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Konstitution — Rasse — Gesellschaft. Der Konstitutionsstatus

  • Julius Bauer

Zusammenfassung

M. H.! Den Begriff der biologischen Minderwertigkeit der degenerativen Individuen haben wir dahin definiert, daß solche Individuen im natürlichen Kampfe ums Dasein ceteris paribus und ohne Eingreifen der der natürlichen Selektion entgegenwirkenden und sie paralysierenden Einflüsse der Kultur schlechter ausgerüstet, weniger widerstandsfähig sind als andere. Diese Definition bedarf einiger Erläuterungen. Das, was wir unter „Kampf ums Dasein“ seit Darwin verstehen, spielt sich beim Kulturmenschen etwas anders ab als unter frei lebenden Organismenarten. Aus einem biologischen Kampf ums Dasein ist beim Menschen großenteils ein sozialer, ein wirtschaftlicher geworden. Nicht mehr die biologische Vollwertigkeit, die körperliche Kraft, die Schärfe der Sinnesorgane, die Widerstandsfähigkeit gegenübel äußeren Schädlichkeiten aller Art entscheidet in diesem Kampfe, sondern ganz andere Qualitäten sind da maßgebend, der biologische Kampf ist maximal zurückgedrängt durch den sozialen. Der Kurzsichtige, der im freien Kampf in der Natur unterliegen würde, ist, mit dem Augenglas gewappnet, nicht mehr im Nachteil, die stillunfähige Frau, deren Kinder in der freien Natur zugrunde gehen würden, kann beim Kulturmenschen ihre genotypische Minderwertigkeit erhalten und weiter vererben, die Trägerin eines engen Beckens, welche im freien Wettbewerb der Natur von der Fortpflanzung ausgeschaltet wäre, kann dank den Fortschritten der Geburtshilfe ihre Erbqualitäten auf Generationen übertragen. Das gleiche Prinzip des Ausgleichs der biologischen Minderwertigkeit durch Errungenschaften der Kultur gilt natürlich für eine große Anzahl analoger Fälle, in welchen einerseits das Eingreifen der ärztlichen Kunst die konstitutionelle Inferiorität des Individuums im natürlichen Kampfe ums Dasein wettmacht und die biologische Konkurrenzfähigkeit des Individuums künstlich steigert, andererseits die soziale Fürsorge der natürlichen Tendenz der Ausmerze, der Selektion des Minderwertigen entgegenwirkt und der Erhaltung der minderwertigen Konstitution im Individuum und seiner Nachkommenschaft Vorschub leistet. Wir erwähnen nur die frühzeitige Zahnkaries, die schwere Rachitis, die konstitutionell-degenerative Schwerhörigkeit und Ertaubung, die verschiedenartigen, wesentlich konstitutionell mitbedingten Erkrankungen der Kreislaufs- und Verdauungsorgane, Stoffwechselanomalien, Dermatosen u. v. a. Wenn wir also von einer biologischen Minderwertigkeit sprechen im Kampfe ums Dasein, so meinen wir nicht den sozialen, wirtschaftlichen, sondern meinen den beim Kulturmenschen zum Teil nur mehr virtuellen biologischen Kampf mit seiner natürlichen Selektion des Minderwertigen, jenen Kampf, den wir in der freien Natur sich abspielen sehen, der aber für den Kulturmenschen nur mehr eine Fiktion darstellt.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1921

Authors and Affiliations

  • Julius Bauer
    • 1
  1. 1.Innere MedizinWiener UniversitätWienÖsterreich

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