Biographien B

  • Uwe Wolfradt
  • Elfriede Billmann-Mahecha
  • Armin Stock
Chapter

Zusammenfassung

Ein Personenlexikon der deutschsprachigen Psychologinnen und Psychologen - B

Bahle, Julius

9. Januar 1903 Tettnang/Württemberg – 3. September 1986 Gaienhofen

Kurzbiographie:

Julius Bahle wurde als Sohn des Lehrers Ludwig Bahle und dessen Ehefrau Regina Bahle (geb. Mauch) geboren. Er studierte von 1922 bis 1924 an der Technischen Hochschule München, anschließend an der Handels-Hochschule Mannheim. Als Student trat Bahle der SPD bei. Im Juli 1926 legte er die kaufmännische Diplomprüfung, nach dem Wintersemester 1926/27 zusätzlich die handelswissenschaftliche Handelslehrer-Prüfung ab. Vom Wintersemester 1927/28 bis Ende Sommersemester 1928 war Bahle an der Badischen Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg als Studierender der Philosophie eingeschrieben. An der Universität Würzburg promovierte er im April 1930 bei Karl Marbe↑ mit der Dissertation Zur Psychologie des musikalischen Gestaltens. Eine Untersuchung über das Komponieren auf experimenteller und historischer Grundlage zum Dr. phil. Betreuer der Arbeit war Otto Selz↑, der an der Wirtschaftshochschule in Mannheim die Psychologie aufbaute. Hier war Bahle 1929-1933 als Assistent tätig. Als Selz 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft beurlaubt wurde, wechselte Bahle an die Universität Jena, wo er von 1934 bis 1936 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig sein konnte. Er habilitierte sich 1935 dort mit der Arbeit Der musikalische Schaffensprozess und erhielt am 12. Juni 1935 den Grad Dr. phil. habil. Mit seinem Lehrer Selz hielt Bahle auch dann noch intensiven Kontakt, als dieser in die Niederlande geflohen war, von wo er nach Auschwitz deportiert wurde. Die Beziehungen zu Selz und politisch missliebige Äußerungen brachten Bahle Schwierigkeiten mit dem NS-Regime ein. Zum Militärdienst eingezogen arbeitete Bahle 1941 bis 1942 als Heerespsychologe, nach Kriegsende gründete er an seinem Wohnsitz Hemmenhofen (heute ein Ortsteil von Gaienhofen) eine (private) kulturpsychologische Forschungseinrichtung, arbeitete zugleich aber für Ämter und Industrie. 1950 ließ er sich nach Marburg umhabilitieren. Er lehrte in Marburg als Privatdozent bis 1957.

Werk:

Julius Bahle gilt als Kulturpsychologe, insbesondere Musikpsychologe. Ihn interessierte die Psychologie des künstlerischen Schaffensprozesses, welche er vom Geniekult befreien wollte. Bahles Methode knüpft an die Würzburger Schule und an die Sprachtheorie von Karl Bühler↑ an; er kombiniert ein experimentelles Vorgehen mit dem verstehenden Einfühlen, von ihm als „historisch-experimentelle“ Methode bezeichnet. Mehrere zu seiner Zeit lebende Komponisten wurden z.B. gebeten, in einem Versuchsraum bestimmte Ausdrucksaufgaben zu lösen, z.B. Schmerz musikalisch auszudrücken. Hierzu wurden sie aufgefordert, das Entstehen von Einfällen und ihren Schaffensvorgang genau zu beschreiben. Anders als z.B. der dem Nationalsozialismus nahe stehende Komponist Hans Pfitzner, mit dem Bahle in eine heftige Kontroverse geriet, nahm Bahle an, dass künstlerisches Schaffen nicht so sehr eine Angelegenheit „göttlicher“ Inspiration (autonome Schaffenstheorie), sondern Resultat zielgerichteter Arbeit und produktiver Erlebnisse (u.a. durch Beobachtung und Improvisation) sei. Sein zentrales wissenschaftliches Thema verfolgte er in der Musik, aber auch in der Literatur. Heute wird Bahles Theorie weniger in der Psychologie als in den Musikwissenschaften rezipiert.

Primärquellen:

Bahle, J. (1930). Zur Psychologie des musikalischen Gestaltens. Eine Untersuchung über das Komponieren auf experimenteller und historischer Grundlage. Leipzig: Akademische Verlagsgesellschaft.

Bahle, J. (1936). Der musikalische Schaffensprozess. Psychologie der schöpferischen Erlebnis- und Antriebsformen. Leipzig: Hirzel.

Sekundärquelle:

Lück, H. E. & Herrmann T. (2014). Albert Wellek und Julius Bahle: Zwei Psychologen der Nachkriegszeit im Streit um eine Professur an der Universität Mainz. In W. Mack, H. E. Lück, K.-H. Renner & U. Wolfradt (Hrsg.), Behaviorismus und Erkenntnistheorie im psychologisch-historischen Kontext (S. 163-185). Frankfurt/Main: Lang.

Helmut E. Lück

Baumgarten, Franziska

26. November 1883 Lodz/Polen – 1. März 1970 Bern

Kurzbiographie:

Franziska Baumgarten wuchs in einer jüdischen, intellektuell anregenden und wohlhabenden Industriellenfamilie auf, die neben polnisch auch deutsch und russisch sprach. Sie befasste sich früh mit gesellschaftskritischen Fragen und studierte, zum Teil als Gasthörerin, ab 1905 in Krakau und Paris Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie. Da sie in Krakau als Frau nicht promovieren konnte, ging sie 1908 nach Zürich, wo ihr dies 1910 bei Gustav Störring im Fach Philosophie mit der Arbeit Die Erkenntnislehre von Maine de Biran möglich war. Prägend für ihre weitere wissenschaftliche und methodische Orientierung war ihr Aufenthalt im Sommersemester 1910 bei Oswald Külpe in Bonn sowie im Wintersemester 1910/11 bei Hugo Münsterberg in Berlin. Nach ihrer Promotion widmete sie sich zunächst in Lodz, später in Berlin der Arbeitspsychologie, machte sich mit zahlreichen Publikationen einen Namen in der Psychotechnik und engagierte sich im Vorstand der Internationalen psychotechnischen Vereinigung, der Vorläuferorganisation der ‚International Society of Applied Psychology‘. 1924 übersiedelte sie anlässlich ihrer Heirat mit dem Kinderpsychiater Moritz Tramer in die Schweiz. Dort konnte sie sich zwar 1929 mit der Schrift Die Berufseignungsprüfungen. Theorie und Praxis an der Universität Bern habilitieren, erhielt aber erst 1954 eine Honorarprofessur. Obwohl ihre Expertise auf dem Gebiet der angewandten Psychologie internationale Anerkennung erfuhr, blieb ihr Verhältnis zur akademischen Psychologie in der Schweiz zeitlebens angespannt. Während der NS-Zeit engagierte sie sich für verfolgte jüdische Verwandte, Freunde und Kollegen. Dennoch fielen zahlreiche Verwandte der Judenverfolgung zum Opfer. Nach dem Krieg war sie eine der wenigen, die sich mit den politischen Äußerungen namhafter Psychologen vor und während der Naziherrschaft auseinandersetzten (Baumgarten-Tramer, 1948).

Werk:

Franziska Baumgarten war außerordentlich produktiv. Neben über 40 Büchern, die zum Teil in mehrere Sprachen übersetzt wurden, verfasste sie zahlreiche Aufsätze in renommierten Fachzeitschriften, entwickelte Testverfahren und hielt das Patent auf drei psychologische Messapparate (ein Tremometer, eine Zeitmessanordnung und einen Bewegungsprüfer). Ihr wichtigstes, umfangreiches Werk ‚Die Berufseignungsprüfungen‘ (1928) enthält eine erste systematische Gesamtdarstellung über den internationalen Forschungsstand zu diesem Thema. Neben begrifflichen Klärungen, der Darstellung von Methoden und Verfahren sowie der testtheoretischen Grundlagen enthält dieses Buch auch einen kritisch-reflexiven Schlussteil, in dem Berufseignungsprüfungen im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext verortet werden. Insbesondere weist sie darauf hin, dass der Mensch mit allen seinen Eigenschaften als Ganzer zu betrachten sei und die Arbeitstätigkeit Rückwirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung habe. Zudem kooperierte sie mit führenden Vertretern der Psychotechnik (u.a. mit Otto Lipmann↑ und Walther Moede↑).

Primärquellen:

Baumgarten, F. (1928) Die Berufseignungsprüfungen. Theorie und Praxis. München: Oldenbourg.

Baumgarten-Tramer, F. (1948). German psychologists and recent events. The Journal of Abnormal and Social Psychology, 43, 452-465.

Sekundärquelle:

Daub, E. (1996). Franziska Baumgarten: Eine Frau zwischen akademischer und praktischer Psychologie. Frankfurt/M.: Lang.

Elfriede Billmann-Mahecha

Bayr-Klimpfinger, Sylvia

1. August 1907 Wien – 25. Juli 1980 Wien

Kurzbiographie:

Sylvia Klimpfinger wurde als Tochter eines Bahnbeamten geboren. Nach dem Besuch der Volksschule begann sie eine Grundschullehrerausbildung in Döbling, welche sie 1926 mit einer Prüfung abschloß. Von 1927 bis 1929 machte sie einen Lehrerbildungskurs in Wien. Nach Ablegung der Reifeprüfung auf einem Realgymnasium inskribierte sie sich ab 1928/29 an der Universität Wien für die Fächer Psychologie, Philosophie, Physik und Mathematik. Im November 1932 promovierte sie mit der Arbeit Die Gestaltkonstanz in ihrer Entwicklung und Beeinflussung durch Übung und Einstellung zur Dr. phil. (bei Egon Brunswik↑). Mit Dezember 1933 wurde Klimpfinger als Hilfslehrerin in den Schuldienst übernommen und mit Beginn des Schuljahres 1936/37 schließlich mit der provisorischen Leitung einer Hauptschule für Mädchen im achten Wiener Gemeindebezirk betraut. Ab März 1940 ließ sie sich von dieser Position beurlauben und für die Vertretung einer Assistentenstelle am Wiener Psychologischen Institut freistellen. 1943 konnte sie sich an der Universität Wien mit der Arbeit Die Testmethode im Rahmen der Persönlichkeitsbegutachtung für Psychologie habilitieren. Im Jahr darauf wurde sie zu pl. Assistentin am Psychologischen Institut ernannt; aus dem Schuldienst schied sie aus. Seit 1.1.1941 war Sylvia Klimpfinger Mitglied der NSDAP und gehörte zudem der NSV und dem NSLB an. Für die NSV führte Klimpfinger psychologische Begutachtungen durch und engagierte sich in der Ausbildung von NSV-Kindergärtnerinnen, NSV-Jugendleiterinnen und NSV-Fürsorgerinnen. Nach Kriegsende wurde Klimpfinger zunächst als Assistentin vom Pädagogischen Seminar der Universität Wien übernommen. Als ehemaliges NSDAP-Mitglied musste sie sich in der Folge im Rahmen der Entnazifizierungsverfahren an der Universität Wien einer politischen Überprüfung unterziehen. Ihre Lehrbefugnis erhielt sie erst im Juli 1948 bestätigt. Nur zwei Jahre später bekam sie – inzwischen mit dem Schriftsteller Rudolf Bayr verheiratet – den Titel einer a.o. Universitätsprofessorin verliehen. 1956 wurde sie noch im Rahmen der Pädagogik auf ein neu eingerichtetes Extraordinariat für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie berufen. Nach der Eingliederung ihrer Abteilung für Kinderpsychologie in das Wiener Psychologische Institut erhielt sie dort 1967 eine o. Professur für Pädagogische Psychologie.

Werk:

In ihrer Habilitationsschrift setzte sich Sylvia Klimpfinger mit Testverfahren im Bereich der Persönlichkeitsdiagnostik auseinander (Klimpfinger, 1944a), ihren Habilitationsvortrag widmete sie einer kritischen Auseinandersetzung mit der geisteswissenschaftlichen Psychologie (Klimpfinger, 1944b). Im Zuge ihrer Mitarbeit in der NSV bildete während der NS-Zeit mehr und mehr die Anpassung der von Charlotte Bühler↑ und Hildegard Hetzer↑ zu Beginn der dreißiger Jahre entwickelten Wiener Kleinkindertests an die Erfordernisse der NSV-Erziehungsberatung ihren eigentlichen wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkt. Nach Kriegsende stellte Sylvia Bayr-Klimpfinger ihre wissenschaftliche Arbeit ganz in die Fortsetzung der Tradition der von Charlotte Bühler begründeten Wiener Schule der Kinder- und Jugendpsychologie. Sie ergänzte die Wiener Kleinkindertests um eine Reihe für das siebente Lebensjahr (Klimpfinger, 1949) und behielt die für die Bühler-Schule so bezeichnende Orientierung an der Vergleichenden Verhaltensforschung bei. Erweitert hat sie den Ansatz der Wiener Schule vor allem dadurch, dass sie auch familiensoziologische Problemstellungen in den Blick zu nehmen versuchte (Bayr-Klimpfinger, 1950).

Primärquellen:

Klimpfinger, S. (1944). Die Möglichkeit einer geisteswissenschaftlichen Psychologie und die Frage nach der Einheit der Psychologie. Archiv für die gesamte Psychologie, 112, 249-287.

Klimpfinger, S. (1949). Eine Entwicklungsreihe für das 7. Lebensjahr. Zeitschrift für Psychologie und Pädagogik, 2, 49-67.

Bayr-Klimpfinger, S. (1950). Die Wandlungen der Familie und ihre Auswirkungen auf die Erziehung. Wiener Zeitschrift für praktische Psychologie, 2, 2-11.

Sekundärquelle:

Benetka, G. (2002). Bayer-Klimpfinger, Sylvia. In B. Keintzel & I. Korotin (Hrsg.), Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben – Werk – Wirken (S. 50-52). Wien: Böhlau.

Gerhard Benetka

Beck, Maximilian

14. Februar 1887 Pilsen – 21. April 1950 Little Rock/Arkansas

Kurzbiographie:

Maximilian Beck besuchte die deutsche Volksschule und das Deutsche Staatsgymnasium in Pilsen, wo er 1909 seine Reifeprüfung machte. Dann studierte er in Wien und München Philosophie und Klassische Philologie. 1915 promovierte er in München zum Dr. phil. mit der Arbeit Inwiefern können in einem Urteil andere Urteile impliziert sein? (bei Alexander Pfänder↑). 1924 ging er nach Berlin-Wannsee und arbeitete als Schriftsteller und Journalist. 1933 emigrierte er aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach Prag, wo er von 1934 bis 1938 an der Masarayk-Volkshochschule als Dozent tätig war. 1938 emigrierte er in die USA und wohnte bis 1940 in New York. Von 1940 bis 1944 war er Research Fellow an der Yale University in New Haven/Conneticut. Von 1944 bis 1945 war er Visiting Lecturer am Wilson College, von 1945 bis 1949 Visiting Professor an der University of Illinois in Rockfort. Schließlich wurde er Professor am Central College in Little Rock/Arkansas.

Werk:

In seinem 1938 erschienenen Werk ‚Psychologie‘ entwirft Maximilian Beck basierend auf der Phänomenologie Edmund Husserls und Alexander Pfänders ein Bewusstseinsmodell. Bewusstsein ist sowohl Erkenntnis als auch Schauen eines Gegebenen. Bewusstsein bedarf also eines Objektes (Intentionalität), kann aber nicht als Akt, sondern als elementares Empfinden verstanden werden. Beck fragt nun nach dem seelischen Subjekt und den seelischen Qualitäten und kommt zur Erkenntnis, dass Bewusstsein und Seele nicht gleichzusetzen seien. Beck nahm sich auch verschiedener Zeitfragen an, so des Antisemitismus an den Universitäten und des Verhältnisses zwischen Philosophie und Politik.

Primärquellen:

Beck, M. (1920). Eine gründliche Auseinandersetzung mit dem akademischen Antisemitismus. München: Heller.

Beck, M. (1925). Wesen und Wert: Grundlegung einer Philosophie des Daseins (2 Bände). Berlin: Grethlein.

Beck, M. (1938). Psychologie. Wesen und Wirklichkeit der Seele. Leiden: Sijthoff.

