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Theorie und Therapie der Rachitis

  • Max Kassowitz

Zusammenfassung

Fortgesetzte Untersuchungen über normale und pathologische Ossifikation haben mir nach verschiedenen Richtungen hin Resultate ergeben, welche von den jetzt allgemein oder doch bei der Mehrzahl der Forscher giltigen Ansichten bedeutend abweichen. Ich beschränke mich in folgendem darauf, einige besonders wichtige Punkte zu skizzieren.

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Referenzen

  1. 1).
    Zentralbl. f. d. med. Wissensch. 1878. Anmerkung der Herausgeberin: Dieser Aufsatz erscheint neben einer kleinen Publikation ähnlichen Inhalts aus dem Jahre 1877 als erstes Dokument der ausgedehnten histologischen Untersuchungen über das Knochensystem, zu welcher K.,,im weiteren Verfolge seiner Studien über hereditäre Syphilis” und die durch sie hervorgerufenen Knochenerkrankungen gelangt war, wie er in der Einleitung zur „Normalen Ossifikation” mitteilt. Wir finden hier andeutungsweise seine in dem genannten großen Werke ausgeführte, Stellungnahme gegen die Osteoblasten-Theorie und seine eigene vaskuläre Theorie der Ossifikation, derzufolge die Gestaltung der Knochentextur im weitesten Umfange durch den Einfluß der kapillaren Blutgefäße und die Saftströmung bestimmt ist (vgl. die Abbildungen auf S. 334 der Gcsamm. Abhandl.). — Am Schlüsse dieses Aufsatzes finden wir auch die erste Andeutung seiner Theorie der Rachitis, wonach dieselbe auf einer krankhaften Blutüberfülle (später ausdrücklich Entzündung) der wachsenden Knochen beruht. Diese an Virchow, Rokitansky, Volkmann anknüpfende Theorie wurde von K. systematisch durchgeführt und zu einem geschlossenen Lehrgebäude erhoben. — Einige Sätze aus dieser Abhandlung vom Jahre 1878 (,,Der ältere harte Knochen... wenig oder gar nicht verkalktes, osteoides Gewebe”, S. 10 d. Gesamm. Abhandl.) zitiert K. noch in einer seiner letzten Arbeiten aus dem Jahre 1912 „Osteochondritis rachitica” zum Beweise seiner Priorität gegenüber Pommer in bezug auf die Ablehnung der Kalkberaubung als Ursache der Rachitis. Auf die letztgenannte ausführliche Arbeit im Jahrbuch für Kinderheilkunde 1912 verweisen wir überhaupt bezüglich der historischen Entwicklung und des gegenseitigen Verhältnisses der verschiedenen Rachitistheorien.Google Scholar
  2. 1).
    d. s. Riesenzellen.Google Scholar
  3. 1).
    Wiener med. Blätter 1881, Nr. 40–42. Anm. d. Herausg.: Wir bringen diesen Aufsatz, weil hier zum erstenmal die ausführliche Entwicklung der Theorie der Rachitis als eines entzündlichen Prozesses gegeben ist, ebenso die Darstellung des sozialen Zusammenhangs dieser Erkrankung mit den Wohnungsverhältnissen (der Einfluß der Jahreszeiten, die intrauterine Entstehung). Über die eigentliche Natur der die Entzündung verursachenden Schädlichkeit ist hier noch keine bestimmte Ansicht ausgebildet. (Die Lehre von den respiratorischen Noxen findet sich zum erstenmal ausführlich dargestellt in,,Norm. Ossifik. usw.” II. 2, 1885 und angedeutet in dem nächsten Aufsatz dieser Sammlung, S. 27, Anmerk.). — Bezüglich der zur Diskussion gestellten Frage des Verhältnisses zwischen Rachitis und Syphilis dürfte eine ältere Formulierung aus dem Buche über Vererbung der Syphilis (1876, S. 136) der in diesem Aufsatz gegebenen vorzuziehen sein. Diese Beziehung wird dort nicht als eine kausale, sondern als eine Ähnlichkeitsbeziehung dargestellt. Es handelt sich um zweierlei Ursachen, einerseits das syphilitische Virus, andrerseits die noch nicht näher präzisierte Ursache der Rachitis, welche die gleiche Wirkung hervorrufen, nämlich die wenigstens in den Anfangsstadien fast identische Form der beiden Knochenerkrankungen.Google Scholar
  4. 2).
    Medical Times and Gazette Nr. 1587, 1590 u. 1592.Google Scholar
  5. 3).
    Daselbst Nr. 1587.Google Scholar
  6. 1).
