Der Wert der Armut

Der sozialethische Diskurs
Chapter

Zusammenfassung

In diesem Beitrag werden die religiösen Traditionen der monotheistischen Religionen im Blick auf sozialethische Bewertungen der Armut dargestellt. Neben der von allen Religionen betonten, grundlegenden Aufgabe der Überwindung jeder Form der skandalösen Armut, die wesentlich mit sozialer Ausgrenzung verbunden ist, wird dabei auch die Perspektive freiwillig gewählter Formen des individuellen Verzichts thematisiert, wie sie insbesondere in Teilen des Christentums und des Islams praktiziert werden.

Der Diskurs über Armut ist – ähnlich wie derjenige über den Reichtum – mit starken Werturteilen verknüpft, sei es, dass skandalisierend, verurteilend oder auch bewundernd über die jeweiligen Sachverhalte gesprochen wird. Ein wesentlicher Grund für diese mit starken Werturteilen verknüpfte Redeweise über Armut bzw. Reichtum liegt darin, dass beide Phänomene eng mit dem gesellschaftlichen Status und mit Erfahrungen sozialer Ungleichheit verbunden sind. Beides ist speziell in Gesellschaft en, die sich dem normativen Leitbild der Gleichheit aller Menschen und der Geltung von Menschenrechten auf der Grundlage einer allen zukommenden Menschenwürde verpflichtet wissen, in starker Weise legitimierungsbedürftig.

In der Geschichte des Judentums, des Christentums und des Islams sind Armut und Reichtum von Beginn an intensiv diskutiert worden. Der Schutz und die Unterstützung der Armen, insbesondere als Verpflichtung der reicheren Bevölkerungsgruppen, stehen jeweils im Mittelpunkt. Seit dem 19. Jahrhundert wird in Europa im Horizont der Auseinandersetzungen um die „soziale Frage“ darüber hinaus von den Kirchen auch nach ökonomischen Ursachen von Reichtum und Armut sowie entsprechenden sozialpolitischen Folgerungen gefragt. In einer Vielzahl von Stellungnahmen haben die Kirchen seither soziale Reformvorschläge entwickelt und sich in den Diskurs über die Fragen von Armut und Reichtum eingebracht. Um den gesellschaftlich notwendigen Diskurs sachlich führen zu können, hat im Jahr 1997 das „Gemeinsame Wort der Kirchen: Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ die regelmäßige Erstellung von Armuts- und Reichtumsberichten gefordert (vgl Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit 1997: Nr 219), wie es 1999 vom Deutschen Bundestag beschlossen wordenist. Gerade wurden die Arbeiten an dem V. Nationalen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung abgeschlossen.

Armut ist ebenso wie Reichtum ein schillernder Begriff, für den es keine einheitlich akzeptierte Definition gibt. Dies gilt auch für die zumeist verwendeten und in hohem Maße bewährten relationalen Armuts- und Reichtumsdefinitionen, welche sich wesentlich auf Aspekte des materiellen Einkommens und Vermögens beziehen. Allerdings ist die materielle Dimension nur ein – wenngleich wesentlicher – Aspekt, um Armut zu bestimmen. In einem weiteren Sinn lässt sich Armut als soziale Ausgrenzung und mangelnde Teilhabe definieren (vgl. grundlegend: Döring et al. 1990), welche die Handlungsspielräume von Menschen in gravierender Weise einschränken und von grundlegenden Teilhabechancen an den Lebensbedingungen der Gesellschaft ausschließen. Im Anschluss an die Sozialtheorie von Pierre Bourdieu resultieren gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten aus der Verfügbarkeit über ökonomisches Kapital, daneben aber auch über kulturelles und soziales Kapital, d. h. aus angeeigneten Wissensbeständen, Kompetenzen und Orientierungsfähigkeiten sowie aus der Bedeutung sozialer Zugehörigkeiten und Kontaktnetze, die oft wesentlich die Fähigkeiten für eine eigenverantwortliche Lebensführung mitbestimmen (vgl. Bourdieu 1983). Armut in diesem Sinn ist die Ausgrenzung aus sozialen Kontaktnetzen, das Fehlen von Kompetenzen und nicht zuletzt die eingeschränkte Möglichkeit des Verfügens über materielle Ressourcen. Diese Formen von Armut werden in den religiösen Traditionen der monotheistischen Religionen als Skandal erfahren, der beseitigt, zumindest deutlich reduziert werden muss.

In dem folgenden Beitrag sollen zunächst die biblischen Perspektiven zum Thema Armut als Grundlage des jüdischen und des christlichen Verständnisses aufgezeigt werden, wie sie vermittelt vor allem durch die Geschichte des Christentums für die abendländische Kultur grundlegend geworden sind. Ergänzt wird diese Perspektive durch wesentliche Aspekte des islamischen Verständnisses von Armut, um sodann in konstruktiver Aufnahme der religiösen Perspektiven sozialethische Bewertungsmaßstäbe und Handlungsperspektiven für die Gegenwart aufzuzeigen.

Schlagworte

Biblische Perspektiven Armut im islamischen Verständnis Freiwillige Armut Sozialethik Verteilungsgerechtigkeit und Befähigungsgerechtigkeit 

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Authors and Affiliations

  1. 1.BochumDeutschland

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