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Die Mittel, unsere Psyche kennen zu lernen

  • Eugen Bleuler

Zusammenfassung

Die erste notwendige Voraussetzung aller unserer Erkenntnis ist die Richtigkeit unseres Denkens, aus dem wir nicht herauskönnen. Wir vermögen nicht mit unserem Denken das Denken, mit unserem Verstand den Verstand in ihren Prinzipien zu kritisieren, sondern nur im einzelnen die Anwendung der Prinzipien. Was ein allwissender Geist, der die Welt und uns betrachten würde, als richtiges Denken bezeichnen würde, dafür haben wir keinen Maßstab. Wir müssen einfach annehmen, daß „richtigul“1) sei, was eben die allgemeine Logik als richtig bezeichnet, und diese besitzt noch einen scheinbar2) objektiven Prüfstein an den Tatsachen. Diejenigen logischen Formen im allgemeinen und Schlüsse im speziellen, die sich an der Erfahrung bewähren, bezeichnen wir als richtig, und das auch dann, wenn wir sie nicht in jedem einzelnen Fall nachprüfen können. Da denken wir in diesen Dingen genau wie die Naturforscher und zwar sowohl in den Voraussetzungen, wie in den logischen Formen und in der Art der Ableitung und der Behandlung der Begriffe.

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Referenzen

  1. 1).
    Ich vermeide den Ausdruck „Wahrheit“, nicht weil er an sich nicht brauchbar wäre, sondern weil man ihm durch zu vieles Reden darüber zu viele Unklarheiten und Unbestimmtheiten angehängt hat.Google Scholar
  2. 2).
    Wenn, wie wir ausführen werden, unsere Logik aus der Erfahrung stammt, so kann sie eben höchstens für unsere Erfahrung richtig sein. Entspräche diese nicht einer objektiven Wirklichkeit, wären die Zusammenhänge der Außenwelt halluziniert, oder würde uns die Wahrnehmung dieselben fälschen, so wäre das logische Denken für einen außer uns und der übrigen Welt stehenden Betrachter falsch ; für uns aber wäre es dennoch das praktisch und theoretisch einzig Brauchbare, also einzig Richtige.Google Scholar
  3. 1).
    Eine andere Eigentümlichkeit des philosophischen Wissenschaftsbetriebes besteht in der kraftlosen Halbheit, daß man ohne Totschlags- oder Auferweckungsversuche die nämliche Ansicht gleichzeitig als lebend und als tot, als erledigt und als berechtigt darstellt und überhaupt die widersprechendsten Meinungen nebeneinander laufen läßt, ohne das Fazit zu ziehen oder die Wahrscheinlichkeiten jeder im Für und Wider zu erörtern. Wie mit dem Inhalt hält man es mit den Methoden; man schleppt noch allerlei Spekulationen und Formen und Begriffe aus klassischen und mittelalterlichen Zeiten in unlösbarer Verquickung mit moderneren Anschauungen weiter, und wenn Philosophen Psychiatrie treiben, so gibt es Krankheiten wie Paranoia halluzinatoria acuta alcoholica, die man wie ein Rechenexempel aus der Formel ableitet : Wahnideen — Paranoia ; plötz lich aufgetreten = akut; hört Stimmen = halluzinatoria; hat gesoffen = alcoholica (durch die Abkürzung ist das System nur wenig karikiert; im Prinzip ist die Wiedergabe richtig), oder man mischt in die neuen Beobachtungen, die doch schon recht Erfreuliches in bezug auf die Zusammenhänge des gesunden und kranken Seelenlebens zutage gefördert haben, Ideen von apriori, die dazu passen, wie der Riese Atlas, der den Himmel trägt, zur modernen Astronomie. Philosophie ist gut und Naturwissenschaft ist gut, aber gemischt sind sie ein Gericht aus Knoblauch und Schokolade. Bei der Schwierigkeit, die es hat, einmal gepflanzte Vorurteile zu kompensieren (ausrotten kann man sie ja bei dem verderbten Individuum selbst nie mehr) würde ich es für die nächste Ärztegeneration für ein Unglück halten, wenn Philosophie, so wie sie jetzt ist, in den Lehrplan aufgenommen würde. Es ist nur quantitativ verschieden, aber im Prinzip der Mischung von Pilosophie und Medizin gleich, wenn man in der Astronomie alte Anschauungen von der Erde, die auf einem Elefanten steht, und das ptolemäische System, in der Chemie die Phlogistontheorie und in der Physik den Horror vacui mit den entsprechenden Denkweisen neben den modernen Kenntnissen und Auffassungen dozieren wollte. Man lehrt bezeichnenderweise Philosophie nicht als etwas, das man jetzt weiß, sondern als „Geschichte der Philosophie“. Warum studiert man nicht Zoologie als Geschichte der Zoologie, die so hoch interessante Tiere wie Drachen oder wie Muscheln, aus denen Enten wurden, genau kannte ? Und der Techniker, der seine Grundlagen aus der „Geschichte der Physik“ studiert hätte, würde wohl Mühe haben, ein Dampfschiff zu konstruieren. Wenn diese Art Philosophiestudium etwas Richtiges wäre, so bewiese das, daß die gewonnenen Resultate Nebensachen wären, und das Interesse rein an den hübschen Konstruktionen hängen würde. Nun, vielleicht ist es so, soweit nicht unter dem Namen Philosophie wirklich wissenschaftliche Fragen, wie Erkenntnistheorie oder die Gesetze der Logik behandelt werden — wenn auch diese meist mit unwissenschaftlichen Methoden. Das Schlimmste aber an der Philosophie ist die dort neben den schärfsten Unterscheidungen und Folgerungen immer noch gebräuchliche saloppe Art des Schließens und die Gewohnheit, mit dem nämlichen Wort bezeichnete Begriffe immer wieder umzumodeln und, ohne es zu merken, damit die verschiedensten Dinge miteinander zu identifizieren (darüber siehe: Dereierendes Denken). Wenn überhaupt aus einem mir unerfindlichen Grunde vom Mediziner Philosophie getrieben werden sollte, so dürfte es höchstens am Ende des Studiums sein, wo die Realitäts-vorstellungen einen höheren Grad von Festigkeit erreicht haben. Die Nachpubertätsperiode ist für solche Denkweisen noch zu gefährlich. Wirkliche Gefahren des philosophischen Denkens liegen einmal in seiner weitgehenden Abstraktion; Abstraktionen werden ja um so leichter fehlerhaft, um so schwankender und den Erschleichungen und den direkt falschen Auffassungen um so zugänglicher, je weiter sie sich von der Sinnlichkeit entfernen. Noch wichtiger scheint mir für die Frage der Einführung philosophischer Semester die andere Tatsache, daß die Abstraktionen um so bequemer sind, je weiter sie sich von der sinnlichen Realität entfernen, und daß ihre häufige Benutzung geradezu die Fähigkeit herabsetzt, realistischere Engramme zu ekphorieren, wie schon die Verwandlung der sinnlichen Wahrnehmung in die „blassen“ Dingbegriffe in schlagender Weise zeigt (siehe Abschnitt Wahrnehmungen). Wie leicht ist der Begriff Mensch oder Menschheit zu ekphorieren; der eines bestimmten Menschen aber mit dessen genauem Aussehen in Farben und Formen kann unter gewöhnlichen Umständen vom Nichtkünstler gar nicht benutzt werden. Außerdem abstrahieren wir ja gerade deshalb, damit wir nicht mehr alle die Einzelerfahrungen, die dem abstrakten Begriff zugrunde liegen, ekphorieren müssen, und je allgemeiner eine Vorstellung, um so leichter ist sie zu assoziieren. Der Imbezille, der so große Mühe hat, zu abstrahieren, daß man (fälschlicherweise) behaupten kann, er sei dazu überhaupt nicht fähig, benutzt sofort die spärlichen Allgemeinbegriffe, die er gewinnen konnte, in zu großer Ausdehnung; er redet von „Werkzeug“, wenn er „Schaufel“ sagen sollte. Der Senile, dessen Hirn in Rückbildung begriffen ist, redet schließlich so allgemein, daß wir ihn kaum mehr verstehen, weil er nicht mehr fähig ist, die weniger abstrahierten Begriffe zu denken. Der unklare höhere Blödsinnige hat bekanntlich eine besondere Neigung zu philosophieren, und wenn ein Jüngling, der sonst realistisch dachte, in