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Das aktuelle Händigkeitsprofil

  • Elke KrausEmail author
Chapter
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Zusammenfassung

Das aktuelle Händigkeitsprofil, ein standardisiertes Assessment mit guter Reliabilität, erfasst das Ausmaß der Händigkeit in 5 Subtests mit den Dimensionen Präferenz (Subtests: funktionale Handpräferenz; Überkreuzen der Körpermitte) und motorische Leistung (Subtests: ungeschulte Fähigkeit durch Hämmern und Klopfen; geschulte Fertigkeit durch Nachspuren und Punktieren; bimanuelle Kooperation durch gleichzeitiges Kreisemalen). Dabei wird zwischen geschulten und ungeschulten Aktivitäten unterschieden. Um eine Beständigkeit des Handeinsatzes innerhalb einer Aktivität festzustellen, werden diese mehrmals durchgeführt. Für die Leistungstests werden Geschwindigkeit und Genauigkeit erfasst und miteinander verrechnet. Alle Subtests messen die Differenz der Hände anhand des Lateralitätsquotienten. Es werden außerdem qualitative Daten über den Elternfragebogen und Checklisten erhoben. Mit weiteren Strukturhilfen kann zudem die Wahrscheinlichkeit eines Händigkeitstypus ermittelt werden.

Dieses Kapitel ist dem aktuellen Händigkeitsprofil gewidmet. Das Grundformat, das ich in meiner Doktorarbeit entwickelt hatte, wurde im  Kap. 5 vorgestellt. Seitdem habe ich es aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und kontinuierlich weiterentwickelt. Drei der fünf Subtests, der FHPT, Fertigkeit (Nachspuren und Punktieren) und Fähigkeit (Hämmern und Klopfen) sind grundsätzlich so geblieben; zwei Subtests, Überkreuzen und bimanuelle Kooperation , wurden modifiziert, wobei ihr Testprinzip jedoch beibehalten wurde. Alle Items, die Durchführung und die Auswertung wurden standardisiert, und es wurden ein detailliertes 120-seitiges Manual, Protokollbögen, Arbeitsblätter sowie eine Excel-Auswertungsmaske erstellt. Außerdem wurden kleinere Optimierungen aufgrund der Rückmeldung von Anwenderinnen aus der Praxis vorgenommen. So entstanden z. B. neue Beobachtungshilfen und Checklisten, die die motorische Qualität und das Verhalten des Kindes strukturiert erfassen. Außerdem stellte ich das Lateralitätsprofil zusammen, das typische Lateralitätsmerkmale für Links- und Rechtshänder beinhaltet. Ebenso entstanden zusätzliche Strukturhilfen zur Interpretation des Händigkeitsprofils, um den Prozess teilweise zu standardisieren und eine Auslegung der Daten bei komplexen Fällen deutlicher und plastischer zu machen.

Das aktuelle Händigkeitsprofil geht somit über ein Assessment im Sinne einer Reihe standardisierter Tests hinaus und unterstützt den klinischen Entscheidungsfindungsprozess, indem alle Informationen und Daten systematisiert zusammengefasst werden können. Die verschiedenen Aspekte des Händigkeitsprofils sind in Abb. 6.1 zusammengefasst.
Abb. 6.1

Aspekte des Händigkeitsprofils. (Aus: Kraus, 2018)

6.1 Aus welchen Subtests besteht das aktuelle Händigkeitsprofil?

Das Händigkeitsprofil besteht aus folgenden 5 Subtests:
  1. 1.

    Präferenztest zur geschulten und ungeschulten Handpräferenz

     
  2. 2.

    zweiteiliger Leistungstest zu den geschulten motorischen Fertigkeiten (Nachspuren und Punktieren)

     
  3. 3.

    zweiteiliger Leistungstest zu den ungeschulten Fähigkeiten (Hämmern und Klopfen)

     
  4. 4.

    Test zum Überkreuzen der Körpermitte

     
  5. 5.

    Test zur bimanuellen Kooperation der Hände

     
Das Material für das Assessment ist standardisiert und in einem Testkoffer verpackt (Abb. 6.2). Die fünf Subtests werden nun vorgestellt und ihr Inhalt sowie das Prozedere erklärt und begründet.
Abb. 6.2

Testkoffer des Händigkeitsprofils. (Aus: Kraus, 2018)

6.1.1 Präferenz: Funktionaler Handpräferenztest (FHPT )

Der funktionale Handpräferenztest (FHPT) besteht aus insgesamt 24 unterschiedlichen alltagsnahen Items, die eine Vielzahl von Tätigkeitsaspekten abdecken: unimanuelle und bimanuelle Aktionen, motorisch anspruchsvolle und einfache Tätigkeiten sowie geübte bzw. geschult und spontane bzw. ungeschulte Bewegungen, Items mit hoher und niedriger Zuverlässigkeit etc. (zu den Grundannahmen und Leitlinien der Händigkeitsermittlung siehe  Abschn. 5.4).

