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Vom medizinischen Autismus in der Alkoholfrage

  • E. Bleuler

Zusammenfassung

Ein Paradiesgärtlein der Autismen aller Sorten ist von jeher die Alkoholfrage, gewiß nicht nur bei den Ärzten; aber der Stand als Ganzes läßt da seine spezielle Autismentruppe mittanzen. Er behauptet, der Alkohol sei gesund und verschreibt ihn massenhaft. In Wirklichkeit kennen wir nur dessen Schäden, und vom (medizinischen) Nutzen wissen wir nichts. Der Arzt zwingt den Patienten, bei dem er ein „Leber- und Nierenleiden“ gefunden hat, Tokayer und Kognak zu trinken, was der Patient nicht mag, und wenn dieser Gelüsten nach alkoholfreiem Weine hat, so warnt ihn der Arzt, der nehme ihm noch die Kräfte. Woher kennt er den Nutzen gerade des Tokayers bei einem Leber- und Nierenleiden? und den Schaden der alkoholfreien Weine? Ein armes Mädchen muß wegen Angstneurose neben verschiedenen „Medizinalweinen“ in kurzer Zeit für 100 Fr. Veltliner trinken. Heilt Veltliner die Angstneurose? Wenn ja, so wäre man für Beweise dankbar; aber allerdings das Mädchen ist dem Alkoholarzt ungeheilt davongelaufen. Der Durchschnittsarzt weiß immer noch nicht recht, daß Alkohol Alkohol ist, und wenn ich einem Patienten mit alkoholichem Magenkatarrh den Wein verbiete, so sagt ihm der Herr Bezirksarzt, er dürfe schon trinken, „aber guten Wein“.

