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Die politischen Parteien II: Mehrheitswahl und Parteienkonkurrenz

  • Karl Loewenstein
Part of the Abteilung Rechtswissenschaft book series (ENZYKLOPÄDIE, volume 1)

Zusammenfassung

Eine britische Generalwahl, die in Einerwahlkreisen nach dem Grund­satz der relativen Mehrheit geführt wird, kann Ergebnisse zeitigen, die den durch die Wahl kundzumachenden Wählerwillen verzerren und damit den Grundsatz demokratischer Repräsentation im Parlament verfälschen. Zumindest mathematisch ist es möglich, daß, wenn drei Parteien sich um alle Sitze bewerben, eine von ihnen mehr Stimmen erzielt, als jede der beiden anderen und doch kein einziges Mandat im Unterhaus heimbringt, dann nämlich, wenn alle drei Parteien national ungefähr gleich stark und gleichmäßig verteilt sind und die eine Partei immer an zweiter Stelle liegt, während jede der beiden anderen Parteien ab­wechselnd jeweils mit einer Nasenlänge gewinnt, oder aber als dritte nachhinkt Solche extremen Fälle sind naturgemäß schon durch die wahlgeographischen Gegebenheiten ausgeschlossen, wonach jede der beiden Alternierungsparteien (und auch die Liberalen als Drittpartei) in gewissen Gegenden eine massierte Anhängerschaft besitzen. Wenn man aber die von den Parteien erzielten Prozentsätze an Wählerstimmen im ganzen Land mit den Zahlen ihrer tatsächlich erlangten Parlamentssitze vergleicht, weichen die Ergebnisse von der nach dem Verhältnis von Gesamtstimmen und Parlamentssitzen an sich zu erwartenden Proportionalität mit solcher Regelhaftigkeit ab, daß man darin fast ein „Gesetz der Diskrepanzen“ erblicken möchte.