Der FHPT unterscheidet zwischen 12 typischerweise geschulten und 12 typischerweise ungeschulten Items, weil dieser Aspekt entscheidend für eine Systematisierungsstruktur zu sein scheint. Der Vergleich zwischen geschulten und ungeschulten Items kann den sozialen Einfluss auf die Händigkeitsbildung widerspiegeln und somit Hinweise auf eine umgeschulte Händigkeit geben. Allerdings ist der geschulte Einfluss individuell und ein Resultat des einzigartigen Umfelds eines Menschen. So ist es wahrscheinlich, dass es Fälle geben wird, bei denen die Einordnung der Items in geschult oder ungeschult für das betreffende Kind nicht stimmt. Ein Beispiel ist das Streichholz anzünden: Entweder das Kind hat Erfahrung damit und weiß wie es geht, weil es ihm jemand aus Sicherheitsgründen genau gezeigt hat (dann wäre es geschult); oder das Kind durfte auch aus Sicherheitsgründen bisher noch nie ein Streichholz anzünden und hat auch keine Anweisung dazu erhalten (dann wäre es ungeschult). Da es jedoch 12 Items in jeder der Kategorien gibt, haben ein oder zwei „inkorrekt“ klassifizierte Items kaum einen Einfluss auf die Gesamtauswertung.

Außerdem wird im FHPT zwischen einhändigen (unimanuellen) und beidhändigen (bimanuellen) Aktivitäten unterschieden, mit gleicher Anzahl an unimanuellen und bimanuellen Items.

So entstehen 4 Subgruppen mit je 6 Items für die Präferenzermittlung, also insgesamt 24 Items: geschult unimanuell, geschult bimanuell, ungeschult unimanuell und ungeschult bimanuell (Tab. 6.1).
Tab. 6.1

Einteilung der 24 FHPT-Items (FHPT-Protokollbogen ).

 

Ungeschult

Geschult

Unimanuell

1. Schachtel schütteln

2. Mit Bär Fußball schießen

3. Stecker einstecken

4. Kreisel drehen

5. Turm bauen

6. Würfel rollen

13. Zahnbürste nutzen*

14. Mit dem Löffel essen*

15. Mit dem Messer schneiden*

16. Schreiben* (in der Luft)

17. Mit Stift malen*

18. Ball werfen*

Bimanuell

7. Schachtel öffnen*

8. Handfeger und Handbesen*

9. Karten austeilen

10. Tube öffnen

11. Aufkleber abnehmen

12. Schraube in Mutter festschrauben

19. Schnürsenkel einstecken

20. Mit Messer und Gabel essen

21. Mit der Schere schneiden*

22. Streichholz anzünden*

23. Schlüssel ins Schloss stecken und drehen

24. Mit dem Schraubenzieher aufziehen

Kursiv dargestellt sind komplexere Items; * Items aus dem EHI

Bei der Durchführung werden die einzelnen Items jeweils mindestens 4 Mal wiederholt, um eine interne Konstanzmessung (d. h. der bestandige Handeinsatz innerhalb derselben Aktivitat) zu ermöglichen. Das sind also insgesamt mindestens 96 Durchführungen – sehr anspruchsvoll, vor allem für jüngere Kinder oder Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten. Um die Motivation und Kooperation des Kindes trotzdem zu gewährleisten, entwickelte ich ein spielerisches, fantasiegeleitetes und interaktives Vorgehen für diesen Subtest. Die Gegenstände der einzelnen Items werden im Rahmen einer kleinen Geschichte oder eines Spiels wiederholt und mittig präsentiert. Es wird notiert, mit welcher Hand das Kind den Gegenstand nutzt, und es werden unterschiedliche Arten von Wechselverhalten dokumentiert. Dazu zählen unauffällige Wechselarten wie ergonomisches Wechseln, das dazu beiträgt, dass die Hände schneller und effizienter arbeiten; sowie auffällige Wechselarten, z. B. ein müdigkeitsbedingtes Wechseln, kompensatorisches Wechseln oder ein unsicheres Wechseln (Kraus, 2018).

In der Auswertung des FHPT werden die geschulten und ungeschulten Aspekte der Handpräferenz getrennt ermittelt und in Form von Lateralitätsquotienten präsentiert. Die interne Konstanz wird für jede Hand erhoben und daraus der entsprechende Anteil in Prozent berechnet.

6.1.2 Präferenz: Überkreuzen der Körpermitte (ÜKM)

Der aktuelle Überkreuzungstest der Körpermitte (ÜKM) beruht auf denselben Prinzipien und Parametern wie der Überkreuzungstest aus meiner Dissertation, hat aber ein einfacheres Format. Anstelle von farbigen Stäbchen und einem Holzbrett mit farbigen Löchern1 besteht der aktuelle Test aus einer laminierten Papiervorlage und 30 dreifarbigen 4-Noppen-Legosteinchen (Abb. 6.3). Die zu bewegenden Legosteinchen werden zu gleichen Teilen rechtsseitig, linksseitig oder mittig präsentiert und sollen dann auf Aufforderung von dem Kind in ein mittig platziertes, farbiges Ziel gelegt werden.
Abb. 6.3

Testvorlage zur Überkreuzung der Körpermitte (ÜKM). (Aus: Kraus, 2018)

Durch die Testanordnung entstehen insgesamt 20 Möglichkeiten zum Überkreuzen der Körpermitte. Ein Mensch mit einer ausgeprägten Händigkeit und ohne Probleme beim Überkreuzen der Körpermitte würde 10 ipsilaterale und 10 kontralaterale Reaktionen tätigen – also alle Legosteinchen mit derselben Hand aufnehmen und platzieren. Mithilfe des ÜKM-Tests können folgende Varianten des Handgebrauchs festgestellt werden:
  • Das Kind zeigt kein Überkreuzungsvermeiden und nutzt beständig eine Hand für alle Legosteinchen.

  • Das Kind vermeidet das Überkreuzen und nimmt die linksseitigen Steinchen mit links auf und/oder die rechtsseitigen mit rechts.

  • Das Kind setzt in der Mitte, in der ein Überkreuzen ausgeschlossen wird, durchgehend nur eine Hand ein, oder auch nicht.

