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Der Rechtsmißbrauch in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts

  • Christoph Knödler
Part of the Aktuelle Beiträge zum öffentlichen Recht book series (ABÖR, volume 4)

Zusammenfassung

Vom Mißbrauch eines Freiheitsrechts1 bis zum Mißbrauch eines Verfahrens2, vom Mißbrauch der Gefühle3 bis zum Mißbrauch der Gesetzgebungsgewalt4, vom Mißbrauch der Wiedervereinigung5 bis zum Mißbrauch der wirtschaftlichen Macht6 — das BVerfG anerkennt eine solche Vielfalt möglicher Mißbräuche, daß der Mißbrauch zu einer dauerhaft möglichen Beiordnung des Rechts erwächst. In dieser Weite der Mißbrauchsobjekte bedient sich das BVerfG eigenständiger wie eigentümlicher Begriftlichkeiten, etwa wenn es von dem „Mißbrauchsprinzip”7, der ,,Mißbrauchsschranke”8, der „Mißbrauchsgebühr”9 oder dem „»Mißbrauchsrecht«“10 spricht. Und dabei sind diese Neologismen nur das sichtbarste Zeichen einer bruchstück-, lücken- und damit zweifelhaften Dogmatik, die einem Vergleich mit weiteren Bundesgerichten nicht standhält11. Demgegenüber hebt das BVerfG den Schutzcharakter der Mißbrauchsfigur12 und damit den Schutz desjenigen hervor, der durch formal berechtigte, aber materiell ungerechtfertigte Rechtsausübungen in Anspruch genommen wird. Solchermaßen stellt sich das BVerfG dem undankbaren Unterfangen, im judikativen Abseits für atypische Konstellationen und in typischen Einzelfällen, die von den Regelwerken und Regelschöpfern nicht erfaßt werden, materielle Gerechtigkeit walten zu lassen. Vor diesem Hintergrund hebt sich das grobmaschige Spannungsgeflecht ab, in dem der Rechtsmißbrauch verfangen ist: Hier Einzelfallgerechtigkeit13 und Ersatzgerechtigkeit, dort Vertrauensschutz14 und Rechtssicherheit, und über allem thront der Rechtsschutz.

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Literatur

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Authors and Affiliations

  • Christoph Knödler
    • 1
  1. 1.Verwaltungsgericht RegensburgDeutschland

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