Rechtstheorie und Methodenlehre unter dem Einfluß des positivistischen Wissenschaftsbegriffs

  • Karl Larenz
Part of the Enzyklopädie der Rechts- und Staatswissenschaft book series (ENZYKLOPÄDIE)

Zusammenfassung

Als eine allgemeine (europäische) Geistesbewegung hat der „Positivismus“ im Laufe des zweiten Drittels des 19. Jahrhunderts in Deutschland alle Geisteswissenschaften mehr oder weniger erfaßt1. Wieweit dabei im einzelnen unmittelbare Einflüsse der „positivistischen“ Sozialphilosophie Auguste Comtes, englischer Philosophen (Bentham, J. St. Mill)2 oder der Naturwissenschaften, insbesondere die „Entwicklungslehre“ Darwins, mitwirkten, wieweit eine Wiederaufnahme des älteren „Empirismus“, der Assoziationspsychologie Lockes, in der Rechtswissenschaft auch der utilitaristischen Ethik eines Thomasius 3 vorgelegen hat, braucht hier nicht untersucht zu werden. Genug, daß die Rechtswissenschaft an der allgemeinen Hinwendung zum Positivismus ihren vollen Anteil genommen hat4. Als Gegenbewegung sowohl gegen das rational-deduktive Naturrecht wie gegen die metaphysische Grundeinstellung der idealistischen deutschen Philosophie, aber auch gegen die Romantik und die ältere „Historische Schule“ ist der Positivismus vornehmlich durch das Streben gekennzeichnet, nicht nur alle „Metaphysik“, sondern auch die Frage nach einem „Sinn“ des Daseins, nach „Werten“ oder „Gültigem“ als unbeantwortbar aus der Wissenschaft zu verbannen und diese streng auf die „Tatsachen“ und deren empirisch zu beobachtende Gesetzlichkeit zu beschränken5. Für die Naturwissenschaften, nicht aber für die Ethik und die Rechtslehre konnte er sich dafür bis zu einem gewissen Grade auf die Erkenntnistheorie Kants berufen.

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. etwa Rothacker, Einleitung in die Geisteswissenschaften, 2. Aufl. 1930, S. 190 ff.; speziell zum positivistischen Wissenschaftsbericht: Ernst V. Hippel, Mechanisches und moralisches Rechtsdenken, S. 196 ff.Google Scholar
  2. 2.
    Über den Einfluß Benthams auf den späteren Jhering und auf die Inter-essenjurisprudenz Ph. Hecks vgl. Como in ARSP 1968, S. 69 ff.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. zu Thomasius meine Abhandlung über „Sittlichkeit und Recht“ in „Reich und Recht in der deutschen Philosophie“, 1943, Bd. I, S. 202 ff.; Erik WOLF, Das Problem der Naturrechtslehre, 3. Aufl. 1964, S. 137 ff.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Schönfeld, Grundlegung der Rechtswissenschaft, S. 68 ff., 510 ff.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. die treffende Darstellung dieser Position und ihrer Auswirkungen auf die Rechtslehre bei Coing, Grundzüge der Rechtsphilosophie, 2. Aufl., S. 58 ff.Google Scholar
  6. 6.
    Welzel, Naturalismus und Wertphilosophie im Strafrecht, 1935, S. 2; Schön¬Feld, a.a.O., S. 63 u. 524.Google Scholar
  7. 7.
    So Brusiin, Über das juristische Denken, 1951, S. 156 ff.Google Scholar
  8. 8.
    So eindeutig Kelsen in seiner Schrift „Was ist Gerechtigkeit?“, 1953.Google Scholar
  9. 9.
    Welzel, Naturalismus und Wertphilosophie im Strafrecht (1935); Wieacker, Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, S. 563, der (in den Anm. 16–18) auch auf den Zusammenhang einer „naturalistischen“ Moral-und Rechtstheorie mit Nietzsches »Willen zur Macht“ hinweist; Erik Wolf, Große Rechtsdenker, S. 623 ff.Google Scholar
  10. 10.