der Zeit nach der Pubertät anfängt, mit Eifer Philosophen (früher mit Vorliebe Schopenhauer und jetzt Nietzsche) zu lesen, so ist es oft deshalb, weil die hereinbrechende Schizophrenie ihn verhindert, scharf und realistisch zu denken, hingegen die von der Wirklichkeit losgelösten Ideen geradezu begünstigt. Man hat deshalb gemeint, der Sens de la réalité sei die höchste Funktion, die am spätesten auftrete, und am leichtesten geschädigt werden könne, was natürlich nicht richtig ist, weil die niedrigen Geschöpfe mit bloßer Philosophie nicht leben könnten und noch viel ausschließlicher als wir die Realität direkt zur Anpassung benutzen müssen. Wichtig für die praktische und theoretische Bedeutung der Philosophie ist auch folgendes: Die ältere griechische Philosophie ist gar nicht Philosophie im modernen Sinne, sondern eine Wissenschaft, die die nämlichen Ansprüche macht wie unsere Naturwissenschaft und sich erst später in die beiden Richtungen geteilt hat. Jene Männer wollten das Wesen der Dinge und ihre Zusammenhänge erforschen; es fehlte ihnen aber noch die genügende Methodik und Erfahrung; so kamen sie zu sehr ins Abstrakte, das wie gesagt näher liegt. Es war ihnen zum Bewußtsein gekommen, daß das Denken in diesen Dingen weiterhelfen kann ; sie kannten aber seine Grenzen noch nicht und haben es in übertriebener Weise angewendet, wie man heutzutage jede neue Methode oder einen neuen Krankheits-begriff übertreibt, bis die Erfahrung die natürlichen Grenzen zeigt. Sie haben zu sehr auf die Beobachtung verzichtet und namentlich das Experiment noch nicht zu benutzen verstanden. Es war ihnen nicht klar, wie weit man sich von der Erfahrung entfernen kann, ohne in das hinein zu kommen, was man jetzt Philosophie nennt, oder das, was bei Aristoteles als Metaphysik von der Naturwissenschaft abgetrennt wurde. Auch der Unterschied der naturwissenschaftlichen und der philosophischen Probleme war ihnen natürlich nicht bewußt, und so trieben sie beides als eine Wissenschaft. Nach und nach aber überwog der „philosophische“ Teil, der nicht nur bequemer zu bearbeiten ist, sondern namentlich die wichtigsten affektiven Bedürfnisse der Menschen befriedigen kann, wozu die nüchterne Naturwissenschaft nicht fähig schien. In einer besonders gerichteten und einseitig übertriebenen Form sehen wir das abstrakte Denken in der Scholastik karikiert. Sehr weit getrieben hat die Abstraktion die indische Philosophie, die allgemein menschlich bleibt, aber in ihrer Weitabgewandtheit und Lebensschau wohl Symptom eines durch Klima (und Mischung?) erzeugten Rassenniederganges ist und jetzt noch nicht nur große Denker beschäftigt, sondern auch in ihrer Loslösung von der Realität die Wonne unklar psychopathischer Verstandesästheten ist. In die neuere Zeit fällt die Tat Hegels, der aus „Vernunftgründen’* bewies, daß sich zwischen Mars und Jupiter kein Stern befinden könne — zwei Jahre nach der Entdeckung der Ceres. Dabei handelte es sich nicht um eine einsame Pubertätsverirrung, sondern um eine von der Fakultät der Philosophen gutgeheißene Habilitationsschrift. Dieses viel zu wenig gewürdigte und für den Mißbrauch des abstrakten Denkens äußerst bezeichnende Vorkommnis sollte als warnende Etikette jeder philosophischen Abhandlung aufgedruckt werden, wie der Totenkopf der Sublimatflasche, die je nach der Verwendung nützlich, aber auch sehr gefährlich sein kann. Ein Kollege, den ich hoch achte, hält mir vor, meine ganze Auffassung von der Identität von Seele und Leib sei, weil nicht sicher bewiesen, Me taphysi das ist nicht richtig, wenn er unter diesem Namen etwas von den φυσιϰα wesentlich Verschiedenes versteht, wie man es gewöhnlich tut. Meine Überlegungen mögen einer Kritik standhalten oder