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Welche Glückspolitik ist sinnvoll?

  • Bruno S. Frey
Chapter
Part of the essentials book series (ESSENT)

Zusammenfassung

Im Kap. 11 wurde argumentiert, eine Regierung solle nicht direkt den aggregierten Glücksindex maximieren; dies wäre eine von oben kommende, zumindest paternalistische – wenn nicht sogar autoritäre – Politik, die mit einer Demokratie unvereinbar ist. Der politische Prozess soll vielmehr jeder Person die Möglichkeit geben, ihr Glück selbst zu finden. Dazu liefern die Ergebnisse der Glücksforschung einen wichtigen Beitrag.

Im Kap.  11 wurde argumentiert, eine Regierung solle nicht direkt den aggregierten Glücksindex maximieren; dies wäre eine von oben kommende, zumindest paternalistische – wenn nicht sogar autoritäre – Politik, die mit einer Demokratie unvereinbar ist. Der politische Prozess soll vielmehr jeder Person die Möglichkeit geben, ihr Glück selbst zu finden. Dazu liefern die Ergebnisse der Glücksforschung einen wichtigen Beitrag. Sie helfen, die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik so zu verbessern, dass die Menschen glücklicher werden können.

Glück als letztes Ziel?

Zuerst muss die grundsätzliche Frage erörtert werden, ob Glück tatsächlich das Ziel jeden menschlichen Lebens ist. Möglicherweise ist Glück lediglich ein Bestandteil eines guten Lebens. Wichtig sind dafür auch menschliche Entwicklung, Tugend und Gerechtigkeit. Andere stellen Kameradschaft, Freiheit und Solidarität gleichberechtigt neben das Glück. Als höchste Ziele findet man auch das physische und das soziale Wohlbefinden. Für andere Menschen wiederum steht Glück neben Faktoren wie Vertrauen, Selbstachtung, Schmerzfreiheit, Arbeitszufriedenheit sowie Zufriedenheit in der Familie und Ehe. Liberale Denker stellen die persönliche Freiheit über das Glück. Sie heben die produktive Wirkung des Unglücklichseins hervor. Unglücklichsein sei der Motor, um (noch) mehr zu erreichen. Den Evolutionstheoretikern schließlich geht es nicht um das Glücklichsein an sich, sondern um das Überleben und Reproduzieren.

Eine weitere Unterscheidung betrachtet nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg zum Ziel. Die Prozesse, die zum Ziel „Glück“ führen, können auch zur Lebenszufriedenheit beitragen; die meisten Menschen erfüllt es mit Glück, herausfordernde Aktivitäten zu meistern. Wenn sich Personen einer Tätigkeit völlig hingeben, vergessen sie Raum und Zeit, was als „Fluss des Lebens“ (oder „flow“) bezeichnet wird.

Eine Glückspolitik muss berücksichtigen, welche Art des Glücks angestrebt werden sollte. Diese Entscheidung kann nur auf der Grundlage philosophischer oder religiöser Überlegungen gefällt werden. Wird etwa – wie beispielsweise Aristoteles argumentiert – die Glückseligkeit als maßgebliches Ziel des Menschen angesehen, ergeben sich andere Folgerungen, als wenn nur das momentane Glück gesteigert werden soll. Die moderne, quantitativ orientierte Glücksforschung bezieht sich im Wesentlichen auf die von den Menschen geäußerte Lebenszufriedenheit und berücksichtigt dabei erlebtes, erwartetes und erinnertes Glück.

Zum Glück führende Institutionen

Eine sinnvolle Glückspolitik sollte großes Gewicht auf die Schaffung von Institutionen legen, die es den einzelnen Personen ermöglichen, auf eigene Weise und im Rahmen der Gesellschaft möglichst glücklich zu werden. In der geschriebenen und ungeschriebenen Verfassung sollten jene formellen und informellen Institutionen bestimmt werden, welche die politischen und gesellschaftlichen Prozesse zum Glück der Menschen lenken können.

Die Glücksforschung hat in dieser Hinsicht wichtige Ergebnisse geliefert. Insbesondere wurde gezeigt, dass die Bürgerinnen und Bürger verbesserte Möglichkeiten zur politischen Mitbestimmung schätzen. Dies bezieht sich vor allem auf die vermehrte Mitsprache bei Sachentscheidungen mittels Volksinitiativen und Referenden. Derartige Möglichkeiten auf zentraler und regionaler Ebene werden in verschiedenen Staaten – darunter auch Deutschland – diskutiert, sollten aber auch in der Europäischen Union eine größere Rolle spielen. Darüber hinaus zeigt die Glücksforschung, dass die Bürgerinnen und Bürger eine föderale politische Organisation mit ausgeprägter lokaler Autonomie den stärker zentralisierten Einheiten vorziehen. Mehr Entscheidungen sollten in den regionalen Einheiten – in Deutschland in den verschiedenen Ländern – und besonders auch in den Gemeinden getroffen werden. In größeren Städten sind sogar Entscheidungen auf der Ebene von Stadtbezirken denkbar. Neben den bestehenden politischen Einheiten können auch neuartige Einheiten geschaffen werden. Ein entsprechender Vorschlag sind die FOCJ (Functional, Overlapping and Competing Jurisdictions); die funktionale Aufgaben, wie zum Beispiel die Wasserversorgung oder die Sicherheit in den dafür geeigneten territorialen Einheiten, mithilfe demokratischer Verfahren erfüllen. Wesentlich ist bei allen Formen der Dezentralisierung, dass die politischen Einheiten so weit wie möglich ihre eigenen Steuern erheben und damit ihre Ausgaben verantwortungsbewusst festlegen müssen.

