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Die Menschwerdung der Sphinx

  • Christa Rohde-Dachser
Part of the Psychoanalyse der Geschlechterdifferenz book series (PSYCHOANALYSE)

Zusammenfassung

Nach diesem Umweg durch die „weiblichen Diskurse“ möchte ich zum Abschluß unserer langen Reise durch den „dunklen Kontinent“, von dem wir nun auch sagen können, daß er der Bereich von Unbewußtheit im Diskurs der Psychoanalyse ist, zu meiner Ausgangsfrage zurückkehren. Sie galt dem „Rätsel“ der Überlebenskraft der von Freud formulierten Theorie des phallischen Monismus und — damit in engem Zusammenhang — der scheinbaren Unlösbarkeit des „Rätsels Weib“, an dem Freud, nach seinen eigenen Worten, gescheitert war. Wir haben hinter diesem „Rätsel“ die zentrale kollektive Abwehrkonstellation des Patriarchats gefunden: das Weibliche als „Container“ des abgewehrten (negativen) Selbst des patriar-chal-grandiosen männlichen Subjekts. Die erfolgreiche, d.h. endgültige Lösung des „Rätsels Weib“ wäre gleichbedeutend mit der Infragestellung dieser Abwehrkonstellation und der Rücknahme der projizierten Inhalte in die männliche Selbstdefinition. Gleichzeitig ginge sie mit einer Erschütterung der basalen patriarchalischen Unsterblichkeitsphantasie (Lifton 1979) einher, mit der das (männliche) Bewußtsein, der „Logos“, sich über die Natur und das Weibliche als Bestandteil dieser Natur erhebt, um sich in diesem Akt der Abgrenzung seiner eigenen Unsterblichkeit zu versichern.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vogt glaubt, daß das Schicksal des Ödipus (und Jokastes) eine andere Wendung hätte nehmen können, wenn Ödipus auf das Rätsel der Sphinx anstatt „der Mensch“ die Antwort „ich“ gegeben hätte — „,ich, jetzt in diesem Augenblick, in dieser Situation’“ (Vogt 1986, S. 75). Es wäre dies eine relativierende Antwort gewesen, die die Sphinx einbezogen und zum Du hätte werden lassen: „Es wäre ihm [Ödipus] deutlich geworden, daß die Sphinx mit ihrer Vierfüßigkeit zum Morgen seines Lebens, zu seiner Kindheit gehört, als er selbst noch auf vier Füßen ging“ (a. a. O.). Ödipus dagegen antwortete aus der „Position des Mittags, aufgerichtet, auf zwei Beinen gehend, den Kopf umflutet vom hellen Licht der Sonne, selbst sonnenhaft, identifiziert mit dem idealisierten Vater Helios/ Apollo, der den Beinamem Panopsios hat, der Alles-Überschauende“ (a. a. O.). Vogt bemängelt hier das Fehlen eines selbstreflexiven Zuges, das für die Sphinx (ebenso wie für Jokaste) tödlich gewesen sei. In all den von ihm gebrauchten Bildern bleiben jedoch die den Mythos konstituierenden Zuweisungen des Sphinxhaft-Weiblichen an die Erde und die Unterwelt und des Sonnenhaft-Apollinischen an das Männliche erhalten. Dies gilt auch (oder gerade!) für die Feststellung, „daß die Sphinx auch Eigenschaften hat, die nicht der Erde und Unterwelt zugehörig sind, nämlich ihre Flügel, mit denen sie sich in den Äther schwingt“ (S. 75).Google Scholar
  2. 2.
    Chasseguet-Smirgel (1964 a) berichtet von einer Patientin, die im Laufe der Analyse eine berufliche Tätigkeit aufnehmen will. „Um Geld zu verdienen, hatte ihr Mann zu Anfang seiner Karriere einige kommerzielle Lieder vertont. Sie hat ihm die Hauptanregungen dazu gegeben. Er schlägt nun vor, sie solle jetzt eigene Lieder machen. Sie erklärt sich für unfähig, da ihr nur dann etwas einfällt, wenn sie weiß, daß es sein Lied wird“ (Chasseguet-Smirgel 1964 a, S. 178; Hervorhebung im Original).Google Scholar
  3. 3.
    Dem Mythos zufolge hat Prometheus mit Hilfe Athènes das Feuer, das Zeus den Menschen vorenthalten wollte, aus dem Olymp gestohlen und auf die Erde gebracht. Zur Strafe wurde er von Zeus nackt an eine Säule in den kaukasischen Bergen gekettet. Jeden Tag fraß ein Geier von seiner Leber, die jede Nacht nachwuchs und wieder ganz wurde (nach Ranke-Graves 1955, S. 128).Google Scholar
  4. 4.
    Irigaray hat in ihrem Buch Speculum — Spiegel des anderen Geschlechts (1974) Piatons Höhlengleichnis aufgenommen und in eine für die Darstellung des Geschlechterverhältnisses geeignete Form gebracht. In Piatons Gleichnis sind die Gefangenen in der Höhle von Jugend an festgeschmiedet; weil sie auch die Köpfe nicht bewegen können, sehen sie von sich nur die Schatten, die vom Feuer hinter ihrem Rücken auf die gegenüberliegende Wand fallen. Da sie nichts anderes kennen, betrachten sie diese Schatten als die Wirklichkeit. Piaton fragt, wie einer dieser Gefangenen wohl reagieren würde, wenn er unvermittelt Gelegenheit bekäme, die Höhle zu verlassen und in der Welt draußen die Dinge und ihre Schatten voneinander zu trennen. Er würde — so Piaton — sich ob dieser zunächst schmerzhaften Einsichten preisen und versuchen, sie auch den anderen Gefangenen zu verkünden. Diese würden ihm nicht glauben, ihn auslachen und wenn er versuchen würde, ihre Fesseln loszumachen und sie aus der Höhle hinauszuführen — ermorden, wenn sie seiner habhaft werden könnten (vgl. Piaton, Die Staatsverfassung, 7. Buch, Kap. 1 und 2). Irigaray (1974) fragt, die Formulierungen Piatons teilweise aufnehmend, ebenfalls, was geschehen würde, wenn jemand die Gefangenen hinaufbringen wollte, so daß das ganze Ausmaß ihrer bisherigen Gefangenschaft sichtbar würde, „die Vorschriften, die sie daran hindern, sich zu bewegen, die ihnen vorschreiben, immer am selben Platz zu bleiben, die sie bewegungslos festhalten in der Faszination des formalen Zaubers und Prestiges von Meistern, die in ihren Praktiken immer auch ein wenig Scharlatene sind“ (Irigaray 1974, S. 463). Wenn der Philosoph, „immer ein wenig in seinen Idealitäten verloren“, kommt, um sich zwischen sie auf ihren angestammten Platz zu setzen, würden sie ihn umbringen? „,Sie würden ihn mit Gewißheit umbringen’, sagte er“ (S. 464). „Das wurde vor langer Zeit in ihre Gedächtnisse eingegraben — freilich in einer mythischen Verkleidung“ (a. a. O.).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1991

Authors and Affiliations

  • Christa Rohde-Dachser
    • 1
  1. 1.HannoverDeutschland

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