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Die subjektiven Erscheinungen des kranken Seelenlebens (Phänomenologie)

  • Karl Jaspers

Zusammenfassung

Die Phänomenologie1) hat die Aufgabe, die seelischen Zustände, die die Kranken wirklich erleben, uns anschaulich zu vergegenwärtigen, nach ihren Verwandtschaftsverhältnissen zu betrachten, sie möglichst scharf zu begrenzen, zu unterscheiden und mit festen Ter minis zu belegen. Da wir niemals fremdes Seelisches ebenso wie Physisches direkt wahrnehmen können, kann es sich immer nur um eine Vergegenwärtigung, um ein Einfühlen, Anschauen, Verstehen handeln, zu dem wir je nach dem Fall durch Aufzählung einer Reihe äußerer Merkmale des seelischen Zustandes, durch Aufzählung der Bedingungen, unter denen er auftritt, durch sinnlich anschauliche Vergleiche und Symbolisierungen, durch eine Art suggestiver Darstellung hingelenkt werden können. Dazu helfen uns vor allem die Selbstschilderungen der Kranken, die wir in der persönlichen Unterhaltung am vollständigsten und klarsten gestalten können, die in schriftlicher, von den Kranken selbst verfaßter Form oft inhaltlich reicher, aber dafür vielfach phänomenologisch unklarer, durch tendenziöse Reflexionen entstellt sind. Wer selbst erlebte, findet am ehesten die treffende Schilderung. Der nur beobachtende Psychiater würde sich vergebens zu formulieren bemühen, was der kranke Mensch von seinen Erlebnissen sagen kann.