  • Das Kind überkreuzt mal mit links und mal mit rechts und ist auch in der Mitte unbeständig im Handeinsatz.

Diese unterschiedlichen Varianten können beispielsweise darauf hinweisen, ob ein Wechseln in der ersten Instanz durch ein Überkreuzungsvermeiden verursacht wird oder ob das Überkreuzen für einen wechselnden Handgebrauch keine Rolle spielt.

Die Testdurchführung ist in Bezug auf die Reihenfolge der Farbenzuordnung, die von der Testadministratorin relativ zügig vorgegeben wird, standardisiert. Das Kind muss zudem vor jedem weiteren Platzieren eines Legosteins die Hände wieder in die Ausgangsposition bringen. Da eine Reihe von 10 Steinen an der Ausgangsposition zu lang gewesen wäre, werden die Steine in zwei Durchführungen zu je 5 Steinchen pro Farbe nachgelegt. In der Auswertung wird ein kontralateraler Prozentsatz errechnet, der sich nur auf die Interaktionen mit den 20 links- und rechtsliegenden Steinen bezieht. Der Gesamtprozentsatz schließt auch die Interaktionen mit den mittigen Steinen ein. Damit ersichtlich wird, um wie viel Prozent eine Hand mehr als die andere überkreuzt, wird zudem ein Lateralitäts- bzw. Überkreuzungsquotient errechnet.

6.1.3 Leistung: Fertigkeit (Nachspuren und Punktieren) und Fähigkeit (Hämmern und Klopfen)

Zusätzlich zu den beiden Präferenztests FHPT und ÜKM gibt es die beiden motorischen Leistungstests , die die geschulte Fertigkeit und die ungeschulte Fähigkeit erfassen.

Der Fertigkeitstest besteht aus dem Nachspuren , bei dem eine angegebene Linie des Bären auf dem Arbeitsblatt so genau und schnell wie möglich nachgefahren wird (Abb. 6.5). Beim Punktieren werden so schnell wie möglich kleine Punkte in 30 Perlen der Bärenkette gesetzt (Abb. 6.4). Beide Aufgaben werden einmal mit jeder Hand durchgeführt. Die Auswertung des Nachspurens und Punktierens erfolgt anhand festgelegter Kriterien und ein Durchschnittswert der beiden Aufgaben wird errechnet. Die benötigte Zeit wird mit der Genauigkeit der Ausführung verrechnet und ein Lateralitätsquotient ermittelt.
Abb. 6.4

Arbeitsblatt für eine geschulte motorische Leistung, Fertigkeit – Nachspuren und Punktieren. (Aus: Kraus, 2003, 2018)

Abb. 6.5

Nachspuren als geschulte motorische Leistung (Fertigkeit). (Aus: Kraus, 2018)

Der Fähigkeitstest wird aufgrund des Hämmerns und Klopfens ermittelt. Innerhalb von 15 Sekunden hämmert bzw. klopft das Kind so schnell es kann auf einen vorgegebenen Punkt auf einem Papier mit Durchschlag (Abb. 6.6 und Abb. 6.7). Die Schläge werden gezählt und die Streuung gemessen. Auch hier wird ein Lateralitätsquotient von dem Durschnittswert errechnet, der die Differenz zwischen den Händen prozentual erfasst. Die Testdurchführung hat sich seit der Dissertationsversion nicht geändert, aber das Testmaterial wurde angepasst und standardisiert.
Abb. 6.6

Hämmern als ungeschulte motorische Leistung (Fähigkeit). (Aus: Kraus, 2018)

Abb. 6.7

Klopfen als ungeschulte Leistung (Fähigkeit). (Aus: Kraus, 2018)

6.1.4 Leistung: Bimanuelle Kooperation (bimanuelles Kreisemalen )

Die motorische Leistung der Fertigkeits- und Fähigkeitstests beschränkt sich auf die einhändige oder unimanuelle Leistung. Wie in  Kap. 4 dargelegt, ist auch die Kooperation beider Hände ein wichtiger Aspekt der Händigkeitsbildung .

Das Zaubertafelspiel (Etch A Sketch), das in der Dissertationsversion eingesetzt wurde, wird in der aktuellen Version nicht mehr verwendet.2 Stattdessen wird die bimanuelle Kooperation durch bimanuelles gleichzeitiges Kreisemalen mit zwei dicken Buntstiften auf Papier durchgeführt (Abb. 6.8). Der Test des bimanuellen Kreisemalens ist ungeübt bzw. ungeschult und zeigt auf, welche Hand während des Malens führt, welche Hand bessere Kreise malt und wie sich die Hände organisieren.
Abb. 6.8

Bimanuelle Kooperation durch bimanuelles gleichzeitiges Kreisemalen. (Aus: Kraus, 2018)

Zwei vorgegebene Kreise auf Papier geben dabei die ungefähre Größe der zu malenden Kreise an. Das Kind malt dann in den 4 Richtungskombinationen (nach rechts, nach links, nach außen, nach innen). Zusätzlich wird jede dieser Richtungskombinationen immer in zwei Phasen durchgeführt: 1) in rhythmischer Geschwindigkeit, die dem Kind angenehm ist; und 2) so schnell wie möglich. Optional kann auch eine dritte Phase durchgeführt werden: 3) so schnell wie möglich mit geschlossenen Augen, eine weitere Steigerung der Anforderung. Ohne visuelles Feedback ist eine Person hauptsächlich auf eine gute Tiefensensibilität angewiesen, und auch dieses Erschwernis erhöht die Differenz zwischen den Händen.

