Advertisement

Die myelogenetische Hirnlehre

  • Paul Flechsig

Zusammenfassung

Ich beschränke mich hier auf die anatomischen Tatsachen, welche gefunden wurden nach Vervollkommnung der Härtungs- und Färbetechnik. Zu gedenken ist hierbei in erster Linie der großen Verdienste, welche C. Weigert durch seine Hämatoxylinfärbung sich um die Hirnlehre erworben hat; ich habe hauptsächlich mit derselben gearbeitet.1)

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1).
    Vgl. über das Rückenmark meine „Leitungsbahnen im Gehirn und R“. Leipzig 1876, W. Engelmann, S. iff. (Historisches). Hier ist der Autoren gedacht, welche schon vor mir Bemerkungen zur Myelogenese gemacht haben und ihrer wesentlichsten Befunde.Google Scholar
  2. 1).
    His, W.: Die Entwicklung des menschlichen Gehirns während der ersten Monate. Leipzig: S. Hirzel roo4. Daß gleichwertige Fasern annähernd gleichzeitig Markscheiden erhalten, hatte ich bereits 3o Jahre früher am Rückenmark nachgewiesen. Die Neuroblastik zeigt bei weitem nicht so augenfällige Bilder wie die Myelogenese, weshalb His übersehen hat, daß die obigen Grundgesetze auch für die Neuroblastik gelten.Google Scholar
  3. 1).
    Zu beachten ist, daß auch die Altersbestimmung der Früchte nach der Länge erhebliche Fehlerquellen birgt, und daß selbst die von mir hier angegebenen Längenmaße nur annähernde Richtigkeit beanspruchen können.Google Scholar
  4. 1).
    Vielleicht gehören hierher die auffallend frühe Reifung des r. vestibularis (zur Sicherung der Kopfhaltung besonders für die Geburt?) und die späte Markbildung an den hinteren Wurzeln auf der Strecke Ganglion—Rückenmark.Google Scholar
  5. 1).
    Magnus und C. Winkler legen besonderes Gewicht auf den tonisierenden Einfluß der Otolithen in Sacculus und Utriculus. Es ist aber zweifelhaft, wann dieselben sich bilden.Google Scholar
  6. 2).
    Die motorischen Nerven der beteiligten Kopf-bzw. Halsmuskeln habe ich bereits bei 15 cm stark markhaltig gefunden.Google Scholar
  7. 1).
    Den genauen Zeitpunkt der Myelogenese für jeden einzelnen Ast vermochte ich aus Mangel an Material nicht festzustellen. Bei i8 cm fand ich beide Maculae vollständig entwickelt, so daß der Beginn der Markbildung noch zurückzuverlegen sein dürfte.Google Scholar
  8. 1).
    Leider kannte ich bei Abfassung meiner „Leitungsbahnen“ 1876 ihren Verlauf oberhalb der Oblongata noch nicht. Ich habe die Strecke von der Vorderhirnrmde erst in meinen „Systemerkrankungen im Rückenmark” (Leipzig, Walter Wiegand, 1876) auf Tafel 6 dargestellt, auf welche ich hiermit, besonders was die innere Kapsel anlangt, verweise. Die Möglichkeit, den Ursprung der Pyramidenfasern aus den Riesenzellen der vorderen Zentralwindung darzustellen, zeigt Atlas Tafel 24, Fig. 3. Die extremen Variationen (Verlauf der P. ausschließlich in den Seitensträngen beziehentlich ausschließlich in den Vordersträngen) finden sich Tafel 9 und 10 der Systemerkrankungen.Google Scholar
  9. 1).
    Da eine ganze Reihe von Tatsachen vorliegt, welche darauf hinweisen, daß die phylogenetisch ältesten Fasersysteme gegen Gifte aller Art (auch bakterielle) eine besondere Widerstandsfähigkeit besitzen, so würde der Nachweis, daß die Respirationsbündel sich zuerst entwickeln,beziehentlich reifen, auch darauf hinweisen, daß sie eine besonders grope, vermutlich die größtmögliche Widerstandsfähigkeit gegen Noxen chemischer Art besitzen; man vergleiche z. B. die Chloroformwirkungen auf Oblongata und Vorderhirnrinde! Würden die Neurone allerorten gleich empfindlich sein, so würde schon im Beginn der Chloroformnarkose Lebensgefahr hohen Grades bestehen. Es würde mich indes viel zu weit von meinem Thema abführen, wenn ich hier näher auf diese praktisch offenbar sehr wichtigen Verhältnisse eingehen wollte; ist doch auch die Frage nach dem Wesen der primären Systemerkrankungen vermutlich nur auf diesem Wege zu lösen, nicht, wie CHARCOT und seine Mitarbeiter wollten, durch Verfolgung der ersten Anlage der zentralen Fasersysteme, sondern nur durch die myelogenetische Forschung.Google Scholar
