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Untersuchungsergebnisse

  • Klaus Hartmann
Part of the Monographien aus dem Gesamtgebiete der Psychiatrie book series (PSYCHIATRIE, volume 1)

Zusammenfassung

Die vorhergehenden Abschnitte befaßten sich mit phänomenologischen, ätiologischen, terminologischen und methodologischen Aspekten der Verwahrlosungsforschung. Das nachfolgende Kapitel enthält eigene Untersuchungsergebnisse. Es resumiert die Resultate einer stationären Untersuchung von 1059 Jungen aus der „Offentlichen Erziehung“. Ziel der Untersuchung ist vor allem die Beschreibung der familiären Verhältnisse, körperlichen Befunde, intellektuellen Leistungen, kriminellen Verhaltensweisen und psychologischen Merkmale der Probanden.

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Referenzen

  1. In diesem Zusammenhang ist kurz auf jene partielle Leistungsschwäche einzugehen, die als „Legasthenie“ bezeichnet wird. Von Weinschenk wird der Legasthenie bei Delinquenten sowohl eine besondere Häufigkeit als auch eine besondere Verhaltensrelevanz attestiert. Weinschenk gibt an, daß er bei Kindern des 2. Schuljahres die Legastheniehäufigkeit auf 4% schätze, aber bei Gefangenen eines bundesdeutschen Zuchthauses eine Legastheniehäufigkeit von 33% festgestellt worden sei; er behauptet ferner, daß Legasthenie Dissozialität verursachen könne: „Bei kongenitalen Legasthenikern kommt es, wenn ihre Anlageschwäche unentdeckt bleibt, vielfach zu beispiellos festgefahrenen, dissozialen und kriminellen Verhaltensweisen. Diese Kinder und Jugendliche fühlen sich als Außenseiter der Gesellschaft und finden im Gelingen ihrer kriminellen Handlungen ihre Bestätigung“ ... „Die Legastheniker werden vielfach in die Rolle von Außenseitern der Gesellschaft gedrängt; ihre Straftaten sind Kompensationen ihrer Minderwertigkeitsgefühle und verschaffen ihnen nicht selten Befriedigungen für vielfältige Frustrationen und Benachteiligungen.“ Mit anderen Worten: „Sie wurden kriminell, weil sie nicht lesen konnten“ (Schlagzeile im „Praxis-Kurier“ vom 14. 5. 1969). Bevor solche Verallgemeinerungen gewagt werden, wären zumindest zwei Präzisierungen erforderlich. Erstens gilt es zu präzisieren, um welche Häufigkeiten es sich eigentlich handelt. Eine Lese- und Rechtschreibeschwäche zeigt sich auch bei einer allgemeinen Schwachbegabung. Als Legasthenie gilt in der Fachliteratur im allgemeinen jedoch nur die Lese- und Rechtschreibeschwäche bei normaler Intelligenz, nicht die Lese- und Rechtschreibeschwäche bei subnormaler Intelligenz (Schubenz und Buchwald sowie Schubenz und Böhmig). Da Weinschenk dagegen auch bei unterdurchschnittlichen Intelligenzquotienten Legasthenien diagnostiziert (Weinschenk und Kruza), ist nicht sicher, inwieweit sich beispielsweise die angegebenen Häufigkeitswerte auf Rechtschreibeschwächlinge mit durchschnittlicher Intelligenz (Legastheniker im Sinne der Begriffskonvention) beziehen und inwieweit sie auch Rechtschreibeschwächlinge mit unterdurchschnittlicher Intelligenz (keine Legastheniker im Sinne der Begriffskonvention) subsumieren. Zweitens gilt es zu präzisieren, welche Verhaltensrelevanz gemeint ist. Eine Erklärung dissozialen Verhaltens aus Minderwertigkeitsgefühlen ist schon von Adler versucht worden (vgl. Kap. 3.1). Diese Konzeption gehört zu jenen psychologischen Theorien, die Dissozialität als