Advertisement

Biographisches

  • Paul Flechsig

Zusammenfassung

Ich bin geboren am 29. Juni 1847 in Zwickau i. Sa. als Sohn des Protodiakonus an der St. Marienkirche Emil Flechsig. Meine väterliche Familie ist höchstwahrscheinlich fränkischen Stammes, und unser ursprünglicher Name lautete Flechsing. Der älteste uns bekannte Träger desselben erhielt 1444 im Dorf Uttlingen bei Hersbruck an der Pegnitz unweit Nürnberg von Kaiser Friedrich III. einen Hof zum Lehen 1). 1515 war ein Glorius Flechsing Stallmeister eines sächsischen Prinzen und Ratsherr in Weimar. Seit 1571 verzeichnet das Kirchenbuch des Dorfes Hirschfeld oberhalb Zwickau i. E. die ununterbrochene Reihe meiner Vorfahren, welche im unmittelbar benachbarten, nach Hirschfeld eingepfarrten Dorf Wolfersgrün 2) begütert waren, später auch in Hirschfeld ein größeres Gut erwarben. In genanntem Kirchenbuch vollzieht sich 1668 aus unbekannten Gründen die Umwandlung unseres Namens aus Flechsing in Flechsig. In Wolfersgrün bekleideten meine Vorfahren bzw. nächste Verwandte nachweislich über 100 Jahre die Stellung des Amtsrichters und Gerichtsschöppen, so auch mein Urgroßvater.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1).
    Diese Feststellung verdanke ich dem Umstand, daB mein Vetter Prof. Dr. phil. Eduard Flechsig, Inspektor der Staatlichen Museen in Braunschweig, der bekannte Cranach-Forscher, als Mitglied der Königl. Sächsischen Kommission für Geschichte den Auftrag erhielt, alles auf die fränkische Malerschule, speziell Lukas Cranach, Bezügliche aufzunehmen und zu sammeln. Er besuchte deshalb die Kirchen in Franken und Thüringen und sah die Kirchenbücher ein, wobei er obiges feststellte.Google Scholar
  2. 2).
    Diese Dörfer liegen an der östlichen Grenze des Vogtlandes; höchstwahrscheinlich gehörten meine Vorfahren zu den fränkischen Kolonisten, welche das Vogtland wie das benachbarte Böhmen besiedelten unter Vertreibung der slawischen Sorbenwenden. Auch an der Gründung des wenige Stunden von Wolfsgrün entfernten Bärenwalde dürften sie beteiligt gewesen sein. Diese Ortsnamen tragen sämtlich ein exquisit deutsches Gepräge.Google Scholar
  3. 1).
    Diese im Mittelalter weithin berühmte, 1548 offenbar infolge der Reformation in den Grünhainer Klosterhof verlegte Lateinschule, welche auch ich besuchte, wurde von Dr. Martin Luther als ein köstliches Kleinod in Ew. Kurfürstl. Gnaden Ländern bezeichnet. Unter dem berühmten Mineralogen Agricola (um i 5 r 8) erreichte sie bis zu 70o Schülern, darunter viel Adel vom Bodensee bis zur Ostsee.Google Scholar
  4. 1).
    Ein, und zwar der wesentlichste, Teil von Gratiolets Sehstrahlung, die auch Meynert, allerdings nur vom Tier abgebildet hat, aber weniger deutlich als das fragliche Kindergehirn erkennen ließ.Google Scholar
  5. 2).
    Die gebräuchlichen Lehrbücher enthielten hierüber nichts Eine verwunderliche Tatsache, wenn man bedenkt, daß die Kenntnis des neugeborenen Menschenkindes denn doch für eine ganze Reihe von medizinischen Fächern von größter Bedeutung ist. Nur Th. Meynert hat in seinem Aufsatz „Vom Gehirn der Säugetiere“ einige treffende Bemerkungen gemacht. Vgl. meine „Leitungsbahnen im Gehirn und Rückenmark“ 1876, worin ich das bis dahin über Myelogenese Bekannte zusammengestellt habe. S. z ff.Google Scholar
  6. 1).
    erklärte mir Nothnagel eines Tages, er werde die Hirnforschung an den Nagel hängen, da sie aus der Mode gekommen sei und es Wichtigeres zu tun gäbe — für den inneren Kliniker gewiß, wenn auch nicht für den Forscher aus Leidenschaft. Die Bakterien hatten ihren Siegeszug angetreten. Als Forscher aus Leidenschaft habe ich mich indes nicht abhalten lassen, das Gehirn weiter zu bearbeiten, da mir immer, wenn auch nicht ganz klar, ein größeres Ziel vorschwebte: die Beziehungen von Gehirn und Seele.Google Scholar
  7. 1).
    Diese Bezeichnung der aus den Pyramiden des verlängerten Marks in das Rückenmark übergehenden Fasern stammt zum Teil von Türck, zum Teil von mir. Ich habe sie beibehalten, obwohl in der offiziellen deutschen anatomischen Nomenklatur von 1895 auf den Vorschlag von Wilhelm His dafür die Bezeichnungen Fasciculus anterior proprios Flechsigi = meiner Pyramidenvorderstrangbahn, und Fasciculus lateralis proprius Flechsigi = Türcks und meiner Pÿ ramidenseitenstrangbahn zur Anwendung gelangt sind. Meines Erachtens ist diese Namensänderung wenig glücklich, weil sie blaß und verschwommen ist. Sie wahrt aber, zum Teil wenigstens, das geistige Eigentum des Entdeckers. Der angebliche Grund des Bezeichnungswechsels, daß die Studierenden sich in meine Nomenklatur nicht finden könnten, ist nichts weniger als stichhaltig. Das Gegenteil ist richtig!Google Scholar
  8. 1).
    Abbildungen aller dieser Variationen finden sich einesteils in meinen „Leitungsbahnen“von 1876, andernteils in den „Systemerkrankungen des Rückenmarks“ 1878. Leipzig, Walter Wigand.Google Scholar
  9. 1).
    Einem gewiß geistig hochstehenden Forscher, wie Adolf Kuss-Maul, erschien diese Tatsache denn auch so wichtig, daß er kurz nach ihrer Publikation sie in seinem klassischen Werk über die Störungen der Sprache hervorhob, offenbar, weil er zu der TJberzeugung geführt wurde, daß hiernach die willkürlich-motorischen Bahnen den Schluß-stein der spinalen Faserzüge bilden. — Schopenhauer inversus!Google Scholar
  10. 1).
    Gustav Freytag, welcher mit Ludwig befreundet war, preist dies in seinen Lebenserinnerungen als eine vornehme Selbstentäußerung — vielleicht weil er die gehässige Auslegung anderer widerlegen wollte. Er kannte Ludwig als eine durchaus vornehme Natur, wie auch wir, die wir ihm jahrzehntelang nahestanden; er war eine geistig hochstehende, äußerlich aber durchaus schlichte Persönlichkeit.Google Scholar
  11. 2).
    Einmal versammelte sich ein erregter Volkshauf en vor dem Institut, stürmisch Abschaffung der Vivisektion fordernd. Ludwig hatte ähnliches bereits in Zürich erlebt, wo kein Geringerer als der Rhapsode des Mitleids, Richard Wagner, der Anstifter war.Google Scholar
  12. 1).
    Vgl. hierüber meine „Leitungsbahnen im Gehirn und Rückenmark“ 1876, S. 371 ff.Google Scholar
  13. 2).
    Dabei waren seine Zeichnungen sämtlich grob schematisiert.Google Scholar
  14. 1).
    Der Zufall wollte es, daß Ludwig, der zum Empfang der Harvey-Medaille in London weilte, bei dem Festdiner neben Charcot zu sitzen kam, und daß dieser sich ausführlich über meine Arbeiten aussprach, auch Ludwig herzliche Grüße an mich auftrug. Ludwig gewann so den Eindruck aufrichtiger Sympathie. Noch beweisender hierfür ist aber die Tatsache, daB Charcot vornehmen Russen, welche ihn in Paris konsultierten, besonders Epileptikern, den Rat gab, mich auf der Rückreise in Leipzig aufzusuchen. Ich bin auf diese Weise mit einer ganzen Reihe wichtiger Familien, insbesondere Funktionären am Zarenhofe, in Berührung gekommen. Es gelang mir auch, einen der letzteren scheinbar von einer seit langem bestehenden Epilepsie zu heilen. Es hatte dies zur Folge, daß auch einer der Ärzte des Zaren zu mir