  10. 1).
    Von C. Winkler bestritten; ein erheblicher Teil der absteigenden Vestibularwurzel endet scheinbar am Kern der Keilstränge und tritt vielleicht durch Vermittlung der letzteren mit der Hauptschleife und hierdurch mit dem Vorderhirn in Verbindung, evtl. mit den oberen Thalamusstielen und hierdurch mit der Körperfühlsphäre ?Google Scholar
  11. 1).
    Eine solche beobachtete ich bei einem Fall von Kleinhirn-atrophie, wo der Kranke beim Sprechen einzelne Laute bzw. Worte laut brüllend hervorbrachte, ohne Einhalt gebieten zu können. Er hatte vollständig die Fähigkeit verloren, die Stärke der Innervation der Sprachmuskeln usw. willkürlich zu bestimmen.Google Scholar
  12. 2).
    Daß es sich bei der Kleinhirnrinde nur um E in e Sphäre handelt, wird auch dadurch wahrscheinlich gemacht, daß die Struktur dieser Rinde in deren gesamter Ausdehnung vollständig übereinstimmt, im Gegensatz zu dem verschiedenen Bau der Rindenfelder des Vorderhirns.Google Scholar
  13. 1).
    Daß sich gelegentlich einzelne Projektionsfasern in die zweite Gruppe von Feldern verirren können, ist natürlich möglich; da man aber für derartige aberrierte Elemente Anfang und Ende zugleich nie feststellen kann, was bei geschlossenen Bündeln meist leicht gelingt, so ist das Betonen dieses seltenen Vorkommnisses nicht irgendwie ausschlaggebend.Google Scholar
  14. 1).
    Vgl. Flechsig, „Ober eine neue Färbungsmethode usw.“. Ber. d. Kgl. Sächs. Ges. d. Wiss., mathem.-physikal. Kl., Sitzung vom 5. August 1889, Untersuchungen von Held mittels der von Branca ausgebildeten Rotholzfcirbung. Die Brodmannsche Einteilung der vorderen Zentralwindung ist grob schematisiert.Google Scholar
  15. 1).
    Vgl. Sitzungsber. d. Kgl. Sächs. Ges. d. Wiss. vom 4. Mai 1885 und ebendaselbst Sitiung vom 22. Juli 1907: „Zur Anatomie der Hörsphäre des menschlichen Gehirns.“ Hier finden sich auch Abbildungen der völlig abweichenden Verhältnisse beim Gorilla und des Gehirns eines musikalischen Wunderkindes, von welchem FRANZ LISZT sagte, daß es mehr könne als er selbst. Die Stirnlappen sind hier beiderseits von einer ganz ungewöhnlich reichen Entwicklung, wie ich sie sonst nie gefunden habe. Die Hörsphären sind gut, aber nicht außerordentlich entwickelt. Das musikalische Genie scheint hiernach ein stark entwickeltes Stirnhirn vorauszusetzen: Logik ohne Worte.Google Scholar
  16. 1).
    Auch die Hauptschleife gibt keinen Teil an die Vierhügelgegend ab: das auf dem Querschnitt knopfförmige hinterste Bündel gelangt vollständig in den Sehhügel, nicht zwischen die Kniehöcker und schließt sich der Schleifenbahn zu den Zentralwindungen an.Google Scholar
  17. 1).
    Vgl. Atlas Tafel XX, Fig. 2. In der gesamten Schnittreihe ist hier die linke Hörstrahlung stärker als die rechte. Es läßt sich wohl annehmen, daß die Hörsphäre nichts anderes darstellt als eine Fortsetzung der hinteren Zentralwindung; beide stoßen am oberen Rand der hintersten Insel zusammen. Es bilden so die Rindenfelder der mechanischen Sinne eine geschlossene Reihe. Die Wernickesche Zone ist aber nur eine „Randzone“ (Flechsig) der Hörsphäre.Google Scholar
  18. 1).
    Die dünnen Fasern der Tüxcxschen Bündel gleichen wenig motorischen Leitungen, vielmehr Assoziationssystemen,so daß ich auch die Frage erwogen habe, inwieweit man diese Deutung akzeptieren könne. Es würde nur die assoziative Verknüpfung von Groß-und Kleinhirnrinde in Betracht kommen. Doch sind in beide GroßhirnrindenBrückenbahnen die Ganglienzellen des vorderen Brückenkerns eingeschaltet, was an Projektionssysteme denken läßt.Google Scholar
  19. 1).
