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Einführung

  • Karl Jaspers

Zusammenfassung

In dieser Einführung soll der offene Raum vergegenwärtigt werden, in dem die psychopathologische Erkenntnis sich bewegt. Es wird hier nicht der feste Grund gelegt, auf dein das Gebäude zu errichten wäre; denn der jeweils eigentümliche Grund wird in jedem Kapitel gelegt. Es werden auch noch nicht Erfahrungen berichtet, sondern Erörterungen über die Weisen der Erfahrungen und über den Sinn der allgemeinen Psychopathologie versucht.

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Literatur

  1. 1.
    Wir sind allerdings nicht in der Lage, etwa ein Buch über Psychologie zu nennen, das gleichsam als eine Ergänzung zum Studium der Psychopathologie dienen könnte. Psychologie ist ebenso wie die Psychopathologie in viele Lager geteilt. Man muß die Parteien und Gegenstände nacheinander kennenlernen, um von Psychologie etwas zu erfahren. Für die mit der Sinnesphysiologie und den körperlichen Erscheinungen zusammenhängenden seelischen Probleme ist Wundts Physiologische Psychologie das in vielem veraltete Hauptwerk. Soweit es vollendet ist, ist das Lehrbuch von Ebbinghaus (in der Neubearbeitung von Bich.ler) vorzuziehen. — Nicht im Prinzip, aber in methodischer Reinheit neu ist die phanomenologische Grundlegung psychologischer Untersuchungen, die von Husserl gefordert wurde. In derselben Richtung liegen viele Arbeiten der Kiclpeschen Schule. Eine kurze populäre Darstellung dieser Forschungsrichtung gibt Messer: Empfindung und Denken. —Zur Einführung in ausgewählte Teile der modernen Psychologie das gut geschriebene, von Wirklichkeitssinn getragene Buch von Bumke: Psychologische Vorlesungen. Wiesbaden: Bergmann 1919. — Von neueren Lehrbüchern sind mit einer gewissen Reserve zu empfehlen, aber zur Gewinnung von Literaturübersicht geeignet: Fröbes,S. J.: Lehrbuch der experimentellen Psychologie. Freiburg, 1. Bd. 1917; 2. Bd. 1920. — Messer, A.: Psychologie. 7. bis 9. Tausend. Stuttgart 1922. — Elseahans,Th.: Lehrbuch der Psychologie, 3. Aufl. von Giese, Gruhle u. Dorsch. Tübingen 1937.Google Scholar
  2. 1.
    Von methodologischen Arbeiten aus der Feder von Psychiatern sind lesenswert: Gaupp: Über die Grenzen psychiatrischer Erkenntnis. Zbl. Nervenhk. usw. 1903. — Wege und Ziele psychiatrischer Forschung. Tubingen 1907. Das Studium der Fachphilosophen, die im Allgemeinsten bleiben, lohnt sich oft weniger als das Studium methodologischer Arbeiten empirischer Forscher, die gleichzeitig die Fulle der konkreten Anschauung besitzen. In diesem Sinne ist bei der teilweise nahen Berührung der Probleme fur Psychopathologen wertvoll: Weber, Max: Gesammelte Beitrage zur Wissenschaftslehre. Tübingen: Mohr 1922.Google Scholar
  3. 1.
    Ein Beispiel: Hunde und Katzen verhalten sich bei experimenteller Epithelkörpercheninsuffizienz manchmal derart, daß Blum1, der diese Beobachtungen mitteilt, von einer „Beruhrungszone zwischen motorischen und psychischen Krankheitsaußerungen“ spricht. Er sah „Wildheitsanfalle, bei denen eine Katze wie besessen im Stall herumsaust, an der glatten Wand hochspringt, eine andere friedliche Katze anfällt und beißt, um zuletzt erschöpft umzusinken.” Ferner sah er bei Hunden und Katzen „Verharren in ungewöhnlichen oder unbequemen Stellungen; dann wieder ruckweise, plötzliche Bewegungen; niemals beim normalen Tier zu beobachtende Gangarten, wie parade-oder pferdeschrittartiges Marschieren oder eine dauernde Kopf haltung gleich einem angreifenden Stier, oder Torkeln bis zum Umfallen, Rtickwârtslaufen oder -kriechen, selbst dann noch, wenn eine Wand als Hindernis verspürt werden müßte. — Ein in halluzinatorischem Wahn befangener Hund schnuppert herum und stiert, wo nicht das Geringste zu bemerken ist. Oft scharrt er am Blech seines Käfigs oder gräbt sich tief mit der Schnauze in eine leere Ecke, bellt dazwischen und läßt die Umwelt außer acht. Die Katze verfolgt mit den Augen offenbar eine Vision; greift ins Leere und zieht langsam die Pfote zurück.“Google Scholar
  4. 1.
    Blum, E.: Arch. Psychiatr. (D.) 96, 215(1932).—Zudem ganzen Gebiet:Dexter: Über die psychotischen Erkrankungen der Tiere. Mschr. Psychiatr. 16, Erg.-H. 99. —Dexter: Die Erkrankungen des Zentralnervensystems der Tiere. Handbuch der normalen und pathologischen Physiologie von Bethe, Bergmann usw. Bd. X, 5.1232 1927. — Sommer, Robert: Tierpsychologie. Leipzig 1925. — Lorenz,K.: Durch Domestikation verursachte Storungen arteigenen Verhaltens. Z. angew. Psychol. 59 (1940).Google Scholar
  5. 1.
    Im Gegensatz zu jahrhundertelangem Gebrauch macht sich seit längerem mit Recht eine Abneigung gegen alle Theorien geltend, die oft so leicht erdacht sind und besonders in unklarer Vermischung mit Tatsachen zu unausrottbarer Verwirrung führen. Wir werden uns darum zum Prinzip machen, mit theoretischen Vorstellungen möglichst sparsam zu sein, uns ihrer nur mit vollem Bewußtsein ihres Wesens als Theorie und ihrer immer vorhandenen Grenzen zu bedienen.Google Scholar
  6. 1.
    Die Vieldeutigkeit dessen, was mit dem Unbewußten gemeint ist, ist zweckmäßig in folgender Übersieht klarzumachen.Google Scholar
  7. a).
    Das Unbewußte wird gedacht nach seiner Herkunft aus dem Bewußtsein. Als solches ist es: 1. das Mechanisierte, d. h. das, was einmal bewußt geleistet wurde und nun unbewußt geleistet werden kann, automatisiert ist, z. B. Gehen, Schreiben, Radfahren; 2. das Nichterinnerte und doch Wirksame (die sog. Komplexe aus der Nachwirkung fruherer Erlebnisse);Google Scholar
  8. 3.
    das Erinnerbare, als Gedachtnismaterial Bereitliegende.Google Scholar
  9. b).
    Das Unbewußte wird gedacht nach dem Mangel eines Verhaltnisses zur Aufmerksamkeit. Als solches ist es: 1. das Unbemerkte, aber doch Erlebte; 2. das Ungewollte, nicht Bezweckte oder Beabsichtigte, aber doch Getane; 3. das Unerinnerte (das eben bewußt war, aber gleich vergessen wurde und jetzt nicht mehr begriffen wird: Senile wissen oft nicht mehr, was eben ihre Absicht war — ich gehe in ein anderes Zimmer, was wollte ich denn?);Google Scholar
  10. 4.
    das nicht gegenstandlich Gewordene, nicht im Wort ergriffene.Google Scholar
  11. c).
