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Phonographische, telephonische und ohrenärztliche Beobachtungen

  • Carl Stumpf

Zusammenfassung

Schon bald nach der Erfindung des Phonographen wurde der Apparat zur Prüfung der Vokaltheorien herangezogen. Sind die Vokale durch Formanten von fester absoluter Tonhöhe charakterisiert, so müssen die auf einer Walze aufgenommenen Vokale bei veränderter Umlaufsgeschwindigkeit ihren Charakter verändern, mögen übrigens die Formanten harmonisch oder unharmonisch zum Grundton sein. Ist aber die relative Höhe bzw. die Ordnungszahl der charakteristischen Teiltöne entscheidend, so müssen die Vokale im wesentlichen unverändert bleiben. Also nicht zwischen Helmholtz und Hermann, wohl aber zwischen der Absolut- und der Relativtheorie kann so entschieden werden. In der Zeit der ersten, unvollkommenen Stanniolaufnahmen wurde noch gelegentlich behauptet, daß die Tatsachen im letzteren Sinne sprächen1). Bei geringen Veränderungen der Geschwindigkeit könnte man auch heute noch so denken. Aber bei größeren liegt die Entstellung so klar vor, daß seit Hermanns letzter Abhandlung darüber (1911) entgegenstehende Behauptungen nur ganz sporadisch noch aufgetaucht sind (so 1916 bei Flowers, den Stefanini sofort korrigierte), Daß sich sämtliche beobachtete Veränderungen aus einer Absolut-Theorie müssen ableiten oder voraussagen lassen, kann man allerdings nicht erwarten. Vielmehr mögen bei einer stark beschleunigten oder verlangsamten Drehung rein physikalische Faktoren ins Spiel treten, die die Alteration der aus dem Phonographen kommenden Schallwellen jnitbedingen. Auch wird in Betracht kommen, daß der Phonograph überhaupt nur auf eine mittlere Zone von Tönhohen merklich reagiert. Voraussagen kann man nur: 1. daß im allgemeinen die Vokale bei verlangsamter Reproduktion in dunklere, bei beschleunigter in hellere übergehen werden; 2. daß die zweiteiligen, aus Formant und Unterf ormant zusammengesetzten Vokale, eine Verzerrung ihrer Struktur erfahren müssen, die überhaupt keinem der gebräuchlichen Vokale mehr entspricht. Denn wird I verlangsamt, so geht zwar der I-Formant in den E-Formanten über, zugleich sinkt aber der Unterformant mit, während er für E höher gehen müßte. Und wenn wir E beschleunigen, ist in beiden Beziehungen das Umgekehrte der Fall. Auf diesen Umstand hat bereits Miller mit Recht aufmerksam gemacht. Wieweit und in welcher Art sich diese zu erwartenden Neubildungen in der Beobachtung geltend machen werden, läßt sich wieder nicht voraussagen. Überblicken wir nun die Beobachtungen selbst.

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Literatur

  1. 1).
    So von Jenking und Ewing, Nature Bd. 17, 1878; wogegen alsbald Cboss, das. Bd. 18, 1879.Google Scholar
  2. 1).
    A wird nach CLAUS unter den Flüstervokalen am weitesten gehort. Bei meinen If.-Versuchen bemerkte ich vielfach, daß starkes Fluster-A und Sch durch die Wand gehort wurden, weshalb hier leisere Schallgebung oder Verlangerung der Leitung bis ins ubernachste Zimmer erforderlich war. Dies entspricht auch den bekannten Beobachtungen von O. WOLF (Sprache und Ohr, 1871) über die Horweite der Sprachlaute, wonach unter den Vokalen A, unter den K o n s o n a n t e n Sch am weitesten gehort wird. Damit stimmen auch Versuche von H. RUEDERER (Ub. d. Wahrnehmung des gespr. Wortes, Diss. München 1916, S. 20) überein.Google Scholar
  3. 1).
    P. v. LIEBERMANN berichtet (Biol. Zentralbl. 1912, S. 746) von einemArzt, der die Tone oberhalb c2 nicht mehr horen konnte, aber ein auf e gesungenes A ausnahmslos richtig erkannte. Richtig kann er es aber nicht gehort haben, sondern nur als ein OA, das ihm das helle A ersetzen mochte, ebenso wie der partiell Farbenblinde im gewohnlichen Leben mit seinen veranderten Farben zurechtkommt, oft ohne auch nur davon zu wissen. REVESZ meint, es sei von dem vernichteten c3 dessen abstrakte „A-Vokalitat“ doch übriggeblieben. Aber der Mann horte ja nach dem Bericht die c3-Gabel überhaupt nicht, muB also auch Für ihre Vokalitat taub gewesen sein.Google Scholar
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    Für die Prüfung der Hörschärfe hat GRADENIGO schon 1916 (Arch, ital. di Otol. Bd. 28, 1918) nach dem Vorgange von WAETZMANN (Zeitschr. f. Ohrenheilk. 1911) eine If.-Einrichtung empfohlen. Aber zu den obigen Zwecken wurde sie damals meines Wissens noch nicht gebraucht.Google Scholar
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    Außer den Arbeiten von FLETCHER, WEGEL und LANE (S. Lit.-Verz.), worin diese Anwendungen eingehend berücksichtigt wurden, vgl. Besonders FOWLER und WEGEL, Audiometric Methods and their Application, Western Electric Comp. Eng. Dep. Oct. 1922. J. P. MINTON, Proc. Nat. Acad. Sc. Bd. 7, S. 22Iff. (1921). Bd. 8, S. 274ff. (1922), Bd. 9, S. 269ff (1923, mit J.G.WILSON); Phys. Rev. Bd. 19, S. 80ff. (1922), Bd. 22, S. 506ff. (1923).Google Scholar

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1926

Authors and Affiliations

  • Carl Stumpf
    • 1
  1. 1.Universität zu BerlinBerlinDeutschland

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