Die Bewertungskriterien für den Test beziehen sich hauptsächlich darauf, wie viel besser, schneller oder führender sich eine Hand im Vergleich zur anderen verhält. Die allgemeine Qualität der bimanuellen Kooperation wird zusätzlich für jede Richtungskombination eingeschätzt. So entstehen auch für diesen Test ein Präferenz- und ein Leistungsmaß, die sich in Form von Lateralitätsquotienten darstellen lassen.

6.2 Welche zusätzlichen Inhalte bietet das Händigkeitsprofil?

Um der großen Komplexität der Händigkeit auch in Bezug auf ihren Ursprung gerecht zu werden, bedarf es mehr als nur der Ermittlung der Händigkeitsdimensionen . Es gilt – soweit möglich –, soziale und physische Umwelteinflüsse, eine genetische Veranlagung zur Linkshändigkeit, eventuelle pathologische Faktoren und die motorische Qualität mit den Aspekten Ausprägungsgrad, Präferenz und Leistung in Verbindung zu bringen. Eine bloße quantitative Messung würde nicht ausreichen, um die Händigkeit als Phänomen vollständig zu erfassen. Daher bedarf es zusätzlicher Formate für Hintergrundinformationen (Anamnese) und Beobachtungen. Diese werden kurz vorgestellt.

6.2.1 Information zu Ursprungsfaktoren

Die Anamnese wird anhand eines Elternfragebogens und eines Elterngesprächs erhoben. Dabei wird der Grund für eine Händigkeitsdiagnostik aus Sicht der Eltern bzw. des Elternteils erfragt. Kommen sie aus eigenem Wunsch zur Abklärung, oder wurde eine Ermittlung von dem Kinderarzt, Erzieher oder Lehrer eingefordert? Des Weiteren werden Informationen in Bezug auf folgende Aspekte gesammelt, die Hinweise auf Ursprungsfaktoren geben könnten und eventuell helfen, den wechselnden Handgebrauch zu verstehen:
  • Vererbung: Gibt es z. B. Linkshändigkeit in der Familie?

  • Eventuelle Ursachen für eine pathologische Händigkeit: Gab es z. B. Geburtsstress?

  • Eventuelle Hinweise auf eine Umschulung: Wurde eventuell Druck auf das Kind ausgeübt, eine bestimmte Hand zu verwenden?

  • Beobachtungen des Handgebrauchs zu Hause: Mit welcher Hand putzt sich das Kind z. B. die Zähne?

  • Ausmaß des Übungsfaktors in Bezug auf die motorische Entwicklung: Malt und schreibt das Kind z. B. mehr oder weniger als gleichaltrige Kinder?

6.2.2 Information zur motorischen Qualität während der Leistungstests

Die Protokollbögen der motorischen Tests beinhalten eine Checkliste zur Beobachtung bestimmter beschreibender Merkmale bzw. möglicher Auffälligkeiten, beispielsweise stockende oder ungleichmäßige Bewegungsabläufe, übermäßiger Druck oder eine asymmetrische Körperhaltung. Dieselben Merkmale werden auf der linken sowie rechten Seite beobachtet und dokumentiert, damit ein Vergleich der motorischen Qualität der beiden Hände zusätzlich zu den quantitativen Daten über die Genauigkeit und Geschwindigkeit ermöglicht wird.

6.2.3 Allgemeine Beobachtungen

Wie bei allen Assessments, die in der klinischen Praxis durchgeführt werden, gibt es eine Reihe von Faktoren, die die Ergebnisse beeinflussen und verzerren können. Dazu gehören beispielsweise das sozio-emotionales Verhalten, die Kognition oder das sensomotorische Auftreten der teilnehmenden Person. Sollte ein Kind z. B. die Aufgabe nicht richtig verstehen, oder es hat ein Konzentrationsproblem, dann können diese Faktoren das Resultat der Testung negativ beeinflussen oder verzerren. Es soll also ausgeschlossen werden, dass die Ergebnisse des Kindes seine Fähigkeiten und Fertigkeiten widerspiegeln, und es nicht aufgrund von Störfaktoren schlecht abschneidet. Aus diesem Grund wurde ein allgemeines Beobachtungsprotokoll erstellt, das am Ende der Testung von der Testdurchführerin ausgefüllt wird. So können eventuelle Störfaktoren systematisch und standardisiert überprüft werden, und entsprechend in die klinische Entscheidungsfindung einbezogen werden.

6.2.4 Lateralitätsprofil

Wie schon in Kapitel 2 aufgeführt, ist man sich inzwischen einig ist, dass die Seitigkeit oder Lateralität an sich (mit Ausnahme der Füßigkeit) keinen deutlichen Zusammenhang mit der Händigkeit aufzeigt und daher für die Richtung der Händigkeit nicht aussagekräftig ist (Beaton, 1985; Bourassa, 1996; Strauss & Goldsmith, 1987) Nichtsdestotrotz wird die Füßigkeit als die Modalität befunden, die am meisten mit der Händigkeit übereinstimmt (Berdel Martin & Porac, 2007; Grouios, Hatzitaki, Kollias, & Koidou, 2009; Peters, 1988). Ein ähnlicher Zusammenhang zwischen Lateralitätsmerkmalen und der Händigkeit wurde auch von Heimrod (2015) in ihrer Pilotstudie bestätigt ( Kap. 5). Ebenso wie die Händigkeit unterschiedlich stark ausgeprägt ist, scheint auch die Seitigkeit eines Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt (Strauss & Goldsmith, 1987). Inwieweit der Ausprägungsgrad der Seitigkeit mit dem der Händigkeit übereinstimmt, ist noch nicht geklärt, unter anderem weil es keine einheitlichen differenzierten Erfassungsmethoden dafür gibt.