nicht, sie sind in Methode und Resultaten durchaus gleichzustellen irgendwelchen andern naturwissenschaftlichen Ableitungen. Auf die größere oder geringere Wahrscheinlichkeit der Schlüsse kommt es bei dieser Frage gar nicht an, sondern auf die Art des Schließens. Erkenntnistheorie z. B. kann (und sollte) in der Wissenschaft, ebenso wie das Verhältnis von Seele und Leib, rein naturwissenschaftlich behandelt werden. Irgend etwas anderes hineinzulegen ist nicht nötig, aber verwirrend und fälschend. Einer Lebensanschauung dagegen kann (muß nicht) der durch persönliche Gefühlsbedürfnisse gerichtete Glaube einen viel höheren Grad von Wahrscheinlichkeit verleihen als die logischen Schlüsse aus Tatsachen, aus denen die Ansicht scheinbar entwickelt oder begründet wird. Der Glaube verleiht den Resultaten ungenügender oder falscher Überlegungen geradezu volle Sicherheit, Realität, Wahrheitswert. Objektiv ist diese Sicherheit, Realität oder Wahrheit etwas prinzipiell anderes als die durch die Sinne und Logik erlangten, mit den nämlichen Worten bezeichneten Begriffe. Der Glaubende selber kann im einzelnen Falle den Unterschied gar nicht oder wenigstens nicht prinzipiell werten. Sehen wir alle die Umgrenzungen oder Definitionen der Metaphysik durch (z. B. in Eislers philosoph. Wörterbuch, Berlin, Mittler & Sohn, 1899), so finden wir, daß fast überall eine Beimischung von dereierenden Wunschzielen das Charakteristische bildet. Man will irgend etwas wissen, was man nicht wissen kann, oder etwas wissen und beweisen, was, statt den Tatsachen, unseren Wünschen entspricht (Kant, Existenz von Gott, Unsterblichkeit, Freiheit; Deussen, Versöhnung von Wissen und Glauben). So gefaßt ist Metaphysik in grellem Gegensatz zu dem, was wir Wissenschaft nennen. In der Wissenschaft gibt es kein vorher gesetztes zu Beweisendes: was herauskommt ist gleichgültig; wichtig ist nur, daß eine neue Erkenntnis gewonnen wird, und (da absolut sichere Erkenntnis überhaupt nicht zu erlangen ist), welchen „objektiven“ Wahrscheinlichkeitswert sie hat. Diese letztere Prüfung vertragen die Resultate metaphysischer Spekulation nicht; sie sind ungeachtet des Aufwandes von Scheinbeweisen reine Glaubenssache und damit „höchste“ und befriedigende und abschließende „Wahrheiten“ für den einen, aber ohne Wert für einen andern. Deshalb zankt man sich daium viel eifriger, als über ein rein wissenschaftliches Problem — während vom Standpunkt der Logik aus gerade darüber nicht zu zanken ist.Wenn somit auch die folgenden Ausführungen über die Möglichkeiten und Arten der Erkenntnis und über den Zusammenhang von Physis und Psyche falsch oder zu wenig begründet wären (ungenügendes Beweismaterial, Übersehen von in Betracht kommenden Tatsachen), mit Metaphysik hätten sie dennoch so wenig zu tun wie die Vorstellung von der Entwicklung der Arten oder vom Elektron oder Magneton. Nicht selten allerdings wird von philosophischer Seite der Einwand, auch die Naturwissenschaft komme ohne Metaphysik nicht aus, durch den Hinweis gestützt, auch die Atome habe niemand gesehen, und doch operiere man mit diesem Begriff. Es gibt nun gewiß viele Halbwissenschafter, die sich unter dem Atom ein besonders kleines Sandkorn einer bestimmten Materie vorstellen und nichts weiter dabei denken. Das ist eine Naivität, die der Wissenschaft fremd ist. Der Naturforscher kennt bestimmte Tatsachen, die bestimmten Gewichtsverhältnissen in chemischen Umsetzungen entsprechen, die Übergänge von flüssigen Körpern in Gase, manche physikalische Eigenschaften der Gase und vieles andere, was mit großer Wahrscheinlichkeit auf quantitativ bestimmte, in manchen Beziehungen voneinander unabhängige Stoffteilchen hindeutet oder sich durch diese Auffassung erklären