Uwe Wolfradt

Beck, Walter

17. Dezember 1898 Crimmitschau/Sachsen – 10. August 1953 Nürnberg

Kurzbiographie:

Walter Beck wurde als Sohn des Kaufmannes Arno Beck geboren. In Crimmitschau besuchte er von 1905 bis 1909 die Volksschule und von 1909 bis 1916 das Realgymnasium. Während des 1. Weltkriegs war Beck von 1916 bis 1918 Soldat im deutschen Heer. Ab 1919 studierte er Philosophie, Psychologie, Ethnologie, Geschichte und Literaturwissenschaften an den Universitäten Leipzig und Jena. Am 14.2.1923 erfolgte die Promotion an der Universität Leipzig mit dem Dissertationsthema Der primitive Individualismus. Ein Beitrag zum Problem der individuellen Differenzierung primitiver Gemeinschaften, im Zusammenhang mit dem psychologischen Problem der Persönlichkeit und ihrer Entwicklung. Der australische Eingeborene in und mit seiner Gemeinschaft (bei Karl Weule und Felix Krueger↑). Von 1923 bis 1924 war Beck Assistent am Städtischen Volksbildungsamt in Leipzig; von 1924 bis 1933 staatlicher Gefängnisfürsorger und psychologischer Sachverständiger im Landgerichtsbezirk Leipzig. In den Jahren 1932 und 1933 erfolgte ein USA-Aufenthalt am Social Science Research Council, an der Boston University war Beck in den Jahren 1933 bis 1937 Gastprofessor für Psychologie. Aus den USA zurückgekehrt, wurde Beck 1937 Leitender Heerespsychologe in Breslau und habilitierte sich am 1.12.1940 an der Universität zu Breslau. Beck wurde Mitglied der NSDAP. Ab Juni 1940 arbeitete Beck als Dozent für Psychologie an der Universität Breslau. Von 1943 bis 1945 war Beck Stellvertretender Leiter des dortigen Arbeitsamtes (Arbeitsverwaltung Schlesien). In den Jahren 1945/1946 kam er in sowjetische und polnische Kriegsgefangenschaft, verbunden mit einem längeren Lazarettaufenthalt. Im Jahr 1946 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und wurde 1948 von der Spruchkammer Ebermannstadt (Bayern) als politisch unbelastet (Gruppe V) eingestuft. Von 1948 bis 1950 war er Direktor des staatlich anerkannten Seminars für Sozialberufe in Karlsruhe und Referent für Berufsberatung beim Landesarbeitsamt Hessen. Im Jahr 1952 erhielt Walter Beck durch Umhabilitation an der Universität Mainz die Venia legendi für Psychologie, wo er auch Lehrveranstaltungen hielt. 1953 wurde Beck aufgrund von Herzbeschwerden dienstunfähig; kurz darauf verstarb er in Nürnberg.

Werk:

Walter Beck war von Hause aus Ethnologe, der sich jedoch in den 1930er Jahren sozialpsychologischer Fragestellungen annahm. Hierbei band er den Strukturbegriff der Leipziger Ganzheitspsychologie von Felix Krueger in sein Konzept der Sozialpsychologie ein. Unter dem Einfluss der amerikanischen Kulturanthropologie setzte er sich mit der Beziehung zwischen Kultur und Neurose auseinander. In einem Beitrag von 1936 betont Beck, dass die Neurose nicht alleiniger Ausdruck einer kulturellen Verdrängung aufgrund der gesellschaftlichen Anforderungen an das Individuum sei, sondern eine Schwächung in den Strukturelementen der sozialen Organisation. Neurose ist das Ergebnis einer fehlenden Integration des Einzelnen in wichtigen sozialen Beziehungen (hier besonders in Familien). Er sah als Gegenstand der Sozialpsychologie die Entfaltung und Gestaltung des sozial-individual polaren Dispositionsgefüges der menschlichen Seele. Entfaltung und Gestaltung verstand er daher als einen Prozess der Strukturierung.

Primärquellen:

Beck, W (1924). Das Individuum bei den Australiern. Ein Beitrag zum Problem der Differenzierung primitiver Gesellschaftsgruppen im Zusammenhang mit dem psychologischen Problem der Persönlichkeit und ihrer Entwicklung. Institut für Völkerkunde, Reihe: Ethnographie und Ethnologie, Band 6. Leipzig: Voigtländer.

Beck, W. (1936). Culture and neurosis: Discussion. American Sociological Review, 1, 230-235.

Beck, W. (1953). Grundzüge der Sozialpsychologie. München: Barth.

Sekundärquelle:

Wolfradt, U. (2011). Ethnologie und Psychologie. Die Leipziger Schule der Völkerpsychologie. Berlin: Reimer.

Archivalien:

Universitätsarchiv Mainz: PA UGP 100 400 bis 100 499.

Universitätsarchiv Leipzig: Phil. Fak. Prom. 8926.

Uwe Wolfradt

Becker, Hans Herbert

1. April 1914 Limbach/Sachsen – 19. Februar 2008 Dortmund

Kurzbiographie:

Hans Herbert Becker wurde als Sohn des Friseurs Emil Otto Becker und seiner Ehefrau Frieda Ella (geb. Schindler) geboren. Nach dem Besuch der Volksschule legte er 1933 sein Abitur an der Fürstlich-Schönburgischen Deutschen Oberschule in Waldenburg/Sachsen ab. Von 1933 bis 1937 studierte er Pädagogik, Psychologie, Philosophie, Deutsch und Englisch für das Lehramt an Volks- und Mittelschulen am Pädagogischen Institut der Universität Leipzig. 1933 trat er der SA bei und engagierte sich im NSDStB. 1937 war er Probelehrer an einer Volksschule in Leipzig, ehe er als Soldat eingezogen wurde. In Leipzig wurde er 1942 zum Dr. phil. mit der Arbeit Manneszucht und Persönlichkeit. Eine Grundfrage der Wehrmachterziehung (bei Hans Volkelt↑ und Philipp Lersch↑) promoviert. Nach Kriegseinsatz in Italien und Gefangenschaft wurde er 1945 Lehrer in einer Volksschule in Uhlstädt. Von 1945 bis 1946 erhielt er eine Assistentenstelle bei Peter Petersen an der Universität Jena. 1946 trat Becker in die SED ein. Ab 1946 erhielt er zunächst einen Lehrauftrag, wurde dann am 1.1.1947 a.o. Professor für Systematische Pädagogik, 1954 o. Professor für Systematische Pädagogik an der Universität Halle-Wittenberg. Im gleichen Jahr legte er seine Habilitationsschrift mit dem Thema Zur Frage der Grundbegriffe in der Pädagogik vor. 1958 verließ er die DDR, nachdem er in einem Aufsatz die Volksbildungspolitik der DDR kritisiert hatte. Er wurde Internatsleiter in Weiden/Oberpfalz, von 1959 bis 1964 Lehrer an der Nikolaischule in Dortmund. Von 1960 bis 1964 hatte er eine Lehrstuhlvertretung für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Akademie Dortmund. 1964 wurde er o. Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ruhr (Abteilung Dortmund). Becker wurde 1979 emeritiert.

Werk:

Hans Herbert Becker arbeitete weniger auf dem Gebiet der Pädagogischen Psychologie als im Bereich der systematischen Pädagogik. In seiner Habilitationsschrift aus dem Jahre 1954 bemüht sich Becker um eine Fassung der pädagogischen Grundbegriffe auf dialektisch-materialistischer Grundlage. Hierbei behandelt er auch das Verhältnis zwischen Physis und Psyche in der Entwicklung, das er versucht, über die Pawlowsche Theorie zu konzeptualisieren. Er vertritt das Prinzip der psychophysischen Einheit. Hier wirkt die Leipziger Ganzheitspsychologie nach, wenn er vom menschlichen Organismus als Ganzheitssystem des Psychischen und Physischen spricht.

Primärquellen:

Becker, H. H. (1954). Zur Frage der Grundbegriffe in der Pädagogik. Halle: Habilitationsschrift.

Becker, H. H. (1964). Über Wesen und Gliederung wissenschaftlicher Pädagogik. Ratingen: Henn.

Becker, H. H. (2002). Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Dortmund: Universitätsbibliothek.

Sekundärquelle:

Eichler, W. (2000). Der Stein des Sisiphos: Studien zur Allgemeinen Pädagogik in der DDR. Münster: Lit.

Uwe Wolfradt

Beer, Max

8. Juni 1886 Wien – 28. Oktober 1965 New York

Kurzbiographie:

Max Beer wurde als Sohn des Kaufmanns Ferdinand Peter Beer und seiner Ehefrau Ernestine geboren. Er besuchte die Oberrealschule vor dem Holstentore in Hamburg, wo er 1905 sein Abitur machte. Er studierte in München, Lausanne, Paris, Kiel und Würzburg Philosophie und Psychologie. 1910 promovierte er in Würzburg zum Dr. phil. mit der Arbeit Die Abhängigkeit der Lesezeit von psychologischen und sprachlichen Faktoren (bei Karl Marbe↑). Während des 1. Weltkriegs arbeitete er in Bern in Verbindung mit der deutschen Botschaft publizistisch für die Mittelmächte. Ab 1920 war er Genfer Korrespondent für das Wolff’sche Telegraphenbureau und die Kölnische Zeitung beim Völkerbund. Von 1926 bis 1931 war er in der Informationsabteilung des Völkerbunds als Konsul tätig und hatte persönliche Beziehungen zum damaligen deutschen Außenminister Gustav Stresemann. Er arbeitete ab 1931 als Völkerbundkorrespondent für die Deutsche Allgemeine Zeitung Berlin. 1933 wurde er aufgrund seiner jüdischen Herkunft entlassen. Er emigrierte in die Schweiz, wo er als Genfer Korrespondent für L’Europe nouvelle (Paris), für die Nationalzeitung (Basel) und die Jewish Telegraphic Agency (New York) arbeitete. 1939 wechselte er nach Paris, wo er kurzzeitig als Mitarbeiter beim französischen Informationsministerium tätig wurde und ab 1940 bei der Zeitschrift ‚Aufbau‘. Ab Herbst 1950 war er UNO-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Mitarbeiter des Jüdischen Weltkongresses und Vertreter der Internationalen Liga für Menschenrechte bei der UNO. Schließlich wurde er auch Vizepräsident und dann Präsident der United Nations Correspondents Association.

Werk:

In seiner Dissertation geht Max Beer der Frage nach, wie die Struktur des Lesetextes (z.B. Silbenzahl, einsilbige versus mehrsilbige Wörter) einen Einfluss auf die Lesezeit nimmt. So findet er heraus, dass die Häufung von Einsilbern in der Prosa (bei Erzählungen) die Lesezeit verlängert, jedoch nicht in der Poesie (bei Gedichten). Alle Veränderungen im Lesetempo lassen sich auf die Verteilung der Einsilber zurückführen. In seinen späteren Jahren publizierte er zu politischen Themen (z.B. zur Außenpolitik des NS-Regimes).

Primärquellen:

Beer, M. (1910). Die Abhängigkeit der Lesezeit von psychologischen und sprachlichen Faktoren. Leipzig: Barth.

Beer, M. (1934). Die auswärtige Politik des Dritten Reiches. Zürich: Polygraph.

Sekundärquelle:

Strauss, H. A. & Röder, W. (1983). Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. München: Saur.

Uwe Wolfradt

Behn, Siegfried

3. Juni 1884 Hamburg – 27. November 1970 Bonn-Bad Godesberg

Kurzbiographie:

Siegfried Behn, Sohn des Pianisten und Musikgelehrten Franz Hermann Behn, erhielt zunächst Privatunterricht und besuchte dann bis 1897 Gymnasialkurse und das Johanneum in Hamburg. Nach dem Umzug der Familie nach Worms wechselte er an das dortige Großherzoglich Hessische Gymnasium, wo er 1903 die Reifeprüfung ablegte. Bis 1908 folgten Studien der Philosophie, Sozialwissenschaften und Kunstgeschichte in München, Heidelberg, Zürich und Bonn; ab 1905 leistete Behn Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger. Im Dezember 1908 promovierte er bei Wilhelm Windelband an der Universität Heidelberg mit einer Arbeit über Die Systembildung des dogmatischen Rationalismus, im Lichte von Kants Amphibolien der Reflexionsbegriffe dargestellt. 1913 erfolgte die Habilitation mit einer Der deutsche Rhythmus und sein eigenes Gesetz. Eine experimentelle Untersuchung genannten Arbeit (und der Venia legendi für Philosophie, Psychologie, besonders Metaphysik und Ästhetik) an der Universität Bonn, wo er auch Privatdozent wurde. Von 1914 bis 1918 nahm Behn als Soldat am 1. Weltkrieg teil. 1922 wurde er nba. a.o. Professor an der Universität Bonn und 1926 parallel an die dortige Pädagogische Akademie berufen, zunächst als kommissarischer, ab 1927 als pl. Dozent für Philosophie und Pädagogik, ab 1928 als Professor. 1931 erhielt er ein persönliches Ordinariat (für Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der experimentellen Pädagogik) an der Universität Bonn und wurde Mitdirektor des Psychologischen Instituts dort, dann 1937 o. Professor für Philosophie und Psychologie. Bereits 1933 wurde Behn, der als Katholik seit 1927 Mitglied der Zentrumspartei war, auf die Liste der nicht tragbaren Dozenten gesetzt und durfte ab 1935 keine pädagogischen Vorlesungen mehr halten, behielt aber seine Position. Ab 1939 war Behn auch als Heerespsychologe im Feld von Eignungsuntersuchungen tätig. Im Mai 1945 wurde er Leiter der Nachrichtenkommission, die das Verhalten der Universitätsangehörigen im Nationalsozialismus überprüfen sollte. 1949 wurde er emeritiert.

Werk:

Siegfried Behn veröffentlicht eine Reihe von vor allem philosophischen und pädagogischen Arbeiten; dabei geht es ihm nicht selten um die Entfaltung und das Fruchtbarmachen eines (katholisch begründeten) wertphilosophischen Standpunktes. So findet sich in der 1930 erschienenen ‚Philosophie der Werte als Grundwissenschaft der pädagogischen Zieltheorie‘ eine ausführliche Analyse der das pädagogische Handeln anleitenden Werte; in der 1923 erschienenen ‚Kritik der pädagogischen Erkenntnis‘ (1928 unter geändertem Titel in zweiter Auflage) eine Analyse der erzieherischen Ideale, beides angelegt als phänomenologische Wesensschau. In der genannten Habilitation untersuchte Behn die Zusammenhänge zwischen Betonung und Dauer von Silben einerseits sowie ihrem Sinnwert andererseits. Damit und mit einer darauf aufbauenden Veröffentlichung (‚Rhythmus und Ausdruck in deutscher Kunstsprache‘, 1921) wird er auch für die spätere quantitative Linguistik interessant, weil er u.a. herausfindet, dass Zeilen mit vielen Silben eher verkürzt, solche mit wenig Silben verlängert werden – ein Zusammenhang, der heute als ‚Menzerath-Altmann-Gesetz‘ diskutiert wird.

Primärquellen:

Behn, S. (1912). Der deutsche Rhythmus und sein eigenes Gesetz. Eine experimentelle Untersuchung. Straßburg: Trübner.

Behn, S. (1930). Philosophie der Werte als Grundwissenschaft der pädagogischen Zieltheorie. München: Kösel & Pustet.

Behn, S. (1949). Kritik der Erkenntnis. Bonn: Hanstein.

Sekundärquelle:

Hesse, A. (1995). Die Professoren und Dozenten der preußischen Pädagogischen Akademien (1926-1933) und Hochschulen für Lehrerbildung (1933-1941). Weinheim: Deutscher Studien Verlag.

Alexander Kochinka

Benary, Wilhelm

2. Mai 1888 Erfurt – 31. Juli 1955 Santa Barbara/Kalifornien

Kurzbiographie:

John Wilhelm Franz Benary wurde als Sohn des Kaufmanns John Benary und seiner Ehefrau Helene (geb. Birkett) geboren. Er besuchte das Königliche Gymnasium in Erfurt und machte 1907 dort sein Abitur. Es folgte von 1907 bis 1908 das Studium der Medizin in Breslau. Von 1908 bis 1913 studierte er Philosophie und Psychologie in Freiburg, Berlin und Breslau. In Breslau legte er 1913 seine Promotion mit dem Titel Die psychologische Theorie des Sports (bei William Stern↑) vor. Hiernach studierte er ein Jahr in London, um danach in Erfurt eine Privatschule zu gründen. Im Frankfurter Völkerkundemuseum arbeitete er an der Vorbereitung einer Expedition nach Neuguinea, die durch den Kriegseinsatz vereitelt wurde. Benary wurde im 1. Weltkrieg eingesetzt und 1917 von Stern nach Hamburg zu Aufmerksamkeitsprüfungen von Fliegerbeobachtern geholt. Von 1919 bis 1921 arbeitete er als Volontär beim Neurologen Kurt Goldstein↑. Von 1922 bis 1923 arbeitete er als Mitarbeiter am Berliner Psychologischen Institut (bei Wolfgang Köhler↑). 1924 gründete Benary einen eigenen Verlag, den Weltkreis-Verlag in Erlangen, in dem Publikationen zum Neukantianismus und der Sprachphilosophie erschienen. Nach dem Konkurs des Verlages arbeitete Benary von 1929 bis 1930 am Psychologischen Institut in Berlin. Danach ging er nach Erfurt zurück, wo er das elterliche Unternehmen (eine Samenhandlung) führte. Benary, der in der NS-Ideologie „Halbjude“ war, blieb in Erfurt und floh 1945 vor den sowjetischen Truppen nach Westdeutschland. 1952 wanderte er in die USA aus, wo er in einer Blumenfirma arbeitete.