    Das Unbewußte wird gedacht als eine Macht, als Ursprung. Als solches ist es: 1. das Schopferasche; das Lebendige; 2. die Zuflucht, die Geborgenheit, der Grund und das Ziel. —Man will sagen: alles Wesentliche, alles uns Hinreißende und alles uns Tragende, jeder Antrieb, jeder Einfall, ja Bildwerdung und Gestaltung, das Große und das Verderbliche, kommt uns aus dem Unbewußten — alle Vollendung wird am Ende zum Unbewußten, in das wir zuruckkehren.Google Scholar
  12. d).
    Das Unbewußte wird gedacht als das Sein. Der Seinssinn wird gemeint: 1. als das psychisch Reale (jedoch so wenig man das Psychische einfach mit dem Bewußtsein gleichsetzen kann, sofern dieses im Unbewußten grundet, von daher bestimmt wird und dahin wirkt, ebensowenig kann man das Bewußtsein fur ein zum psychisch Realen bloß Hinzukommendes, fur ein Akzidentelles erklaren); dieses psychisch Reale ist vielfach gedacht worden: z. B. als ein an sich geschehendes Spiel der zugrunde liegenden Elemente (Herbart), deren Erscheinung das bewußte Seelenleben wird; als Schichten des Unbewußten bis zum tiefsten Unbewußten (Kohnstamm, Freud); als das personale Unbewußte, das dem einzelnen Menschen aus seiner Lebensgeschichte zugehdrt; als das kollektive Unbewußte (Jung), das im einzelnen Menschen als ein allgemeiner Menschheitsgrund wirkt — immer wird dieses Unbewußte als ein Sein fur sich gedacht, das das Reale ist, durch welches wir sind; 2. als das absolute Sein (dies ist ein metaphysischer Begriff: fur das absolute Sein wird — wie das Sein, das Nichts. das Werden, die Substanz, die Form und fast alle Kategorien — auch das Unbewußte als Gleichnis gebraucht, um das Undenkbare zu denken; dieser Begriff geht uns in der Psychologie nichts an).Google Scholar
  13. 1.
    In physiologischer Reduktion bleibt ein Verhältnis von Reiz und Reaktion, in phänomenologischer das intentionale Verhältnis von Ich und Gegenstand (Subjekt und Objekt).Google Scholar
  14. 2.
    Das Einzelleben entwickelt sich aus Anlage und Milieu (Umwelt), d. h. aus angeborenen Potenzen, die ja nach der Art des Milieus erweckt und gestaltet werden oder schlummern bleiben und verkümmern. Anlage und Milieu wirken zunachst im bewußtlosen biologischen Geschehen, das wir kausal zu erkennen versuchen. Weiter gestalten sie sich in für uns psychologisch verstehbarer Weise im bewußten Leben, in dem eine Umwelt, wie Herkunft und wechselnde Lebensbedingungen, den Menschen prägen und von ihm ergriffen und geprägt werden. Als Natur eines Sichentwickelns steht das Individuum mit seiner Anlage dem Milieu gegenüber, mit dem es in Wechselwirkung tritt und Schicksal, Tat, Handeln und Leiden erlebt.Google Scholar
  15. 3.
    Insbesondere erwächst der Umwelt die Situation’, in der der Einzelne seine Gelegenheiten ergreift oder versäumt, oder in denen er sich entscheidet. Er bringt selber die Situationen hervor, laßt sie entstehen oder nicht zustande kommen in einer verstehbaren Verwicklung. Er gehorcht Ordnungen, Regeln und Konventionen einer Welt und macht sie zugleich zu Werkzeugen, mit denen er sie durchbricht.Google Scholar
  16. Schließlich stößt er an „Grenzsituationen“, unüberschreitbare Daseinsgrenzen — den Tod, den Zufall, das Leiden, die Schuld —, an denen in ihm erwachen kann, was wir Existenz nennen: eine Wirklichkeit des Selbstseins.Google Scholar
  17. 4.
    Jeder hat seine Welt’. Aber es gibt eine objektive Welt, eine allgemeine Welt für alle. Diese allgemeine Welt ist fur das „Bewußtsein überhaupt“, an dem teilzuhaben die Richtigkeit unseres Denkens und Meinens macht. Das besondere Bewußtsein ist ein Ausschnitt aus dem allgemeinen, dem überhaupt möglichen, es bringt die geschichtliche Konkretisierung, aber auch die Tauschungen und Verkehrungen.Google Scholar
  18. 5.
    Die Seele findet sich in ihrer Welt und bringt mit sich eine Welt hervor. Sie gewinnt Ausdruck in der Welt für andere. Sie schafft Werke in der Welt.Google Scholar
  19. 1.
    über den Begriff der Situation meine „Geistige Situation der Zeit“, S. 19 ff. Berlin 1931.Google Scholar
  20. 2.
    über Weltbegriffe meine Philosophie. Bd. I, S. 61 ff. Berlin 1932. — Ferner meine Psychologie der Weltanschauungen, S. 122ff.. 3. Aufl., S. 141ff. Berlin 1919.Google Scholar
  21. 1.
    Der Begriff der Differenzierung ist zu zerlegen. Es ist damit gemeint erstens die Vermehrung der qualitativen Erlebnisweisen. Zweitens die Zerlegung verschwommener Erlebnisweisen in mehrere klare, auf deren Grund das Gesamterlebnis wieder reicher und tiefer wird: das einheitliche Phanomen unterer Stufe zerlegt sich auf höherer; der vage Trieb bestimmt sich durch Inhalte. Zunahme der Zerlegung bedeutet zugleich Zunahme der Klarheit und Bewußtheit. Aus unbestimmten Ahnungen, Gefuhlen, Gedanken werden klare, bestimmte, ausdrùckliche. Gegenuber dem undifferenzierten Zustand der Unschuld treten die Gegensatze im Seelischen auseinander. Damit ist drittens die Differenzierung als Zerlegung und Synthese des Gegenstandsbewußtseins gemeint. Die Möglichkeiten des Denkens, Erfassens und Verhaltens, des Unterscheidens und Vergleichens vermehren sich. Viertens heißt Differenzierung das Sichbewußtwerden in der Selbstreflexion. Wir müssen unterscheiden zwischen tatsächlicher Differenzierung, die vom Subjekt erlebt wird, aber nicht gewußt zu werden braucht, und dem Bewußtsein der Differenzierung, die sich in der Selbstbeobachtung zeigt. Jemand kann — wenn auch selten — eine Zwangsvorstellung haben, ohne den Versuch zu machen, sich klar zu werden, was er eigentlich erlebt. Meistens geht Differenziertheit und Bewußtsein des eigenen Erlebens parallel. Immerhin kann ein bloßes Beachten aller möglichen gleichgültigen Gefuhle eine Zunahme der Differenzierung vortâuschen. Fzinf tens: Fur das Verstandnis einer Personlichkeit ist das Bewußtsein davon, auf welchem Niveau der Differenzierung sie sich befindet, entscheidend. Indem zur Differenzierung noch Kraft, Lebendigkeit hinzutreten, bestehen in Hinblick auf das Ganze der Persönlichkeit Niveauunterschiede, die Klages in seinem Begriff des Formniveau getroffen hat. Hier liegt eine Grenze des begrifflich Zuganglichen. Und doch müssen wir uns — wenigstens wenn wir Persönlichkeiten verstehen wollen — mit einer gewissen Sicherheit außerhalb dieser Grenzen bewegen können. Nicht nur die Handschrift, sondern das ganze Gebaren und Tun eines Menschen ist mit dem eines anderen im einzelnen nur dann vergleichbar, wenn es sich in beiden Fallen um gleiches Formniveau handelt.Google Scholar
  22. 1.