nach Leipzig kam, um sich über die Fortschritte der Epilepsiebehandlung eingehend zu informieren. Der Zesarewitsch war auf einer Reise durch Japan von einem Fanatiker durch einen Säbelhieb über den Kopf verwundet worden, wobei offenbar auch das Gehirn verletzt worden war, so daß Anfälle auftraten. Bezeichnend für meine Beziehungen zu diesen Kreisen ist auch, daß 1914, 14 Tage vor der deutschen Kriegserklärung an Rußland, der Gouverneur von Estland, gleichzeitig Gouverneur der wichtigen Festung Reval, mit Gattin bei mir eintraf. Er war erst wenige Tage vorher mit längerem Urlaub in der Schweiz angekommen und hatte kurz darauf den Befehl erhalten, sofort zurückzukehren — ein Beweis, daß man in den maßgebenden Kreisen Rußlands vorher nicht mit einem Krieg gegen Deutschland gerechnet hatte.Google Scholar
  15. 1).
    Zur Herausgabe vermittelte der um die Universität hochverdiente Kultusminister Freiherr vox Falkenstein aus der König Johann-Stiftung einen erheblichen Zuschuß, welcher die Ausstattung des Werkes mit zahlreichen Tafeln ermöglichte. Dasselbe war nach wenig Jahren vergriffen; ich konnte mich aber nicht entschließen, eine Neuauflage drucken zu lassen, da ich eine viel umfänglichere Darstellung des gesamten Zentralnervensystems plante. — Die systematische Darstellung, Teil B der vorliegenden Schrift, enthält alle wichtigen Resultate bis zu den neuesten.Google Scholar
  16. 1).
    Vgl. Thalamus, S. 82.Google Scholar
  17. 1).
    A. Von Strümpell hat in seiner Autobiographie erörtert, weshalb Weigert nicht der Nachfolger Cohnheims geworden sei. Da Strümpell damals nicht der Fakultät angehörte, war er nicht unterrichtet über den wirklichen Hergang. Cohnheim starb 1884 zu Anfang der großen Ferien, und die Fakultätsmitglieder waren zum Teil schon abgereist. Die in Leipzig anwesenden fünf, darunter auch ich, traten sofort zusammen und beschlossen, Robert Koch als Vertreter der allgemeinen Pathologie, Carl Weigert als Professor der speziellen pathologischen Anatomie vorzuschlagen und zunächst einen Vertrauensmann zu Koch zu schicken, um ihn bezüglich seiner Bereitwilligkeit zur Annahme des Rufes zu befragen. E. Wagner übernahm dies und reiste nach Berlin. Kocx war sehr erfreut über den zugedachten Ruf und erklärte zu kommen, sofern ihn seine vorgesetzte Behörde (Kocx war damals Regierungsrat im Preußischen Ministerium des Innern) entließe. Er begab sich deshalb zu Bismarck; dieser aber erklärte ihm kategorisch: „Ich lasse Sie nicht fort, ich brauche Sie gegen Virchow.“ Die Fakultät bemühte sich vergeblich, unser Ministerium zu bestimmen, mit Bismarck in Verhandlung zu treten. Diese kleine Episode zeigt für den Eingeweihten deutlich, wie gut Bismarck Personen seiner Umgebung einzuschätzen vermochte. R. Kock erhielt eine ordentliche Professur und ein glänzendes Institut. Weigert hatte das Nachsehen, das Ministerium lehnte seine Ernennung ab. Bebel brandmarkte dies im Landtag als Antisemitismus — es lagen aber ganz andere Motive zugrunde. Weigert ging es ähnlich wie dem von der Fakultät vorgeschlagenen ausgezeichneten Pathologen Von Recklinghausen-Straßburg, welchem das Ministerium einen so kühl gehaltenen Ruf sandte, daß derselbe daraufhin ablehnte mit der Motivierung, daß er aus dem Brief ersehe, er sei dem Ministerium nicht willkommen. Das letztere hatte tatsächlich schon längst seinen eigenen Kandidaten.Google Scholar
  18. 1).