läßt, und wenn er von Atomen spricht, meint er nichts als den so gewonnenen Begriff mit all seinen Unbestimmtheiten und Wahrscheinlichkeiten. Er „glaubt“ dann nichts mehr und nichts sicherer, als seine Schlüsse es erlauben; er hat keine Scheinschlüsse gemacht; irgendein anderes Bedürfnis als das, bestimmte Tatsachengruppen zusammenzufassen, wie man es überall in der Wissenschaft und im realistisch-logischen Denken tut, spielt dabei nicht mit. Was gerade die Psychologie bei so vielen Leuten immer noch mit Metaphysik in Verbindung bringt, das ist ein Hineintragen der vulgär und bei den Philosophen verbreiteten mehr oder weniger hewnltten Voraussetzung, daß die Seele etwas prinzipiell anderes sei, als alles, was wir sonst kennen. Dieses Anders-sein entspringt nun nient der Beobachtung, sondern der Phantasie ; es ist eine unbewiesene und unbegründete Annahme, die fälschlicherweise als Voraussetzung in die Untersuchung hineingetragen wird durch dercierendes Denken, das in solchen Spezialfällen meraphysisch genannt wird. Halten wir uns wie sonst in der Wissenschaft nur an das. was wir (innen oder außen) beobachten, und tragen wir gar nichts in die Psychologie hinein, was nicht Beobachtung ist. so haben wir nicht mehr und nicht weniger logischen Grund, hinter der Seele noch etwas besonderes zu vermuten, als wenn wir einen Berg beschreiben, und seine Entstehung rekonstruieren wollen, l’user Wissen über die Seele ist genau gleich gut und gleich schlecht abgerundet, wie bei irgendeinem andern Gegenstand. Wie überall hat es auch hier engere Grenzen als unserer Wißbegierde lieb ist. Ks kann aber nicht erweitert, sondern nur gefälscht werden dadurch, daß man Vorstellungen der Phantasie mit den realistischen, erfah-rungs- und logikmäßigen mischt. Kann man sich dazu verstehen, wirklich nichts hineinzutragen, sondern nur wie bei ledern andern Naturgegenstand zu beobachten und die Beobachtungen in der allgemein gültigen und in der Naturwissenschaft üblichen Weise zu Begriffen und Schlüssen zu verwerten, so werden die Wahrscheinlichkeiten oder „Sicherheiten“ unserer Schlüsse auch auf psychologischem Gebiet auf einmal gleichwertig den in den andern Naturwissenschaften. Spezieller ausgedrückt, schließt man die Bedürfnisse des menschlichen Hochmuts, etwas Besonderes in der Welt zu sein, die Ansprüche auf Unsterblichkeit u. dgl. aus. wie es in jeder andern Wissenschaft selbstverständlich ist. so ist z.B. die Auffassung der Psyche als Hirnfunktion ungleich besser fundiert als etwa eine Menge geologischer Vorstellungen, an denen kein vernünftiger Mensch rütteln möchte. Man denke sich nerven-physiologische Tatsachen, die nur zum hundertsten Teile so oft nach bestimmten Regeln experimentellen oder krankhaften Veränderungen gewisser Stellen des Rückenmarks, und nur solchen Veränderungen entsprechend verändert werden, es würde dem ärgsten Nörgler nicht einfallen zu leugnen, daß diese Vorgange eine Funktion der betreffenden Rückenmarksstelle seien. Die Ausflucht, das Gehirn bloß als „Durchgangsstelle“ seelischer Äußerungen oder als ..Werkzeuge der Seele zu erklären, ist im Widerspruch mit den Tatsachen, eine dereierend gewonnene Voraussetzung des Glaubens, nicht logisch abgeleitet. Wenn wir z. B. alle diejenigen Eigenschaften der Seele, die durch Veränderungen des Gehirns (subjektiv oder objektiv) ebenfalls verändert oder aufgehoben werden, als Funktionen des körperlichen Instrumentes ansehen, so bleibt nichts mehr, das wir als Seele ansehen können: es wird ja alles mit dem Gehirn verändert, was wir als Funktion der Seele betrachten. Man könnte wohl die naturwissenschaftliche Sicherheit der Identitätslehre ungefähr gleichsetzen der der Kopernikanischen Auffassung der astronomischen