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Das System der Wissenschaften

  • Heinrich Schipperges
Conference paper
Part of the Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften Mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse book series (HD AKAD, volume 1987/88 / 1)

Zusammenfassung

Mit dieser biographischen Skizze stehen wir nun schon mitten im Lebenswerk, einem „Opus“, das ich einmal kühn „Das System“ nennen möchte, was nun auch zu belegen gar nicht so einfach sein dürfte. In seinem Jubiläumsaufsatz „Der deutsche Beitrag zur Erforschung Avicennas“ hat mein Bonner Lehrer Otto Spies 1955 einen auch heute noch beachtlichen bibliographischen Überblick gegeben, und er hat darin Ibn Sī nā bezeichnet als „Altmeister der Wissenschaften“.8 Die medizinische Avicenna-Forschung freilich steht noch im Pionierstadium. Vom „Canon Avicennae“ existieren zwar zahlreiche Handschriften; aber wir haben noch immer keine kritische Edition. Wir kennen — und benützen in der Regel -die lateinische Übersetzung des Gerhard von Cremona, angefertigt im 12. Jahrhundert an der Übersetzerschule zu Toledo, überarbeitet von Andreas Alpago, und 1527 gedruckt zu Venedig9 (Abb. 1).

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Anmerkungen

  1. 8.
    O. Spies (1955) 94 beschränkt sich auf die deutschen Veröffentlichungen und weist hin auf das bibliographische Handbuch von Carl Brockelmann: Die Geschichte der arabischen Litteratur. Bd. I (1898) 452–458, sowie Supplement, Bd. I (1937) 812–828, ferner auf die erweiterte Auflage I (1943) 589–599. — Eine biobibliographische Übersicht findet man auch bei Überweg-Heinze: Grundriß der Geschichte der Philosophie, II. Teil (1928) 291; 307–310.Google Scholar
  2. 9.
    Eine Übersicht über die lateinischen Renaissance-Drucke findet sich bei Ludwig Choulant: Handbuch der Bücherkunde für die ältere Medizin (1841) 362–366. — Ein photomechanische Reproduktion des „Liber canonis Avicennae“ nach der Ausgabe 1527 zu Venedig liegt vor bei Georg Olms, Hildesheim 1964.Google Scholar
  3. 10.
    Zur Geologie Ibn Sīnās vgl. den Text bei G. Le Bon: La civilisation des Arabes. Paris 1884, S. 524. Es heißt dort weiter: „Was die Erde und den Löß betrifft, der die Oberfläche der Berge bedeckt, so haben sie nicht denselben Ursprung wie das Skelett der Berge. Sie gehen vielmehr hervor aus einem Abbau von Pflanzenresten und von Schlamm, der durch das Wasser herangeführt wird. Vielleicht rühren sie von dem alten Meeresschlick her, der ehemals die ganze Erde bedeckte“ (nach Ley (1970) 21 Of.).Google Scholar
  4. 11.
    Zu Al-Bīrūnī vgl. Syed Hasan Barani: Ibn Sīnā and Alberuni. A study in similarities and contrasts. In: Avicenna Commemoration Volume, Calcutta 1956, p. 3–14. — Als Vertreter eines wissenschaftlichen Denkens im Sinne des dialektischen Materialismus wird Bīrūnī von H. Ley (1970) 226–249 geschildert; hier wird auch die Auffassung vertreten, daß Al-Bīrūnī (973–1048) und Ibn Sīnā (980–1037) gegenseitige Kenntnis ihrer Werke gehabt haben müssen.Google Scholar
  5. 12.
    Zum Topos von „Theorica et Practica“ vgl. H. Schipperges: Die arabische Medizin als Praxis und als Theorie. Sudhoffs Arch. Gesch. Med. Naturw. 43 (1959) 317–328. — Die Theorie, die „ars speculative“tritt gleichwertig und gleichgewichtig neben die „ars operativa“. Bei einem Vorläufer des Avicenna schon, dem Arztphilosophen Al-Fārābī, zeichnet sich die gleiche Tendenz ab. Al-Fārābī beruhigt sich nicht damit, daß das Theoretische als eine Art Studium Generale zur Auffüllung oder zur Dekoration neben die Praxis tritt. Er will vielmehr zeigen, wie aus der Theorie selber jene spezifische Bildekraft auf das Handeln ausgeht, die alle praktischen Bereiche prägt, ja, daß in der Theoria schon das integrierende Element alles ärztlichen Tuns vorgezeichnet und einbeschlossen ist. Wird diese „theoria“, diese „virtus“ oder auch „forma“ zerstört, so kann man nicht mehr von einer wissenschaftlichen Medizin sprechen, wie ja auch aus einem