Zusammenfassung

Eine Menge äussere Einflüsse und innere Triebfedern müssen in Thätigkeit gesetzt sein, bevor der Wille seine Hand, ohne sie zurückzuziehen, auf das Eigenthum legt und es ausspricht, dass zwar die Dinge, die er zueigen besitzt, wandelbar sind, der Begriff des Eigenthums selbst aber unveränderlich und ewig. Auf den niedersten Culturstufen der Jäger- und Fischerstämme findet sich Gütergemeinschaft: die Geräthschaften und der durch sie erzielte Ertrag an Lebensmitteln sind nahezu der einzige Eigenbesitz. Der Nomade erblickt in dem Lande eine ungeheure Gemeindeweide, und erst die Heerden fangen an, in feste Hände überzugehen. So zum Theil in Sparta, in Peru, in Mexico.1) Die Ionier hoben entschiedener das Eigenthumsrecht aus den Ansprüchen der Gesammtheit heraus, brachten es aber noch immer nicht dahin, den subjectiven Rechtswillen von der zum Theil drückenden Bevormundung des Staatswesens loszulösen.2) In dem vollen Bewusstsein der subjectiven Berechtigung gewannen die Römer zuerst die Einsicht von dem Wesen und den Bedingungen des ächten Eigens, und damit war die Trennung zwischen öffentlichem Recht und Privatrecht vollzogen — vielleicht der erfolgreichste Schritt in der ganzen Rechtsgeschichte und zugleich eine ernste, jedoch erst in der Gegenwart gebührend vernommene Mahnung, den Gesellschaftsbegriff in derselben Weise vom Staatsbegriffe abzutrennen, wie der subjective Rechtswille, als Träger des Privatrechts, vom Staate, als Träger des öffentlichen Rechts, durch römische Thatkraft geschieden wurde. Ueber dem römischen Eigenthum waltet keine andere Gnade, als die Gnade der Gottheit; jeder Eigenthümer ist sein eigener Auctor und im Staatsleben wie im Privatleben giebt es nur originäre Erwerbungsarten.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1).
    Der natürliche Verstand der kaum erst auf die unterste Stufe der Gesittung gelangten Völkerschaften, die jedoch keine wandernden Horden sein dürfen, zeigt sich ungemein erfinderisch in allerlei Listen und Nothbehelfen, um Eingriffe in das Eigenthum, welche die Faust des Stärkeren und die Schlauheit des Klügeren unternehmen könnte, abzuhalten. Bekannt ist das Tabuh der Südsee-Inseln. Auf Nen-Seeland hatte ein Häuptling den Einfall, die nach dem englischen Lager führenden Wege tabuh zu machen, so dass kein Eingeborener mehr wagte, den Truppen Nahrungsmittel zu bringen. (Arthur T h o m s o n, The story of New-Zealand. London 1859.) In culturgeschichtlicher Beziehung, zumeist hinsichtlich des zweckmässigsten Colonialsysteins, ist es wichtig, zu untersuchen, ob wenig entwickelte Völker den allein durch das angestrengteste Willensvermögen persönlich dargestellten Eigenthumsbegriff zu ertragen im Stande sind. Deni Morgenland ist der civile Begriff liegenden Eigenthums fremd geblieben. Dem Monarchen gehört das Land, und der Unterthan ist Nutzniesser dessen, was er hat. Man hat es angefochten, dass die indobrittische Regierung in Bengalen Lehen schuf und Grundbesitz an europäische Einwanderer vergab, und mit Recht erntete das von v a n der B os ch auf Java eingeführte System, die vom Landessonverän zu fordernde Pacht in Bodenerzeugnissen, anstatt in Geld, einzutreiben, grossen Beifall, dadurch namentlich, dass man den Grundbesitzern vorschreiben konnte, in welchen Früchten sie den Pachtschilling zu entrichten hätten. Auf die Weise wurden sie gezwungen, die lohnendsten Producte, wie Kaffee, Zucker, Indigo, zu pflanzen.Google Scholar
  2. 2).