    Ein Teil dieser Arbeit ist bereits unter dem Titel: „Die normale Ossifikation und die Erkrankungen des Knochensystems bei Rachitis und hereditärer Syphilis; erster Teil: Normale Ossifikation” in den letzten Jahrgängen der Wiener medizinischen Jahrbücher und in einer Separatausgabe (Wien, Braumüller 1881) erschienen. Die Publikation des zweiten Teiles, welcher die Rachitis behandelt, wird in der allernächsten Zeit ihren Anfang nehmen.Google Scholar
  7. 1).
    Autoreferat in den Verhandlungen der I. Versammlung der Gesellschaft für Kinderheilkunde. (B. G. Teubner, Leipzig 1884). — Ausführliche Publikation (mit 2 Tafeln) in Zeitschrift für klinische Medizin, Bd. VII, H. 2. Anm. d. Herausg. In dieser kurzen Mitteilung auf der Naturforscherversammlung in Freiburg und in den beiden ausführlichen Abhandlungen, deren Schlußresume wir hier abdrucken, empfiehlt K. zum erstenmal die Phosphor-Therapie auf Grund seiner erweiterten Wiederholung der Wegner sehen Tierversuche und zahlreicher gelungener Heilungen rachitischer Kinder, die er als erster mit Phosphor zu behandeln unternommen hatte. Es handelt sich hier aber nicht allein um den therapeutischen Erfolg, sondern auch um einen entscheidenden Fortschritt in der Theorie der Rachitis, und wir möchten nicht unterlassen, gerade auf die theoretische Bedeutung dieser Untersuchungen nachdrücklich hinzuweisen. Indem K., über Wegner hinausgehend, nicht allein eine verdichtende Wirkung kleiner Phosphorgaben auf das Knochengewebe, sondern auch umgekehrt bei Anwendung größerer Dosen eine auflockernde, entzündungerregende Wirkung derselben Substanz feststellen konnte, war in seiner Theorie der Rachitis erst eigentlich der Ring geschlossen, und so sind die von ihm eingeführte Heilungsmethode der Rachitis und seine Theorie dieser Erkrankung durch eine eng verschlungene Kette von logischen Beweisen unzertrennlich miteinander verbunden und es ist schlechterdings nicht möglich, die eine ohne die andere zu akzeptieren, wie es vielfach versucht worden ist. — Damit ist aber die große theoretische Tragweite der K. schen Phosphorversuche noch keineswegs erschöpft, und es ist gewiß von besonderem Interesse, darauf hinzuweisen, daß in diesen Publikationen aus den Jahren 1883–1885 schon einige jener bedeutungsvollen Generalisationen formuliert sind, die dann in natürlicher Folge zur „Allgemeinen Biologie” hinüberführten, z. B. die Entzündungstheorie,,ubi laesio, ibi affluxus” statt der alten empirischen Regel „ubi stimulus, ibi affluxus” in der Zeitschrift für klinische Medizin VII. 2 (Sep.-Ausg. S. 31), besonders aber die Zerfallstheorie der Reizwirkungen und der Kontraktionserscheinungen (daselbst S. 35, sowie in „Pathogenese der Rachitis”, S. 94f.). Durch die Entdeckung der beiden entgegengesetzten Wirkungen des Phosphors auf das Knochensystem war K. schon damals, gleichzeitig mit seiner therapeutischen Errungenschaft, zu seiner neuen Theorie der Reiz Wirkung gelangt, und zwar auf Grund der generalisierenden Zusammenfassung der pathologischen und physiologischen Reize unter den gemeinsamen Begriff der Zerstörung von Teilen der lebenden Substanz, worauf er in späteren Jahren sein umfassendes System der Biologie aufbauen konnte (vgl. auch die Einleitung zur Allg. Biol. I und zu „Einheit der Lebenserscheinungen”, Gesamm. Abhandl., S. 238). Gewiß ein seltenes Beispiel von Fruchtbarkeit einer wissenschaftlichen Entdeckung, wenn man bedenkt, in welche Weiten und Tiefen dieser Phosphor sein Licht getragen hat.Google Scholar
  8. 1).
