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Die „Gesamtvorstellung“ (Wundt)

  • Arnold Pick
Part of the Monographien aus dem Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie book series (MONOGRAPHIEN, volume 7)

Zusammenfassung

Die Fülle der Vorgänge und der durch sie gezeitigten Erscheinungsformen, die uns bei einer ersten Skizze des Weges vom ersten Aufdämmern eines Gedankens bis zu dessen vollständiger sprachlichen Formulierung entgegentraten, gestattete es nur bei wenigen derselben etwas ausführlicher zu verweüen; bei der Mehrzahl mußte eine eingehende Erörterung späteren Abschnitten vorbehalten bleiben, die jetzt der ersten zusammengefaßten Darstellung des Ganzen angeschlossen wird. Hat schon diese in Andeutungen zu zeigen gestattet, welche reiche Aufklärung für pathologische Tatsachen einem so geleiteten Studium der Sprachvorgänge zu entnehmen sein wird, so darf man vermuten, daß ein näheres Eingehen auf die dort nur in Kürze vorgeführten Tatsachen diese Ansicht nur noch vertiefen wird; und so sollen die nächsten Kapitel einer ausführlicheren Darstellung derjenigen Punkte gewidmet sein, deren Studium zu solchen Erwartungen berechtigt.

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Literatur

  1. 1).
    Wundt spricht einmal direkt von einem „Totalgefühl“ des Gedankens und seiner Auflösung durch den Satz; wir werden sehen, daß Anhänger der Wundt-schen Theorie von der Gesamtvorstellung wegen des Eingehens des Gefühlsfaktors in dieselbe die Bezeichnung dafür geändert haben.Google Scholar
  2. 2).
    v. d. Gabelentz scheint in der Tat als der erste die Bezeichnung der „ Gesamtvorstellung“ gebraucht zu haben; aber die Fortbildung, welche dieser Gedanke durch Wundt erfahren, ist zu deutlich, als daß es noch besonderer Erörterung bedürfte. „Nun müssen wir daran denken, daß allerdings in der Regel der Gedanken mit einem Schlage wie ein fertiges Bild vor uns steht. Ich sage : in der Regel, denn es gibt Ausnahmen, wo uns die Bestandteile des Gedankens Stück für Stück kommen. Jedenfalls steht der Gedanke fertig und ganz vor unserer Seele, ehe er in der Rede zum Ausdruck kommt; und wenn ich etwa, zögernd inne haltend, sage: „Sechsmal siebzehn ist... hundertzwei“, so hat mir doch von Anfang an die Idee eines noch zu bestimmenden Produktes vorgeschwebt, und der Gedanke war mithin formell vollständig. In dieser ursprünglichen Ganzheit wollen wir ihn eine Vorstellung (Gesamtvorstellung) nennen. Ihn in seine Bestandteile zu zerlegen und diese Teile zum Wiederaufbaue zu verbinden ist die Sache des rede-bildenden Denkens. Nur mit diesen Bestandteilen haben wir es hier zu tun: wir wollen sie Einzelyorstellungen nennen im Gegensatze zu jener Gesamtvorstellung, die das Denken zerlegend zu bearbeiten hatte. Wir begreifen den Unterschied Beider nur in diesem Sinne. Ihrem Inhalte nach kann eine Gesamtvorstellung ganz einfach sein, z. B. die eines Blitzes, — und eine Einzelvorstellung kann sehr vielseitig sein, z. B. die eines Krieges“. (G. v. d. Gabelentz. Die Sprachwiss. 2. A. 1901. S. 324).Google Scholar
  3. 3).
    „For in order to express our conception of a fact, we must analyse it into parts and expressing these separately, we must put them together as one conjoint expression in a sentence“.Google Scholar
  4. 1).
    Es wäre keine Veranlassung zu solcher historischen Kleinarbeit, wenn nicht ein gewisses Interesse daran läge zu sehen, wie Condillac von dieser Vorstellung aus eine wichtige Konsequenz in der Frage der Wortstellung gezogen hätte : „A parler vrai, il n’y a dans l’esprit ni ordre direct ni ordre renversé, puisqu’il appercoit à la fois toutes les idées dont il juge“. Wir werden in dem Kapitel von der Wortfolge sehen, daß sich in Hinsicht dieser Frage wichtige von der Gebärdensprache der Taubstummen und ihrem Gegensatze zur konventionellen Wortfolge hergeleitete Gesichtspunkte für die Aphasielehre ergeben. Vgl. dazu noch eine später zitierte Ansicht Condillacs.Google Scholar
  5. 1).