    Der Positivismus des 19. Jahrhunderts nahm einen strengen Determinismus im Sinne des kausal-mechanischen Weltbildes an. In der Gegenwart ist dieser viel¬fach zu einer statistischen Gesetzmäßigkeit abgeschwächt.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. meine Schrift über »Das Problem der Rechtsgeltung“ (1929, Neudruck mit einem Nachwort, 1967); Henkel, Einführung in die Rechtsphilosophie, S. 382, 446 ff. u. Festschr. f. Marcic, 1974, S. 63.Google Scholar
  12. 12.
    Seine psychologisch gemeinte Lehre von der Geschäftsgrundlage knüpft nicht zufällig an Windscheids „Voraussetzung“ an.Google Scholar
  13. 13.
    In seinem Hauptwerk „Juristische Prinzipienlehre“, 5 Bände, 1894–1917, und in seiner „Kritik der juristischen Grundbegriffe“, 2 Bände, 1877 u. 1883.Google Scholar
  14. 14.
    Im folgenden wird die Prinzipienlehre nur mit Band-und Seitenzahl, die Kritik der juristischen Grundbegriffe mit „Kritik“ sowie Band-und Seitenzahl zitiert.Google Scholar
  15. 15.
    Der Vortrag erschien zuerst 1848 im Druck. Er ist jetzt zugänglich in einer Ausgabe der Wissenschaftl. Buchgesellschaft, 1956. Über Kirchmann vgl. S.int¬Zing-Landsberg, Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft III, 2, S. 737 ff.; Wieacker, Privatrechtsgeschichte, S. 415; meinen Vortrag „Über die Unentbehr¬lichkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft“, Berlin 1966.Google Scholar
  16. 16.
    In der so benannten Schrift von O. V. Gierke im Jahre 1889.Google Scholar
  17. 17.
    Der Entwurf eines Bürgerlichen Gesetzbuchs und das deutsche Recht, 1889.Google Scholar
  18. 18.
    A. Menger, Das Bürgerliche Recht und die besitzlosen Volksklassen, 1890 (Neudruck der Wissenschaftl. Buchgesellschaft, 1968). Dazu Wieacker, Privat¬rechtsgeschichte, S. 457.Google Scholar
  19. 19.
    Vgl. die äußerst kritischen Bemerkungen REICHELS in seinem Geleitwort zu der Schrift von Harry Lange, Die WandlungenGoogle Scholar
  20. 20.
    Scherz und Ernst, 10. Aufl., S. 54 u. 57.Google Scholar
  21. 21.
    Zitiert wird im folgenden Bd. I nach der 3. Aufl., 1893; Bd. II nach der 2. Aufl., 1886.Google Scholar
  22. 22.
    Eine sehr harte Kritik übt ERIK WOLF (Große Rechtsdenker, S. 651). Er wirft Jhering einen „ständigen Wechsel der Gesichtspunkte und Darstellungs¬weisen“ vor, mangelnde Begriffsklarheit — bald werde der Zweck als bloße Tat¬sache, bald als psychische oder sozialpsychische Ursache, bald als innerer Sinn des Rechts aufgefaßt — und ein »selbstherrliches Schalten mit dem Erbgut der Kultur“, das „manchmal fast grob wirke“ und unwillkürlich an das gleichzeitige Durcheinander im Baustil gemahne. Daran ist sicher zutreffend, daß Jhering ganz und gar das Kind einer Zeit war, die sich in jähem Ungestüm den neu auf sie zukommenden Fragen — der großen Bedeutung, die die Naturwissenschaft und die Technik jetzt im Leben des Menschen zu spielen begannen, der Klassenbildung im Gefolge der „industriellen Revolution“, den dadurch entstehenden sozialen Problemen — zuwandte und noch nicht imstande war, sie geistig zu bewältigen. In dieser Lage nahm man wahllos dasjenige von dem überlieferten Gedankengut auf, was man noch glaube gebrauchen zu können, und gab ebenso wahllos und voreilig preis, was in Wahrheit nicht zu entbehren ist. Es ist Jherings unbezwei¬felbare Größe, daß er sich diesem Neuen so aufgeschlossen zeigte; seine Grenze lag weniger in ihm selbst, als in der Zeit begründet. Zu einem sehr kritischen Urteil gelangt auch Christian Helfer in seinem Beitrag über „Jherings Gesellschafts¬analyse im Urteil der heutigen Sozialwissenschaft“ in „Jherings Erbe“, herausgeg. von Wieacker U. Wollschläger, S. 79 ff. Auch Jherings soziologisch gerich¬teten Spätwerke verrieten, so sagt er, »eine Künstlernatur, die zwischen extremen Meinungen schwankte und Gegensätze arglos zu vereinen wußte“.Google Scholar
  23. 23.