Werk:

Wilhelm Benary legte als einer der ersten eine Dissertation in der Sportpsychologie vor. Hierbei ging es ihm darum, Sport als eine individuelle Tätigkeitsform zu verstehen, die mehr mit Spiel, Virtuosität und Kunst gemeinsam hat als mit Kampf. Sport ist nicht nur körperliche Übung, sondern hat immer ein geistiges Element. Der Sport ist wie das Spiel zweckfrei – er ist ästhetisch, ohne politische Funktion. Ferner entwickelte er spezifische Eignungsprüfungen für die Fliegerpsychologie. Im Rahmen seiner neuropsychologischen Forschungstätigkeit über Gestaltblindheit entwickelte er das sogenannte Benary-Kreuz, ein schwarzes Kreuz auf weißem Hintergrund, das durch graue Dreiecke an den Kreuzbalken gekennzeichnet ist. Die hierdurch erzeugte kontrastierende Wahrnehmungstäuschung konnte nicht auf eine laterale Inhibition zurückgeführt werden.

Primärquellen:

Benary, W. (1913). Die psychologische Theorie des Sports. Dissertation, Universität Breslau.

Benary, W. (1919). Untersuchungen über die psychische Eignung zum Flugdienst. Leipzig: Barth.

Benary, W. (1924). Beobachtungen zu einem Experiment über Helligkeitskontrast. Psychologische Forschung, 5, 131-142.

Sekundärquelle:

Court, J. & Janssen, J.-P. (2003). Wilhelm Benary (1888-1955). Leben und Werk. Lengerich: Pabst.

Uwe Wolfradt

Bender, Hans

5. Februar 1907 Freiburg/Breisgau – 7. Mai 1991 Freiburg/Breisgau

Kurzbiographie:

Hans Bender wurde als Sohn des Rechtsanwaltes Erich Bender und seiner Ehefrau Alice geboren. Nach dem Schulbesuch des Realgymnasiums in Freiburg studierte er der Familientradition folgend einige Semester Jura in Lausanne und Paris, wechselte 1927 zum Studium der Psychologie, Philosophie und Romanistik nach Freiburg, Heidelberg und Berlin über und setzte ab 1929 sein Studium in Bonn fort. 1933 promovierte er bei Erich Rothacker↑ zum Dr. phil. über das Thema Psychische Automatismen. Zur Experimentalpsychologie des Unterbewußten und der außersinnlichen Wahrnehmung. Während seiner langjährigen Assistententätigkeit am Bonner Psychologischen Institut (1935-1941) absolvierte Hans Bender ein Zweitstudium der Medizin, das er 1939 in Freiburg mit dem Staatsexamen abschloß. Am 1. Mai 1938 trat er der NSDAP bei. 1941 habilitierte er sich mit der Arbeit Experimentelle Visionen. Ein Beitrag zum Problem der Sinnestäuschung, des Realitätsbewußtseins und der Schichten der Persönlichkeit an der Bonner Philosophischen Fakultät. Aufgrund seiner doppelten Ausbildung erhielt Bender im gleichen Jahr einen Ruf an die damalige Reichsuniversität Straßburg, an der er ein Institut für Psychologie und Klinische Psychologie errichtete. 1942 wurde er zum Extraordinarius ernannt. 1950 eröffnete Bender mit Hilfe von Stiftungsmitteln sein Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e.V. (IGPP), dem er bis zu seinem Tod als Direktor vorstand. 1954 erfolgte die Ernennung zum apl. Professor für Grenzgebiete der Psychologie. Im Wintersemester 1955/56 begann Bender an der Universität Freiburg mit regelmäßigen Vorlesungen und Seminaren zu Parapsychologie und Grenzgebieten der Psychologie, die seinen Namen weit über Freiburg hinaus bundesweit populär machten. Seine apl. Professur wurde 1967 in ein Ordinariat für Psychologie und Grenzgebiete der Psychologie umgewandelt und zugleich dem Psychologischen Institut der Universität eine „Abteilung für Grenzgebiete der Psychologie“ angegliedert. Die Doppelfunktion von Lehrstuhlinhaber wie Direktor des Privatinstituts füllte Bender bis 1975 aus, dem Jahr seiner Emeritierung.

Werk:

Hans Bender gehört in die Reihe deutscher Universitätsgelehrter, die sich wie Hans Driesch↑ oder Traugott Konstantin Oesterreich↑ dafür einsetzten, Parapsychologie als legitimes Forschungsgebiet in den Rahmen der Universität zu integrieren. Wesentliche Anregungen verdankte Bender Wolfgang Koehler↑ in Berlin und Pierre Janets Vorlesungen am Collège de France in Paris. 1935 konnte Bender in der „Zeitschrift für Psychologie“ eine der ersten experimentalpsychologischen Arbeiten zum Problem der „Außersinnlichen Wahrnehmung“ veröffentlichen, die aus qualitativ ausgewerteten Hellsehversuchen bestand. Die Ergebnisse fanden in populärer Aufbereitung in der Tagespresse ein breites Echo und brachten Bender in Konflikt mit der „antiokkult“ eingestellten Abteilung Schadensverhütung der NSV. Bender passte sich in der Folge an den öffentlichen Diskurs der NS-Zeit an. Er verstand parapsychische Phänomene wie Telepathie, Hellsehen oder Psychokinese – deren wissenschaftlichen Existenznachweis er als erbracht ansah – als interdisziplinäre Herausforderung, die über das engere Fachgebiet der Psychologie hinausging und auch anthropologisch-philosophische Grundfragen mit einschloß, z.B. das Leib-Seele-Problem. Zu der „psychohygienischen“ Aufgabe einer Grenzgebietsforschung oder Anomalistik rechnete er die kritische Aufklärung über vermeintliche oder echte „okkulte“ oder „übersinnliche“ Phänomene, deren soziale Relevanz angesichts ihrer Verbreitung in der Bevölkerung unbestritten ist, sowie ein psychologisch orientiertes Informations- und Beratungsangebot für Menschen, die über außergewöhnliche Erfahrungen und Phänomene berichten.

Primärquelle:

Bender, H. (Hrsg.) (1966). Parapsychologie – Entwicklung, Ergebnisse, Probleme. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Sekundärquelle:

Bauer, E. (1998). Hans Bender und die Gründung des „Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene“. In J. Jahnke, J. Fahrenberg, R. Stegie, R. & E. Bauer (Hrsg.), Psychologiegeschichte – Beziehungen zu Philosophie und Grenzgebieten (S. 461-476). München/Wien: Profil.

Eberhard Bauer

Berger, Friedrich

4. Juni 1901 Archshofen/Württemberg – 13. April 1975

Kurzbiographie:

Friedrich Berger wurde als Sohn des Schmiedemeisters Friedrich Berger und seiner Ehefrau Katharina (geb. Bullinger) geboren. Nach der Volksschule besuchte er ab 1916 das evangelische Lehrerseminar in Künzelsau, wo er 1922 das Volksschullehrerexamen ablegte. Bis 1924 arbeitete er als Erzieher und Lehrer in der höheren Knabenschule Korntal bei Stuttgart, ehe er in Berlin, Jena und Tübingen Philosophie, Pädagogik und Physik studierte. 1926 erwarb er das Abitur am Realgymnasium in Ulm, nachdem er eine Ergänzungsprüfung vorgenommen hatte. Friedrich Berger legte 1928 seine Dissertation mit dem Thema Die transzendentalen Grundlagen der Wahrnehmung (bei Oswald Kroh↑) in Tübingen vor. 1931 habilitierte er sich mit der Arbeit Menschenbild und Menschenbildung: die philosophisch-pädagogische Anthropologie J.G. Herders. Von 1928 bis 1934 arbeitete er als Assistent am Pädagogischen und Psychologischen Seminar in Tübingen. 1933 trat Berger der NSDAP bei, ein Jahr später, nach dem Röhm-Putsch, auch der SS, wo er Obersturmführer war. 1934 erhielt er einen Ruf an die TH Braunschweig für eine pl. a.o. Professur für theoretische Pädagogik. 1937 war er an der Gründung der aus der TH herausgelösten „Hochschule für Lehrerbildung“ (HfL) (auch „Bernhard-Rust-Hochschule“) in Braunschweig beteiligt, deren Direktor er 1938 wurde. Sein dortiges Ziel war, den Richtlinien des Reichsministers entsprechend, einen ideologisch geschlossenen Lehrkörper zu bilden. 1942 wurde er Leiter des Referats für Lehrerbildung des Volksschulministeriums. Im November 1944 wurde er zur Waffen-SS einberufen. Nach Ende des 2. Weltkriegs verbrachte er ein Jahr in britischer Kriegsgefangenschaft. Von 1955 bis 1961 war er Lehrer an der Gewerblichen und Kaufmännischen Berufsschule in Künzelsau sowie am staatlichen berufspädagogischen Institut in Stuttgart. 1956 war er Mitbegründer der „Freien Akademie“. In der noch heute bestehenden Akademie sollen aktuelle „Daseins- und Wertfragen“ unabhängig von konfessionellen und politischen Institutionen diskutiert werden. Von 1961 bis 1968 war er ihr Präsident, anschließend ihr Ehrenpräsident.

Werk:

Friedrich Berger gehörte zu den Vertretern einer rassen- und erbwissenschaftlich orientierten Psychologie und Pädagogik. In seiner Dissertation bezog er aktuelle entwicklungspsychologische Aspekte mit ein, um die Frage nach der Struktur des wahrgenommenen Objektes sowie der des wahrnehmenden Bewusstseins zu beantworten. Sein (pädagogisches) Werk ist stark von Herder geprägt worden. Auf Herders Werk aufbauend versuchte Berger (1933) in seiner Habilitation eine “deutsche pädagogische Anthropologie” zu begründen. Berger rät der deutschen Pädagogik, das Wesen des Menschen als „innig verwobene leiblich-seelisch-geistige Einheit“ aufzufassen (1933, S. VII) sowie auf einen „sittlich-religiösen Tiefgang“ zu achten (ebd., S. 309), da „wahre Menschenbildung immer religiösen Charakter“ habe (ebd., S. 311). Nur drei Jahre später publizierte Berger in der Reihe ‚Schriften zu einer konfessionsfreien deutschen Erziehung‘. In dieser Publikation fordert Berger eine Gleichschaltung des Willens und der Herzen im Sinne des nationalsozialistischen Gedankenguts, auch wenn er dort die Wichtigkeit eines tiefen Gottglaubens als Grundlage für ein gesundes Volk wiederholt betont. Hierbei sollte der Wille über Charakterbildung geformt werden. In einem Vortrag zur Erziehung findet Berger die Abschlußworte: „Eine Psychologie des Führers auf allen Gebieten, insbesondere aber auf dem des politisch-gemeinschaftlichen Daseins wäre von hier aus zu umreißen“ (1939, S. 196). Später jedoch, als Gründungsmitglied der Freien Akademie, betonte Berger die Wichtigkeit der Erziehung zur Toleranz und Mitmenschlichkeit.

Primärquellen:

Berger, F. (1933). Menschenbild und Menschenbildung. Die philosophisch-pädagogische Anthropologie J. G. Herders. Stuttgart: Kohlhammer.

Berger, F. (1936). Volk und Rasse als Grundlage und Ziel deutscher Erziehung. Stuttgart: Gutbrod.

Berger, F. (1939). Grundzüge einer Psychologie unmittelbarer und musischer Bildung. In O. Klemm (Hrsg.), Charakter und Erziehung. Bericht über den XVI. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Bayreuth vom 2.-4. Juli 1938 (S. 190-196). Leipzig: Barth.

Sekundärquelle:

Gundler, B. & Schüler, C. (1991). Catalogus Professorum der Technischen Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig. Teil 2: Lehrkräfte 1877-1945. Braunschweig.

Archivalie:

UA Tübingen, 131/1073

Paul Hanel

Bergius, Rudolf

22. April 1914 Carlshof /Ostpreußen – 9. März 2004 Starnberg

Kurzbiographie:

Rudolf Bergius war Sohn des Pfarrers Gustav Bergius und dessen Frau Erika (geb. Schmidt). Der Vater starb am Ende des 1. Weltkriegs, so dass Rudolf Bergius als Waise aufwuchs. Er besuchte die Schule in Bitterfeld, legte 1932 an der Mackensenschule (Realgymnasium) die Abiturprüfung ab. Im Sinn der Familientradition begann Rudolf Bergius in Halle Theologie zu studieren, wo er auch die Reife im Hebräischen erwarb. Durch Vorlesungen von Adhémar Gelb↑ kam Bergius zur Psychologie, studierte aber weiter Germanistik und Anglistik. 1935 wurde er zum Arbeits- und Wehrdienst eingezogen und 1937 aus dem Militärdienst entlassen. Er setzte sein Studium aus familiären Gründen in Berlin an der Friedrich-Wilhelms-Universität fort. Zu diesem Zeitpunkt hatten allerdings Köhler↑, Wertheimer↑, Lewin↑ und viele weitere Mitarbeiter das Psychologische Institut bereits verlassen. Bergius hörte bei Hans Keller, Eduard Spranger, Hans Rupp und anderen. Er schloss Freundschaft mit seinem indischen Kommilitonen Kripal Singh Sodhi↑, 1939 fand das Rigorosum zur Promotion mit einer experimentellen Arbeit über Ablenkung von der Arbeit durch Lärm und Musik und ihre strukturtypologischen Zusammenhänge bei Hans Keller↑ statt. Zweitgutachter war Eduard Spranger↑. Hans Rupp↑ brachte die Arbeit in der Zeitschrift für Arbeitspsychologie unter. Noch vor der Promotion am 15.12.1939 wurde Bergius zum Kriegsdienst verpflichtet, für das Rigorosum und die Prüfung für das Höhere Lehramt (im Mai 1940) beurlaubt, und geriet danach in amerikanische Gefangenschaft. Von 1945 bis 1950 war Bergius tätig als Psychologe an der Hauptfürsorgestelle Merseburg und im Ministerium für Arbeit und Sozialfürsorge in Halle/Saale. Nach „Westflucht“ von Halle nach West-Berlin arbeitete Bergius von 1950 bis 1957 als Assistent am Psychologischen Institut bei Oswald Kroh↑ an der Freien Universität. 1954/55 habilitierte er sich mit der Arbeit Formen des Zukunftserlebens, 1956 wurde er Privatdozent, 1957 Dozent und 1960 apl. Professor für Psychologie an der FU Berlin. Bergius lehrte von 1959 bis 1962 als pl. a.o. Professor und von 1963 bis 1965 als (tit.) o. Prof. der Psychologie in München; 1965 erfolgte die Berufung nach Tübingen, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1979 lehrte. Rudolf Bergius war von 1966 bis 1968 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und richtete im Herbst 1968 den 26. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Tübingen aus. Dies war bislang der einzige Kongress mit erheblichen studentischen Protestaktionen. 1986 wurde Bergius aufgrund seiner Verdienste um die Allgemeine Psychologie und Sozialpsychologie, insbesondere seiner Pionierleistungen auf dem Gebiet der Erforschung nationaler und ethnischer Vorurteile die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) verliehen.

Werk:

Rudolf Bergius sah sich nicht als Vertreter einer psychologischen Schule; sein wissenschaftliches Werk reicht von der Stereotypforschung über Wahrnehmungs-, Denk- und Lernpsychologie und Entwicklungspsychologie bis zur Friedenspsychologie. Hervorzuheben sind die ersten Untersuchungen über Stereotype, die Sodhi und Bergius in Anlehnung an die Methode der Eigenschaftslisten von Katz und Braly durchgeführt haben. Mit diesen Untersuchungen wurde im Nachkriegsdeutschland Neuland betreten. Die fruchtbare Zusammenarbeit mit Sodhi endete durch dessen frühen Tod. In die Tübinger Zeit fallen Überlegungen zur Friedensforschung, Arbeiten zum Entscheidungsverhalten in der Energiewirtschaft und andere Themen. Seine größer angelegten Untersuchungen zum Zukunftserleben beurteilte Bergius später selbstkritisch.

Primärquellen:

Bergius, R. (1957). Formen des Zukunftserlebens. München: Barth.

Bergius, R. (1992). [Selbstdarstellung]. In E. G. Wehner (Hrsg.), Psychologie in Selbstdarstellungen, Band 3 (S. 33-66). Bern: Huber.

Sodhi, K. S. & Bergius, R. (1953). Nationale Vorurteile. Berlin: Duncker & Humblot.

Sekundärquelle:

Rösgen, P. (2008). Die Institutionalisierung der Sozialpsychologie in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt/M.: Lang.

Helmut E. Lück

Berliner, Anna

21. Dezember 1888 Halberstadt – 16. Mai 1977 Forest Grove/Oregon

Kurzbiographie:

Anna Berliner (geb. Meyer) wurde als Tochter des Kaufmanns Israel Meyer geboren. 1909 absolvierte sie das Abitur an der Leibnizschule in Hannover, anschließend studierte sie Medizin in Freiburg und Berlin und ab 1911 Psychologie, Zoologie und Mathematik in Leipzig (u. a. bei Wilhelm Wundt und Max Brahn↑), wo sie 1914 mit der Arbeit Subjektivität und Objektivität von Sinneseindrücken promovierte. Bereits 1910 heiratete sie den Physiker Siegfried Berliner, der 1913 eine Gastprofessur an der Kaiserlichen Universität Tokio annahm. Anna Berliner folgte ihm nach ihrer Promotion nach Japan, wo sie kulturpsychologische Studien zur japanischen Werbung und zur Teezeremonie durchführte und wirtschaftspsychologisch tätig war. Im Zuge des 1. Weltkriegs geriet ihr Mann in japanische Gefangenschaft und Anna Berliner ging in die USA. Ab 1920 konnten beide wieder in Japan arbeiten, 1925 kehrten sie nach Leipzig zurück und Anna Berliner arbeitete u. a. in der Marktforschung. 1938 zwang sie die Judenverfolgung zur Emigration in die USA; Familienmitglieder beider Seiten wurden deportiert und ermordet. In den USA erhielt Anna Berliner zunächst ein Stipendium und 1951 eine Professur an der Pacific University in Oregon. Ihr Leben endete gewaltsam durch einen vermutlich drogenabhängigen Jugendlichen. Einen Teil ihres Vermögens vermachte sie der Universität Göttingen, an der ihr Mann promoviert hatte.