Da das Händigkeitsprofil vor allem den Ausprägungsgrad der Händigkeit differenziert erfasst, kann es in Kombination mit Lateralitätsmerkmalen eventuell Zusammenhänge mit dem Ausmaß oder Ausprägungsgrad aufzeigen, oder auch nicht. Vor diesem Hintergrund wurden 30 typische Lateralitätsmerkmale für Links- oder Rechtshänder aus der Fachliteratur für das Lateralitätsprofil gesammelt, die Aspekte wie Füßigkeit , Äugigkeit und Bewegungsmuster widerspiegeln. Die hohe Anzahl von Merkmalen soll dazu dienen, eine tendenzielle Verdichtung auf die rechte oder linke Seite aufzuzeigen, und damit die Wahrscheinlichkeit einer fundierten Aussage zur Lateralität erhöhen. Eine Hypothese wäre, dass Menschen mit einem starken Ausprägungsgrad der Händigkeit auch eher eine stark ausgeprägte Seitigkeit aufweisen, während leicht ausgeprägte Händer auch in ihrer Lateralität variabler sind. Sollte sich dieser Zusammenhang bestätigen, könnte es in unklaren Händigkeitsfällen hilfreich sein, ein Lateralitätsprofil zu erfassen und als zusätzlichen Hinweis zur Richtung und Ausprägung auszuwerten.

6.3 Welche Strukturhilfen gibt es zur Analyse und Interpretation des Händigkeitsprofils ?

Die Daten, die durch das Händigkeitsprofil quantitativ und qualitativ erhoben werden, sind vielfältig, komplex und ausgiebig. Testadministratoren haben – wie bei allen Assessments – im Anschluss die Aufgabe, eine Analyse und Interpretation zu tätigen. Für diese wichtigen Schritte, der einer folgerichtigen Schlussfolgerung sowie einer relevanten und spezifischen Zielsetzung und Intervention vorausgeht, wurden folgende 4 Strukturhilfen entwickelt, die eine systematische Zusammenfassung in unterschiedlicher Weise ermöglichen:
  1. 1.

    Kategorisierungsprofil

     
  2. 2.

    Differenzierungstabelle

     
  3. 3.

    Händigkeitstypus-Treppe

     
  4. 4.

    Achsendiagramm

     

6.3.1 Kategorisierungsprofil

Das Kategorisierungsprofil bietet eine grafische Übersicht zu allen erhobenen quantitativen Daten (Lateralitätsquotienten ) der 5 Subtests.

Um die Gegenüberstellung geschult und ungeschult auch für den FHPT zu visualisieren, wird dieser in zwei Teilen aufgeführt. So entstehen bildlich 6 Testaspekte: ungeschult FHPT, geschult FHPT, ungeschulte Fähigkeit, geschulte Fertigkeit, Überkreuzen und bimanuelle Kooperation. Mithilfe des Kategorisierungsprofils wird der Ausprägungsgrad der Präferenz für die jeweiligen Aspekte der Händigkeit in 8 Ausprägungskategorien dargestellt. Daneben wird das Leistungsniveau eines Kindes in 3 Leistungsgruppen (durchschnittlich, grenzwertig und auffällig) übersichtlich abgebildet (Abb. 6.9).
Abb. 6.9

Kategorisierungsprofil (Beispiel eines stark ausgeprägten Linkshänders ohne motorische Auffälligkeiten). FHP = funktionale Handpräferenz. VL = variable Linkshändigkeit; VR = variable Rechtshändigkeit; Perz = Perzentile. (Aus: Kraus, 2003, 2018)

Basierend auf der Normierungsstudie mit 30 links- und 30 rechtshändigen 6-jährigen Kindern ohne Auffälligkeiten ( Kap. 5) stehen Normwerte für den Ausprägungsgrad der Händigkeit sowie für die Leistung der einzelnen Tests zur Verfügung. Die Anzahl und die Altersgruppe der getesteten Kinder sind allerdings zu gering, um die Normen in Bezug auf die Leistungsebene zu verallgemeinern. Eine große Normierungsstudie steht noch aus. Der Ausprägungsgrad hingegen ist nur bedingt altersabhängig, da auch Erwachsene unterschiedliche Ausprägungsgrade aufweisen.

Neben der Veranschaulichung wird außerdem ein durchschnittlicher Gesamtprofilwert über alle Subtests errechnet, der die allgemeine Ausprägung der Händigkeit widerspiegelt, wobei L+ bis R+ von 1 bis 8 durchnummeriert wird.

6.3.2 Differenzierungstabelle

Diese quantitative Zusammenfassung des Kategorisierungsprofils kann, wie bereits dargestellt, den Komplexitäten des Händigkeitsphänomens nicht allein gerecht werden. Ich gehe von der Grundannahme aus, dass nur eine ganzheitliche Sicht, die quantitative und qualitative Informationen berücksichtigt, Hinweise auf und Zusammenhänge zwischen bestimmten Ursachen des wechselnden Handgebrauchs oder auf Krankheitsbilder geben kann. Vor diesem Hintergrund entstand die Differenzierungstabelle, die relevante Informationen quantitativer (messbarer) und qualitativer (beschreibender) Art in Form von Kriterien oder Merkmalen geführt.