    Die Nerven der Otolithenorgane konnte ich myelogenetisch zunächst nicht gesondert verfolgen. Der Nerv des Sacculus gesellt sich zum Cochlearis, der Nerv des Utriculus zum Vestibularis. C. Winkler macht (Opera omnia VII) sehr genaue Angaben über beide auf Grund von Tierversuchen, welche irn Hinblick auf die 1\IAGNusschen Versuche über Lage-und Stellreflexe von größter Bedeutung erscheinen. Vom vorderen Acusticuskern gelangen frühzeitig zahlreiche markhaltige Fasern zur Floche des Kleinhirns, dem zuerst reifenden Teil desselben (Vestibularis?).Google Scholar
  19. 1).
    Gestorben als Vortragender Rat im Königlichen Ministerium des Inneren, wo ihm das Dezernat über die Landesirrenanstalten übertragen war.Google Scholar
  20. 2).
    Es war auch der an die hintere Zentralwindung unmittelbar angrenzende Stabkranz der vorderen Zentralwindungen etwas betroffen. Im Rückenmark war auch die linke vordere Seitenstranghälfte etwas weniger umfangreich als rechts, so daß auch hier Leitungen liegen müssen, welche mit der zerstörten Zentralwindung irgendwie zusammenarbeiten (s. oben).Google Scholar
  21. 1).
    Vgl. Ber. d. Kgl. Sächs. Ges. d. Wiss., Sitzung vom 4. März 1894 (nur Andeutungen) und Neurol. Zentralbi. 1894, Nr. 19 vom I. Oktober „Über ein aepes Einteilatngsprinzip der Großhirnrinde.Google Scholar
  22. 1).
    Ramon Y Cajal, der selbst eine ähnliche Einteilung der Vorderhirnrinde bei niederen Säugern in Perzeptions- und Kommemorationszentren getroffen hatte, hat einige Jahre später den Eindruck wie folgt geschildert (Leipzig, Ambrosius Barth 1906: „Studien über die Hirnrinde des Menschen“, 5. Heft, übersetzt von Bressler): „Diese bedeutende, zugleich in anschaulicher und glänzender Weise dargebotene Theorie Flechsigs rief bei ihrem Bekanntwerden unter den Neurologen, Physiologen und Psychologen eine Bewegung hervor, die sich nur mit der ehemals durch die Cellularpathologie Virchows oder die bakteriologische Forschung Pasteurs bewirkten vergleichen läßt. Es ist daher nicht zu verwundern, daß die neue Lehre alsbald viele Anhänger fand, so in Deutschland Kupffer, Kirchhoff, in Belgien Van Gehuchten, in Frankreich Jules Soury.“ Freilich zählt dann Cajal auch eine Reihe Gegner auf, darunter solche, deren Namen erst durch diese Opposition bekannt wurde. Cajal selbst hat auch in der Folge seine Meinung nicht geändert, da er in seiner Autobiographie (Ambr. Barth) S. 32 bemerkt: „Mein Hauptbestreben in den Jahren 1899–1900 bestand darin, den Bau der perzeptiven oder sensorischen Zentren (Flechstgsche Projektionszentren) zu ergründen. Bei jedem einzelnen davon zeigten meine Präparate in absoluter Klarheit einen besonderen und in keiner Weise verwechselbaren Aufbau, und so wurde die zur Zeit sehr umstrittene Lehre von den Gehirnlokalisationen auf unerschütterlicher histologischer Grundlage errichtet.“ Auf ein entsprechendes Votum L. Edingers werde ich unten noch näher eingehen. Besonders hervorheben möchte ich aber noch, daß auch der ausgezeichnete Pathologe Carl Schaffer sich mir angeschlossen hat, aus dessen Schule vorzügliche myelogenetische Arbeiten hervorgegangen sind.Google Scholar
  23. 1).
    Ludwig hatte in Wien die ultrareaktionäre Ara unter dem Minister Bach aus nächster Nähe kennengelernt. Derselbe erschien persönlich in den Akademiesitzungen und rüffelte die angesehensten Mitglieder, falls sie „fortschrittliche“ Ideen äußerten, in rücksichtslosester Weise. (Eigene Mitteilung L’s.)Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1927

Authors and Affiliations

  • Paul Flechsig

There are no affiliations available

Personalised recommendations