Werk:

In ihrer Dissertation geht Anna Berliner der Frage nach, wie sich subjektive von objektiven Sinneseindrücken unterscheiden lassen. In mehreren experimentellen Versuchsreihen wurden in Dunkel- und Hellzimmern Lichtreize unterschiedlicher Stärke und Lokalisation dargeboten. Die Versuchspersonen sollten u. a. angeben, ob es sich um objektives Licht oder um subjektive Lichterscheinungen handelt. Im Ergebnis zeigt sich, dass objektive Eindrücke durch folgende Komponenten als subjektiv aufgefasst werden: Intensität, Qualität, Lokalisation und Erscheinungsweise (langsames Auftreten). Nach ihren kultur- und wirtschaftspsychologischen Untersuchungen in Japan und Deutschland, knüpfte Anna Berliner in den USA wieder an das Thema ihrer Dissertation an und arbeitete vornehmlich auf dem Feld der Optometrie, wo sie sich einen Namen machte. 1971 wurde sie dafür mit dem Apollo Award der Amerikanischen Optometrischen Gesellschaft geehrt.

Primärquellen:

Berliner, A. (1914). Subjektivität und Objektivität von Sinneseindrücken. Leipzig: Engelmann.

Berliner, A. (1930). Der Teekult in Japan. Leipzig: Schindler.

Sekundärquelle:

Rode, H. K. (2013). Berliner, Siegfried (1884-1961). http://www.das-japanische-gedaechtnis.de/lebensbilder-a-z/berliner-siegfried-anna-1884-1961hochschullehrer.html, Zugriff am 26.04.2016.

Elfriede Billmann-Mahecha

Biemüller, Wilhelm

24. September 1899 Köln-Ehrenfeld – 6. Juni 1955 Köln

Kurzbiographie:

Wilhelm Biemüller wurde als Sohn des Schriftsetzers Max Heinrich Biemüller und seiner Ehefrau Karoline (geb. Fuchs) geboren. Nach Abschluss der Oberrealschule in Köln mit der Reifeprüfung nahm er 1917-1918 am 1. Weltkrieg teil. 1918 besuchte er das Lehrerseminar in Moers und wurde 1920 Schulamtsbewerber in Rheinhausen, wo er eine Ortsgruppe des Bundes freier Schulgesellschaften aufbaute. 1923 gründete er weltliche Sammelschulen in den Kreisen Moers und Linker Niederrhein und leitete die Sammelschule Rheinhausen-Friemersheim. Aufgrund seiner Tätigkeit in der KPD wurde ihm 1924 eine Rückkehr in das belgische Besatzungsgebiet verweigert. Er studierte 1922 bis 1924 zunächst in Köln, dann ab 1924 in Leipzig Psychologie, Philosophie, Pädagogik, Germanistik, Geschichte, Anglistik und Volkswirtschaftslehre, 1927 erfolgte die Promotion mit dem Titel Wiedergabe der Gliederanzahl und Gliederungsform optischer Komplexe bei Friedrich Sander und Felix Krueger. Von 1927 bis 1929 war er Konrektor der Sammelschule Solingen und trat 1928 von der KPD zur SPD über. Von 1929 bis 1933 war er Rektor der Neustädter II. Sammelschule in Magdeburg und wurde 1933 aus politischen Gründen entlassen. In der NS-Zeit arbeitete er als Straßenhändler, später als Wehrmachtsdolmetscher und 1944/45 als Gefreiter der Sicherheitspolizei. Nach 1945 wurde Biemüller Städtischer Schulrat, Oberregierungsrat und Leiter der Neulehrerausbildung in Magdeburg und siedelte 1950 nach Köln über, wo er auch starb.

Werk:

In seiner Dissertation über das Gestaltproblem geht Wilhelm Biemüller der Frage nach, wie die (komplexe) Anordnung tachistoskopisch dargebotener optischer Figuren (Gruppenbildung bei Kugeln) einen Einfluss auf Aufmerksamkeit und Wahrnehmung von Probanden unterschiedlichen Alters (24 Kleinkinder, 48 Volksschüler, 24 Berufsschüler und 12 Erwachsene) nimmt. Er kommt zu dem Resultat, dass die gestalthafte Gliederung des optischen Materials für die Wiedergabe der Anzahl der Glieder entscheidend ist. Hierbei werden die Glieder eines optischen Komplexes nicht losgelöst vom Ganzen aufgefasst. Jüngere Kinder zeichnen sich durch eine starke gefühlshafte Tendenz zur Gestaltung und Durchformung des Materials aus. Als Pädagoge bearbeitet Biemüller Grundschul-Lesebücher für die Sammelschulen und nach 1945 in der DDR Arbeiten zur politischen Bildung (Biemüller, 1949).

Primärquellen:

Biemüller, W. (1927). Wiedergabe der Gliederanzahl und Gliederungsform optischer Komplexe. München: Beck.

Biemüller, W. (1949). Was? Wo? Wann? Politisches Grundwissen und Gegenwart in 360 Fragen und Antworten. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag.

Sekundärquelle:

http://www.uni-magdeburg.de/mbl/Biografien/1017.htm (Abruf: 24.05.2016)

Uwe Wolfradt

Blumenfeld, Walter

2. Juli 1882 Neuruppin – 23. Juni 1967 Lima/Peru

Kurzbiographie:

Walter Blumenfeld wurde als Sohn des Kaufmannes Hermann Blumenfeld und seiner Frau Cäcilie (geb. Meyer) geboren. Er besuchte in Neuruppin das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, wo er 1900 sein Abitur ablegte. Blumenfeld begann ein Studium der Elektrotechnik an der TH Berlin und schloss es 1906 ab. Bis 1908 arbeitete er als Elektroingenieur bei der AEG Berlin. Hieran schloß sich ein Studium der Philosophie und Psychologie an der Universität Berlin an, das er 1912 mit der Promotion Untersuchungen über die scheinbare Größe im Sehraum (bei Carl Stumpf) abschloß. Während des 1. Weltkriegs diente Blumenfeld als Funktelegraphist. Unter dem Einfluss des Philosophen Ernst Cassirer steht seine Habilitationsschrift Zur kritischen Grundlegung der Psychologie, die er 1920 an der TH Dresden einreichte. In Dresden erhielt er 1923 eine a.o. Professur und begründete dort das psychotechnische Institut. 1926 wurde Blumenfeld beamteter Dozent am pädagogischen Institut. Am 26.2.1934 wurde er aufgrund seiner jüdischen Herkunft zwangsemeritiert. Er ging zunächst in die Schweiz, um dann einen Ruf als Professor für Psychologie und Pädagogik an die Universidad National Mayor de San Marcos in Lima (Peru) anzunehmen. Blumenfeld baute dort ein Psychologisches Institut auf und gilt als ein Mitbegründer der peruanischen Psychologie. Er hatte 1949 eine Gastprofessur an der Universität Tucúman (Argentinien). Im Jahre 1960 wurde er emeritiert.

Werk:

Walter Blumenfeld arbeitete sowohl in der experimentellen Psychologie (visuelle Wahrnehmung) als auch im Bereich der Angewandten Psychologie (Psychotechnik, Eignungsdiagnostik, Arbeitsorganisation, Werbepsychologie). Seine Studie von 1931 über die Fraktionierung von Arbeitshandlungen beschreibt die positive Wirkung der Durchführung von wohlbekannten, überschaubaren Teilschritten (Teilleistungen) auf Konzentration und Motivation (Blumenfeld-Effekt). Beeinflusst durch den Neukantianismus nimmt er auch zu erkenntnistheoretischen Fragen Stellung. So geht er beispielsweise in seinem Werk ‚Sinn und Unsinn‘ der Frage nach, wie das Verhältnis von Sinn und Unsinn zu verstehen ist. Er identifiziert fünf Typen des Sinns (semantischer Sinn, Zwecksinn, Gestaltsinn, Motivationssinn, Begründungssinn) und verdeutlicht, dass das Sinnverstehen wie das Sinnerzeugen aktive Prozesse darstellen, die jeweils abhängig sind von dem gewählten Kontext. In seinen spanisch publizierten Arbeiten werden die Themen Entwicklungspsychologie des Jugendalters, Intelligenzmessung und experimentell-psychologische Themen behandelt.

Primärquellen:

Blumenfeld, W. (1920). Zur Psychotechnik der Werbewirkung des Schaufensters. Praktische Psychologie, 2, 81-90.

Blumenfeld, W. (1931). Über quantitative und qualitative Bewertung von Testleistungen. Zeitschrift für Angewandte Psychologie, 40, 209-230.

Blumenfeld, W. (1933). Sinn und Unsinn. Eine Studie. München: Reinhardt.

Sekundärquelle:

Donayre, R.-A. L. (1983). Das Leben und Werk von Walter Blumenfeld. Dissertation, Universität Würzburg.

Uwe Wolfradt

Blumenthal, Sophie

24. November 1898 Riga – November 1982 Seattle/USA

Kurzbiographie:

Sophie Bertha Blumenthal (geb. Cassel) wurde als Tochter des Rauchwarenhändlers Josef Abraham Cassel geboren. Die Familie zog bereits 1905 nach Leipzig. Blumenthal machte nach dem Besuch der Carlebachschule ihr Abitur an der städtischen Studienanstalt in Leipzig. 1920 begann sie mit dem Studium der Psychologie, Völkerkunde, Pädagogik und Sprache in Leipzig. 1921 wurde sie Mitglied des Institutes für experimentelle Pädagogik (Forschungseinrichtung des Leipziger Lehrervereins). Im November 1924 legte sie ihre Dissertation mit dem Thema Tetens als Entwicklungspsychologe (bei Felix Krueger↑) in Leipzig vor. Ihre Prüfungsfächer waren Philosophie, Völkerkunde und Pädagogik. Von 1925 bis 1933 arbeitete sie als Redakteurin bei einer Leipziger Zeitung und beim Radio Rundfunk in Halle und Leipzig, wo sie als erste eine deutschsprachige Sendung in Lettland betreute. 1928 wurde sie deutsche Staatsbürgerin, was nach der NS-Machtübernahme 1934 widerrufen wurde. 1934 fand sie eine Anstellung beim jüdischen Kulturbund und als Vertragslehrerin in der Jüdischen Realschule und Volkshochschule in Leipzig. 1935 wechselte sie zusammen mit ihrem späteren Mann Hermann Blumenthal an das Jüdische Gymnasium in Breslau. 1939 misslang ein Fluchtversuch in die Niederlande. 1941 wanderte sie zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter in die USA aus. Sophie Blumenthal eröffnete in New York eine Massagepraxis, dann eine Praxis für Psychotherapie. 1961 zog die Familie nach Seattle, wo Blumenthal 1982 starb.

Werk:

Sophie Cassel arbeitet in ihrer Dissertation aus der Schrift ‚Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung‘ von J. Nikolas Tetens (1736-1807) die ganzheitliche Konzeption einer Entwicklungspsychologie heraus.

Primärquelle:

Cassel, S. (1925). Tetens als Entwicklungspsychologe. Dissertation, Universität Leipzig.

Sekundärquelle:

Kowalzik, B. (2006). Lehrerbuch. Die Lehrer und Lehrerinnen des Leipziger jüdischen Schulwerks 1912-1942, vorgestellt in Biogrammen. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag.

Uwe Wolfradt

Bobertag, Otto

22. Februar 1879 Breslau – 25. April 1934 Berlin

Kurzbiographie:

Otto Ulrich Bobertag wurde als Sohn des Professors Felix Bobertag geboren. In Breslau besuchte er von 1885 bis 1898 das Realgymnasium zum Heiligen Geist. Er studierte an der Universität Breslau Chemie und schloss 1903 mit der Promotion Über partielle Racemie ab. Während seiner Studienzeit hörte er Psychologie bei William Stern↑ und Herrmann Ebbinghaus. Er fand bei William Stern eine Anstellung als Assistent in Breslau und Hamburg. Er arbeitete in den 1920ern am Institut für angewandte Psychologie in Potsdam (unter der Leitung von Otto Lipmann↑) und als Leiter der Abteilung Testpsychologie am Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht in Berlin. Unter dem Eindruck der Zerstörung des Potsdamer Instituts und des Selbstmordes von Lipmann geriet Bobertag, welcher jüdischer Herkunft war, selbst in große Not. Die Umstände seines Todes sind unklar, er beging wohl auch Selbstmord.

Werk:

Otto Bobertag arbeitete über Fragen der Intelligenzmessung und der Pädagogischen Psychologie. Er war der erste, der den Intelligenztest von Binet in Deutschland einführte. Des Weiteren beschäftigte er sich mit psychodiagnostischen Fragen (Graphologie) und Begabungsprüfungen im Schulübergang (zusammen mit Erich Hylla↑). 1914 gibt er die Bienenfabel von Mandeville heraus. Er übersetzt Werke zur Erziehungspsychologie von Edward Thorndike ins Deutsche. Noch kurz vor seinem Tod tritt er in einem Beitrag Zum Kampf für und gegen die Psychologie einer Ideologisierung der Psychologie durch die NS-Bewegung auf dem Feld der Erziehung entgegen. Er hebt gegen die nativistische Auffassung der Psychologie durch die NS-Ideologie als eine durch biologische Urerfahrungen geleitete Disziplin (inkl. der Rassenkunde) eine wissenschaftliche Psychologie hervor, die basierend auf der Diagnostik dem Menschen einen praktischen pädagogischen Nutzen und eine Förderung zuteil werden lässt. Franziska Baumgarten-Tramer↑ würdigt in einem Beitrag dieses mutige Verhalten Bobertags: „Es mag jedoch unter diesem Haufen von nazi-freundlichen Psychologen der Name desjenigen in Ehren genannt werden, der dagegen protestierte. Es war dies Dr. Otto Bobertag, der Leiter des Instituts für Erziehung und Unterricht in Berlin, dem es nie gelang, trotz seinem Wunsche und seiner großen Verdienste, die akademische Laufbahn zu ergreifen“ (1948, S. 389).

Primärquellen:

Bobertag, O. (1914). Über Intelligenzprüfungen nach der Methode von Binet und Simon. Leipzig: Barth.

Bobertag, O. (1929). Ist die Graphologie zuverlässig? Heidelberg: Kampmann.

Bobertag, O. (1934). Zum Kampf für und gegen die Psychologie. Zeitschrift für Kinderforschung, 42, 190-199.

Sekundärquelle:

Baumgarten-Tramer, F. (1948). Die deutschen Psychologen und die Zeitereignisse. Aufbau, Schweizerische Wochenzeitung für Recht, Freiheit und Frieden, 29, 381-383.

Uwe Wolfradt

Bohm, Ewald

24. Juni 1903 Graudenz/Westpr. – 29. Februar 1980 Wädenswil/Schweiz

Kurzbiographie:

Ewald Bohm wurde als Sohn des Bankiers Jacob Bohm und seiner Ehefrau Rosi (geb. Zachert) geboren. Nach dem Abitur 1922 studierte er in Berlin und Freiburg/Breisgau zunächst Rechts- und Staatswissenschaften (Nebenfächer: Geschichte, Soziologie, Ethnologie, Orientalistik). Ewald Bohm legte 1927 seine Prüfung in japanischer Philologie ab und wollte in den diplomatischen Dienst. In Berlin kam er in Berührung mit dem Institut für Sexualwissenschaft und studierte die psychoanalytischen Theorien bei Wolfgang Köhler↑ und Max Wertheimer↑. Von 1929 bis 1933 arbeitete Bohm als Wissenschaftsjournalist im pädagogischen Bereich, so richtete er erstmals Elternkurse für pädagogische Fragen an städtischen Schulen Berlins aus. Als Sozialdemokrat mit jüdischer Herkunft war er durch die NS-Machthaber bedroht. Er emigrierte 1933 über Oslo nach Kopenhagen. In Dänemark arbeitete er als Journalist und hielt Vorträge über Erziehungsfragen. Gleichzeitig unterzog er sich einer psychoanalytischen Behandlung. Als Psychologe arbeitete er psychodiagnostisch in Krankenhäusern und führte experimentelle Untersuchungen zur Hauttemperatur als Reaktion auf Farben am zoophysiologischen Laboratorium der Universität Kopenhagen durch. Im Zuge der deutschen Besetzung Dänemarks war Bohm permanenten Angriffen ausgesetzt. 1943 flüchtete er nach Schweden, seine dänische Ehefrau (eine „Nichtjüdin“) blieb zurück. Er fand eine Anstellung in einem Krankenhaus in Stockholm. Nach dem Krieg ging er nach Kopenhagen zurück und befasste sich intensiv mit dem Rorschach-Formdeute-Verfahren, über das er 1951 ein Werk verfasste, das als Dissertationsschrift 1953 an der ETH Zürich anerkannt wurde. Er ließ sich 1965 in der Schweiz nieder.