    Wiener med. Blätter 1885. Anm. d. Herausg. Diese Diskussion ist zwar keineswegs bezeichnend für die allgemeine Stellungnahme der maßgebenden Fachgenossen zu der K. schen Entdeckung, deren Votum auf der Magdeburger Versammlung der deutschen Kinderärzte außerordentlich günstig ausgefallen war. Wir bringen diese Vorträge, in denen sich K. mit seinen Wiener Gegnern auseinandersetzte, auch nicht wegen der wissenschaftlichen, sondern nur wegen der biographischen Bedeutung dieser Kontroverse. Namentlich die Schlußbemerkungen des 2. Vortrags (s. Gesamm. Abhandl., S. 47) sind in dieser Beziehung entscheidend für das Verhältnis, in dem K. zu einigen seiner tonangebenden Wiener Fachkollegen stand, dessen Gestaltung seiner geraden, zu keinerlei Kompromissen sich herbeilassenden Natur entsprach und das doch immerhin auch auf seine äußerliche Stellung in der wissenschaftlichen Hierarchie, bzw. den sich ihm bietenden Wirkungskreis, nicht ohne Einfluß blieb.Google Scholar
  9. 1).
    Therapeut. Monatshefte 1900. Anm. d. Herausg.: Der Aufsatz bringt als Fortsetzung des vorigen weitere Urteile der Fachgenossen über die Erfolge der Phosphorbehandlung, ferner interessante statistische Angaben über die steigende Frequenz der Rachitiskranken am I. öffentl. Kinderkrankeninstitut in Wien, schließlich, entsprechend der unmittelbaren Veranlassung des Aufsatzes, einen launigen Exkurs über Heilmittel-Reklame, zugleich einen charakteristischen Zug des Verfassers: seine (wissenschaftlich sehr wohl begründete) temperamentvolle Aversion gegen die modernen Eiweiß-Nährpräparate, gegen die Stellung zu nehmen ihm als Gewissenspflicht des Arztes erschien (vgl. Praktische Kinderheilkunde, 1912, S. 127).Google Scholar
  10. 1).
    Zur Abwechslung behauptet neuerdings Monti, daß sich der Phosphor nach wenigen Tagen aus dem Lebertran verflüchtigt, so daß dann die Kinder Lebertran ohne Phosphor bekommen. Diese Substanz, die nach Raudnitz in festem Aggregatzustande zu Boden fällt, soll also nach Monti in gasförmiger Gestalt durch den Flaschenhals entweichen. Das eine ist aber ebenso falsch wie das andere, weil Untersuchungen, die seinerzeit auf meine Veranlassung im chemischen Laboratorium des Hofrats Ernst Ludwig angestellt wurden, zweifellos ergeben haben, daß der Phosphor noch nach Monaten im Lebertran in gelöster Form enthalten ist. *) Anm. d. Herausg.: Es folgt nun der auch in der vorigen Abhandlung enthaltene Bericht über die beifällige Aufnahme der Phosphortherapie auf der Magdeburger Versammlung deutscher Kinderärzte (1884) und die Anführung der auch dort (S. 33) bereits zitierten günstigen Urteile von Hagenbach, Soltmann, Unruh, Sprengel, Heubner, Biedert, Dornblüth, B. Wagner, Benno Schmidt unter besondrer Hervorhebung folgender Sätze: „Nachteile sind mit dieser Behandlung keine vorhanden” (Hagenbach), „Nie sahen wir durch den Phosphorgebrauch selbst Verdauungstörungen auftreten” (Soltmann),,,Ein Nachteil, eine ungünstige Nebenwirkung konnte in keinem Falle konstatiert werden”. (Benno Schmidt.)Google Scholar
  11. 1).
    Wiener med. Wochenschr. 1901. Anm. d. Herausg.: Widerlegung der Theorie der Kalkberaubung und kurze übersichtliche Zusammenfassung der K. schen Rachitistheorie in 15 Punkten; Polemik gegen die Zweifelsche Brot-und Salzhypothese.Google Scholar
  12. 2).
    Die Pathogenese der Rachitis. Wien 1885. — Die Phosphorbehandlung der Rachitis. Zeitschr. f. klin. Med. VII. Bd. — Zur Theorie und Behandlung der Rachitis. Beiträge zur Kinderheilkunde, 1. Heft, 1890.Google Scholar
  13. 1).
    Die Asche des unverkalkten Knorpels enthält nach Krukenberg (Zeitschr. f. Biol., Bd. 20, S. 307) vorwiegend Kalzium.Google Scholar
  14. 1).
    Zeitschr. f. Biol. Bd. IX.Google Scholar
  15. 1).
    Auch von der eklatanten Wirkung des Phosphors bei der Osteomalazie, welche von so vielen Autoren angegeben wird, ist bei Zweifel keine Erwähnung getan, wie denn auch die Namen der betreffenden Autoren, wie Sternberg, Latzko, Strümpell, Matterstock, v. Weiss, Kosminski, Rissmann usw. in dem Literaturverzeichnisse der Osteomalazie übergangen sind.Google Scholar
  16. 1).
    Wiener med. Presse 1901, Nr. 2, 3, 5 und Therapeut. Monatshefte, Febr. 1901.Google Scholar
  17. 1).