Die Kriterien der Differenzierungstabelle beziehen sich also auf Merkmale zu folgenden Aspekten:
  • Quantitative Testergebnisse, die im Kategorisierungsprofil zusammengefasst sind

  • Informationen aus dem Elternfragebogen

  • Beobachtungen, die während der Durchführung der Tests gemacht wurden

  • Relevante Aspekte aus der Fachliteratur in Form von Kriterien, die die Händigkeitsentwicklung beeinflussen

Seit 2003 entwickelte ich eine Systematik, anhand welcher die möglichen Ursachen für einen wechselnden Handgebrauch bestimmten Typen zugeordnet wird. Sie umfassen jeweils 25 Kritierien oder Merkmale, basierend auf Studienergebnissen und Fachwissen. Setzt man die Differenzierungstabelle bei einer komplexen Händigkeitsermittlung ein, können alle Kriterien auf einer Skala von 0–4 für Linkshänder sowie Rechtshänder eingeschätzt werden, wobei 0 „gar nicht“ zutrifft, und 4 „voll und ganz“ zutrifft. Es entstehen so unterschiedliche Anhäufungen oder Cluster von Kriterien zu den insgesamt 10 Gruppen oder Typen, die auf eine bestimmte Ursache des Wechselverhaltens hinweisen. Sie werden als Varianten eines sogenannten Händigkeitstypus bezeichnet. Die Systematik hierzu wird in  Kap. 7 detailliert aufgeführt. Ein Beispiel der Kriterien für variable Links- und Rechtshändigkeit zeigt die Abb. 6.10.
Abb. 6.10

Ausschnitt der Differenzierungstabelle , in der Kriterien für eine variable Links- und Rechtshändigkeit aufgezeigt sind. Treffen die Kriterien voll und ganz zu, wird für jede Hand eine 4 gegeben, treffen sie nur teilweise zu, werden eine 2 oder 3 angekreuzt, treffen sie gar nicht zu eine 0. (Aus: Kraus, 2018)

6.3.3 Händigkeitstypus-Treppe

Die zutreffenden Kriterien der Differenzierungstabelle werden für die möglichen Varianten der Händigkeitstypen als prozentuale Anhäufungen oder Cluster zusammengezählt und werden einem Händigkeitstypus Ausprägung, Motorik und Umwelt zugeordnet. Die drei größten Kriteriencluster die somit entstehen, sind in der Analyse ein wesentlicher Bestandteil des Erklärungsmodells für den wechselnden Handgebrauch eines Kindes. Auch dies wird in  Kap. 7 aufgeschlüsselt und in  Kap. 9 anhand von Fallbeispielen illustriert (Abb. 6.11).
Abb. 6.11

Gliederung der Händigkeitstypus-Treppe: Händigkeitstypen Ausprägung, Motorik und Umwelt. (Aus: Kraus, 2018)

Wie in  Kap. 4 gezeigt, kann eine unklare oder unterentwickelte Händigkeitsbeschaffenheit symptomatisch bei bestimmten Krankheitsbildern auftreten, z. B. bei Autismus, Asperger-Syndrom, kognitiven Defiziten, Schizophrenie oder Down-Syndrom. Diese krankheitsbildbedingten Händigkeitsauffälligkeiten sind sekundär und daher nicht Teil der hier aufgeführten Händigkeitstypen.

6.3.4 Achsendiagramm

Das Achsendiagramm ist eine grafische Darstellung, die die 3 Basisfaktoren der Händigkeit – Ausprägung, Umwelt und Motorik –zusammenführt. Auf den 3 Achsen lässt sich das Verhältnis dieser Faktoren zueinander ablesen, und es kann der Entwicklungsstand zu einem bestimmten Zeitpunkt festgehalten werden.

Der Ausprägungsgrad der Händigkeit wird von dem Kategorisierungsprofil übernommen und dann in der entsprechenden Kategorie im Achsendiagramm mit einem Kreuz markiert. Das Übungsausmaß , das im Elternfragebogen erfasst wird, repräsentiert den Umwelteinfluss. Die Einschätzung wird ebenfalls mit einem Kreuz im Diagramm markiert. Die Motorik bzw. die motorische Fähigkeit und Fertigkeit eines Kindes wird insgesamt (Durchschnitt von Fähigkeit und Fertigkeit) bewertet (eigene Erfahrungswerte oder andere motorische Tests können dazu beitragen) und anhand einer 5-stufigen Skala („sehr gut“ bis „sehr auffällig“) eingestuft. Die motorische Leistung ist zudem ein Indikator für mögliche pathologische Einflüsse (z. B. Entwicklungsverzögerungen).

Nachdem alle 3 Ursprungsfaktoren mit einem Kreuz im Achsendiagramm markiert wurden, können die Kreuze miteinander verbunden werden (Abb. 6.12). Dies bildet eine nützliche Strukturhilfe in der Praxis, um den aktuellen Status des Kindes auf einen Blick zu erfassen und auch Veränderungen einfach dokumentieren zu können.
Abb. 6.12

Achsendiagramm zu den 3 Ursprungsfaktoren Ausprägung (Kategorisierungsprofil), Motorik (Gesamteinschätzung) und Umwelt (Übungsausmaß). Das helle (gelbe) Dreieck repräsentiert einen leicht ausgeprägten Linkshänder, der das Üben eher vermeidet und grenzwertig bis auffällig in seiner motorischen Leistung ist. Das dunkle (lila) Dreieck repräsentiert einen mäßig ausgeprägten Rechtshänder, der grafomotorische Tätigkeiten verweigert, daher so gut wie keine Übungseffekt hat und motorisch sehr auffällig ist. (Aus: Kraus, 2018)