Werk:

Ewald Bohm befasste sich mit tiefenpsychologischer Diagnostik und machte sich die Verbreitung der Rorschach-Diagnostik zur wissenschaftlichen Lebensaufgabe. Schon in Dänemark untersuchte Bohm experimentell die physiologischen Reaktionen auf die Farbtafeln. Durch klare Signierungsregeln für die Antworten konnte das Rorschach-Formdeute-Verfahren wissenschaftliche Anerkennung erfahren. In den früheren Jahren verfasste er mit Magnus Hirschfeld sexualwissenschaftliche Abhandlungen. Bohm war zudem Übersetzer zahlreicher psychologischer Werke (z.B. von Harald Schjelderup) aus Skandinavien vom Norwegischen ins Deutsche.

Primärquellen:

Hirschfeld, M. & Bohm, E. (1927). Sexualerziehung: Der Weg durch Natürlichkeit zur neuen Moral. Berlin: Universitas.

Bohm, E. (1951). Lehrbuch der Rorschach-Psychodiagnostik. Für Psychologen, Ärzte und Pädagogen. Bern: Huber.

Sekundärquelle:

Sigsgaard, J. & Dähnhardt, W. (1993). Ewald Bohm (1903-1980). In W. Dähnhardt & B.S. Nielsen (Hrsg.), Exil in Dänemark. Deutschsprachige Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller im dänischen Exil nach 1933 (S. 235-238). Heide: Boyens & Co.

Uwe Wolfradt

Bolgar, Hedda

19. August 1909 Zürich – 13. Mai 2013 Los Angeles

Kurzbiographie:

Hedda Bolgar wurde als Tochter einer für die damalige Zeit unkonventionellen Familie geboren: die Mutter Elza Stern war Journalistin, der Vater Elek Bolgar engagierte sich politisch in der Arbeiterbewegung. Aufgewachsen war Bolgar in Budapest und in Wien, wo sie im Sommersemester 1930 ihre Universitätsstudien in Psychologie an der Philosophischen Fakultät aufnahm. 1934 promovierte sie mit einer von Karl Bühler↑ zugelassenen Doktorarbeit mit dem Thema Erlebnisaufbau im menschlichen Lebenslauf. Erlebnisphasen und Erlebniskategorien zur Dr. phil. Nach Abschluss ihres Studiums verbrachte Bolgar einen Studienaufenthalt bei Jean Piaget in Genf. Zurück in Wien arbeitete sie weiter am Wiener Psychologischen Institut. Politisch engagierte sie sich, indem sie in Wiener Zeitungen antinazistische Artikel publizierte. Schon vor dem sogenannten Anschluss 1938 hatte Bolgar begonnen, Möglichkeiten für einen Studienaufenthalt in den USA zu sondieren. Sie erhielt 1938 eine Einladung des Michael Reese Hospital in Chicago, wo sie eine psychoanalytische Ausbildung absolvierte. 1939 ging sie, inzwischen verheiratet, nach New York, wo sie bis 1941 als Research Associate am Bellevue Hospital im Rahmen eines Forschungsprojekts der Yale University tätig war. 1941 kehrte Bolgar nach Chicago zurück, wo sie als Psychologin beim Yewish Vocational Service mitarbeitete. Nach Kriegsende erhielt sie eine Stelle als Chief Psychologist an der Chicago Mental Hygiene Clinic, zu Beginn der 1950er Jahre übernahm sie die Leitung des klinisch-psychologischen Ausbildungsprogramms der University of Chicago. 1956 übersiedelte sie als Leiterin des Department of Clinical Psychology an das Mount Sinai Hospital nach Los Angeles. 1970 war sie Mitbegründerin des interdisziplinären Los Angeles Institute and Society for Psychoanalytic Studies. 1974 gründete sie das Wright Institute Los Angeles. Sie war bis ins hohe Alter psychotherapeutisch tätig und wurde als eine der „America’s Outstandig Oldest Workers“ geehrt.

Werk:

Über ihre Dissertationsschrift war Hedda Bolgar zunächst in die in Wien von Charlotte Bühler↑ geleiteten Forschungen zur Psychologie des menschlichen Lebenslaufes eingebunden. In Auseinandersetzung mit Techniken, wie sie von Melanie Klein und anderen in der psychoanalytischen Spieltherapie erprobt worden waren, entwickelte sie in den Folgejahren zusammen mit Charlotte Bühler und Liselotte Fischer↑ die Grundlagen eines neuen kinderpsychologischen Diagnoseinstruments, das später von Charlotte Bühler als „World Test“ bekannt gemacht wurde. Mit ihrer ebenfalls in die USA emigrierten Kollegin Liselotte Fischer publizierte Bolgar 1947 auch eine Version für Erwachsene (Bolgar & Fischer, 1947). Nach ihrer Hinwendung zur Psychoanalyse war Hedda Bolgar zunächst in Chicago und dann an der Westküste vor allem in der Ausbildung von angehenden Psychoanalytikern tätig.

Primärquellen:

Bolgar, H. (1934). Der Erlebnisaufbau im menschlichen Lebenslauf. Erlebnisphasen und Erlebniskategorien. Dissertation, Universität Wien.

Bolgar, H. & Fischer, L. K. (1947). Personality projection in the World-Test. American Journal of Orthopsychiatry, 17, 117-128.

Sekundärquelle:

Benetka, G. (2002). Bolgar, Hedda. In B. Keintzel & I. Korotin (Hrsg.), Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben, Werk, Wirken (S. 76-77). Wien: Böhlau.

Gerhard Benetka

Bolley, Alphons

26. Oktober 1898 Essen – 6. Januar 1989 Essen

Kurzbiographie:

Alphons Bolley legte seine Reifeprüfung 1917 am humanistischen Gymnasium in Essen ab und leistete von Juli 1917 bis Dezember 1918 Militärdienst. Darauf absolvierte er von 1919 bis 1924 ein Studium der Theologie, Philosophie und Psychologie in Paderborn, Bonn und Köln und promovierte 1924 bei Johannes Lindworsky an der Universität Köln über das Thema Experimentell-psychologische Untersuchungen zum Problem der Betrachtung. Nach seiner Priesterweihe 1926 in Köln war er als Assistent und später als Religionslehrer am Collegium Alloysianum in Opladen tätig. 1932 wurde er Religionslehrer in Euskirchen am Oberlyzeum der Dominikanerinnen und zugleich Rektor der dortigen Klosterkirche. 1940 wurde er zum Kaplan an der Pfarrei St. Elisabeth in Essen-Schonnebeck ernannt. Er übernahm hier die seelsorgerische Betreuung von „Jungmännern“, insbesondere im Zusammenhang mit deren zunehmenden Kriegseinsätzen. In den Kriegsjahren gab es Spannungen zwischen der Pfarrei und dem NS-Regime und sogar eine Überwachung durch die Gestapo, da die Jungen den Dienst in der Hitlerjugend vernachlässigt haben sollen und durch die starke Orientierung am katholischen Glauben die nationalsozialistische Ideologie hätte untergraben werden können. Im Jahr 1945 übernahm Bolley die Aufgabe eines Religionslehrers an der Städtischen Luisenschule in Essen. 1956 erhielt er einen Lehrauftrag für Religionspsychologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn und wurde hier 1959 zum Honorarprofessor für Religionspsychologie ernannt. In diesem Rahmen hielt er bis 1976 Vorlesungen und Übungen; 1970 wurde ihm die Würde eines Päpstlichen Ehrenkaplans verliehen.

Werk:

In seiner Dissertation befasst sich Alphons Bolley mit einer experimentalpsychologischen Untersuchung der Beschäftigung mit religiösen Betrachtungsgegenständen. Hierzu sollten sich die Probanden mit religiösen vs. indifferenten Inhalten (Bilder, Texte) auseinandersetzen und ihre Erlebnisse protokollieren. Bolleys Ziel war, die Besonderheiten religiöser Betrachtungen herauszustellen. Auch in weiteren Arbeiten setzt sich Bolley primär mit der Religionspsychologie und vor allem mit der psychologischen Analyse des Betens auseinander. Die wichtigste Arbeit ist die 1930 veröffentlichte Schrift ‚Gebetsstimmung und Gebet. Empirische Untersuchungen zur Psychologie des Gebetes, unter besonderer Berücksichtigung des Betens von Jugendlichen‘, in welcher er Jugendliche rückschauend Fragebögen über das spontane Beten beantworten lässt. Er stellt fest, dass Gefühle und die Einstellung zum eigenen Ich zum Gebetserlebnis gehören. Alphons Bolley vertritt die Auffassung, dass die Religionspsychologie ein Teil der empirischen Psychologie ist. Über Lindworsky ist er stark von der Willens- und Denkpsychologie der Würzburger Schule beeinflusst. Bolley war Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Religionspsychologie sowie Mitherausgeber des „Archivs für Religionspsychologie“.

Primärquellen:

Bolley, A. (1924). Experimentell-psychologische Untersuchungen zum Problem der Betrachtung. Dissertation, Universität Köln.

Bolley, A. (1930). Gebetsstimmung und Gebet. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag.

Sekundärquelle:

Ühlein, H. O. (1986). Johannes Lindworsky: Ein Jesuit als Experimentalpsychologe. Dissertation, Universität Passau.

Archivalien:

Universität Bonn: AKTFUB III (Fakultät, Persönliches) 4 (Professorenakten).

Archiv des Bistums Essen: Kriegstagebücher 1940-1945.

Mike Lüdmann

Bollnow, Otto Friedrich

14. März 1903 Stettin – 7. Februar 1991 Tübingen

Kurzbiographie:

Otto Friedrich Bollnow, Sohn des Hochschullehrers Otto Bollnow, besuchte zunächst eine einklassige Dorfschule im Kreis Greifswald, in der sein Großvater unterrichtete. In seinem zwölften Lebensjahr zog die Familie nach Anklam, wo er ein humanistisches Gymnasium besuchte. Nach der Schulzeit ging Bollnow 1921 zu Studienzwecken nach Berlin, studierte für ein Semester Architektur und wechselte dann zur Mathematik und Physik. Er studierte bei Max Planck und Max von Laue, hörte aber auch fachfremde Vorlesungen bei Eduard Spranger und Alois Riehl. Während der wirtschaftlich schwierigen Zeit (Inflation) studierte er in Greifswald und damit näher am elterlichen Haushalt weiter, nach Besserung der Lage wechselte er nach Göttingen, wo er 1925 bei Max Born mit der Arbeit Gittertheorie der Kristalle des Titanoxyds promovierte. Im Winter 1925/26 unterrichtete er an der Odenwaldschule; was zur Überbrückung gedacht war, hinterließ so tiefen Eindruck, dass Bollnow zwar als Assistent Borns 1926 nach Göttingen zurückkehrte, dann aber nach Berlin ging, um erneut zu studieren. 1927 legte er das Staatsexamen in Mathematik und Physik ab und begann mit einer Habilitationsarbeit mit dem Titel Die Lebensphilosophie F. H. Jacobis. Nach dem Erscheinen von Sein und Zeit studierte er drei Semester bei Martin Heidegger, eines in Marburg, zwei weitere in Freiburg. 1929 kehrte Bollnow nach Göttingen zurück, hörte u. a. bei Nohl und Misch, habilitierte sich 1931 für Philosophie und Pädagogik und wurde für zwei Jahre Assistent Nohls. 1935 erhielt er einen Lehrauftrag für die Philosophie der Geisteswissenschaften, 1938 eine Lehrstuhlvertretung in Gießen, wo er zunächst zum a.o. Professor, am 1.10.1939 zum o. Professor für Psychologie und Pädagogik ernannt wurde. Bollnow, der während der Weimarer Republik Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes und des Nelsonbundes gewesen war, trat 1940 der NSDAP bei und war Mitglied des Kampfbundes für die deutsche Kultur. Er gehörte am 11.11.1933 zu den Unterstützern des Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. Während des Krieges wurde er zum Heer eingezogen, jedoch bald als Physiker eingesetzt, und arbeitete am Gießener Institut für theoretische Physik. Im Winter 1945/46 vertrat er einen Lehrstuhl in Kiel, kehrte dann nach Gießen zurück und ging kurz darauf – nach der unerwarteten Schließung der Universität dort – an die neu eröffnete Universität Mainz. 1953 erhielt er einen Ruf nach Tübingen auf den Lehrstuhl Eduard Sprangers, wo er bis zu seiner Emeritierung 1970 blieb. Auch danach führte Bollnow seine Veröffentlichungstätigkeit fort, erhielt 1975 die Ehrendoktorwürde der Universität Straßburg und 1980 den Kulturpreis der deutschen Freimaurer.

Werk:

Otto Friedrich Bollnow veröffentlicht eine große Zahl an Arbeiten, in denen er ein breites Spektrum vor allem philosophischer und pädagogischer Themen behandelt. Dabei interessieren ihn in der Philosophie vorrangig die praktischen Teildisziplinen (Ethik, Ästhetik, philosophische Anthropologie, Methoden der Geisteswissenschaften) und aktuelle, zeitgenössische Ansätze (Lebensphilosophie, Existenzphilosophie, Phänomenologie), in der Pädagogik wiederum deren philosophische und philosophisch-anthropologische Grundlagen. Sein Arbeitsgebiet kennzeichnet er in diesem Sinne als das einer pädagogischen Anthropologie, in der die in der philosophischen Anthropologie entwickelte Methode auf den Gegenstand der Pädagogik übertragen wird, ja, die Pädagogik insgesamt von einem anthropologischen (und phänomenologischen) Standpunkt aus neu gesehen und konturiert wird. Exemplarisch sei die Einführung in die „Existenzphilosophie“ genannt, die ihren Gegenstand unter Berücksichtigung der Bedeutung von Angst und Tod entfaltet sowie menschliche Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit behandelt. Das „Wesen der Stimmungen“ bietet eine philosophische Anthropologie und „phänographische“ Analysen der emotionalen Grundgestimmtheiten des Menschen.

Primärquellen:

Bollnow, O. F. (1941). Das Wesen der Stimmungen. Frankfurt/M.: Klostermann.

Bollnow, O. F. (1975). Otto Friedrich Bollnow. In L. J. Pongratz (Hrsg.), Pädagogik in Selbstdarstellungen (Band I, S. 95-144). Hamburg: Meiner.

Bollnow, O. F. (1984). Existenzphilosophie (9. Aufl., zuerst 1942). Stuttgart Kohlhammer.

Alexander Kochinka

Bondy, Curt

3. April 1894 Hamburg – 17. Januar 1972 Hamburg

Kurzbiographie:

Curt Werner Bondy wurde als Sohn des Kaufmannes Salomon Bondy und seiner Ehefrau Marie (geb. Lauer) geboren. Nach dem Besuch des Hamburger Wilhelm-Gymnasiums studierte er von 1914 bis 1915 Medizin an den Universitäten Göttingen und Kiel, bevor er von 1915 bis 1918 im Sanitätsdienst am 1. Weltkrieg teilnahm. Danach nahm er das Studium der Philosophie, Psychologie und Pädagogik an der Universität Hamburg auf. Am 7.6.1921 wurde Bondy bei William Stern↑ mit einer Arbeit über Die proletarische Jugendbewegung in Deutschland zum Dr. phil. promoviert. Es schloss sich von 1921 bis 1923 eine Tätigkeit als Sozialpädagoge im Jugendgefängnis Hahnöfersand bei Hamburg an, während der Bondy zusammen mit Walter Hermann versuchte, den Strafvollzug nach pädagogischen Erkenntnissen umzustrukturieren. Von 1923 bis 1925 folgte eine Volontärassistenz am Pädagogischen Institut der Universität Göttingen. In den Jahren 1925 bis 1930 war Bondy Privatdozent an der Universität Hamburg, an der er sich 1929 in der juristischen Fakultät mit einer Arbeit über Psychologische Probleme des Jugendstrafvollzuges habilitierte. Von 1929 bis 1932 hatte Bondy auch die Position eines Direktors des Landesjugendgefängnisses Eisenach inne. Nahezu zeitlich parallel war er von 1930 bis 1933 Honorarprofessor an der Universität Göttingen. Nach der Machtergreifung war Bondy bis 1936 als Lehrer am jüdischen Institut für Erwachsenenbildung in Frankfurt/M. tätig, bevor er Mitinitiator und späterer Direktor der jüdisch-landwirtschaftlichen Ausbildungsgüter Groß Breesen bei Breslau in Schlesien wurde. Diese Einrichtung bereitete jüdische Jugendliche auf ihre Auswanderung vor. 1938 wurde Bondy im Konzentrationslager Buchenwald interniert, kam jedoch mit internationaler Hilfe und der Verpflichtung zur unmittelbaren Auswanderung wieder frei. Er emigrierte in die USA, kehrte aber bald nach Europa zurück, um von 1939 bis 1940 in den Flüchtlingslagern in Holland, Belgien und England in der Flüchtlingsfürsorge zu helfen. 1940 wurde er erneut in Frankreich interniert. Es gelang ihm jedoch über Spanien und Portugal abermals die Flucht nach Amerika. In den USA erhielt er zunächst eine Stellung als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Richmond in Virginia. Im Mai 1945 wurde er kurz nach Kriegsende amerikanischer Staatsbürger. 1948 wurde er an der Universität Richmond zum Professor ernannt und blieb auf dieser Position, bis er 1950 einem an ihn ergangenen Ruf an die Universität Hamburg folgte. Obwohl Bondy 1959 emeritiert wurde, arbeitete er noch viele Jahre im Institut mit und war von 1961 bis 1968 als Vorsitzender des BDP tätig.

