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Übergänge II: Moderne Spielräume und das ludische Grundgefühl digitaler Kultur

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Zusammenfassung

Überall wo Komplexität, also Selektionszwang, und Kontingenz, also Enttäuschungsrisiko, zusammen mit ihren Begleitphänomenen wie Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit, Unvorhersehbarkeit zu beobachten sind, also inzwischen überall, wird das Spiel als Referenz aufgerufen. Wie viel Realitätsgehalt und wie viel Schönfärberei stecken im inflationären Gebrauch der Spielmetapher? Die Entdeckungsreise, die in normalen Strukturen der modernen und der digitalen Gesellschaft nach ludischen Anmutungen, nach Elementen der Aktionsform Spiel sucht, wird in vielen Hinsichten fündig. Auf ludische Nähe verweist unter anderem der Aufstieg drei neuer Tugenden, der Achtsamkeit, als Antwort auf mehr Unerwartetes, der Anschlussfähigkeit als sozialer Überlebensgarantie in Netzwerken und der Fehlerfreundlichkeit, die in Niederlagen die Einladung sieht, neu zu starten. Aber die rhetorische Expansion des Spiels dient auch dem zweifelhaften Zweck, reales Scheitern mit – gänzlich ungeklärten – Aussichten auf künftiges Gelingen schön zu färben.

Schlüsselwörter

Achtsamkeit Fehlerfreundlichkeit Netzwerk Wahrscheinlichkeit Unberechenbarkeit Beliebigkeit Risiko Spekulation Virtualität 

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Authors and Affiliations

  1. 1.BerlinDeutschland

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