    Noch einer Anführung möchte Verfasser hier Raum geben, weil sich in derselben einerseits das Dogma von der Identität zwischen Denken und Sprechen mit all seinen üblen Konsequenzen spiegelt, andererseits die sich aufzwingende Korrektur dieser Ansicht zu einer ganzen modernen Auffassung hinleitet. Es ist die im Traité de Logique von J. Duval- Jouve, 1855, p. 115 ausgesprochene Ansicht von der analytischen Natur der Sprache: „le caractère distinctif et la puissance spéciale de la parole consistent véritablement dans la propriété qu’elle a de rendre avec facilité l’analyse du fait fondamental de la pensée“. Diese extreme Ansicht korrigiert Duval — Jouve dann später (1. c. p. 219) selbst „La parole est un instrument d’analyse qui les facilite toutes, mais il ne faut pas oublier qu’elle n’est qu’un instrument d’analyse et non le principe de l’analyse. Elle note les résultats de l’analyse et la rend dès lors plus sûre et plus exacte, mais elle ne la fait pas; elle suppose au-dessus d’elle et antérieurement à elle la faculté d’analyser, c’est-à-dire la faculté d’abstraire, c’est-à-dire la raison qui permet de concevoir séparé ce qui est uni, et uni ce qui est séparé. Sans cette faculté la parole n’existe plus“. Hier tritt uns sichtlich das vorgebildet entgegen, was wir als gedankliche Konstruktion von der sprachlichen abzutrennen versucht haben.Google Scholar
  6. 1).
    Mit Interesse wird man auch eine Äußerung des Linguisten E. de la G-ras-serie aus dem Jahre 1889 lesen: „La pensée inarticulée non seulement est antérieure à la pensée articulée mais elle l’est même à l’idée isolée. Mais qu’entendons nous par la pensée inarticulée? C’est la pensée qui sort du cerveau humain d’un seul jet et forme une seule masse indivisible; c’est une proposition qui ne contient distinctement ni sujet, ni verbe, ni attribut, non pas qu’ils se soient confondus les uns dans les autres, mais parce qu’il ne se sont pas encore différenciés. C’est la cellule primordiale non segmentée. Il est inexact de dire que l’homme a d’abord conçu l’idée, puis en a réuni plusieurs pour former une affirmation, une pensée. Ce n’est pas l’idée, le mot isolé, mais la pensée, la proposition qui est l’unité naturelle; les langues polysynthétiques qui sont les plus anciennes le prouvent expérimentalement“. (De la Psychol, du lang. 1889, p. 19.) Vgl. dazu noch die Bemerkung von J. St. Mill (Logic, bk. I. ch. V, p. 1). When I say that fire causes heat, do I mean that my idea of fire causes my idea of heat“?Google Scholar
  7. 2).
    „At every instant of conscious thought there is a certain sum of perceptions, or reflections, or both together, present and together constituting one whole state of apprehension. Of this some definite portion may be far more distinct than all the rest ; and the reat be proportionably vague, even to the limit of obliteration.... To any portion of the entire scope here described there may be a special direction of the attention — — — However deeply we may suppose the attention to be engaged by any thought, any considerable alteration of the surrounding phenomena would still be perceived.... Our menta 1 states have always an essential unity, such that each state of apprehension, however variously compounded, is a singlewhole, of which every component is therefore, strictly apprehended (so far as it is apprehended) as a part.“Google Scholar
  8. 1).
    „Das Ganze des Satzes steht zunächst in allen einzelnen Teilen, wenn auch noch relativ dunkel bewußt, als eine Gesamtvorstellung vor uns, und diese G-esamt-vorstellung gliedert sich in ihre Teile, indem einer dieser Teile nach dem anderen apperzipiert wird. Dieser analytische Vorgang besteht jedoch, ganz im Sinne der Bedeutung, die wir auch im wissenschaftlichen Gebrauch dem Begriff der Analyse geben, zugleich darin, daß die einzelnen Teile in dem Augenblick, so wie sie sich aus dem Ganzen loslösen, zu einander in bestimmte Beziehungen gesetzt werden, so daß sie näher und qualitativ anderer Weise als die übrigen aneinander gebunden erscheinen. Ehen weil bei der Zerlegung der Gesamtvorstellung immer solche Beziehungen der Teile zu einander hervortreten, nennen wir diese analytischen Prozesse mit einem der organischen Natur entnommenen Ausdruck Gliederung, nicht einfach Teilung“ (1. c. S. 242).Google Scholar
  9. 1).
    Vgl. zu diesem Gesichtspunkte die zuvor aufgeführten älteren Anschauungen.Google Scholar
  10. 1).
    Das gilt auch von den ebendort berichteten, der Selbstbeobachtung Dodges entstammenden Tatsachen.Google Scholar
  11. 1).
    „But ordinariby the process will go on until the analysis is complete enough to exhibit all that, to our thinking, was involved in the original germ. The aim and end are the same, the satisfaction of the desire to express in its details the concept which was originalby in mind. The process which I have been attempting to describe precedes speech. In its outline and in most of its details it must be completed before the words which are to suggest it to the hearer, begin to be uttered. The effect of hurrying forward the word before the analysis is fairly complete is to make the sentence confused in its ending; this is one of the most frequent causes of confused and inaccurate sentence-structure“. Daß die hier hervorgehobenen zeitlichen Momente und die davon abgeleiteten Störungen des Ausdrucks mit Ausführungen im vorigen Kapitel zusammenfallen, braucht wohl nur angemerkt zu werden.Google Scholar
