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Von Hegel zur Utopie?

Das „Ende der Geschichte“ bei Hegel und seine Aufhebung durch Eduard Gans
  • Gerhard Göhler
Chapter
Part of the Technikzukünfte, Wissenschaft und Gesellschaft / Futures of Technology, Science and Society book series (TEWG)

Zusammenfassung

Hegel ist alles andere als ein Utopist. Mit seiner Philosophie will er das, was ist, begreifen, um es als vernünftig zu erweisen. Dazu muss die Geschichte in ihrer Entwicklung im Wesentlichen abgeschlossen sein, und aus der These vom „Ende der Geschichte“ führt kein Weg in die Utopie. Jedoch müssen Utopien nicht ausschließlich eine radikale Abkehr von Hegel bedeuten, vielmehr kann Philosophie auch systemimmanent in Hegels Spuren utopische Elemente enthalten. Das wird an Eduard Gans (1797–1839) gezeigt, einem prominenten Schüler Hegels und weithin orthodoxen Nachfolger in seinem Systemdenken. Gans öffnet einen Weg in die Utopie, indem er Hegel historisiert und dadurch seine Vorstellung vom „Ende der Geschichte“ aufhebt. Unter dem Einfluss der Saint-Simonisten kann er damit die „soziale Frage“ ganz anders angehen als Hegel. Dieser arbeitet in seiner Analyse der bürgerlichen Gesellschaft den Widerspruch zwischen Armut und Reichtum mit der bedrohlichen Entstehung des Pöbels zwar scharf heraus, sieht aber keine Lösungsmöglichkeit. Gans dagegen nimmt den Gedanken der Assoziation von den Saint-Simonisten auf, um den Pöbel, das spätere Proletariat, wieder in die Gesellschaft zu integrieren und seinem Leiden abzuhelfen.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Freie Universität BerlinBerlinDeutschland

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