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Theorien

  • Karl Jaspers

Zusammenfassung

Wo man einen Kausalzusammenhang feststellt, denkt man unvermeidlich etwas Zugrundeliegendes hinzu Von diesem Zugrundeliegenden, das seinem Wesen nach uns nie direkt zugänglich, sondern immer erschlossen ist, kann man sich mögliche Vorstellungen und Bilder machen. Solche Vorstellungen vom Zugrundeliegenden heißen Theorien. Direkt zugänglich und anschaulich sind nur die subjektiven Phänomene und die objektiven Daten. Anschaulich bleibt noch der verständliche Zusammenhang. Wo das Verstehen aufhört, beginnt die kausale Fragestellung. Wo ein kausaler Zusammenhang festgestellt ist, da ist der Angriffspunkt der Theorie. Vorbilder für das theoretische Denken sind die physikalischen und chemischen Theorien. In diesen wird etwas den Erscheinungen Zugrundeliegendes gedacht (Atome, Elektronen, Schwingungen usw.), das quantitative Eigenschaften hat, so daß aus der Theorie Konsequenzen abgeleitet werden, die in der Wirklichkeit durch messende Experimente bestätigt oderwiderlegt werden. So findet eine fortwährende Wechselwirkung zwischen Theorie und tatsächlichen Feststellungen statt. Die Theorie wird fruchtbar, weil sie den Weg zu neuen Tatsachen weist, und sie ist immer allbeherrschend, weil jeweils sämtliche Tatsachen ihr unterliegen. Wo irgend etwas nicht stimmt, da setzt die Forschung ein. Es ist nicht der Sinn der Theorie, schon Bekanntes zu deuten und zu umschreiben, sondern Neues entdecken zu lassen. Der große Erfolg der naturwissenschaftlichen Theorien wirkte suggestiv auf alle Wissenschaften. So wurden auch in der Psychologie und Psychopathologie Theorien umfangreich ausgebaut. Sie haben hier keineswegs große Erfolge erzielt. Aber in begrenztester Weise haben doch einige ihre Fruchtbarkeit gehabt. Da das Hinzudenken von Außer-bewußtem unvermeidlich ist, liegt hier eine selbständige Sphäre psychologischer Begriffe, ein Gesichtspunkt neben den anderen vor. Wiederholt sind Theorien in den früheren Kapiteln schon gestreift worden. Hier sollen sie selbst Gegenstand unserer Aufmerksamkeit sein.

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Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1923

Authors and Affiliations

  • Karl Jaspers
    • 1
  1. 1.Universität HeidelbergHeidelbergDeutschland

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