    Luther: Z. Neur. 16, 386. — Plaskuda: Z. Neur. 19, 596.Google Scholar
  23. 2.
    Von diesem Charakterroman sagt Bourget im Gegensatz zum Sittenroman: „il devra choisir les personnages chez lesquelles cette vie intérieure soit le plus ample“.Google Scholar
  24. 4.
    Psychologisches und intellektualistisches Vorurteil. Aus dem einfühlenden Verstehen entwickelt sich nicht selten ein psychologisches Vorurteil. Man will alles „verstehen“ und verliert die Kritik für die Grenzen des psychologisch Verstehbaren. Das geschieht, wenn verstehende Psychologie angewandt wird als kausale Erklärung mit der Voraussetzung der universalen sinnhaften Determination allen Erlebens. Besonders aber neigen Psychologie-Unkundige und somatisch Eingestellte dazu. So sollte der schlechte Wille, das Sichdrückenwollen für allzuviel verantwortlich gemacht werden. Solche Auffassung beruht letzthin nicht auf Psychologie, sondern auf ungeklärten moralistischen Vorurteilen. Manche somatische Mediziner haben eine ausgesprochene Abneigung gegen Hysterische, sie sind im Innern böse, wenn sie körperlich nach den ihnen geläufigen Kategorien nichts finden können. Sie halten im Grunde dann alles fùr Unart und nur, wenn es zu arg wird, geben sie den Fall dem Psychiater. Die Grobheit und Simplizität des Psychologischen findet sich gerade bei den Ärzten, die nichts von Psychologie wissen wollen.Google Scholar
  25. 6.
    Medizinische Vorurteile in bezug auf Quantitatives, auf Wahrnehmbarkeit und auf Diagnostik. Von der exakten Naturwissenschaft kommt das Vorurteil, daß nur quantitative Feststellungen wissenschaftliche Arbeiten seien, daß die Untersuchung von bloß Qualitativem dagegen immer subjektiv und willkürlich bleibe. Die statistischen und experimentellen Methoden, die für gewisse Fragen durch Messungen, Zählungen, Kurvenbildungen etwas leisten, werden für diese Ansicht zur einzigen wissenschaftlichen Untersuchung. Wo solche direkte Untersuchung nicht möglich ist, wird selbst dann noch mit quantitativen Begriffen gearbeitet, wenn sich bei ihnen nichts mehr denken läßt. So ist z. B. in ernst gemeinten Konstruktionen im Laufe der Zeit die „Intensität“ der Vorstellung zur Ursache von Zwangsvorstellungen, zur Ursache hysterischer Phänomene, zur Ursache von Wahnideen und zur Ursache von Sinnestäuschungen, indem die ganz intensive Vorstellung „nach außen projiziert” wird, gemacht worden.Google Scholar
  26. 1.
    Liest man die psychiatrische Literatur, so findet man viel Gerede über Möglichkeiten, viel Unanschauliches, viel ausgedachtes Zeug ohne den Gehalt einer eigentümlichen Erfahrung. Wir haben uns daher beim Studium der Arbeiten wie bei eigener Forschung stets zu fragen: Was ist der Tatbestand ? Was bekomme ich zu sehen ? Was sind die Befunde, von denen ausgegangen wird oder die erreicht werden ? Wie wird gedeutet, was wird hinzugedacht ? Was muß ich als Erfahrung vollziehen, um dem Gedanken sinnvoll folgen zu können ? — Gegenüber erfahrungsarmen Gedanken ist zu fragen, ob sie als leer zu verwerfen sind. Es ist zu fordern, daß Gedanken neue Befunde ermöglichen oder gegebene Befunde prägnanter vor Augen stellen oder ergiebiger in Zusammenhänge bringen. Man soll sich möglichst wenig Zeit rauben lassen durch Behelligung mit gegenstandslosen Gedankenquälereien und spielerischen Entwürfen. Dazu hilft methodische Besinnung und Klarheit. Sie ermöglicht, bewußt und bestimmt aufzufassen, worum es sich jeweils handelt. Sie lehrt die Grenzen zu sehen zwischen empirischer Forschung einerseits, leeren Bemühungen, gleichgültigen Wiederholungen, strukturlosem Zusammengeschreibe andererseits.Google Scholar
  27. 1.
    Hagen, F. W.: Statistische Untersuchungen über Geisteskrankheiten. Erlangen 1876: und viele spatere Arbeiten; z. B. Römer: Allg. Z. Psychiatr. 70, 804.Google Scholar
  28. aa).
    Statistische Ergebnisse besagen in bezug auf den Einzelfall nie etwas Zwingendes, sondern höchstens etwas Wahrscheinliches (meistens in mäßiger Höhe). Der Einzelfall kann nicht unter statistische Erkenntnis subsumiert werden. Kenne ich die prozentuale Mortalität einer Operation, so weiß ich noch nicht, wie sie im einzelnen Fall verlaufen wird. Kenne ich die Korrelation zwischen Körperbautypus und Psychose, so weiß ich fur den Einzelfall gar nicht, ob der Körperbautypus hier diese Bedeutung hat. Der Einzelfall kann von einer statistischen Erkenntnis völlig unbetroffen sein.Google Scholar
  29. bb).
    Das Entscheidende ist am Anfang, daß das Ausgangsmaterial klar ist. Was nicht eindeutig und von jedem Forscher identisch wiedererkennbar ist, kann sinnvollerweise nicht gezahlt werden. Ein auf unexakten Voraussetzungen aufgebautes exaktes Verfahren führt zu den wunderlichsten Tausehungen.Google Scholar
  30. cc).
    Wo hier über die unmittelbare Zahlenanschaulichkeit hinaus zur Verarbeitung der Zahlen mathematische Methoden verwendet werden, ist ein hoher Grad von Kritik und mathematischem Können erforderlich, um die Durchsichtigkeit aller Wege und den Sinn der Ergebnisse klar zu behalten und nicht in den Gespensterraum mathematischer Scheinergebnisse zu geraten.Google Scholar
  31. dd).
    Statistische Feststellungen führen zu Korrelationen, aber bedeuten als solche keine kausalen Erkenntnisse. Sie sind Hinweise auf Möglichkeiten, fordern zur Deutung heraus. Die kausale Deutung bedarf der Annahmen (Theorien), mit denen man versucht, ob sie stimmt. Bei solcher Deutung wird die Gefahr durch wachsende Zahl von Hilfsannahmen standig großer. Es ist zu erkennen, wo die Grenze erreicht wird, an der mit den nunmehr gemachten Voraussetzungen jeder Fall von Zahlenbefunden zu interpretieren ist, kein Fall mehr die Theorie widerlegen kann, weil die angenommenen Faktoren mit ihren möglichen Kombinationen nichts mehr ausschließen, sondern durch Rechenoperation schlechthin jeden Befund in eine Bestatigung verwandeln, so z. B. bei der Friesschen Periodik der Lebensereignisse und ihrer naheren Ausgestaltung. Aber schon bei einfachen Vergleichszahlen sind Irrtumer in der Deutung bedrohlich und oft gar nicht leicht zu durchschauen. Gerade der zumeist starke Eindruck von Zahlen darf die Warnung nicht verstummen lassen, die ubertreibend sagt: mit Zahlen lasse sich alles beweisen.Google Scholar
  32. 3.