Zusammenhänge. Die ganze Unsicherheit in den psychologischen Fragen kommt nur von entgegenstehenden Gefühlsansprüclien und von dadurch bedingtem dereierendem Denken; und dieses Denken muß die Naturwissenschaft in der Psychologie genau so gut ausschalten wie z. B. in der Erklärung von der Entwicklung der Lebewesen, wo der Dereisnms so gerne eine unüberbrückbare Kluft wenigstens zwischen Antropoiden und Menschen hineintragen wollte. Wenn nun jemand doch an der besonderen Substantialität der Seele festhalten will, so habe ich gar nichts dagegen; das was ich hier sage, schließt nicht aus, daß ich selbst daran glaube. Aber eben glaube und nicht wissenschaftlich ableite. Aber unbestreitbar ist, daß dieses Glauben ganz anders zu begründen ist als alles, was wir „wissenschaftlich“ nennen. Ob oder inwiefern ich bei allfälligem Widerstreit mein Leben nach dem Glauben oder nach dem Wissen einrichte, darüber haben meine individuellen Triebe zu entscheiden. Aus dem Vorhergehenden folgt, daß ich die Frage, оb es überhaupt eine Metaphysik als Wissenschaftgebe , verneine. Metaphysik will über das hinausgehen, was die Wissenschaft leisten kann; diese beobachtet und zieht daraus logische Schlüsse, deren Wahrscheinlichkeit (Sicherheit) sie möglichst zu bestimmen sucht. Wenn die Metaphysik darüber hinausgehen und doch Wissen vermitteln soll, so will sie etwas, was sie nicht kann. Wenn sie nicht darüber hinausgeht, so ist die Wissenschaft wie eine andere. Überzeugungen, die nicht logisch aus den Tatsachen zu folgern sind, gehören dem Glauben an. Glaube ohne Wissen ist unmöglich; aber Wissen ist nur dann Wissen, wenn es vom Glauben frei ist, und das, was an dem Glauben über das Wissen hinausgeht, kann nur durch Scheinlogik begründet werden, es ist nicht mehr Wissenschaft. Wer eine Mischung von Glauben und Wissen als Wissenschaft ausgibt, begeht eine Fälschung. Die Philosophie der neuen Zeit ist eine Mischung von Wissen und Glauben teils in diesem Sinne, indem sie vorgibt, Dinge, die wir nicht wissen können, bewiesen zu haben, teils aber so, daß sie einzelne Kapitel nach den gewöhnlichen wissenschaftlichen Regeln zu untersuchen sich bestrebt, andere aber dereierend behandelt. Zu den ersteren gehören z. B. Erkenntnistheorie oder Ästhetik, Dinge, die Bestandteile der naturwissenschaftlich zu behandelnden psychologischen Wissenschaft bilden. Zur zweiten Kategorie gehört alles, was mit „Lebensanschauung“ zusammenhängt, Optimismus und Pessimismus, Anschauungen, die vom Temperament und nicht von den äußeren Tatsachen abhängen und dergl. Leider veranlaßt die ungetrennte Beschäftigung mit beiden Arten von Gegenständen, oder vielleicht richtiger ausgedrückt, das Nichtbemerken des fundamentalen Unterschiedes in den verschiedenen Gegenständen die meisten Philosophen, nicht nur in den Glauben logische Überlegungen hineinzubringen (was notwendig ist, wenn man nicht die naive Kraft der unmittelbaren Überzeugung hat), sondern auch in den wissenschaftlichen Teil dereierende Unsorgfältigkeiten hineinzubringen, was denn auch darin sich rächend ausdrückt, daß eben das, was der eine mit großem Eifer aufstellt, von der Mehrzahl der andern bekämpft wird. So gibt es einen Schnitt zwischen Wissen und Glauben, zwischen den Wissenschaften und den Überzeugungen auf den Gebieten der Religion, der Weltanschauung, der Philoso-sophie (im engeren, oben an zweiter Stelle angeführtem Sinne). Es gibt daher keinen prinzipiellen Unterschied zwischen „Naturwissenschaft“ und anderen Wissenschaften. Geschichte, Linguistik, Ästhetik usw. sind Tatsachensammlung und Erklärung genau wie die Physik oder die Zoologie, und auch die Mathematik hat keine Methoden, die sich prinzipiell von denen der Naturwissenschaften