    In diesen beiden Hinsichten ist ihm die Interessenjurisprudenz gefolgt. Der Verlagerung des Schwergewichts von der Person des Gesetzgebers, seiner freien Entscheidung, auf die Gesellschaft als den wahren Akteur entspricht die Forde¬rung, die für das Gesetz „kausalen“ Interessen zu erforschen — die »genetische Interessentheorie“ HEcxs; dem Festhalten an dem Gesetzesglauben entspricht die bis heute bei den Anhängern der Interessenjurisprudenz nicht überwundene Auffassung, der Richter dürfe die maßgebenden Wertmaßstäbe nur dem Gesetz selbst entnehmen, nicht aber außergesetzlichen Grundlagen des Rechts, wie der „Natur der Sache“, rechtsethischen Prinzipien (soweit diese nicht im Gesetz selbst zum Ausdruck ge¬langt sind), dem Naturrecht oder der Rechtsidee. Insofern verleugnet die Inter¬essenjurisprudenz auch heute noch nicht ganz ihre geistige Herkunft aus dem Positivismus.Google Scholar
  24. 24.
    Zum Wertproblem bei Jhering vgl. Langemeijer in Wieacker-Woll¬Schläger, Das Erbe Jherings, S. 127 ff.Google Scholar
  25. 25.
    Siehe auch Schönfeld, Grundlegung der Rechtswissenschaft, S. 519; WIE-Acker, Privatrechtsgeschichte, S. 453. Die Begründung des Rechts auf das zu¬fällige Dasein und die Entwicklung der Macht von «sozialen Organismen“, sagt Erik Wolf (a.a.O., S. 654), «wirkte zwar anregend auf die Rechtskritik und Rechtsneubildung, aber auch destruktiv auf die ethische Substanz der Rechts¬ordnung und Rechtsgesinnung“. JHERING sah nicht voraus, daß am Ende der totalen Entethisierung des Rechts das Gesetz als bloßes Instrument der Macht¬politik und der Jurist als »Techniker der Machtausübung“ übrigbleiben würden.Google Scholar
  26. 26.
    Seine methodologischen Hauptwerke werden wie folgt zitiert: Gesetzes¬auslegung und Interessenjurisprudenz, AcP 112, S. 1, zit. GA; Das Problem der Rechtsgewinnung, 1912, zit. RG; Begriffsbildung und Interessenjurisprudenz, 1932, zit. B. Vgl. ferner den Anhang über »Begriffsjurisprudenz und Interessen¬jurisprudenz“ in seinem Grundriß des Schuldrechts, 1929, und die Aufsätze in AcP 122, 173; 142, 129 u. 297.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. die Abhandlung »Begriff und Konstruktion in der Lehre der Interessenjurisprudenz“ in Festschr. f. Heck, Rümelin u. A. B. Schmidt, 1931, S. 60.Google Scholar
  28. 28.
    Reichsgericht und Interessenjurisprudenz, RG Festschr., Bd. I, S. 161; Wo¬hin führt die Interessenjurisprudenz? 1932; Die Hinwendung der Rechtswissen¬schaft zum Leben, 1939; Die Rechtswissenschaft im Umbau, 1950.Google Scholar
  29. 29.
    So vor allem in seinen Grundrissen des Schuldrechts und des Sachenrechts.Google Scholar
  30. 30.
    RG 1; B 31, 51.Google Scholar
  31. 31.
    Festgabe für Heck, Rümelin U. A. B. Schmidt, S. 72.Google Scholar
  32. 32.