    Münch. med. Wochenschr. 1900, Nr. 48 u. 49.Google Scholar
  18. 2).
    Jahrbuch für Kinderheilkunde, 53. Bd., S. 239.Google Scholar
  19. 1).
    Bezirksarzt Dr. Perl in Sereth (Bukowina) meldet amtlich, daß von 67 präventiv immunisierten Personen nachträglich 13 erkrankten und 2 starben. (Wiener klin. Wochenschrift 1895, Nr. 3.)Google Scholar
  20. 1).
    Wiener klin. Wochenschr. 1901, Nr. 8. Anm. d. Herausg.: Eine ausführliche Widerlegung der chemischen Einwände gegen die Wirksamkeit des Phosphors findet sich in einem Vortrag aus der Gesellschaft der Ärzte „Über Phosphorlebertran“ (erschienen in der Wiener Med. Presse 1901, Nr. 2, 3 u. 5), der sich auf zahlreiche, eigens vorgenommene Untersuchungen der Chemiker Jolies, Kolbe, Prof. Mauthner, Hofr. Ludwig stützt und dessen Studium jedem empfohlen werden mag, der sich über die Bedeutung jener immer wieder auftauchenden Einwände — K. nennt sie „im Dunkel geschmiedete Waffen“ — gegen ein Heilmittel, das nach dem Zeugnis der angesehensten Ärzte seit Jahrzehnten ungezählte Tausende von Kindern von den rachitischen Krankheitserscheinungen befreit hat, informieren will. „Derselbe Körper kann sich unmöglich in demselben Vehikel zu Boden schlagen, allmählich durch den Flaschenhals entweichen und sich, wie Zweifel behauptet, gleich von vornherein in Oxydationsprodukte verwandeln. Ist eine dieser Behauptungen richtig, dann sind die beiden anderen ganz sicher falsch. Nun wissen wir aber bereits, daß alle drei Behauptungen durch die Leuchtproben und durch die quantitative Analyse widerlegt sind. Es kann uns also höchstens noch interessieren, auf welchem Wege der neueste Gegner des Phosphorlebertrans zu seiner falschen Behauptung gelangt ist, und es ist in der Tat von nicht geringem psychologischen Interesse, ihn auf seinem Irrwege zu begleiten.“ — Wir konnten den Aufsatz, der zahlreiche Proben der glänzenden K. schen Polemik enthält, wegen seines großen Umfanges leider nicht aufnehmen und erwähnen nur noch, daß er nach der eingehenden Verfolgung jener chemischen Argumente „bis in ihre zum Teil trivialen Einzelheiten“ im Anhang auch einige praktische Winke über die Indikation des Phosphors bei den verschiedenen Formen und Graden der Rachitis bringt, die in dieser übersichtlichen Zusammenstellung dem Praktiker willkommen sein dürften.Google Scholar
  21. 1).
    Deutsche Ärzte-Ztg. 1902, Heft 3 und 13 (im Auszug).Google Scholar
  22. 2).
    Zur Ätiologie der Rachitis. Deutsche Ärzte-Ztg. 1901, Heft 22.Google Scholar
  23. 3).
    Nach Feer, Zur geographischen Verbreitung und Ätiologie der Rachitis. Separatabdruck aus der Festschrift für Hagenbach-Burckhardt, 1897, S. 90.Google Scholar
  24. 1).
    Statistik der Rachitis und des Spasmus glottidis usw. Inaug.-Diss. Breslau 1888.Google Scholar
  25. 1).
    Nach Wolf hügel (Arch. f. Hygiene 18. Bd.) beruht die schädigende Wirkung der verunreinigten Luft in schlecht ventilierten und überfüllten Räumen nicht so sehr auf dem vermehrten Kohlensäuregehalt als auf den in ihr verteilten organischen „Riech-und Ekelstoffen“.Google Scholar
  26. 2).
    Zur Ätiologie der Rachitis. Infektion oder Intoxikation. Deutsche Ärztezeitung. 1902. Heft 13.Google Scholar
  27. 1).
    Deutsche med. Wochenschr. 1913.Google Scholar
  28. 1).
    69. u. 75. Band des Jahrbuches für Kinderheilkunde.Google Scholar
  29. 1).
    Jahrbuch für Kinderheilkunde, Bd. 74.Google Scholar
  30. 1).
    Berl. klin. Wochenschr. 1906, Nr. 3.Google Scholar
  31. 2).
    Die Rachitis des Schädels. 1901 S. 18Google Scholar
  32. 3).
    Vgl. meine Abhandlung über „Rachitis bei Neugeborenen“ im 77. Bande des Jahrbuches für Kinderneilkunde und die demnächst erscheinende Fortsetzung.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1914

Authors and Affiliations

  • Max Kassowitz
    • 1
  1. 1.Universität WienÖsterreich

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