Geschlecht: Wege in die und aus der Armut

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Zusammenfassung

Armut stellt eine multidimensionale Lebenslage dar, die an biografische Ereignisse und Lebensphasen gebunden oder aber dauerhaft verfestigt sein kann. Wege in diese Lage und auch aus ihr heraus sind ursächlich verknüpft mit der Teilhabe an Erwerbsarbeit und an Transfereinkommen, die überwiegend auf Erwerbsarbeit beruhen (Renten bzw. Pensionen, Arbeitslosengeld). Die Chancen zur Teilhabe an Erwerbsarbeit steigen mit wachsenden Qualifikationen (allgemein- und berufsbildenden Abschlüssen). Sowohl die Bildungschancen und -erfolge als auch die Zugänge zu Erwerbsarbeit und Einkommen sind geschlechtstypisch ausgeprägt. In der Organisation des horizontal und vertikal geschlechtstypisch segmentierten Arbeitsmarktes wie auch in den Sicherungssystemen des Wohlfahrtsstaates manifestiert sich eine historisch gewachsene Geschlechterordnung im Sinne von „politisch etablierte(n) Beziehungen zwischen unbezahlter Arbeit in der Familie und bezahlter Arbeit auf dem Arbeitsmarkt, sowie deren jeweilige Relation zu den Sicherungssystemen des Wohlfahrtsstaates“ (Brückner 2004, S. 27).

Armutslagen sind ferner gekoppelt an Lebensformen (Alleinerziehende, Familien mit mehreren Kindern, Alleinlebende), und an Besonderheiten der alten bzw. neuen Bundesländer. Gerade in den auch nach mehr als 25 Jahren immer noch unterschiedlichen Lebenslagen und Armutsrisiken von Frauen und Männern in den neuen bzw. alten Bundesländern wird die fortdauernde Wirksamkeit der in den jeweiligen Gesellschaften der DDR bzw. der BRD vor der Wiedervereinigung impliziten Geschlechterordnungen und Geschlechterverhältnisse deutlich.

Wege aus spezifischen Armutslagen von Frauen führen in erster Linie über die Förderung und Ermöglichung zum Erwerb eigenständigen Einkommens und daraus abgeleiteter Altersversorgung. Dies ist aber nicht allein durch sozialpolitische Rahmenbedingungen zu erreichen, sondern stellt auch eine Anfrage an die Lebensentwürfe und Biografieverläufe von Frauen und Männern dar. Somit führt die Analyse der strukturellen und der subjektgebundenen Ursachen weiblicher Armutsrisiken zu grundlegenden Anfragen an die in den ökonomischen und politischen Strukturen inkorporierten Muster und Leitbilder des Verhältnisses von bezahlter und nicht bezahlter Arbeit und an den Stellenwert sorgender Tätigkeiten in unserer Gesellschaft.

Schlagworte

Geschlechterordnungen geschlechtsgebundene Armutsrisiken Geschlechterforschung gender pay gap Intersektionalität doing gender 

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Authors and Affiliations

  1. 1.BochumDeutschland

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