    Experiment. Eine Zeitlang standen in der Psychopathologie im Vordergrund des Interesses die experimentellen Methoden. Man hatte die experimentelle Psychopathologie als Gebiet der eigentlich wissenschaftlichen Psychopathologie von der übrigen abgegrenzt. Diese Abgrenzung muß uns als verfehlt erscheinen. Experimente sind unter Umständen brauchbare und wertvolle Hilfsmittel, aber experimentelle Ergebnisse zu erlangen, kann nicht Erkenntnisziel sein. Gute Experimente kann nur der Psychopathologe machen, der psychologisch geschult ist, der zu fragen und Antworten zu bewerten versteht. Bloß experimentelle Bildung ist eine technische Fertigkeit, gibt noch keine Fähigkeit zu psychologischer Arbeit. Daher wurde in der experimentellen Psychopathologie auch so manche pseudoexperimentelle Arbeit geleistet. Umständliche Experimente werden gemacht, die irgendwelche Zahlen zutage fördern, die aber nichts lehren, denen kein Gesichtspunkt, keine Idee zugrunde liegt. In den glänzenden Untersuchungen Kraepelins über die Arbeitskurve, in Gedächtnismessungen, Assoziations-, Aussageversuchen u. a. ist Wertvolles geleistet. Vergleicht man übrigens die Erkenntnisse der Psychopathologie überhaupt mit den experimentellen Erkenntnissen, so wird man manchmal schwerlich Möbius’ widersprechen, der schrieb: „Alles, was herauskommt, ist, derb gesagt. Kleinkram.“Google Scholar
  33. 1.
    Die vielbenutzte Unterscheidung der subjektiven (von Kranken unmittelbar erlebten, vom Beobachter nur indirekt zu vergegenwärtigenden) und objektiven (in der Welt als wahrnehmbar direkt aufzeigbaren) Tatbestanden ist nicht eindeutig. Denn der Sinn der Objektivitat ist mehrfach. Er ist nicht der gleiche im zählbaren Puls, in meßbarer Gedächtnisleistung, in zu verstehender Mimik. Die Bedeutungen, die der Gegensatz des Subjektiven und Objektiven annimmt, sind folgende:Google Scholar
  34. 1.
    Objektiv ist alles in die sinnlich wahrnehmbare Erscheinung Tretende: Reflexe, registrier-bare Bewegungen, Handlungen, Lebensführung usw., alle meßbaren Leistungen, wie Arbeitsleistungen, Gedächtnisleistungen usw. Subjektiv ist alles, was durch Hineinversetzen in Seelisches, durch Vergegenwärtigung von Seelischem erfaßt wird. 2. Objektiv sind die rationalen Inhalte, z. B. von Wahnideen, die ohne Hineinversetzen in Seelisches durch bloßes Denken dieser Inhalte, d. h. rational verstanden werden. Subjektiv ist das eigentlich Seelische, das durch Einfihlen und Miterleben erfaßt wird, z. B. das ursprüngliche Wahnerlebnis.Google Scholar
  35. 3.
    Objektiv wird schließlich ein Teil dessen genannt, was eben subjektiv war: das durch die unmittelbare Einfühlung in Ausdrucksbewegungen erfaßte Seelische, so z. B. die Angst eines Kranken. Demgegenüber ist subjektiv das, was wir mittelbar durch die Urteile des Kranken erfahren, so wenn uns ein Kranker, der objektiv keine Angst zeigt, sagt, er habe Angst.Google Scholar
  36. 4.
    Es besteht die eigentümliche Tatsache, daß wir seelisch erleben, ohne selbst von der Weise unseres Erlebens zu wissen. Wenn Kranke z. B. gehemmt sind, was wir objektiv in der Verlangsamung der Reaktionen oder objektiv durch Einfühlen konstatieren, so braucht er nicht subjektiv sich selbst dessen bewußt zu sein. Je undifferenzierter ein Seelenleben ist, desto weniger ist darin subjektiv bewußt. So haben wir die Gegensätze von objektiver Hemmung und subjektiver Hemmung, der objektiven Ideenflucht und des subjektiv empfundenen „Gedankendrangs“ (eines empfundenen ordnungslosen und rastlosen Wechsels der Vorstellungen). 5. Während alle bisher auf der subjektiven Seite stehenden Phänomene so gut wie die objektiven Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung sind, gibt es einen letzten Sinn des Gegensatzes objektiv-subjektiv, indem man meint, objektive Symptome seien die nachprüfbaren, diskutierbaren Dinge, subjektive die nicht nachprüfbaren, nicht diskutier-baren, vagen, nur auf unbegründbaren Eindrücken, auf rein persönlichem Gutdünken beruhenden Dinge.Google Scholar
  37. 2.
    Erforschung der Zusammenhänge (Verstehen und Erklären). Die Phänomenologie gibt uns eine Reihe von Bruchstücken des wirklich erlebten Seelischen in die Hand. Leistungspsychologie, Somatopsychologie, Ausdruckspsychologie, die Handlungen und Welten der Kranken und ihre geistigen Hervorbringungen zeigen jedesmal eine andere Weise von Tatbeständen. Wir fragen nun, in welchen Zusammenhängen alle diese stehen. In manchen Fällen verstehen wir, wie Seelisches aus Seelischem mit Evidenz hervorgeht. Wir verstehen auf diese nur dem Seelischen gegenüber mögliche Weise, wenn der Angegriffene zornig, der betrogene Liebhaber eifersüchtig wird, wenn aus Motiven ein Entschluß und eine Tat hervorgeht. In der Phänomenologie vergegenwärtigen wir uns einzelne Qualitäten, einzelne als ruhend angesehene Zustände, wir verstehen statisch, hier erfassen wir die Unruhe des Seelischen, die Bewegung, den Zusammenhang, ein Auseinanderhervorgehen, wir verstehen genetisch (verstehende Psychopathologie). Aber nicht nur die subjektiv erlebten Phänomene, sondern auch das im Ausdruck unmittelbar gesehene Seelische, dann die Leistungen und Hervorbringungen, die Handlungen und die Welt der Kranken — alles zunächst statisch wahrgenommen —verstehen wir in solchen genetischen Zusammenhängen.Google Scholar
  38. Im weiten Sinn des „Verstehens“ trennen wir aber zwei verschiedene Bedeutungen auch terminologisch als statisches und genetisches Verstehen. Dem statischen Verstehen, dem Sichvergegenwartigen seelischer Zustande, dem Sich-zur-Gegebenheit-bringen seelischer Qualitaten gehen wir in den Kapiteln uber Phanomenologie, Ausdruckspsychologie usw. nach. Das genetische Verstehen, das Einfuhlen, das Verstehen der seelischen Zusammenbange, des seelischen Auseinander-Hervorgehens ist unsere Aufgabe im zweiten Teil des Buches. Die Worte „statisch” und „genetisch“ setzen wir zum Worte „verstehen” nur hinzu, wenn der Zusammenhang die Hervorhebung der Unterscheidung zur Vermeidung von Mißverstandnissen erfordert. Sonst bedeutet „verstehen“ fur sich allein je nach dem Zusammenhang in einem Kapitel nur das genetische, im anderen nur das statische Verstehen.Google Scholar
