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Konventionen auf schwindendem Grund – Zu den praktischen Konsequenzen schulischer Selektion an einer Hauptschule im sozialen Brennpunkt

  • Hauke Straehler-PohlEmail author
Chapter
Part of the Soziologie der Konventionen book series (SOZKON)

Zusammenfassung

Selektivität ist ein Charakteristikum des deutschen Schulsystems, welches sich seit geraumer Zeit in einer Legitimationskrise befindet. Die Rechtfertigungsmuster, die bei der Legitimation von Selektionsentscheidungen verwendet werden, können einerseits als Kompromissbildungen zwischen verschiedenen Konzeptionen von Gerechtigkeit verstanden werden. Anderseits laufen sie Gefahr, Probleme eher zu delegieren als sie lösbar zu machen. Somit können sie als institutionelle Diskriminierung wirken. Dieser Beitrag folgt der Annahme der Soziologie der Kritik, dass jede Rechtfertigungsordnung Maßstäbe für die Feststellung von „Größe“ von Mitgliedern einer Gemeinschaft bereitstellt. In Bezug auf Selektionsprozesse im Schulsystem können Kompromisse demzufolge dann als legitim erachtet werden, wenn sie es SchülerInnen ermöglichen, den Zustand von Größe zu erlangen. Unter Verwendung der dokumentarischen Methode rekonstruiert dieser Beitrag, wie dies im konkreten Kontext einer Berliner Hauptschule im sogenannten sozialen Brennpunkt systematisch misslingt. So kann aufgezeigt werden, wie die verfügbaren Konventionen in diesem konkreten Kontext einer materiellen Grundlage entbehren und so nicht bloß die gemeinsame Würde der SchülerInnen, sondern auch der betroffenen Lehrerin gefährden. Die Erfahrungsberichte der Lehrerin werden so als Form der radikalen Kritik gedeutet und verstehbar gemacht.

Schlüsselwörter

Selektivität Hauptschule Rechtfertigungsordnung Institutionelle Diskriminierung Teilhabe Kritik Dokumentarische Methode Schule im sozialen Brennpunkt Konvention 

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Authors and Affiliations

  1. 1.Freie Universität BerlinBerlinDeutschland

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