Zusammenfassung

In jedem ausgebildeten Organismus hat jedes Organ und jeder Teil eines Organs eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Es hat eine bestimmte Funktion, und dieser Funktion entspricht wieder eine bestimmte Form und Struktur (Roux, 94). Ob dieser Satz allgemeine Gültigkeit hat und ob es nicht Organe gibt, die funktionslos sind, also keinerlei Aufgabe zu erfüllen haben, ist eine alte Streitfrage. Da man in der Erfüllung einer Aufgabe den Zweck eines Organes sieht, so hat man auch in solchen Fällen von zwecklosen Organen gesprochen. Die Geschichte der Biologie lehrt aber überzeugend, wie vorsichtig man sein muß, wenn man über Wert oder Unwert ‘eines Organs, über Funktion und Funktionslosigkeit urteilt. Es ist, noch gar nicht lange her, daß man der Schilddrüse, der Hypophysis, der Milz, der Thymus jede Bedeutung absprach. Roux bezeichnete noch 1881, der damaligen allgemeinen Auffassung entsprechend, die Hypophyse als ein »durchaus überflüssiges, funktionsloses Gebilde«. In neuester Zeit hat Peter mit großer Entschiedenheit und mit guten Gründen den Satz vertreten: »Man darf nicht sagen, daß ein Organ funktionslos ist, weil wir seine physiologische Bedeutung nicht kennen, sondern daß es uns nur so erscheint, daß wir es für indifferent halten.« Peter leugnet die Existenz indifferenter oder funktionsloser Organe völlig und weist nach, daß auch dort, wo die Bedeutung eines Organs nur historisch verstanden werden kann, seine teilweise Persistenz die Annahme des Fortbestandes einer Teilfunktion oder eines Funktionswechsels rechtfertigt. Ich schließe mich der Auffassung Peters durchaus an, weil ich mir nicht vorstellen kann, daß Teile des Organismus, welche nicht irgendwie funktionieren und nicht irgendwie beansprucht werden, existenzfähig bleiben sollen, wo wir doch aus den Erfahrungen der Pathologie wissen, daß bei Wegfall des funktionellen Reizes wirklich funktionslos gewordene Organe rettungslos der Atrophie verfallen. An fremden Ort transplantierte Anlagen von Extremitäten entwickeln sich bei Amphibienlarven auf dem Wege der Selbstdifferenzierung bis zu einem gewissen Grade; erreichen sie jedoch keine Verbindung mit dem Zentralnervensystem, welche ihre Funktion sicherstellt, so geht die Extremität schließlich wieder zugrunde.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1921

Authors and Affiliations

  • Franz Weidenreich
    • 1
  1. 1.MannheimDeutschland

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