  39. Um Unklarheiten aus dem Wege zu gehen, gebrauchen wir den Ausdruck „Verstehen“ immer fur das von innen gewonnene Anschauen des Seelischen. Das Erkennen objektiver Kausalzusammenhänge, die immer nur von außen gesehen werden, nennen wir niemals Verstehen, sondern immer „Ecklaren”. Verstehen und Erklaren haben also eine feste Bedeutung, die im Laufe der Lektüre mit der Mehrung der Einzelheiten immer deutlicher werden wird. Das Wort „Begreif en“ gebrauchen wir dagegen in unbestimmtem Sinne für beides (in fraglichen Fallen oder wenn Verstehen und Erklaren zusammen gemeint sind). Von der Einsicht in den prinzipiellen Gegensatz statischen Verstehens zur außerlichen sinnlichen Wahrnehmung, genetischen Verstehens zum kausalen Erklaren hangt die Möglichkeit eines geordneten Studiums und eines klaren Forschens in der Psychopathologie ab. Es handelt sich hier um vollig verschiedene letzte Erkenntnisquellen.Google Scholar
  40. Es gibt Forscher, die die Neigung besitzen, die eigentlich psychologischen Erkenntnisquellen fur die Wissenschaft zu leugnen, die nur das sinnlich Wahrnehmbare als solches, nicht das durch das Sinnliche hindurch Verstandene als „objektiv“ gelten lassen wollen. Dagegen ist nichts einzuwenden, insofern man nicht mehr einen Beweis fur die Berechtigung einer letzten Erkenntnisquelle bringen kann. Aber man kann unter allen Umstanden Konsequenz fordern. Diese Forscher mussen, um widerspruchslos zu bleiben, aufhören, von Seelischem überhaupt zu reden, an Seelisches als Wissenschaftler uberhaupt zu denken, sie mussen aufhören, Psychopathologie zu treiben, sich vielmehr auf Hirnprozesse und korperliche Vorgange bei ihrem Studium beschranken. Sie mussen konsequenterweise aufhoren, als Sachverstandige vor Gericht aufzutreten, denn sie wissen nach ihrer eigenen Ansicht von dem, wonach sie gefragt werden, wissenschaftlich nichts; sie durfen nicht die Seele, sondern nur das Gehirn begutachten: sie können als Sachverstandige nur uber Korperliches Auskunft geben. Sie mussen konsequenterweise die gewöhnliche Art der Krankengeschichtsschreibung aufgeben usw. Solche Konsequenz konnte Achtung erzwingen und ware eines Forschers würdig; das hartnäckige Bestreiten und Zweifeln durch allgemeine Einwande wie z. B.: das alles sei bloß subjektiv u. dgl., ist unfruchtbarer Nihilismus solcher Forscher, die sich auf diese Weise einreden mögen, ihre Unfahigkeit liege nicht in ihnen, sondern in der Sache.Google Scholar
  41. 3.
    Ergreifen der Ganzheiten. Alle Forschung unterscheidet, trennt, nimmt ein je Besonderes und Einzelnes zum Gegenstand und sucht darin das Allgemeine. Das aber, woraus getrennt wird, ist in Wirklichkeit ein Ganzes. Im Erkennen des Besonderen steckt ein Fehler, wenn das Ganze, in dem und durch das es ist, vergessen wird. Dieses Ganze selber aber wird nicht geradezu, sondern nur auf dem Weg über das Einzelne Gegenstand, und wird Gegenstand nicht als es selbst, sondern als ein Schema seines Wesens. Das Ganze selber bleibt Idee.Google Scholar
  42. 1.
    Überwältigung durch die Endlosigkeit. Eine überall wiederkehrende Grunderfahrung sei zunächst an einzelnen Beispielen vergegenwärtigt:Google Scholar
  43. aa).
    Verfahre ich bei der Krankengeschichtsschreibung nach dem Prinzip, keinerlei Urteile zu fallen, sondern alles zu beschreiben, was beschreibbar ist, aufzunehmen, was der Kranke sagt, zu sammeln, was über ihn zu erfahren ist, so gerate ich, zumal wenn formale Gewissenhaftigkeit und Fleiß die Führung haben, in die Darstellung von Krankengeschichten, die kein Ende nehmen, so daß sie zu dicken Akten anwachsen, die niemand lesen mag. Denn die Unmenge des Gleichgültigen wird vergeblich entschuldigt damit, daß es unter neuen Gesichtspunktenf ür spätere Forscher einmal Sinn erhalten könnte. Es gibt wenig Tatbestände, die ohne wenigstens instinktives Wissen um ihren möglichen Sinn anschaulich und pragnant aufgenommen werden können. Nur wenn aus ursprünglichem Blick für ein Wesentliches, aus führenden Ideen die Auffassung der Tatbestände und die Darstellung gelenkt werden, wird die Endlosigkeit überwunden, nicht allerdings durch Abkürzung auf Schemata geläufiger Urteile.Google Scholar
  44. bb).
    Zählbares zu zählen ist eine der gewissesten Tatsachenfeststellungen. Aber Zahlungen kann ich endlos anstellen. Einige Zahlen mögen an sich einen Augenblick Interesse erwecken, zumal bei jemandem, der Zahlungen zum erstenmal macht. Aber der Beginn eines Sinnes liegt erst dort, wo Vergleich von Zahlen unter bestimmten Gesichtspunkten geschieht, aber auch das ist noch endlos. Es kommt darauf an, das gesamte Zählverfahren zum Werkzeug einer Erkenntnisidee zu machen, die in die Wirklichkeit vordringt, sie nicht bloß endlos in Zahlen abbildet. So werden vergeblich umständliche Experimente gemacht, welche irgendwelche Zahlen zutage fördern, die aber nichts lehren, wenn dem ganzen Verfahren kein Gedanke zugrunde liegt, der der Endlosigkeit Einhalt tut, indem er sie durch einen gestaltenden methodischen Gesichtspunkt beherrscht.Google Scholar
  45. cc).
    Ein beliebtes Verfahren ist die Berechnung der Korrelation zwischen zwei Tatbeständen, die von notwendiger Zusammengehörigkeit (Korrelationskoeffizient = 1) bis zu völliger Beziehungslosigkeit (Korrelationskoeffizient = 0) schwankt. Charaktereigenschaften, Begabungen, Vererbungseinheiten, Leistungsergebnisse bei Testversuchen usw. werden durch Statistik in bezug auf das Maß ihrer Zusammengehörigkeit geprüft. Wenn irgendwo solche Korrelationsberechnung angewandt wird, pflegt sie zunächst ungemein zu befriedigen. Man scheint doch reale Zusammenhänge zwingend aufgewiesen zu haben. Wenn dann aber solche Korrelationen endlos zu haufen sind so wird mit der endlosen Menge der immer nur mäßigen Korrelationen plötzlich jede Korrelation gleichgültig. Denn die Korrelation gibt nur ein äußerliches Faktum, das ein letzter Effekt ist, sagt nichts über die wirkliche Beziehung, die in den aus Massenstatistik gewonnenen Korrelationen sich verbirgt. In der Welt ist fast alles mit allem in irgendwelchem Bezug. Erst wenn aus der Endlosigkeit durch einen neuen und bestimmenden Gedanken die Einschränkung der Bedeutung einer Korrelation erfolgt und sie in den Zusammenhang einer Erkenntnisbewegung kommt, die auch noch andere Quellen hat und im ganzen durch eine Idee gelenkt wird, ist eine Überwindung der Gleichgültigkeit der Feststellungen gewonnen. Hier wie überall darf man sich nicht täuschen lassen durch eine geschmackvolle Darstellung. Allein das methodische Prinzip und das daraus folgende Verhalten bei Untersuchung und Forschung bringt die Überwindung des Endlosen.Google Scholar
  46. dd).
