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Geschlecht und Pubertät

Die Lebenskurven
  • Ernst Kretschmer

Zusammenfassung

Ein Mann, dem die Genialitätsforschung viel zu verdanken hat, der geistvolle Psychiater Möbius, hat einmal eine kleine Schrift verfaßt, die den Titel führt: „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes.“ Tiber diese Schrift hat sich das Publikum so sehr geärgert, daß sie sprichwörtliche Beachtung fand. Hinter dem scharf polemischen Titel und zwischen vielen einseitigen Tibertreibungen werden hier auch einige auf das Genialitätsproblem bezügliche Fragen behandelt, z. B. die Tatsache, daß es bisher noch kein weibliches Genie im engsten Wortsinn und nur sehr wenig Frauen gegeben hat, die auf irgendeinem Geistesgebiet originelle Neuleistungen schufen. Man wendet hier sogleich ein: die Frau wurde nicht zum Geistesleben zugelassen und die Wertung ihrer Leistungen leidet unter dem Vorurteil. Aber, sagt Möbzus, hat man z. B. jemals die Damen verhindert zu singen und Klavier zu spielen; weshalb also komponierten sie nicht? Und wenn sie komponierten, weshalb nichts Unsterbliches? Möbius hat sich die Mühe genommen, die Namen aller historisch auffindbaren weiblichen Komponisten zusammenzutragen; wir finden in dem langen Register als Namen, die uns irgend etwas besagen, nur Klara Schumann, die durch ihren Mann, Fanny Mendelssohn, die durch ihren Bruder, und Corona Schröter, die durch ihren Freund Goethe berühmt geworden ist. Und was das Vorurteil gegen die Leistung betrifft, so pflegt dasselbe gegenüber hübschen musizierenden Damen verschwindend gering zu sein.

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1929

Authors and Affiliations

  • Ernst Kretschmer
    • 1
  1. 1.MarburgDeutschland

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