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Referenzen

  1. 1).
    Ein Rezensent, der objektiv und wissenschaftlich schreibt, meint hiezu: „ein scharfes, diszipliniertes“ Denken... müßte zum sicheren oder gar mathematischen Beweise für diese Behauptung mindestens, den statistischen Nachweis erbringen, daß eine Befragung aller Ärzte über, diesen Punkt ergeben hat, daß wirklich die Mehrzahl so denkt, wie Bleuler voraussetzt Außerdem muß erwiesen werden, daß die Zeitbestimniung des Pyramiden-baus richtig ist.“ Ich habe zu viel Hochachtung vor dem Angreifer; als daß ich diese Bemerkungen ganz ernst nehmen könnte. Aber die oberflächliche Mehrheit nimmt solche Dinge leicht buchstäblich, wenn es ihr paßt und so bleibt mir nichts übrig, als darauf zu antworten. Zunächst ist die Forderung der Beweisführung zu bestreiten, so weit sie im Namen des disziplinierten Denkens gestellt ist. Es ist doch kein Denkfehler, wenn man Dinge, die man für selbstverständlich hält und über die man seit 40 Jahren immer diskutiert hat, ohne sie bestreiten zu hören, nicht jedesmal, wo man sie erwähnt, von Anfang an beweist. Man käme sonst in keinem Buch über den Anfang hinaus. Der Mangel an Statistik hat also an dieser Stelle mit artistischem Denken nichts zu tun, wenigstens so weit es mich betrifft. Und bevor ich diese Statistik unternehme, möchte ich doch den Autor fragen, ob er im Ernst bestreitet, daß „die meisten“ (ich bin vorsichtiger als nötig) Ärzte in irgend einer Ecke des Gehirns wissen, daß man seit ältesten Zeiten Mäßigkeit gepredigt und doch zu viel getrunken hat? In Wirklichkeit kommt es bei meiner Auseinandersetzung da auf ein paar tausend Jahre nicht an; es ist doch selbstverständlich, daß der Alkoholgenuß und seine Folgen in Katzenjammer und Moralpredigt noch älter als die geschriebene Geschichte der Predigten ist. Daß ich aber gerade die sich über mehrere Jahrtausende erstreckenden Pyramidenbauten als Marke erwähnte, hat seinen Grandi nicht nur in ihrem als ehrwürdig gemeiniglich bekannten Alter, sondern darin, daß ich einmal eine solche aus einer Pyramide stammende Predigt gelesen habe Da ich annehme, der Kritiker kenne wenigstens die gleichen Ermahnungen der ein wenig jüngeren Sprüche aus dem alten Testament, darf ich voraussetzen, daß er mir die Mühe schenke, den Ausspruch mit Seitenzahl und Verleger und Verfasser des Papyrus wörtlich zu zitieren; es würde mich jetzt etwas Zeit kosten. Eine Sünde aber will ich beichten: daß ich gesagt habe, die meisten Ärzte wissen......., daß sich die Forderung; der Mäßigkeit seitdem als eine der dümmsten Utopien erwiesen habe. Wenn es sich nicht um den Alkohol handeln würde, so wäre aber jeder Leser froh, über die leicht zu ergänzende und wohlwollende Ellipse; ich hätte ja sagen können: „sie wissen, aber machen sich zu wenig klar, daß man immer Mäßigkeit fepredigt und zu viel getrunken hat, daß folglich das Predigen der Mäßigkeit den Alkoholismus nie verhindert hat und daß es wohl kein anderes Abwehrmittel gibt, dessen Unbrauchbar- und Schädlichkeit durch die Erfahrung so vieler Jahrtausende dargetan worden ist; sie müssen also mit mir diese Idee der Bekämpfung des Alkoholismus mit der Mäßigkeit als eine der dümmsten, wenn nicht die dümmste Utopie ansehen“. So hätte ich ausführen Können; aber es wäre schleppend gewesen und die hoffnungslosesten Tauben, die, die nicht hören wollwn, hätten doch nicht gehört. Nun aber noch ein kleiner Denkfehler des Rezensenten: ich rede vom „Wissen“ und dann erst noch Wissen in irgend einer Ecke des Gehirns“, d. h. ausdrücklich von einem unausgedrehten Wissen und da fordert man von mir, ich müsse etwas be weisen, was ich nicht gesagt habe und gar nicht glaube: daß die Mehrheit so „denke“. Wollte Gott, daß sie so konsequent dächte, dann hätten wir nicht mehr darüber zu streiten, wie man das größte der vermeidbaren Übel bekämpfte.Google Scholar
  2. Die zahl- und wortreichen Entgegnungen, die ich noch viel mehr privatim als gedruckt auf dieses Kapitel ernalten, haben mir übrigens gezeigt, daß ich noch viel mehr recht habe als ich meinte und daß der Fehler der moralischhygienischen Erziehung der Ärzte in dieser Beziehung noch viel schlimmer ist, als ich ihn darstellte. Offenbar bat die Art des Lehreanses nicht nur den Erfog, daß diese Dirge erster Wichtigkeit vernachlässigt werden, sondern daß sie aktiv von den Assoziationen ausgeschlossen und unrichtig aufgefnßt werden. Ich empfinde es als kollegiale Pflicht trotz aller Pawerknappheit noch einige der alltäglichsten Einwände zu erwähnen: der geringe Genuß schade ja nichts. Angenommen, aber nicht zugegeben, daß es einen bei uns wirklich vorkmmenden mäßigen Genuß gäbe, der direkt nichts schade, geht doch diese Frage die ganzen Kämpfe gegen den Alkoholismus nichts an. Der mäßige Genuß wjrd ja von niemandem deshalb bekämpft, weil die mäßig Bleibenden sich schaden, sondern deshalb, weil aus ihm Alkohollsmus folgt mit der gleichen Naturnotwendigkeit wie der Funke im Putverfaß den ganzen Vorrat in die Luft fliegen läßt. Wer das eine will, muß das andere haben. Deshalb ist auch die Bekämpfung des Alkoholismus durch die Mäßigkeit nicht bloß eine Utopie, sondern eine Ablenkung und Vergeudung gutgemeinter Kräfte zu dem gegenteiligen Erfolg. Man behauptet, gegen den Mißbrauch bekomme man eine ganze Phalanl von Kämpfern; während die „Übertreibung“ der Abstinenten dem guten Zwecke schade — und dabei liest man in den Zeitungen über die amerikanischen Zustände, nicht nur die systematischen Lügen der Alkoholinteressenten, sondern wenigstens zwischen den Zeilen auch die Tatsachen. In Wirklichkeit kämpfen in der Phalanx der Mäßigen diejenigen, welche ein Interesse haben, die Menschheit möglichst ausgiebig mit Gift zu versorgen. Ich würde mich schämen, sie als Kampfgenossen zu haben, und ich würde sagen, wenn das Alkoholkapital Geld aufwendet iür die Mäßigkeit, so beweist das damit, wie wenig nach seiner Ansicht die Mäßigkeit dem Alkoholgenuß Eintrag tut — es lebt ja nur vom Mißbrauch. Die weitherzigste Mäßigkeit allein würde den größten Teil der Alkoholfabrikanten zum Tode verurteilen. Sollten nicht die Arzte auch so gut rechnen können wie diejenigen, welche das Volk krank machen?Google Scholar
  3. Wenn man nichts zu trinken habe, so greife man zu noch schlimmeren, wie Kokain und Opium. Ich glaube aber doch die Mehrheit der Ärzte zu beleidigen, wenn ich gegen diesen Einwand der Zeitungen mich ausführlich wehren wollte; er kann nur absoluter Unkenntnis der Menschenarten, die Morphinisten oder Kokainisten werden, und der psychologischen Mechanismen, die diese Krankheiten entstehen lassen, entstammen. Zum Überfluß zeigen die bis jetzt publizierten Statistiken aus der Union, daß mit dem Alkoholismus auch die übrigen „Toxikosen“ abgenommen haben (in New York z. B. 1909 bis 1914 0,3–0,6% der Aufnahmen; 1917 bis 1920 0,1–0,3°/o, 1919 und 1920 je 0,2 %.) Wenn man in diesem Zusammenhang sagt, daß der Mensch ein Vergnügen haben müsse, so sehe ich nicht ein warum gerade dasjenige Vergnügen, dem mehr Unglück folgt, als es Gutes bringt und das keiner entbehrt, der den einfachsten Trinksitten einmal den Abschied gegeben. Hat wirklich der mäßige Arzt seine Vorstellungen über Lebensgenuß so beschränkt, daß er keine andern Vergnügungen mehr kennt? Zum hundertsten Male habe ich auch gehört, es sei eine Inkonsequenz, wenn man nicht auch andere Gifte, wie Kaffee und Tabak mit dem Alkohol verbiete. Nun aber, wo sind die Millionen Unglücklichen, die Kaifee und Tabak erzeugt haben?Google Scholar
  4. 1).
    Frequenz des Del. tr. in Stockholm während des Alkoholverbots. Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psychiatrie. 1910. Or. I. S. 556.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1921

Authors and Affiliations

  • E. Bleuler
    • 1
  1. 1.ƵürichSchweiz

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