    Was dem Hellenenthum den Untergang brachte, ist das Lebensprincip des Römerthums. Das Princip der Subjectivitii t tritt hier in eine neue Phase, es erscheint als Individualismus, welcher den Einzelmenschen gegenüber dem Gemeinwesen zu einer selbständigen Bedeutung und einem unabhängigen Wirkungskreise erhebt, ja sogar den Schwerpunkt der Existenz in diese individuelle Sphäre verlegt.“ (Hildenbrand, Geschichte und System der Rechts- und Staatsphilosophie. I. 524.)Google Scholar
  3. 1).
    G. L. v. Maurer (Einleitung zur Geschichte der Mark-, Hof-, Dorf- und Stadt -Verfassung. 6 u. 93) urtheilt, ein wahres Privateigenthum habe es ursprünglich bei den Germanen nicht gegeben, das „Loosgut“ sei des damit verbundenen Wechsels wegen blos ideales Eigenthum gewesen. Allein derselbe Verf. gesteht (S. 205), der Looseigner habe volle Freiheit gehabt, sein Loosgut zu veräussern und zu verschenken, wem er nur wollte, und namentlich sei in Dänemark bereits zur Zeit der Abfassung der Rechtsquellen wirkliches Sondereigen die Regel gewesen. Die Stellen bei Tacitus (Germ. c. 26) und Caesar (Bell. gall. VI. 22) werden nur auf die halbansässigen Völkerschaften, wie die Sueven, sich -beziehen, wiewohl Beispiele von Feldgemeinschaft unter den Germanen auch später (Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte. I. 21 u. 269), so gut als anderwärts (Rosther, Nationalökonomik des Ackerbaues. § 71), vorkommen. Keineswegs ist bewiesen, dass die nordischen Ausdrücke Athaelbit, Odhal, Aedhel so viel als Adelsbesitz, und das gleichbedeutende Alod (al-od = ganzes, volles Eigen, lutereigen. Schmeller, Glossar. saxon. 5 u. 85) einen dem Privateigenthum entgegengesetzten Geschlechterbesitz ausdrücken sollten.Google Scholar
  4. 2).
    Pott, Etymologische Forschungen. I. 223.Google Scholar
  5. 3).
    Sprachlich wird, abgesehen von Wehr oder Waffe, zwischen „wëre,“ in der Bedeutung von Gewährleistung, Verbürgung (wërgarant, warranter) und „were,” Besitz, unterschieden, indem man „gewere“ abzuleiten vom and. werjan, goth. vasjan (?) (vestire) als „Einkleidung” in den Besitz deutet. (Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer. 603.) In den französischen „Coutumes“ kommt neben vest und mit diesem gleichbedeutend well (davon werpir, guerpir) vor (H. Klimrath, Travaux sur l’histoire du droit français. II. 376), und schwerlich greift man fehl, wenn man werp aus dem Deutschen erklärt. Wergeld soll der Preis des erschlagenen Mannes (wër = vir), capitis cestinzatio sein; es wird sich aber kaum bestreiten lassen, dass in der Gewere eine Anzahl verwandter Vorstellungen vereinigt ist, die einen und denselben Ursprung verrathen. Die Wurzel ist var wehren, arcere; wogegen vasjan zu skr. vas (ivvu;i.t für 4-vuµt) gehört, in der Rechtssprache aber mit var, werjan verschmolzen zu sein scheint. Wahrhaft, and. wiirsecco hängt zusammen mit „bewaren.” (Grimm. 858.) Auch Ares (Mars) ist wahrscheinlich mit lpw; und vir gleichen Ursprungs und bedeutet Wehre r, Schützer. Vestire wird von den Schriftstellern des Mittelalters in sehr verschiedenen Bedeutungen gebraucht, insbesondere auch als Bodenbekleidung oder Bebauung.Google Scholar
  6. 4).
    Die Begriffe Eigenthum, Wehrhaftigkeit, Freiheit sind Correlate, und bis auf den heutigen Tag gelten in England liberty und property für synonym. Einen Beweis dafür, dass die Gewere in der Vorstellung des Wahren (verus) wurzelt, glaube ich in dem Umstand erblicken zu dürfen, dass das germanische Mittelalter anstatt Alad, laereditas nicht selten den Ausdruck „veritas“ gebrauchte. (Des Vfs Entstehung und Geschichte des Westgothen - Rechts. 270.)Google Scholar
  7. 6).