Werk:

Das Vermächtnis Curt Bondys ist weniger in seinem wissenschaftlichen Werk zu sehen, als vielmehr in der ihm eigenen Art, der Prägung seines Lehrgebiets und seiner Schüler. Klaus Eyferth (1974) sprach in seinem Nachruf anlässlich der Beisetzung Bondys folgendes: „Curt Bondy als ‚Großen Psychologen‘ stilisieren zu wollen, würde ihm nicht gerecht. Nicht durch die theoretische Arbeit, sondern durch die soziale Ausrichtung der akademischen Ausbildung und durch deren Verknüpfung mit konkreten gesellschaftlichen Aufgaben ist er als Lehrender wegweisend geworden.“ Bondy befasste sich in seinen frühen Arbeiten mit Fragen der Jugendpsychologie (Jugendhilfe und Devianz im Jugendalter) und psychologisch-pädagogischen Fragen des Jugendstrafvollzuges (frühe Reformvorschläge). In den späteren Jahren gab er Lehrbücher (z.B. zur Entwicklungspsychologie) heraus und arbeitete auf dem Gebiet der Intelligenzdiagnostik (Standardisierung des HAWIK).

Primärquellen:

Bondy, C. (1925). Pädagogische Probleme im Jugend-Strafvollzug. Mannheim: Benscheimer.

Bondy, C. (1944). Wie die Erziehung der deutschen Kriegsgefangenen erfolgen könnte. Aufbau, 10/11, 6.

Bondy, C. (1956). Moderne Entwicklungspsychologie. Berlin: Lüttke.

Sekundärquelle:

Schäfer-Richter, U. & Klein, J. (1992). Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen 1933-45: Göttingen, Hann. Münden, Duderstadt. Ein Gedenkbuch. Göttingen: Wallstein.

Archivalie:

AWZ Nachlass Bondy: o. Nr. zwei tabellarische Lebensläufe.

Armin Stock

Bornemann, Ernst

21. Mai 1912 Aachen – 7. Juli 1988 Altenberge

Kurzbiographie:

Ernst Bornemann wurde als Sohn des Professors für Metallhüttenkunde Karl Bornemann und seiner Ehefrau Martha (geb. Henrici) geboren. Die Jugendzeit verbrachte er in Breslau, zog aber mit seiner Mutter nach dem Tod des Vaters nach Aachen zurück. Hier legte er 1930 an der Oberrealschule seine Reifeprüfung ab. Danach studierte er an der TH Aachen Mathematik und Physik und wechselte 1932 nach Göttingen, wo er das Studium der Psychologie, Pädagogik und Physiologie aufnahm. Er promovierte 1937 mit der Arbeit Die Wirkungen der zwangsläufigen Arbeit mit übersteigertem Tempo. Ein Beitrag zur Ermüdungsforschung und zur Willenstheorie in Göttingen (bei Narziß Ach↑). In Münster habilitierte sich Bornemann kurz vor Kriegsende am 23.3.1945 mit dem Thema Die Analyse psychischer Grundfunktionen als Grundlage praktischer Eignungsuntersuchung. Die Probevorlesung konnte aber erst am 26.2.1947 gehalten werden. Ernst Bornemann war zunächst von 1947 bis 1951 Assistent am Institut für Psychologie und Pädagogik an der Universität Münster. Zwischen 1951 und 1962 war er an der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Stadt Bochum und hatte gleichzeitig einen Lehrauftrag für Arbeitspsychologie an der RWTH Aachen. 1959 bis 1977 hatte er eine apl. Professur für Angewandte Psychologie und Sozialpädagogik an der Universität Münster inne.

Werk:

Ernst Bornemann arbeitete auf dem Gebiet der Arbeits- und Betriebspsychologie und der Eignungsdiagnostik. Ausgangspunkt sind die Fragen der geistigen und körperlichen Beanspruchung, die schon in seiner Dissertation eine wichtige Rolle gespielt haben. In den späteren Jahren beschäftigt er sich zunehmend mit sozialpädagogischen Fragen der Jugendentwicklung und Erziehungsberatung. Hierzu hat er mehrere Monographien vorgelegt (zu Jugendproblemen und Jugend im Betrieb).

Primärquellen:

Bornemann, E. (1938). Die Wirkungen der zwangsläufigen Arbeit mit übersteigertem Tempo. Ein Beitrag zur Ermüdungsforschung und zur Willenstheorie. Leipzig: Barth.

Bornemann, E. (1951). Nachkriegsentwicklung der deutschen Betriebspsychologie. Düsseldorf: Stahleisen.

Bornemann, E. (1958). Jugendprobleme unserer Zeit. Göttingen: Hogrefe.

Uwe Wolfradt

Bracken, Helmut von

21. Mai 1899 Saarn bei Mülheim/Ruhr – 16. Februar 1984 Marburg/Lahn

Kurzbiographie:

Helmut von Bracken wurde als Sohn des evang. Pfarrers Rudolf von Bracken und seiner Frau Amalie (geb. Engelbert) geboren. Nach dem Besuch der Volksschule von 1905 bis 1909 ging er auf das Gymnasium in Mülheim/Ruhr. Die Kriegsreifeprüfung legte er 1917 ab und diente anschließend bis 1918 bei der Kriegsmarine. In den Nachkriegsjahren ließ sich von Bracken ein Jahr am Lehrerseminar Greiz zum Volksschullehrer ausbilden, woran sich eine etwa fünfjährige Tätigkeit als Lehrer in Gera anschloss. Die erste Lehrerprüfung legte er 1920 ab, die zweite 1923. Neben der Ausbildung zum Volksschullehrer studierte von Bracken Geschichte, Germanistik, Geographie, Volkswirtschaftslehre, Soziologie, Pädagogik, Philosophie und Psychologie an den Universitäten Münster, Leipzig, Berlin und Jena. Unter der Betreuung von Wilhelm Peters↑ promovierte von Bracken am 18.3.1925 an der Universität Jena mit einer Arbeit über Persönlichkeitserfassung auf Grund von Persönlichkeitsbeschreibungen zum Dr. phil. Mit einem 1927 von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft erhaltenen Stipendium war für von Bracken die Aufgabe verbunden, arbeitspsychologische Untersuchungen in den Adlerwerken sowie im Sozialhygienischen Untersuchungsamt Frankfurt/M. durchzuführen. Von 1928 an wurde von Bracken mit einem Lehrauftrag an der TH Braunschweig betraut, um dort die Ausbildung in Psychologie innerhalb der Lehrerbildung vorzunehmen. Am 6.2.1930 konnte sich von Bracken an der TH Braunschweig mit einer Arbeit Zur Symptomatik der Bewegungsspur habilitieren und wurde Privatdozent. Da von Bracken seit 1923 Mitglied der SPD war, entzog ihm der nationalsozialistische Volksbildungsminister des Landes Braunschweig bereits 1932 den Lehrauftrag. Aus Angst vor weiteren Repressalien und aufgrund der Warnungen von Freunden verzichtete von Bracken auf seine Lehrberechtigung und floh am 1.10.1933 nach Amsterdam. Dort war er bis zum 1.7.1934 mit Hilfe eines Stipendiums am psychologischen Laboratorium der Universität bei Geza Révész↑ tätig und arbeitete über psychische Altersveränderungen. Erwerbs- und nahezu mittellos nahm von Bracken das Studium der Medizin an der Universität Bonn auf. Hier bestand er die ärztliche Vorprüfung am 3.7.1937. Wenige Tage vor Kriegsbeginn beendete er das Medizinstudium und wurde unmittelbar zur Marine eingezogen. Er stellte einen Antrag auf Mitgliedschaft bei der NSDAP und erhielt als Parteianwärter die politische Unbedenklichkeitsbescheinigung. Damit diente er - ohne Mitgliedsbeiträge entrichtet zu haben - von August 1939 bis Oktober 1945 als Arzt bei der Marine und war nicht zum Kampf mit der Waffe gezwungen. Am 5.2.1940 wurde er schließlich an der Universität Bonn mit der Arbeit Untersuchungen an Zwillingen über die quantitativen und qualitativen Merkmale des Schreibdrucks zum Dr. med. promoviert. Bereits zum 1.3.1946 wurde von Bracken als apl. Professor an der TH Braunschweig rehabilitiert, 1950 wurde seine Lehrbefugnis auf die Erziehungswissenschaften ausgeweitet. 1954 wurde von Bracken a.o. Professor am Pädagogischen Institut Darmstadt und 1955 an der Universität Marburg, bevor er dort 1956 eine o. Professur erhielt. Von 1958 an war er Honorarprofessor in Marburg.

Werk:

Ausgehend von seiner Dissertation befasste sich Helmut von Bracken mit Fragen der vorwiegend pädagogischen Charakterologie einschließlich der Handschriftendeutung. Dies setzte er in seiner Habilitationsschrift ‚Zur Symptomatik der Bewegungsspur‘ und auch in Zwillingsstudien fort. Allerdings äußerte er sich jeweils kritisch über den Zusammenhang zu Erbanlagen. Von großer Bedeutung erschien ihm auch die Psychologie des Alterns. Er wies frühzeitig darauf hin, dass die geistige Leistungsfähigkeit auch im höheren Alter sehr beachtlich ist. Neben der Behandlung sozialpsychologischer Themen (Vorurteilsforschung) gab von Bracken auch das Standardlehrbuch ‚Persönlichkeit‘ (1949) von Gordon Allport heraus. Seine Arbeiten auf dem Feld der Sonderschulpädagogik, insbesondere im Umgang mit behinderten Kindern, waren unter den ersten in Deutschland.

Primärquellen:

Bracken, H. v. (1925). Persönlichkeitserfassung auf Grund von Persönlichkeitsbeschreibungen. Untersuchungen zum Problem des Personalbogens. Jenaer Arbeiten zur Jugend- und Erziehungspsychologie, 1, 3-50.

Bracken, H. v. (1930). Die Anpassung der Jugendlichen an das Erwerbsleben. Langensalza: Beltz.

Bracken, H. v. (1939). Die Altersveränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit und der seelischen Innenwelt. Zeitschrift für Altersforschung, 1, 256-266.

Archivalien:

AWZ, teilerschlossener Nachlass Helmut von Bracken.

Armin Stock

Brahn, Max

15. Juni 1873 Laurahütte/Oberschlesien – Ende Oktober 1944 Auschwitz

Kurzbiographie:

Max Brahn wurde als Sohn des Kaufmannes Gustav Brahn geboren. Er besuchte das Gymnasium in Beuthen, wo er 1891 sein Abitur machte. Danach studierte er Medizin in Erlangen, München, Berlin, Kiel und Heidelberg. Er wandte sich nach dem medizinischen Physikum der Psychologie zu. 1895 promovierte er mit der Arbeit Die Entwicklung des Seelenbegriffes bei Kant zum Dr. phil. in Heidelberg. Er ging nach Leipzig und arbeitete bei Wilhelm Wundt auf dem Gebiet der experimentellen Psychologie. 1898 reichte er seine Habilitationsschrift Experimentelle Beiträge zur Gefühlslehre in Leipzig ein (das Verfahren endete erst 1901). Brahn war nun unbesoldeter Privatdozent und leitete ab 1906 das Institut für experimentelle Pädagogik und Psychologie (des Leipziger Lehrervereins). Er arbeitete zudem als Dozent an der privaten Hochschule für Frauen in Leipzig. Von 1911 bis 1919 war er Leiter des neugegründeten Instituts für experimentelle Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Universität Leipzig. Der Antrag auf eine etatmäßige a.o. Professur 1913 wurde von der philosophischen Fakultät abgelehnt. Auch 1921 wurde ihm eine a.o. Professur für Berufspädagogik und experimentelle Pädagogik durch die philosophische Fakultät der Universität Leipzig verwehrt. Er wandte sich von der akademischen Psychologie ab und ging zurück nach Oberschlesien, wo er als Regierungsrat „Deutscher Bevollmächtigter für Arbeitsfragen“ in Oberschlesien wurde. Er wurde in Oberschlesien und Westfalen Schlichter von Lohn- und Tarifstreitigkeiten. 1932 wurde er als Kandidat für den Arbeitsminister in der Reichsregierung geführt, aufgrund seiner jüdischen Herkunft scheiterte diese Ernennung. 1933 emigrierte er in die Niederlande und wurde nach der deutschen Besetzung Mitglied des Amsterdamer Judenrates. Trotz der Zusicherung, nicht deportiert zu werden, wurde er 1943 in das KZ Theresienstadt verbracht und 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet.

Werk:

Max Brahn arbeitete auf dem Gebiet der Pädagogischen Psychologie. Ihm war daran gelegen, die Begabungsprüfungen empirisch in den pädagogischen Alltag zu integrieren. In seiner Studie zur Richtung von Gefühlen versuchte er eine psychophysiologische Bestätigung der Gefühlstheorie von Wundt. Brahn erfasste die Pulsänderungen von Probanden, die verschiedenen Reizen ausgesetzt waren, und fand spezifische Muster für die drei Wundtschen Gefühlsrichtungen: Lust-Unlust, Erregung-Beruhigung und Spannung-Lösung. Pulsveränderungen hingen hierbei mit der Intensität des Gefühls und auch mit Schwankungen der Aufmerksamkeit zusammen. Max Brahn schrieb zudem das Vorwort zu verschiedenen Werken und gab philosophische Werke heraus.

Primärquellen:

Brahn, M. (1901). Experimentelle Beiträge zur Gefühlslehre I. Theil: Die Richtungen des Gefühls. Leipzig: Engelmann.

Brahn, M. (1910). Experimentelle Pädagogik. Pädagogisch-Psychologische Arbeiten, 1, 1-16.

Brahn, M. (1919). Besinnliches zur Begabungsprüfung. Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik, 20, 328-333.

Sekundärquelle:

Gundlach, H. (1994). Max Brahn (1873-1944) In memoriam. Psychologie und Geschichte, 6, 223-232.

Uwe Wolfradt

Broermann, Ernst

1. September 1894 Uelde/Westfalen – 29. September 1970 Bonn

Kurzbiographie:

Ernst Broermann, Sohn des Postassistenten Ernst Eberhardt Broermann und seiner Ehefrau Anna (geb. Farke), besuchte das Gymnasium Theodorianum in Paderborn bis zum Abitur Ostern 1913. Anschließend studierte er bis Juli 1914, war dann Kriegsfreiwilliger im Weltkrieg, danach studierte er von November 1918 bis Februar 1924 in Münster Germanistik, Romanistik, Philosophie, Psychologie und Pädagogik. Mit der Dissertation Der Begriff der praktischen und theoretischen Intelligenz, untersucht auf Grund einer analytischen Betrachtung des allgemeinen Begriffes der Intelligenz unter kritischer Berücksichtigung der in der Tierpsychologie aufgestellten Hypothesen wurde er mit Max Ettlinger als Referenten am 15.4.1925 zum Dr. phil. promoviert. Zum 1.4.1926 wurde er als Dozent für Psychologie und Leibesübungen, später für Psychologie und Pädagogik, an die Pädagogische Akademie Bonn (ab 1933: Hochschule für Lehrerbildung Bonn) berufen und am 14.7.1930 zum Professor ernannt. Obgleich er von 1928 bis 1933 Mitglied des Zentrum war, wurde er am 1.5.1933 Mitglied der NSDAP und SA-Sturmführer. Am selben Tag wurde er Professor für Charakterkunde und Jugendkunde an der umbenannten Hochschule. Im selben Jahr unterzeichnete er das Bekenntnis der Professoren zu Adolf Hitler. Die Hochschule wurde zum Wintersemester 1939 geschlossen, Broermann zur Wehrmacht eingezogen und an die Psychologische Prüfstelle VI (West) in Düsseldorf beim Wehrkreiskommando Münster bestellt. 1941 wurde er auch Lehrbeauftragter für Psychologie an der Bonner Universität. Nach Auflösung der Wehrmachtpsychologie 1942 kam er an die Ostfront und geriet in sowjetische Gefangenschaft, aus der er erst Weihnachten 1953 zurückkehrte. 1954 wurde er Professor für Psychologie an der Pädagogischen Akademie Bonn.

Werk:

In seinem Buch ‚Allgemeine Psychologie‘ führt Ernst Broermann in den Gegenstandsbereich ein: in die Arten des seelischen Erlebens (Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Denken), in Fühlen, Streben und die Bedingungen des psychischen Erlebens (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Phantasie und Intelligenz). Broermann arbeite in Bonn im Wesentlichen auf dem Gebiet der Pädagogischen Psychologie. Während der NS-Zeit versuchte er auch die Rassevorstellungen der NS-Ideologie auf die Pädagogik anzuwenden: „Die Verantwortung gegenüber der Blutsgemeinschaft, in der der junge Mensch lebt, und die er einmal fortpflanzen soll als Träger seines rassegebundenen Erbgutes, muß als wichtigste tragende Säule im menschlichen Gesamtgeschehen, – soweit es vom Einzelwillen abhängig ist, – innerlich so stark gespürt werden, daß Rassenstolz (unter Anerkennung der Eigenart anderer Rassen) und konsequente Setzung der daraus abzuleitenden Entschlüsse im Leben ihm zur Selbstverständlichkeit werden“ (1935, S. 183).

