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Grundriss einer Planungstheorie der „Dritten Generation“

  • Walter L. Schönwandt
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Zusammenfassung

Spätestens seit Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sind die Planungstheoretiker auf der Suche nach einem neuen integrierenden Ansatz zur Beschreibung ihres Arbeitsfeldes. Damals wurde von vielen Autoren — wie im ersten Kapitel aufgezeigt — die Abkehr vom „rationalen“ Planungsmodell1, also der ‚ersten Generation‘ der Planungstheorien gefordert. Was aber kam danach? Haben sich die Bemühungen inzwischen zu einem Ansatz verdichtet, der möglichst viele Aspekte, die beim Planen eine Rolle spielen, möglichst schlüssig integriert? Die Antwort ist nein. Den Stand der Diskussion Mitte der achtziger Jahre offenbart die vielzitierte Frage „After Rationality, What?“ von Ernest Alexander 1984 im Journal of the American Planning Association, und zwölf Jahre später charakterisiert er die Lage so: „Die Planungstheoretiker sind in einem Zustand des Aufruhrs. Nichts ist akzeptiert; alles ist in Frage gestellt.“ (Alexander 1996, 45)

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Referenzen

  1. 1.
    In diesem Abschnitt „Grundriss einer Planungstheorie der ,dritten Generation“ werden die Begriffe „Planungstheorie“ und „Planungsmodell“ synonym verwandt.Google Scholar
  2. 2.
    Eine Darstellung der Historie des Fachgebietes über die letzten zwei Jahrhunderte gibt beispielsweise Friedmann 1996.Google Scholar
  3. 3.
    Das rationale Modell beschreibt den „mainstream“ innerhalb der Planungstheorie zur damaligen Zeit. Natürlich gab es auch in den fünfziger und sechziger Jahren Autoren, die einen anderen, mehr sozio-politisch orientierten Planungsansatz benutzt haben (vgl. vor allem Meyerson und Banfield 1955); deshalb ist folgender These Faludis zuzustimmen: „The idea of objective rationality is wrongly imputed to advocates of rational planning by their opponents“ ... „So, by claiming that rationality purports to transcend conflict, its critics have created a strawman.“ (Faludi 1996, 71) Wie auch immer, das rationale Modell beziehungsweise die Suche nach einer Alternative zu diesem Modell hat die Planungstheoretiker die letzten drei Jahrzehnte intensiv beschäftigt.Google Scholar
  4. 4.
    Nicht wenige Planungstheoretiker wechselten ihren Arbeitsschwerpunkt und betonten fortan planungshistorische Aspekte.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. zum Beispiel Forester 1989 beziehungsweise Habermas 1981, 1983.Google Scholar
  6. 6.
    Es mag manche Leser irritieren, dass hier auf ein Modell aus den zwanziger Jahren zurückgegriffen wird. Natürlich gibt es neuere Versuche, Modelle für Planung nutzbar zu machen, die einige Ähnlichkeiten mit dem Uexküllschen Ansatz haben (vgl. Newell und Simon 1972, Faludi 1973 (zur Kritik an Faludi vgl. Thomas 1982) oder Stachowiak 1992). In keinem dieser Modelle ist jedoch die oben beschriebene systemtheoretische Komponente so explizit enthalten wie im Uexküllschen Ansatz. Diese Modelle wurden vielmehr oft als Analogien zur Arbeitsweise von Computern verstanden, eine Denkrichtung, die mit der Intention von Uexkülls wenig zu tun hat (vgl. dazu zum Beispiel Bechtholsheim 1993).Google Scholar
  7. 7.
    Von Uexkülls Funktionskreis bezieht sich auf alle Lebewesen, nicht nur auf den Menschen. Da die nachfolgende Darstellung jedoch nur auf den Menschen Bezug nimmt, werden Begriffe wie „Denkwelt“ etc. verwendet. Die Sonderstellung des Menschen, was Bewusstsein und Denken angeht, wird freilich inzwischen immer mehr in Zweifel gezogen: „Tauben verhalten sich nach den Regeln der formalen Logik, ... Wüstenmäuse bilden Kategorien im Kantschen Sinne.“ (Halentz 1997, 60) S Der Uexküllsche Funktionskreis lässt sich an dem extremen Beispiel einer Zecke (Ixodes rhicinus) verdeutlichen (vgl. dazu Riedl 1980; Süskind 1985, 26 f). Mit der Gesamtheit aller Signale der Umwelt setzt sich die Zecke nicht auseinander, dafür ist sie von ihren Merkorganen her nicht ausgestattet. Sie hat über ihre Umwelt nur zwei Informationen zur Verfügung: Den Geruch von Buttersäure und die Wahrnehmung bestimmter Temperaturen. Das ist alles, was ihre Merkwelt ausmacht. Diese „Definition“ des Säugetiers im „Weltbild“ der Zecke ist weder an Einfachheit noch an Treffsicherheit zu überbieten. „Ein Irrtum ist so gut wie ausgeschlossen.“ (Riedl 1980, 43) Auf den Geruch von Buttersäure hin lässt sie sich fallen. Nimmt sie eine Temperatur von 37 Grad Celsius wahr, bohrt sie sich in das Säugetier ein. Das heiEt,Google Scholar