    Gerber, Deutsches Privatrecht. § 73, der richtig die Ununterschiedenheit in der Auffassung der persönlichen und der dinglichen Rechte, und die Ungetrenntheit des im Eigenthum liegenden factischen Moments, des Besitzes, vom Rechte erkannt und in der Gewere zunächst Besitz (factisches Innehaben), sodann Haus und Hof, endlich Schutz im Verhältniss einer Person zu einer Sache ausgesprochen findet.Google Scholar
  8. 7).
    Bluntschli, Deutsches Privatrecht. § 54. Erschöpfend kerns auch Kraut’s (Die Vormundschaft nach den Grundsätzen des deutschen Rechts. I. 62) Erklärung nicht heissen, der die Gewere auf die Wehrhaftigkeit des Familienoberhaupts allein zurückführt, was Zöpfl (Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte. II, 2. § 104) erweiternd in „Vertheidigungsbesitz“ verwandelte. Unstreitig liegt in der franz. saisine (sassiva) das Festhalten dessen, womit das Rechtssubject bekleidet ist.Google Scholar
  9. 8).
    Es lassen sich unterscheiden Eigengewere (eigentliche), Lehrasgewere, Leibzuchtgewere, hofrechtliche Gewere, Pachtgewere, Faustpfandgewere u. s. w., und namentlich wird man darauf zu bestehen haben, dass der Vormund das Mündelgut, bis zur Zeit der Ausscheidung bei der Volljährigkeit des Pflegbefohlenen, in seiner Gewere hatte. Unter den Carolingern wurden neben den Hof- und Pfalzgütern auch die Kirchengüter zur Gewere des Kaisers gerechnet. (W a i t z a. a. O. IV. 135.) Aber unstatthaft ist es, die einfache Besitzgcwere, nach römischem Vorbild, als ein blos thatsächliches und nicht zugleich rechtliches Verhältniss zu verstehen, weil nicht dem Wesen, sondern nur dem Grade nach das Eigenthum von dem Besitze abweicht. Der Trieb, zu individualisiren, zu sondern und zu gliedern, Jegliches an seinen gehörigen Platz zu stellen, zieht sich durch die gesannnte germanische Rechtsbildung hindurch und erstreckt sich selbst auf die Thiere, die nach Alter, Race, Gattung unterschieden werden.Google Scholar
  10. 1).
    Noch ganz neuerdings haben Obergerichte den Grundsatz bestätigt.Google Scholar
  11. 2).
    Dass das Bergwerksregal gegen das Hecht streite, als Usurpation anzusehen sei, kam in Deutschland schon frühzeitig zum Bewusstsein. Der Sachsenspiegel bestimmt, dass „alle Schätze unter der Erde vergraben, tiefer denn ein Pflug gehet,“ der königlichen Gewalt gehören. Churiïirst August von Sachsen hob i. J. 1572 durch eine Landes-Constitution (tonst. ‘53) das Gesetz für sein Land auf, derselbe edle Fürst, der gegen die in ganz Deutschland übliche, dem römischen Strafrecht entnommene, fürchterliche Criminalpraxis ankämpfte. (Hölseher, Gesch. des Brandenb.-Preussischen Strafrechts. 121.) — Die im Boden gefundenen Schätze erheischen eine billige Ausgleichung zwischen Finder und Grundeigenthiimer, weil dem Finder der Lohn für seine Arbeit nicht entzogen werden kann, vorausgesetzt, dass sie nicht unrechtmässig unternonnnen wurde.Google Scholar
  12. 1).
    Noch in der späteren Zeit des römischen Reiches bestritten Eltern mit ihren Kindern die Steuern. (Zosimus. II. 38.) In einem grossen Theil der alten Welt hatte die Härte der Schuldgesetze dieselbe Wirkung, unter andern auch bei den Friesen. (T acitus, Annal. IV. 72.)Google Scholar
  13. 2).