Primärquellen:

Broermann, E. (1929). Allgemeine Psychologie Eine Einführung in ihre Tatsachen und Probleme mit besonderer Berücksichtigung der Pädagogik. Paderborn: Schöningh.

Broermann, E. (1935). Das Volksschulalter in charakterologischer, sozialpsychologischer und pädagogischer Beleuchtung. Paderborn: Schöningh.

Sekundärquelle:

Hesse, A. (1995). Die Professoren und Dozenten der preußischen pädagogischen Akademien (1926-1933) und Hochschulen für Lehrerbildung (1933-1941). Weinheim: Deutscher Studien-Verlag.

Horst Gundlach

Brosius, Otto

7. Januar 1899 Berlin – 11. September 1975 Laubach

Kurzbiographie:

Otto Rudolf Brosius wurde als Sohn des Werkzeugmeisters Georg Brosius und seiner Ehefrau Ernestine (geb. Lentz) geboren. Er besuchte das Lessing-Gymnasium in Berlin, das Gymnasium in Köslin und das Lessing-Gymnasium in Frankfurt/M., wo er 1917 sein Abitur machte. Von 1917 bis 1929 studierte er Philosophie, Pädagogik, Geschichte und Deutsch in Berlin, unterbrochen durch den Kriegseinsatz (1918) und aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten. 1929 promovierte er mit der Arbeit Wilhelm von Humboldts Religion (bei Eduard Spranger↑) in Berlin. Von 1932 bis 1936 war er Assistent am Pädagogischen Seminar der Universität Berlin. In der Zeit ab 1936 bis Kriegsende arbeitete er als Wehrpsychologe in der Psychologischen Prüfstelle III Ost in Berlin. Von 1945 bis 1947 war er als Lehrer an der Marburger Mittelschule beschäftigt. 1948 ging er in die hessische Lehrerbildung und war von 1952 bis 1954 Dozent am Pädagogischen Institut Darmstadt und dann a.o. Professor am Pädagogischen Institut Weilburg. Am 12.12.1963 wurde er zum a.o. Professor für Erziehungs- und Bildungswesen an der Hochschule für Erziehung der Universität Gießen berufen, wo er 1967 emeritiert wurde.

Werk:

In seiner Zeit als Wehrpsychologe schrieb Otto Brosius eine Abhandlung (1941) über den Fanatiker. Der Begriff leitet sich aus dem Religiösen ab, lässt sich bei Religiösen (wie Calvin) finden und zeichnet sich durch folgende Merkmale aus: Enge des Wertblicks mit extremer Einseitigkeit (Enweder/oder-Haltung), inneres Getriebensein zwischen Gegensätzen (z.B. Freiheit und Macht) und Missverhältnis zwischen Größe der Idee und persönlicher Unzulänglichkeit. Ganz im Sinne der NS-Ideologie soll der „deutsche Mensch der Gegenwart“ dennoch die „Unbedingtheit und Unerbittlichkeit des fanatischen Wahrheits- und Tatwillens als eine ewige Komponente weltgeschichtlicher Entwicklung“ (S. 87) anerkennen.

Primärquellen:

Brosius, O. R. (1931). Wilhelm von Humboldts Religion. Berlin: Funk.

Brosius, O. R. (1941). Der Fanatiker – Eine Persönlichkeitsanalyse. In: Inspektion des Personalprüfwesens des Heeres (Hrsg.), Menschenformen. Volkstümliche Typen. Teil II, Band 1 (S. 79-87). Berlin: Bernhard & Graefe.

Sekundärquelle:

Asmus, W. (1976). In memoriam Otto Brosius (1899-1975). Giessener Universitätsblätter, 91, 96.

Uwe Wolfradt

Brückner, Gustav Heinrich

26. August 1901 Feldberg, Mecklenburg-Strelitz – 04. Januar 1984 Glinde bei Hamburg

Kurzbiographie:

Gustav Heinrich Brückner wurde als Sohn des Landgerichtsrates Gustav Brückner und seiner Frau geboren. Er besuchte die Humanistischen Gymnasien in Friedland (Mecklenburg) und in Neustrelitz, studierte in Jena, München und ab dem Wintersemester 1924/25 in Rostock Jura und Volkswirtschaft. Im Wintersemester 1928/29 wechselte er zur Rostocker Philosophischen Fakultät und studierte Psychologie, Psychiatrie und Zoologie. Am 14.7.1932 bestand er das Rigorosum und wurde am 27.2.1933 bei David Katz↑ mit der Arbeit Untersuchungen zur Tiersoziologie, insbesondere zur Auflösung der Familie zum Dr. phil. promoviert. Er wurde wissenschaftlicher Fachbearbeiter für Tierische Nachrichtenmittel und Heereshundewesen im Reichskriegsministerium. Am 10.1.1936 wurde er Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Tierpsychologie und gehörte ihrem Beirat an. Außerdem wurde er Herausgeber der Zeitschrift für Hundeforschung, Neue Folge. Nach dem Krieg wurde er Mitglied des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (bdp) und arbeitete bei der Deutschen Vacuum Oel AG in Hamburg als Wirtschaftspsychologe, später bei der Mobil Oil AG als Konzernberater.

Werk:

Die Lebensdaten von Gustav Heinrich Brückner verweisen auf bisher unerforschte Kapitel der Psychologiegeschichte – auf die Mitwirkung von Psychologen bei der Ausbildung und beim Einsatz militärischer Tiere, zumal bei dem Heereshundewesen sowie auf das Interesse des Oberkommandos des Heeres an der Tierpsychologie, dem z. B. Werner Fischel↑ 1941 seine Dozentur für Tierpsychologie an der Universität Leipzig zu verdanken hatte. Immerhin sollen im Zweiten Weltkrieg weltweit etwa 30 Millionen Tiere militärisch eingesetzt worden sein.

Primärquellen:

Brückner, G. H. (1934). Ein Beitrag zur Psychologie der Hellseher. Zeitschrift für angewandte Psychologie, 46, 210-228.

Brückner, Gustav Heinrich (1938). Über einen zweibeinigen Hund. Eine vergleichend-psychologische Betrachtung. Zeitschrift für Hundeforschung, N. F. 13, 1-16.

Brückner, G. H. (Hrsg.) (1944). Der Hund im Kriege, Bd. 1, Erfahrungen über Abrichtung und Einsatz. Zeitschrift für Hundeforschung, N.F. 18. Leipzig: Paul Schöps Verlag. (Hrsg. im Einvernehmen mit der Amtsgruppe Nachrichtenwesen im Oberkommando des Heeres). Leipzig: Schöps.

Keller, H. & Brückner, G. H. (1932). Neue Versuche über das Richtungshören des Hundes. Zeitschrift für Psychologie, 126, 14 -38.

Sekundärquelle:

Effertz, J. (1937). Bericht über die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Tierpsychologie. Zeitschrift für Tierpsychologie, 1, 1-8.

Horst Gundlach

Brunswik, Egon

18. März 1903 Budapest – 7. Juli 1955 Berkeley/Kalifornien

Kurzbiographie:

Egon Brunswik hatte von 1921 an zunächst an der Technischen Hochschule in Wien studiert, bevor er 1923 an die Universität Wien wechselte, um dort seine Studien in der Philosophie, Psychologie, Mathematik und Physik aufzunehmen. Im Sommer 1926 legte er für Mathematik und Physik die Lehramtsprüfung für Mittelschulen ab. Als Karl Bühler↑ ihn im April 1927 als wissenschaftliche Hilfskraft in das von ihm geleitete Wiener Psychologische Institut aufnehmen wollte, bereitete sich Brunswik gerade auf die Ergänzungsprüfung für das Lehramt in Philosophie und den Abschluss seines eben bei Karl Bühler begonnenen Doktoratsstudiums vor: Thema der Promotion Strukturmonismus und Physik. Gleichzeitig war er als Hilfslehrer an einem Wiener Realgymnasium tätig. Mit dem Eintritt in den Universitätsdienst war die Entscheidung für eine wissenschaftliche Laufbahn und gegen den Lehrerberuf gefallen. Im Februar 1931 nahm Brunswik eine Gastdozentur am Gazi-Institut in Ankara – einer Pädagogischen Hochschule, an der Lehrer für das höhere Schulwesen in der Türkei ausgebildet wurden – an, um dort ein experimentalpsychologisches Laboratorium aufzubauen. Zurück in Wien konnte er sich Ende des Jahres 1933 mit der Arbeit Wahrnehmung und Gegenstandswelt: Grundlegung einer Psychologie vom Gegenstand her habilitieren. Für das Studienjahr 1935/36 erhielt Brunswik ein Stipendium der Rockefeller-Foundation, um mit Edward C. Tolman an der University of California in Berkeley zusammenzuarbeiten. Dieser machte sich 1937 für eine Berufung Brunswiks nach Berkeley stark, allerdings musste Brunswik zehn Jahre warten, ehe er die versprochene Ernennung zum Full Professor erhielt. 1938 heiratete Egon Brunswik Else Frenkel↑, die Österreich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ im März 1938 hätte verlassen müssen. Am 7. Juli 1955 schied Brunswik, an Hypertonie erkrankt, freiwillig aus dem Leben.

Werk:

Basierend auf Überlegungen von Fritz Heider übernahm Egon Brunswik in seiner Habilitationsarbeit die entscheidenden theoretischen Anregungen zur Entwicklung dessen, was er eine „objektive Leistungsanalyse der Wahrnehmung“ nannte: die Untersuchung der Frage nämlich, inwieweit unsere Wahrnehmung die in ihr intendierten Gegenstände über mehr oder weniger leicht zugängliche intermediäre Zeichen auch tatsächlich intentional erreicht. Nicht das Resultat, die Wahrnehmungsgüte, stand dabei im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern die funktionalistische Analyse, wie aus Umweltgegebenheiten Wahrnehmungsgegenstände werden (Brunswik, 1934). Unter dem Einfluss von Edward Tolman baute Brunswik diesen Ansatz zu einem probabilistischen Modell aus, indem er die Beziehungen zwischen Zeichen und Bezeichnetem als prinzipiell mehrdeutig und somit die Wahrnehmung selbst als ein hypothetisches Urteilen aufzufassen begann (Tolman & Brunswik, 1935). In den USA versuchte Brunswik seinen probabilistischen Funktionalismus Schritt für Schritt hin auf eine allgemeine theoretische und methodologische Grundlegung der Psychologie zu erweitern (Brunswik, 1952, 1956).

Primärquellen:

Brunswik, E. (1927). Strukturmonismus und Physik. Dissertation, Universität Wien.

Brunswik, E. (1934). Wahrnehmung und Gegenstandswelt. Grundlegung einer Psychologie vom Gegenstand her. Leipzig: Deuticke.

Tolman, E. C. & Brunswik, E. (1935). The organism and the causal texture of the environment. Psychological Review, 62, 43-77.

Sekundärquelle:

Fischer, K. R. &. Stadler, F. (Hrsg.), (1997). „Wahrnehmung und Gegenstandswelt“. Zum Lebenswerk von Egon Brunswik. Wien: Springer.

Gerhard Benetka

Bühler, Charlotte

20. Dezember 1893 Berlin-Charlottenburg – 3. Februar 1974 Stuttgart

Kurzbiographie:

Charlotte Bühler (geb. Malachowski) wuchs als Kind einer wohlhabenden Familie – der Vater war Königl. Regierungsbaumeister und Architekt, die Mutter gebildet und kulturell vielfältig interessiert – in Berlin auf. Da die Familie mit jüdischen Wurzeln sich um Assimilierung bemühte, wurde Charlotte getauft und evangelisch erzogen. Sie besuchte die Krainsche Höhere Mädchenschule und das Auguste-Viktoria-Lyzeum zu Charlottenburg, wo sie 1913 ihr Abitur bestand. Sie begann ein Studium in Freiburg, wechselte nach einem Semester nach Berlin, nach einem weiteren nach Kiel, wo sie Ostern 1915 das Lehrerinnenexamen ablegte, und wieder zurück nach Berlin. Zu den besuchten Lehrveranstaltungen zählten neben philosophischen und psychologischen auch medizinische, botanische, linguistische und solche der Literaturwissenschaften. Im Herbst 1915 wechselte sie auf Empfehlung Carl Stumpfs an die Universität München zu Oswald Külpe, um eine denkpsychologische Dissertation zu erarbeiten. Nach Külpes plötzlichem Tod am 30.12.1915 wurde Karl Bühler↑, der als Stabsarzt an der Westfront diente, zur vertretungsweisen Institutsleitung nach München gesandt. Nach wenigen Monaten, bereits am 4. April 1916, heirateten er und Charlotte Malachowski. Ende 1917 promovierte Charlotte Bühler mit einer Arbeit Über Gedankenentstehung. Experimentelle Untersuchungen zur Denkpsychologie (1918 erschienen). Im Herbst 1918 übersiedelte das Paar nach Dresden, wo Karl Bühler an der TH eine außerplanmäßige Professur erhalten hatte und Charlotte Bühler mit einer Arbeit über Entdeckung und Erfindung in Literatur und Kunst habilitierte und 1920 zur ersten Privatdozentin (für Ästhetik und Pädagogische Psychologie) Sachsens wurde. 1922 erhielt Karl Bühler einen Ruf an die Universität Wien als Ordinarius für Philosophie und experimentelle Psychologie, im Jahr darauf folgte ihm seine Frau und nahm nach Umhabilitation am Vorlesungsbetrieb des neu gegründeten Psychologischen Instituts teil. Ab Oktober 1924 reiste sie für einen zehnmonatigen Forschungsaufenthalt in die USA, finanziert von der Rockefeller Foundation, die in der Folge weitere, erhebliche Fördermittel zusagte. In den nächsten Jahren und mit der Hilfe zahlreicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (bspw. Hildegard Hetzer↑, Lotte Schenk-Danzinger↑, Paul Lazarsfeld↑, Egon Brunswik↑, Else Frenkel-Brunswik↑ und weitere mehr) entwickelte sich eine rege Forschungstätigkeit am Wiener Psychologischen Institut. 1929 wurde Charlotte Bühler dort außerordentliche Professorin; bis 1938 folgten weitere Vortragsreisen und Auslandsaufenthalte. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 wurde Karl Bühler inhaftiert; Charlotte Bühler, die sich gerade in London aufhielt, erreichte erst im Herbst und von Oslo aus seine Freilassung. Nach etwa anderthalb Jahren in Norwegen – sie wurde Professorin für Psychologie zunächst an der Lehrerakademie Trondheim, dann an der Universität Oslo – folgte sie ihrem Mann im März 1940, kurz vor der Besetzung Norwegens, in die USA. Anfangs lehrten dort beide an Colleges, nach verschiedenen Tätigkeiten im Osten (New York und Massachusetts) und Norden (Minnesota) ließen sie sich 1945 im Westen Nordamerikas (Kalifornien) nieder, wo Charlotte Bühler klinische Psychologin am Los Angeles County General Hospital wurde, mit ihrem Mann eine psychotherapeutische Praxis in Hollywood aufbaute und sich intensiver mit psychoanalytischem Denken auseinandersetzte. Charlotte Bühler begann nach den schwierigen Anfangsjahren im Exil ab 1951 wieder zu schreiben und bereiste mit ihrem Mann (dem es nicht mehr gelang, in den USA auf vergleichbare Weise Fuß zu fassen) 1956 und 1960 Europa. 1962 spielte sie (neben Abraham Maslow, Kurt Goldstein↑, Rollo May, Carl Rogers u.a.) eine wichtige Rolle bei der Gründung der „American Association for Humanistic Psychology“, die von Maslow als „dritte Kraft“ der Psychologie – neben Psychoanalyse und Behaviorismus – bezeichnet wurde. Am 24.10.1963 starb Karl Bühler, Charlotte Bühler arbeitete jahrelang intensiv weiter schriftstellerisch und auf Vortragsreisen, wo sie nun vor allem über humanistische Psychologie referierte. 1970 kehrte sie nach Deutschland (in ein Wohnstift in Stuttgart) zurück und starb am 3.2.1974 nach einer Reihe von Schlaganfällen.

Werk:

Charlotte Bühler prägt (zusammen mit ihrem Mann und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Wiener Instituts) nachhaltig eine sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konturierende Kinder- und Jugendpsychologie. Hierzu werden auch innovative methodische Zugänge entwickelt, bspw. Experimente mit Kindern oder das Heranziehen der Tagebücher von Jugendlichen (letzteres etwa in ‚Das Seelenleben des Jugendlichen. Versuch einer Analyse und Theorie der psychischen Pubertät‘, erste Auflage 1922, siebte Auflage 1991). Relativ neu ist auch die Idee einer psychischen Entwicklung über die gesamte Lebensspanne hinweg (entfaltet bspw. in ‚Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem‘, erste Auflage 1933, zweite Auflage 1959). Nach der Emigration wird sie eine wichtige Vertreterin der humanistischen Psychologie, zu deren Verbreitung sie nicht nur durch Schriften (etwa der zusammen mit Melanie Allen verfassten ‚Einführung in die humanistische Psychologie‘, in Deutsch erschienen 1974), sondern auch durch Vortragsreisen beiträgt.

