Geld pp 175-201 | Cite as

Zwischen avaritia und curiositas: Wahrnehmungsweisen von Geld in Mittelalter und Früher Neuzeit

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Zusammenfassung

Der Beitrag geht der Frage nach, wie die Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit das Thema Geld reflektiert. Dabei stellt sie ihre Analyse des 1509 anonym gedruckten Prosaromans Fortunatus in den Mittelpunkt. Im Übergang von Mittelalter zur Frühen Neuzeit wird Geld hier im Spannungsfeld von Rationalität und einer Magie reflektiert, die dem unerklärlichen Reichtum die Kausalität eines Zauberrequisits unterstellt. Der Beitrag zeigt zunächst die historische Semantik des Wortes gelt auf, um daran eine Deutungsperspektive der höfischen Literatur um 1200 zu skizzieren. Der höfische Roman, jene Gattung, die dem adligen Selbstverständnis des 13. Jahrhunderts in symbolischer Überhöhung ein Bild zu geben sucht, reflektiert das Thema Geld in seinem ursprünglichen Wortsinn. Es geht um gelten und vergelten, und damit ist Geld im höfischen Erzählen ein Tauschmittel, das zwar die Möglichkeit der Wertaufbewahrung bietet, aber dabei nicht im Sinne materieller Güter gedacht ist, sondern von gesellschaftlicher Geltung die Rede ist. Der Beitrag wendet sich dann Personifikationen und Pseudo-Sakralisierungen des Geldes zu. Dabei werden didaktische und satirisch-polemische Ausdrucksstrukturen mit einem theologischen Bezugsrahmen verknüpft und abschließend einem mediengeschichtlichen Vergleich zwischen dem Roman Fortunatus und dem bekannten Gemälde Der Geldwechsler und seine Frau von Quinten Massys unterzogen.

Schlüsselwörter

Wortsemantik gelt Fortunatus Geld und Magie Geld und Geltung 

Literatur

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Authors and Affiliations

  1. 1.Georg-August-Universität GöttingenGöttingenDeutschland

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