6.3.5 Excel-Maske zur digitalen Auswertung

Die Berechnung der Lateralitätsquotienten , die die Inter-Hand-Differenzen zu den einzelnen Tests darstellen, kann in einer Excel-Maske erfolgen. Allerdings werden die motorischen Tests anhand von Kriterien und einheitlichen Bestimmungen und Maßnahmen erst händisch erfasst und ausgewertet, bevor diese Werte dann in die Excel-Maske eingefügt werden können. Excel errechnet dann automatisch alle Lateralitätsquotienten und erstellt ein entsprechendes Kategorisierungsprofil (Abb. 6.13).
Abb. 6.13

Auszug der Excel-Maske zu dem Subtest Überkreuzen der Körpermitte. Die eingetragenen Werte sind Platzhalter. Sobald die Anzahl der Reaktionen in die weißen Felder eingetragen wird, errechnen sich die Quotienten. Ein Minuswert bedeutet immer Linkshändigkeit. (Aus: Kraus, 2018)

6.4 Welche spezifischen Merkmale hat das Händigkeitsprofil in Vergleich zu anderen Testinstrumenten der Händigkeit?

Als Praktikerin und Therapeutin wünscht man sich valide Assessments, die schnell und effizient durchzuführen sind und aufgrund derer man eine klare Aussage zur Händigkeit treffen kann. Es gibt einige Tests zur Händigkeit die in  Tab. 3.2 vorgestellt wurden, die häufig, vor allem im deutschsprachigen Raum, angewendet werden. Allerdings erfassen diese Tests in der Regel entweder die Präferenz oder die Leistung. Wie schon oft erwähnt, ist die Vergleichbarkeit der Handpräferenztests meist nicht gegeben, weil unterschiedliche Items und unterschiedlicher Anzahl genutzt werden und sich die Tests auch methodisch unterscheiden. Die Tab. 6.2 und Tab. 6.3 fassen bestimmte Merkmale der häufig verwendeten Testverfahren für die Präferenz und Leistung zusammen und stellt sie denen des Händigkeitsprofils gegenüber.
Tab. 6.2

Merkmale von Händigkeitstestverfahren zur PRÄFERENZ in Forschung und Praxis im Vergleich zum Händigkeitsprofil

 

Selbst-/Fremdeinschätzung

Anamnese

Durchführung

Anzahl Kategorien/Skala

Interne Konstanz

Präferenz-Items

Motorische Anforderung

Für Forschung entwickelt

Für Praxis entwickelt

Gütekriterien

Normierung

Präferenz

EHI

Selbst/Fremd

Adaptiert für Kinder

5

Teilweise

10

Niedrig

Ja

Eventuell

Ja

Nein

HAPT

X

 

Ja (3×)

14

Niedrig

Ja

Ja

Ja

Ja

S-MH

X

X

2

Teilweise

25

Gemischt

sekundär

Ja

Nein

Nein

HPT

X

4

Nein

20

Niedrig

sekundär

Ja

Ja

Bedingt

WHCT

X

2 (LQ)

Ja (4×)

8

Gemischt

Ja

Sekundär

Ja

Nein

HPDT

X

3

Ja (3×)

8

Niedrig

Ja

Nein

Nein

Nein

PHI

Fremd

X

 

Nein

13

Niedrig

Ja

Nein

Nein

Nein

WHQ

Adaptiert

X

5

Ja

33

Niedrig

Ja

Nein

Nein

Nein

HP

x

x

8

Ja

24

Gemischt

Ja

Ja

Ja

Ja

Überkreuzen der Körpermitte

QHP

 

Nein

X

LQ

Ja (3)

21

Niedrig

Ja

Nein

Nein

Nein

SVCU

 

X

X

2

Nein

1

Niedrig

Nein

Ja

teilweise

Ja

HP

 

X

X

8

Ja

30

Bedingt

Bedingt

Ja

Ja

Bedingt

EHI = Edinburgh Handedness Inventory (Oldfield, 1971)

HAPT = Handpräferenztest für 4- bis 6-jährige Kinder (Bruckner, 2010)

HP = Händigkeitsprofil (Kraus, 2003, 2018)

HPDT = Hand Preference Demonstration Test (Soper & Satz, 1984)

HPT = Handpräferenztest (Becker & Steding-Albrecht, 2006)

PHI = Preschool Handedness Inventory (Tan, 1985)

QHP = Quantification of Handpreference Task (Bishop, Ross, Daniels, & Bright, 1996)

S-MH = Sattler Methode zur Austestung der Händigkeit (Sattler, 2008)

SVCU = Space Visualization Contralateral Use (Ayres, 1989)

WHCT = WhatHand Cabinet Test (Bryden, Roy, Rohr, & Egilo, 2007)

WHQ = Waterloo Handedness Questionnaire (Steenhuis & Bryden, 1989)

Tab. 6.3

Merkmale von Händigkeitstestverfahren zur LEISTUNG in Forschung und Praxis im Vergleich zum Händigkeitsprofil

 