    Eindeutig auch Müller-Erzbach, Die Rechtswissenschaft im Umbau, S. 15: »Erst dadurch, daß ein so umfassendes kausales Denken überall festen Boden erreichen kann, befähigt es dazu, objektive Erkenntniswerte zu erlangen und die Rechtswissenschaft zu einer Ursachenforschung zu erheben.“ Kritisch dazu Hue-Mann, AcP 155, S. 92 f.; Engisch, Einführung, S. 187; Wieacker, Privatrechts¬geschichte, S. 568.Google Scholar
  33. 33.
    Coing hat jedoch (in Arsp, 1968, S. 69 ff.) nachgewiesen, daß die Grund¬gedanken und sogar die Terminologie der „Interessenjurisprudenz“ bereits bei dem Philosophen Eduard Beneke (in seiner 1830 erschienenen Einleitung zu einer Schrift von J. Bentham) vorgebildet sind.Google Scholar
  34. 34.
    Daß Hecks Rechtstheorie ihren immanenten Voraussetzungen nach auf dem philosophischen Positivismus beruht, habe ich 1937 in AcP 143, S. 271 ff. aus¬geführt. Vgl. auch Wieacker, Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, S. 575 f. und Schönfeld, Grundlegung der Rechtswissenschaft, S. 516.Google Scholar
  35. 35.
    O. Brusiin, Ober das juristische Denken, S. 124, Anm. 54.Google Scholar
  36. 36.
    Ähnlich urteilen auch Wieacker, a.a.O., und Fechner, Rechtsphilosophie, S. 29 und 35, Anm. 41.Google Scholar
  37. 37.
    Festgabe für Heck, Rümelin u. A. B. Schmidt, S. 67.Google Scholar
  38. 38.
    Ebenda, Anm. 1.Google Scholar
  39. 39.
    GA, S. 232, Anm. 357.Google Scholar
  40. 40.
    Eine ähnliche Wirkung hat in Deutschland kaum weniger als in Frankreich das Werk von FR. Geny, Méthode d’Interprétation et Sources en Droit Privé Positif ausgeübt. Es muß aber betont werden, daß sich Geny von der soziologi¬schen Rechtslehre in Deutschland und von der älteren Interessenjurisprudenz da¬durch unterscheidet, daß er den Blick des Juristen nicht nur auf die sozialen Tat¬sachen hinlenkt, sondern zugleich verlangt, diese im Lichte derjenigen Prinzipien zu würdigen, die in der „moralischen Natur“ des Menschen gegeben sind (vgl. besonders 2. Aufl., Bd. II, S. 88 ff.). Die Theorie, die das Recht selbst opfere, indem sie es allein den Tatsachen unterwerfe, bezeichnet er als „nihilisme doctri¬naire“ (S. 98); ihr stellt er die These entgegen, »qu’il y a des principes de justice, supérieurs A. la contingence des faits“ (S. 101). Die moralischen Prinzipien wiesen der juristischen Interpretation die Richtung; die Betrachtung der Tatsachen und der Natur der Dinge („nature des choses“) könne diese Prinzipien allein inhaltlich erfüllen (S. 104).Google Scholar
  41. 41.
    Ihr Thema lautet: „Das Problem der Rechtsgewinnung.“Google Scholar
  42. 42.
    In einer Abhandlung über „Juristische Methode“ in»Leben in der Justiz“, S. 8 u. 11 des Sonderdrucks.Google Scholar
  43. 43.
    Kennzeichnend sind auch die Ausführungen, mit denen sich Heck dagegen wendet, den Ausdruck „Interessenjurisprudenz“ durch den Ausdruck „wertende Jurisprudenz“ zu ersetzen (B 50 f.). Einmal ist es ihm darum zu tun, den Zusammenhang mit Jhering zu wahren, »auf dessen Initiative die Reformbewegung wesentlich zurückgeht“. Jhering habe das Interesse als Grundbegriff behandelt »und nicht von Wertungen geredet“. Zum anderen aber habe der Forscher »in der Regel nur die Werturteile des Gesetzgebers zu ermitteln“ (was Heck für eine Kausalforschung hält, da ihm ja der Gesetzgeber nur die zusammenfassende Bezeichnung für die»kausalen Interessen“ ist!), dagegen »nur in Ausnahmefällen selbst zu werten“. Dagegen möchte Stoll der Bezeichnung „Wertungsjurisprudenz“ den Vorzug geben (Festgabe, S. 67, Anm. 1; 75, Anm. 5). Er hält dies aber offenbar nur für einen terminologischen, nicht für einen sachlichen Unterschied.Google Scholar
  44. 44.