Gewebten ohne den Einschlag nie ein Gewand werde, wie man nicht von einem Schwert sprechen könne, wenn es der „acuitas“ entbehre. Wie erst das Auge, das „corpus oculi“ und die „virtus videndi“ das Sehen ausmachen, so macht auch die “virtus“ mit der Hand, dem „corpus manus“, erst das Handeln aus, bringt erst die Bereitschaft zum Handeln, führt zur „agilitas“. Wer das nicht einsieht, schreibt Al-Fārābī kurz und bündig, der verhält sich wie ein „ligneator noctis“, wie ein Holzhauer bei Nacht. Besser noch als die lateinische Übersetzung charakterisiert dies der arabische Text, wo es heißt „mitlu: hatibu lailin“, d. h. so wie einer, der nachts Holz liest und dabei unbesehen zusammenrafft, was ihm gerade rein empirisch zwischen die Hände kommt.Google Scholar
  6. 13.
    Der „Kitäb aš-Šifā’“ gliedert sich in vier Summen: eine „Summa logica“, die „Summa scientiarum naturalium“, eine „Summa mathematica“ und die „Summa metaphysica“. Die Idee der „Summa“ als einer scholastischen Darstellungsmethodik ist demnach hier schon, und nicht erst bei Abaelard (gest. 1142), bewußt aufgegriffen worden.Google Scholar
  7. 14.
    Vgl. Haneberg (1866): „Man kann sich mit ziemlicher Sicherheit darauf verlassen, daß man im Wesentlichen Alfarabi mithört, wenn man Avicenna hört.“ S. auch Birkenmajer (1934) mit dem Incipit seiner Brügger Handschrift: „Studiosam animam nostram ad appetitum translacionis libri Avicenne, quem Asschiphe id est Sufficientiam nuncupavit, invitare cupiens...“.Google Scholar
  8. 15.
    In der vierten Summa seines Buches „Genesung der Seele“, cap. 1, schreibt Ibn Sīnā: „Nachdem wir bereits alle Begriffe vorgebracht haben, die in dem Bereiche der logischen, physischen und mathematischen Wissenschaften eine Darlegung erforderten, ist es nunmehr angebracht, zu beginnen mit der Definition der Begriffe der Weisheit (sapientia; hikma).“ Ibn Sīnā gliedert sodann die philosophischen Wissenschaften in spekulative und praktische, wobei die theoretischen Wissenschaften das Ziel verfolgen, „die theoretische Denkfähigkeit dadurch zu vervollkommnen, daß sie den Verstand aktuell denken machen“. Dieses werde dadurch erreicht, daß der Verstand die begrifflich auffassende und über die Außenwelt urteilende Wissenschaft von Dingen erlange, die nicht unsere Handlungen und Verhältnisse seien. „Daher ist der Zweck der theoretischen Philosophie der, daß Gedanken und Überzeugungen erworben werden, die sich nicht auf die Beschaffenheit der Handlung noch die des Prinzips des Handelns erstrecken“ (nach Horten (1907) 3).Google Scholar
  9. 16.
    Der Topos von der „konkreten Philosophie“, der sicherlich bis in das Hippokratische Denken zurückreicht, ist in neuerer Zeit besonders von Karl Jaspers bevorzugt worden. Vgl. H. Schipperges: Medizin als konkrete Philosophie. In: Karl Jaspers. Philosoph, Arzt, politischer Denker. München, Zürich 1986, S. 88–111.Google Scholar
  10. 17.
    Da Avicenna die Auferstehung des Leibes entschieden geleugnet hat, habe er — wie Ernst Bloch glaubt — den Gläubigen sowohl die sinnlichen Schrecken der Hölle („diese riesige klerikale Peitsche“) entzogen als auch die sexualen Freuden des Himmels („dieses orthodoxe Zuckerbrot“) (Bloch (1963) 15). — Auch H. Ley (1970) 218 sieht in Avicenna den Versuch, „jene Momente der aristotelischen Materietheorie auszuschalten, die platonisiert sind“. Er fügt als Beleg ein Zitat an: „Das was Materie genannt wird, kann auch Form heißen, und was Form, auch Materie“, während der Passus nach Horten (1907) 147 lautet: „Die Wesensform ist daher früher als die erste Materie, und man kann nicht sagen, daß die Wesensformen in sich der Potenz nach immer existieren und nur aktuell wirklich würden durch die Materie; denn die Substanz der Wesensform ist das Aktuellsein.“Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1987

Authors and Affiliations

  • Heinrich Schipperges
    • 1
  1. 1.Institut für Geschichte der MedizinHeidelbergDeutschland

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