    Überall ist die Aufstellung von Elementen einer Wirklichkeit und das Erklären der konkreten Erscheinungen durch Kombination und Permutation dieser Elemente ein endloses und daher totes Verfahren. Wenn es als bloßes Verstandesspiel auch richtig sein kann, so ist mit ihm doch nichts Wesentliches erkannt. Es kommt allein darauf an, die Formeln zu besitzen, um jederzeit nach Bedarf jede mögliche Realisierung ableiten zu können, nicht aber hat es Sinn, ohne Bewußtsein des Gesamtsinnes solchen Verfahrens ad hoc dieses oder jenes Permutationsspiel durchzufuhren.Google Scholar
  47. ee).
    Studiere ich die Physiologie der Reflexe, so ist die Verwirklichung im gegenseitigen Sichbeeinflussen der elementaren Reflexe so außerordentlich, daß ich nach Feststellung einiger..bedingter“ Reflexe in der konkreten Durchfuhrung der möglichen Kombinationen schnell ins Endlose gerate. Die Erkenntnis der Integration der Reflexe wird dieser Endlosigkeit Herr, indem sie die Prinzipien des Aufbaues begreift, Stichproben der Bestatigung macht und ene Auswahl wesentlicher Versuche trifft, welche das Endlose erleuchten und im Prinzip ubersehbar machen.Google Scholar
  48. ff).
    Schlechthin auf allen Gebieten der Erkenntnis geschieht es analog: Man kann klinische Svmptomenkomplexe endlos darstellen und kombinieren. Man kann phanomenologische Erlebnisbeschreibungen ankaufen, Leistungsprufungen durch Tests vervielfachen usw.Google Scholar
  49. Dieses Buch war von Anfang an Feind aller Fanatismen, die so gern aus dem menschlichen Geltungswillen heraus eine Auffassung verabsolutieren. Wenn das in einer einzelnen Arbeit aus dem Enthusiasmus des Entdeckers heraus im Stadium der Forschung und in der Verfolgung aller möglichen Konsequenzen fast unvermeidlich und sinnvoll ist, so ist es im Entwurf eines Gesamtbildes schlechthin zu verwerfen. Der Kampf mit den eigenen Fanatismen — denn wer neigte nicht selbst dazu — ist Bedingung, ein Ganzes zu entwerfen, sofern dieses wirklich aus der Idee des Ganzen und nicht aus einer Verabsolutierung geboren werden möchte. Dieses Ganze kann nie fertig sein. Im Gegensatz zum Geschlossenen und Vollendeten einer theoretischen Gestaltung, aus einem vermeintlich erkannten objektiven Prinzip der Sache weist es perspektivisch nach vielen Richtungen, verlangt in verschiedenen Ebenen sich zu bewegen, lebendig und grenzenlos das Auge offen zu behalten — und dabei doch im sicheren Besitz bis dahin erworbener Systematik und gar nicht chaotisch zu sein.Google Scholar
  50. Es ist trotzdem eine heikle Sache, die Vielfachheit der Forschung in ein Ganzes einbauen zu wollen. Jeder Forscher wird geneigt sein, auf seinem Gebiet die Ergebnisse ungerecht relativiert zu finden, er wird es ablehnen, daß jemand, der auf seinem Gebiet nicht mit-geforscht hat, sich mit seinem Urteil einmischt, und wird leicht als bloß logische Erwagungen abtun, was aus der Natur der Sache durch Auffassung im Ganzen folgt. Der Bau des Ganzen würde in der Tat gewaltsam ausfallen, wenn er ein ontologischer wäre; er kann daher in Wahrheit nicht die Form eines totalen Seinswissens, sondern nur die Form der totalen Methodenbewußtheit haben, in der alles mögliche Seinswissen seinen Platz finden muß. Die Methodenbewußtheit selber muß so angelegt sein, daß sie offen bleibt und neuen Methoden Raum laßt.Google Scholar
  51. Die Grundhaltung dieses Buches war daher: gegen alle Verabsolutierungen zu kämpfen, die Endlosigkeiten aufzuweisen, Unklarheiten zu durchschauen — aber jede echte Erfahrung anzuerkennen, in ihrer Weise zu begreifen, jedes mögliche Wissen zu verstehen und anzueignen und ihm seinen moglichst naturlichen Ort in der Methodenstruktur zu geben.Google Scholar
  52. 3.
    Scheineinsicht durch Terminologie. Klare Erkenntnis schlägt sich auch in klaren Termini nieder. Glückliche oder unglückliche Prägungen in Begriff und Wort haben außerordentliche Bedeutung für die Wirkung und Verbreitung, für die Verstehbarkeit oder Mißverstehbarkeit von Erkenntnissen. Aber nur wo die Erkenntnis selber klar ist, kann Terminologie sachgemäß und wesentlich sein. Wenn man immer wieder nach einer einheitlichen Terminologie für die psychologischen oder psychopathologischen Begriffe verlangt, so liegt doch die Schwierigkeit nicht in den Worten, sondern in den Begriffen selbst. Hätte man klare Begriffe, so wäre die Terminologie leicht. Jetzt eine einheitliche Terminologie, etwa durch eine Kommission, zu machen, erscheint ganz unmöglich. Es fehlen dazu durchaus noch die allgemein anerkannten festen Begriffe, die zu benennen wären. Man muß nur fordern, daß jeder, der psychopathologische Arbeiten macht, die Begriffe kennt, die von hervorragenden Forschern mit den Worten verbunden werden, und daß er selbst bewußt mit seinen Worten bestimmte Begriffe verbindet. Es ist in jetziger Zeit noch nicht verpönt, daß man psychologische Worte frischweg in der ganzen Vieldeutigkeit, die sie im Sprachgebrauch haben, in wissenschaftliche Arbeiten und Diskussionen überträgt. Und immer wieder wird fruchtlos versucht, statt Forschungsarbeit zu leisten, eine Menge neuer Worte vorzuschlagen.Google Scholar
  53. 1.
    In der Psychopathologie einigermaßen methodisch und sicher andere zu verstehen und selbst weiterarbeiten zu können, erfordert daher ein besonderes Studium’. Unsere psychopathologische Literatur ist durchsetzt von unzureichender Arbeit. Nur in hirnpathologischen, somatischen, forensischen, pflege-und verwaltungstechnischen Problemen ist der Durchschnitt der offiziellen Psychiater sachverständig.Google Scholar
  54. 1.