    Das unterscheidet ihre Lehre grundlegend von derjenigen Genys (oben S. 55, Anm. 2), die den Positivismus als Wissenschaftsbegriff hinter sich läßt. Besonders deutlich wird dies an der Stelle, an der sich Geny gegen die positivistische Auf fassung wendet, die »absolute Gerechtigkeit“ sei nur ein Gegenstand des reinen Glaubens, der absolut ausgeschlossen bleiben müsse „de l’horizon scientifique“ (Bd. II, S. 98 f.).Google Scholar
  45. 45.
    Zur Kritik vgl. vor allem Binder, Zhr 100, S. 4 ff.Google Scholar
  46. 46.
    Stoll, Festgabe, S. 81; vgl. auch S. 87; ferner Heck, Grundriß des Schuld¬rechts, Anhang § 1 unter lb.Google Scholar
  47. 47.
    Stoll, Festgabe, S. 80.Google Scholar
  48. 48.
    Grundriß des Schuldrechts, Anhang § 1 unter 3.Google Scholar
  49. 49.
    Grundriß des Schuldrechts, S. 1.Google Scholar
  50. 50.
    Grundriß des Schuldrechts, Anhang § 1 unter 3.Google Scholar
  51. 51.
    Festgabe, S. 90.Google Scholar
  52. 52.
    Dagegen sieht Schreier (Die Interpretation der Gesetze und Rechtsge¬schäfte, S. 25), der ebenfalls einen Dualismus der Begriffe und Systeme vertritt, das „innere System“ als ein solches von „Wert-und Willensurteilen“, das von Heck so genannte »äußere“ System dagegen als ein solches von „kognitiven Urteilen“ an.Google Scholar
  53. 53.
    Heck meint — mit einem Bild, das bezeichnenderweise wieder der Natur¬wissenschaft entnommen ist —, so wie der Geograph, der ein von ihm zuvor erforschtes Gebirgssystem darstelle (B 151, Anm. 1). Hierzu wäre zu sagen, daß die stets fließenden Lebensverhältnisse sich nicht in einer solchen Ruhelage be¬finden wie ein Gebirgssystem, und vor allem, daß das „innere System“ des Rechts, das der Rechtswissenschaft nicht gegeben, sondern zu entwickeln immer wieder „aufgegeben“ ist, eine durchgehende Sinn-Einheit voraussetzt, die nur in der Rechtsidee gefunden werden kann.Google Scholar
  54. 54.
    Das betont richtig Oertmann, Interesse u. Begriff in der Rechtswissen¬schaft, S. 42 ff.Google Scholar
  55. 55.
    Nachweise aus der Rechtsprechung bringt Hubmann, AcP 155, S. 88.Google Scholar
  56. 56.
    Beachtlich dazu Pawlowski, NJW 58, 1561.Google Scholar
  57. 57.
    Freie Rechtsfindung und Freie Rechtswissenschaft, S. 5.Google Scholar
  58. 58.
  59. 59.
  60. 60.
    Das ist auch der Grundgedanke der Schrift von MAX RUMPF, Gesetz und Richter, 1906.Google Scholar
  61. 61.