Diese institutionellen Veränderungen sollen in keinem Fall von der Regierung autoritär verfügt werden. Vielmehr sollen sie als Vorschläge in den demokratischen Diskursprozess eingehen. Hinter dem Schleier der Ungewissheit, das heißt, bevor die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft ihre eigene zukünftige Position kennen, müssen sie sich einigen, welche gesellschaftlichen Regeln in der Zukunft zu gelten haben. Die Glücksforschung macht dafür eindeutige Vorschläge: verstärkte politische Mitbestimmung und – wo immer möglich – Entscheidungen auf lokaler Ebene.

Die verstärkte Mitbestimmung kann sich auch auf andere Organisationen als den Staat beziehen. In einer modernen Gesellschaft wünschen die Menschen vermehrte und wirksame Mitsprache, die ihnen aber an vielen Orten noch verwehrt wird. So besteht noch in vielen eng mit dem Staat verbundenen Organisationen wenig faktische Mitbestimmung, wie etwa in einigen mächtigen Sportorganisationen oder in den Medien.

Ein besonderes Thema ist die Mitbestimmung in den Unternehmen, die in Deutschland zwar weiter geht als wohl in allen anderen Ländern, aber gesetzlich und von oben angelegt ist. Die Glücksforschung betont einen anderen Zugang: Glückliche Mitarbeiter sind produktiver und kreativer. Dieser Zusammenhang muss den Firmen deutlich gemacht werden, was sie dazu veranlassen sollte, aus eigenem Interesse den Mitarbeitern mehr Autonomie zu gewähren und damit ihr Selbstwertgefühl und ihr Kompetenzerlebnis zu stärken.

Glück im laufenden politisch-ökonomischen Prozess

Auf dieser Ebene werden die Verfassung und die grundlegenden gesellschaftlichen Regeln als vorgegeben betrachtet. Wählerinnen und Wähler können aus der Glücksforschung stammende Vorschläge aufnehmen und die Politiker veranlassen, diese zu befolgen. Politiker in der Regierung wie auch in der Opposition können Anregungen aus den Ergebnissen der Glücksforschung ziehen, diese mit der Bevölkerung diskutieren und bei einer positiven Aufnahme in die Tat umsetzen. Politiker werden dies insbesondere dann tun, wenn sie sich daraus einen Vorteil im Wettbewerb um Wählerstimmen versprechen. Aus den oben vorgestellten Ergebnissen der Glücksforschung ergeben sich viele Möglichkeiten. An dieser Stelle sollen nur einige besonders bedeutsame Aspekte diskutiert werden.

Arbeitsmarkt und Wirtschaftswachstum

Arbeitslosigkeit führt zu erheblichen Einbußen im Hinblick auf das Glück der direkt Betroffenen wie auch der anderen Mitglieder der Gesellschaft. Eine Regierung sollte demnach viel Gewicht auf die Verminderung von Arbeitslosigkeit legen. Weil ein ganzes Leben negativ beeinträchtigt werden kann, ist die Verhinderung der Jugendarbeitslosigkeit am wichtigsten. Im Vergleich dazu sollte weniger das Wirtschaftswachstum betont werden, denn gemäß den Ergebnissen der Glücksforschung führen verschiedene Anpassungsprozesse dazu, dass eine Einkommenssteigerung nur eine geringe nachhaltige Steigerung des Glücks bewirkt.

Einkommensungleichheit

Der durch Unterschiede im Einkommen verursachte Status kann als Nullsummenspiel angesehen werden. Wenn eine Person mehr verdient als andere und dadurch an Status gewinnt, geht automatisch der Status der anderen Personen zurück. Die Gesellschaft insgesamt gewinnt nichts. Vielmehr zeigen die Ergebnisse der Glücksforschung, dass verstärkte Einkommensunterschiede die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung in den meisten Ländern schmälern. Aus diesem Grund wird häufig vorgeschlagen, hohe Einkommen massiv zu besteuern. Damit soll eine Angleichung der Einkommen erreicht werden. Dagegen können allerdings gewichtige Einwände vorgebracht werden:
  • Eine hohe Besteuerung der Gutverdienenden kann negative Anreizwirkungen auslösen und gerade die produktivsten Personen dazu veranlassen, weniger intensiv zu arbeiten oder ihre Tätigkeit in die Schattenwirtschaft zu verlagern. Das Ausmaß an Steuerhinterziehung kann folglich zunehmen. Damit wird die Allokation der Ressourcen verzerrt, was zum Nachteil aller erfolgt.