Primärquellen:

Bühler, C. (1922). Das Seelenleben des Jugendlichen. Jena: Fischer.

Bühler, C. (1933). Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem. Leipzig: Hirzel.

Sekundärquelle:

Bürmann, I. & Herwartz-Emden, L. (1993). Charlotte Bühler: Leben und Werk einer selbstbewußten Wissenschaftlerin des 20. Jahrhunderts. Psychologische Rundschau, 44, 205-225.

Alexander Kochinka

Bühler, Karl

27. Mai 1879 Meckesheim – 24. Oktober 1963 Los Angeles

Kurzbiographie:

Karl Bühler wurde als Sohn des Eisenbahnbeamten Johann Philipp Ludwig Bühler und seiner Ehefrau Berta (geb. Emmerich) geboren. Nach dem Schulbesuch am humanistischen Gymnasium Tauberbischofsheim studierte er ab 1899 Medizin an der Universität Freiburg (Dr. med. 1903 mit der Arbeit Beiträge zur Lehre von der Umstimmung des Sehorgans) und Philosophie an der Universität Straßburg (Dr. phil. 1904 mit der Arbeit Studien über Henry Home). Ab 1906 arbeitete er als Assistent in dem von Oswald Külpe geleiteten Institut für Psychologie an der Universität Würzburg und wurde zu einem der Wortführer der Denk- und Willenspsychologie der sogenannten Würzburger Schule. Seine Habilitationsschrift Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge trug ihm eine heftige Kontroverse mit Wilhelm Wundt ein, die ihn in der internationalen Fachwelt schlagartig bekannt machte. 1909 folgte er als Assistent seinem Lehrer Oswald Külpe an die Universität Bonn, 1913 dann an die Universität München. Nach dem plötzlichen Tod Külpes Ende 1915 übernahm Bühler vertretungsweise den Münchner Lehrstuhl als a.o. Professor. In München lernte er die Studentin Charlotte Malachowski kennen, die er im April 1916 heiratete (Charlotte Bühler↑). Während des 1. Weltkriegs arbeitete er als Arzt im Militäreinsatz. 1918 wurde Bühler auf eine o. Professur für Philosophie und Pädagogik an die Technische Hochschule Dresden und im Herbst des Jahres 1922 dann als o. Professor an die Wiener Universität berufen, wo er mit dem Wiener Psychologischen Institut eines der international renommiertesten Lehr- und Forschungszentren der deutschsprachigen Psychologie begründete. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde Karl Bühler, weil er mit einer nach den Rassengesetzen der Nazis als nicht-arisch geltenden Frau verheiratet war, in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, für sechs Wochen in „Schutzhaft“ genommen und schließlich unter Aberkennung aller Pensionsansprüche entlassen. Gemeinsam mit seiner Frau emigrierte er über Norwegen in die USA, wo er im dort herrschenden Wissenschaftsbetrieb – im Gegensatz zu seiner Frau – nicht mehr Fuß fassen konnte. Bühler lehrte 1939 am St. Scholastica College in Duluth, MN, und ab 1940 am St. Thomas College in St. Paul, MN. 1945 übersiedelte er nach Kalifornien, wo er als Assistant Clinical Professor of Psychiatry an der medizinischen Fakultät der University of Southern California in Los Angeles tätig war.

Werk:

Karl Bühler war Zeit seines Lebens darum bemüht, der Psychologie ein festes Fundament in der Biologie zu verschaffen. Neben seinen Arbeiten zur Denk- und Gestaltpsychologie schuf er in seiner Beschäftigung mit der geistigen Entwicklung des Kindes (Bühler, 1918) die Grundlagen für die Entwicklung einer evolutionären Erkenntnistheorie, wie sie dann später von Konrad Lorenz↑ ausgebaut wurde. 1927 erschien das Buch ‚Die Krise der Psychologie‘ (Bühler, 1927), mit dem er einen Pluralismus der Forschungsmethoden in der Psychologie wissenschaftstheoretisch zu begründen versuchte. Bühlers Hauptarbeitsgebiet in seiner Wiener Zeit war aber die Psychologie der Sprache (Bühler, 1934). Die darin entwickelte Theorie von der dreifachen Leistung der Sprache: in der Sprache drückt ein Sender seine Gedanken aus („Ausdruck“), er appelliert an einen Empfänger („Appell“) und stellt in seiner Mitteilung einen Sachverhalt dar („Darstellung“) – und die damit verbundene Theorie von der dreifachen Funktion der Sprachzeichen: „Symptom“ (Ausdruck); „Signal“ (Appell) und „Symbol“ (Darstellung) zählen heute zum selbstverständlichen Wissensbestand der Sprach- und Kommunikationswissenschaften.

Primärquellen:

Bühler, K. (1918). Die geistige Entwicklung des Kindes. Jena: Fischer.

Bühler, K. (1927). Die Krise der Psychologie. Jena: Fischer.

Bühler, K. (1934). Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Jena: Fischer.

Sekundärquelle:

Benetka, G. (1995). Psychologie in Wien. Sozial- und Theoriegeschichte des Wiener Psychologischen Instituts 1922-1938. Wien: WUV

Gerhard Benetka

Janette Friedrich

Burkamp, Wilhelm

20. Januar 1879 Stöckte – 26. August 1939 Rostock

Kurzbiographie:

Wilhelm Theodor Burkamp wurde als Sohn des Landwirtes Heinrich Burkamp und seiner Frau Wilhelmine (geb. Schnore) geboren. Nach Besuch der Realschule Hamburg und der Landwirtschaftsschule Hildesheim macht er 1899 seinen einjährigen Militärdienst. Von 1900 bis 1904 leitete er den elterlichen Bauernhof in Vierlande (bei Hamburg). Unterbrochen durch ein Studium der Biologie und Philosophie an der Universität Berlin (1904-1906) führte er von 1906 bis 1909 den elterlichen Bauernhof weiter, ehe er 1909 als Externer sein Abitur nachholte. Von 1909 bis 1913 studierte er Philosophie, Naturwissenschaften, Geschichte und Kunstgeschichte an den Universitäten Berlin und Kiel. 1913 legte er in Kiel die Dissertation Die Entwicklung des Substanzbegriffs bei Ostwald vor. Von 1913 bis 1914 war er Assistent am Institut für Jugendkunde am Hamburger Kolonialinstitut. Von 1914 bis 1918 nahm er am 1. Weltkrieg teil. Sein Studium der Philosophie, Psychologie und Naturwissenschaft führte er von 1919 bis 1922 an der Universität Göttingen weiter. 1922 habilitierte er sich mit dem Thema Die Kausalität des psychischen Prozesses und der unbewußten Aktionsregulationen an der Universität Rostock. Dort war er auch von 1923 bis 1929 Privatdozent und von 1929 bis 1939 a.o. Professor für Philosophie.

Werk:

Wilhelm Burkamp befasst sich in seinem Werk mit erkenntnisphilosophischen Fragen der Psychologie und der Logik. In seiner Habilitationsschrift fragt er nach der kausalen Funktion des Willens für den Erkenntnisprozess. Er hebt hierbei die Bedeutung der Motivation (Lust-Unlust) hervor und stellt fest, dass Erkenntnis alleine niemals den Willensentschluss bestimmen kann. Burkamp versucht assoziationspsychologische Überlegungen zu Reflexen und Reaktionen zu einer vitalistischen Persönlichkeitskonzeption weiterzuführen. Diese Überlegungen gründen sich auf ein System von Geltungen, die aus Willen- und Urteilsakten abgeleitet werden.

Primärquellen:

Burkamp, W. (1922). Die Kausalität der psychischen Prozesse und ihre unbewußten Aktionsregulationen. Berlin: Springer.

Burkamp, W. (1929). Die Struktur der Ganzheiten. Berlin: Junker & Dünnhaupt. Stuttgart: Klett.

Sekundärquelle:

"Wilhelm Burkamp" im Catalogus Professorum Rostochiensium, URL: http://cpr.uni-rostock.de/metadata/cpr_person_00003328 (abgerufen am 02.05.2016).

Uwe Wolfradt

Busemann, Adolf

15. Mai 1887 Emden – 5. Juni 1967 Marburg/Lahn

Kurzbiographie:

Adolf Hermann Heinrich Busemann wurde als Sohn des protestantischen Volksschullehrers Libertus Klaassen Busemann und seiner Ehefrau Anna (geb. Schumacher) geboren. Busemann verbrachte seine Schulzeit in Northeim und studierte nach dem Abitur 1906 Psychologie, philosophische Propädeutik, evang. Theologie und Hebräisch in Göttingen. 1910 bestand er das Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen. Bis zum 1. Weltkrieg arbeitete er in Schlesien, Hessen und im Ruhrgebiet erst als Lehrer, später als Seminarlehrer. Im 1. Weltkrieg diente er im Landsturm, wurde als kriegsuntauglich entlassen und kehrte in den Seminardienst zurück (Frankenberg/Eder, Bederkesa, Einbeck). Nach der Promotion 1925 bei Narziß Ach↑ in Göttingen zum Thema Über die kategorial-emotionale Rhythmik der Jugend folgte die Habilitation 1926 in Greifswald mit der Arbeit Die Jugend im eigenen Urteil. Von 1926 bis 1935 war er Privatdozent in Greifswald, ließ sich allerdings von 1929 bis 1932 beurlauben, da er 1928 bis 1929 a.o. Prof. für Psychologie am Pädagogischen Institut in Rostock, von 1929 bis 1931 a.o. Prof. für Psychologie mit der Vertretung der Philosophie und experimentellen Pädagogik an der Pädagogischen Akademie in Breslau und von 1931 bis 1932 a.o. Prof. für Psychologie an der Pädagogischen Akademie in Kiel war. Infolge preußischer Sparmaßnahmen in Kiel kehrte er wenig später als Privatdozent nach Greifswald zurück. Nach der NS-Machtübernahme änderte sich seine Situation deutlich, da er von 1923 bis 1932 Mitglied der SPD gewesen war. Eine in Aussicht gestellte Stelle als Ordinarius für Philosophie wurde nicht mehr realisiert. 1934 wurde Busemann durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zum Volksschullehrer zurückgestuft. Er verzichtete 1935 auf seine Lehrbefugnis an der Universität Greifswald, ließ sich am 31.3.1937 gesundheitsbedingt in den Ruhestand versetzen und zog nach Wehrda bei Marburg. Von 1940 bis 1942 arbeitete er als Wehrpsychologe in Kassel und ab 1943 nach Entlassung aus der Wehrmacht als klinischer Psychologe in einem Lazarett für Hirnverletzte in Cappel bei Marburg. Die Universität Marburg wurde im Herbst 1945 wieder eröffnet. Busemann leitete in dieser Zeit den Lehrstuhl für Psychologie und übernahm die stellvertretende Leitung der von Erich Jaensch↑ gegründeten Anthropologie. In diesen Ämtern wurde er 1946/47 von Heinrich Düker↑ abgelöst. Ab 1954 wirkte er an der Ausbildung von Sonderpädagogen in Marburg mit.

Werk:

Als Wissenschaftler war Adolf Busemann ein Vertreter der empirischen pädagogischen Forschung und Milieupädagogik und gilt als ein führender Vertreter der pädagogischen Psychologie, dessen Bücher auch für die Kinderpsychiatrie relevant waren. Sein humanistisches Menschenbild spiegelt sich in seiner Forschung zur Milieukunde und Entwicklungspsychologie vor dem 2. Weltkrieg und auf den Gebieten der Heilpädagogik (speziell der Hirnverletzungen), der Begabtenauslese, des Schulerfolgs und der Legasthenie in der Zeit danach wider. Zudem besitzen Busemanns Werke zur quantitativen Linguistik bis heute Bedeutung. Er war Mitherausgeber zahlreicher pädagogisch-psychologischer Zeitschriften. 1957 erhielt er für seine Verdienste das Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der BRD und 1962 die medizinische Ehrendoktorwürde der Universität Marburg.

Primärquellen:

Busemann, A. (1931). Pädagogische Jugendkunde. Frankfurt/M.: Diesterweg.

Busemann, A. (1936). Über Grundbegriffe der Kinder- und Jugendpsychologie. Acta Psychologica, 1, 49-64.

Busemann, A. (1967). Weltanschauung in psychologischer Sicht. Ein Beitrag zur Lehre vom Menschen. München: Reinhardt.

Sekundärquelle:

Hesse, Alexander (1995). Die Professoren und Dozenten der preußischen pädagogischen Akademien (1926-1933) und Hochschulen für Lehrerbildung (1933-1941). Weinheim: Deutscher Studien-Verlag.

Claudia Stock

Horst Gundlach

Buß, Onko

2. November 1908 Driever, Ostfriesland – 3. September 1941 am Dnjepr/Rußland

Kurzbiographie:

Onko Jakobus Buß, Sohn des evangelischen Schmiedemeisters Everhard Buß und seiner Frau Harmanna (geb. Mennenga), besuchte das Realgymnasium in Leer und erwarb das Reifezeugnis im März 1928. 1924 trat er in den „Jungdeutschen Orden“ ein, später auch in den „Kyffhäuser-Jugendbund“. Ab 1928 besuchte er das Pädagogische Institut in Leipzig und legte Ende des Wintersemesters 1930/1931 das Staatsexamen für das Lehramt Volksschule ab. 1930 trat er in die NSDAP ein. Er wurde Volksschullehrer, trat als Mitbegründer dem NSLB bei, ging zur SA und studierte gleichzeitig an der Universität Leipzig Geschichte, Erziehungswissenschaften und Psychologie. Er wurde 1932 bei Rudolf Kötschke mit der historischen Arbeit Die geschichtliche Entwicklung und Bedeutung des ostfriesischen Deichwesens zum Dr. phil. promoviert. Ab 1933 arbeitete er als Referendar in Berlin, wurde mit der Arbeit Muttersprachliches Gestalten bewertet unter dem Gesichtspunkt der Ganzheit (unveröffentlichtes Typoskript, vgl. auch Buß, 1935b) Studienassessor, aber bald beurlaubt, um als wissenschaftlicher Assistent an das Pädagogische Institut der Universität Leipzig zu gehen. Er wechselte zur Leipziger Hochschule für Lehrerbildung und wurde Leiter der Forschungsgemeinschaft für Dorfkultur am Pädagogisch-Psychologischen Institut des sächsischen NSLB in Leipzig. 1934 trat er der SS bei, wurde Mitarbeiter der Schrifttumsstelle des SD-Hauptamtes in Leipzig, welche die eingehende Literatur der Deutschen Bücherei sichtete, und wurde SS-Obersturmführer. Zudem war er Mitglied im SD, im Reichskolonialbund und im NSV. Ab 1936 war er Leiter der Reichsschule des Reichsnährstandes für Leibesübungen Burg Neuhaus. 1938 wurde er hauptamtlicher Abteilungsleiter im Reichslager für Beamte der NSDAP in Bad Tölz, dessen weltanschauliche Lehrgänge Lehrer, aber beispielsweise auch alle Habilitanden, zum Zweck des Erwerbs der Lehrbefugnis zu besuchen hatten. 1940 ernannte man ihn zum Studienrat. 1942 meldeten die „Wehrpsychologischen Mitteilungen“ seinen Tod an der Ostfront als Leutnant und Batailons-Adjudant.

Werk:

Onko Buß, frühzeitig geprägt durch die völkische Bewegung, lehnte sich an die Ganzheitspsychologie Felix Kruegers↑ an, betrieb sippenkundliche Arbeiten in Grund- und Dorfschulen und forderte, die Erziehungswissenschaft müsse auf der Grundlage der Rassenpsychologie eine Nordische Lebensgestaltung und die „Ausmerzung von Lebensschwachen“ fördern.

Primärquellen:

Buß, O. (1934). Die Ganzheitspsychologie Felix Kruegers: methodische Grundgedanken und grundlegende Ergebnisse. München: Beck.

Buß, O. (1935). Muttersprachliches Gestalten bewertet unter dem Gesichtspunkt der Ganzheit. Zeitschrift für angewandte Psychologie, 46, 170-209.

Buß, O. (1940). Gedanken zu einer lebensgebundenen Erziehungswissenschaft. Leipzig: Armanen.

Sekundärquelle:

Harten, H.-C., Neirich, U., & Schwerendt, M. (2006). Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs: Bio-bibliographisches Handbuch. Berlin: AkademieVerlag.

Horst Gundlach

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017

Authors and Affiliations

  • Uwe Wolfradt
    • 1
  • Elfriede Billmann-Mahecha
    • 2
  • Armin Stock
    • 3
  1. 1.Institut für PsychologieMartin-Luther-Universität Halle-WittenbergHalle (Saale)Deutschland
  2. 2.Institut für Pädagogische PsychologieLeibniz Universität HannoverHannoverDeutschland
  3. 3.Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der PsychologieJulius-Maximilians-Universität WürzburgWürzburgDeutschland

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