    Den Ausdruck als Sammelbezeichnung für alle Gegner der formalen Begriffsjurisprudenz zu gebrauchen, wie dies z. B. in der Dissertation von KANIGS, 25 Jahre Freirechtsbewegung (1932) geschieht, hat wenig Sinn. Die Überzeugung, daß jedes Gesetz „Lücken“ habe, ist gewiß nicht auf die Anhänger der „Freirechtsbewegung“ beschränkt, wie das STAMPE, Die Freirechtsbewegung (1911), S. 25 anzunehmen scheint. Will man den schillernden Ausdruck zur Kennzeichnung einer bestimmten, wissenschaftlich ernst zu nehmenden Richtung gebrauchen, so paßt er am ehesten auf diejenigen, die gegenüber jeder Art von abgeleiteter, rational vermittelter Fallentscheidung den Vorrang des Willens, des Gefühls oder der „Intuition“ betonen und deshalb den Richter überall da, wo die Entscheidung dem Gesetz nicht »unmittelbar“ zu entnehmen ist, statt auf gedankliche Überlegungen, auf sein eigenes Rechtsempfinden verweisen. Die Schwierigkeit einer Abgrenzung der „Freirechtsbewegung“ gegenüber verwandten Strömungen, etwa der Interessenjurisprudenz oder der soziologischen Rechtsfindungsmethode, folgt aus der Unklarheit des Terminus „freies Recht“. Die „Freirechtler“ haben es im Grunde jedem überlassen, sich darunter vorzustellen, was ihm beliebt. Vgl. zu dieser Schwierigkeit MoENCH, Die methodologischen Bestrebungen der Freireichtsbewegung auf dem Wege zur Methodenlehre der Gegenwart, 1971, S. 14 ff.Google Scholar
  62. 62.
    Der Kampf um die Rechtswissenschaft. Von demselben Verfasser, doch sehr viel gemäßigter: Aus der Vorgeschichte der Freirechtsbewegung, 1925. Ferner: Zur Lehre vom richtigen Recht, 1909 (Kritik an Stammler), Rechtswissenschaft und Soziologie, 1911; The Definition of Law, Cambridge, 1958. Die meisten dieser Schriften sowie einige weitere sind nunmehr auch zugänglich in dem von TH. WÜRTENBERGER, 1962 herausgegebenen Auswahlband „Rechtswissenschaft und Soziologie“ (Freiburger Rechts-u. Staatswissenschaftl. Abh., Bd. 19 ).Google Scholar
  63. 63.
    Schreibjustiz und Richterkönigtum, 1907; Die Gemeinschädlichkeit der konstruktiven Jurisprudenz, 1909; Juristischer Kulturkampf, 1912; Was will die Freirechtsschule?, 1929. Eine Auswahl aus diesen Schriften erschien 1965 unter dem Titel „Gerechtigkeitswissenschaft“ (herausgegeben von FOULKES, eingeleitet von ARTHUR KAUFMANN). Es kann nicht verwundern, daß die schon im Ton oft maßlose Kritik, die FUCHS an der Rechtswissenschaft seiner Zeit übte, eine über das nötige Maß hinausgehende Gegenkritik zur Folge hatte. Den maßvollen Urteilen von ARTHUR KAUFMANN 1St ZUZUSTIMMEN.Google Scholar
  64. 64.
    H. Isay, Rechtsnorm und Entscheidung, 1929, S. 56.Google Scholar
  65. 65.
    S. 18 u. 25.Google Scholar
  66. 66.
    S. 94 f. u. 154 ff.Google Scholar
  67. 67.
    Vgl. dazu die teils zustimmenden, teils kritischen Bemerkungen von FORST-HOFF, Recht und Sprache, S. 27. Als einen „gemäßigten Nachfolger der Freirechts-schule“ bezeichnet IsmY Wieacker (Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, S. 581, Anm. 58).Google Scholar
  68. 68.
    Zutreffend sagt Moench, a.a.O., S. 165: „Für sie war alles das irrational, was sie nicht mit formal-logischen Mitteln bewältigen konnten.“ Vgl. auch die tref¬fende Kritik an der „Freirechtslehre“ und ihr verwandten Strömungen im Rechts¬denken der Gegenwart bei Run’, Grundfragen der heutigen Verwaltungsrechts-lehre, 1965, S. 190 ff.Google Scholar
  69. 89.
    Vgl. Heck, Gesetzesauslegung, S. 230 ff.; Rechtsgewinnung, S. 25 ff.; Be¬griffsbildung, S. 9 u. 105; Stoll, Festschr. für Heck Usw., S. 70 f.; Müller¬Erzbach, Wohin führt die Interessenjurisprudenz?, S. 5 ff., 125 ff.Google Scholar
  70. 70.
    So Liver, Der Begriff der Rechtsquelle, S. 44.Google Scholar
  71. 71.
    Merz, AcP 163, S. 335.Google Scholar
  72. 72.
    Liver, a.a.O., S. 45.Google Scholar
  73. 73.