    An die Veröffentlichung psychopathologischer Arbeiten sind Ansprüche zu stellen: Es ist nicht erlaubt, einfach drauflos zu raisonnieren. Vor aller Mitteilung von Forschungen ist gefordert, sich einzuleben in die großen uberlieferten Anschauungen, sich die wesentlichen Unterscheidungen anzueignen, ein klares Methodenbewußtsein zu erwerben. Nur so wird man fahig, an der eigenen Arbeit zu kontrollieren, daß man nicht Uraltes als Neuentdeckung, vielleicht gar in schlechterer Gestalt, bringe, daß man nicht bloßen Möglichkeiten des Gedankens anheimfallt, nicht in Endlosigkeiten gleitet, daß man nicht unter Verunklarung schon erworbener Erkenntnisse in Ahnen und Raunen verfallt.Google Scholar
  55. Als meine Psychopathologie zum ersten Male erschien (1913), gab es die Bücher von Emminghaus und Störring, nachher erschienen die von Kretschmer und Gruhlei. Zwar haben wohl alle eine verschiedene Absicht und es ware ungerecht, sie ihrem Ziel oder auch ihrem Werte nach in eine Ebene zu stellen. Aber jedes ist der Ausdruck einer Gesamtanschauung, einer formenden Gestaltung des grenzenlosen Stoffes.Google Scholar
  56. Eine allgemeine Psychopathologie ist nicht nur didaktische Darstellung des schon Vorhandenen, vielmehr leistet sie bewußte Arbeit an der Ordnung des Ganzen. Jeder Psychiater ist charakterisiert durch die Art der Ordnung, in der er ein mehr oder weniger verwickeltes, bewegliches oder starres Gesamtbild hat. Ein Buch über Psychopathologie will mitarbeiten an diesem Gesamtbild oder an der Denkungsweise im Ganzen, in der alle besonderen Methoden ihren Sinn und ihre Grenze haben. Bucher, die eine Gesamtdarstellung geradezu anstreben, haben daher ihre entscheidende Bedeutung durch die Art, wie sie das Ganze sehen und wie sie dieses Ganze in der sichtbaren Systematik und Gedankenführung in die Erscheinung treten lassen. Indem ich versuche, die vorhandenen Arbeiten vergleichend zu charakterisieren, hoffe ich die Absicht (nicht die Verwirklichung) meiner Psychopathologie kontrastierend deutlicher machen zu können.Google Scholar
  57. Emminghaus (1878) wählte eine medizinische Anordnung, wie sie in anderen klinischen Fachern üblich ist. Er behandelt nacheinander die Nosologie (Symptomatologie, Diagnostik, Verlauf, Dauer und Ausgange des Irreseins), die Ätiologie (Pradisposition, veranlassende Ursachen usw.), schließlich die pathologische Anatomie und Physiologie. Er verfahrt durchweg rein beschreibend, hat die selbstverstandliche, ungeprüfte naturwissenschaftlich-medizinische Gesamtanschauung. Psychologisch kommen recht verschiedene Gesichtspunkte im einzelnen zur Geltung, ohne bewußt kritisiert und entwickelt zu werden. Die naturliche Alltagspsychologie ist maßgebend, aber etwas verblaßt durch eine anscheinend wissenschaftliche Terminologie und die.Äußerlichkeit der offiziellen Psychologie seiner Zeit. Der Vorzug des Buches ist die dem Mediziner gelaufige Art des Gesamtuberblickes, wodurch aber der Abgrund, der immer die Psychiatrie von allen anderen klinischen Fächern trennt, verwischt wird (wahrend eine wirkliche Synthese nur nach bewußter Klarung der zum Teil heterogenen Prinzipien und Methoden möglich ist). Ein Vorzug ist die ansprechende, durchweg anschauliche Darstellung, die reichen Literaturangaben, die das Werk noch heute zum Nachschlagen geeignet machen, wenn man altere Literatur sucht. Ein Vorzug sind auch die weiten Perspektiven (z. B. in die Volkerpsychologie), die trotz des medizinischen Rahmens möglich bleiben und aus der alten psychiatrischen Bildung kamen, welche in dieser Form bald zugrunde gegangen ist. Die Art der medizinischen Anordnung, wie sie Emminghaus anwendete, ist, wie sie vorher gebraucht wurde, auch weiter in den allgemeinen Teilen der psychiatrischen Lehrbücher üblich geblieben.Google Scholar
  58. Storrings Buch (1900) setzt sich ein anderes Ziel: Er will die Psychopathologie in ihrer Bedeutung für die normale Psychologie behandeln. Dabei legt er von vornherein zugrunde das theoretische Interesse und maßgebend sind die Theorien der Wundtschen Psychologie. Theoretische Erwägungen über die Genese der Erscheinungen mit den uns schon altmodisch anmutenden Mitteln jener Psychologie spielen eine große Rolle. Die Einteilung erfolgt nach dem alten Schema: Intellektuelle Funktionen, Gefühlsvorgänge, Willensvorgänge. Jedoch werden für die intellektuellen Funktionen etwa 400 Seiten, für die Gefühle 35, die Willensvorgänge 15 Seiten gebraucht. Da die Einheit des Buches eine theoretische ist, wird eine durchgehende Gedankenfuhrung erreicht, aber der Wert des Buches bleibt weitgehend abhängig von dem Wert der Theorien. Wenn auch manches interessante Material aus der Literatur neu bekanntgemacht wurde, blieb doch die Ergiebigkeit so gering, daß man das Buch, dessen Titel so anzog, mit Enttäuschung fortlegte. Ein theoretisches Gesamtbild bringt zwar viel mehr Gestaltung als eine medizinische Anordnung, wie Emminghaus sie machte, aber diese Gestaltung blieb in Fragestellungen und Antworten eng angesichts der ungeheuren Wirklichkeit der Psychosen.Google Scholar
  59. Das Buch von Kretschmer (1922) kann man den beiden bisherigen nicht ohne weiteres an die Seite stellen. Sein Ziel ist vorwiegend didaktisch und es umfaßt die Psychologie, sofern sie fur den Arzt von Belang sein soll, ohne — mit Recht — Pathologisches und Normales prinzipiell zu trennen. Kretschmer gewinnt sein Gesamtbild, die Gestalt des GanzenGoogle Scholar
  60. 1.
    Emminghaus: Allgemeine Psychopathologie zur Einführung in das Studium der Geistesstörungen. Leipzig 1878. — Störring: Vorlesungen über Psychopathologie in ihrer Bedeutung fur die normale Psychologie. Leipzig 1900. — Kretschmer: Medizinische Psychologie, ein Leitfaden für Studium und Praxis, 5. Aufl. 1939. Leipzig 1922. — Gruhle: Psychologie des Abnormen. (Im Handbuch der vergleichenden Psychologie, herausgegeben von Kalka, Bd. 3, Abt. 1. München 1922; auch einzeln erschienen.) ebenfalls durch eine Theorie. Es ist der Gedanke von Schichten des Seelenlebens, die er parallel in Geschichte, Phylogenie und Ontogenie (als Errtwicklungsfolge) und im fertigen Menschen (als gleichzeitige) findet. Dazu kommt ein zweiter Gedanke: von den Persönlichkeitstypen und Reaktionsweisen. Aber beide Gedanken werden auf das äußerste schematisiert. Er selbst betont die straffe Vereinfachung auf wenige Formeln und Hilfsbegriffe und beruft sich auf die Naturwissenschaft, die damit ihrem Zweck der Beherrschung der Dinge nähergekommen sei. Er setzt sich zum Ziel, „in streng naturwissenschaftlichem Aufbau die wenigen allenthalben wiederkehrenden biologischen Grundmechanismen“ zu zeigen, „auf die die verwirrende Fülle des reichen realen Lebens sich reduzieren läßt”. Dabei wird eine Verwechslung begangen. Während die echte Naturwissenschaft in der Wechselwirkung von theoretischem Entwurf und bestätigender oder verwerfender Beobachtung, derart, daß exakte Fragestellung auch eine exakte Entscheidung ermöglicht, in allgemeinverbindlicher Weise Schritt fur Schritt und manchmal in Sprüngen neuer Grundlegung klar voranschreitet, haben solche Theorien in der Psychiatrie bisher und auch bei Kretschmer doch immer mehr oder weniger den Charakter eines spielenden Versuches, der Gruppierungen ermöglicht, Beobachtungen veranlaßt.Google Scholar