    Vielleicht enthält diese Tatsache auch den Schlüssel zu einem anderen Problem; daß nämlich die Paralyse bei gewissen unkultivierten Völkerstämmen angeblich überhaupt nicht vorkommt oder nur äußerst selten; doch dürfte es mich zu weit führen, hier näher darauf einzugehen.Google Scholar
  20. 1).
    Vgl. hierüber die Ausführungen S. 120Google Scholar
  21. 1).
    Gelegentlich gesellt sich hier das System der Witzelsucht hinzu, meist ein Beweis für Urteilsschwäche, überraschend bei früher geistig hochstehenden Persönlichkeiten.Google Scholar
  22. 1).
    Balkenfreie Felder habe ich nicht nachweisen können, doch ist der Balkenanteil einzelner überaus geringfügig; Feld 13 (s. Tafel, Atlas S. 12, Fig. i) ist besonders ausgezeichnet durch frühe Myelogenese von Balkenbündeln; es macht den Anfang im parietalen Assoziationszentrum.Google Scholar
  23. 1).
    Erwägt man die ungeheure Größe des den Elefantenrüssel mit seinen 40000 Muskelbündeln erregenden Nervus facialis, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daB gegenüber der zugehörigen Körperfühlsphäre die menschliche bei weitem an Größe zurücksteht; und so werden sich noch zahlreiche Tierarten finden, deren Sinnessphären zum Teil wenigstens die menschlichen an Größe übertreffen.Google Scholar
  24. 2).
    Hier zeigt die rnyelogenetische Hirnlehre Anklänge an Gallsche Ideen; indes ist es völlig abwegig, wenn man von Amerika aus vorgeschlagen hat, meine Rindeneinteilung als Leipziger oder Flecesigsche Phrenologie zu bezeichnen. Die Motive hierzu sind ja recht durchsichtig: die idealistischen Psychologen pflegen jeden neuen Versuch, einzelne geistige „Vermögen“ zu lokalisieren, sofort mit einem Hinweis auf die Phrenologie zu charakterisieren und hoffen hiermit jede neue Theorie dieser Art a limine ad absurdum zu führen. Die Myelogenese stimmt tatsächlich mit GALLS Lehren in einem allgemeineren Gesichtspunkt überein, der aber im wesentlichen biologischer Natur ist; mit seinen psychologischen Grundanschauungen hat sie kaum Berührungen. Gall hatte eine richtige Idee,als er unter den Höckern bzw. Vorwölbungen am Schädel Hirnteile von besonderer Bedeutung vermutete. Daß hier die „Terminalgebiete”,die zuletzt entwickelten Teile der Vorderhirnoberfläche liegen, davon wußte er nichts, ebensowenig davon, daß alle diese Gebiete zu den geistigen Leistungen echt menschlichen Geprâges in nächster Beziehung stehen. Die Myelogenese zeigt aber doch, daß Gall mit dem ihm angeborenen morphologischen Scharfsinn (E. H. Weber bezeichnet ihn in seiner Anatomie als einen ausgezeichneten Anatomen !) Einzelnes andeutungsweise richtig erkannt hat (z. B. Stirnhirn = Organ des philosophischen Denkens). Andererseits beweist aber die myelogenetische Hirnlehre auf das deutlichste, daß Gall bei seiner Einteilung der Hirn-(Schädel)—Oberfläche die gröbsten Irrtümer unterlaufen sind (z. B. der Farbensinn, welcher zweifellos in der Sehsphäre, also am Hinterhauptspol lokalisiert ist, wird von Gall in das Stirnhirn verlegt). Der Name Gall ist aber trotzdem vermutlich unsterblich, weil er zuerst die Lokalisierbarkeit der geistigen Vorgänge behauptet, also ein im allgemeinen richtiges Prinzip aufgestellt hat.Google Scholar
  25. 1).
    Das „Ich“ ist nicht nur ein Gefühl, sondern auch ein Begriff und setzt als solcher vor allem logisches Denken voraus. Da letzteres nur dem Stirnhirn zukommt, so sind die klare Ichvorstellung und die Logik an denselben Hirnteil gebunden, so daß sich ihre gesetzmäßige gemeinsame Störung bei Stirnhirnerkrankungen genügend erklärt. Die Anthropoiden zeigen schon eine weit geringere Ausbildung des präfrontalen Gebietes, also des logischen Hauptorgans.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1927

Authors and Affiliations

  • Paul Flechsig

There are no affiliations available

Personalised recommendations