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Verfassungsinterpretation im Spannungsfeld realpolitischen Effektivitätsdenkens und verfassungsrechtlicher Ordnung: Die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zum Luftsicherheitsgesetz

  • Anna Mrozek
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Zusammenfassung

In einem auf der Gewaltenteilung basierenden Verfassungssystem haben die Judikative und insbesondere die Verfassungsgerichte die wichtige Funktion effektivitätsorientierte Maßnahmen der öffentlichen Gewalt am Maßstab der verfassungsrechtlichen Vorgaben zu prüfen und zu korrigieren, zu bestätigen oder zu negieren. Deren Verfassungsinterpretation ist jedoch gerade im sicherheitspolitischen Bereich ebenso im Spannungsfeld zwischen Politik und Recht angesiedelt und kann eine schmale Gratwanderung zwischen einem Verfassungswandel und einer faktischen Verfassungsänderung bedeuten. Am exemplarischen Beispiel der Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zum Luftsicherheitsgesetz von 2006, 2012 und 2013 kann zum einen die Rolle des Rechts als etwaige Begrenzung und als Gestaltungsmittel politischer Entscheidungen verdeutlicht und zum anderen die Vielfältigkeit der um diese Grenzen bemühten, zugleich jedoch ebenfalls die Effektivitätsgebote berücksichtigenden Verfassungsinterpretation aufgezeigt werden. Das Bundesverfassungsgericht setzte dem effektivitätsbezogenen Ansatz klare Grenzen, indem es die gesetzliche Regelung, welche den Abschuss eines entführten und mit Unbeteiligten besetzten Flugzeugs erlaubte, für verfassungswidrig erklärte. Zugleich suchte es die Verfassungslage an die realpolitischen Notwendigkeiten anzupassen, indem es Einsätze der Bundeswehr im Inneren zur Abwehr terroristischer Bedrohung mit militärischen Mitteln als für mit der Verfassung vereinbar erachtete.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Universität LeipzigLeipzigDeutschland

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