Entäußerungen von Konflikten bzw. als Bewältigungsversuche von Problemen verstehen („problem-solving-theories“ nach Martin und Fitzpatrick). Unseres Erachtens genügen solche einzelnen Konflikte bzw. Probleme vielleicht zur Erklärung circumskripter Dissozialität, aber nicht zur Erklärung jener sowohl im Verhaltenslängsschnitt als auch im Verhaltensquerschnitt ausgedehnten Dissozialität, die die Verwahrlosung ausmacht. In Kap. 3.4 wurde es folgendermaßen zu formulieren versucht: „Solche Motive reichen wohl zur Erklärung einer einzelnen Tat, aber nicht zur Erklärung einer ganzen Entwicklung aus.“Google Scholar
  2. Da viele Probanden in mehreren Deliktkategorien als Täter in Erscheinung traten, und die Täter in jeder Deliktkategorie separatim gezählt wurden, ist die Zahl der Täter größer als die Zahl der Probanden: Wenn 1–27 zusammengezählt werden, kommen 1545 Täter auf 789 rechtsbrüchige Probanden. Da jeder Täter auch eine Tat repräsentiert, entsprechen die 1545 Täter auch 1545 Rechtsverletzungen. Das ist jedoch nicht die Gesamtsumme der Rechtsverletzungen, weil diese Erhebung nur die einmaligen Rechtsverletzungen zählt, aber viele Rechtsverletzungen mehrmals verübt wurden. Insofern ist die Erhebung unvollständig und durch eine Schätzung der Wiederholungskriminalität zu ergänzen. Von den 638 Eigentumsdelikten wurde der Anteil der Wiederholungen nicht ermittelt. Von den 907 anderen Rechtsverletzungen wurden 149 bzw. 16,4% mehr als einmal verübt. Wenn man diese 16% für alle Deliktkategorien annimmt und bei diesen 16% von 1545 Rechtsverletzungen nur 2 Taten in Rechnung stellt, ist die Gesamtsumme der Rechtsverletzungen auf rund 1800 Rechtsverletzungen zu schätzen.Google Scholar
  3. „Nicht-verhandelte Rechtsverletzungen“ heißen alle Rechtsverletzungen, die nicht von einem Gericht oder von der Kriminalpolizei verhandelt wurden, aber auf eine andere Weise, beispielsweise durch Familienangehörige, aktenkundig geworden sind. Hierbei handelt es sich überwiegend um Delikte im sozialen Nahraum (Familie, Heim, Schule). „Verhandelte Rechtsverletzungen“ heißen alle Rechtsverletzungen, die von einem Gericht oder von der Kriminalpolizei verhandelt wurden. Hierzu zählen zunächst alle Delikte, die im Strafregister erfaßt wurden, dann auch alle Delikte, die im „kriminalpolizeilichen Register“ vermerkt worden sind (nicht jedoch die Verdachtsfälle des „kriminalpolizeilichen Registers).Google Scholar
  4. Diebstähle und Unterschlagungen. . 86 Täter mit Körperverletzung und 159 Täter mit Sachbeschädigung. . 172 Täter mit „Larceny“ und 154 Täter mit „Burglary“. . 13 Täter mit „Assault and Battery“ und 50 Täter mit „Offenses against the public order“ (zumeist Sachbeschädigungen). e 5690 Täter mit Diebstahl und 100 Täter mit Unterschlagung. f 885 Täter mit Körperverletzung und 744 Täter mit Sachbeschädigung.Google Scholar
  5. a.
    Vgl. K. Hartmann U. K. Eberhard (1963).Google Scholar
  6. a.
    Vgl. K. Hartmann U. K. Eberhard (1963).Google Scholar
  7. b.
    Vgl. K. Hartmann U. G. Adam (1966).Google Scholar
  8. a.
    Vgl. K. Hartmann U. K. Eberhard (1963).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin · Heidelberg 1970

Authors and Affiliations

  • Klaus Hartmann
    • 1
  1. 1.Psychiatrisch-Psychologischen Abteilung im Hans-Zulliger-HausBerlin-TegelDeutschland

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