    Von einer „verstehenden Soziologie“ spricht Max Weber in einer Abhand¬lung im „Logos“, Bd. 4 (abgedr. in „Gesammelte Aufsätze zur Wissenschafts¬lehre“, 1922, S. 403 ff.). Er versteht darunter eine Soziologie, die menschliches, im weitesten Sinne soziales Verhalten als „sinnhaft“ verstehen und dadurch „in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“ (vgl. die Aus¬führungen über „Methodische Grundlagen der Soziologie“, a.a.O., S. 503). Als „sinnhaft“ und daher „verständlich“ bezeichnet WEBER ein menschliches Ver¬halten dann, wenn es entweder zweckgeleitet oder doch rational an bestimmten Erwartungen (etwa eines entsprechenden Handelns anderer) orientiert ist (a.a.O., S. 416). „Sinn“ bedeutet hier den vom Handelnden (im Einzelfall tatsächlich oder in einer Masse von Fällen „durchschnittlich und annähernd“) gemeinten „subjek¬tiven“ Sinn, im Gegensatz zu irgendeinem „objektiven“ Sinn, wie ihn die »dogmaGoogle Scholar
  74. 74.
    Diesem Zweck diente, wie EHRLICH in der Schrift „Die juristische Logik“ (1918) S. 66 ff. ausführt, auch die von der gemeinrechtlichen Jurisprudenz überall geübte „Konstruktion“.Google Scholar
  75. 75.
    So auch Ryffet, Rechtssoziologie, 1974, S. 57, 117, 132.Google Scholar
  76. 76.
    Zutreffend bemerkt Esser, Einführung in die Grundbegriffe des Rechts und des Staates, S. 117: »Recht ist eben nicht nur Richtmaß im Konfliktsfall, sondern auch — und in erster Linie — Regelung des gesunden Sozialverhältnisses, also Lebensordnung.“ Vgl. auch Ehrlichs Vortrag über „Freie Rechtsfindung und freie Rechtswissenschaft“, S. 9.Google Scholar
  77. 77.
    Darüber Fechner, Rechtsphilosophie, S. 265 ff.Google Scholar
  78. 78.
    Die juristische Logik, 1918.Google Scholar
  79. 79.
    Vgl. dazu S. 312.Google Scholar
  80. 80.
  81. 81.
    Vorwort zur „Kritik der Rechtswissenschaft“.Google Scholar
  82. 82.
    Vgl. die Kritik, S. 7 ff., 71 ff.Google Scholar
  83. 83.
    Kritik, S. 46 ff.Google Scholar
  84. 84.
    Kritik, S. 75.Google Scholar
  85. 85.
    Aus der großen Zahl seiner Schriften führe ich an: Hauptprobleme der Staatsrechtslehre, 1911 (zit. H); Ober Grenzen zwischen juristischer und soziologischer Methode, 1911; Allgemeine Staatslehre, 1925; Der juristische und der soziologische Staatsbegriff, 2. Aufl. 1928; Reine Rechtslehre, 1934, 2. Aufl. 1960 (zit. RR); Was ist Gerechtigkeit? 1953; Was ist die Reine Rechtslehre? Festschr. f. Z. Giacometti, 1953, S. 143 (zit. FG). Ein chronologisches Verzeichnis der bis 1959 erschienenen Veröffentlichungen Hans Kelsens, das 483 Nummern umfaßt, ist dem Buche »Reine Rechtslehre“ beigegeben. Zum gegenwärtigen Stand der Reinen Rechtslehre Walter in RTh, Bd. 1, S. 69. Zur Kritik vgl. Erich Kauf¬Mann, Kritik der neukantischen Rechtsphilosophie, 1921; W. Jöckel, H. Kelsens rechtstheoretische Methode, 1930; S. Marck, Substanz-und Funktionsbegriff in der Rechtsphilosophie, 1925; Ernst V. Hippel, Mechanisches und moralisches Rechtsdenken, 1959, S. 15 ff., 180 ff.; Rupert Hofmann, Logisches und meta¬physisches Reditsve ständnis (Zum Rechtsbegriff Hans Kelsens), 1967; Karl Leiminger, Die Problematik der Reinen Rechtslehre, 1967; W. SCHILD, Die zwei Systeme der Reinen Rechtslehre, Wiener Jahrb. f. Philosophie, Bd. IV, 1971, S. 150. Eine Brücke zwischen der Reinen Rechtslehre und der (von Kelsen abgelehnten) ontologischen Naturrechtslehre versucht Rene Marcic (Üsterr. Ztschr. f. Offentl. R., Bd. 11, S. 395; Bd. 13, S. 69; Verfassungsgerichtsbarkeit und Reine Rechts¬lehre, 1966) zu schlagen.Google Scholar
  86. 86.