  61. Kretschmer liefert ein neues Beispiel verstehender Psychologie, die sich naturwissenschaftlich — dem Milieu der medizinischen Fakultät entsprechend — verkleiden möchte, und das nur kann vermöge geringen Sinnes für die Logik in der exakten Naturwissenschaft und ihren Methoden. Die Gesinnung seiner „Vereinfachungen“ drückt er selbst einmal treffend aus: „Um etwas Leben in die trockene Materie zu bringen, habe ich mich zuweilen etwas verbluffender Wendungen und scharf zugespitzter Formeln bedient”. In solcher theoretischen Vereinfachung und scheinbaren Beherrschung der Fülle kommt bei aller Intuition für einzelnes eine Art des Allesverstehens zur Geltung, die merkwürdig schnell rubriziert, auf den Expressionismus, auf historische Persönlichkeiten klassifizierende Begriffe anwendet und von dem, geisteshistorisch angesehen, ungeheuerlichen Wahn mancher Nervenarzte beseelt ist: „Die Psychologie der Neurose ist die Psychologie des menschlichen Herzens überhaupt… Ein Neurosenkenner ist eo ipso ein Menschenkenner.“ Es ist charakteristisch, daß der Stil literarisch gefarbt ist. Man spürt keinen Respekt vor der Unendlichkeit jeden Individuums, für die unendlichen Probleme der Seele, kein Staunen. Dafur gibt er leicht anzueignende Schlagworte in die Hand, deren Benutzung das befriedigte Bewußtsein durchdringender Menschenkenntnis verschafft. — Aber auch mit diesem Verfahren gelingt es Kretschmer nicht, eine wirkliche Gestalt der Gesamtheit des Seelenlebens zu entwerfen, vielmehr bleibt er bei einer Auswahl der Probleme stehen. In der Sprache wiegen mehr Bilder als begriffliche Scharfe vor, man spürt mehr den Schmiß des Ausdrucks als eine Idee.Google Scholar
  62. Gruhles Buch (1922) scheint mir in einem vollendeten Gegensatz zu Kretsehmers zu stehen. Sorgfalt der Arbeit, Trockenheit des Stils sind schon außerlich kennzeichnend. Gruhle sucht eine möglichst wenig prajudizierende Ordnung, er vergewaltigt durch keine Theorie das Ganze, sondern er wahlt eine ganz abstrakte begriffliche Schematik, in die der Stoff gruppiert wird. Es werden unterschieden Abnormitäten des Maßes (Quantitat), der Art (Qualitat), der Funktionen (Akte), und zwar diese letzteren als intentionale Akte und als Motivzusammenhange; nur kurz werden Bemerkungen über Abnormitäten der Beziehung zwischen körperlichen und seelischen Vorgängen und der seelischen Entwicklung angehängt. Auf diese Weise gewinnt Gruhle vermöge außerordentlich weiter Begriffe, die — wie Qualität und Quantität — eine vollstandige Einteilung alles Vorliegenden, wenn auch noch so äußerlich, gestatten, gleichsam große Fächer, in die er die Phanomene einfach aufzahlend hineinwerfen kann. Es wird nicht etwa der maßgebende Begriff methodisch entwickelt und als gedankliches Ferment durch den betreffenden Abschnitt gestaltend durchgeführt. Vielmehr sind damit, wie Gruhle selbst einmal sagt, „gleichsam Grenzsteine“ festgelegt,,,innerhalb deren das wichtig erscheinende, hierher gehörige psychopathologische Material aufgestapelt wird, ohne daß seine systematische Bearbeitung und innerliche Ordnung hier möglich wäre”. Und zwar sagt Gruhle das in bezug auf einen Abschnitt, der, wie mir scheint, noch am meisten innere Ordnung hat. Die formale, weitgehend äußerliche Ordnung erlaubt zwar, unter die sehr weiten und sehr abstrakten Begriffe zu subsumieren, erlaubt aber nicht die Entstehung eines gestalteten Gesamtbildes. Die unbestechliche Kritik und die formale Klarheit haben Gruhle bis zum Extrem in dem Verzicht auf schöpferische Gestaltung getrieben, so daß er in der Fülle des Tatsachlichen ohne Unterscheidung von Wichtigem und Unwichtigem (die doch nur durch Idöen, nicht durch formale Ordnungen entsteht) steckenbleibt und an der Substanz der Probleme vorbeigleitet. Gruhle tauscht schlechthin nichts vor und hat es erreicht, daß man fast meinen könnte, in dem Buch käme wohl uberhaupt kein „unrichtiger“ Satz vor. Bei aller gewollten Uninteressantheit hat die Darstellung einen Reiz dadurch, daß die hohe Bildung des Autors, sein Geschmack und seine Distanziertheit zu den Dingen doch so weit fühlbar wird, daß man merkt: ihm ware eine literarisch elegante Schreibweise offenbar leicht, er will diesen Formalismus und diese Nüchternheit, denn er fürchtet wohl nichts mehr als die Verwechslung von Literatur undGoogle Scholar
  63. Wissenschaft. Nimmt man das Buch als das, als was es sich gibt, als Aufstapelung von Material, so ist es höchst nutzlich. Für die Sammlung einer riesigen Literatur, die Verwertung alter, vergessener, entlegener Arbeiten ist man dankbar.Google Scholar
  64. Die Absicht meines eigenen Buches (1913) weicht von allen vor ihm und nach ihm erschienenen ab. Wenn ich diese Absicht charakterisiere, so ist es mir als Autor unvermeidlich, wesentlich die Vorzuge zu sehen. Ich mochte darum von vornherein sagen, daß nach meiner Überzeugung durch diese Absicht die anderen Versuche nicht aufgehoben werden sollen. Es ist vielmehr jedem, der tiefer in die Probleme der Psychopathologie eindringen will, sehr zu raten, die verschiedenen Gesamtdarstellungen vergleichend zu lesen. Nur dadurch, daß er eine durch die andere kontrolliert, eignet er sich die ihm mögliche Beherrschung des Ganzen an.Google Scholar
  65. Bei völlig gelingender und klarer Entwicklung fallen Gegenstand und Methode zusammen. Die Einteilung nach dem einen ist zugleich die Einteilung nach dem anderen. Dem scheint der Satz zu widersprechen, jeder Gegenstand sei mit verschiedenen Methoden anzusehen. Jedoch ist mit dieser richtigen Forderung gemeint, daß ein bis dahin nur außerlich als ein. Gegenstand ergriffenes Faktum, das benannt ist als der einzelne Mensch, der da ist, als eine Krankheit, als Bewußtseinsveranderung, als Ged ehtnis usw. mit verschiedenen Methoden zu untersuchen sei. Solcher Gegenstand ist undurchdrungen und unbestimmt in seinen Grenzen. Er ist eine grobe, im ganzen nicht klar unterschiedene Tatsachlichkeit. Was er als Gegenstand wirklich ist, zeigt sich erst in der Methode. Ob und inwiefern der Gegenstand, der mit vielen Methoden angegangen werden soll, wirklich ein Gegenstand ist und damit die Weise seines Einsseins, wird auch erst durch eine spezifische Methode endgultig deutlich.Google Scholar
  66. 1.
    Für die Bewältigung der Literatur ist auf diese Handbücher zu verweisen, auf die Zentralblätter und Forschungsberichte. Aschat f enburgs Handbuch der Psychiatrie; Bumkes Handbuch der Geisteskrankheiten; Zentralblatt für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, Berlin ab 1910; Fortschritte der Neurologie, Psychiatrie und ihrer Grenzgebiete, Leipzig ab 1929. — Ferner die Referatenabteilung vieler Zeitschriften.Google Scholar

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1946

Authors and Affiliations

  • Karl Jaspers
    • 1
  1. 1.HeidelbergDeutschland

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