  12. 2).
    Bosanquet (Essentials of Logic 1895, p. 81) spricht direkt von einem „picture-thinking“ wie ja auch Gromperz’ Totalimpression von dem einheitlichen Sinneseindruck hergenommen ist.Google Scholar
  13. 1).
    „On résumerait ainsi qu’il suit un grand nombre d’observations émanant de sujets de cette catégorie“. „Nous pensons les images, nos pensées se projettent devant nous en tableaux; nous n’employons le mot que contraints de le faire; nous raisonnons sur des peintures et non avec des mots et des phrases; notre travail mental d’idéation n’emploie ni la conjonction, ni le verbe, ni d’une façon générale un terme abstrait“ (Lang. int. 1904, p. 70). Dem letzten Passus dieser Darstellung-Saint — Pauls, der nicht mit dem im Texte Erörterten in Zusammenhang steht, ist wegen seiner Bedeutsamkeit gerade für die Lehre vom Agrammatismus eine Bemerkung hier zu widmen. Man hat in der letzten Zeit der von Saint — Paul mit so viel Eifer vertretenen Lehre von den verschiedenen Sprachtypen jede Bedeutung in der Aphasielehre absprechen wollen. Sollte der letztzitierte Passus Saint — Pauls nicht doch die Möglichkeit eröffnen, daß ein solcher „visuel“ leichter und in anderer Form agrammatisch wird als ein anders gearteter Kranker ? es wäre nach Ansicht des Verfassers verfrüht, solche Fragen einfach dogmatisch entscheiden zu wollen.Google Scholar
  14. 2).
    Daß in der Darstellung des zu Erwartenden die musischen Elemente eine außerordentlich wichtige Eolle spielen, ist ebenso deutlich wie der Umstand, daß der ihnen dabei zukommende Anteil, wenn auch unausgesprochen, in den Ausführungen. Martys gefunden werden kann.Google Scholar
  15. 1).
    Bawden (Psychol. Rewiew 1901, p. 539). „The mind tends to throw the material presented, to it no matter how inchoate, into some form which will carry a meaning“.Google Scholar
  16. 2).
    Die engen Beziehungen zwischen diesen Feststellungen und dem, was in einem früheren Kapitel üher das „Vorausgesetzte“, die Situation, gesagt worden, ist zu deutlich, als daß darüber noch etwas zu sagen wäre. Dementsprechend dient es auch zur bestätigenden Ergänzung dessen, was ebendort von der Beurteilung der Intelligenz des Sensorisch-Aphasischen im Gegensatze zu der des Motorisch-Apha-sischen ausgeführt worden ist.Google Scholar
  17. 1).
    Wundt verwahrt sich gegen eine solche Deutung und verweist (Arch. f. d. ges. Psych. XI, 1908, S. 459) darauf, daß er gerade bei den prädikativen Sätzen auf den vielfach stattfindenden Übergang geschlossener in offene Satzverbindungen’ und das hierin sich spiegelnde Ineinandergreifen apperzeptiver und assoziativer Gedankenprozesse hingewiesen habe.Google Scholar
  18. 1).
    Auf die Beziehungen des hier erörterten Problems zur Lehre von den Agnosien kann nur hingewiesen werden; sie sind in der zuvor zitierten Arbeit des Verfassers kurz berührt worden.Google Scholar
  19. 2).
    So z. B. Bosanquet (Essent. of Logic 1897, p. 83 sequ.), der diesen Gesichtspunkt aus der These von der primären Natur des Satzes (siehe darüber das Kapitel vom Satze) entwickelt.Google Scholar
  20. 3).
    Vgl. das zuvor nach Bawden gegebene Zitat.Google Scholar
  21. 1).
    „In dem Augenblick, in dem ich einen Satz auszusprechen beginne, steht das Ganze des Gedankens schon in allgemeinen Umrissen, mit etwas deutlicherer Ausprägung einzelner Hauptvorstellungen, vor mir; und in dem Augenblick, in dem ich den Satz vollendet habe, überblicke ich meist noch einmal dieses Ganze, während sich oft gleichzeitig schon der folgende Gedanke unbestimmt ankündigt. Dabei ist von einem Hin- und Herschwingen abwechselnd über die Schwelle des Bewußtseins tretender und wieder ureter sie sinkenden Vorstellungen nichts zu bemerken, sondern der gauze Vorgang spielt sich in der Regel vollkommen stetig und ruhig ab, und als besonders charakteristisches Symptom der dunkler bewußten Inhalte tritt überall nur ihr Einfluß auf die Gefühlslage hervor“. (Wundt, Völkerpsychol. Die Sprache 1904, I. S. 422).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1913

Authors and Affiliations

  • Arnold Pick
    • 1
  1. 1.Deutschen Universität in PragTschechische Republik

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