Therapeutische Beziehung und Gesprächsführung

  • Nicolas Hoffmann

Zusammenfassung

Verhaltenstherapie ist ein komplexes interaktionelles Geschehen, bei dem ein professioneller Therapeut bestrebt ist, im Rahmen einer bestimmten Gesamtstrategie und unter Anwendung bewährter psychologischer Prinzipien, für wünschenswert gehaltene Veränderungen bei Patienten zu bewirken. Oft wird dabei unterschieden zwischen einzelnen Verfahrensweisen, den sogenannten Therapietechniken, und dem zwischenmenschlichen Klima, dann Beziehung genannt, in dem sie zur Anwendung kommen. Diese Unterscheidung ist weitgehend gegenstandslos, sie verkennt bis zu einem gewissen Grad geradezu die Essenz der Verhaltenstherapie (siehe dazu auch: Zimmer & Zimmer, 1992). Verdeutlichen wir uns das anhand eines etwas extremen Beispiels:

Denken wir uns einen Verhaltenstherapeuten, der ein Selbstsicherheitstraining (Rollenspiele, Imaginationsübungen usw.) einleiten würde, ohne den Patienten über Zielsetzung und Wirkungsweise zu informieren. Bei der Durchführung kritisiert er ihn ständig, gibt kaum positive Rückmeldung und bricht nach kurzer Zeit die Prozedur ab unter dem Vorwand, der Patient erledige seine Hausaufgaben nicht.

Von diesem Therapeuten würden wir nicht behaupten, er habe ein an sich korrektes Selbstsicherheitstraining durchgeführt, das allerdings deshalb gescheitert sei, weil die Therapeut-Patient-Beziehung nicht in Ordnung war. Im Gegenteil: Die wesentlichen Prinzipien, die die mögliche Wirksamkeit dieser »Technik« ausmachen, kamen erst gar nicht zur Anwendung, ja es wurde gröbstens gegen sie verstoßen. Das Geschehen wurde beim Patienten in keinen motivationsfördernden kognitiven Kontext eingebettet, sondern seiner zufälligen Hypothesenbildung überlassen. Negative Sanktionierung statt positive Verstärkung einzusetzen, unterbindet geradezu Lernen und schließlich: Statt eine psychologisch fundierte Analyse der Schwierigkeiten in der Therapie durchzuführen und das eigene Verhalten zu korrigieren, attribuiert der Therapeut auf Patientenmerkmale wie mangelnde Motivation, Lernunwilligkeit und dergleichen. Nicht Verhaltenstherapie im Rahmen einer schlechten Therapeut-Patient-Beziehung ist für den Mißerfolg verantwortlich, sondern schlicht nicht korrekte Verhaltenstherapie.

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2000

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  • Nicolas Hoffmann

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