unterscheiden würden. Sie fällt nur auf, weil sie die Abstraktion viel weiter getrieben hat als die andern. Dasjenige „Glauben“, das sich mit jeder eigentlichen Wissenschaft mischt, ist etwas ganz anderes als dasjenige, das in Metaphysik, Weltanschauung und Religion seine Rolle spielt (Übergänge sind dadurch nicht ausgeschlossen). Die Wahrscheinlichkeiten der wissenschaftlichen Resultate sind relativ. Bei welchem Grade man eine Ansicht annehmen, einen Beweis als geleistet betrachten soll, ist von den Eigenschaften und den Erfahrungen des Individuums abhängig. Ich halte z. B. die Schizophrenie, soweit sie organisch bedingt ist, in gewissem Sinne für eine Einheit, andere bestreiten diese Auffassung, weil sie die tatsächlichen und logischen Gründe anders werten. Aber wir alle sind uns darüber klar, daß wir da mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten rechnen, und wir suchen nach neuen Tatsachen, die diese Wahrscheinlichkeiten zu Sicherheiten erheben können, gleichgültig, welche von diesen Ansichten sich schließlich bewährt. Betrüblich ist, daß sich Metaphysik und metaphysische Methoden wieder in die Psychiatrie einzuschleichen versuchen, die sich einige Zeit freuen konnte, eine Naturwissenschaft zu sein wie die übrigen Zweige der Medizin. Nun hat sie seit bald zwei Jahrzehnten versucht, zu besserem psychologischem Verständnis zu kommen, und da benutzt das metaphysische Gespenst seine alte Mißheirat mit der Psychologie, um sich mit ihr wieder in die wissenschaftliche Stube einzuschleichen. So ist dadurch die einfache Frage nach der Existenz und der Auffassung des Unbewußten zu einem unlösbaren Durcheinander von Problemen geknetet worden, und man redet statt von moralischen und ähnlichen Trieben vom „Transzendentalen“ in uns und bringt mit einem einzigen solchen Worte wieder Unbestimmtheiten und Unklarheiten hinein, mit denen niemand, der sich etwas vorstellen will, etwas anzufangen weiß, über die man aber trefflich streiten kann, weil sie nichts Konkretes bedeuten und jeder hineinlegt, was ihm im gegebenen Augenblick gerade paßt. Hoffen wir, die neue Richtung sei kräftig genug, um sich von der aus psychologischer Wissenschaft und metaphysischen Spekulationen zusammengepfropften Chimäre freizuhalten.Google Scholar
  4. 1).
    Ausnahmen, wie Spencer, sind nur scheinbar; man streitet sich da mehr um Worte und Begriffsabtrennungen als um Anschauungsverschiedenheiten den Tatsachen gegenüber.Google Scholar
  5. 2).
    Die Bedeutung dieses Ausdruckes ist später genauer zu umschreiben.Google Scholar
  6. 1).
    Über eine andere Art der notwendigen Korrelation, ein Parallelgehen von Abstufungen der Qualitäten und Quantitäten in der psychischen und der physischen Reihe s. Ableitung des Bewußtseins. Abschn. G. Die große Lücke.Google Scholar
  7. 2).
    Obschon wir die Außenwelt auch dann wie eine Realität zur Erlangung von Lust und Abwendung von Unlust benutzen müßten, wenn wir bestimmt wüßten, daß sie nur unsere Phantasievorstellung wäre, sind wir doch so auf die Idee ihrer objektiven Existenz eingestellt, daß die Wenigsten es fertig brächten, mit Bewußtsein der Sachlage an ihre eigenen Phantasiegebilde zu schreiben und für sie drucken zu lassen.Google Scholar
  8. 1).
    Die folgende Überlegung besteht auch bei jeder anderen Vorstellung, die man sich von dem Wahrnehmungsvorgang machen mag, zu Recht.Google Scholar
  9. 1).
    Dabei sind wir uns klar, daß der Begriff der Existenz eigentlich nur auf die Welt unserer Erfahrung anwendbar ist.Google Scholar

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1921

Authors and Affiliations

  • Eugen Bleuler
    • 1
  1. 1.Universität ZürichSchweiz

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