  • Statuswettbewerb ist den Menschen möglicherweise genetisch vorgegeben. Ist dies der Fall, werden die Menschen mehr Gewicht auf andere Statusmerkmale als das Einkommen legen. Einige von ihnen sind durchaus positiv, besonders wenn der Statuswettbewerb anhand der Güte der Bildung betrieben wird. Harmlos ist der Wettbewerb um Titel und Auszeichnungen. Wenn es allerdings um politische Macht geht, kann Statuswettbewerb schädlich sein. Die anderen Mitglieder der Gesellschaft verlieren auch dann, wenn die Oberschicht sich dadurch auszeichnet, möglichst viel Freizeit zu genießen und entsprechende Sportarten zu betreiben. Ebenso negativ ist ein Statuswettbewerb in der Kleidung, der die Unterschiede zwischen Personen auf verschiedenen Ebenen der sozialen Hierarchie besonders deutlich macht.

Aus diesen Gründen ist Skepsis gegenüber einer hohen Besteuerung zur Bekämpfung des Statuswettbewerbs angebracht. Es ist nicht auszuschließen, dass die Menschen als Ergebnis einer solchen Politik weniger glücklich sind als zuvor.

Selbstständigkeit

Viele Menschen streben eine selbstständige Berufstätigkeit an, selbst wenn sie wissen, dass das Risiko und der notwendige Arbeitseinsatz höher sind, das Einkommen jedoch im Durchschnitt geringer ausfällt als bei einer abhängigen Beschäftigung. Deshalb sollten im politischen Prozess Anstrengungen unternommen werden, die bürokratischen Hindernisse für Gründungen zu beseitigen. Entsprechende Schulungsmöglichkeiten sollten gefördert werden.

Freiwilligenarbeit und Spenden

Gutes für andere Menschen zu tun, steigert das eigene Glücksgefühl. Deshalb sollten den Menschen vermehrte Möglichkeiten eröffnet werden, unter guten Bedingungen in karitativen Institutionen tätig zu sein. Geldspenden für karitative Organisationen sollten vermehrt steuerabzugsfähig sein. Ebenso sollten die Nachbarschaftshilfe und die Pflege der Alten und Kranken in den Familien unterstützt werden. Dies würde nicht nur den Staat entlasten, sondern auch die Lebenszufriedenheit der Beteiligten erhöhen.

Familie und soziale Kontakte

Je intensiver die sozialen Beziehungen eines Menschen sind, desto glücklicher ist er. Die Familie vermittelt Stabilität und Vertrautheit; sie sollte zumindest nicht benachteiligt werden, etwa infolge einer höheren Steuerbelastung (wie sie zum Beispiel im Kanton Zürich in der Schweiz besteht). Auch Vereine und Kirchen tragen zum subjektiven Wohlbefinden bei, solange sie sich nicht isolieren, sondern nach außen offen sind. Dabei sollte jedoch nicht hauptsächlich an eine finanzielle Förderung gedacht werden. Die entsprechenden Aktivitäten können auch mittels Auszeichnungen belobigt und unterstützt werden.

Ausbildung

Je besser eine Person ausgebildet ist, desto eher kann sie ihr Potenzial verwirklichen. Eine gute Ausbildung gerade von Schichten, die bisher nur wenig Schulbildung genossen, erhöht die Lebenszufriedenheit. Der Staat kann nicht nur die Schulbildung der Jugendlichen verbessern, sondern vermehrt auch Weiterbildungsangebote fördern.

Städtebau

Die Lebenszufriedenheit der Menschen kann auch erhöht werden, indem Städte so konzipiert werden, dass sie möglichst enge Kontakte zwischen den Einwohnern nicht nur erlauben, sondern fördern. In dieser Hinsicht hat sich die Stadtplanung in den letzten Jahren in vielen Fällen in eine glücksfördernde Richtung entwickelt. Die Betonburgen und tristen Mietskasernen sowie die Dominanz des Autoverkehrs sind zunehmend durch einen mehr auf die Bedürfnisse der Einwohner konzentrierten Städtebau abgelöst worden. Die architektonische Schönheit und Eleganz der Bauwerke wird – anders als bei Retortenstädten wie etwa Brasilia – mit Straßen und Plätzen kombiniert, die den relationalen Bedürfnissen der Menschen entsprechen.

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© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Universität BaselBaselSchweiz

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