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Literatur

  1. 1).
    Vgl. meinen Aufsatz: Die phänomenologische Forschungsrichtung in der Psychopathologie. Z. f. d. g. N. u. Ps., 9, S. 391. 1912.CrossRefGoogle Scholar
  2. 1a).
    Dazu: Baade, Über die Vergegenwärtigung von psychischen Ereignissen durch Erleben, Einfühlung und Repräsentation, sowie über das Verhältnis der Jaspersschen Phänomenologie zur darstellenden Psychologie. Z. f. d. g. N. u. Ps. 29, 347. 1915.CrossRefGoogle Scholar
  3. 2).
    Gute Selbstschilderungen findet man an folgenden Orten (ich zitiere sie später nur mit den Namen der Verfasser der Publikationen): Baudelaire, Paradis artificiels. Deutsch Minden, o. J. David, J. J., Halluzinationen, Die neue Rundschau 17, 874. Engelken, A. Z. 6, 586. Fehrlin, Die Schizophrenie. Im Selbstverlag 1910. Forel, A. f. P. 34, 960. Gruhle, Z. f. d. g. N. u. Ps. 28, 148. 1915. Ideler, Der Wahnsinn, Bremen 1848, S. 322ff., 365 ff. usw. Religiöser Wahnsinn, Halle 1848, Bd. I, 392ff. Jakobi, Annalen der Irrenanstalt zu Siegburg, Köln 1837, S. 256 ff. James, Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit. Deutsch. Leipzig 1907. Janet, Les obsessions et la psychasthenic Jaspers, Z. f. d. g. N. u. Ps. 14, 158ff. Kandinsky, A. f. P. 11, 453. Kritische und klinische Betrachtungen im Gebiete der Sinnestäuschungen, Berlin 1885. Kieser, A. Z. 10, 423. Klinke, Jahrb. f. Ps. 9. Kronfeld, M. f. P. 35, 275. 1914. Meinert, Alkoholwahnsinnig, Dresden 1907. Nerval, Aurelia. Deutsch München 1910. Quincey, Th. de, Bekenntnisse eines Opiumessers. Deutsch Stuttgart 1886. Rychlinski, A. f. P. 28, 625. Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, Leipzig 1903. Schwab, Z. f. d. g. N. u. Ps. 44. Serko, Jahrb. f. Ps. 34, 355. 1913. Serko, Z. f. d. g. N. u. Ps. 44, 21. Stauden maier, Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft, Leipzig 1912. Wollny, Erklärungen der Tollheit von Haslam, Leipzig 1889.Google Scholar
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    Zur Lehre dieser Sekundärempfindungen vgl. übrigens: Bleuler, Z. f. Psychol. 65, 1. 1913.Google Scholar
  5. 1a).
    Wehofer, Z. f. angewandte Psychol. 7, 1. 1913.Google Scholar
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  10. 1).
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  11. 1).
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  14. 1).
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  15. 2).
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  16. 1).
    Vgl. meinen Aufsatz über leibhaftige Bewußtheiten in der Zeitschr. f. Pathopsychologie, Bd. II.Google Scholar
  17. 1).
    A. Z., Bd. 34, S. 252ff.Google Scholar
  18. 2).
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  19. 1).
    Hagen, Fixe Ideen, in: Studien auf dem Gebiete der ärztlichen Seelenkunde, Erlangen 1870. — Sandberg, l. c.Google Scholar
  20. 1).
    Ausgezeichnete Beispiele scharfsinniger Wahnsysteme enthalten: Wollny, Erklärungen der Tollheit von Haslam, Leipzig 1889, bes. Anmerkung S. 14ff.:, Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, Leipzig 1903.Google Scholar
  21. 1).
    Die verständliche Zurückführung der melancholischen Wahnideen auf den Affekt gelingt allerdings nur unter Voraussetzung der vorübergehenden Veränderung des ganzen Seelenlebens, in der sich schwer Melancholische befinden.Google Scholar
  22. 1).
    Die tiefste Analyse und Abgrenzung der Zwangsvorstellungen hat Friedmann (M. f. P. Bd. 21) gegeben. Was alles einmal Zwangserscheinung genannt wurde, lehrt das Buch Loewenfelds (Die psychischen Zwangserscheinungen, Wiesbaden 1904) und kurz die Kritik Bumkes (Alt’s Sammlung Bd. 6, Halle 1906). Letzterer hat ohne eigentliche Analyse mehr negativ den Begriff im alten, von Westphal zuerst geschaffenen Sinne abgegrenzt und sehr eingeengt. — Neuere Arbeiten: Friedmann, Z. f. d. g. N. u. Ps. 21, 333. 1914. Stöcker, ebda. 23, 121. 1914.Google Scholar
  23. 1).
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  27. 1).
    Will man einmal lesen, was über Gefühle insgesamt, ohne tiefergehende Klärung, psychologisch gesagt worden ist, so eignen sich am besten die Lehrbücher von Höffding und Jodl, ferner Nahlowsky, Das Gefühlsleben, 3. Aufl., Leipzig 1907. Ribot, Psychologie der Gefühle, Paris 1896. Deutsch 1903.Google Scholar
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    Vgl. Lotze, Mediz. Psychol., S. 287–325. Wer sich hier und in Wundts Grundriß über das Einfachste orientiert hat, kann sich an die schwierigeren, aber äußerst feinen Analysen von Lipps wagen: Vom Fühlen, Wollen und Denken, 2. Aufl., Leipzig 1907. Eine flüssig geschriebene, zusammenfassende Darstellung, durch die man die übrige Literatur leicht findet, bietet: Else Wentscher, Der Wille, Leipzig 1910.Google Scholar
  32. 2).
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  37. 1).
    Vgl. Westphal, A. f. d. g. Ps., Bd. 21. Über den Umfang des Bewußtseins: Wirth in Wundts Philos. Stud., Bd. 20, S. 487. — Damit psychische Phänomene als bewußt angesprochen werden können, müssen sie irgendwann auch bemerkbar sein. Wir werden uns hüten, unbemerkte Vorgänge mit außerbewußten zu verwechseln. Das Bewußtsein hat nämlich zweierlei Bedeutung: das wirkliche psychische Dasein und das Wissen des Individuums um das Dasein eines seelischen Phänomens bei sich.Google Scholar
  38. 1).
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  40. 1).
    Über die Deutung der Trauminhalte handelt Freud, Die Traumdeutung, 3. Aufl. 1911. Darin eine eingehende historische Darstellung der Traumliteratur.Google Scholar
  41. 1).
    Heilbronner, M. f. P., Bd. 13, S. 272ff.; Bd. 17, S. 436ff.; Liepmann, Über Ideenflucht, Halle 1904; Külpe, Psychologie und Medizin, S. 22ff. — Mit Ideenflucht bezeichnen wir hier die Störung im tatsächlichen Ablauf des gesamten Seelenlebens, nicht ein bloßes sprachliches Produkt, das in ideenflüchtiger Form auch von einem nicht ideenflüchtigen Menschen produziert werden kann.Google Scholar
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    Schröder, Z. f. d. g. N. u. Ps., Bd. 2.Google Scholar
  43. 2).
    Heilbronner, M. f. P., Bd. 13, S. 277ff., Bd. 17, S. 431ff.Google Scholar
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    Luther, Z. f. d. g. N. u. Ps. 16, 388. 1913. — Plaskuda, ebenda 19, 596.Google Scholar
  45. 2).
    Von diesem Charakterroman sagt Bourget im Gegensatz zum Sittenroman: „il devra choisir les personnages chez lesquelles cette vie intérieure soit la plus ample.“Google Scholar
  46. 1).
    Kraepelins Schilderung der Dementia praecox, in seinem Lehrbuch; und vor allem Bleuler, Schizophrenie, Wien 1911.Google Scholar
  47. 2).
    Wir gehen dabei in der zweiten über das rein Phänomenologische hinaus. Zur weiteren Ergänzung vgl. im Kapitel über Intelligenz und Persönlichkeit, S. 317, über die Symptomenkomplexe des verrückten Seelenlebens, S. 347, über die Prozesse S. 280.Google Scholar
  48. 1).
    Vgl. Schreber, Kieser, Wollny, Ideler, S. 322ff., Kandinsky, S. 31 ff.Google Scholar

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1920

Authors and Affiliations

  • Karl Jaspers
    • 1
  1. 1.Universität HeidelbergDeutschland

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