folgende Darlegung Fairclough (1992, Kap. 3).Google Scholar
  38. 98.
    Siehe dafür Foucault (1975), zu dieser Genreform mit Bezug auf Foucault Hahn (1982).Google Scholar
  39. 99.
    Van Dijk bezeichnet die genretypische semantische (thematische) Textstruktur als “Makrostruktur” und die genretypische formale Textstruktur als “Superstruktur”. Van Dijk betrachtet die thematische Struktur als durch die formale Struktur organisert: “[…] schematic superstrutures organize thematic macrostructures, much in the same way as the syntax of a sentence organizes the meaning of a sentence.” (van Dijk 1985:69).Google Scholar
  40. 100.
    Van Leeuwen hat die Feldstruktur als im Diskurs verstreute Textstruktur reinterpretiert. Der soziale Kontext der Feldstruktur wird im Text durch die diskursive Praxis rekontextualisiert (van Leeuwen 1993:204). “I will describe field structure as a structure which is more dispersed through the text and realizes the knowledge of some field as it is constituted in the context of a given institutional domain, e. g. the knowledge of politics as it is constituted in the mass media, or some sector of the mass media, or the knowledge of sexuality as it is constituted in (certain forms of) psychotherapy, and so on.” (van Leeuwen 1993:194; Herv. i. Orig.) Die Feldstruktur wird im Diskurs “semantisch verdoppelt”. Eine Einbeziehung der Feldstruktur in das Genrekonzept findet sich auch bei Eggins und Martin (1997). Sie sehen das Genre als integrierendes Konzept an, daß das Feld an bestimmte Diskurselemente vermittelt.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2002

Authors and Affiliations

  • Rainer Diaz-Bone

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