Selbsteinschätzung

Fremdeinschätzung

Art

Anzahl Items

Geschwindigkeit

Genauigkeit

Motorische Anforderung

Für Forschung entwickelt

Für Praxis entwickelt

Gütekriterien

Normierung

Leistung: Fertigkeit

HDT

Nein

Nein

X

2

Ja

Bedingt

Hoch

Ja

Bedingt

Ja

Ja

PTK/LDT

Nein

Nein

X

2

Ja

Bedingt

Hoch

Ja

Bedingt

Ja

Ja

HPT

Nein

Nein

X

4

Ja

Ja

Hoch

Ja

Ja

Ja

Teilweise

MAcc

Nein

Nein

X

2

Ja

Ja

Hoch

Nein

Ja

Ja

Ja

HP

Nein

Bedingt

X

8

Ja

Ja

Hoch

Bedingt

Ja

Ja

für 6 Jahre

Leistung: Fähigkeit

PP

Nein

Nein

Um-stecken

2×25

Ja

Nein

Mittel

Ja

Ja

Ja

Ja

ZNT

Nein

Nein

Bewegungsqualität

6 Bereiche

Ja oder

Nein

Ja oder

Nein

Niedrig

Ja

Ja

Ja

Ja

FT

Nein

Nein

Fingerklopfen

Anzahl in Sekunden

Ja

Nein

Mittel

Ja

Nein

Nicht angegeben

Nicht angegeben

PMT

Nein

Nein

Umstecken

30× pro Hand

Ja

Nein

Mittel

Ja

Ja

HP

Nein

Nein

X

8

Ja

Ja

Ja

Bedingt

Ja

Ja

Bedingt

Leistung: Bimanuelle Kooperation

BCD

Nein

Nein

4

4

Nein

Bedingt

Mittel

Ja

Nein

Nicht angegeben

Nicht angegeben

BMC

Nein

Nein

Bewegungen

10

Nein

Nein

Mittel

Ja

Ja

Ja

Ja

HP

Nein

Nein

X

8

Bedingt

Bedingt

Ja

Bedingt

Ja

Ja

Bedingt

BCD = Bimanual Circle Drawing (Carson, 1997)

BMC = Bilateral Motor Coordination Test (Ayres, 1989)

FT = Finger Tapping (Peters, 1989)

HDT = Hand-Dominanz-Test (Steingrüber & Linert, 2010)

HP = Händigkeitsprofil (Kraus, 2003, 2018)

LDT = Leistungs-Dominanz-Test (Schilling, 1974, 2009)

MAc = Motor Accuracy (Mac) Test (Ayres, 1989)

PMT = Peg-Moving Task (Annett, 1992)

PP = Purdue Pegboard (Tiffin & Asher, 1948)

ZNT = Züricher Neuromotorik Test (Largo, Fischer, Caflisch, & Jenni, 2007)

6.5 Fazit

Das Händigkeitsprofil ermittelt systematisch und standardisiert mehrere Aspekte der Händigkeit. Außerdem werden Strukturhilfen zur Analyse und Interpretation angeboten. Somit zeichnet sich das aktuelle Händigkeitsprofil durch folgende Merkmale aus:
  • Berücksichtigung und Verknüpfung von komplexen und relevanten Kontextfaktoren

  • Vielseitige Erfassung unterschiedlicher Händigkeitsdimensionen (Präferenz, Leistung, Überkreuzen der Körpermitte, bimanuelle Bewegungsabläufe, Anamnese, Beobachtungen und Bewertung der Qualität von Handlungen und Bewegungen)

  • Bewertung motorischer Leistung auf quantitativer und qualitativer Ebene unter unterschiedlichen Voraussetzungen (ein- und beidhändig, geschult und ungeschult)

  • Grafische Übersicht der quantitativen Daten (Kategorisierungsprofil) und differenzierte Systematik für die Zusammenführung der vielseitigen Information (Differenzierungstabelle, Kriterienansammlung [Cluster] für einen Händigkeitstypus, Achsendiagramm), um eine fundierte Entscheidungsfindung zu unterstützen

Die Rückmeldung von Anwendern aus der Praxis ist, dass das Händigkeitsprofil für komplexe Fälle ein nützliches Instrument ist und tatsächlich den Entscheidungsprozess wesentlich unterstützt. Daneben setzen viele Therapeuten das Händigkeitsprofil auch bei erwachsenen Menschen ein, bei denen es wichtig ist, die motorische Leistung zwischen den Händen zu vergleichen und die Handpräferenz zu überprüfen, z. B. bei vermutlich umgeschulten Linkshändern oder Personen nach neurologischen/orthopädischen Erkrankungen bzw. Traumata.

Wie diese Merkmale in Bezug auf die einzelnen Tests, die Durchführung und die Strukturhilfen die Grundlage für eine klinische Entscheidungsfindung und mögliche Therapie bilden, sollen die nächsten beiden Kapitel zeigen.

Fußnoten

  1. 1.

    Dieser modifizierte Überkreuzungstest ist einfacher und billiger herzustellen, und es gibt nur ein Überkreuzungsformat statt zwei wie in der vorherigen Testversion. Da sich über viele Beobachtungen gezeigt hat, dass sich die Fähigkeit, spontan zu überkreuzen oder es zu vermeiden, fast immer zu Beginn einer Bewegungsdurchführung offenbart, schien es sinnvoll, die Legosteine nach Aufnahme mittig abzulegen und nicht auf den Seiten, wie es bei dem Stäbchenspiel der Fall war.

  2. 2.

    Begründung: Das Kind hatte in der alten Version nur die Möglichkeit 4–5 Kreisbewegungen zu machen, bevor ein Testdurchgang beendet war. Das bedeutet, dass der Geschwindigkeitsfaktor, der die Differenz zwischen den Händen erhöht, nicht eingesetzt werden konnte. Außerdem war die Spannung der beiden Knöpfe oft nicht identisch und sie nahm mit der Zeit ab.

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Copyright information

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Authors and Affiliations

  1. 1.Alice Salomon HochschuleBerlinDeutschland

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