  8. 8.
    Der Uexküllsche Funktionskreis lasst sich an dem extremen Beispiel einer Zecke (Ixodes rhi-cinus) verdeutlichen (vgl. dazu Riedl 1980; Süskind 1985, 26 f). Mit der Gesamtheit aller Sig-nale der Umwelt setzt sich die Zecke nicht auseinander, dafür ist sie von ihren Merkorganen her nicht ausgestattet. Sie hat über ihre Umwelt nur zwei Informationen zur Verfügung: Den Geruch von Buttersaure und die Wahrnehmung bestimmter Temperaturen. Das ist alles, was ihre Merkwelt ausmacht. Diese „Definition“ des Saugetiers im „Weltbild“ der Zecke ist weder an Einfachheit noch an Treffsicherheit zu überbieten. „Ein Irrtum ist so gut wie ausge-schlossen.“ (Riedl 1980, 43) Auf den Geruch von Buttersaure hin lasst sie sich fallen. Nimmt sie eine Temperatur von 37 Grad Celsius wahr, bohrt sie sich in das Saugetier ein. Das heitét, in ihrem Fall besteht ihre Steuerung nur darin, „abzuprüfen“, ob beide Merkmale, Buttersäure und 37 Grad Celsius, gegeben sind. Ist dies der Fall, aktiviert sie das, was ihr in ihrer Wirkwelt zur Verfügung steht: Fallenlassen und Einbohren.Google Scholar
  9. 9.
    Der Begriff „Regel“ wird von Reason nicht im gleichen Sinne wie unten in Kapitel 3.12 verwandt; für Details siehe dort.Google Scholar
  10. 10.
    Einige Argumente Lindbloms mögen dies weiter verdeutlichen: „... [Planung] wird nicht ein für alle Mal gemacht; sie wird immer und immer wieder gemacht. ... Weder Sozialwissenschaftler, noch Politiker, noch Regierungsbeamte [noch Planer] wissen genug über soziale Phänomene. Sie können es daher nicht vermeiden, bei der Vorhersage der Konsequenzen politischer Maßnahmen immer wieder Fehler zu machen. Ein erfahrener ... [Planer] wird daher erwarten, dass durch seine Handlungen nur ein Teil von dem erreicht wird, was er zu erreichen hofft. Auch wird er erwarten, dass seine Handlungen mit unvorhersehbaren Konsequenzen verbunden sind, die er nach Möglichkeit hätte vermeiden wollen. Wenn er den Weg einer Abfolge inkrementaler Veränderungen wählt, dann vermeidet er auf verschiedene Art und Weise gefährliche, nachhaltig wirksame Fehler. Erstens gewinnt er aus den vergangenen Abfolgen schrittweiser Maßnahmen Wissen über die wahrscheinlichen Konsequenzen, die sich für weitere ähnliche Schritte ergeben. Zweitens braucht er zur Erreichung seiner Ziele keine großen Sprünge zu machen — was ja erfordern würde, dass er Vorhersagen macht, die sein oder das Wissen irgendeines anderen übersteigt —, weil er niemals erwartet, dass durch seine Maßnahme eine endgültige Lösung für ein Problem gefunden wird. Seine Entscheidung ist nur ein einziger Schritt, dem schnell ein weiterer Schritt folgen kann, falls der erste Schritt erfolgreich war. Drittens ist er wirklich imstande, seine ursprünglichen Vorhersagen zu testen, wenn er einen zusätzlichen Schritt vorwärts macht. Schließlich ist er häufig in der Lage, einen in der Vergangenheit gemachten Fehler relativ schnell zu korrigieren — jedenfalls schneller, als wenn sich der Prozess in weitaus verschiedenartigeren Schritten über einen größeren Zeitraum hinweg vollzöge.“ (Lindblom 1959/1995, 44; die Übersetzung stammt von Siegfried Gagsch)Google Scholar
  11. 11.
    Darüber hinaus ist das Planungsmodell auch mit anderen Theorien kompatibel, beispielsweise dem Regelkreis der Kybernetik (vgl. Wiener 1948/1968) oder der klassischen Handlungstheorie, der so genannten TOTE-Einheit, von Miller, Galanter und Pribam (1960/1991) etc.Google Scholar
  12. 12.
    Der vorliegende Abschnitt beschreibt nur die Grundzüge einer Planungstheorie der dritten Generation’, die einzelnen Aspekte bedürfen deshalb der weiteren Differenzierung. Zudem gibt es zu vielen der nachfolgend dargestellten Themen ausführliche Diskussionen in anderen Fachgebieten (Wirtschaftswissenschaften, (Organisations)Soziologie, Politologie etc.), auf die an dieser Stelle nur verwiesen werden kann.Google Scholar

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© W. Kohlhammer GmbH Stuttgart 2002

Authors and Affiliations

  • Walter L. Schönwandt

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