    In der Schrift „Was ist Gerechtigkeit?“ hat Kelsen dies näher ausgeführt. „Wenn die Geschichte der menschlichen Erkenntnis“, das ist das Ergebnis, zu dem er gelangt (S. 40), „uns irgend etwas lehren kann, ist es Vergeblichkeit des Versuches, auf rationalem Wege eine absolut gültige Norm gerechten Verhal¬tens zu finden, d. h. aber eine solche, die die Möglichkeit ausschließt, auch das gegenteilige Verhalten für gerecht zu halten.“ Aber vielleicht ist „Gerechtigkeit“ keine Norm, sondern eine Kategorie, die den Sinn gewisser Normen konstituiert?Google Scholar
  87. 87.
    Dieser Einwand ist Kelsen oft gemacht und m. E. von ihm nie ausgeräumt worden. Vgl. Erich Kaufmann, Kritik der neukantischen Rechtsphilosophie, S. 31; Siegfried Marck, Substanz-und Funktionsbegriff in der Rechtsphilosophie, S. 28 f., und meine Rechts-und Staatsphilosophie der Gegenwart, 2. Aufl., S. 46. Völlig zutreffend bemerkt Hans-Ludwig Schreiber, Der Begriff der Rechts¬pflicht, 1966, S. 144, die Reine Rechtslehre, die die Unableitbarkeit des Sollens aus einem Sein postuliert hatte, ende in der Faktizität.Google Scholar
  88. 88.
    Osvi Lathinen, Zum Aufbau der rechtlichen Grundlagen (Helsinki 1951), hebt (S. 62 f.) kritisch hervor, daß Kelsen das Wort „Sollen“ nicht definiert habe. Er hätte es, meinte er, notwendig definieren müssen, da es von der Bedeutung dieses Wortes abhänge, „ob der von Kelsen behauptete Unterschied existiert“. Leiminger, a.a.O., S. 63 ff. glaubt, bei Kelsen nicht weniger als 18 ver¬schiedene Bedeutungen des „Sollens“ feststellen zu können. Vgl. dazu ferner Hofmann, a.a.O., S. 23 ff.Google Scholar
  89. 89.
    Vgl. hierzu die aufschlußreichen Ausführungen von S. Maack, Substanz-und Funktionsbegriff in der Rechtsphilosophie, S. 73 ff., über „Jurisprudenz und verstehende Soziologie“.Google Scholar
  90. 90.
    Vgl. zur Kritik der Interpretationslehre Kelsens: Betti, Festschrift für Raape (1948), S. 383 ff.; Allgemeine Auslegungslehre, S. 629 ff.; Nawiasky, All-gemeine Rechtslehre, S. 149 f.; Rupp, Grundfragen der heutigen Verwaltungs¬rechtslehre, 1965, S. 193 (zu Anm. 284); Leiminger, a.a.O., S. 82 ff. Ähnlich wie Kelsen dagegen Less, Vom Wesen und Wert des Richterrechts, 1954, S. 7 ff.Google Scholar
  91. 91.
    Vgl. Kant, Kritik der praktischen Vernunft, 1. Teil, I, 1, § 7, Anmerkung: „Man kann das Bewußtsein dieses Grundgesetzes ein Faktum der VernunftGoogle Scholar
  92. 92.
    Vgl. dazu Binder, Philosophie des Rechts, S. LI ff. und 836 ff., wo diese Fragestellung deutlich ausgesprochen ist.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1975

Authors and Affiliations

  • Karl Larenz
    • 1
  1. 1.Universität MünchenMünchenDeutschland

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