    Mommsen in v. Sybel’s Historischer Zeitschrift. I, 2. 232. Zu der Freilassung von Seiten eines Bürgers kam. in der Verleihung des Biirgerrechts durch die Gemeinde eine weitere Entstehungsform der Plebität. Dass die Theten in Attika, die zur Zeit Solon’s gegen die Reichen ans denselben Gründen aufstanden, wie die Plebejer Roms bei der ersten Secession auf den heiligen Berg, sich in der gleichen Lage mit den römischen Clienten befanden (Dionysins Halicar. II. 9), ist kaum wahrscheinlich. In England dagegen hat die Classe der copyholder die im Mittelalter mit Land ausgestattete Knechte waren, eine ähnliche Ent- stehungsart.Google Scholar
  14. 4).
    Von dem riesenhaften Anwachsen der Anforderungen des Staates an den Einzelnen kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man erfährt, dass in einem Zeitraum, während dessen die englische Bevölkerung sich etwas mehr als verdreifachte, die Staatsausgaben auf das Vierzigfache gestiegen sind und hauptsächlich von der Grundrente bestritten werden. Bei der grossen Wohlhabenheit der Grundeigenthümer läuft der Nationalwohlstand darum keine Gefahr, und hat kein Zahlungsfähiger die geringste Noth, seinen Geldbedarf durch die einfachsten Mittel zu beschaffen. Der Bankier macht den Kassier für eine Anzahl Privatpersonen; eine Anzahl Bankiers schaaren sich um eine Laudbank, und die Banken insgesammt stehen in Verbindung mit grossen Londoner Geldhäusern, die ihre Baarvorräthe in der Bank von England liegen haben. Es sollen 9/1, aller Zahlungen ohne Hilfe von Münzen oder selbst Banknoten abgemacht werden, und während Frankreich 4 Milliarden Franken baares Geld nöthig hat, begnügt sich England mit 1200 Millionen. (M. Chevalier, Cours d’économie politique. III. 397.) Die Giro-Bank der Londoner Banker verrechnete i. J. 1858 gegen 1900 Millionen Pf. St., wovon nur 7% bawr ausbezahlt wurden.Google Scholar
  15. 1).
    In den letzten 20 Jahren hat das Einschreiten der Centralgewalt in England bedeutend zugenommen — Armenpflege, Geisteskranke, Gefängnisswesen, Polizeicontrole für die Städte sind in die Hände der Regierung übergegangen, jedoch bei der Entwöhnung von aller Centralisation oft genug, trotz der Kostspieligkeit, ohne Erfolg. Die seit 1839 bestehende Oberschulbehörde (Committee of Council an Education) verausgabt jährlich 800,000 Pf. St., und gleichwohl lernen die Kinder nur sehr unvollkommen lesen, schreiben und rechnen, hauptsächlich weil Lehrer und Lehrerinnen viel zu hoch und für ganz andere Lebensverhältnisse, als eine Volksschule, ausgebildet werden.Google Scholar
  16. 2).
    Rödér, Grundzüge des Naturrechts. 137. In England ist die Pressfreiheit erst da znr Wahrheit geworden, als Erskine in dem Prozess gegen den Buchhändler Stockdale den Geschworenen bewies, dass sie ihren Spruch nicht allein über die Thatsache der Verbreitung der angeklagten Schrift, sondern vorerst darüber abzugeben hätten, ob die Schrift überhaupt ein Libell sei. Dagegen hatte in Nord-America der greise Rechtsanwalt Hamilton schon i. J. 1735, ans Anlass eines gegen den Verleger Zenger anhängigen Prozesses, den Satz durchgefochten, dass nur wer „Falsches, Scandalöses und Aufrührerisches“ behauptet, als Libellist verfolgt werden könne, und dass die Geschworenen über beide zu entscheiden haben, wenn die Rechtsfrage mit der Thatfrage complicirt sei.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1863

Authors and Affiliations

  • Adolf Helfferich

There are no affiliations available

Personalised recommendations