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Literatur

  1. 1.
    So erhielten die Liberalen 1924 mit 16% der für sie abgegebenen Gesamtstimmen nur 6,5% der Parlamentssitze; 1929 war das Verhältnis 23,6 zu 9,6%. Vollends 1964 erzielten die Liberalen mit 3086000 Stimmen 11,3% der Gesamtstimmenzahl, aber mit 9 Mandaten nur 1,4% der Sitzezahl!Google Scholar
  2. 2.
    Der Erscheinung wurde vom Verfasser schon vor vierzig Jahren in Minderheitsregierung in Gro/3britannien,München 1925, S. 53 ff., die sich mit den rasch aufeinanderfolgenden Wahlen von 1922, 1923 und 1924 beschäftigte, Aufmerksamkeit geschenkt. Als die eigentlichen Opfer der relativen Mehrheitstechnik wurden die Liberalen erkannt.Google Scholar
  3. 3.
    Beispielsweise erhielten die Konservativen bei den Wahlen von 1922 und 1929 genau je 38,2% der Gesamtstimmenzahl, im ersteren Fall aber 344, im zweiten nur 260 Mandate. Bei den Wahlen von 1964 erhielten Labour 43,8% der Gesamtstimmen, haargenau wie 1959, aber 1959 hatten sie nur 258 Mandate verglichen mit den 317 Mandaten im Jahre 1964.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. die unten S. 549 in Anhang C tabulierten Anteile der Parteien an der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen. Das auffallendste Beispiel aus neuerer Zeit waren die Generalwahlen von 1951, bei denen die Konservativen 48%, Labour aber mit 48,8% 231000 Stimmen mehr erhielten, während das Mandatsverhältnis 321 zu 295 betrug. Das dann ans Ruder gekommene (2.) Kabinett Churchill war daher vom demokratischen Gesichtspunkt aus ein Minderheitskabinett. Trotzdem war die knappe Mehrheit der Konservativen ausreichend, sie bis 1955 unangefochten an der Macht zu halten. Diese Situation ist naturgemäß mit den dogmatischen demokratischen Grundsätzen nicht vereinbar; sie wird aber auch in den Vereinigten Staaten angetroffen, wo es nicht wenige Minderheitspräsidenten gab, das heißt solche, die weniger als die Hälfte der Wählerstimmen erhalten hatten. Es kommt aber drüben bekanntlich nicht auf diese, sondern auf die Elektorenstimmen an.Google Scholar
  5. 1.
    Eine entsprechende Analyse der Wahlen von 1966 lag bei Drucklegung noch nicht vor. Aber schon eine summarische Berechnung, bei der die unzureichende Mandatszahl der Liberalen im Verhältnis der für sie abgegebenen Stimmen berücksichtigt wird, läßt erkennen, daß die absolute Mehrheit Labours von 97 Sitzen, bei (nur) 47,8% der Gesamtstimmenzahl, durch den Verstärkungseffekt inflationiert sein muß.Google Scholar
  6. 2.
    In Brighton-Kempton beispielsweise gewann Labour den Sitz von den Konservativen nur mit 7 Stimmen. Mehrheiten unter 1000 ergaben sich in nicht weniger als 40 Wahlkreisen. Bei den Wahlen von 1966 waren es derer sogar 45; die kleinste Mehrheit (hier konservativ) waren drei Stimmen!Google Scholar
  7. 1.
    Bei den Wahlen von 1966 konnte man zweifeln, wer sich mehr blamiert hat, die vorausgegangenen Meinungssondierungen oder die in der Nacht nach der Wahl eingesetzten computers. Erstere waren durch die Bank falsch, weil sie Labour einen Erdrutschsieg — mit mehr als 150 Mandaten Mehrheit — zuweisen wollten, letztere ließen sich durch die zuerst tabulierten städtischen Resultate täuschen, ohne zu berücksichtigen, daß viele langsamer einlaufenden Ergebnisse der ländlichen Wahlkreise das Gesamtergebnis zugunsten der Konservativen korrigieren würden.Google Scholar
  8. 2.
    Um die gleiche Anzahl von Mandaten zu erlangen, müßte die Labour-Partei 47,3% der Gesamtstimmen auf sich ziehen gegen nur 45,9% der Konservativen, wobei angenommen wird, daß sich die Stimmenzahl der Drittparteien nicht verändert. In diesem Fall treffen auf die Konservativen 25 Mandate mehr. Nach Feststellung von D. E. BUTLER & RICHARD ROSE (wohl die besten Kenner des britischen Wahlsystems) in The British Elections of 1959,London 1960, S. 239/40 soll sich dieser arithmetische Schlüssel zum Verständnis des konservativen Vorsprungs in den vier Wahlen von 1950 bis 1959 voll bewährt haben.Google Scholar
  9. 1.
    Sie erzielten 1964 in Cornwall 28,7, in Devon 25,8 und im schottischen Hochland sogar 32,4%.Google Scholar
  10. 2.
    Von den 17 dreieckigen Wettbewerben, welche bei den Wahlen von 1964 zu einem Parteiwechsel führten, ergab sich nur in vieren eine absolute Mehrheit für die gewinnende Partei. 19 Sitze, die 1959 nur zwischen den Konservativen und Labour umstritten waren, wurden 1964 dreieckig ausgefochten. In allen diesen kamen die Liberalen an letzter Stelle. In keinem der drei Sitze, die sie den Konservativen abnahmen, hatten sie die absolute Mehrheit, ebensowenig in den ihnen 1966 zugefallenen Wahlkreisen.Google Scholar
  11. 1.
    : 82,5%; 1955: 76,8%; 1959: 78,7%; 1964: 77,3%. Die Beteiligungsziffer hängt auch einigermaBen vom Zeitpunkt der Wahl ab; Herbstwahlen sind ihr günstiger als Frühjahrswahlen, wo die Landwirtschaft viel zu tun hat. Der auf den britischen Inseln landesübliche Regen fördert sie nicht. Auch spielt es eine Rolle, wie lange oder wie kurz vorher das Wahlregister fertiggestellt wurde.Google Scholar
  12. 2.
    Mr. A. G. Brown war 1959 im englischen Wahlkreis Tottenham mit erheblicher Mehrheit als Labour-Abgeordneter gewählt worden, wechselte aber dann zu den Konservativen über. Bei seiner Wiederaufstellung als konservativer Kandidat 1964 wurde er vernichtend geschlagen.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1967

Authors and Affiliations

  • Karl Loewenstein
    • 1
    • 2
  1. 1.Amherst CollegeUSA
  2. 2.Juristische FakultätUniversität MünchenDeutschland

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